Poonal Nr. 472


Deutsche Ausgabe des wöchentlichen Pressedienstes lateinamerikanischer Agenturen Nr. 472 vom 23. März 2001

Inhalt


MEXIKO

GUATEMALA

EL SALVADOR

PANAMA

KOLUMBIEN

EKUADOR

CHILE

URUGUAY

LATEINAMERIKA


MEXIKO

EZLN entscheidt sich in letzter Minute gegen Rückkehr – Parlament gewährt Rederecht

Von Gerold Schmidt

(Mexiko-Stadt, 23. März 2001).- Es war ein Umdenken in letzter Minute. Die 24-köpfige Delegation der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) war für Freitag eigentlich ganz auf die Rückkehr von Mexiko-Stadt in den südlichen Bundesstaat Chiapas eingestellt. Die Indio-Kommandanten und ihr weißer Sprecher Subcomandante Marcos hatten diesen Schritt bereits Anfang der Woche angekündigt, nachdem ihnen ein Auftritt vor dem Plenum des Bundesparlamentes aufgrund einer fehlenden Einigung unter den Spitzen der politischen Parteien verweigert wurde. In einer Kampfabstimmung gab es am Donnerstagnachmittag mexikanischer Zeit jedoch bei sieben Enthaltungen eine knappe Parlamentsmehrheit von 220 zu 210 Stimmen dafür, einen Vertreter der Zapatisten auf der Tribüne des Abgeordnetenhauses sprechen zu lassen. Voraussichtlich wird es sich dabei um Marcos handeln. Nur die Partei der Nationalen Aktion (PAN), der der Präsident Vicente Fox angehört, stimmte geschlossen gegen die Übereinkunft der anderen vier Parlamentsfraktionen.

Möglicherweise wird es jetzt auch noch zu direkten Gesprächen zwischen Regierung und der zapatistischen Führung kommen. Vicente Fox verband Mitte dieser Woche eine an Marcos gerichtete Einladung in den Präsidentenpalast mit der Ankündigung, alle drei von der EZLN gestellten Bedingungen für eine Aufnahme von Verhandlungen in den kommenden Tagen vollständig zu erfüllen. Dabei handelt es sich um die – erfolgte – Entsendung einer Verfassungs- und Gesetzesreform über die Rechte und die Kultur der Indigenas zur Abstimmung ins Parlament, die Freilassung aller zapatistischen Häftlinge und die Auflösung von sieben Militärstützpunkten in Chiapas, die explizit von der EZLN genannt wurden. Noch sitzen einige Zapatisten im Gefängnis und drei der Truppenlager existieren weiter.

Die überraschende Wende der vergangenen Tage rückt Friedensverhandlungen wieder ein bisschen näher. Aber Vorsicht ist angebracht. Der am 24. Februar begonnene Marsch der Rebellen-Delegation durch zwölf Bundesstaaten in die Hauptstadt und ihr dort knapp zwei Wochen währender Aufenthalt sorgten auch international für Aufsehen gesorgt. Doch nach der überwiegend freundlichen und teilweise begeisterten Aufnahme der Zapatisten durch große Teile der Bevölkerung folgte die Ernüchterung beim Kontakt mit den politischen Instanzen.

Die Verabschiedung der Verfassungs- und Gesetzesreform zu den Rechten und der Kultur der Indigenas durch das Parlament gestaltet sich schwieriger als erwartet. Nachdem sich die gesamte PAN in der Frage des Rederechtes für die Zapatisten jetzt gegen „ihren“ Präsidenten stellte, sind die Fronten noch verhärteter. Wenige Stimmen können entscheidend sein. Da auch Teile der das Land zuvor 71 Jahre regierenden Revolutionären Institutionellen Partei (PRI) sich hartnäckig gegen die Initiative stellen, ist eine Mehrheit für den seit über vier Jahren existierenden Entwurf wieder fraglich. Damals hatte ihn die parteienübergreifende Parlamentskommission zu Chiapas (Cocopa) ausgearbeitet. Die EZLN stimmte 1996 zu, aber die PRI-Regierung unter Präsident Zedillo verhinderte eine Abstimmung in Senat und Abgeordnetenhaus.

