Poonal Nr. 765


Deutsche Ausgabe des wöchentlichen Pressedienstes lateinamerikanischer Agenturen vom 15. Mai 2007

Inhalt


MEXIKO

GUATEMALA

NICARAGUA

KOLUMBIEN

ECUADOR

PERU

BRASILIEN

CHILE


MEXIKO

Eilaktion für Menschenrechtsverteidigerin aus Oaxaca

(Mexiko-Stadt, 9. Mai 2007, cimac-poonal).- Das Observatorium zumSchutz von Menschenrechtsverteidigern, ein gemeinsames Programm der Weltorganisation gegen Folter OMCT (Organización Mundial contra la Tortura) und der Internationalen Menschenrechtsföderation FIDH (Federación Internacional de Derechos Humanos), startete eine Eilaktion zum Schutz von Aline Castellanos Jurado. Die Organisation fordert von den mexikanischen Behörden sofortige und ausreichende Maßnahmen, um die Sicherheit und die körperliche sowie psychische Unversehrtheit der Menschenrechtlerin zu gewährleisten. Unbekannte waren in das Haus von Aline Castellanos eingedrungen, hatten es durchsucht und Gegenstände entwendet. Castellanos ist Mitarbeiterin des Konsortiums für den parlamentarischen Dialog und die Gleichheit in Oaxaca-Stadt.

Der Einbruch hatte am 28. April stattgefunden, während Castellanos, die auch die ehemalige Präsidentin der Mexikanischen Menschenrechtsliga LIMEDDH ist, an der Abschlussveranstaltung des Treffens „Frauen im Widerstand“ teilgenommen hatte. Das Treffen zwischen Feministinnen und Frauen aus sozialen Bewegungen war von mehr als 40 Frauen- und Menschenrechtsgruppen organisiert worden.

Um Mitternacht war Castellanos nach Hause zurückgekehrt und hatte dann den Einbruch bemerkt. Die Einbrecher waren wahrscheinlich durch eines der offenen Fenster eingestiegen. Die persönlichen Gegenstände in ihrem Zimmer waren durchwühlt und ihr Pass sowie 29.000 mexikanische Pesos (ca. 2.000 Euro) waren verschwunden. Aufgrund der Sorge, dass diese Aktionen sich auch gegen ihre körperliche Unversehrtheit oder ihr Leben richten könnte, musste Castellanos Jurado ihren bisherigen Wohnsitz aufgeben.

Das Observatorium erinnert daran, dass dies innerhalb von zwei Jahren bereits der dritte Einbruch bei Castellanos gewesen ist. Die Menschenrechtsorganisation befürchtet, dass die Einbrüche und Durchsuchungen in Verbindung mit ihrer Tätigkeit als Menschenrechtsverteidigerin stehen. Zudem ist erneut ein Haftbefehl gegen Castellanos offen. Ihr wird „schwerer Raub“ vorgeworfen, den sie am 1. August 2006 in den Einrichtungen der Radio- und Fernsehkooperation in Oaxaca CORTV (Corporación Oaxaqueña de Radio y Televisión) begangen haben soll. Gegen den Haftbefehl wurden bereits zwei Verfassungsbeschwerden eingelegt, denen stattgegeben wurde. Der Richter des Gerichtsbezirks Etla hat nun jedoch aufgrund der selben Vorkommnisse einen neuen Haftbefehl ausgestellt.

Das Observatorium betont, dass die Angriffe auf Castellanos Jurado Teil einer Serie von Angriffen, Einschüchterungen, Verleumdungen und Verfolgungen sind, denen derzeit Verteidiger und Verteidigerinnen von Menschenrechten im Bundesstaat Oaxaca ausgesetzt sind. Aufgrund dieser Situation fordert das Observatorium ein Ende aller Formen von Belästigung und Einschüchterung, die gegen Menschenrechtsverteidiger in Mexiko und speziell in Oaxaca gerichtet sind. Sie fordern in diesem Zusammenhang die Einhaltung der von Mexiko unterzeichneten internationalen Verträge und Abkommen.

