Kolumbien

„Es geht um weit mehr, als nur um die Löhne“


von Beatrix Sassermann und Volker Gajewski*

Streik in El Cerrejón / Kaosenlared( 22. Februar 2013, amerika21.de).- Am 16. und 17. Februar besuchten drei Mitglieder des Aktionsbündnis Gegenstrom 13 die streikenden Bergarbeiter*innen der kolumbianischen Gewerkschaft Sintracarbon und führten ein Interview mit dem Vorstandsmitglied Jaime Deluquez. Die Bergarbeiter*innen der größten Tagebaumine der Welt, El Cerrejón im Nordosten Kolumbiens, waren zu diesem Zeitpunkt seit zehn Tagen im Streik.

Cerrejón ist ein Konsortium der drei transnationalen Konzerne Anglo American (GB), BHP Billiton (Australien) und Glencore-Xtrata (Schweiz). Die Streikenden leben während des Streiks in einer Art Camp und erhalten, wie in vielen Ländern üblich, keinerlei finanzielle Unterstützung als Ausgleich für den durch den Streik verlorenen Lohn. Sie werden getragen von der Solidarität aus dem In- und Ausland. Die Versorgung der Aktivist*innen findet in selbst organisierten Volksküchen statt. Sie schlafen vor den Eingängen der Mine in Hängematten, oft weit entfernt von ihren Familien.

Die Kolleg*innen, die ihnen aus Solidarität das Essen einkaufen und kochen sind ausgesperrte Beschäftigte des Subunternehmens Aramark, denen wegen des Streiks bei Cerrejón die Arbeitsverträge suspendiert wurden. Sie sind Mitglieder der Gewerkschaft Sinaltrainal, in Europa auch durch ihre Kampagnen gegen Coca Cola und Nestlé bekannt.

Die Bergarbeiter*innen arbeiten normalerweise sieben Tage und mehr 12-Stunden-Schichten, um danach einige Tage frei zu haben, um zu ihren Familien reisen zu können. Während der Arbeitsperiode wohnen sie in bescheidenen Verhältnissen in kleinen Zimmern in einem der Mine nahe gelegenen Ort.

Sie sind seit über einer Woche im Streik. Können Sie uns die Hintergründe näher erklären und die wichtigsten Forderungen der Streikenden?

Jaime Deluquez: Die Gewerkschaft Sintracarbon, die zum Streik aufgerufen hat, fordert das transnationale Unternehmen Cerrejón auf, die vielfältigen Probleme der Arbeitenden ernst zu nehmen, insbesondere die gesundheitlichen Probleme. Viele Arbeiter sind aufgrund ihrer Arbeit im Bergbau krank. Unsere Forderungen beziehen die Situation der Festbeschäftigten, der Beschäftigten bei Subunternehmen, die Situation der vom Bergbau betroffenen und vertriebenen Gemeinden und Umweltfragen mit ein. Bis heute gibt es keine endgültige Lösung für die Probleme, sie wurde vielmehr immer wieder herausgezögert und aufgrund dieser Tatsache hat sich die Gewerkschaft schließlich entschlossen, zum Streik aufzurufen, der momentan hier im Cerrejón stattfindet.

Wir haben uns an Blockaden hier im Bundesland beteiligt. Wir haben den Initiatoren dieser Blockaden geholfen, um bessere öffentliche Dienste und Lebensbedingungen zu erreichen. Es gilt zu betonen, dass La Guajira ein sehr reiches Bundesland ist, wo sehr viel Kohle abgebaut wird. Hier liegt El Cerrejón, die größte Tagebaumine weltweit. Hier wird auch Gas gefördert, das ganz Kolumbien versorgt und nach Venezuela verkauft wird. Hier werden Salz und viele Mineralien abgebaut, aber die Situation der örtlichen Bevölkerung ist deprimierend.

Wir halten das für eine Ungerechtigkeit, die es Wert ist, diese Bewegung zu initiieren und aufrecht zu erhalten, um darauf aufmerksam zu machen, was hier im Bundesland La Guajira passiert, mit der Kohle und den anderen Bodenschätzen und Mineralien und was in ganz Kolumbien passiert. Denn dieser Reichtum an Bodenschätzen nützt leider nicht der kolumbianischen Bevölkerung, sondern einigen wenigen Politikern, die sich die Unternehmensabgaben sichern und den transnationalen Konzernen, die sich die Rohstoffe sichern. Für die Bevölkerung bleibt nichts übrig, die Arbeitenden werden mit den Krankheiten allein gelassen. Wir halten diese Gesellschaft für extrem ungleich und aus diesem Grund fühlt sich unsere Gewerkschaft verantwortlich, diese Zustände auf internationaler Ebene anzuklagen.

Wie viele Personen sind bei Cerrejón angestellt und wie viele bei Subunternehmen?

Momentan sind bei Cerrejón direkt ca. 6.450 Personen und bei Subunternehmen weitere 7.000 Arbeiter angestellt.

Wie verlaufen die Verhandlungen mit Cerrejón? Bei welchen Forderungen verweigert sich die Firma?

Wir sind heute seit zehn Tagen im Streik. Der Streik begann am Donnerstag, dem 7. Februar. Die Regierung schickte den Vize-Arbeitsminister, um zwischen Unternehmen und Gewerkschaft zu vermitteln. Die Gewerkschaft hat sich zu keinem Zeitpunkt geweigert, mit dem Unternehmen in Dialog zu treten. Seit drei Tagen finden nun Gespräche statt, allerdings ohne Resultat. Wir stellen fest, dass es eine Art Verzögerungsstrategie auf Seiten des Unternehmens gibt.

Die Gewerkschaft ist kompromissbereit, aber wir werden den Streik nicht abbrechen, wenn die angesprochenen Probleme nicht gelöst werden. Wenn das Unternehmen also vorhat, die Dinge herauszuzögern, und glaubt, dass die Arbeitenden mit dieser Verzögerung die Energie oder den Mut verlieren, dann hat es sich getäuscht. Denn wir als Arbeitende sind uns der Verantwortung bewusst, die wir ab dem Moment tragen, in dem wir den Streik begonnen haben. Die dem Unternehmen vorgetragenen Probleme lassen sich offensichtlich nur mittels Streik lösen.

Uns wurde bei unseren Recherchen häufig von Drohungen berichtet …

Kolumbien ist ein Land mit einer anti-gewerkschaftlichen Geschichte und Tradition. Sich in Kolumbien gewerkschaftlich zu engagieren, ist sehr riskant. Kolumbien ist das Land, in dem weltweit die meisten Gewerkschaftsführer ermordet werden. Und auch wir wurden mit dieser Situation konfrontiert. Unsere Gewerkschaftsführer wurden ermordet. Ich selbst wurde mehrere Male bedroht, alle Präsidenten, die die Gewerkschaft je hatte, haben Drohungen von rechten Paramilitärs oder vom Militär erhalten. Diese Drohungen werden natürlich von uns bekannt gemacht und angezeigt. Die Gewerkschaft informiert das Unternehmen über diese Bedrohung und fordert das Unternehmen und die militärischen und zivilen Behörden des Staates auf, die sichere Ausübung gewerkschaftlicher Aktivitäten zu garantieren.

Und natürlich erhalten wir auch jetzt während des Streiks Drohungen. Unser Präsident Igor Diaz und der Schatzmeister wurden bedroht. Und die Drohungen, die Telefonanrufe mit eingeschlossen, richteten sich nicht nur an sie direkt, sondern auch an die Ehefrauen und Töchter. Es wird also nicht nur der Gewerkschaftsführer angegriffen, sondern auch sein familiäres Umfeld. Und ich muss leider hinzufügen, dass es in Kolumbien meist nicht nur bei Bedrohungen bleibt, sondern diese in die Realität umgesetzt werden. Glücklicherweise kämpfen unsere bedrohten Mitstreiter bis heute nach wie vor an unserer Seite.

Wie ist die Stimmung bei den Streikenden?

Wir sind hochmotiviert. Die Arbeitenden sind sich bewusst, was dieser Streik bedeutet. Die Dynamik hält an, obwohl die Bedingungen hart sind, wie Sie selbst bestätigen können: Tagsüber brennt die Sonne, die Hitze ist unerträglich; am frühen Morgen stechen Mosquitos und es ist kalt. Aber wir akzeptieren das. Auch die Ernährungsumstände. Die Arbeitenden beweisen in diesen Tagen ihre Bereitschaft, Opfer in Kauf zu nehmen im Rahmen der Verantwortung, die dieser Streik mit sich bringt.

Erfahren Sie Solidarität und falls ja von wem und welcher Art?

Ja, wir haben auch viel Solidarität erfahren, zum Beispiel in Form von Botschaften oder Solidaritätsbekundungen vieler Organisationen, wie internationale NGOs und Gewerkschaften. Ihr Aufenthalt hier ist ebenfalls eine Form der Solidarität, für die wir sehr dankbar sind.

In diesem Zusammenhang gilt es außerdem zu betonen, dass unsere Gewerkschaft zu einer Organisation gehört, die sich Industriall nennt. Es handelt sich um eine Gewerkschaftsinternationale, die 50 Millionen Arbeiter auf der ganzen Welt umfasst. Unser Präsident, Igor Diaz, sitzt im Vorstand dieser Organisation. Das ermöglicht, dass Situationen wie unsere auf internationaler Ebene angeklagt werden können und auch bei Schwester-Organisationen, wie der Ihren. Und es ermöglicht auch, dass dieser Kampf nicht nur ein Kampf der Arbeitenden bei Cerrejón ist, sondern ein Kampf, der im ganzen Department, in der ganzen Region, im ganzen Land und weltweit bekannt ist. Wir glauben, dass wir diese Bekanntheit in diesem Moment erreichen.

Solidaritätsbekundungen und Unterstützung erreichen uns somit aus unterschiedlichen Bereichen. Wir bekamen Mails und Besuche von vielen Organisationen und wir halten das für wichtig, denn dieser Kampf repräsentiert nicht nur den Kampf der Bergarbeiter, er repräsentiert vielmehr auch den Kampf der Beschäftigten bei Subunternehmen, der Gemeinden, die von den Minentätigkeiten betroffen sind. Er repräsentiert den Kampf für nationale Souveränität, für eine gesunde und saubere Umwelt und für die Würde der Arbeiter. In diesem Zusammenhang ist es somit auch schlicht falsch, wenn das Unternehmen behauptet, bei diesem Streik gehe es nur um den Lohn. Der Lohn ist ein Teil des Kampfes, den wir führen, aber im Kern geht es um viel größere und komplexere Themen und um diese zu verhandeln, blieb uns schlussendlich nur die Option des Streiks.

Vor kurzem kippte der Bergbaukonzern Drummond vor dem Hafen von Santa Marta ca. 500 Tonnen Kohle ins Meer. Wie sehen die Arbeiter die Umweltverschmutzung durch Drummond?

Die kolumbianischen Umweltbehörden nehmen die Verantwortung nicht wahr, die ihnen zukommt. Das Unternehmen Drummond hat eine ganze Ladung Kohle versenkt. Diese Information wurde nicht an die Regierung weitergegeben und das Unternehmen streitet den Vorfall sogar weiterhin ab, trotz der offensichtlichen Beweislage. Dazu kommt noch, dass das nicht das erste Mal ist, dass Frachter von Drummond untergehen oder unterzugehen drohen.

Wenn Sie über Santa Marta fliegen, oder dort landen, werden Sie dort die Staubwolken der von Drummond beladenen Frachter sehen. Jeden Tag werden dort die kolumbianischen Strände, das Meer, die Straßen verschmutzt. Und währenddessen kommen die Umweltbehörden ihrer Verantwortung nicht nach. Offensichtlich schmerzt es sie nicht, was in dem Land vor sich geht, und es schmerzt sie auch nicht, was in der Welt vor sich geht, denn hier geht es letztlich auch um die Verschmutzung des gesamten Planeten.

Lassen Sie mich außerdem noch erwähnen, dass Drummond nicht nur für die geschilderte Verschmutzung verantwortlich ist, sondern auch drei Flüsse im Cesar umgeleitet hat. Diese umgeleiteten Flüsse existieren nicht mehr. Und die Behörden schauen weg. Wir als Arbeiter übernehmen damit in diesem Moment eine Rolle, die eigentlich nicht unsere ist, aber wenn die Behörden keine Verantwortung übernehmen, muss jemand anderes diese Dinge, die in Komplizenschaft mit der kolumbianischen Regierung passieren, anklagen und den Kampf aufnehmen.

Gibt es abschließend eine zentrale Botschaft, die Sie als Gewerkschaft und Streikende den Lesern in Deutschland und Europa vermitteln möchten?

