Mexiko
Fokus: Menschenrechte 2015

Tlachinollan und Ayotzinapa


von Luis Hernández Navarro

Mehrere mexikanische Menschenrechtsinitiativen auf einer Anhörung Ende Oktober 2014. Foto: Flickr/CIDH/Daniel Cima (CC BY 2.0)(Mexiko-Stadt, 01. September 2015, la jornada).- Eine unsichtbare Route eint die etwas mehr als 170 Kilometer, die im Bundesstaat Guerrero die Kleinstadt Tlapa de Comonfort von der alten Hazienda Ayotzinapa im Landkreis Tixtla trennen. Auf ihr bewegen sich der geteilte Schmerz, die echte Solidarität und die uneigennützige Begleitung zweier Gemeinschaften, die zu einer verschmolzen sind: Diejenige, die sich um das Menschenrechtszentrum Tlachinollan gruppiert und diejenige, die die Landuniversität für Lehramtsanwärter Raúl Isidro Burgos formt.

Beide Gemeinschaften weisen eine lange Geschichte auf. Tlachinollan entstand 1993 in einem einfachen Hotelzimmer in Tlapa mit dem Ziel, gemeindebasierte Gerechtigkeit in der Bergregion Guerreros zu säen. Die Landuniversität Ayotzinapa wurde am 2. März 1926 in der Stadt Tixtla gegründet. In einem baufälligen, mängelbehafteten Gebäude begannen 27 Studenten auf Holzkisten und Arbeitsbänken sitzend ihren Unterricht, um Landlehrer zu werden. Der Name beider Institutionen beruft sich auf ihre Wurzeln. Tlachinollan bedeutet Ort der verbrannten Felder. Das Zentrum verteidigt die Menschenrechte in der Region. Ayotzinapa heißt in der Náhuatl-Sprache Platz der Schildkröten. Die Einrichtung bildet Lehrer für die arme Landbevölkerung aus.

Tlachinollan: Ort der verbrannten Felder

Das Logo von Tlachinollan wird von zwei Bildern geformt: der Darstellung eines Berges und einer menschenähnlichen Figur. Beide Repräsentationen inspirieren sich in Teilen des Kodex Azoyú 1. Dieser erzählt die Geschichte des Reiches von Tlachinollan von 1300 bis 1565 unserer Zeitrechnung. Der Kodex gehört zur Gruppe der Dokumente, die als Kodizes Tlapanecas bekannt sind. Die menschenähnliche Figur erscheint als Teuhtli (Herrscher). Sie hält in der rechten Hand den Regierungsstab: das Symbol der indigenen Justiz, das die Rechtsgewalt darstellt. Mit der linken Hand hält die Figur ein mit Kopal gefülltes Ledergefäß. Dieses symbolisiert die religiöse Macht.

Das Wahrzeichen der Landuniversität ist die Schildkröte. Ein Reptil – so der Archäologe Tomás Pérez Suárez– das in vielen Kulturen Mesoamerikas für eine Weltachse steht. Der Rückenpanzer wird mit dem Himmelsgewölbe in Verbindung gebracht, während der Brustpanzer mit dem irdischen Teil assoziiert wird. Das Tier inmitten der Hornplatten ist die Achse, die den Himmel mit der Erde verbindet. Darum wird es als Mittlerin zu den Göttern angesehen.

Ayotzinapa: Platz der Schildkröten

Diese Berufung auf Identitätsmerkmale, die aus der Mitte der indigenen Ursprungsvölker kommen, ist keine Rhetorik. Die Arbeit von Tlachinollan zeichnet sich durch enge Bande mit dem Widerstand der indigenen Völker der Bergregion aus. Etwa ein Viertel der Studenten von Ayotzinapa sind indigener Herkunft und viele der Absolventen unterrichten in indigenen Gemeinden.

Das Menschenrechtszentrum Tlachinollan hat die Lehramtsanwärter von Ayotzinapa seit vielen Jahren begleitet und rechtliche Beratung bei der Verteidigung ihrer Menschenrechte geleistet. Beispielsweise am 12. Dezember 2011. Agenten der Bundespolizei und der Strafverfolgungsbehörden von Guerrero räumten damals mit roher Gewalt eine Blockade der jungen Leute auf der sogenannten Sonnenautobahn nach Acapulco. Dabei ermordeten sie zwei der Studenten. Nun begleitet die Einrichtung die Studenten und ihre Eltern im Kontext des gewaltsamen Verschwindenlassen der 43 Studenten von Ayotzinapa und der außergerichtlichen Hinrichtung von sechs Personen am 26. September 2014.

