Argentinien

„Traum–RecyclerInnen“ – Eine Obdachlosen–Kooperative in Buenos Aires


von Paolo Moiola

(Lima, 12. November 2009, noticias aliadas).- Bis Matanza sind es mit dem Bus vom Stadtzentrum aus mindestens zwei Stunden. Wenn man ein Taxi nimmt, ist man eine Stunde unterwegs. La Matanza ist der größte und am dichtesten besiedelte Stadtbezirk des Großraums Buenos Aires. Vor jeder Wahl erleben die insgesamt 15 Wohnbezirke eine wahre Invasion von Politiker*innen, die in dem dicht besiedelten Terrain auf Stimmenfang gehen.

Auf der unbefestigten Straße parkt ein alter LKW. Seine Aufschrift „Müllbeseitigung und Wiederaufbereitung“ lässt uns wissen, dass wir am Ziel sind. Auf den rostigen Türen des dunkelgrünen Chevrolet steht der Name des Unternehmens: „Reciclando Sueños — Trabajo y Transformación” / „Traum–Recycling – Arbeit und Transformation“. Neben der Aufschrift ist das Logo zu sehen: eine Handkarre zum Transport von Müllsäcken.

„Traum–RecyclerInnen“ – dieser poetische und angesichts des Tätigkeitsfeldes des Unternehmens geradezu antithetisch anmutende Name hatte von Anfang anziehend gewirkt, und das zu einer Zeit, als das Cartonero–Geschäft nicht eben rosig lief: Eine Reihe von Repressalien, die im Wesentlichen der Bürgermeister von Buenos Aires und ehemalige Präsident des Sportvereins „Boca Juniors“ initiiert hatte, verschlechterten die ohnehin prekäre Lage der Cartoneros, der informellen Müllsammler*innen.

Gegenüber dem Depot der Traum–Recycler*innen scharren einige Hühner in ihrem Gehege. Das Gelände ist nicht eingezäunt. Es besteht lediglich aus einem alten Unterstand, unter dem der angesammelte Müll gestapelt und sortiert wird. Rechts an der Wand sind leere Weinflaschen sorgfältig aufgeschichtet. Oben drauf gestapeltes Papier, daneben liegen aufgeschichtete Kartons und links und rechts davon lagern bis an die Decke gestapelt, große Säcke mit Plastikmüll.

Zwei Jugendliche sind damit beschäftigt, die unterschiedlichen Plastikgegenstände zu sortieren. Pino und Hernán unterbrechen ihre Arbeit, um uns zu erläutern, was sie da gerade tun. „Das muss alles getrennt werden“, erklären sie. Behälter und Sprühflaschen kommen auf die eine Seite, leere Verpackungen auf die andere, leere Flaschen kommen nach Farbe sortiert (weiß, grün, etc.) in eine Tüte, Joghurtbecher werden extra gesammelt.

Eine Arbeit, die das Leben verändert

Marcelo Loto, Präsident der Traum–Recycler*innen, ist ein kräftiger Mann mit dichtem, schwarzem Haar und Vollbart. „Hier wird der Müll aus wieder verwertbarem Material, den die Traum–Recycler*innen eingesammelt haben, sortiert“, erklärt er. „Wir haben diesen Namen ausgesucht, weil es unser Traum war, wieder Arbeit zu haben. Der Name bringt eigentlich den Wandel auf den Punkt, den die Gründung der Kooperative für unser Leben bedeutet hat.“

Loto ist ein sehr freundlicher Gastgeber. Ohne allzu großen Überschwang, aber auch ohne sich über die Situation zu beklagen, beschreibt er den Werdegang der Traum–RecyclerInnen: „Wir haben uns Ende 2002, Anfang 2003 gegründet. Wir dachten, wenn wir zusammen arbeiten, könnten wir mehr Material einsammeln als jeder für sich allein.“

Damals begannen die Traum–Recycler*innen, die so genannten festen Siedlungsabfälle einzusammeln, zu sortieren und sie in wieder verwendbare und recyclebare Materialien einzuteilen. Gleichzeitig bedeutete das auch, eine größere Sensibilität für ein sehr wichtiges Problem unserer heutigen Zeit, die Abfallbeseitigung, zu entwickeln.

„Im Jahr 2005 haben wir damit angefangen, in der Gemeinde Aldo Bonzi vorsortierten Müll einzusammeln. Wir sind von Haus zu Haus gegangen und haben alle Wertstoffe mitgenommen. Hier machen wir die Mülltrennung. Wir haben noch ein anderes Depot, wo Plastikmüll in wieder verwertbaren Rohstoff umgewandelt wird. Unser Metalldepot kann wegen eines Brands im Moment leider nicht genutzt werden.“

Heute arbeiten etwa 15 Personen in der Kooperative. „Die Zahl variiert“, erzählt Loto. „Manchmal steigt jemand von uns für eine begrenzte Zeit aus und versucht woanders sein Glück. Aber die meisten kommen wieder, weil sie bei uns einen Job haben, der ihnen ein Auskommen ermöglicht. Natürlich läuft nicht immer alles gut. Aber unser Unternehmen ist bekannt und hat inzwischen eine Art Modellstatus erreicht.“

Enrique Correa, ein Mann mit schwarzen, glatten Haaren, sitzt auf einem Schemel und sortiert metallene Gegenstände. Sein Lächeln drückt Offenheit und Freundlichkeit aus. Hartnäckig fragen wir, um welchen Traum es ihnen denn nun gehe? Er antwortet: „Mit und durch den Abfall haben wir eine Arbeit gefunden, das ist der Traum. In Argentinien ist es sehr schwierig, einen Job zu finden, vor allem ab einem bestimmten Alter. Ich bin jetzt 47, und das bedeutet hier: ein alter Mann.“

Früher war Correa Arbeiter. Unter Präsident Carlos Menem (1989–99) verlor er seine Arbeit, wie so viele Argentinier*innen. „Ich sah mich gezwungen, Cartonero zu werden, selbstorganisierter Müllsammler also. Ich lief allein durch die Straßen von Buenos Aires, um Müll einzusammeln. Meine jüngste Tochter sah mich immer nur staunend an. Ich ging mit einer großen Tasche aus dem Haus, sammelte Müll ein, ging nach Hause, sortierte, was ich gefunden hatte und brachte es zu den verschiedenen Sammelstellen. Ich schämte mich, wenn ich so auf die Straße ging.“

Correa lernte eines Tages Loto und Alberto Marrella, einen weiteren Traum–Recycler, in der Sammelstelle kennen. Die beiden schlugen ihm vor, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Damit änderte sich sein Leben.

„Als ich das erste Mal den Müll aus einer Schule in Aldo Bonzi abholte“, erinnert er sich, „das war an einem Dienstag. Am Freitag darauf sagte mir die Pförtnerin, eine der Lehrerinnen wolle mich sprechen. Ich ging zu ihr, und sie sagte mir: „Ich wollte Sie fragen, ob Sie bereit wären, den Kindern zu erklären, wie Ihre Arbeit auf der Straße aussieht.“ Ich nahm an. Also ging ich durch die Schulklassen und erklärte den Kindern, was wir mit dem Plastik, dem Papier und den Flaschen machen. Als ich fertig war, applaudierten die Kinder, und ich fühlte, wie mir ein Schauer durch den Körper lief. Ich war so berührt, dass ich eine Gänsehaut bekam. Noch nie im Leben hatte ich für irgendetwas einen solchen Applaus bekommen.“

Es ist nicht zu übersehen, dass dies ein wichtiger Moment in Correas Leben war, denn seine Augen leuchten auch jetzt noch, wenn er davon erzählt.

Die Würde des Menschen ist wertvoll.

Marrella ist der älteste der Gruppe. Das lässt schon sein weißer Schnurrbart vermuten. Während wir mit seinen Kollegen sprechen, schweigt er und unterbricht seine Arbeit auch nicht für einen Moment. Doch als wir ihn direkt ansprechen, zeigt auch er sich offen und gesprächig. Er arbeitet schon längere Zeit als Cartonero. „Es gab mal eine Zeit, da konnte man von dieser Arbeit leben“, erzählt er mit tief tönender Stimme. „Das ist heute nicht mehr so.“

„Und außerdem mag der Bürgermeister Macri die Cartoneros nicht besonders“, werfen wir ein. „Stimmt. Sieht nicht so aus. Wir rauben ihm den Schmutz, das passt ihm nicht.“ Das klingt wie ein Scherz, aber es ist keiner. Eine der bekanntesten Aktionen des Bürgermeisters von Buenos Aires war sein Kampf gegen die Cartoneros, denen er vorwarf, den Müll zu stehlen und die Straßen der Hauptstadt zu verunreinigen.

Mit dem Alter ist Marrella weise geworden und reich an Erfahrungen. Wir fragen ihn, was für ihn Würde bedeutet: „Würde? Dass die Menschen dich als Arbeiter betrachten“, lautet seine prompte Antwort. „Dass deine eigenen Kinder sich nicht schämen, wenn sie sagen: Mein Vater ist Cartonero. Bis vor kurzem mussten sie immer noch lügen, wenn sie in der Schule gefragt wurden, was ihr Vater macht. Irgendwas sagen, egal was, aber auf keinen Fall zugeben, dass er Cartonero ist.“

Für Marrella verbinden sich mit dem Begriff der Würde also durchaus gewichtige Aspekte. Wir fragen ihn, in welchem Verhältnis Würde und Entlohnung für geleistete Arbeit stehen. „Würde bedeutet auch, genug Geld zu haben, um sich selbst und die eigene Familie ernähren zu können. Daran ist im Moment nicht zu denken, weil die Preise für alle Rohstoffe gefallen sind. Trotzdem glaube ich, dass wir Traum–Recycler eine Zukunft haben. Ich spreche nicht nur für mich, denn ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie lange ich noch dabei sein kann. Aber ich glaube, dass es für meine Kollegen eine Zukunft gibt. Wir kämpfen darum, dass diese Arbeit als Dienstleistung anerkannt und als solche bezahlt wird. Ja, Ich bleibe optimistisch, trotz allem.“

Zuversicht, gewonnen aus Abfall und Resten. Auch Marrellas Optimismus hat etwas von einem recycelten Traum.

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