Ecuador

Shiwiar, ein Volk im Widerstand


von Luis Ángel Saavedra

Shiwiar / Foto: zero-deforestation.org(Lima, 19. September 2011, noticias aliadas).- Nur wenige Ecuadorianer*innen, indigene Volksgruppen miteinbezogen, wissen etwas über die Shiwiar. Sie sind nicht den Schulbüchern zu finden, und auf der offiziellen Webseite des Ministeriums für Völker und soziale Bewegungen der Regierung (Secretaría de Pueblos y Movimientos Sociales del Ecuador) werden sie nur mit wenigen Zeilen beschrieben.


Das Leben der Shiwiar scheint lediglich im Bündnis der indigenen Völker Ecuadors CONAIE (Confederación de Nacionalidades Indígenas del Ecuador) von Bedeutung zu sein. Aktuell ist diese zahlenmäßig kleine indigene Nationalität von kaum 727 Menschen mit ihrem möglichen Verschwinden konfrontiert, aufgrund der Ölförderungsaktivitäten im südöstlichen Teil des ecuadorianischen Amazonasgebiet, die von der Regierung des Präsidenten Rafael Correa angestrengt werden.

Die Shiwiar bewohnen den Südosten der Provinz Pastaza, den Bezirk Río Corrientes an der peruanischen Grenze. Sie gingen aus der Vereinigung der amazonischen Nationalitäten der Shuar, Achuar und Kichwa hervor; ihre Sprache ist Shiwiar Chicham, was übersetzt “die Familie, die den Urwald kennt” bedeutet. Einige erwachsene Menschen sprechen heute noch Kichwa und sehr wenige beherrschen Spanisch. Die jüngeren Generationen haben Shiwiar Chicham als einzige Sprache angenommen aus der Überzeugung heraus, sich als Nationalität zu festigen.

Ebenso wie die Shuar und Achuar, sehen sich die Shiwiar als Krieger und kennen den Brauch der Schrumpfköpfe (ein Ritual einiger indigener Völker, dem der Skalp des Geköpften unterzogen wird, um sich seiner Lebenskraft anzueignen, Anm. d. Ü.), auch wenn diese Technik heute nicht mehr zur Anwendung kommt.

Erster Kontakt erst 1941

Das Territorium der Shiwiar ist eines der isoliertesten und am meisten erhalten gebliebenen des gesamten ecuadorianischen Amazonas, nur über Luftweg erreichbar. Der erste Kontakt zwischen den Shiwiar und der westlichen Welt kam durch den Krieg zwischen Ecuador und Peru 1941 zustande. Das Protokoll von Rio de Janeiro, mit welchem der Konflikt beigelegt wurde, teilte das Gebiet auf und schränkte ihre Jäger- und Sammleraktivitäten ein. Die ecuadorianische Regierung legte einen “nationalen Sicherheitsstreifen” entlang der Grenze fest, welcher sich auf ungefähr 100.000 Hektar des Shiwiar-Territoriums erstreckt.

Das Leben der Shiwiar änderte sich schlagartig Mitte des 20. Jahrhunderts mit der Ankunft der evangelikalen Missionen des Linguistischen Sommerinstituts (Summer Institute of Linguistics, auch SIL International); sie wurden gezwungen, ihr Nomaden- oder Wanderleben aufzugeben und zur Sesshaftigkeit und Organisation in Gemeinschaftsregionen überzugehen. Die Evangelisierung und die Schulpflicht brachten den Zwang zum Erlernen der spanischen Sprache, die Annahme einer neuen Religion und westlicher Kleidung.

1992 erreichten die Shiwiar durch den Marsch der Völker des Amazonas nach Quito in der Regierungszeit des Präsidenten Rodrigo Borja (1988-1992) die Legalisierung von 89.733 Hektar ihres Territoriums. Heute fordern sie die Legalisierung der 100.000 Hektar ihres Territoriums, das als Sicherheitszone deklariert ist.

Der Ölfluch

1972 gründete die Diktaturregierung unter General Guillermo Rodríguez Lara (1972-1976) das Staatliche Ecuadorianische Erdölunternehmen CEPE (Corporación Estatal Petrolera Ecuatoriana, heute Staatliches Erdölunternehmen von Ecuador Petroecuador), mit der Absicht, die Ölförderung im Land zu kontrollieren, welche sich bis zu jener Zeit in Hand des US-Konzernz Texaco-Gulf befand.

Die Expeditionen der CEPE zur Erkundung von Ölvorkommen drangen bis zum Shiwiar-Territorium vor und fanden zwischen 1983 und 1984 Ölreserven von ca. 120 Mio. Barrel. Mangels Infrastruktur von Ölleitungen zum Abtransport der Ölmengen wurde jedoch die Förderung zurückgestellt, bis sich interessierte Investoren finden sollten, da Texaco seine Förderungen auf den Norden des Amazonasgebiets konzentriert hatte, wo sich auch das transecuadorianische Pipelinenetzwerk SOTE (Sistema de Oleoductos Trans-ecuatoriano) zum Abtransport des geförderten Öls zum Pazifikhafen von Esmeraldas befindet.

