Poonal Nr. 538


Deutsche Ausgabe des wöchentlichen Pressedienstes lateinamerikanischer Agenturen vom 3. September 2002

Inhalt


MEXIKO

ARGENTINIEN

URUGUAY

GUATEMALA

EL SALVADOR

NICARAGUA

COSTA RICA

PANAMA

HAITI

BRASILIEN

ECUADOR


MEXIKO

Vier Tote bei Überfällen von Paramilitärs in Chiapas

(Mexiko-Stadt, 2. September 2002, poonal). Vier Tote und mindestens 20 Verletzte sind das traurige Ergebnis von fünf Überfällen mutmaßlich paramilitärischer Gruppen in Chiapas in den letzten vier Wochen. Während die Generalstaatsanwaltschaft des mexikanischen Bundesstaates (PGJE) sowie der Gouverneur Pablo Salazar Mendriguda erneut die Existenz von paramilitärischen Organisationen in Chiapas in Abrede stellten, sprachen das zapatistische Befreiungsheer EZLN sowie zahlreiche Menschenrechtsorganisationen von eindeutigen Beweisen, dass Paramilitärs für die Angriffe verantwortlich seien.

Am 31. Juli überfielen 40 Männer das autonome zapatistische Municipio Ricardo Flores Magón und verletzten sieben Personen. Nach Berichten von Augenzeugen gehörten die Angreifer zur paramilitärischen OPDIC (Organización para la Defensa de los Derechos Indígenas y Campesinos). Die OPDIC steht dem Militär sowie dem Abgeordneten der Ex-Staatspartei PRI (Partei der institutionalisierten Revolution), Pedro Chulin, nahe. Sie gilt als Nachfolgeorganisation des MIRA (Movimienta Indígena Revolucionario Antizapatista).

Auch bei einem Angriff am 19. August von etwa 200 Personen auf einen Straßenposten der Zapatisten soll die OPDIC beteiligt gewesen sein. Bei dieser Aktion wurden neun Menschen verletzt. Der Posten soll dafür sorgen, dass kein Alkohol in das von der EZLN kontrollierte Gebiet gebracht wird und kein Handel mit Edelhölzern stattfindet.

Wenige Tage zuvor, am 7. August, kam im autonomen Municipio 17 de noviembre der Zapatist José López Santiz ums Leben. Sein 12jähriger Sohn, der Zeuge des Verbrechens geworden war, sagte aus, dass sein Vater von dem Transportunternehmer Baltazar Alfonso mit einem Gewehr erschossen wurde. Alfonso wurde dort zusammen mit zwei anderen Männern gesehen, alle drei waren früher an einer Wahlkampagne der Partei der Demokratischen Revolution (PRD) in der Gegend beteiligt.

Am 25. August erschossen vier Personen, die als Mitglieder der bewaffneten Gruppe Los Aguilares bekannt sind, den Zapatisten Antonio Mejía im Municipio Olga Isabel. Die Mitglieder der „Aquilares“ rekrutieren sich u.a. aus ehemaligen Soldaten, das Militär bewegt sich noch heute auf ihrem Boden im Municipio Chilon.

Am selben Tag wurde auch erneut das Municipio Flores Magón Schauplatz zweier Morde: Auf der Ranch Amaytik wurden zwei Zapatisten erschossen. 16 Familien, die dem EZLN nahestehen, mussten den Ort verlassen. Während die Strafverfolger der PGJE in einer einseitigen Anzeige in der Tageszeitung „La Jornada“ von einem „Familienstreit“ sprechen, widersprechen Zapatisten und Menschenrechtsorganisationen auch in diesem Fall. Es sei offensichtlich, so heißt es in einer von mehreren Gruppen verbreiteten Erklärung, dass Gouverneur Salazar mehr darum bemüht sei, „sein Gesicht in den Medien reinzuwaschen, als den Konflikten Beachtung zu schenken,die im Bundesstaat Chiapas kontinuierlich geschaffen wurden“.

Zahlreiche Menschenrechtsorganisationen fordern nun von Salazar, dass der Gouverneur aufhört, „die Existenz von paramilitärischen Gruppen zu leugnen“ und dass er diese Gruppen strafrechtlich verfolgen lässt. Der mexikanische Präsident Vicente Fox solle dafür sorgen, dass die Armee aus der Region abgezogen wird. Schließlich sei es das Militär, das die Angriffe gegen die autonomen Gemeinden unterstütze, anstatt den Frieden zu sichern. 

ARGENTINIEN

USA waren von der geplanten Entführung einer Deutschen informiert

Von Marcos Salgado

(Buenos Aires, 28. August 2002, npl).- Kürzlich in den USA freigegebene Geheimdokumente zeigen, dass die US-Regierung mehr über die Verbrechen unter der Militärdiktatur Argentiniens (1976-1983) wusste als bisher bekannt. Brisant sind neue Fakten im Fall der Deutschen Elizabeth Käsemann, die am 8 März 1977 entführt wurde: Noch bevor die junge Wirtschaftsstudentin im Mai tot aufgefunden wurde, waren die US-Behörden über ihr „Verschwinden“ informiert, ohne dieses Wissen preiszugeben. Den US-Dokumenten zufolge galt Käsemann mal als „Terroristin“, mal als „ausländische Repräsentantin der Vierten Internationalen“.

Dass die US-Botschaft in Argentinien frühzeitig Informationen über das Schicksal der damals 29-jährigen Deutschen hatte, wird auch die Staatsanwaltschaft in Nürnberg interessieren, die die Ermittlungen im Fall Käsemann leitet. Sie gelangte zu der Auffassung, dass der Militärpolizist Guillermo Suárez Mason für die Entführung und Ermordung verantwortlich ist und beantragte seine Auslieferung nach Deutschland. Demnächst muss das Oberste Gericht Argentiniens darüber befinden, ob das südamerikanische Land erstmals einen der Schergen der Militärdiktatur einer ausländischen Justiz überstellt.

Aus den Dokumenten, die die USA vergangene Woche der argentinischen Regierung zur Verfügung stellte, geht hervor, dass das US-Außenministerium bereits zwei Monate nach der Entführung der jungen Deutschen nach „jeglicher Information“ zu dem Fall fragte. Wenige Tage später kam „unter Geheimhaltung“ die Antwort von der Botschaft in Buenos Aires, dass Käsemann offenbar entführt worden sei, dass aber die Regierung, also die Militärs, den Fall nicht registriert hätten.

In dem Dokument, das sich auf die Anfrage mit der laufenden Nummer 115.514 bezieht, ist zu lesen, dass Frau Käsemann „offenbar Kontakte zu terroristischen Gruppen in Argentinien unterhielt“ und dass sie vielleicht schon tot sei. Erwähnt wird auch die Mitbewohnerin von Elizabeth Käsemann, die US-Amerikanerin Patricia Austin, die nach ihrer Festnahme mehrere Tage lang verhört worden sei. Über Austin gebe es keine weiteren Informationen, doch Käsemann werde verdächtigt, Kontakte zu internationalen Terroristen zu haben.

Es wird deutlich, dass die US-Behörden noch vor der Ermordung von Frau Käsemann Informationen über den Fall hatten und auch im Kontakt mit der Deutschen Botschaft standen. Dennoch wurde nichts weiter unternommen, bis im Juni 1977 berichtet wird, dass Elizabeth Käsemann in der Siedlung Monte Grande nahe des Flughafens tot aufgefunden wurde.

Eine von 16 Subversiven, die bei einer überraschenden Razzia von Sicherheitskräften in Monte Grande getötet wurden, war „Isabel Käsemann, die als Repräsentantin der Vierten Internationalen identifiziert wurde,“ so die Version der argentinischen Militärs, die die US-Botschaft unter Geheimhaltung nach Washington übermittelte. Die Deutsche Botschaft habe die Frau als Elizabeth Käsemann identifiziert, fährt das Telex fort und schließt mit der Vermutung, dass die junge Frau möglicherweise schon vor der Razzia in den Händen der Militärs gewesen und ihr Name erst nachträglich in die Liste der Opfer eingetragen worden sei.