Rechte Kampagne gegen „Ayotzis“

Das Zentrum hat die systematische Kampagne gegen die „Ayotzis“ dokumentiert. So verteilten ultrarechte Gruppen (und einige Medien in ihren Händen) im Dezember 2011 Pamphlete, in denen sie die Studenten aller möglichen Barbaritäten anklagten: „Sie sind Meister der Waffen, der Molotov-Cocktails, der Guerillataktik, des Raubes, der Entführung und der Erpressung“, besagte eines. „Ihre anarchistische, marxistische und sozialistische Ideologie führt dazu, dass sie wie wahre Terroristen in genau der Wiege agieren, in der sie das Licht der Welt erblickten“, warnte ein anderes. „Sie sind eine Art teuflischer Sekte, die die Schülerschaft bis zur Perfektion indoktriniert. Geht dies so weiter, haben wir bald eine Filiale des Terroristennetzes Al-Qaida hier oder zumindest etwas ähnliches. Sie werden versuchen, Autobomben explodieren zu lassen und für angebliche marxistisch-leninistische Ideale zu sterben“, prophezeite ein anderes.

In seinem jüngsten Jahresbericht setzt sich das Menschenrechtszentrum Tlachinollan vehement für die Landuniversitäten allgemein und für Ayotzinapa speziell ein. Zugleich hat es den bisher besten und solidesten Bericht über die Ereignisse der Nacht von Iguala ausgearbeitet. Der Titel: „Vom Bollwerk Ayotzinapa geht die Verteidigung der Bildung und des Lebens der Kinder des Volkes aus“ (Desde las trincheras de Ayotzinapa, la defensa por la educación y la vida de los hijos del pueblo). Auf 262 Seiten nimmt der Report die Regierungsversion auseinander (Dasselbe hat soeben die unabhängige Expertengruppe GIEI in ihrem Untersuchungsbericht festgestellt, Anm. d. Red.). Er zögert nicht, das Ereignis als eine der schwerwiegendsten singulären Gewalttaten in Mexiko während der vergangenen Jahrzehnte einzustufen.

Regierungsversion unhaltbar

Laut Tlachinollan fehlt es der Regierungserzählung an sieben zentralen Elementen. Die ersten vier sind: a) Fehlende wissenschaftliche Gewissheit, was die offizielle Version der Tragödie angeht. b) Die Information, auf die sich die „historische Wahrheit“ stützt, hängt exzessiv von Erklärungen gegenüber der Staatsanwaltschaft ab. Die Aussagen könnten leicht erzwungen worden sein, denn in Mexiko ist die Folter an der Tagesordnung. c) Die Generalbundesstaatsanwaltschaft (PGR) hat in ihrer Tattheorie den blutigen Mord an Julio César Mondragón nicht aufgeklärt. d) Die PGR hat bisher nicht ein einziges Strafverfahren wegen des Deliktes des gewaltsamen Verschwindenlassens auf die Beine stellen können. Die übrigen drei Elemente: e) In den Unterlagen gibt es zwei sich widersprechende Versionen der Ereignisse, ohne dass die Motive dieser Unstimmigkeit geklärt sind. f) Die Korruptions- und Konnivenzzirkel von Drogenhandel und der politischen Klasse Guerreros sind nicht untersucht worden. Und g): Der mexikanische Staat ist unfähig gewesen, diejenigen zu verhaften, die seiner Hypothese nach die Verantwortlichen der Verbrechen wären.

Ein Jahr nach der Tragödie wird am kommenden 26. oder 27. September eine Abordnung der Familienangehörigen der 43 Verschwundenen in Philadelphia mit Papst Franziskus sprechen. Sie wird ihm mit Sicherheit ihren langen Schmerzensweg beschreiben, aber auch den Bericht Tlachinollans mit ihm teilen. Darin wird ihre Pilgerfahrt zusammengefasst: Eine Wegbeschreibung der Trauer und Solidarität, die zwischen Tlapa und Ayotzinapa existiert. Aufgezeichnet und durchmessen von einer beispielhaften Gruppe von Anwält*innen, Menschenrechtsverteidiger*innen, leidenden Eltern und engagierten Studenten der Landuniversität.

Dieser Artikel ist Teil unseres diesjährigen Themenschwerpunkts:

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CC BY-SA 4.0 Tlachinollan und Ayotzinapa von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.


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