Wir möchten den Deutschen und Europäern sagen, dass es hier Arbeitende gibt, die ihre Rechte einfordern und dass es dabei nicht nur um ökonomische Forderungen geht. Unsere Forderungen sind viel komplexer und zielen beispielsweise, wie gesagt, auf Gesundheits-, und Umweltfragen oder auf die Rechte der bei Subunternehmen beschäftigten, oder der umliegenden betroffenen Gemeinden und auf die Souveränität des kolumbianischen Volkes ab. Die geschilderten Umstände haben dazu geführt, dass unsere Gewerkschaft aufgestanden ist und nun den Kampf führt, nicht nur den Kampf dieser Arbeitenden hier, sondern den Kampf all dieser Sektoren und wir glauben, dass das ein Beispiel für andere Kollegen sein kann, für andere Gewerkschaften und Gemeinschaften.

Vor diesem Hintergrund bedanken wir uns auch herzlich bei Ihnen, dass wir diese anormale, ungerechte Situation schildern können. Wir glauben, es ist der Moment gekommen, in dem die Bergarbeiter, die in Sintracarbon organisiert sind, aufstehen und in dem mit Ihrer Hilfe dieser Aufschrei andere Teile der Welt erreicht und unsere Forderungen nach Würde und Respekt für die Arbeiter und die Gemeinden gehört werden.

* Gegenstrom 13, (Übersetzung: Lena Böllinger)

CC BY-SA 4.0 „Es geht um weit mehr, als nur um die Löhne“ von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.


Das könnte dich auch interessieren

Arbeitsmigrantinnen in Mittelamerika genießen keinen rechtlichen Schutz Von Angélica Jocelyn Soto Espinosa(Mexiko-Stadt, 29. Februar 2016, cimac).- In Mexiko, Guatemala, El Salvador, Honduras oder Nicaragua existieren keinerlei arbeitsrechtliche Regelungen für die Beschäftigung im Ausland, die den Frauen, die temporär zum Arbeiten in die USA oder nach Kanada wollen, irgendwelche Rechte einräumt. Das hat der Bericht „Einstellungsregeln: Herkunftsländer“ deutlich gemacht. Besonders gefährdet sind demnach Indígenas und andere schutzbedürfti...
70 Verletzte bei Landarbeiterprotesten von Christiane Schulz und Peter Clausing (San Quintín, Mexiko, 12. Mai 2015, amerika21.de).- In den frühen Morgenstunden des 9. Mai haben bundestaatliche Polizeieinheiten im mexikanischen Bundesstaat Baja California streikende Tagelöhner*innen angegriffen. Die Beamten drangen in deren Hütten ein und haben etwa 70 Personen verletzt, davon sieben schwer. Als weitere Landarbeiter*innen die Verfolgung ihrer Kolleg*innen durch Polizeieinheiten bemerkten, versuchten sie, die Poliz...
Streik gegen Minenprojekt geht weiter (Venezuela, 13. Mai 2015, telesur).- In der südperuanischen Stadt Arequipa dauert der Streik von Arbeiter*innen und Organisationen der Zivilgesellschaft an. Seit Dienstag den 12. Mai zeigen sie mit dem Streik ihre Solidarität mit den Bewohner*innen des Tambo-Tals, die das umstrittene Bergbauprojekt Tía María ablehnen. Auch nachdem bei Auseinandersetzungen am Dienstag fünf Polizisten verletzt wurden, sollen die Proteste weitergehen. Die Demonstrant*innen richten sich gegen den...
Viel Arbeit, wenig Lohn (Berlin, 06. September 2014, poonal).- Die UNO-Wirtschaftskommission für Lateinamerika Cepal (Comisión Económica para América Latina y el Caribe) kommt in einer jüngst veröffentlichten Studie über die Jahre 1995 bis 2009 zu wenig erfreulichen Ergebnisse für die mexikanischen Arbeiter*innen. Während in Brasilien, Argentinien, Chile und Kolumbien die wöchentliche Arbeitszeit in dieser Periode unterschiedlich stark sank, stieg sie in Mexiko von durchschnittlich 40,7 Stunden auf ...
Proteste gegen Kündigung einer lesbischen Arbeitnehmerin von Angélica Jocelyn Soto Espinosa (Mexiko-Stadt, 20. Juni 2014, cimac).- Am 25. Juni 2014 werden Feministinnen vor dem Krankenhaus ‚Centro Médico Puerta de Hierro‘ der Stadt Zapopan im Bundesstaat Jalisco, Mexiko, zusammenkommen, um gegen die vor fast einem halben Jahr ausgesprochene Kündigung der Rezeptionistin Yuri Delgado zu protestieren. Kündigungsgrund war die Tatsache, dass sie lesbisch ist. Bis heute sind diejenigen, die diese Diskriminierung veranlasst haben, nicht ...

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *