Kolumbien

Staatsanwaltschaft: Ermordung jugendlicher Zivilisten als “Guerilleros” schon seit 2007


(Venezuela, 07. Juli 2009, telesur).- Die kolumbianische Staatsanwaltschaft teilte am 03.06.2009 mit, dass es schon im Jahr 2007 zu Fällen der sogenannten „falsos positivos“ („falschen Positivmeldungen“) gekommen sei. Dabei waren Zivilisten aus der nahe Bogotá gelegenen Ortschaft Soacha von der kolumbianischen Armee ermordet und dann in Ocaña (Departement Norte de Santander) als im Kampf gefallene Guerillaangehörige präsentiert worden.

Dies ging aus einer von der für Menschenrechte zuständigen Staatsanwältin María Cecilia Jaimes verlesenen Erklärung hervor. Darin bestätigte ein Unteroffizier des Heeres, dass am 5. Dezember 2007 ein Jugendlicher aus Soacha ermordet und als angeblicher Angehöriger illegaler bewaffneter Gruppen präsentiert wurde, der im Kampf gefallen sei. Während der Anhörung, bei der ein Haftbefehl gestellt wurde, erklärte die Staatsanwaltschaft außerdem, dass eine aus Zivilisten und Militärs bestehende „kriminelle Organisation“ auch Jugendliche aus anderen Gegenden des Landes wie etwa Aguachica (im Departement Cesar im Norden Kolumbiens) nach Ocaña gebracht habe.

Des weiteren prangerte Staatsanwältin Jaimes die Dokumentenfälschung und Bedrohung von Zeugen der „falschen Positivmeldungen“ an. Als Beispiel führte sie das Verschwinden des neunzehnjährigen Julián Oviedo Monroy an, bei dem es zu „vermutlichen inszenierten Situationen und zu hypothetischen Kampfhandlungen“ gekommen sein soll, die durch gefälschte Militärberichte, unterzeichnet vom Oberst a. D. Álvaro Diego Tamayo Hoyos, untermauert wurden. Aus den Ermittlungen sei hervorgegangen, dass in diesem Falle Dokumente gefälscht wurden, in denen Daten nicht konkretisiert wurden und die Informationen ungenau und unbestätigt waren. Außerdem gab es bei den angegebenen Daten Unstimmigkeiten. Der Staatsanwältin zufolge kamen in den Berichten in der Zukunft liegende Datumsangaben vor, „so als hätte man schon vorher gewusst, was passieren würde“. „Es sind noch weitere Militärs in diese Vorfälle verwickelt, die sich über einen längeren Zeitraum hinzogen und von Soacha und von Ocaña aus gesteuert wurden. Das lief nach einem Muster ab und war auf vorzeigbare Resultate ausgerichtet“, so Jaimes.

Der kolumbianische Senat hat am 18. Juni das Gesetzesvorhaben zur Entschädigung von Opfern des bewaffneten Konflikts abgelehnt. Der Entwurf des sogenannten Opfergesetzes („Ley de Víctimas“) war sowohl von Regierungsseite als auch von Seiten der Betroffenen heftig kritisiert worden. Während die Regierung Uribes einzelne Senatoren drängte, gegen das Gesetz zu stimmen, weil es zum einen zu hohe Staatsausgaben nach sich ziehe und zum anderen Soldaten und Terroristen auf eine Stufe stelle, protestierten Opferverbände gegen die derzeitige Fassung des Gesetzesvorhabens, weil es Opfern staatlicher Gewalt im Gegensatz zu Opfern irregulärer bewaffneter Gruppen und Krimineller nur dann eine Entschädigung zubillige, wenn die Täter rechtskräftig verurteilt würden. Auch beschränke sich die Entschädigung auf finanzielle Leistungen und bedeute keine wirkliche Wiedergutmachung, die das Leid und das verlorene Land aufwiegen könnte.

CC BY-SA 4.0 Staatsanwaltschaft: Ermordung jugendlicher Zivilisten als “Guerilleros” schon seit 2007 von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Das könnte dich auch interessieren

Paraguay verhängt Ausnahmezustand in Gefängnissen
67
(Montevideo, 1. Oktober 2018, la diaria).- Die Anzahl der Häftlinge in den Gefängnissen Paraguays übersteigt bei weitem die Aufnahmekapazität des Strafvollzugssystems. In 18 Jahren hat sich die Menge der inhaftierten Personen verfünffacht. Statt 9.000 Menschen sind in Gefängnissystem nun 14.000 Personen untergebracht - laut von der Tageszeitung Última Hora und der Nachrichtenagentur Efe veröffentlichten Zahlen. Die Situation ist in einigen Gefängnissen schlimmer als in andere...
Kommentar: Polemische Gerichtsverfahren bei Santiago Maldonado & Co
23
(Buenos Aires, 1. Oktober 2018, Revista Cítrica).- (…) Kaum hatte der Richter Gustavo Lleral den Richter Guido Otranto ersetzt, zeigte er sich sehr aktiv; nun liegt das Verfahren um Santiago Maldonado praktisch auf Eis. Es gab keine nennenswerte Fortschritte, um zu bestimmen wo, wann und unter welchen Umständen Santiago gestorben ist. Diese Fragen wurden auch nicht durch eine strittige Autopsie beantwortet, die durchgeführt wurde, obschon für viele der Fall bereits abgeschlos...
Andrea Lammers zum Prozess wegen des Mordes an Berta Cáceres
73
Am 17. September soll der Prozess gegen die mutmaßlichen Mörder der Umweltaktivistin Berta Cáceres beginnen. Andrea Lammers vom Oekubüro für Frieden und Gerechtigkeit in München wird zum Prozess nach Honduras reisen. Wir haben mit ihr gesprochen. Jahrelang hatte Berta Cáceres sich gegen den Bau des Wasserkraftwerks Augua Zarca am Gualcarque-Fluss eingesetzt. Sie war Mitbegründerin des Rates zivilgesellschaftlicher und indigener Organisationen COPINH. Für ihren Kampf um Sch...
onda-info 442
68
Hallo und willkommen zum onda-info 442! Nach einem Haufen Nachrichten aus Brasilien, Mexiko, Kolumbien und Deutschland haben wir zunächst einen Mini-Beitrag aus dem Norden Argentinien für euch: Das Sekretariat für Menschenrechte der Provinz Chaco sichert den im Norden Argentiniens lebenden indigenen Familien mehr staatliche Unterstützung zu. Dazu gibt's Musik der Toba von Samuel Acosta aus dem Chaco. Und anschließend haben wir ein Interview mit Andrea Lammers vom Oe...
Migrationspolitik der USA: Kriminalisierung als Strategie
79
(Quito, 31. August 2018, colombia informa).- Die Migrationspolitik der USA hat sich seit Beginn des 21. Jahrhunderts auf die Kriminalisierung der Migrant*innen im Namen der nationalen Sicherheit konzentriert. Unter der gegenwärtigen Regierung von Donald Trump stützen sich die Reformen der US-Migrationspolitik auf einen rassistischen, xenophoben und völkischen Diskurs. Dazu kommt der Plan, eine Mauer zwischen den USA und Mexiko zu bauen, um den Zutritt von Immigrant*innen ohne...