Einige im Fall Käsemann engagierten Menschenrechtler erheben jetzt schwere Vorwürfe gegen das damalige Verhalten der Vereinigten Staaten. Den Dokumenten zufolge seien US-Geheimdienstler frühzeitig über die Entführung informiert gewesen, da es sich aber angeblich um eine Terroristin gehandelt habe, sei nicht weiter unternommen worden, so der Vorwurf.

Generell begrüßten Menschenrechtsgruppen in Buenos Aires die Veröffentlichung der US-Dokumente und hoffen, dass die Informationen dazu dienen werden, etwas mehr Licht in die dunkle Vergangenheit Argentiniens zu bringen. Auch aus Justizkreisen verlautete, dass die Dokumente neue Beweise in die laufenden Ermittlungen einbringen würden. Die bekannte Organisation „Mütter der Plaza de Mayo“ hingegen hielt der US-Regierung in einer Erklärung vor, dass sie sich mit der Veröffentlichung von nur wenigen Dokumenten lediglich „von ihrer Schuld reinwaschen“ wolle. 

Arbeitslose besetzen ihre geschlossenen Fabriken

Von Angelica Ibarra und Natalia Aruguete

(Buenos Aires, 2. September 2002).- Krisen machen erfinderisch, so auch in Argentinien. Wo Staat und Unternehmen bankrott sind und immer mehr arbeitslose Menschen buchstäblich vor verschlossenen Fabriktoren stehen, nehmen viele Betroffene ihr Schicksal mittlerweile selbst in die Hand: Sie besetzen die Fabriken, in denen sie bis vor kurzem angestellt waren, und produzieren in Eigenregie. In ganz Argentinien sind es bereits über 80 Unternehmen mit 5.000 Arbeitern, Tendenz steigend.

Zum Beispiel die Fabrik Brukman, die Kleidungsstücke aller Art herstellt. „Als sie uns wieder einmal den Lohn vorenthielten, beschloss eine Gruppe von Kollegen, in der Chefetage vorzusprechen. Wir forderten mehr Lohn, weil wir von den zwei Pesos am Tag nicht einmal das tägliche Fahrgeld bezahlen konnten.“ Celia Martínez erinnert sich noch genau an diesen 17. Dezember des vergangenen Jahres, kurz bevor die Aufstände gegen die Wirtschaftspolitik ausbrachen, die Präsident Fernando De la Rúa zum Rücktritt zwangen. „Die Chefs sagten, wir sollten am Nachmittag wiederkommen, sie wollten prüfen, wie viel Geld sie zahlen könnten. Als wir dann wiederkamen, waren sie weg, niemand war mehr da, kein Chef, kein Büroangestellter, keine Sekretärin,“ berichtet Celia Martínez.

Als der erste Schreck vorüber war, überlegte die Belegschaft – in guten Zeiten rund 400 Arbeiter und Angestellte – was nun passieren würde. Im Juli war die Arbeitslosigkeit in dem einst wohlhabenden südamerikanischen Land auf offiziell 21 Prozent gestiegen, doch alle wissen, dass schon über die Hälfte der Argentinier heute ohne Job ist. 1.200 Unternehmen haben seit Ende vergangenen Jahres Konkurs angemeldet. Zumeist gingen die Besitzer von einem Tag auf den anderen in Konkurs, feuerten die Belegschaft und schafften das verbliebene Kapital samt angesparter Gewinne ins Ausland. Zurück blieben ein Schuldenberg, unzählige Arbeitslose und geprellte Kunden.

„Ohne uns,“ sagten sich die Arbeiter von Brukman, und 54 von ihnen besetzten die verlassene Fabrik. Seit über sieben Monaten produzieren sie nun Hosen, Kostüme und Anzüge in Eigenregie. Der Produktionsablauf klappt wie geschmiert, alle kennen ihre Arbeit und sind motiviert. Auch die Kunden scheinen zufrieden, jedenfalls reichen die Einnahmen, um Löhne und laufende Kosten zu decken. Angesichts vieler Aufträge wird sogar überlegt, neue Kollegen einzustellen. Nur eines wollen die Besetzer auf keinen Fall: Den Schuldenberg der getürmten Brüder Brukman übernehmen.

„Wir wollen, dass die Fabrik verstaatlicht wird. Es soll keine Kooperative werden, sondern der Staat soll die wirtschaftliche Verantwortung übernehmen, fordert Besetzer-Sprecherin Martínez. Diese vielleicht überraschende Haltung erklärt sich aus der Erfahrung anderer Betriebe, die von der Belegschaft übernommen werden mussten. Als neue Eigentümer wurden die Kooperativen verpflichtet, die Altschulden zu übernehmen. Zumeist waren das unbezahlte Löhne, Rentenbeiträge und Steuern. In einigen Fällen aber auch Zahlungen an Briefkastenfirmen, hinter denen der Fabrikbesitzer selbst steckte. Eine elegante Lösung für den Staat, der die Bankrotteure laufen und dann die Belegschaft für die Schulden ackern lässt, ärgern sich die Brukman-Besetzer.

Auch argumentieren sie, dass Privateigentum in Argentinien seit Ausbruch der Krise offenbar nicht mehr unantastbar ist. Den Anfang machten die Banken, die kurzerhand die Ersparnisse aller Privatkunden konfiszierten. Der Protest dagegen konnte zwar die Regierung stürzen, aber nicht das Geld wieder bringen, das längst ins sichere Ausland geschafft worden war.

Der freie Fall ins Bodenlose ist nicht zuletzt eine Folge der jahrelang verfehlten Wirtschaftspolitik, die zu Zeiten der Militärdiktatur (1976-83) ihren Ausgang nahm. Als Musterschüler des Weltwährungsfonds IWF verschuldete sich das Land zu hohen Zinsen, Staatunternehmen wurden zu Schleuderpreisen privatisiert, soziale Rechte abgebaut und eine korrupte Elite genährt, die jetzt unbehelligt von ihren Schweizer Konten lebt.

Unabhängig davon ob eine Fabrik besetzt, verstaatlicht oder enteignet und neuen Besitzern übergeben wurde, eine Veränderung im Bewusstsein der Arbeiter in Argentinien ist schon jetzt unübersehbar. Deutlich wird dies auch an der Forderung, der Staat müsse eine Wirtschaftspolitik entwickeln, die sich an den Bedürfnissen der Bevölkerung orientiert und nicht am Profit. Im Falle vom Brukman hieße dies, Kittel statt Nadelstreifen zu produzieren.

„In Argentinien leiden wir in unter den Folgen eines Systems, das den Profit als Motor der Wirtschaft sieht und nicht die menschliche Bedürfnisse,“ analysiert der Soziologe Juan Romero dieses Phänomen. „Es wird nicht für die Menschen produziert, denn die Wirtschaft dient nur einer Minderheit,“ spitzt Romero die These zu.