Atenco: Demonstration für die Freilassung der Gefangenen

(Mexiko-Stadt, 13. Mai 2007, poonal-púlsar).- Mitglieder derBauernorganisation FPDT (Frente de Pueblos en Defensa de la Tierra) aus San Salvador Atenco, der Volksversammlung aus Oaxaca APPO (Asamblea Popular de los Pueblos de Oaxaca), sowie Anhänger der zapatistischen „Anderen Kampagne“ und Student*innen demonstrierten am vergangenen Samstag (12. Mai) in Mexiko-Stadt. Sie forderten die Freilassung der 29 Personen, die nach ihrer Festnahme bei den brutalen Polizeiübergriffen am 3. und 4. Mai 2006 in San Salvador Atenco noch immer in Haft sind. Zudem forderten sie die Annullierung der Urteile für Ignacio del Valle Medina, Felipe Alvarez Hernández und Héctor Galindo Gochicua. Die drei FPDT-Anführer wurden am 5. Mai 2007 jeweils zu einer Haftstrafe von 67 Jahren und sechs Monaten verurteilt. Sie wurden der vorsätzlichen Freiheitsberaubung von zwei Staatsbeamten zwischen Februar und April 2006 für schuldig befunden wurden.

Die Präsidentin der Menschenrechtskommission im mexikanischen Senat Rosario Ibarra meinte, dass die Urteile gegen de Valle Galindo und Felipe Álvarez „lediglich ein Versuch sind, die Forderungen der Bevölkerung nach Freiheit und Gerechtigkeit zum Schweigen zu bringen“. Luis Arturo Macías, Direktor des Menschenrechtszentrums Pro Juárez, sagte dass die Gerichtsentscheidung eine Rachebotschaft der Regierung sei. Die Anführer aus Atenco seien nicht aus juristischen, sondern aus politischen Gründen festgenommen und verurteilt worden.

GUATEMALA

Friedensverträge nach zehn Jahren größtenteils noch nicht erfüllt

(Fortaleza, 3. Mai 2007, adital-poonal).- Am 3. Mai ging am Sitz desEuropäischen Parlaments in Brüssel die internationale Konferenz „Zehn Jahre nach den Friedensverträgen in Guatemala: Bilanz und Perspektiven der internationalen Zusammenarbeit“ zu Ende. Eines der Ergebnisse ist die Erkenntnis, dass die vom guatemaltekischen Staat als bindend angenommenen Verträge bislang in ihrem Kern nicht umgesetzt wurden.

Die Friedensabkommen zwischen der Regierung, dem Militär und der Guerillaorganisation Revolutionäre Nationale Einheit Guatemalas URNG (Unidad Revolucionaria Nacional Guatemalteca) wurden im Dezember 1996 unterschrieben. Während des 36 Jahre andauernden Bürgerkrieges waren 200.000 Menschen gestorben. Die Verträge sollten die Grundlage eines Prozesses sein, der Guatemala in eine demokratischere, gerechtere und weniger ausschließende Zukunft führen sollte. Dafür wäre eine Entwicklung notwendig gewesen, die eine gerechtere Verteilung der Einkommen sowie die Achtung der Menschenrechte fördert.

Der Direktor des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte in Guatemala, Anders Kompass, sagte während der Konferenz, dass Guatemala speziell in den Bereichen der sozialen Gleichheit und des Rechtsstaates noch gravierende Probleme aufweise. Auch sei das Problem des Rassismus im Land keineswegs überwunden. Trotz der negativen Einschätzungen wurden auch einige Erfolge herausgestellt: die Durchführung friedlicher Wahlen, die politischen Debatten, die größere Kontrolle über das Militär sowie die Beteiligung der Zivilgesellschaft an Themen von öffentlichem Interesse. Dem Vize-Präsident des
Europäischen Parlaments, Miguel Ángel Martínez, zufolge, „enthält die Schlussbilanz auch einige Erfolge, obwohl die Enttäuschungen überwiegen“.

Der Vorsitzende der guatemaltekischen Bischofskonferenz, Alvaro Ramazzini, stellte die Verwendung von 236 Mio. Euro in Frage, die die Europäische Kommission für Strukturreformen sowie für die Umsetzung der Friedensverträge auf lokaler Ebene zur Verfügung gestellt hatte. Diese Mittel hätten keine sichtbaren Verbesserungen für die Bevölkerung gebracht. „Obwohl die Zahlen von einem Wirtschaftswachstum sprechen, ist dieses nicht allen Menschen gleichermaßen zu Gute gekommen“, sagte Ramazzi.

