Chile

Todesschüsse während der Proteste in Chile


von Kristin Schwierz

Repression in Chile. Foto: Púlsar/El Argentino(Santiago de Chile, 27. August 2011, amerika21.de).- Bei den seit Monaten andauernden Bildungs- und Sozialprotesten in Chile gibt es ein erstes Todesopfer. Nach Berichten lokaler Medien wurde der 14-jähriger Junge Manuel Gutiérrez von Polizisten erschossen. Der Jugendliche starb im Stadtteil Macul der Hauptstadt Santiago de Chile durch einen Schuss in die Brust. Vor wenigen Tagen bereits hatten in der Hafenstadt Valparaíso Polizisten mit scharfer Munition auf Studierende angelegt. Mitte der Woche wurden geheime Waffenlieferungen an die Armee bekannt. Der rechtsgerichtete Bürgermeister von Santiago hatte zuvor gefordert, am kommenden 11. September die Armee gegen Demonstraten einzusetzen.

Neben Schüler*innen und Studierenden mobilisieren auch Gewerkschaften

Am Mittwoch und Donnerstag sind in Chile hunderttausende Menschen dem Aufruf des Gewerkschaftsverbandes CUT sowie von über 80 weiteren Organisationen zu einem landesweiten Streik gefolgt. Angestellte des öffentlichen Dienstes, Mitarbeiter*innen aus dem Gesundheitssystem, Kupferarbeiter, Busfahrer, Studierende, Schüler*innen, Lehrer*innen, Universitätsangestellte und andere gingen in ganz Chile auf die Straße.

Den Aufruf zum zweitägigen Ausstand hatte die CUT mit grundsätzlichen Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit begründet. Auf der Agenda standen beispielsweise die höhere Besteuerung von Unternehmen und Reichen, die Ausarbeitung eines neuen Arbeitsgesetzes, eine Reform des Gesundheits- und Bildungssystems und schließlich eine Verfassungsreform.

Laut der Vereinigung der Mitarbeiter*innen des öffentlichen Dienstes ANEF streikten aus ihren Reihen 80 Prozent. Nach Angaben des Studierendenverbandes Fech waren am zweiten Streiktag allein in der Hauptstadt Santiago 300.000 Demonstrant*innen an den Aktionen beteiligt, die CUT spricht von 600.000 in ganz Chile, landesweit wurden über 50 Demonstrationen angemeldet. Es gab Straßenblockaden, Barrikaden, Besetzungen, Cacerolazos und zahlreiche kreative Protestaktionen.

200 Verletzte, 1.400 Verhaftete

Insbesondere am ersten Streiktag kam es vermehrt zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstrant*innen und der militarisierten Polizei (Carabineros) sowie zu massiven Tränengaseinsätzen und Polizeigewalt. Nach Regierungsangaben wurden alleine am Mittwoch über 300 Menschen verhaftet.

Die zuständigen Behörden hatten, wie auch schon bei Bildungsprotesten zuvor, den Marsch vom zentralsten und traditionellen Sammelplatz Santiagos über die Hauptverkehrsader Alameda verboten, sodass die CUT eine Alternativroute durchsetzen musste. Die Regierung hatte die Streiktage im Vorfeld als ein Risiko für die öffentliche Ordnung und Sicherheit dargestellt.

Der Streikaufruf sowie die CUT als zentrale Organisatorin wurden von Seiten der Regierung und der Regierungsparteien im Vorfeld heftig attackiert. So bezeichnete der Wirtschaftsminister Pablo Longueira den Streik als „unnütz und unnötig“, er richte nur Schaden an. Insbesondere Spitzen der rechten UDI (Unabhängige Demokratische Union) diffamierten die Proteste als von „einer Minderheit“ getragen, „der Entwicklung des Landes abträglich“. Der Streik würde sich gegen die Bürger und die „arbeitenden Menschen“ richten.

Während am Mittwoch der erste Streiktag anlief, lud Präsident Sebastián Piñera indes 15 „einflussreiche“ User des Microbloggingdienstes Twitter zum Mittagessen in den Regierungspalast ein. Die Gäste waren aufgrund ihrer medialen Bedeutung oder der Anzahl ihrer Follower ausgewählt worden.

CC BY-SA 4.0 Todesschüsse während der Proteste in Chile von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.


Das könnte dich auch interessieren

Im Schatten der Pinguine. 10 Jahre chilenische Studiproteste  Chile – das Land war lange Zeit kein Ort für soziale Proteste. Auch nach dem Ende der militärisch-zivilen Diktatur 1989 gelang es nie den neoliberalen Konsens im Land aufzubrechen. Doch dann, vor zehn Jahren, kamen die Pinguine. So ganz ernst nahm das Establishment die Teenager anfangs nicht, als sie mit ihren schwarzen Schuluniformen zu Kundgebungen watschelten. Niemand hätte gedacht, dass die Rufe nach kostenloser Bildung ein so breites Echo in der Bevölkerung...
„Iguala ist ein Friedhof“ Von Fabrizio Lorusso(Lima, 27. Mai 2016, noticias aliadas).- Interview mit Xitlali Miranda Mayo, Leiterin der Organisation “Suchkomitee für die anderen gewaltsam Verschwundenen von Iguala” (Comité de Búsqueda Los Otros Desaparecidos de Iguala).Xitlali Miranda Mayo ist Psychologin in Iguala, im Bundesstaat Guerrero im Südwesten Mexikos. Sie koordiniert das „Suchkomitee für die anderen gewaltsam Verschwundenen von Iguala", das nach dem gewaltsamen Verschwindenlassen...
UNO fordert Aufklärung der Morde an Indigenen (Caracas, 9. Juni 2016, telesur).- Das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte hat die kolumbianische Regierung aufgefordert, den Tod von drei Indigenen aufzuklären, die seit dem Beginn der landesweiten Streikaktion Minga Agraria am 30. Mai ums Leben gekommen sind. “Diese Vorfälle müssen von den Justizbehörden vollständig aufgeklärt werden; wir bieten dabei unsere volle Unterstützung an. Es müssen alle Vorkehrungen getroffen werden, um zu vermeiden, dass sich solche Situ...
Ausgeblutet: Ausbleibende Finanzierung von Mitgliedsstaaten und internationalen Geldgebern gefährdet Arbeit der CIDH Von Markus Plate(San José, 26. Mai 2016, voces nuestras-poonal).- Die Pressemitteilung der Interamerikanischen Menschenrechtskommission CIDH vom 23. Mai 2016 ist alarmierend: “Die CIDH durchschreitet eine extreme Finanzkrise und diese wird schwerwiegende Auswirkungen auf ihre Fähigkeit haben, ihr Mandat und ihre Kernfunktionen zu erfüllen. Die Kommission bedauert zutiefst berichten zu müssen, dass zum 31. Juli 2016 die Verträge von 40 Prozent der Mitarbeiter auslaufen...
Vizepräsident will nach Amtsenthebung der Präsidentin Brasiliens Wirtschaft umkrempeln Von Andreas Behn(Rio de Janeiro, 11. Mai 2016, npl).- Noch ist Michel Temer nicht Präsident Brasiliens, doch bastelt er bereits fleißig an einem neuen Kabinett und plädiert für eine Kehrtwende in der Wirtschaftspolitik. Der Vizepräsident hofft, schon am 11. Mai De Facto-Interimspräsident zu werden, da der Senat an diesem Tag endgültig über die Aufnahme eines Amtsenthebungsverfahrens abstimmen wollte. Das erwartete Ja-Votum würde Präsidentin Dilma Rousseff für bis zu 1...

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *