Mexiko

„Ein Migrant ist ein Toter ohne Namen“


von Ilka Oliva Corado

mexiko entrevista migrantesmexico reproducao. Foto: Adital(Fortaleza, 22. April 2014, adital).- Interview mit Pedro Pantoja, Pfarrer der Migranten-Anlaufstelle Posada Belén. Ich bekam die Chance, ein Interview mit Padre Pedro Pantoja, Pfarrer der Posada Belén, einer Herberge für Migrant*innen in Saltillo im mexikanischen Bundesstaat Coahuila zu führen. Seit 40 Jahren setzt sich der Geistliche für die Menschenrechte von Migrant*innen ohne Aufenthaltstitel ein. Seit 40 Jahren nimmt er sich der hoffnungslosen Fälle an, die von niemandem Unterstützung erhalten, im Gegenteil: Es geht um Menschen, denen niemand Respekt zollt, die zerstört und vergessen wurden, die man zur Ware gemacht hat, um auf ihrem Rücken ganze Imperien zu errichten, und die weggeworfen wurden, nachdem man das letzte Bisschen aus ihnen herausgequetscht und nur noch eine wertlose Hülle übriggelassen hat, die irgendwo in einer versteckten Grube zu Staub zerfällt.

Pantoja sprach mit mir darüber, was illegalisierte Einwander*innen in Coahuila erwartet.Es wurde ein sehr langes Gespräch. Als Kenner der Situation eröffnete Pantosa mir viele Fakten und Details über die Erlebnisse von Migrant*innen, die versuchen, das mexikanische Staatsgebiet zu durchqueren, und es ist höchste Zeit, dass die Weltöffentlichkeit mehr davon erfährt, was im Norden Mexikos passiert. Während in den offiziellen Medien stets versucht wird, die Situation zu verharmlosen, vermittelt die Schilderung Pedro Pantojas von der Posada Belén ein ungeschöntes Bild der untragbaren Lebensrealität der Migrant*innen.

Padre, Sie setzen sich bereits seit 40 Jahren für die Rechte von Migrant*innen ein.

Oh ja, 1962 ging ich zur Weinernte nach Kalifornien, dort schloss ich mich dem Arbeitstrupp von César Chávez an. Gemeinsam kämpften wir sechs Monate lang gegen das als Bracero-Projekt bekannte GastarbeiterInnen-Abkommen zwischen USA und Mexiko, haben Sie davon schon mal was gehört?

Ja, habe ich. Apropos, Ende des Monats soll ein Film über das Leben von César Chávez in die Kinos kommen…

Ja, davon habe ich gehört. Den würde ich mir gerne anschauen. Jedenfalls bin ich in der Endphase des Programms dazugekommen. Im Jahr 1962 habe ich mich der Bracero-Bewegung angeschlossen und die Braceros und Migrant*innen unterstützt.

Waren Sie zu der Zeit auch schon Priester?

Nein, da war ich noch Student. Ich stand kurz vor dem Examen. Ich legte mein Studium für acht Monate auf Eis, um mich der Bracero-Bewegung anzuschließen. Ich habe alles hautnah miterlebt: die Auseinandersetzungen, die Kämpfe, auch die Demütigung und die unmenschlichen Behandlungen, die die Arbeiter*innen erdulden mussten, habe ich miterlebt, als ich mal außerhalb unseres Arbeitstrupps auf den Feldern mitgearbeitet habe.

Gab es ein Schlüsselereignis, das Sie dazu gebracht hat, sich für die Rechte der Migrant*innen ohne Papiere einzusetzen?

Nun, zum einen war es das charismatische Auftreten César Chávez’ und seine Bewusstseinsarbeit mit den Opfern dieses ausbeuterischen Systems, die mich überzeugt hat. Es war sehr beeindruckend zu sehen, wie sich dieser Mann einem so mächtigen Imperium entgegenstellte, wie er die Stimme erhob und sich in diesem Kampf behauptete, der mir wie purer Selbstmord schien, denn immerhin stellte er sich diesen Repräsentanten der Macht, den Großgrundbesitzern und Weinbauern entgegen. Es war einfach unmöglich, aus dieser schwachen, ungeschützten Position heraus irgendwelche Rechte einzufordern, und doch hatte er damit Erfolg. Das andere Ausschlaggebende für mich war, was ich außerhalb unseres Camps in den Baracken der Arbeiter*innen erlebt habe. Man versuchte, sie mit Alkohol ruhig zu stellen, mit Prostituierten, nur damit sie nicht auf die Idee kamen, für ihre Rechte zu kämpfen. Was für eine Erniedrigung. Ich empfinde das heute noch viel deutlicher, weil wir ja nun dieses Haus haben, die Posada Belén, so ein angenehmer, sauberer Ort zum Wohlfühlen, ganz besonders für Frauen. Ob Migrant oder Migrantin, bei uns finden alle, was sie brauchen.

Ich erinnere mich noch an die beiden Hunde, die César Chávez hatte: Der eine hieß Boykott, der andere hieß Streik. Ich habe seine treuesten Genossen kennengelernt. Wir haben uns mehrmals getroffen; ich war in Mexicali, Agua Prieta und in Nogales… Als er Agua Prieta erwähnt, macht mein Herz einen gewaltigen Sprung: In dieser Gegend durchquerte ich die Wüste von Sonora, das Gebiet grenzt an Arizona – wir waren zusammen in mehreren Gremien…

Ich höre, dass es an der Tür klingelt. Der Geistliche entschuldigt sich, um nachzuschauen, während ich Tausende von Kilometern warte, dass er wiederkommt, vor mir auf dem Tisch das Mobiltelefon, das eingeschaltete Aufnahmegerät und mein Notizbuch. Ich schaue durch das Fenster des gemieteten Zimmers. Der Himmel in diesem Teil der USA ist seit Tagen grau und verhangen, Schneeflocken treiben schwerfällig durch die Luft, während in Saltillo im Bundesstaat Coahuila sicher die Sonne von einem wolkenlosen Himmel herunter scheint. Wenige Minuten später kehrt er ans Telefon zurück, um mir von der Gewalt zu berichten, die sein Leben und noch viel mehr das der Migrant*innen in Saltillo bestimmt.

Padre, es gibt so viele hoffnungslose Fälle auf der Welt. Warum engagieren Sie sich gerade für die Rechte der Migrant*innen ohne Papiere?

Weil sie nach dem Hurrikan Mitch im Jahr 1998 verstärkt durch Saltillo zogen. Ich arbeitete an der Grenze von Piedras Negras mit deportierten Mexikanerinnen und Mexikanern, die aus den USA zurück in ihr Land geschickt wurden, als zu Beginn des Jahres 2000 die große Einwanderungswelle aus Mittelamerika begann. Saltillo ist ein wichtiger Knotenpunkt für den Zugverkehr, daher entschieden sich viele Migrant*innen, die in die USA wollten, für diese Strecke; doch dann begann man, diese Menschen zu ermorden, als sie dabei waren, die Gleise zu überqueren: Erst wurden zwei junge Männer aus Honduras erschossen, ein weiterer wurde zwischen den Schienen zu Tode gesteinigt. Eine unmenschliche Welle der Gewalt begann. Raubüberfälle und brutale Übergriffe waren an der Tagesordnung, Menschen verschwanden… es war höchste Zeit, dem ein Ende zu setzen.

Als wir hier in Saltillo mit unserer Arbeit begannen, war es keinesfalls so, dass wir alles gehabt hätten, was wir brauchten. Wir mussten erst einmal überlegen, was man überhaupt tun konnte, um die Migrant*innen vor der Gewalt zu schützen. Also bin ich aus dem Projekt, an dem ich arbeitete, ausgestiegen und habe ein Neues mit dem Namen Frontera con Justicia (Gerechte Grenzen) ins Leben gerufen, das die Migrant*innen unterstützen sollte. Leider hatten wir überhaupt nichts, nicht einmal Essen, das wir an sie hätten verteilen können, wir waren superarm.

Darauf wollte ich gerade zu sprechen kommen. Staatliche Unterstützung bekommen Sie ja nicht, aber gibt es denn Hilfe von der Kirche?

Die Kirche unterstützt uns, ja, aber mit der Regierung sind wir verstritten, hören Sie mir bloß mit denen auf. Mit denen stehen wir auf Kriegsfuß, weil sie einen Großteil der Gewalt zu verantworten haben. Vor drei Monaten waren wir in Washington, weil die örtliche Polizei gemeinsam mit Ordnungshütern der Regierung 30 Migrant*innen entführt und gefoltert hat. Wir mussten die Sache vor die Interamerikanische Kommission für Menschenrechte in Washington bringen. Sie haben natürlich alles abgestritten. Von Regierungsseite brauchen wir also nicht mit Unterstützung rechnen, aber was soll’s, von denen würde ich auch keinen Cent annehmen. Was wir haben, bekommen wir von der Zivilgesellschaft, von der Gemeinde und von unzähligen armen Menschen, die spenden, was sie können.

Sie geben Calderón die Schuld daran, dass während seiner Regierungszeit rund 80.000 Migrant*innen ohne Papiere entführt wurden.

Oh ja. In einem Bericht von 2009, der sich auf die ersten drei Monate des Jahres bezog, war bereits von 9.700 Menschen die Rede. Wir fuhren darauf nach Washington, um zu protestieren. In dem Jahr allein stieg die Zahl der Entführten auf 18.000; dann kam Calderóns Krieg gegen das organisierte Verbrechen. Die Migrant*innen kamen zu Hunderten. 2010 kam es dann zu der Ermordung von 72 Migrant*innen, dem so genannten San-Fernando-Massaker in Tamaulipas. Die Gewalt hat seitdem abscheuliche Ausmaße angenommen.

Stellen Sie sich vor, erst letzte Woche wurden in Reynosa 90 Migrant*innen entführt, um Lösegeld zu erpressen. In einem so genannten „Schutzhaus“ (casa de seguridad) halten sie ihre Opfer gefangen und versklaven sie. Nach dem San-Fernando-Massaker im August 2010 fand in Tamaulipas Anfang 2011 ein weiterer Massenmord statt, bei dem fast 200 Menschen starben. In der zweiten Hälfte des Jahres 2011 wurden in Cadereyta in Nueva León 49 Migrant*innen getötet. Sie verscharrten sie ohne Hände, ohne Kopf, ohne Füße, ohne Arme. Die Gewalt hat seither nicht mehr aufgehört; die Entführungen gehen immer weiter. Die Behörden geben keine Auskunft darüber, ob es sich bei den Opfern um mexikanische Staatsbürger*innen handelt oder um Menschen ohne Papiere.

Einer unserer Hauptvorwürfe, der als nachgewiesen betrachtet werden kann, ist die Tatsache, dass Polizei und Sicherheitskräfte mit vielen Mitarbeiter*innen der Regierung und der nationalen Migrationsbehörde zusammenarbeiten. Wir haben Beweise, dass diese Leute am Menschenhandel und an der sexuellen Ausbeutung der Opfer bzw. an der Ausbeutung ihrer Arbeitskraft beteiligt sind. Es gibt Aussagen von Menschen, die aus diesen „Schutzhäusern“ herausgekommen sind und die mit eigenen Augen gesehen haben, dass Polizisten und Mitarbeiter staatlicher Behörden vom organisierten Verbrechen geschmiert werden.

Mir wurde berichtet, dass Migrantinnen in der Migrationsbehörde von Chiapas geschlagen, gefoltert und sexuell missbraucht werden.

Das ist eine gängige Praxis der Migrationsbehörden. Hier in Saltillo, wo die behördliche Vertretung des Bundesstaats Coahuila sitzt, wurden Migrant*innen in einen dunklen Raum gesperrt und gefoltert, angeblich weil sie versucht hatten zu fliehen.

Ein Mann aus El Salvador wurde in einem abgedunkelten Raum bei Wasser und Brot gehalten. Der Fall war so heftig, dass die Angestellten der Behörde ihren eigenen Chef deswegen anzeigten. Hier geht es um eine kontinuierliche Verletzung der Menschenrechte von Migrant*innen. Erst gestern hatten wir ein Treffen, wo wir alle Vorwürfe gegen die Staatliche Migrationsbehörde gesammelt haben. Wie ich hörte, ist es neuerdings eine gängige Praxis der Regierungsbehörden, sich mit den Angehörigen von Vermissten in Verbindung zu setzen, ihnen den Leichnam ihres Familienmitglieds in einem versiegelten Sarg zu überstellen und sie schriftlich dazu zu verpflichten, diesen nicht zu öffnen. Ich las von einem Fall, in dem die Familie sich der Anordnung widersetzte und den Sarg mit einem Lötkolben öffnete. Darin lag dann nur ein Tierkadaver zusammen mit einem Haufen Müll.

Übermorgen fahren wir nach El Salvador, um uns mit den Ehefrauen der Opfer des San-Fernando-Massakers zu treffen. Natürlich richtet sich unsere Vorwürfe weiter gegen die Regierung, aber auch das Verhalten der Staatsanwaltschaft im Zusammenhang mit den mittelamerikanischen und mexikanischen Verschwundenen ist einfach lachhaft: Sie lassen die Angehörigen durch eine Glasscheibe einen Blick auf ihre verstorbenen Familienmitglieder werfen; die Angehörigen sollen schriftlich zustimmen, dass ihnen die Leiche ihres Familienmitglieds überstellt wurde, dabei wird es ihnen untersagt, den Sarg zu öffnen, sie überstellen gar nichts und lassen sich schriftlich bestätigen, dass die Familie die Leiche gesehen hat, dabei hat sie gar nichts gesehen, sondern lediglich durch ein Fenster einen Blick auf den Sarg werfen können. Ich bin auch bei der Bewegung der Angehörigen von verschwundenen Migrant*innen und Mexikaner*innen aktiv; unter Calderón waren es bereits 27.000, und jetzt kommen unter der Regierung Peña Nieto noch mehr dazu.

Wie ist das Projekt Casa del Migrante entstanden? Gibt es in anderen mexikanischen Bundesstaaten auch so etwas?

mexiko entrevista2 migrantesmexico. Foto: AditalInsgesamt gibt es 66 solche Häuser, die miteinander vernetzt sind. Ich koordiniere den nördlichen Teil des Landes von Tijuana bis Matamoros, Tamaulipas. Wir sind in die Zonen Nord, Mitte und Süd aufgeteilt. Wir Priester sind durch die katholische Kirche miteinander verbunden, daneben gibt es noch Anwält*innen, Student*innen und andere Mitglieder der Zivilgesellschaft. Vom Eingang nach Tapachula bis nach Tijuana und Matamoros, Tamaulipas und Piedras Negras. Wir Priester gehören der katholischen Kirche an, aber insgesamt sind wir ein Kollektiv von 70 zivilgesellschaftlichen Organisationen, die für Menschenrechte kämpfen. Wir sind sehr eng miteinander verbunden. Ich spreche jetzt von dem Verband, der sich für Menschenrechte einsetzt, das läuft außerhalb der Casa del Migrante. Wir haben auch ein Kollektiv gegründet, das sich Foro Migraciones nennt. Wir vertreten dort zwar die Kirche, aber es ist trotzdem keine kirchliche Organisation. Das Forum wird von vielen verschiedenen Verbänden getragen.

Wie lange gibt es die Posada Belén, also, das Casa del Migrante in Saltillo, Coahuila schon?

Seit dem Jahr 2000. Wir haben sie nach dem Hurrikan Mitch aufgebaut. Ich will Ihnen mal was sagen: Die Regierungen sind zu überhaupt nichts nutze …

…ich muss fast losprusten, bei seinen Worten, er hat ja so recht…

…die Konsulate sind ein Sauhaufen, was Verlässlichkeit und Ernsthaftigkeit angeht. Es ist ihnen völlig schnurz, was mit den Migrant*innen passiert.

Hier ist es genau das gleiche, nur kommt noch eine gehörige Portion Rassismus dazu. Sie würden ihre eigenen Landsleute am liebsten rauswerfen, wenn sie nur könnten. Die größte Hürde, die sich den illegalisierten Migrant*innen in den USA in den Weg stellt, sind die Konsulate ihrer Herkunftsländer.

Die Casa del Migrante in Saltillo arbeitet speziell mit Leuten aus Mittelamerika, es gibt Häuser in Tapachula und Tabasco: Die Häuser an der nördlichen und nordöstlichen Landesgrenze, also in Tijuana, Mexicali, Agua Prieta, Reynosa, Ladero: Diese arbeiten mit den Abgeschobenen. Unter der Obama-Regierung wurden bereits mehr als drei Millionen Mexikaner*innen abgeschoben. Das heißt, die Menschen, mit denen ich arbeite und die am meisten in der Posada Belén Zuflucht suchen, kommen größtenteils aus Mittelamerika.

Welche Rolle spielen die Drohgebärden der Zetas für die Posada Belén?

Die Zetas haben uns noch nie in Ruhe gelassen. Vor drei Jahren haben sie uns überfallen, unsere Computer geklaut und versucht, einen deutschen Unterstützer und einige Migrant*innen zu entführen. Ein anderes Mal sind sie mit Maschinengewehren bewaffnet hereingestürmt und haben uns bedroht. Die Interamerikanische Kommission für Menschenrechte hat uns im Prinzip einen Wachschutz als Sicherheit gestellt, komischerweise ist der nie anwesend, wenn es zu einem Überfall kommt. Entweder sprechen sie sich ab, oder es ist Zufall.

Die Polizei ist also nicht rund um die Uhr anwesend?

Sollten sie eigentlich, sind sie aber nicht. Der gesamte Nordosten mit Coahuila, Nuevo León und Tamaulipas ist bevorzugtes Zetas-Gebiet, ihr Paradies sozusagen.

Tamaulipas ist quasi ein MigrantInnen-Friedhof; dort befinden sich die Schutzhäuser des organisiserten Verbrechens. Letztes Jahr bekamen wir eine Todesdrohung. Eigentlich fast jedes Jahr. Letztes Jahr habe ich den Tod eines Migranten angezeigt. Danach bekamen wir einen Anruf, und man drohte, man werde uns umbringen. Es kommt oft vor, dass man droht, uns zu töten oder wenigstens zu verprügeln.

Haben Sie einen Leibwächter?

Nein, aber innerhalb der Organisation haben wir die Absprache, niemals allein unterwegs zu sein oder andere leichtsinnige Dinge zu tun.

Wie viele Mensche kommen an einem Tag in die Posada Belén?

Etwa 200. Aus Nicaragua, El Salvador, Honduras und Guatemala. Pro Woche kommen zwischen 400 und 600. 70 Prozent stammen aus Honduras. Ich spreche hier von Jugendlichen zwischen 13 und 18 Jahren.

Kommen auch Kinder?

Ja, auch. Zur Zeit haben wir auch Babys. Zu Weihnachten kamen fünf Familien; das Thermometer zeigte gerade fünf Grad unter null. Sie kamen aus La Ceiba, das ist in Honduras. Die Babys waren nur fünf Monate alt. Und Kinder gibt es auch. Im Moment wohnen 15 Frauen hier.

Kommen die Kinder unbegleitet?

Manchmal ja, aber die Mehrheit kommt mit ihren Eltern. Aus Guatemala kam eine ganze Familie, Vater, Mutter und drei Kinder.

Wie lange bleiben sie in der Herberge?

Schauen Sie mal, Saltillo ist die letzte Station vor der Grenze, die allerletzte Oase. Zu uns kommen die Entführten, die Geschlagenen, die zum Schweigen Gezwungenen. Unser Haus bietet die letzte Gelegenheit, sich zu erholen. Wir bieten Betreuung in verschiedenen Bereichen: gesundheitliche, rechtliche, psychologische und humanitäre Betreuung. Hier in Santillo werden die Regeln der Toleranz über den Haufen geworfen. Wir sagen nicht, dass jemand drei oder fünf Tage bleiben darf. Unser gesamtes Team begutachtet die Situation der Migrant*innen und entscheidet dann, ob sie einen Monat bleiben können. Derzeit lebt ein Mann bei uns, der sehr krank ist. Wir können und wollen ihn nicht vor die Tür setzen. Er hat sein Gedächtnis verloren. Wir nehmen an, dass er aus Honduras stammt, aber er hat weder dort noch in den USA Angehörige. Er wurde geschlagen. Fast täglich sieht es so aus, als würde er sterben. Er leidet unter schweren Herz- und Lungenproblemen. Es wird noch ein Jahr dauern, bis er gesundheitlich wieder stabil ist. Wer zu uns kommt, wird vom gesamten Team begutachtet, und wir entlassen jemanden erst, wenn er oder sie sich vollständig erholt hat.

Kommt La Bestia auch nach Santillo? Fährt er durch Coahuila? La Bestia ist der Todeszug für Migrant*innen ohne Papiere.

La Bestia fährt bis Veracruz und verbindet sich dort mit anderen Zügen. Hierher fährt ein Zug der Gesellschaft Kansas, die ihren Sitz im Bundesdistrikt hat. Aber die Mehrzahl kommt im Zug an, das heißt, sie verlassen La Bestia und steigen in Züge anderer Gesellschaften. Sie alle reisen, ähnlich wie in La Bestia, versteckt in den Waggons.

Könnten Sie mir bitte erklären, was mit den “Vier verfluchten Territorien des Terrors” gemeint ist?

Ja. Wir unterteilen das mexikanische Staatsgebiet in Territorien des Terrors. Dabei berücksichtigen wir, wo die blutigsten Angriffe auf Migrant*innen stattgefunden haben. Das gefährlichste Gebiet ist der Südosten: das Dreieck des Todes. Chiapas, Tabasco, Veracruz und Oaxaca. Hier fanden zahlreiche Entführungen und Angriffe auf Migrant*innen statt. Dann kommt der Hauptstadtdistrikt. Hier sind es Vertreter*innen der Bundesregierung, die Jagd auf Migrant*innen machen und sie aus der Region vertreiben wollen, die ihnen auflauern, wenn sie aus dem Zug steigen, um sie zu verprügeln und zu erpressen. Dann kommt der Bundesstaat Guanajuato in der Mitte des Landes. Hier sind besonders zwei Städte zu nennen: Escobedo und Salamanca. Wer es schafft, diese beiden Orte zu durchqueren und lebend zu verlassen, über den hat Gott seine schützende Hand gehalten. Im Nordosten haben die letzten Massaker stattgefunden. Hier tummelt sich die elitäre Variante des organisierten Verbrechens: Banker, Großgrundbesitzer*innen, Regierungsvertreter*innen, Polizei. Fast alle Machtbereiche sind korrumpiert. Was ich damit sagen will: Die gesamte Zugstrecke ist eine Art Todesroute für Migrant*innen. Es würde mich sehr freuen, wenn entlang der Strecke mehr Casas del Migrante entstünden.

Haben Sie mit Ihrer Herberge schon einmal entführte Migrant*innen gerettet?

Zu uns kommen die, denen es gelungen ist zu fliehen sowie diejenigen, die in der Lage waren, das Lösegeld zu zahlen. Einmal haben wir versucht, jemanden zu retten, aber die meisten kommen tatsächlich zu uns. Auch wenn sie für ihre Freilassung bezahlt haben, wurden sie geschlagen, gefoltert, verstümmelt.

Diese Frage steht noch auf meinem Zettel, Aber eigentlich haben Sie sie im Laufe des Gesprächs schon beantwortet. Ich wollte wissen, ob die Behörden am Menschenhandel mit Migrant*innen beteiligt sind.

Auf jeden Fall. Die 72 Menschen die beim San-Fernando-Massaker starben, wurden im Süden entführt. Sie wurden vom Entführungsort 2.500 bis 3.000 km weit weg verbracht und mussten Hunderte Polizeisperren passieren. Nie wurde irgendetwas bemerkt, die Konvois konnten einfach durchfahren. Wer weiß, wer dafür bezahlt hatte. Wie sind sie bis San Fernando durchgekommen? Das Gebiet weist eine hohe militärische Dichte auf. Niemand schafft es, sich unbemerkt an der Bundespolizei vorbeizudrücken, zumindest nicht die Warentransporte. Wie kommt es also, dass der Konvoi mit 72 Migrant*innen niemandem auffiel? Die Entführer müssen ihre Komplizen gehabt haben.

Es ist eine riesige Organisation, in der alle mit drinhängen, Taxifahrer*innen. PolizistInnen…

Genau. Lebensmittelhändler, Hotelbesitzer, Regierungsmitarbeiter, Polizisten auf regionaler und auf staatlicher Ebene, Leute aus der Gemeinde, die an den Migrant*innen verdienen wollen und mitmischen. Deshalb versuchen wir von der Casa del Migrante dafür zu sorgen, dass sie nicht von anderen Häusern abgegriffen werden, wo man sie erpresst und verschwinden lässt.

Können Sie mir sagen, was die Procuraduría General de la República (PGR), also die mexikanische Generalstaatsanwaltschaft tut?

Die PGR, oh mein Gott. Ich wüsste gerne, warum die Verständigung zwischen uns so gar nicht hinhaut. Wir sind zur PGR gegangen, weil wir Berichte über Entführungen haben wollten, und sie gaben uns nicht einen einzigen. Padre Solalinde hat mir genau das erzählt, dass die PGR nicht einmal die Berichte herausgibt. Dabei sind es recht überarbeitete beschönigende Berichte.

Wie verhält sich Peña Nieto dazu?

Hören Sie mir bloß mit dem auf. Der hat sich noch nie für das Thema Migration interessiert. Dieser Typ wurde von seiner Partei gekauft. Seine Aufgabe ist lediglich, den Machtbereich zurückzugewinnen, den seine Partei in den vorangegangenen Jahren verloren hat. Die PRI.

Migrant*innen stehen bei ihm nicht auf der Tagesordnung, nicht einmal als Miniprogrammpunkt.

Nein, sie stellen kein vorrangiges Thema dar. Sie haben keine kennzeichnende Bedeutung, wie wir sagen würden.

Wie sieht es mit Visa für Migrant*innen aus?

Das ist ein ziemliches Problem, denn mit den Visa wird sparsam umgegangen. Visa aus humanitären Gründen, wie wir sie täglich erleben, oder andere Visa, die die Regierung und die Einwanderungsgesetzgebung vorschreiben, sind sehr teuer, und diese Leute haben ja kaum genug zum Essen. Sie müssen über einen guten Ruf und ausreichend Geld verfügen. Wann aber sollten diese Leute jemals solche Summen aufbringen können, wo sie doch schließlich genau aus wirtschaftlichen Gründen das Land verlassen wollen? Deshalb sage ich, dass mit den Visa sparsam umgegangen wird.

In Coahuila wurden kürzlich 300 Leichen gefunden, was war dort passiert?

Ja, im Norden. Stellen Sie sich vor, das sind ein paar kleine Ortschaften mit weniger als 6.000 Einwohnern, und dort befindet sich ein riesiges Zetas-Nest. Vor drei Jahren starben dort bei einem Massaker mindestens 300 Personen. Als die Massengräber auftauchten, war von der Regierung nichts mehr zu hören. Sehr schlau. Auch unsere Bewegung der Angehörigen der Vermissten hat die Beziehungen zur Regierung abgebrochen. Wir fanden ihre Haltung insgesamt sehr unehrlich. Besonders missfallen hat uns, dass sie die sterblichen Überreste nicht mit Sorgfalt behandeln, so wie wir es gefordert hatten, um eine weitere Feststellung der Identität der Toten nicht zu gefährden. Stattdessen haben sie die Knochen und die Überreste mit Maschinen zerstören lassen, so dass nun keine Identifikation mehr möglich ist.

Waren Migrant*innen dabei?

Ich glaube, die Mehrzahl sind Mexikaner*innen aus der Region, die sich dem organisierten Verbrechen in den Weg stellen wollten.

