Brasilien

Prozess gegen Folterer abgebrochen


(Rio de Janeiro, 24. September 2008, púlsar).- Der Prozess gegen den Ex-Militär und Folterer während der brasilianischen Militärdiktatur, Carlos Alberto Brilhante Ustra, wurde von der Justiz in São Paulo aus formalen Gründen abgebrochen. Es ist der bisher einzige Prozess gegen einen brasilianischen Militär wegen dieser Art von Verbrechen. Um das geltende Amnestiegesetz von 1979 zu umgehen, streben die beiden klagenden Familien weder eine strafrechtliche Verurteilung noch Schadenersatzzahlungen an. Es geht ihnen vorerst lediglich darum, Ustra offiziell als Folterer bezeichnen zu dürfen. Einer der Kläger ist die Familie des Journalisten Luiz Eduardo Merlino, der 1971 von Ustra und seinen Schergen im Alter von 23 Jahren zu Tode gefoltert wurde.

Die Justiz annulierte den Prozess mit Hinweis auf formale Fehler der Anklage. Der Anwalt der Familie Merlino, Fábio Konder Comparato, sagte hingegen, dass die Verteidigung möglicherweise gefälschte Dokumente vorgelegt habe. Dies könne eine weitere Klage wegen Urkundenfälschung nach sich ziehen.

Ustra kommandierte von 1970 bis 1974 die Geheimdienstabteilung Doi-Codi in São Paulo, eine der wichtigsten Repressions- und Foltereinrichtungen des Bundesstaates und im ganzen Land berüchtigt. Diese Zeitspanne gilt als die Hochzeit der Repression seitens des Militärregimes. Bislang liegen 502 Anklagen vor, die sich auf Folterungen unter der Regie von Ustra beziehen.

CC BY-SA 4.0 Prozess gegen Folterer abgebrochen von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.


Das könnte dich auch interessieren

Mexiko: Historische Lügen im Fall Ayotzinapa (Mexiko-Stadt, 20. März, npl).- Mexikos Regierung steht wegen des Falls der verschwundenen 43 Studenten erneut unter internationalem Druck. Ein jüngst veröffentlichter Bericht der UN-Menschenrechtskommission kommt zu dem Schluss, dass mindestens 34 der in der Tatnacht festgenommenen Verdächtigen gefoltert wurden. Die UNO stellt damit die von den mexikanischen Strafverfolgern vertretene Version vom Verlauf der Tatnacht grundsätzlich in Frage. Die Regierung zeigte sich „befremd...
Warum bloß immer noch … Colonia Dignidad? Colonia Dignidad – dieser Name ist bis heute ein Synonym für religiösen Fanatismus, Ausbeutung, sexuellen Missbrauch, Mord – und leider auch für Straflosigkeit. Die Opfer der Anfang der 1960er Jahre vom deutschen Laienprediger Paul Schäfer gegründeten Sektensiedlung im Süden Chiles kämpfen bis heute für Gerechtigkeit. Doch langsam scheint sich etwas in der deutschen und chilenischen Politik zu tun.  Audio-Slideshow über Opfer, Täter und Hintergründe.
Komplizen der Militärdiktatur? Die Rolle von VW do Brasil und Mercedes Benz Argentina Lúcio Bellentani aus Brasilien und Héctor Ratto aus Argentinien teilen ein ähnliches Schicksal. Beide Männer waren in den 1970er Jahren gewerkschaftlich und politisch aktiv und wurden deshalb unter den Militärdiktaturen ihrer Länder gefangengenommen und schwer gefoltert. Brisantes Detail: ihre damaligen Arbeitgeber – VW do Brasil und Mercedes Benz Argentina – haben mit den Repressionsorganen des Staates eng zusammengearbeitet. Die Tochterunternehmen deutscher Autobauer liefer...
Bundesstaat Coahuila: Morde, Verschwindenlassen und Folter sollen vor den Internationalen Strafgerichtshof (Mexiko-Stadt/Berlin, 23. Juli 2017, poonal).- Am 6. Juli übergab die Internationale Föderation für Menschenrechte FIDH (International Federation for Human Rights) gemeinsam mit mehr als 100 mexikanischen Organisationen dem Internationalen Strafgerichtshof in den Haag (IStGH) einen detaillierten Bericht* über die schwerwiegenden Verbrechen, die zwischen 2009 und 2016 im mexikanischen Bundesstaat Coahuila (im Nordosten des Landes an der Grenze zu Texas) begangen wurden. FIDH u...
Wir dokumentieren: Berufungsgericht verhängt Haftstrafen gegen Mitglieder der Colonia Dignidad Von FDCL (Pressemitteilung) (Santiago de Chile, 12.04.2017, FDCL).- Die chilenische Justiz hat gestern in zwei wichtigen Urteilen Haftstrafen gegen Mitglieder der Colonia Dignidad und des Diktatur-Geheimdienstes DINA verhängt. Die erste Kammer des Berufungsgerichts Santiago sprach auch den Opfern, bzw. ihren Angehörigen Entschädigungssummen zu. Im Fall der Entführung und Ermordung des Mitglieds der Bewegung der Revolutionären Linken (MIR) Alvaro Vallejos (AZ 1051-20...

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.