Erfolgreicher Widerstand gegen Ölbohrungen

Die Ölreserven auf dem Shiwiar-Territorium sind mit dem Wachstum der peruanischen Ölindustrie und dem Bau von Ölleitungen im Norden des peruanischen Amazonas wieder relevant geworden, ebenso durch die 1996 erfolgte Vergabe von 200.000 Hektar an das argentinische Öl-Unternehmen CGC (Compañía General de Combustibles), welche sich in traditionellen Gebieten des Kichwa Sarayaku-Volkes befanden, ebenfalls im Süden der Amazonasprovinz Pastaza. Damals wurden die Bohraktivitäten durch den Widerstand der besagten Gemeinschaft gestoppt.

Im März dieses Jahres hat die Correa-Regierung beschlossen, eine neue Ausschreibungsrunde zu starten, in der erneut das Sarayaku-Volk betroffen ist, und außerdem der sogenannte “Block 10” miteinbezogen ist, welcher sich auf Shiwiar-Territorium befindet. Mit diesen Ausschreibungen sollen Abkommen zum Öltransport mit den im Norden des peruanischen Amazonas operierenden Unternehmen erzielt werden. Für diesen Block interessiert sich die italienische Firma AGIP.

Dem Beispiel der Sarayaku folgen

“Wir werden dasselbe tun wie die Sarayaku, um unser Territorium zu schützen”, bekräftigt Ramón Chuji, Leiter der zweisprachigen Schule República de Venezuela in Kurintsa, der größten Shiwiar-Gemeinschaft, die von allen Jugendlichen der Gemeinschaft besucht wird.

In diesem Sinne äußert sich auch Alfredo Gualinga, Präsident der Organisation der Nationalität der Shiwiar von Pastaza ONSHIPAE (Organización de la Nacionalidad Shiwiar de Pastaza Amazonía Ecuatoriana), die die gesamte Nationalität repräsentiert. Er erklärte, dass “das Territorium heilig ist, Leben besitzt. Und wenn es stirbt, werden auch wir sterben. Deshalb ziehen wir es vor bei der Verteidigung des Territoriums zu sterben.”

Auch die Shiwiar wollen Widerstand leisten

Chuji betont, dass die Shiwiar sich dazu entschlossen haben dem Widerstand zu leisten, was sie als “Invasion ihrer Territorien” betrachten, und die ihnen einzig bekannte Widerstandsform ist, “ihre Gebiete zu patroullieren und die Eindringlinge zu unterwerfen”, da sie keinen Zugang zu einem Rechtssystem haben, was den Schutz ihrer Rechte garantieren würde; das Verfassungsmandat, was eine vorherige Konsultierung der indigenen Gemeinden vorsieht, ist nicht eingelöst worden. “Wir wissen, dass sie uns fragen müssen, aber das haben sie nicht getan. Und wenn sie uns nicht fragen, werden wir nein sagen”, so Chuji.

Die Shiwiar haben Beistand von der indigenen und anderen sozialen Bewegungen bekommen. Sie haben beschlossen, die “Front der Völker und Nationalitäten des Amazonas im Widerstand” (“Frente de los Pueblos y Nacionalidades Amazónicas en Resistencia”) zu bilden, mit der sie versuchen, das Eindringen der Ölfirmen zu stoppen. Diese Front, an der die CONAIE, die indigene Dachorganisation des Amazonasbeckens la COICA (Coordinadora de Organizaciones Indígenas de la Cuenca Amazónica) und die in CONAIE integrierte Regionalorganisation CONFENIAE teilnehmen, hat die Ahnengebiete im Amazonas zur “Zone frei von Ölförderung” erklärt, weil sie “Erbe der lebenden Kulturen und lebender Urwälder” sind.

Angebote der Regierung abgelehnt

Die Regierung hingegen hat über das Umweltministerium damit begonnen, durch das Programm “Teilhaber*innen des Waldes” PSB (in span. Socio Bosque) in das Territorium der Shiwiar vorzudringen. Das Programm ist Teil des Emissionshandel-Marktes und das Umweltministerium bietet der Gemeinde eine Anleihe von jährlich 30 US-Dollar pro intakt gehaltenem Wald-Hektar an.

Die führenden Persönlichkeiten der Shiwiar haben diese Angebote der Regierung ausgeschlagen, weil sie sie als neue Form der Einmischung mittels des Geldanreizes in ihr Leben betrachten, und ihnen damit traditionelle Tätigkeiten der Holzbearbeitung nur noch eingeschränkt möglich sein werden. Dennoch sind sie sich bewusst, dass es ein langer und mühsamer Kampf werden wird, für den sie weder über dieselben Kontakte zu Institutionen noch über die internationale Unterstützung verfügen, wie das Sarayaku-Volk.

 

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