Brasilien

Protest gegen Räumung für Olympia in Brasilien


von Christian Russau

Vila Autodromo / Cintia Barenho, CC BY-NC-SA 2.0, flickr(05. März 2013, amerika21.de).- D‪ie Bewohner*innen der Siedlung Vila Autódromo in Rio de Janeiro setzen sich weiter gegen ihre Zwangsräumung ein. In einer am 28. Februar veröffentlichten Erklärung des Zusammenschlusses von Bewohner*innen, Fischer*innen, Freundinnen und Freunden der Vila Autódromo protestierten sie öffentlich gegen die Pläne der Stadtregierung, ihren angestammten Wohnplatz im Stadtteil Jacarepaguá in der West-Zone Rio de Janeiros im Rahmen einer Public-Private-Partnership zum Immobilien-Erschließungsgebiet zu erklären.

Vila Autódromo soll Olympiapark weichen

Sie wandten sich zudem gegen die Absicht der Behörden, auf dem Gelände der Vila Autódromo den geplanten Olympiapark für die 2016 in Rio de Janeiro stattfindenden Olympischen Spiele zu errichten.

Anlass der Proteste der Bewohner*innen war der zeremonielle Besuch des im Bau befindlichen Wohnblocks, in den die Behörden die Bewohner*innen der Vila Autódromo zwangsweise umsiedeln wollen, durch Rios Bürgermeister Eduardo Paes.

In der Wohnsiedlung Vila Autódromo leben bis zu 500 Familien, die vor 20 Jahren ein ungenutztes Terrain am Ufer der Lagune von Jacarepaguá besetzt hatten. Seither zogen vermehrt Personen dort hin, die Zahl der Parzellen und der Bewohner*innen stieg in den folgenden Jahren merklich an.

Protestschreiben an das IOC

Wohnhaus in der Vila-Autodromo / CatComm-ComCat-RioOnWatch / CC BY-NC-SA 2.0, flickrDie Vila Autódromo wurde von den Behörden 2005 zu einem Gebiet von besonderem sozialen Interesse erklärt. Auch hatten die Behörden jahrelang Bewohner*innen anderer Regionen, die geräumt wurden, angewiesen, sich in der Vila Autódromo niederzulassen. Der Großteil der Parzellen der Vila Autódromo ist mittlerweile legalisiert, die Bewohner*innen verfügen über legale Nutzungsrechte.

Ungeachtet dessen treiben Politik und Behörden von Rio de Janeiro die Zwangsumsiedlung der Bewohner*innen voran. Die Präfektur begründete die Räumungsdrohung wiederholt mit Verweis auf eine entsprechende Forderung des Olympischen Komitee IOC. Als Antwort haben die Bewohner*innen mit Unterstützung der Staatsanwaltschaft für Bürgerbelange einen Brief an das Internationale Olympische Komitee (IOC) verfasst, in der ausführlich für das Fortbestehen der Vila argumentiert wird.

„Phantastischer Vorwand, um Rio zu ändern“

Vila Autodromo: Polizeikette bei Protesten vom 20. Juni 2012 / Cintia-Barenho, CC BY-NC-SA 2.0, flickrBürgermeister Paes hat indessen bereits vor Jahresfrist im Gespräch mit der BBC eingestanden, “die Olympischen Spiele sind ein phantastischer Vorwand, um Rio zu ändern”.

Kritiker*innen der Stadtumstrukturierungspolitik in Rio verweisen mit Nachdruck auf die mit dem Umbau der Stadt und der Immobilienspekulation einhergehenden sozialen Folgen, wie Mietsteigerung und Vertreibung.

Der brasilienweite Zusammenschluss der lokalen Basiskomitees aller Ausrichterstädte der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 (einschließlich Rio de Janeiro als Ausrichterin der Olympischen Spiele 2016) schätzt, dass in ganz Brasilien wegen Weltmeisterschaft und Olympia rund 170.000 Personen von Räumungen bedroht sind und damit ihr Recht auf Wohnen verletzt oder bedroht wird.


Das könnte dich auch interessieren

Trotz Friedensprozess: Vertreibungen in Kolumbien gehen weiter (Caracas, 10. März 2017, telesur).- Obwohl der Friedensprozess in Kolumbien weiter voranschreitet, gehen die Vertreibungen weiter. Das teilte das UN-Flüchtlingskommissariat UNHCR am 10. März mit. Tausende Menschen mussten aufgrund des internen Konflikts fliehen; die häufigsten Opfer sind afrokolumbianische und indigene Gemeinschaften. „Nach dem Friedensabkommen mit der FARC-EP hat sich die Guerilla aus den Zonen zurückgezogen, die sie vorher kontrollierten. Nachdem die Arm...
Nach Olympia: Rio ist pleite, die Stimmung schlecht – und die Gewalt zurück Von Andreas Behn (Rio de Janeiro, 04. Dezember 2016, npl).- Wer heute noch den olympischen Geist in Rio de Janeiro sucht, findet ihn auf der neuen Flaniermeile im Stadtzentrum. Bewohner*innen wie Tourist*innen haben den knapp drei Kilometer langen Olympia-Boulevard am früher gar nicht zugänglichen Ufer der Baia de Guanabara ins Herz geschlossen. Während der Rest des Zentrums nach Arbeitsschluss und an Wochenenden meist verwaist, tobt am einstigen Boulevard Olímpico das...
Guerrero: Das organisierte Verbrechen als bewaffneter Arm der Bergbauunternehmen Von Hermann Bellinghausen (Mexiko-Stadt, 5. November 2016, La Jornada).- Im Gebirge von Guerrero, zwischen den Regionen Costa Grande und Tierra Caliente sind Dutzende von Dörfern und Ejido-Siedlungen verlassen oder befinden sich in der Gewalt des organisierten Verbrechens. Sie sind praktisch menschenleer, abgesehen von den Bewohner*innen, die akzeptierten oder gezwungen wurden, für die Kriminellen zu arbeiten. Manuel Olivares, Leiter des Regionalen Menschenrechtszentru...
Kriminelle Umweltzerstörung im Nordwesten Mexikos Von Victor M. Quintana (Mexiko-Stadt, 6. Mai 2016, la jornada).- Nicht jeden Tag genießt man ein solches Vorrecht. Die pastoralen Mitarbeiter*innen der Diözese der Sierra Tarahumara, einer Gebirgsregion im Nordwesten Mexikos, luden mich zu ihrer Versammlung zum Thema Seelsorgeplan der Diözese ein. Die Dynamik dieser großen Gruppe, die sich aus Laien, Nonnen, Mönchen und Priestern zusammensetzt, erregte meine Aufmerksamkeit. Anfang des Jahres hatten sie einen Seelsorgep...
Protestcamp in der argentinischen Provinz Feuerland gewaltsam geräumt (Montevideo, 01. Juni 2016, la diaria).- Vor mehr als drei Monaten hatten Beamt*innen, überwiegend Lehrer*innen, in der Provinzhauptstadt Ushuaia vor dem Sitz der Landesregierung ein Camp errichtet, um gegen Rentenreformen zu protestieren. Die Reformen hatte die Chefin der Regionalregierung, Rosana Bertone, auf den Weg gebracht. Am vergangenen Dienstag wurde das Camp von der Polizei geräumt. Bei dem in den frühen Morgenstunden begonnenen Einsatz wurden mehrere Arbeiter*innen ...

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.