Wer immer für die Zapatisten vor den Abgeordneten und später möglicherweise noch vor dem Senat spricht, wird es schwer haben, Gegner zu sich herüber zu ziehen. Die EZLN-Delegation machte nor vor wenigen Tagen ihrem Ärger über die Blockadepolitik der Hardliner Luft. „Der Kongress der Union ist eine Geisel derjenigen gewesen, die lieber die Augen vor der nationalen und internationalen Mobilisierung verschließen wollen“, so die Zapatisten in einem Kommuniqué. „Wir Indigena-Völker klopfen nicht mehr – weder jetzt noch in der Zukunft – als Bittsteller an die Türen, um gehört und beachtet zu werden.“

Gerade Präsident Vicente Fox hat in den vergangenen Monaten immer wieder wortreich einen baldigen Frieden beschworen. Doch seine konkreten Zugeständnisse an die Aufständischen kamen scheibchenweise. Die EZLN konnte so leicht den Eindruck gewinnen, der Präsident wolle vor allem medienwirksam agieren, sich aber Faustpfände zurück behalten. Zudem wandte sich Fox stets an „Marcos“ als Ansprechpartner, nie namentlich an die indigenen Mitglieder der Delegation. Kommandant Tacho warf dem Präsidenten vor, „doppelzüngig“ zu sein. Nun sind aber in wenigen Tagen vielleicht die Grundlagen geschaffen, abseits der Wortgefechte, ernsthafte Verhandlungen über eine endgültige friedliche Lösung des sieben Jahre alten Aufstandes in Chiapas zu beginnen.

GUATEMALA

Hauptmann bezichtigt gesamten Generalsstab des Mordes an Bischof Gerardi

(Guatemala-Stadt, 18. März 2001, pulsar-Poonal).- Kurz vor Beginn des Prozesses wegen Mordes an dem guatemaltekischen Bischof Juan Gerardi 1998 hat einer der Angeklagten Aussagen mit nicht absehbaren Folgen gemacht. Hauptmann Byron Lima Oliva sagte, es sei verfehlt, gegen ihn zu prozessieren. Vielmehr müsse dem Militär als Institution der Prozess gemacht werden. Er sei in diesem Fall nur das schwächste Glied der Kette. „Das Verbrechen war kein persönliches. Es geht um ein Problem des Generalstabs des Präsidenten, des nationalen Heeres“.

Die Aussagen Byron Limas werden damit erklärt, dass er verzweifelt sei, weil die Uniformierten ihm den Rückhalt entzogen hätten. „Alle Soldaten müssen mich unterstützen, sie müssen wenigstens davon erfahren, wie der Prozess verläuft und das Urteil ausfällt. Das Heer muss die Verantwortung übernehmen in diesem Fall, der politischen Charakter hat“, forderte der Hauptmann, der sich als Bewunderer des chilenischen Ex-Diktators Augusto Pinochet bezeichnet.

Von Deutschland gestellte Bedingung sorgt für Unmut bei der guatemaltekischen Regierung

(Guatemala-Stadt, 17.März 2001, cerigua-Poonal).- Die Bedingung, die die deutsche Ministerin für Wirtschafts- und Entwicklungszusammenarbeit, Heidemarie Wieczorek-Zeul, stellte, die Hilfen für Guatemala an Fortschritte bei der Umsetzung der Friedensabkommen zu binden, rief bei der guatemaltekischen Regierung Ärger hervor.

Der Staatssekretär für Auswärtige Angelegenheiten, Gabriel Orellana, kündigte an, man werde die Stimme für Deutschland bei der Wahl zum Mitglied im UN-Sicherheitsrat auf Eis legen. Orellana sagte, er habe den guatemaltekischen Botschafter in Berlin darum gebeten, über weitere Erklärungen der deutschen Ministerin zu inneren Angelegenheiten Guatemalas zu informieren.

Ein Regierungsbaemter des Bundeskanzleramtes versicherte, die Bundesregierung habe vor einigen Wochen Guatemala um seine Stimme gebeten, um in den Sicherheitsrat der UNO zu gelangen. In der Generalversammlung der Weltorganisation wird diesen September die Vergabe zweier Plätze im Sicherheitsrat verhandelt.

Der Beauftragte für internationale Beziehungen Guatemalas brachte seinen Unmut mit dem Hinweis zum Ausdruck: „Wenn wir den Text der Erklärungen vollständig in Händen haben, werden wir entscheiden, ob es sich um Einmischung Deutschlands in innere Angelegenheiten handelt, oder um eine böswillige Interpretation“.