In Argentinien wird zumindest deutlich, dass die Menschen dem Bankrott mehr nicht tatenlos zusehen. Sie packen an und haben auch den Mut, mit neue Formen von Demokratie zu experimentieren, die auch vor den Toren der Fabriken nicht Halt machen. Die Besetzer der Brukman-Fabrik zitieren derzeit gern Albert Einstein, der einmal sagte: „Man kann Probleme nicht mit den selben Denkkategorien lösen, die diejenigen angewandt haben, die sie verursacht haben.“

URUGUAY

Der Plan Condor und der Friedensnobelpreisträger

(Montevideo 24. August 2002, comcosur-poonal).- Unter den Dokumenten, die kürzlich vom State Department der Vereinigten Staaten freigegeben wurden, befindet sich auch ein Bericht des US-Geheimdienstes von 1976 bezüglich des Plans der uruguayischen Machthaber, exilierte Regimekritiker ermorden zu lassen. Nach der Ermordung der Abgeordneten Zelmar Michelini, Héctor Gutiérrez Ruiz und dem Ehepaar Whitelaw-Barredo am 20. Mai desselben Jahres in Buenos Aires wies der damalige Außenminister der USA und Friedensnobelpreisträger Henry Kissinger seine Botschafter an, Kontakte zu den Militärs der Region aufzunehmen, um sie dazu zu bewegen, ihre Methoden zu verschleiern. Vor allen Dingen aber wollte die US-Regierung das Netzwerk der südamerikanischen Juntas im Kampf gegen Regimekritiker, bekannt als Plan Condor, mitnutzen.

Henry Siracusa, damaliger amerikanischer Botschafter in Uruguay, wurde angewiesen, „Kontakt zu dem General Julio C.Vadora aufnehmen, nicht zu dem Präsidenten des Landes, der scheinbar nichts von der Operation Condor weiss und deshalb wenig Einfluss hat“. Kissinger hatte gut gewählt, Vadora war der uruguayische Verantwortliche für den Plan Condor.

In dem am 23. August von der uruguayischen Zeitung „La República“ veröffentlichten Dokument beurteilte der Friedensnobelpreisträger die antisubersive Koordination der Region als „nützlich“, wies aber gleichzeitig auf „moralische und politische“ Probleme hin, die eine Veröffentlichung dieser regionalen Initiative zur Ermordung von Oppositionellen nach sich ziehen könnte.

Kissinger weist seine Botschafter in besagtem Dokument darauf hin, „selbstverständlich darf keine Institution der US-Regierung mit dem Austausch von Daten und Informationen über die Subversiven in Verbindung gebracht werden“ und führte fort, „die möglichen Todes-Kandidaten dürfen unter keinen Umständen gewarnt werden“.

Der Bericht des US-Außenministeriums enthüllt, dass sich in den ersten Junitagen von 1976 Vertreter der Geheimdienste und der Regierungen der Region in Santiago de Chile trafen, um in dieser Stadt eine Datenbank mit den Daten der Regimegegner einzurichten, dass Brasilien als Mitglied in die Gruppe aufgenommen wurde und dass Argentinien, Chile und Uruguay in dem Projekt zusammen arbeiten würden. Das Dokument führt fort, dass die Öffentlichkeit immer wieder darauf hinweist, dass die argentinische Regierung – entgegen ihrer Aussage – politische Flüchtlinge in ihre Heimatländer Chile und Uruguay abschiebt, wo sie dann hingerichtet werden.

Der Bericht schließt mit der Feststellung ab, „es ist zwar nicht bewiesen, dass es eine formelle Koordination auf höchster Ebene zwischen den Militärs der Region gibt, deren Ziel die Eliminierung von Oppositionellen ist. Aber die Existenz einer solchen Instanz ist sehr wahrscheinlich.“ Er beinhaltet weiterhin die Aussage „eine vertrauenswürdige Quelle hat bestätigt, dass es ein Abkommen zwischen Brasilien und Argentinien gibt, das die Zusammenarbeit bei der Jagd und Eliminierung von Terroristen , die von Argentinien nach Brasilien flüchtet, beschließt.

M. Chaplin, der damalige diplomatische Militärberater der Botschaft der Vereinigten Staaten in Buenos Aires, wies Washington darauf hin, dass der besagte Bericht „den Grad der Zusammenarbeit zwischen den Sicherheitskräften der Region unterschätzt, zumal er ja zugibt, dass die Regierungen der Region sich bereit erklärt haben, Informationen auszutauschen und in bestimmten Bereichen (Operación Condor) zusammen zu arbeiten.“ Chaplin erklärte „ein kürzlich erschienener Bericht der argentinischen Militärs bezieht sich auf einen hohen Offizier der uruguayischen Streitkräfte (wahrscheinlich José Gavazzo), der von dem militärischen Geheimdienst Uruguays damit beauftragt wurde, einige Wochen in Buenos Aires mit den argentinischen Streitkräften im Bereich der Terroristenbekämpfung zusammen zu arbeiten.“

GUATEMALA

Menschenrechtler fordern Entschädigung für Bürgerkriegswitwen

(Guatemala-Stadt, 23. August 2002, cerigua-poonal). Menschenrechtsverteidiger aus den verschiedenen Departments Guatemalas sprachen sich gegen das Vorhaben der Regierung aus, Mitglieder der ehemaligen Zivilpatrouille (PAC) zu entschädigen. Sie schlagen vor, dieses Geld den Tausenden von Frauen zur Verfügung zu stellen, deren Männer in der Folge des brutalen staatlichen Vorgehens gegen die aufständische Bevölkerung getötet wurden.

Menschenrechtsaktivisten der Organisation Angehöriger von Verschwundenen Grupo de Apoyo Mutuo (GAM) betonten, dass die Ex-Zivilpatrouillen, die nun für ihren angeblichen Dienst am Vaterland eine Entschädigung von 20.000 Quetzales fordern, viel mehr vor Gericht gestellt und eingesperrt werden sollten für die Grausamkeiten, die sie in der Vergangenheit begangen haben. Schließlich hätten sie Tausende Morde sowie Witwen, Waisen und Verschwundene auf dem Gewissen und Familien auseinander gerissen.

Laut Manuel Méndez Tian aus Chichicastenango, einem Ex-PAC-Mann, wäre ein Entschädigung für die Patrouillen illegal, da dies nicht in den Friedensverträgen vorgesehen sei. Dort sei nämlich ganz im Gegenteil festgehalten, dass eine Wiedergutmachung an den Opfer des bewaffneten Konflikts nötig sei. Méndez ist der Meinung, dass die ehemaligen PAC-Mitglieder gerichtlich verfolgt und bestraft werden sollten für die Massaker, Entführungen und Morde, die sie während des bewaffneten Konfliktes begangen hätten. Weiter erklärte er, dass er im Jahr 1980 vom Militär dazu gezwungen worden sei, sich dieser Gruppe anzuschließen, ein Verweigerung hätte er mit dem Leben bezahlt.

Die Angehörigen der Opfer sind gegen ein Entschädigung für die ehemaligen Zivilpatrouillen PAC, vor allem da diese gemeinsam mit dem Militär Dörfer niedergebrannt, Morde verübt und Tausende von Menschen gefoltert hätten, erklärte Dionisio Camajá aus Uspantán, Quiché.

Die Regierung unter Alfonso Portillo hat ihr Vorhaben, die Ex-PAC-Mitglieder finanziell zu entschädigen, erneut bekräftigt – obwohl sich eine Reihe gesellschaftlicher Gruppen Guatemalas und viele internationale Organisationen dagegen ausgesprochen haben, da die Mehrheit der PAC-Mitglieder gemeinsam mit dem Heer und anderen geheimen Institutionen die Bevölkerung unterdrückt hatten. 

Bewohner und Polizei gehen gegen Landbesetzer vor

(Guatemala-Stadt, 27. August 2002, cerigua-poonal).- Die Nationale Gewerkschafts- und Volkskoordination (Coordinadora Nacional Sindical y Popular, CNSP) verlangte von der Gerichtsbarkeit und den Sicherheitsorganen die Aufklärung der Entführung von 40 Erwachsenen und einer unklaren Anzahl von Kindern. Diese verschwanden in der Nacht zum Sonntag, dem 25. August, als sie in den Händen von Angehörigen der Zivilen Nationalpolizei (PNC) und Anwohnern der Zone 21 waren.

Ungefähr 80 Familien besetzten am vergangenen 17. August ein brachliegendes Grundstück, das in dieser Zone der Stadt Guatemala liegt und der zusammengebrochenen Nationalbank für Wohnungsbau (Banvi) gehört. Die Notleidenden bauten einfache Hütten aus Plastik und Karton, andere nutzten Höhlen, um sich vor Regen und Sonne zu schützen. Ein Anführer der Besetzer erstatteten bei der Staatsanwaltschaft für Menschenrechte Anzeige, dass am 25. August 40 Personen entführt worden seien und andere in nahegelegene Siedlungen flüchteten, nachdem sie gegen 19.30 von einer Gruppe von Polizisten und Privatleuten verfolgt worden waren.

Roly Escobar, Mitglied der CNSP, informierte in einer Pressekonferenz, dass am vergangenen Sonntag Angehörige der PNC, die in mehreren Funkstreifen fuhren und die keine Namensschilder trugen, zusammen mit Bewohnern des Stadtviertels Justo Rufino Barrios in der 21. Zone der guatemaltekischen Hauptstadt diese Menschen entführten. Im Augenblick sei nur bekannt, dass die Personen in einen Bus geschafft worden seien, der einem nur als „Herr Dolinelli“ bekannten Unternehmer in besagtem Viertel gehöre.

An der Tat, die von der CNSP als illegal bezeichnet wird, waren die Mitglieder der Nachbarschaftsvereinigung des Viertels Justo Rufino Barrios und die Polizei beteiligt. Einer der Polizisten wurde als Unterkommissar „Brol Ochoa“ aus dem Unterkommissariat 14 identifiziert.

Unter den Verschwundenen sind 21 Frauen und 19 Männer mit ihren Kindern. Trotz aller Anstrengungen der Angehörigen der Verschwundenen und der Gewerkschaften, Volksorganisationen, Menschenrechtsvereine und Anwohnergruppen ist der Aufenthaltsort der entführten Personen noch unbekannt. Deshalb wurde vor den zuständigen Gerichten Klage eingereicht.

Unterdessen habe die Führung des Unterkommissariats 14 den Anführern der genannten Gruppen damit gedroht, sie zu verhaften, wenn sie weiterhin forderten,dass ihre Genossen wieder auftauchen, berichtete Escobar.

Kampf gegen Drogenhandel führt zu mehr Kriminalität

Von Andreas Boueke

(Guatemala-Stadt, 27. August 2002).- „Es ist ein trostloses Leben,“ meint Rolando.Der junge Mann ist stolz darauf, seit Wochen kein Koks mehr geschnieft zu haben. Dafür raucht er wie ein Schlot. „Hier in den Armenvierteln haben viele Leute nichts anderes im Kopf als Drogen, von morgens bis abends. Die Kinder schnüffeln Kleister, um den Hunger nicht zu spüren, die Jugendlichen rauchen Crack, um ihre Probleme zu vergessen. Einige der Süchtigen suchen auf den Müllhalden etwas zu essen und schlafen auf der Straße. Ihre Familien sind kaputt.“

In dieser aussichtslosen Lage finden viele Jugendliche in der Hauptstadt des kleinen mittelamerikanisches Staates Guatemala Anerkennung und Unterstützung in einer Jugendbande. Der Junge Luis hat sich mit vierzehn einer Straßengang angeschlossen, seitdem ist er richtig dabei. „Als unser Anführer ermordet wurde, haben sich mehrere Banden zusammengetan, um ihn zu rächen. Mehr als zweihundert Jungen sind in die Siedlung der Mörderbande eingedrungen. Wir haben ihre Fluchtwege versperrt und die Straßen durchsucht. Einige von uns hatten Pistolen, andere Messer, Macheten und Eisenketten. An diesem Tag habe ich Dutzende Jungen sterben sehen.“

Unter allen Hauptstädten der Welt hat Guatemala-Stadt die dritthöchste Mordrate. Fast täglich fallen Jugendliche den Kämpfen rivalisierender Gangs zum Opfer. Luis selbst war nie ein begeisterter Kämpfer, aber als kluger Kopf fand er in seiner Clique die Anerkennung und Unterstützung, die ihm zu Hause fehlte. Innerhalb kurzer Zeit stieg er zu einem der einflussreichsten Jugendlichen in der guatemaltekischen Bandenszene auf.

Drei Jahre lang war er der Mittelsmann zwischen ausländischen Drogenhändlern und einer Gruppe junger Dealer. „Das Kokain bekam ich von einem Venezolaner,einem Kolumbianer und einem Engländer. An drei Tagen der Woche brachten sie jeweils eine Lieferung. Einmal kam ein Junge in unser Büro. Er war nicht älter als vierzehn, aber schon völlig abhängig. Er hatte nicht genug Geld dabei, um Drogen kaufen zu können. Ich gab ihm trotzdem was, weil ich ihn kannte. Als der Venezolaner das hörte, schimpfte er: `Das ist nicht korrekt. Das macht nur Probleme.`

Ich war mir sicher, dass der Junge seine Schulden zahlen würde. Aber dem Venezolaner war das egal. Er bestand darauf, die Situation sofort zu lösen. In meinem Schreibtisch lag eine Pistole. `Schieß ihm in den Kopf,` sagte er. Ich weigerte mich. Der Junge schloss die Augen. Ich konnte sehen, wie Tränen über seine Wangen flossen. Der Mann nahm die Pistole, richtete sie auf den Jungen und schoss, als ob er einen Hund töten würde. Das Blut spritze durch den Raum. `Siehst du` sagte er. `Das Problem ist gelöst. Der braucht keine Drogen mehr.` Er lächelte, wischte seine Hand mit einem Taschentusch sauber und unterhielt sich weiter. Solche Situationen habe ich einige erlebt.“

Heute ist Luis zwanzig Jahre alt. Vor einigen Monaten hat er sich einer Kirchengemeinde angeschlossen, in der er jetzt erfolgreich eine Jugendgruppe leitet. Seit er erfahren hat, dass der Engländer und der Venezolaner ermordet wurden, kann er besser schlafen. Doch seine Vergangenheit bleibt für jeden sichtbar. Sein Körper ist übersät mit Narben und Tatoos. Die Anekdoten, die er erzählt, sind so grausam, dass sie beinah unglaubwürdig erscheinen. Doch die noch längst nicht überwundene Angst ist echt.

In den meisten Bezirken von Guatemala-Stadt kann man ein relativ ruhiges Leben führen. Doch in vielen der Armenviertel gehört Jugendgewalt zum Alltag. Die vierzehnjährige Marlene wohnt in einem dieser Armenviertel, der Colonia Peréz. „Vor drei Tagen wurde meine Freundin umgebracht. Die Leiche lag in einem Abwasserkanal mit fünf Kugeln im Rücken. Die Bande, der sie angehörte, hatte ein Mädchen aus einer anderen Bande verletzt. Dafür musste meine Freundin bezahlen. Ihre Mutter sagt, sie wolle Anzeige erstatten, vor allem, weil das Mädchen schwanger war. Aber bisher ist nichts geschehen.“

Die Jugendbanden verteidigen ihre Territorien. Auf die Polizei verlässt sich niemand. „Wenn Polizisten herkommen, schließen wir uns gegen sie zusammen,“ meint der Junge Miguel. „Deshalb bleiben sie lieber draußen. Sonst würden alle sterben.“

Die Colonia Peréz ist eine Siedlung am Rand einer Schlucht im Ostteil der Stadt. Zahlreiche Familien leben auf steilen Abhängen, die beim nächsten Erdbeben oder heftigen Regen abrutschen können. Ihre engen Hütten stehen am Rand sandiger Pisten. Einige leerstehende Grundstücke sind voller stinkendem Müll, der nie abgeholt wird. Der siebzehnjährige Byron ist hier aufgewachsen. „Unsere Eltern haben kein Geld. Sie finden keine Arbeit. Als Jugendlicher denkst du oft, du seiest klüger als dein Vater. Der glaubt vielleicht, stehlen sei schlecht. Aber die Familie muss essen. Deshalb fängst du an zu stehlen.“

Staat und Stadtverwaltung haben längst die Kontrolle über Siedlungen wie die Colonia Peréz verloren. Hinter den Jugendbanden stehen finanzkräftige Drogenhändler, die sich die Jugendlichen als Dealer zu Nutze machen. Byrons Mutter weiß, wie die Drogenmafia ihre Macht festigt: „Manchmal schenken sie uns Frischwasser und Unterrichtsmaterialien. Oder sie bezahlen die Schulgebühren für unsere Kinder. Die Eltern sind dankbar und bleiben ruhig. Niemand traut sich, diese Männer zu verraten. Wir wissen, dass ihre Rache grausam ist.“

Bis vor etwa zehn Jahren war der Drogenkonsum in Guatemala relativ gering. Zwar ist das Land schon seit langem eine Durchgangsstation für Kokain aus Südamerika, doch in Guatemala selbst wurde das weiße Pulver früher nur in ein paar exklusiven Diskotheken konsumiert. Seitdem die US-Regierung ihren Krieg gegen die Drogen auch in Guatemala verschärft hat, sind die Kosten der kolumbianischen Drogenkartelle gestiegen.

Um das Kokain von Guatemala aus in die USA oder nach Europa transportieren zu können, müssen die Drogenhändler Wachpersonal einstellen, Regierungsfunktionäre, Richter und Polizisten bestechen und Kollaborateure ausbilden. Für diese Dienste bezahlen sie meist nicht in bar, sondern mit Drogen. So bleibt von Jahr zu Jahr mehr Kokain im Land. Durch das steigende Angebot fällt der Preis, die Absatzmethoden werden aggressiver, die Zahl der Konsumenten wächst.

Trotz der Armut sind bevölkerungsreiche Siedlungen wie die Colonia Peréz ein attraktiver Markt für die Drogenhändler. Zwar können sich die meisten Abhängigen dort kein Kokain leisten, dafür aber Crack. Diese Billigdroge entsteht, wenn man Kokain mit Backpulver aufkocht. Die Psychologin Lucrecia García bezeichnet Crack als extrem suchtgefährdend. Sie arbeitet seit Jahren mit jugendlichen Abhängigen: „Die körperliche Wirkung der Sucht ist offensichtlich. Die Jugendlichen magern ab und werden anfällig für Infektionen. Erst mit der Zeit werden auch die psychischen Folgen deutlich. Die Abhängigen haben Halluzinationen, erleben Angstzustände und leiden unter Depressionen.“

Lucrecia García arbeitet in einem Jugendgefängnis im alten Zentrum von Guatemala-Stadt. Rund dreiviertel der Häftlinge konsumiert regelmäßig Drogen. Alle stammen aus armen Familien. „Jugendliche, deren Eltern Geld haben, landen nicht im Gefängnis, obwohl auch in den reichen Stadtteilen Drogen konsumiert werden. Dort aber werden die Jugendlichen nicht von der Polizei behelligt. Wenn trotzdem mal einer hier ankommt, rufen die Eltern sofort einen Anwalt. Ihr Sohn ist dann innerhalb von wenigen Stunden frei.“

Byron erinnert sich mit Schauern an seine erste Nacht in dem verwahrlosten Gefängnis. „Ein Wärter hat mich durch den Gang geführt, während Jungen aus den Zellen riefen: 'Bring ihn zu mir. Ich will ihn haben.' Ich hatte furchtbare Angst, weil ich wusste, dass dort vergewaltigt wird. In der Zelle musste ich mich in eine Ecke stellen. Alle haben mich geschlagen und getreten, einer nach dem anderen, bis ich es nicht mehr aushielt.“ 

EL SALVADOR

Geteilte Auffassungen über den Erfolg der Wirtschaftspolitik

(San Salvador, 26. August 2002, na-poonal).- Nach mehr als drei Jahren seiner Amtszeit gehen die Meinungen über Präsident Francisco Flores weit auseinander. Im Jahresbericht, der im Juni der gesetzgebenden Versammlung vorgelegt wurde, verweist Flores auf Erfolge wie die Dollarisierung der Wirtschaft, die Ausweitung der Maquiladora-Industrie in den Freihandelszonen, die von ihm ausgehandelten Freihandelsabkommen mit weiteren Ländern Zentralamerikas, auf den Wiederaufbau von Schulen und Wohnhäusern nach den Erdbebenkatastrophen des Jahres 2001 und den Ausbau von Straßen und Wegen.

Gewerkschaften und andere Gruppen der Opposition hingegen protestieren gegen die Wirtschaftspolitik der Regierung. Zwar genießt Flores laut neuester Meinungsumfragen die stärkste Akzeptanz seit 1999, aber gleichzeitig äußern gut 80 Prozent der Bewohner*innen des Landes, es sei bisher unter Flores sehr wenig zur Bekämpfung der Armut getan worden. Ein Problem, das fünfzig Prozent der Bevölkerung existenziell betrifft.

Flores, der der rechten Partei ARENA (Alianza Republicana Nacionalista) angehört, erklärt, die seit Januar 2001 betriebene Anpassung an den Dollar habe die Zinssätze zurückgeschraubt und das Land vor einer Abwertung der Währung bewahrt. Er fügte hinzu, die US-Initiative zur Erweiterung des Wirtschaftsraumes in der Karibik habe zur Einrichtung von acht Freihandelszonen geführt und dadurch 90 000 neue Arbeitsplätze in den Maquiladoras (transnationale Montierfabriken) geschaffen. Obendrein hätten die Freihandelsabkommen mit Mexiko, der Dominikanischen Republik und Panama den Export spürbar angekurbelt.

Flores stellte sich als derjenige dar, der Freihandelsabkommen mit Kanada, der Europäischen Union und den USA erst möglich gemacht habe, von der sämtliche Länder jetzt Zentralamerikas profitierten. Er betonte, diese Abkommen stärkten gerade die kleinen Betriebe und regten die Investitionstätigkeit in dieser Weltregion an. Es könnten weitere 250 000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden, wenn man die Wirtschaft des Landes dem US-amerikanischen Markt weiter öffnete.

Ein weiterer Erfolg des Präsidenten ist für ihn die Abschaffung der Kraftstoffsubventionen für Busse. Flores erklärte, diese Maßnahme hätte solche Einsparungen zur Folge gehabt, dass der Ausbau von 475 Kilometern Straße sowie die Instandsetzung vieler vorhandener Strecken damit habe finanziert werden können.

Den Umfragen nach sind dies die populärsten Maßnahmen des amtierenden Präsidenten. Jedoch teilen bei weitem nicht alle Landsleute diese positive Sichtweise. Einer kürzlich erschienenen Umfrage der Stiftung für wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt (FAUSADES) zufolge leben 1,3 Millionen El Salvadorianer*innen, das sind 20 Prozent der Bevölkerung, in extremer Armut. Die niedrigen Weltmarktpreise für Kaffee haben 87 000 Kaffeepflücker*innen mittellos gemacht.

„Wir sind immer stärker vom Export und von der Unterstützung von Familienangehörigen abhängig, weil Flores nicht die eigene Wirtschaft zu stärken versteht,“ erklärt Margarita Posada von der Führungsspitze des Forums der Zivilgesellschaft (Foro de la Sociedad Civil). Das Forum wirft der Regierung vor, dass sie „unser Land in eine nordamerikanische Kolonie“ verwandele. Die Überweisungen von el salvadorianischen Familienmitgliedern, die im Ausland leben, beliefen sich im letzten Jahr auf 2,3 Milliarden US-Dollar. Das entspricht 13,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes.

Die Wochenschrift Realidad Nacional, herausgegeben von der Universidad Centroamericana, kritisierte Flores für das Versäumnis, die Wettbewerbsfähigkeit im Land anzuregen. Der Zeitschrift zufolge sind die niedrigen Löhne Resultat einer mangelhaften Wirtschaftsstruktur und der extrem ungleichen Besitzverteilung, die den Wettbewerb und den Ausbau des Binnenmarktes verhindere. 

NICARAGUA

Mitglieder der evangelischen Kirche bereiten Antikorruptionsmärsche vor

(Managua, 28. August 2002, alc-poonal).- 55 Pfarrer und kommunale Führer empfahlen dem Rat der Evangelischen Kirche Pro Allianz der Herkunft (CEPAD), in den Gebieten, wo ein Wiedererstarken von Eintracht und Gerechtigkeit benötigt werde, Gebetsmärsche und Nachtwachen gegen Korruption abzuhalten. Auch baten sie darum, sich bei Gott dafür einzusetzen, dass die Regierung sich darum kümmere, weitere Morde an Kindern und Bauern im Norden des Landes zu verhindern.

Der sandinistische Abgeordnete Nelson Artola berichtete, dass in dieser Region von Nicaragua 13 Personen an Hunger gestorben seien, unter ihnen fünf Kinder. „Die Situation ist aufgrund der von dem Fall der internationalen Kaffeepreise verursachten Arbeitslosigkeit dramatisch ernst. Sie verursachte bereits den Tod von 13 Personen, unter ihnen Kinder und Erwachsene,“ bestätigte der Delegierte von CEPAD, Carlos Arosman Barahona.

Der Präsident von CEPAD José Alguera wies auf ein Interview mit Präsident Bolaños hin, in dem er ihn darum gebeten habe, die Gehälter der öffentlichen Beamten zu reduzieren, um die Kluft der Einkommen zu verringern. Außerdem habe er ihn darin bestärkt, mit dem Kampf gegen die Korruption fortzufahren.

Pfarrer Alguera bat die evangelischen Pfarrer und kommunalen Führer, mit CEPAD und den Kirchen des Landes zusammen zu arbeiten, um die Gebete fortzusetzen, damit die Verletzungen, verursacht durch Korruption, verheilen würden und die Straflosigkeit ende, die dem Volk soviel Schaden zugefügt habe.

Jerónimo Stuulzer, ein Führer in der Kaffeezone, deutet auf den Anstieg der Kriminalität hin und darauf, dass viele Leute aus Notwendigkeit rauben würden. Er gab an, Zeuge eines Überfalls und Verbrechens geworden sei, das aus diesen Motiven heraus in Matiguas, 145 km nördlich von Managua, begangen worden sei.

COSTA RICA

15-Jähriger Straßenjunge ermordet

(San José, 21. August 2002, sem-poonal).- Ein obdachloser Junge von 15 Jahren, der nur als „el negrillo“ bekannt war, wurde in der Hauptstadt Costa Ricas erstochen. Dieser Mord fand in einer Situation statt, in der Straßenkinder erstmals öffentlich anzeigen, Opfer von physischer und sexueller Gewalt durch einige Mitglieder der Polizei dieser zentralamerikanischen Nation zu sein.

Der Junge wurde in die linke Seite des Brustkorps gestochen. Bis jetzt haben sich keine Zeugen gefunden, die präziser darüber Auskunft geben könnten, was mit dem Jugendlichen geschah. Seine Leiche wurde im Park „Loncheria la Moderna“ in der Hauptstadt gefunden.

Kürzlich wurde ein Polizeibeamter entlassen, nachdem er im Fernsehen zugegeben hatte, Straßenkinder geschlagen und getreten zu haben, „um seinen Stress abzubauen“.

Parallel dazu verkündete der Präsident Costa Ricas Abel Pacheco, dass jeder Polizist, der seine Hände gegen ein Kinde richte, sofort von seinem Posten enthoben werde.

Obwohl die Realität in Costa Rica weit von der Vielzahl an Morden entfernt ist, unter welcher zahlreiche Kinder und Jugendliche in anderen Staaten Zentralamerikas leiden, hat dieser Fall doch die Aufmerksamkeit der internationalen Nichtregierungsorganisationen Casa Alianza und des staatlichen Kindheitsnationalverbands (PANI) erregt. Aufmerksam wurden sie aufgrund einer am 29. August veröffentlichten Untersuchung, welche die Situation von Straßenkindern in Costa Rica analysiert.

Casa Alianza ist eine Organisation, die sich der Unterstützung von Straßenkindern in Lateinamerika widmet. Vergangenen Monat wurde sie von einer Serie von kaltblütigen Morden an 43 Minderjährigen in Honduras alarmiert. Ähnlich beunruhigend sind die Verhältnisse in Nicaragua, wo nicht weniger als 97 Kinder und Jugendliche unter 23 Jahren in den letzten acht Monaten des Jahres 2001 einen gewaltsamen Tod fanden. 

PANAMA

Die Suche nach den Verschwundenen geht weiter

(Panama-Stadt, 12. August 2002, na-poonal).- Vier Monate sind seit der Abgabe des Untersuchungsberichtes der Wahrheitskommission vergangen, die zur Aufklärung der Fälle von Verschwundenen und Ermordeten während der 21 Jahre dauernden Militärdiktatur eingerichtet wurde. Doch die dort ausgesprochenen Empfehlungen scheinen auf taube Ohren gestoßen zu sein.

Auf mehr als 260 Seiten (die Anhänge, die veröffentlichte Dokumente der Regierung der Vereinigten Staaten enthalten, nicht mitgerechnet) stellt der Bericht 110 untersuchte Fälle von Personen dar, die unter den Misshandlungen der Nationalgarde oder der Verteidigungskräfte zu leiden hatten. Die Wahrheitskommission wurde im Januar 2002 von der Präsidentin Mireya Moscoso ins Leben gerufen.

Der Präsident der Kommission, Santiago Almanza, teilte mit, dass 70 der Fälle, die sich in den Jahren der Militärdiktatur seit 1968 ereignet haben, in Verbindung mit Ermordungen und 40 in Verbindung mit Verschwundenen stehen. Die Diktatur begann mit dem General Torrijos und endetet mit dem Sturz des General Manuel Noriega im Zuge der Invasion der Vereinigten Staaten im Jahre 1989. Während Torrijos 1981 bei einem Flugzeugunglück ums Leben kam, sitzt Noriega eine 30-jährige Haftstrafe in den USA wegen Rauschgifthandels ab.

Mit Hilfe einer Gruppe von Anthropologen führte die Kommission Erkundungen und Ausgrabungen an 35 Orten, u.a. ehemaligen Militärstützpunkten, alten Flugplätzen sowie auf der Insel Coiba im Pazifik durch. 

HAITI

Guacimal-Affaire: Freilassung von sieben inhaftierten Bauern

(Port-au-Prince, 20. August 2002, alterpresse).- Sieben der neun im Rahmen der Guacimal-Affaire inhaftierte Bauern wurden letztlich am 20. August in Port-au-Prince auf Anweisung des Untersuchungsrichters der Region Grande Rivière du Nord, Maximé Jean Noel, hin freigelassen. Zwei der am 27. Mai festgenommenen Bauern werden weiterhin in Haft gehalten, weil ihr Name nicht auf der Freilassungsliste stand, erklärten die Verantwortlichen des Nationalgefängnisses in Port-au-Prince.

Die Aktivisten für die Verteidigung der Menschenrechte, insbesondere der Nationalen Koalition für die Verteidigung der Rechte der Haitianer (Coalition Nationale pour la Défense des Droits des Haïtiens, NCHR) haben der Freilassung beigewohnt. Sie haben sie als das Ergebnis verschiedener Mobilisierungs- und Solidaritätsinitiativen eingeschätzt, die auf nationaler und internationaler Ebene für die Inhaftierten stattgefunden haben. Sie haben versprochen, die Mobilisierung bis zur Freilassung der beiden noch im Gefängnis festgehaltenen Bauern aufrecht zu erhalten.

Die neun Personen – sieben Männer und zwei Frauen – wurden von der Polizei festgenommen und mit einem Hubschrauber nach Port-au-Prince verfrachtet, nachdem sie im Rahmen von Aktionen auf der Orangenplantage des Kompanie Guacimal in der Nähe der Stadt St-Raphael gewalttätigen Angriffen ausgesetzt waren. Die Arbeiter befanden seit 18 Monaten im Konflikt mit der Kompanie, die europäische Unternehmen mit Orangenextrakten beliefert, darunter Remy Cointreau. 

2000 bis 3000 Kinder jährlich Opfer des Kinderhandels

Von Colette Lespinasse

(Port-au-Prince, 11. August 2002, alterpresse).- Eine Studie der Internationalen Organisation für Migration (Organisation Internationale de la Migration, OIM) und von UNICEF enthüllt einen Handel mit haitianischen Kindern in die Dominikanische Republik. Nach ihren Schätzungen sind zwischen 2000 und 3000 Kinder jedes Jahr Opfer dieses Handels.

Die Ergebnisse der Studie wurden am 9. August 2002 in Santiago de Los Caballeros, im Norden der Dominikanischen Republik der Öffentlichkeit präsentiert. Die Pressekonferenz fand im Beisein von mehreren Persönlichkeiten und Verantwortlichen öffentlicher und privater haitianischer sowie dominikanischer Organisationen statt, darunter der mit den Beziehungen zu Haiti in der Dominikanischen Republik beauftragte Edwin Paraison und die mit dem Kinderschutz beauftragte Staatsanwältin Isabel Mejia de Grullon. Ebenfalls teilgenommen haben Vertreter von UNICEF in Haiti und der Dominikanischen Republik, des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (FNUAP) und der amerikanischen Agentur für Internationale Entwicklung (USAID).

Nach Juan Artola, dem zuständigen Vertreter der OIM für Haiti und die Dominikanische Republik, sind Santiago und die ganze Region Cibao ein wichtiges Zentrum, in dem die haitianischen Kinder ankommen. Ohne andere Regionen auszuschließen hat die Studie gezeigt, dass eine große Anzahl der Kinder aus dem Norden Haitis stammt, insbesondere aus den Gemeinden Pilate und Plaisance. Sie werden durch ein einflussreiches Händlernetz in die Dominikanischen Republik geschafft, das unter der Mithilfe von vielen Haitianern und Dominikanern funktioniert, darunter Polizisten, Militärs und Fahrer.

Die Studie hat enthüllt, dass dieser Kinderhandel mit der Zustimmung der Eltern durchgeführt wird, die die Händler als Wohltäter betrachten. Letztere, auf ungefähr 20 Personen geschätzt, sind oftmals Familienmitglieder oder Freunde. In der Dominikanischen Republik beuten sie die Kinder als Bettler, in der Landwirtschaft oder im Bauwesen aus.

Die Mehrheit der verschleppten Kinder ist zwischen 5 und 13 Jahren alt und besucht eine Schule in Haiti. Diese Kinder treten ihre Reise in den meisten der Fälle während der Sommerferien an. Am Ende dieser Periode kehren einige von ihnen nach Haiti zurück, aber die Mehrheit bleibt in der Dominikanischen Republik.

Ein Teil des verdienten Geldes wird dazu benutzt, die Schulgebühren zu bezahlen und die Schuluniformen sowie andere Materialen für das neue Schuljahr zu kaufen. Der andere Teil geht an die Händler und an die Eltern.

Die Studie hat sich darüber hinaus mit den Lebensbedingungen der Kinder in der Dominikanischen Republik beschäftigt. Sie leben in einer Art von totaler Marginalisierung, haben keine Zugang zu einer Minimalversorgung, werden schlecht untergebracht und schlecht ernährt. Ohne Papiere sind sie oftmals die Opfer von polizeilichen Aktionen der Migrationsbehörde und werden unter bedauernswerten Umständen nach Haiti zurückgeschickt.

Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Treffens haben sich sehr über die Tatsache beunruhigt gezeigt, dass die Studie nicht die besondere Situation der verschleppten Mädchen erwähnt. In ihren Empfehlungen legen sie eine Vertiefung der Studie bezüglich der Mädchen nahe, um ihr Schicksal besser kennen zu lernen, da sie anscheinend in weniger sichtbaren Arbeiten als die Jungen “ beschäftigt“ werden.

Die Anwesenden haben gleichermaßen in starkem Maße auf der Notwendigkeit bestanden, dass die haitianischen Eltern für das Schicksal ihrer Kinder sensibilisiert werden sollen und ebenfalls darauf hingewiesen, dass es eine Verbindung zwischen der Hausangestelltenschaft und dem Kinderhandel zu geben scheint. Sie haben eine ähnliche Veranstaltung in Haiti in naher Zukunft angeregt, um den haitianischen Politikern die Ergebnisse der Studie vorzustellen und um in der Öffentlichkeit eine Diskussion in Gang zu bringen.

„Haiti und die Dominikanische Republik sind zwei Länder, die die internationalen Konventionen des Kinderschutzes und der Rechte der Kinder unterzeichnet haben. Beide Länder haben die Verantwortung, tätig zu werden, um diese Situation zu ändern.“ Mit diesem Beitrag hat sich die Staatsanwältin für den Kinderschutz der Dominikanischen Republik Isabel Mejia de Grullon zu Wort gemeldet. Sie wünscht eine enge Zusammenarbeit zwischen den haitianischen und dominikanischen Justizbehörden, um diesen Handel zu bremsen.

Im Rahmen seines Beitrages zur Beendigung des Zusammentreffens hat der Vertreter von UNICEF in Haiti Rodney Philips eine Übersicht über die in dieser Sache verletzten Rechte der Kinder gegeben, insbesondere das Recht auf eine Familie, auf Versorgung, auf Liebe und auf Schutz. „Wir müssen uns dem Problem aus der Perspektive der Menschenrechte nähern“, sagte er. „Wir haben die Rechte des Kindes benannt, nun müssen wir die Verantwortlichen für die Umsetzung dieser Rechte ausmachen“, fügte hinzu.

Auf der Mitverantwortung der Behörden und Gesellschaften beider Länder insistierend forderte Philips die Eltern, die NGO's, die Justizbehörden, die Polizei, die Armee, die Verantwortlichen der Migrationsbehörden in Haiti und in der Dominikanischen Republik und die Internationale Gemeinschaft dazu auf, dafür zu sorgen, dass diese Kinder niemals wieder zu Opfern solcher Ausbeutungen und Missbräuche werden. 

BRASILIEN

Das Erbe Fernando Henrique Cardosos

(Rio de Janeiro, 22. August 2002, oficina de informações-poonal). Der brasilianische Präsident ist besorgt über die anhaltende Finanzkrise, die seinen letzten Regierungstagen einen bitteren Beigeschmack zu geben droht. Cardoso appelliert nun an die vier Kandidat*innen für das Amt des Präsidenten, für die Einhaltung der Übereinkünfte mit dem Internationalen Währungsfond (IWF) zu sorgen und einen stabilen Wechselkurs zu garantieren, dessen sich Cardoso durch die Einführung des Plano Real in seinen beiden Amtsperioden verdient gemacht hatte. Sein Präsidentensessel wird im neuen Jahr neu besetzt.

Durch die Einführung einer neuen Währung, des Real, konnte zwar die Inflation unter Kontrolle gebracht werden, dafür musste jedoch an anderen Stellen ein hoher Preis gezahlt werden. Die öffentliche und private Verschuldung im Ausland wuchs immens an und führte zu einer besorgniserregenden internen Staatsverschuldung, die außer Kontrolle geraten ist. Das Wirtschaftswachstum war zu gering, um den nötigen Überschuss zu produzieren, mit dessen Hilfe die Schuldzinsen hätten ausgeglichen werden können.

