Kolumbien

Spitzenreiter der Flüchtlingsstatistik


(Lima, 26. April 2011, noticias aliadas).- In den letzten 25 Jahren wurden in Kolumbien mehr als fünf Millionen Menschen Opfer von Vertreibung. Seit 1986 sahen sich rund 5,2 Millionen Kolumbianer*innen, 11,4 Prozent der Bevölkerung, gezwungen, ihren Wohnort zu verlassen, weil ihr Leben, ihre soziale Gemeinschaft oder ihre Freiheit verletzt oder ernsthaft bedroht wurde. Ein Anteil von 400.000 Kolumbianer*innen flüchtete in andere Länder. Die Mehrheit von ihnen lebt dort ohne anerkannten Flüchtlingsstatus.

Diese Zahlen veröffentlichte die Beratungsstelle für Menschenrechte und Vertreibung CODHES (Consejería para los Derechos Humanos y el Desplazamiento) am 15. Februar. Aus ihrer Untersuchung unter dem Titel: “Konsolidierung – wovon? Bericht über die Vertreibung, den bewaffneten Konflikt und die Menschenrechte in Kolumbien 2010” geht ebenfalls hervor, dass der bewaffnete Konflikt allein in 2010 die landesweite Vertreibung von 280.000 Menschen bewirkt hat.

“In den letzten 25 Jahren erreichte Kolumbien einen Durchschnittswert von 208.000 Flüchtlingen pro Jahr”, erklärte Jorge Rojas, Präsident der CODHES. “Allein 2009 wurden 286.000 Flüchtlinge gezählt.”

Vertreibung statt Konsolidierung

Der CODHES zufolge stammen 32,7 Prozent der Vertriebenen des letzten Jahres aus jenen Regionen, in der die Regierung seit 2007 den sogenannten “Plan der territorialen Konsolidierung” verfolgt. Laut dem Bericht hat dieser Plan zum Ziel, “die Politik der Demokratischen Sicherheit zu verfestigen, das Vertrauen der Investoren aufrecht zu erhalten und in der Sozialpolitik effektiv voranzukommen.” Die Politik der Demokratischen Sicherheit war von Ex-Präsident Álvaro Uribe (2002-2010) vorangetrieben worden.

Der Plan der territorialen Konsolidierung umfasst 86 Gemeinden (von landesweit insgesamt 1.102). In 21 davon werden Bergbau-Projekte entwickelt und – laut Aussage von CODHES – stehen diese Gemeinden mit gewaltsamer Besitzenteignung von Ländereien in Zusammenhang. Ebenso weitere 14 Gemeinden, in denen Palmöl als Biotreibstoff angebaut wird. Die genannten Gemeinden liegen im Zentrum der vom Flüchtlingsstrom markierten Region.

Bevölkerung raus – Investitionen rein

“Im Allgemeinen stimmen die offiziellen Daten und die von NGOs veröffentlichten Zahlen darin überein, dass in den Flüchtlingsregionen eine erhöhte Militär- und Polizeipräsenz besteht. Ebenso ist man sich einig, dass sich in den betroffenen Gebieten sowohl paramilitärische Gruppierungen verstärken, bzw. neue bilden, als auch die Guerillas weiterhin aktiv bleiben. Inzwischen ist klar geworden, dass in diesen Gebieten, aus denen die Bevölkerung vertrieben und rausgeworfen worden ist, ausländische Investitionen und nationales Kapital eine treibende Kraft auf die Zugpferde Bergbau und Landwirtschaft für Biotreibstoffe ausüben“, so der Bericht.

Nach Angaben des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen UNHCR verzeichnet Kolumbien die weltweit höchsten Flüchtlingsströme, sowohl innerhalb der eigenen Landesgrenzen als auch über diese hinaus – gefolgt vom Sudan, Irak, Afganistan und Somalia. Das UNHCR schätzt die Zahl der kolumbianischen Flüchtlinge auf weltweit 390.000. Diese repräsentieren 11,7 Prozent aller im Ausland lebenden Kolumbianer*innen, wobei Ecuador, die USA, Kanada und Costa Rica die Hauptaufnahmeländer für Flüchtlinge aus dem Andenstaat stellen.

CC BY-SA 4.0 Spitzenreiter der Flüchtlingsstatistik von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Das könnte dich auch interessieren

Nach dem Friedenschluss: Menschenrechtslage für Aktivist*innen hat sich verschlechtert
22
Seit dem 24. November 2016 herrscht endlich Frieden in Kolumbien! Zumindest wird das der internationalen Öffentlichkeit so dargestellt, denn die kolumbianische Regierung und die größte kolumbianische Rebellenorganisation FARC haben an jenem Tag einen historischen Friedensvertrag unterschrieben. Tatsächlich ist seitdem die Zahl der bewaffneten Konflikte in dem Land zurückgegangen. Allerdings gilt das nicht für soziale Aktivist*innen und Menschenrechtsverteidiger*innen. Seit...
Broschüre: Land, Kultur, Autonomie- Die indigene Bewegung im Cauca
13
„Land, Kultur, Autonomie, die indigene Bewegung im Cauca“ so heisst die im Januar 2019 vom Kollektiv Zwischenzeit herausgegebene Broschüre zu Kolumbien. In 22 Artikeln wird die emanzipatorische Bewegung der indigenen Gemeinschaften im Cauca im Südwesten Kolumbiens so eindringlich dargestellt, dass ich als Leser*in selbst das Gefühl habe vor Ort zu sein. In vielen Interviews kommen Sprecher*innen der indigenen Gemeinden zu Wort, über die Kämpfe gegen die Multis, die Rolle der ...
onda-info 453
58
Hallo und Willkommen zum onda-info 453! Zunächst nach El Salvador: Ihr erhaltet ihr einen kurzen Überblick über die Präsidentschaftswahlen und den zukünftigen, etwas konturlosen Präsidenten Nayib Bukele. „Land, Kultur, Autonomie, die indigene Bewegung im Cauca“ heißt die im Januar 2019 vom Kollektiv Zwischenzeit herausgegebene Broschüre zu Kolumbien. In 22 Artikeln wird die emanzipatorische Bewegung der indigenen Gemeinschaften im Cauca im Südwesten Kolumbiens so eindri...
Schüsse auf Vertriebene in Chiapas
90
(San Cristóbal de las Casas, 24. Januar 2019, desinformemonos).- Nach Informationen des mexikanischen Menschenrechtszentrums Fray Bartolomé de las Casas wurde in der Gemeinde Coco des Bezirks Aldama im südmexikanischen Bundesstaat Chiapas am Morgen des 22. Januar auf drei Personen geschossen. Die Personen befanden sich auf dem Weg von San Pedro Cotzilnam nach Xuxch‘en. Die Schüsse wurden aus dem Ort Santa Martha Manuel Utrilla im Bezirk Chenalhó abgefeuert. Eine Person starb,...
Ley Antiterrorista en Chile – Radio Matraca. Entrevista con la abogada mapuche Natividad LLanquileo
95
Ley Antiterrorista en Chile - Radio Matraca. Entrevista con la abogada mapuche Natividad LLanquileo Invitada a varias charlas en Europa, la abogada y activista Natividad LLanquileo trajo la denuncia de la criminalización, persecución y - especialmente en los últimos meses - del asesinato de referentes políticos mapuches en Chile. En este marco, habla sobre la Ley Antiterrorista y su uso como herramienta legal de represión. Tratando de comprender cómo crear nuevas al...