EL SALVADOR

Migration hört nicht auf

(San Salvador, 12. März 2001, pulsar-Poonal).- Seit dem 13. Januar diesen Jahres, als El Salvador durch das erste Erdbeben erschüttert wurde, haben mehr als 40.000 Einwohner*innen das Land verlassen, um auf anderen Plätzen dieser Erde größere Sicherheiten und Arbeit zu suchen.

In Guatemala sind bis dato etwa 20.000 Menschen salvadorianischer Herkunft angekommen, deren Mehrheit mit großer Wahrscheinlichkeit die Vereinigten Staaten zum Ziel hat. Guatemala und Mexiko verwandeln sich derzeit in eine Art Brücke, die zu den Ländern des Nordens führt.

Es handelt sich dabei nicht mehr um ein individuelles Phänomen, sondern um ganze Familien, die El Salvador verlassen. So berichtet beispielsweise der Geistliche Mauro Verzeleti, Direktor der erzbischöflichen Institution „Atención del Migrante“ in Guatemala davon, dass sich aktuell 40 Familien unter der Obhut seiner Organisation befänden.

Das Fortgehen der salvadorianischen Bürger*innen ist der Armut und der Arbeitslosigkeit geschuldet, der sie im Land ausgesetzt sind. Hinzu kommt die Ignoranz staatlicher Stellen gegenüber den Betroffenenen, die diesen keinerlei Soforthilfen zukommen liessen.

PANAMA

Regierung von Moscoso in Korruption verstrickt

(Panama-Stadt, 12. März 2001, pulsar-Poonal).- Von verschiedenen Seiten ist Präsidentin Mireya Moscoso aufgefordert worden, die Korruptionsfälle unter ihren Funktionären zu beenden. Diese Forderungen ergänzen die Kritik an der schwachen Wirtschaftspolitik der Regierung.

Martín Torrijos, Sohn des verschwundenen Generals Omar Torrijos und derzeitiger Präsident der oppositionellen Revolutionären Demokratischen Partei, forderte Moscoso dazu auf, einschneidende Massnahmen dafür zu ergreifen, die galoppierende Korruption einzudämmen.

Einer der wichtigster Punkte der oppositionellen Kritik hängt mit der Besteuerung des Kanaltransits zusammen: die Regierung will eine dauerhafte Konzession an ein Unternehmen vergeben, das die Schiffahrt durch den Kanal kontrolliert. Die Schiffahrtsunternehmen weigern sich derzeit, höhere Steuern zu bezahlen. Das Unternehmen, das den Zuschlag erhält, kann mit starken Gewinnsteigerungen rechnen.

Die Schiffahrtsunternehmen bringen dem Staat jährlich 300 Millionen US-Dollar, und mit der Konzession an ein Unternehmen würde diese Summe deutlich sinken.

Aber auch der Ge- und Missbrauch von staatlichen Maschinen und Werkzeugen zur persönlichen Bereicherung einiger Funktionäre, der illegale Verkauf von Fischfangrechten und anderer Korruptionsfälle sind nach Ansicht der Opposition von der Regierung zu unterbinden.

KOLUMBIEN

ELN suspendiert Gespräche mit der Regierung

(Bogota, 10. März 2001, pulsar-Poonal).- Die Nationale Befreiungsarmee (ELN) suspendierte Anfang März vorübergehend die bis dato geführten Friedensgespräche mit der kolumbianischen Regierung unter Präsident Andrés Pastrana. Diese Entscheidung wurde der Regierung durch den Führer der ELN bekannt gegeben, der den Vorsitzenden der Friedenskommission, Camilo Gómez, durch einen Brief in Kenntnis setzte.

Die Rebellen sehen derzeit die Bedingungen, den Dialog fort zu setzen, als nicht gegeben an. Die ELN ist die zweite Guerilla-Organisation in Kolumbien und zählt etwa 5000 Angehörige. In den letzten Jahren verlegten sie sich bei ihren Aktionen vor allem darauf, die Infrastruktur der Energieversorgung zu zerstören.

Pressesprecher der Regierung bedauerten die Entscheidung der ELN, aber drückten auch ihre Hoffnung auf eine Rückkehr zu den Friedensgesprächen aus. Der Dialog war vor mehr als einem Jahr begonnen worden.

Der Präsident gibt vor, eine Zone von etwa 4000 Km2 im Süden der Provinz Bolívar in militärischer Hinsicht räumen zu wollen, um seinen Willen, die Friedensgespräche mit der ELN zu konkretisieren, deutlich zu machen. Paramilitärische Gruppen gaben bekannt, zum Sterben bereit zu sein wenn es darum ginge, eine Übergabe der Zone an die Guerilla zu verhindern.

Tausende von Bauern widersetzen sich ebenfalls der Räumung der besagten Zone. Nach Meinung der Regierung ist der Widerstand der Bewohnerinnen damit begründet, dass sie dem Druck der paramilitärischen Gruppen, die gegen die Rebellen kämpfen, ausgesetzt sind.

In dem Gebiet, das geräumt werden soll, ist derzeit die kolumbianisches Militär stationiert. Die Armee hat vor einem Monat mit Aktionen begonnen, Anbaustätten von Coca und Camps zu zerstören, die rechten Paramilitärs oder der Guerilla zugeordnet werden.

USA bestehen auf Ausdehnung des „Plan Colombia“

(Bogota, 18. März 2001, pulsar-Poonal).- Für die US-Regierung besteht kein Unterschied zwischen Drogenhändlern und linksgerichteten kolumbianischen Guerrillagruppen. Das erklärte der US-amerikanische Unterstaatssekretär für Drogenfragen, Rand Beers, während seines Besuchs in Kolumbien.

Humanitäre kolumbianische Organisationen bewerten diese Erklärungen vor dem Hintergrund der Umsetzung des „Plan Colombia“ als Rechtfertigung für die zunehmende bewaffnete Gewalt in dem südamerikanischen Land. Anfangs bestand der „Plan Colombia“ angeblich vor allem zum Zweck wirtschaftlicher und militärischer Unterstützung. Er hatte das offizielle Ziel, den Drogenhandel zu bekämpfen und den Anbau von Koka, als dem Grundstoff zur Herstellung von Kokain, einzudämmen. Jetzt steigen die für die Anschaffung von Waffen bereitgestellten Gelder mit jeder Ankündigung einer neuen Phase im Krieg gegen Drogen und Guerilla.

Eines der größten Hindernisse im Friedensprozess stellt eine aktuelle Forderung der US-Regierung dar: etwa 20 kolumbianische Guerillaführer, denen die USA Beziehungen zum Drogenhandel vorwerfen, sollen an die Vereinigten Staaten ausgeliefert werden.

Männerfreie Zone

(Bogotá, 16. März 2001, alc-Poonal) -Das offizielle Verbot für Männer, sich in der Nacht des 9.März auf den Straßen Bogotás aufzuhalten stieß zwar auf Kritik, aber 83 Prozent der männlichen Einwohner der kolumbianischen Hauptstadt haben sich daran gehalten. Nun wird erwartet, dass die weiblichen Einwohnerinnen der Stadt ihrerseits am Freitag den 16. März zu Hause bleiben. Soziolog*innen und Jurist*innen meinen, dass die Stadträte ihre Städte in eine Art Utopie verwandeln wollen: ohne Autos, ohne Alkohol, ohne Jugendliche, ohne Männer und ohne Frauen.

Erste Initiative in diesem Rahmen war der „Tag ohne Auto“, der im Februar diesen Jahres erfolgreich in Bogotá begangen wurde. Die neuste Maßnahme Antonio Mockus, seines Zeichens Bürgermeister von Bogotá, bezweckt eine Verminderung des Gewaltpotentials auf den Straßen der Stadt. Während 46 Prozent der Bevölkerung die Aktion befürworteten, hielten es andere schlichtweg für eine weitere Wahnsinnstat Mockus'. Dieser selbst beurteilte die „Nacht ohne Männer“ als vollen Erfolg, und wies darauf hin, dass nur 17 Prozent der männlichen Bevölkerung der Hauptstadt die Straße in dieser Nacht betreten habe. Für die Widerspenstigen gab es keine rechtlichen Konsequenzen, da es sich bei dem Verbot um eine Art Probe, deren Zuwiderhandlung nicht bestraft wurde. Ebenso wird es bei der „Frauenfreien Nacht“ zugehen. Auch die Polizei, die sich in dieser Nacht ausschließlich aus Frauen zusammensetzte, äußerte sich positiv über die männerfreie Nacht. Sie wies darauf hin, dass es nur einen Mord und erheblich weniger Autounfälle gegeben habe.