Der Schuldenberg hat sich mittlerweile von 30 auf 60 Prozent des Bruttosozialprodukts (BSP) verdoppelt. Die Vereinbarung mit dem IWF, wenigstens einen Überschuss von 3,75 Prozent des BSP abzutreten, macht eine Stabilisierung der aktuellen Schuldenrate gänzlich unmöglich.

Nicht nur auf dem Geldmarkt macht sich Beunruhigung und Unmut breit. Die derzeitige Regierung versäumte auch auf dem Arbeitsmarkt, in der Bekämpfung von Gewalt und in der Aufhebung von Armut, den drei brisantesten Problemfeldern in Brasilien, notwendige Maßnahmen zu ergreifen.

Nach einer Studie des Industrieverbands Rio de Janeiro sind statistisch betrachtet 54 Millionen von den insgesamt 84 Millionen Menschen, die zu der arbeitenden Bevölkerung gezählt werden und mindestens seit zehn Jahren auf dem Arbeitsmarkt sind, Selbständige, Arbeiter*innen ohne offizielle Zulassung oder schlicht arbeitslos. Die Arbeitslosigkeit wächst stetig an und ist sowohl relativ als auch absolut eine der höchsten in der ganzen Welt.

Eine Studie des Arbeitsministeriums in São Paulo macht den rapiden Anstieg der Arbeitslosigkeit deutlich. Mit 2,2 Prozent Arbeitslosigkeit stand Brasilien 1980 auf Platz 91 im weltweiten Vergleich. 1990 stand Brasilien mit drei Prozent auf Platz 78, und im Jahr 2000 stieg die Arbeitslosigkeit auf 7,3 Prozent an und es blieben nur noch 22 andere Länder mit einer höheren Arbeitslosenrate. In absoluten Zahlen stand Brasilien 1980 an neunter Stelle, 1990 an sechster, und im Jahr 2000 mit ca. 13 Millionen Arbeitslosen an zweiter Stelle weltweit, nach Indien mit der höchsten absoluten Arbeitslosigkeit.

Einer Studie des politisch kulturellen Zentrums der Stiftung Getúlio Varga zufolge gibt es in Brasilien mehr als 50 Millionen Bedürftige. Als solche werden diejenigen bezeichnet, die nicht das Geld aufbringen können, um täglich mindestens 2.300 Kalorien in einer ausgewogenen Ernährung zu sich nehmen zu können.

Zudem ist besonders diese Gruppe der Bevölkerung Opfer von täglicher Gewalt. Brasilien ist das Land mit der zweithöchsten Mordrate nach Kolumbien. Wurden 1991 auf 100.000 Einwohner 21 Fälle von Totschlag registriert, so stieg diese Zahl 2000 auf 0,27 Prozent an. Diese Zahlen spiegeln eine Realität wieder, von der besonders junge Menschen in armen Vierteln betroffen sind. Die Sterblichkeitsrate ist in den armen Vierteln doppelt so hoch wie in den reichen und am höchsten bei Jugendlichen im Alter von 15-24 Jahren. In Rio, Pernambuco und Sao Paulo ist die Totschlagrate in dieser Altersgruppe 100 Fälle pro 100.000 Jugendlichen.

Fernando Henrique Cardoso hat seinem Nachfolger, bzw. seiner Nachfolgerin, dieses Erbe hinterlassen. Wenn das interne Wachstum weiterhin so gering bleibt, wird es schwer werden, den Markt wieder zu stabilisieren, für die Zinszahlungen der Schuldenlast zu garantieren und die gesellschaftlichen Missstände einzudämmen. 

Starre Bildung

(Lima, 26. August 2002, na).- Der Traum von vielen armen brasilianischen Jugendlichen, an eine Universität zu kommen, war noch nie so weit entfernt wie heute. Obwohl die Anzahl der Studierenden zwischen 1992 und 1999 von 1,4 Millionen auf 2.5 Millionen zwischen 1992 und 1999 anwuchs, kommt nur ein sehr kleiner Anteil aus Familien mit geringem Einkommen.

Der Anteil der Universitätsstudenten der zehn Prozent der Reichsten der Bevölkerung wuchs von 46 Prozent der Gesamtstudierendenzahl von 1992 auf 48 Prozent an. Im Gegensatz hierzu verringerte sich die Prozentzahl der Studierenden der 50 Prozent der Armen von 8,5 Prozent im Jahr 1992 auf nur 6,9 Prozent im Jahr 1999. 

ECUADOR

Aufruf zur Präsidentschaftswahl

(Quito, 12 August 2002, na).- Das Oberste Wahlgericht rief offiziell zur allgemeinen Wahl am 20. Oktober auf. Die Wähler sollen den Machthaber wählen, der den Präsidenten Gustavo Nonoa ersetzen soll, der sein Amt am 15. Januar nach einer Amtszeit von vier Jahren ablegt. Wenn kein Kandidat die absolute Mehrheit erhält, wird am 24. November ein zweiter Wahldurchgang durchgeführt.

Abgesehen von der Präsidentschaft und Vizepräsidentschaft, werden die 8,1 Millionen Wähler des Landes die Abgeordneten des Einkammerkongresses, der Landkreis- und Provinzregierungen und der Repräsentanten für das Andinische Parlament bestimmen.

Es gibt mindestens ein Dutzend Präsidentschaftskandidaten, einschließlich den zwei ehemaligen Machthabern. Rodrigo Borja (1988-92) gab am 20. Juli seine Aufstellung für die Demokratische Linke (Izquierda Democrática, ID) bekannt, während Osvaldo Hurtado (1981-84) die Bewegung des Solidarischen Landes (Movimiento Patria Solidaria) anführen wird.

Der ehemalige Präsident León Febres Cordero (1984-88) von der Christlich Sozialen Partei (Partido Social Crisitiano, PSC) sagte, dass er bei den Wahlen aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen würde und gab seine Unterstützung von Xavier Neira bekannt. Die Roldolistische Partei (Partido Roldolista, PRE) ernannte Jacobo Bucaram zu ihrem Kandidaten, er ist der Bruder des abgesetzten Präsidenten Abdalá Bucaram, der zwischen August 1996 und Februar 1997 das Land regierte.

Lucio Gutiérrez, ein pensionierter Oberst, der bei den Protesten vom Januar 2000 teilgenommen hat, die den Präsidenten Jamil Mahuad stürzten, wird als Kandidat für die Bewegung Patriotische Gesellschaft (Sociedad Patriótica), einer Koalition von Mitte-Links-Gruppen und der indigenen Bewegung Pachacutik antreten.

Antonio Vargas, der ehemalige Präsident der Konföderation der Indigenen Nationalitäten von Ekuador (Confederación de Nacionalidades Indígenas de Ecuador, CONAIE) wird auch teilnehmen, jedoch dadurch die indigene Stimmen teilen. Eine Gruppe von Bewohner von Cuenca fragten den pensionierten Bischof Alberto Luna, ob er eine Aufstellung zur Präsidentschaft erwägen würde. Hunderte von Bewohnern liefen am 21. Juli in den Straßen auf einer Unterstützungsdemonstration für den Prälat, der aber ablehnte.

Noboa wird dem Nachfolger eine Wirtschaft hinterlassen, die sich nach einer schweren Krise, die 1998 begann und die sich immer noch in einer Rezession befindet. Nachdem der Dollar im Jahre 2000 zur offiziellen Währung umgestellt wurde, fing die Wirtschaft nochmals an zu wachsen, aber Ekuador hat die höchste Außenverschuldung der Hemisphäre. Die ekuadorianische Wirtschaft wuchs im letzten Jahr um 5,6 Prozent an. Dies ist die höchste Rate von Lateinamerika, aber einige Nichtregierungsorganisationen schätzen, dass zwischen 70 und 80 Prozent der Bevölkerung in Armut lebt.

 

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