Kuba
Fokus: Menschenrechte 2011

Sexuelle Vielfalt: Ein Stigma wird aufgebrochen


030 lgbt(Lima, 31. August 2011, semlac).- Jeden letzten Freitag im Monat nimmt Luisa Cárdenas ihre Töchter und Nichten an die Hand und geht mit ihnen ins Nationale Zentrum für Sexualerziehung Cenesex (Centro Nacional de Educación Sexual). Dort, im Hof des Zentrums in der kubanischen Hauptstadt, tritt seit fast einem Jahr die Gruppe „Diferente” auf, die aus Travestis, Cross-Dressern, Trans-Gender und Transsexuellen besteht.

Ebenso wie einige ihrer Nachbar*innen aus dem Stadtviertel El Vedado ist die 43-jährige Luisa seitdem zu jeder Aufführung erschienen. „Ich glaube, diese Abende tragen dazu bei, dass die übrige Bevölkerung für diese Menschen mehr Verständnis aufbringt. „Sie machen hier nicht nur Shows und Auftritte, sondern man erfährt auch etwas über ihre Probleme mit der gesellschaftlichen Akzeptanz“, erzählt Cárdenas.

Die Idee zu diesen regelmäßigen Treffen sei von den Cross-Dressern und Transgender-Personen eingebracht worden, erzählt uns Malú Cano, die für die landesweite Koordination der Trans-Gruppen (Transgender, Transsexuelle, Travestis, Cross-Dresser und Drag-Queens) verantwortlich ist. „Wir von Cenesex planen, in Zusammenarbeit mit dem Nationalrat für Bühnenkunst, Aufführungen und Bühnenshows zu konzipieren und damit auf den großen Bühnen unseres Landes aufzutreten. Wir sehen darin eine Möglichkeit, neue Wertvorstellungen einzubringen und gesellschaftlich etwas zu bewirken.“

Kombination aus Show und Message

Verschiedene Solokünstler*innen und Bands haben sich bisher an der Programmgestaltung bei den Freitagstreffen beteiligt, um die Arbeit des Zentrums zu unterstützen, darunter die auf Kuba sehr populären Sängerinnen Jenny Sotolongo und Haila María Monpié.

Eine der Besonderheiten des Bühnenprogramms im Cenesex ist die Kombination aus Show und dem Appell für eine breitere Akzeptanz für Menschen, die ihre sexuelle Orientierung selbst wählen, sowie für eine effektive Vorbeuge gegen sexuell übertragbare Krankheiten, insbesondere AIDS/HIV. Um diesen Teil kümmert sich Margot, eine der Gesundbeitsberaterinnen. Die Ausbildung von Gesundheitsberater*innen ist laut Cano eins der Hauptziele des ersten Trans-Netzwerks, das sich im Cenesex gegründet hat. „Insgesamt haben wir im ganzen Land fast 600 Gesundheitsberater*innen, die in den Provinzen Pinar del Río, La Habana, Matanzas, Cienfuegos, Villa Clara, Sancti Spíritus, Camagüey, Ciego de Ávila, Santiago de Cuba und Granma tätig sind”, berichtet die landesweite Koordinatorin des Trans-Netzwerks.

Man habe bewusst entschieden, alle Transidentitäten zusammenzubringen und auch Familienmitglieder und Partner*innen einzubinden. Dies habe innerhalb der Gruppe zu mehr Selbstbewusstsein geführt. Neben der Schulung als Gesundheitsberater*innen zum Schwerpunkt sexuell übertragbarer Krankheiten und HIV/AIDS werden auch Kurse über gesellschaftliche Vorstellungen, soziale Kommunikation, das Bildungssystem und weitere wichtige Themen angeboten, die die Teilnehmer*innen in ihrer persönlichen Entwicklung stärken und ihnen helfen sollen, ein höheres Selbstwertgefühl zu entwickeln.

Mehr Selbstbewusstsein für Transpersonen

Die 22jährige Obeydi ist seit etwa einem Jahr dabei und kann von sich sagen, dass die Zusammenarbeit mit dem Netzwerk ihr Selbstbewusstsein gestärkt hat. „Für uns Transpersonen ist es sehr wichtig, uns mit Infektionsprävention und mit dem Umgang mit physischer Gewalt auseinanderzusetzen. Früher hätte ich mich nicht mal bis an die nächste Ecke getraut. Heute brauche ich niemanden mehr, der oder die mich begleitet. Ich kann mich überall bewegen, weil ich mich jetzt sicher fühle.“

Malú Cano verweist auf die zunehmende Anerkennung von Travestie/Cross-Dressing als Bestandteil der Bühnenkunst. Zwei Mitglieder des Stamm-Ensembles der Cenesex-Gruppe seien sogar vom Nationalen Kulturrat zu professionellen Künstlerinnen erklärt worden: Margot und Imperio. „Wenn man Kunst schaffen will, ist es wichtig, dass man auf Qualität achtet und Ahnung hat. Deshalb versuchen wir, Cross-Dressing und Travestie zu entmystifizieren und auf die großen Bühnen unseres Landes zu bringen.“ Dies sei der Grund, warum die Gruppe „Diferente” in ihrem Viertel soviel Erfolg habe, meint Cano. „Über die Kunst gelingt es uns, Vorurteile abzubauen, Stigmata aufzubrechen und gegen Diskriminierung vorzugehen. Die Leute akzeptieren uns dadurch mehr.“

Im August feierte das Trans-Netzwerk sein zehnjähriges Bestehen. Auf dem Malecón, einem der bekanntesten Plätze in Havanna, und am Strand Mi Cayito im Osten der Hauptstadt fanden aus diesem Anlass Aktionen zur Infektionsverhütung statt. Am 12. August trat die Gruppe „Diferente“ mit einem besonderen Bühnenprogramm auf, zu dem verschiedene Größen der kubanischen Musikszene eingeladen waren.

 

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