Kuba

Ruhestand ohne Ruhe


von Helen Hernández Hormilla

(Lima, 05. Mai 2014, semlac).- Nachdem sie um 5:30 Uhr die beiden Kaffeekannen auf den Herd gestellt hat, bereitet Estrella Rodríguez, 73 Jahre, die Tamales vor, die sie mittags verkaufen wird, röstet Erdnüsse, bereitet die Schulmahlzeit für die Enkelin zu, weckt die Familie und geht aus dem Haus.

Da sie schon das Arbeitsleben mit der Betreuung von fünf Kindern und mehreren Enkelkindern zusammenzubringen hatte, ist sie es gewohnt, früh aufzustehen. Diese Gewohnheit nutzt sie nun, um Bushaltestellen aufzusuchen, wenn die Leute zur Arbeit gehen, und verkauft ihnen für einen kubanischen Peso einen Becher Kaffee oder eine Tüte Erdnüsse.

Den Rest des Tages verbringt sie im Eingang des Gebäudes, und weil ihre Produkte in Abel Santamaría, einem Außenbezirk der kubanischen Hauptstadt, einen ausgezeichneten Ruf erworben haben, ist sie um 14 Uhr auf dem Heimweg, um das Essen zuzubereiten und die Enkeltochter abzuholen, bevor die Mutter der Kleinen aus dem Krankenhaus wieder zuhause ist.

“Ich verdiene täglich 50 bis 80 Pesos (zwischen 2 und 3 US-Dollar). Das hilft mir dabei, über die Runden zu kommen und die Familie zu ernähren, weil meine Rente von 200 Pesos (8 US-Dollar) nicht ausreicht”, erklärt die ehemalige Industriearbeiterin.

“Der Lohn meiner Tochter, mit der ich zusammenwohne – sie ist Augenärztin im Krankenhaus Ameijeiras, reicht aus, um die laufenden Rechnungen zu bezahlen und zu kaufen, was das Kind braucht. Meinen anderen Kindern versuche ich zu helfen, wenn es mir möglich ist, da der Lohn auch bei ihnen nicht reicht.”

Der Ruhestand, von dem Rodríguez dachte, sie könne dann ein gelasseneres Leben führen, hat bei ihr – in einem Land, in dem der Mangel aufgrund einer mittlerweile fast dreißig Jahren andauernden Krise das tägliche Leben beeinträchtigt, zu neuen häuslichen und wirtschaftlichen Verantwortlichkeiten geführt.

Arbeit im Alter

Von den mehr als elf Millionen Einwohner*innen der Insel befinden sich laut der letzten Volkszählung von 2012 mehr als 1.268.000 Kubanerinnen im Ruhestandsalter (sind also älter als 57 Jahre). Rund 607.000 von ihnen beziehen Einkünfte, zu deren Erhalt sie nach dem Ausscheiden aus dem Arbeitsleben berechtigt sind. Nach Daten des Nationalen Sozialversicherungsinstituts INASS (Instituto Nacional de Seguridad Social) aus dem Jahr 2013 machen diese Frauen einen Anteil von 36,2 Prozent aller Rentner*innen und im Ruhestand befindlichen Personen im Land aus.

Die Psychologin Teresa Orosa geht davon aus, dass Frauen den Ruhestand besser verkraften. Nach dem neuen Sozialversicherungsgesetz von 2008 ist ihr Mindesteintrittsalter auf 60 Jahre gestiegen, das der Männer auf 65.

“Sie sind besser auf Wandel eingestellt und sind mehr mit häuslichen Aufgaben vertraut, weshalb der Ruhestand für sie nicht die Rückkehr an den Herd bedeutet: sie waren nie weg von ihm”, legt die Vorsitzende des Lehrstuhls für ältere Mitmenschen der Universität Havanna (Cátedra del Adulto Mayor de la Universidad de La Habana) dar, eine kostenlose Hilfsinitiative für Menschen in diesem Alter.