Was fühlen Sie als Mensch und als Mann angesichts dieser menschlichen Tragödie? Denn den Migrant*innen bleibt nichts, nicht ihr Ursprungsland, kein Ort, der die Durchreise gestattet, und keinen Ankunftsort, der das Ende ihrer Reise kennzeichnen würde.

Mexiko ist Ausgangsort, von hier aus findet Vertreibung statt, es ist Durchgangsstation, Endpunkt und Ort der Rückkehr. Viele Migrant*innen, die in unser Haus kommen, sind bereits zum fünften Mal bei uns. Sie kommen wieder und wieder. Mexiko hat sich für sie zum Zielort entwickelt. In Monterrey und in Saltillo haben wir Ansiedlungen von Menschen, überwiegend aus Honduras, die dort nach Arbeit suchen. Sie möchten nicht mehr zurück in ihr Land, sei es, weil sie Angst haben, weil sie dort nur Elend erwarten würde oder weil sie ihren Familien nicht mehr unter die Augen treten möchten. Ihre einzige Hoffnung ist nun, in Mexiko bleiben zu können und irgendeinen schlecht bezahlten Job zu ergattern.

Hier haben wir ein großes Problem. Da sie arm sind und relativ schutzlos leben, ist es für das organisierte Verbrechen ein Leichtes, sie zu rekrutieren und zu Auftragstätern zu machen. Oft tun sie sich mit Kriminellen zusammen und verpflichten sich, gegen ihre eigenen Landsleute Gewalt auszuüben. Nicht weniger Honduraner*innen sitzen im Gefängnis, weil sie für Geld oder für Drogen einen Mord begangen haben.

Waren Sie in Honduras?

Ja, aber gebracht hat es nichts. Die Militärs stellen einfach eine ziemliche Übermacht dar. Sie leben von den Steuergeldern und besetzen alle Machtpositionen. Die Justizministerin meinte, da könne man nichts machen, der Chef der Einwanderungsbehörde sei beim Militär. Auch die allgegenwärtige Gewalt und Korruption sind erschreckend.

Und die Konsuln der mittelamerikanischen Länder hier in Mexiko?

Ja ich habe mit ihnen gesprochen…

–sein Tonfall verändert sich merklich, er klingt sehr enttäuscht, als er auf die Konsulate zu sprechen kommt-

…ich habe mich sogar an die Botschafter gewandt. Der Botschafter von Guatemala ist eine unglaubliche Flasche. Ich war mit ihm in Mexiko im Senat. Ich habe ihn gefragt, ob er nach San Fernando reisen würde, an den Ort, an dem 72 Menschen ermordet wurden. Er meinte: “Ach nein, das ist doch so weit…” Die Konsulin von Honduras habe ich mit Ach und Krach dazu bringen können, hierher zu kommen und mit den Migrant*innen zu sprechen, aber statt sich mit den Nöten der Leute zu befassen, erklärte sie, sie habe ein großes Problem mit ihrem Haus, sie habe kein fließendes Wasser, und die Klimaanlage sei auch ausgefallen. Dann kam der Botschafter aus Honduras, und auch er hatte nur Blödsinn zu erzählen. Mit dem Botschafter aus Nicaragua hatten wir dann Streit, denn er fand, Nicaragua sei ein super entwickeltes Land, zum Auswandern gebe es keinen Grund. Also habe ich ihn gefragt, wieso dann eine Million Menschen aus Nicaragua in Costa Rica leben.

Padre, möchten Sie noch etwas hinzufügen?

Nein, lassen wir das jetzt, es ist zu traurig, um immer weiter davon zu reden.

Ich nehme mir Ihren Satz zu Herzen, den Sie über die Migrant*innen gesagt haben: Bereits zu Lebzeiten ist ein Migrant ein Toter, den nicht einmal ein ordentliches Begräbnis erwartet. Herzlichen Dank für das Gespräch und für Ihre unermüdliche Kampfbereitschaft.

Gern geschehen. Ihnen alles Gute und Gottes Segen.

CC BY-SA 4.0 „Ein Migrant ist ein Toter ohne Namen“ von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.


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