Die Teilnehmer*innen sprachen der Europäischen Kommission die Empfehlung aus, die Gelder unter dem Gesichtspunkt der Einhaltung ökonomischer, sozialer und kultureller Rechte zu verteilen; ebenso wurde die EU gebeten, die Zivilgesellschaft in die politischen Dialoge und bei der Definition der Strategien der Zusammenarbeit mit einzubeziehen.

Es wurden auch verschiedene Untersuchungen diskutiert, die den Grad der Umsetzung der Verträge in den Bereichen Justizreform, indigene Rechte und Agrarreform zum Fokus hatten. In seiner Studie über Identität und indigene Rechte sowie die Zusammenarbeit mit der EU auf diesem Gebiet, kommt der Anthropologe Abrahan Ba Tiul zu dem Ergebnis, dass die Verträge „formal“ erfüllt würden, sich jedoch strukturell nichts geändert habe. „Die Macht- und Kontrollstrukturen über die Gemeinschaften sind noch intakt“. „Die Anerkennung indigener Identitäten auf der Grundlage einer multikulturellen Vision kann nicht gefördert werden, wenn auf der einen Seite ein ausschließender und rassistischer Staat steht, der nicht einmal die minimalsten Menschenrechte achtet, und auf der anderen Seite die Indígenas keine wirklichen Subjekte des demokratischen Wandels sind“, so die Schlussfolgerungen seiner Untersuchung.

Denis Martínez analysierte die Justizreform und die Restrukturierung der Polizei und kam dabei zum Ergebnis, dass „trotz der Tatsache, dass eine Reihe spezifischer Punkte umgesetzt worden ist, dennoch davon auszugehen ist, dass die Justizreform ihr wichtigstes Ziele nicht erreicht hat: Mehr Sicherheit und mehr Gerechtigkeit für die Bevölkerung“. In den letzten zehn Jahren seien 39.315 Menschen gewaltsam ums Leben gekommen und die Sicherheitskräfte würden nicht effizient arbeiten. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass selbst die Geldgeber für die Umsetzung der Friedensverträge „in Bezug auf die Ziele und die Proportionalität der investierten Summen von einem Fehlschlag ausgehen“.

Der UN-Hochkommissar Anders Kompass fürchtet um die demokratische Zukunft des Landes. Seiner Meinung nach befinde sich das Land an einem Scheideweg: Entweder würden Anstrengungen unternommen, um den Frieden aufzubauen, oder die Praktiken der Vergangenheit würden wieder aufgegriffen. Angesichts dessen hätte die guatemaltekische Gesellschaft zwei Optionen: den Kampf um Gerechtigkeit und Demokratie oder die Rückkehr zu den Hardlinern und ihren Aufstandbekämpfungsstrategien.

NICARAGUA

Ärzteverband fordert Wiedereinführung des Rechts auf Abtreibung

(Buenos Aires, 10. Mai 2007, púlsar).- Ein Ärzteverband mitrund 3.000 Mitgliedern unterstützt ausdrücklich die Forderung der Gynäkologenvereinigung, Abtreibungen aus medizinischen Gründen wieder zuzulassen. Seit dem Jahr 1891 war diese Form des Schwangerschaftsabbruchs in Nicaragua legal. Im Oktober 2006 hat das nicaraguanische Parlament das Recht auf die so genannte therapeutische Abtreibung jedoch abgeschafft. Miguel Sáenz, Vorstandsmitglied der Ärztevereinigung Pro Salario, erklärte gegenüber der lokalen Presse, dass  die Ärzte nicht damit einverstanden seien, dass die Abtreibung aus medizinischen Gründen unter Strafe gestellt wurde.

Kurz vor den Präsidentschaftswahlen und unter massivem Druck der katholischen Kirche wurde das Recht, straffrei Abtreibungen aus medizinischen Gründen vorzunehmen am 26.Oktober 2006 von der Mehrheit der Parlamentsabgeordneten zurückgenommen. Nur wenige Tage danach unterzeichnete der damals noch amtierende Präsident Enrique Bolaños den Parlamentsbeschluss. Damit wurde auch festgelegt, dass Verstöße gegen das neue Gesetz mit bis zu sechsjährigen Haftstrafen geahndet werden.

Bis dahin waren Abtreibungen zulässig gewesen, wenn die Schwangerschaft eine Gefahr für das Leben der Mutter darstellte oder Resultat einer Vergewaltigung oder von Inzest war. Nicht nur die Ärzte lehnen die Gesetzesänderung vom letzten Oktober ab. Auch viele gesellschaftliche Gruppen in Nicaragua sprechen sich gegen das Abtreibungsverbot aus. Diese legten nun Rechtsmittel beim Obersten Gerichtshof ein. Eine Stellungnahme des Gerichtes steht aber noch aus.

KOLUMBIEN

US-Senat friert Militärhilfe ein

(Lima, 2. Mai 2007, na).- Ein Paket verschiedener Hilfszahlungenfür das kolumbianische Militär wurde Anfang April vom US-Senat blockiert. Das US-Außenministerium hatte am 4. April vor dem Kongress Fortschritte des kolumbianischen Militärs bei der Achtung der Menschenrechte beteuert. Dies war die Voraussetzung für die Freigabe von 55,2 Millionen US-Dollar Militärhilfe, die seit 2006 vom Senat blockiert ist. Trotzdem entschloss sich der Senat die Gelder auch weiterhin nicht freizugeben und forderte vom Außenministerium eine Erklärung über die Seilschaften zwischen Paramilitärs und hohen politischen Funktionären in dem Andenstaat. Bereits zum dritten Mal wurde die Auszahlung der Summe verweigert, welche 25 Prozent des Gesamtvolumens der US-amerikanischen Militärhilfe für Kolumbien ausmacht.

Im Februar sah sich die kolumbianische Außenministerin María Consuelo Araújo gezwungen ihren Rücktritt einzureichen, angesichts einer Untersuchung des Obersten Gerichtshofes über die Verbindungen zwischen Abgeordneten der Regierungspartei und Paramilitärs. In dessen Folge wurde der Bruder der Ministerin, der Senator Álvaro Araújo, verhaftet. In den „Skandal der Parapolitik“ waren neun Parlamentarier, Regierungsvertreter, Bürgermeister, Militärs, Unternehmer und Viehzüchter verwickelt.

Die Geheimnisse des Konzerns Chiquita Brands International

Von Susan Abad

(Bogotá, 18. April 2007, na-poonal).- Chiquita Brands International, einer der weltgrößten Bananenkonzerne, wurde am 15. März vor einem US-amerikanischen Gericht der Zahlung von Schutzgeldern an paramilitärische Gruppen in Kolumbien schuldig befunden und zu einer Geldstrafe in Höhe von 25 Millionen US-Dollar verurteilt. Das Urteil hat viele alte Geschichten erneut ins Licht der Öffentlichkeit gerückt, war doch der Chiquita-Konzern bei weitem nicht der einzige in Kolumbien, der sich der Unterstützung der Paramilitärs durch finanzielle Zuwendung versicherte.

Vor dem US-amerikanischen Gericht gab der Bananenkonzern zu, zwischen 1997 und 2004 für die Sicherheit seiner Mitarbeiter und seiner Anlagen  Schutzgelder von insgesamt 1,7 Millionen US-Dollar in etwa 100 Einzelzahlungen an die im Norden des Landes operierenden  paramilitärischen Vereinigten Selbstverteidigungsgruppen AUC (Autodefensas Unidas de Colombia) gezahlt zu haben. „Soweit geht das Zugeständnis von Chiquita vor der US-ame
rikanischen Gerichtsbarkeit. Tatsache ist jedoch, dass die finanzielle Unterstützung der Paramilitärs durch diesen Konzern sowie durch viele andere bereits lange vor 1997 begonnen hatte, und zwar im Rahmen eines staatlich geführten Projekts, das der wirtschaftlichen, politischen und militärischen Neuordnung der Region dienen sollte“, erklärt Gloria Cuartas Montoya.

Cuartas Montoya war zwischen 1995 und 1997 Bürgermeisterin von Apartadó im Verwaltungsbezirk Antioquia und nach eigenen Aussagen „eine unbequeme Frau für die Regierung Álvaro Uribe wie auch für die Bananenkonzerne und die transnationalen Interessen in der Region des Urabá”. „Was sie [die transnationalen Konzerne] wollten, war eine neue Möglichkeit, die Bodennutzung in dieser Region zu kontrollieren. Dahinter steckte eine Allianz des internationalen Kapitals, mit dem Ziel, sich die riesige Mengen an Bodenschätzen in Urabá einzuverleiben. Es ging um den Abbau von Kohle und Nickel sowie um die Gewinnung von Rohöl. Die Bananenpflanzungen waren lediglich das einzige, was nach außen sichtbar wurde. Das gesamte Business stand zudem in enger Verbindung zum Drogenhandel“, erklärt Cuartes.

Die Unterstützung der Paramilitärs durch den Bananenkonzern war jedoch nicht ausschließlich finanziell. Die Ermittlungen der kolumbianischen Staatsanwaltschaft ergaben, dass Chiquita Brands, mittlerweile unter dem Namen Banadex operierend, am 7. Dezember 2001 3.400 Gewehre des Typs AK-47 sowie 4 Millionen Patronen des Kalibers 7.65 transportiert, abgeladen und gelagert hatte. Die Waffen waren für die vom mittlerweile legendären Carlos Castaño geführten Paramilitärs bestimmt. Nach Angaben des Staatsanwalts Mario Iguarán wurden die Waffen aus dieser Lieferung von den Paramilitärs benutzt, um die linksgerichtete Guerilla aus der Region Urabá zu vertreiben, wo Chiquita eine 4.000 Hektar große Bananenplantage unterhielt. „Es war ein verbrecherisches Komplott: Geld und Waffen im Austausch gegen die blutige Befriedung des in Antioquia gelegenen Urabá“, erklärte Iguarán. Cuartas, die ehemalige Bürgermeisterin, ergänzt: „Urabá wurde Schauplatz von Massakern und Ermordungen. Soll das vielleicht ein Zufall sein, dass in nur drei Jahren, zwischen 1995 und 1997, in einem Ort mit 100.000 Einwohnern ganze 1.200 oppositionelle Angehörige sozialer Bewegungen und Gewerkschaften gezielt ermordet wurden?“

Vor ihrer Entwaffnung im Jahr 2004 hatten die paramilitärischen Gruppen blutige Massaker veranstaltet, etliche Morde begangen und zahlreiche Menschen aus ihren Dörfern vertrieben. Doch nicht nur Chiquita werden Beziehungen zu paramilitärischen Gruppen angelastet. Der US-amerikanische Bergbaukonzern Drummond Company Inc., der in der Provinz Cesar das zweitgrößte Tagebau-Werk in Kolumbien betreibt, steht seit vier Jahren in Alabama, USA, wegen der Ermordung von Valmore Locarno Rodríguez, Víctor Hugo Orcasita und Gustavo Soler Mora im Jahr 2001 vor Gericht. Kohlearbeiter der Gewerkschaft Bergbau und Energie (Sindicato Nacional de Trabajadores de la Industria Minera y Energética) beschuldigen den Konzern, Todesschwadrone mit der Ermordung der drei Gewerkschaftsführer beauftragt zu haben.

Unterstützung erhielten die Kläger von Rafael García, einem langjährigen Funktionär des kolumbianischen Geheimdienstes DAS (Departamento Administrativo de Seguridad). Nach eigenen Aussagen wurde García Zeuge, wie ein Mitarbeiter des Drummond-Konzerns einem Paramilitär einen Koffer mit Bargeld übergab und ihn mit der Ermordung der Gewerkschafter beauftragte. García befindet sich seit Mai vergangenen Jahres in Haft. Ihm wird vorgeworfen, Vorstrafen von Paramilitärs aus dem Archiv des DAS gelöscht zu haben.

Auch der Coca Cola-Konzern wurde von der Gewerkschaft der Beschäftigten in der Nahrungsmittelindustrie beschuldigt, von 1995 bis 1996 mit paramilitärischen Gruppen zusammengearbeitet und die Ermordung von sieben Gewerkschaftern in Auftrag gegeben zu haben. Außerdem sollen sie Dutzende kolumbianische Arbeiter aus ihren Dörfern vertrieben haben, zwei sogar bis ins Ausland.

Der Skandal um Chiquita Brands hat auch die Mutmaßungen über Verbindungen des aktuellen Präsidenten Uribe zu paramilitärischen Gruppen wieder ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. „Uribe gründete 1994 als Gouverneur der Provinz Antioquia die berühmte Convivir, die nichts anderes war als eine bewaffnete Miliz der Rechten, die in den Bezirken der Drogenhändler und in den für die großen Konzerne strategisch wichtigen Zonen der Region operierte, wo in jenen Jahren auch die Paramilitärs erheblich an Boden gewonnen hatten. Mit Hilfe von Convivir gelang es Uribe, das herrschende Privatrecht rechtlich abzuschirmen. Das geschah natürlich illegal, nach außen sah man nur die Bewachung der Bananenplantagen und die Volkskommandos“, erklärt Cuartas.

ECUADOR

Wahrheitskommission gegründet

(Buenos Aires, 4. Mai 2007, púlsar).- Der ecuadorianischePräsident Rafael Correa gründete am 3. Mai eine Wahrheitskommission, die mehr als 320 Fälle von Menschenrechtsverletzungen untersuchen soll. Aufgabe der Kommission wird sein, die während der Amtszeit von Präsident León Febres Cordero (1984-1988) registrierten Fälle von Folter, Mord und Verschwindenlassen genau zu untersuchen. Die beauftragten Forscher sollen von Menschenrechtsorganisationen, Vertretern des Innenministeriums und Angehörigen der Opfer unterstützt werden. Die Kommission soll ein Jahr Zeit haben für Zeugenbefragungen.

„Die Wahrheitskommission wird nicht geschaffen, um alte Wunden wieder zu öffnen. Diese Wunden konnten nie verheilen, es sind Geschwüre die nie behandelt wurden“, erklärte Correa. „Es kann keine wirkliche Demokratie geben, wenn wir die Geschwüre einer Gesellschaft, die das Leben missachtete, weiter schleppen“.

PERU

Kokabauern und Regierung vereinbaren Verhandlungen

(Buenos Aires, 8. Mai 2007, púlsar).- Die Kokabauern derperuanischen Region Huánuco werden sich diesen Mittwoch (9.Mai) mit Landespolitikern und lokalen Beamten zu Gesprächen zusammensetzen, um das Problem der Vernichtung der Kokafelder zu lösen. Nachdem Ministerratspräsident Jorge del Castillo Verhandlungsbereitschaft signalisierte, beendeten die Campesinos am Montag ihren dreiwöchigen Streik.

Die Kokabauern fordern die Erfüllung des „Tocache-Protokolls“, das die Regierung zur Eingliederung der Kokabauern und zur zeitweiligen Aussetzung der Zerstörung der Felder verpflichtet. Zudem blockierten Kokapflanzer die Landstraßen in der Region Huánuco. Sie fordern eine neue Politik für die Vermarktung der Kokablätter, die Legalisierung der Pflanze und mehr Unterstützung seitens der Regierung beim Anbau. Die Regierung von Präsident Alan García treibt im Rahmen ihrer Anti-Drogenpolitik die Zerstörung der Kokaanbauflächen voran.

BRASILIEN

Prostituierte machen Mode

(Lima, 2. Mai 2007, na).- Einer der größten Erfolge in derModegeschichte Brasiliens ist das Label Daspu. Seit 2005 auf dem Markt, kann die Marke mit ihren Entwürfen aus verschiedenen Stoffen und Texturen durchaus mit Modelabels aus Paris, Mailand oder New York mithalten. Das Besondere an Daspu ist jedoch, dass die Designerinnen Prostituierte sind und m
it der Nichtregierungsorganisation Davida zusammenarbeiten. Auch der Name Daspu weist auf diesen Zusammenhang hin: „das putas“ (port.) oder „de las putas“ (span.) heißt übersetzt „von den Prostituierten“.

Auf seiner Homepage stellt sich Daspu so vor: „Wir sind Prostituierte und wir mögen modische Kleidung. Wir diskutieren über unsere Modelle, wir entwerfen, wir nähen selbst oder wir geben die Stücke in Auftrag. Wir entwerfen Kleidung „für den alltäglichen Kampf” (auf der Straße und im Haus), Freizeitkleidung (für Strand, Parks und Gärten), Kleidung für Feste, für den Karneval und für Aktive, die sich für Menschenrechte, für die Vorbeugung von Geschlechtskrankheiten und von Aids einsetzen. Männer werden bei uns ebenso wenig diskriminiert wie Frauen, die anderen Berufen nachgehen“.

Laut Gabriela Leite, Direktorin von Davida, will man mit den erwirtschafteten Mitteln gezielt Programme zur Vorbeugung von Geschlechtskrankheiten und Aids finanzieren. Seit seiner Gründung hat Daspu über das Internet und in Geschäften in São Paulo, Rio de Janeiro und Salvador de Bahia 20.000 Kleidungsstücke verkauft, vor allem T-Shirts. Im Juni wollen die Modemacherinnen nach Frankreich reisen, um ihre Kollektion für Damenunterwäsche vorzustellen.

Mehr: www.daspu.com.br

CHILE

Kupfer-Minenarbeiter kündigen landesweite Arbeitsniederlegungen an

(Buenos Aires, 9. Mai 2007, púlsar).- Die 28.000 Subunternehmer,die im Auftrag des staatlichen chilenischen Kupferkonzerns CODELCO (Corporación Nacional del Cobre) arbeiten, kündigten für diese Woche  landesweite Arbeitsniederlegungen an. Grund für den Streik sind die noch ausstehenden Antworten auf die Forderungen der Arbeiter. Sie verlangen die Erfüllung der, im vergangenen Jahr nach einem langen Streik, unterzeichneten Vereinbarungen. Zudem fordern sie die Einhaltung des  Gesetzes für Subunternehmen und eine Sonderzahlung des Konzerns. Der Streik wurde beschlossen, nachdem die Kupfer-Minenarbeiter die Verhandlungen mit dem Konzern als gescheitert betrachteten.

Die für CODELCO arbeitenden Subunternehmer wiesen darauf hin, dass sie bereit wären erneut Verhandlungen aufzunehmen. Voraussetzung dafür sei jedoch, dass sowohl Francisco Tomic, Vizepräsident der CODELCO-Personalabteilung, als auch Vertreter der Ministerien für Bergbau und Arbeit an den Verhandlungen teilnehmen.

Cristián Cuevas, der Sprecher der Landesweiten Koordination der  CODELCO-Subunternehmer informierte darüber, dass die Arbeiter bereits die Zufahrtswege zum Konzern blockieren. Aus Sicherheitsgründen solle jedoch „der genaue Termin für den Streik erst in den nächsten Tagen bekannt gegeben werden.“

Herausgeber: Nachrichtenpool Lateinamerika e.V. Köpenicker Straße 187/188, 10997 Berlin, Tel.: 030/789 913 61 e-mail: poonal@npla.de, Internet: http://www.npla.de

Redaktion in Mexiko: Kristin Gebhardt, Wolf-Dieter Vogel Tel./Fax.: 0052-55-55541480, e-mail: poonalmex@npla.de

Koordination in Berlin: Eva Völpel

Übersetzungsteam: Alexander Trofimow, Andrea Kaden, Ania Müller, Anna Mielke, Barbara Kus, Benjamin Weber, Brigitta Kainz, Carolin Gehrmann, Carolina Könn, Christina Klug, Claudia Hecktor, Conny Gritzner, Cornelia Derler, Dietrich von Richthofen, Fabian Klein, Frauke Köhler, Grit Petschick, Henning Alts, Henrike Hochmuth, Ina Soetebeer, Inga Vietzen, Jan Kühn, Jana Fleschenberg, Katharina Braig, Kathrin Fochtmann, Katrin Aue, Kerstin Westerbeck, Kristina Vesper, Lilli von der Ohe, Lui Lüdicke, Mareike Hagemann, Marit Teerling, Nicole Romana Heigl, René Cofré Baeza, Ricarda Franzen, Sebastian Henning, Sebastian Landsberger, Silvia Weber, Steffi Ulrich, Thorsten Mense, Yvonne Stolz

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