Die durchschnittliche Rente von 260 kubanischen Pesos (ca. 11 US-Dollar) ist für die Deckung des grundsätzlichen Bedarfs dieser Frauen unzureichend, trotz der Existenz eines normierten Warenkorbs für den Mindestbedarf und verschiedenen Sozialversicherungsprogrammen für ältere Menschen.

Die Situation wird dadurch komplexer, dass Personen, die älter als 60 Jahre sind in Kuba einen Anteil von 18,3 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Damit zählt der Inselstaat zu jenen Nationen Amerikas, die einen besonders Altersdurchschnitt aufweisen. In Kuba liegt laut Volkszählung von 2012 der Anteil der Alten mehr als einen Prozentpunkt über dem Bevölkerungsanteil der unter 14-Jährigen.

Statistische Prognosen ergeben, dass im Jahr 2025 jedeR vierte EinwohnerIn der Karibikinsel 60 Jahre oder älter sein wird, wobei sich der Frauenanteil unter den älteren Jahrgängen durch zunehmende Verwitwung erhöht.

Expert*innen stimmen darin überein, dass die kulturelle Zuschreibung Männer als Familienernährer ansieht und dass daher auch angenommen werde, dass Männer länger arbeiten bzw. dass mehr Männer arbeiten gehen als Frauen.

Auf der anderen Seite gibt es eine große Zahl von Frauen und Männern im Rentenalter, die weiterhin arbeiten.

Die Volkszählung von 2012 hat ergeben, dass von den 371.150 volljährigen erwerbstätigen Personen auf Kuba, die älter als 60 Jahre sind, drei Prozent Frauen sind, deren Tätigkeiten sich vor allem im öffentlichen Sektor (fast 95.000) und im selbstständigen Bereich konzentrieren.

Für die im Rentenalter befindlichen Frauen bleiben häufig nur die schlecht bezahlten Arbeiten übrig. “Auch unter den geltenden Maßstäben des machismo ist die ältere Frau gegenwärtig im Arbeitsmarkt integriert, sie ist Familienernährerin und hat sich wirtschaftlich unabhängig gemacht”, erläutert Orosa.

Auf der Diskussionsliste des Kommunikationsprojekts Unternehmerfrauen (Mujeres Emprendedoras) von SEMlac hat die Expertin auch die Stigmata aufgezeigt, denen Arbeiterinnen und ältere Frauen in Führungspositionen in öffentlichen Unternehmen ausgesetzt sind.

“Was für ältere Männer in fast allen Bereichen der Arbeitswelt als Erfahrung anerkannt ist, ist für weiter im Berufsleben stehende ältere Frauen an Paradigmen gebunden, die die Vereinbarkeit von Familienleben als Großmütter und dem Arbeitsplatz ausmachen”, erklärt Orosa, die auch Vorsitzende der Sektion der Psychogerontologie beim kubanischen Psychologenverband ist.

Die gesammelten beruflichen Qualifikationen der Frauen sind zusammen mit der Scheidungs- und Witwenquote im Alter Faktoren, die die Kubanerinnen dazu motivieren, nach dem gesetzlichen Rentenalter weiterhin in Arbeit zu bleiben.

Um Einkünfte zu erzielen und um beschäftigt zu bleiben, widmen sich viele dem Straßenverkauf von Lebensmitteln, dem Hand- und Kunstwerk, der Kinder- und Altenbetreuung, der bezahlten Hausarbeit, oder sie arbeiten wieder als Lehrerinnen.

Manchmal entpuppen sich diese Aktivitäten als neue Selbstverwirklichung. So war es bei der 69-jährigen Ökonomin Idelina Cruz. Sie besuchte einen Handwerkskurs im Haus der Kultur im Hauptstadtbezirk Plaza de la Revolución, und begann daraufhin Handtaschen, Halsketten und Küchenhaken für einen professionellen Kunsthandwerker anzufertigen. “Ich habe eine neue Berufung gefunden, und kann Stunden damit verbringen, zu nähen oder neue Modelle zu erfinden mit Samenkörnern, die ich kaufe oder im Park aufsammle”, erzählt die Einwohnerin des Stadtviertels Marianao. „So sichere ich meinen Lebensunterhalt ab, ohne meiner Tochter Sorgen zu bereiten. Sie hat genug damit zu tun, das Haus zu bezahlen und mit dem Geld, das sie als Verkäuferin auf einem Bauernmarkt verdient, die zwei Kinder im Alter von 13 und 17 Jahren zu ernähren.

Die meisten Mitglieder der Lehrstühle für ältere Menschen sind Frauen

“Abgesehen von ihren Altersbeschwerden ist die durchschnittliche Rentnerin fit und bereit, aktiv zu bleiben. Und wenn sie wieder Fuß fasst in der Arbeitswelt, umso besser”, meint Arquelis Hernández Silva, 75 Jahre.

Dennoch warnt die Koordinatorin des Lehrstuhls für ältere Menschen im Hauptstadtbezirk Diez de Octubre vor der Überbeanspruchung von Großmüttern durch die Familie: “Es wird erwartet, dass sie [die Großmütter] sich der Enkelbetreuung und dem Haushalt widmen, Einkäufe erledigen. Obwohl sie sie manchmal nicht direkt dazu erzwingen, so spielen sie doch die Emotionen aus und am Ende sind wir dabei, unsere gesamte Zeit den anderen zu widmen”, versichert die Nachbarschaftsaktivistin.

Bei einer 2012 durchgeführten Untersuchung unter Frauen, die in diesen Lehrstuhlbereichen in der Hauptstadt tätig sind, hat die Psychologin Laura Sánchez festgestellt, dass ihre Interviewpartnerinnen sich im Ruhestandsalter stärker beansprucht fühlten, als in ihrem Arbeitsleben: “Es gibt unbeachtete und unentgeltliche Arbeit, die die Familie auf die Großmütter umlegt. Dadurch sind letztere dazu gezwungen, auf andere Interessen und Projekte zu verzichten, die sie vorhatten, in diesem Lebensabschnitt umzusetzen”, erzählt die Professorin.

Hinzu kommen spezifische Ängste bei den Frauen, die sich in diesem Lebensabschnitt befinden, wie etwa die Angst, alleine dazustehen, kein Geld zu haben, Angst vor dem Verlust an körperlicher Kraft und dem äußerlichen Verfall, vor dem Alltag und vor der Trägheit. Zu diesem Schluss kommt der kubanische Arzt Gerardo Martínez Veitía in einem von ihm geschriebenen und im Internet erhältlichen Buch.

Der Forscher fand 2012 beim Untersuchen der Lebenspläne von Rentnerinnen in der städtischen Gemeinde Placetas sowie in der im Landesinneren gelegenen Provinz Santa Clara heraus, dass die Rentnerinnen in einem Umfeld mit wenig sozialer Teilhabe lebten und sich ihre Tätigkeiten auf den Haushalt beschränkten.

Soziale Studien bestätigen, dass auf Kuba die Ansicht vorherrscht, eine ältere Frau müsse sich selbst aufopfern. Zudem wird dieser Lebensabschnitt von Söhnen und Töchtern regelrecht erwartet, um den Großmüttern die Verantwortung in der Enkelbetreuung übergeben zu können.

Dennoch, Orosa bezeugt das bevorstehende Aufkommen von “Großmüttern und Großvätern neuen Typs”: Die als Träger*innen eigener Pläne und neuer Ziele in ihrem Leben auftreten und ihre Bürgerrechte und ihre Selbstverwirklichung, ihre Sexualität, ihre Freizeit und ihre Rolle als Protagonist*innen der sozialen Gemeinschaft verteidigen.

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