Die kommunalen Auflagen enden aber hiermit nicht. So plant der Bürgermeister von Medellín, Luís Pérez, die Schließung aller Geschäfte und Nachtlokale eine Nacht im Monat, um „das Familienleben zu stimulieren“. Diese Maßnahmen haben in Kolumbien Geschichte: Die erste Norm dieser Art wurde durch den ehemaligen Bürgermeister von Bogotá, Jaime Castro, diktiert. Er verbot Mitte der neunziger Jahre die Anwesenheit von Minderjährigen ohne Begleitung von Erwachsenen auf der Straße nach 23 Uhr. Obwohl Mockus dieses Verbot aufhob, führte er die restriktive Kommunalpolitk weiter. 1995 kam die Auflage für alle öffentlichen Einrichtungen um 1 Uhr morgens zu schließen. Später verbot er in Bogotá den Autoverkehr zu bestimmten Uhrzeiten. Auch andere Städte zogen mit. So wurde auch in Villavicencio und Buga der Autoverkehr eingeschränkt. Cali sowie weitere 22 Städte führten die Ausgangssperre für Jugendliche unter 15 Jahren ein. Der Bürgermeister Luís Pérez drohte, von nun an Erwachsene, die mit minderjährigen Prostituierten gesehen würden, zu filmen. Diese Filme sollen an die Familien der Freier geschickt werden.

Die Lawine von Restriktionen hat den Protest von Soziolog*innen, Pädagog*innen und vielen anderen zur Folge. Sie werfen den Bürgermeistern vor, dass die Menschen vor lauter Maßnahmen nicht zwischen Sinn und Unsinn unterscheiden könnten. Außerdem seien viele dieser Aktionen nicht auf deren Auswirkungen geprüft worden.

Es gibt jedoch auch jene, die glauben, die alltägliche Gewalt rechtfertige fast jedes restriktive Mittel. 30 Prozent der 30.000 Todesopfer in Kolumbien sind zwischen 15 und 24 Jahren alt. Außerdem sind etwa zwei Millionen illegaler Waffen in Umlauf und 12.000 Jugendliche verdingen sich als Prostituierte.

Andere sind der Ansicht, dass die Maßnahmen eine Antwort auf die tiefen sozialen Veränderungen der letzten 30 Jahre sind. Diese führten zu einer lascheren Justiz, Straflosigkeit sowie einer Abnahme der sozialen Kontrolle durch Familien und Schulen. Daraus resultiert eine allgemeine Verunsicherung. „Restriktive Maßnahmen tauchen immer dann auf, wenn die Selbstkontrolle, d.h. die innere Polizei, versagt“, sagt María Cristina Ocampo, Generalsekretärin von Bienestar Familiar.

EKUADOR

Das Forum für Vielfalt und Koexistenz der verschiedenen Kulturen beendet

(Quito, 16. März 2001, pulsar-Poonal).- Die Delegationen indigener Völker, von Schwarzengruppen und von Minderheiten in Lateinamerika und der Karibik, fordern von den Regierungen die Achtung der Gesetze gegen die Diskriminierung. Dies ist eine der Resolutionen des Forums, das an diesem Freitag in Quito zu Ende ging.

Die Teilnehmer*innen des Forums verlangten außerdem, dass die Rechte, die in internationalen Abkommen und der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte enthalten sind auch in Ländern, die sich auf dem Weg zur Unabhängigkeit befinden, angewandt werden sollen.

Der Geschichtswissenschaftler Juan Antonio Blanco von Human Rights Internet, einer der Organisationen, die das Forum vorbereiteten, sagte, dass das Treffen großen Raum für das Zusammenkommen verschiedenster Gruppen geschaffen habe. Und er fügte hinzu, dass dies ein großer Fortschritt für die Zivilgesellschaft in der Region gewesen sei.

Das Forum der Amerikas für die Vielfalt und die Koexistenz der verschiedenen Kulturen war ein Vorbereitungstreffen auf dem Weg zur Weltkonferenz gegen den Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und anderer Formen der Intoleranz. Diese Weltkonferenz, die von der UNO organisiert wird, findet im September diesen Jahres in Südafrika statt.

Das Forum in Quito, das vier Tage dauerte, gab den verschiedenen ethnischen Gruppen und Minderheiten die Möglichkeit, entschieden jede Form von Rassismus oder Diskriminierung nach Nationalität, geschlechtlicher Neigung, Religion, AIDS oder Behinderung abzulehnen. Außerdem konnten sich die Delegationen über Strategien austauschen, um eine demokratischere Geselllschaft zu erreichen, in der es mehr Raum für alle Menschen geben sollte.

CHILE

80 Personen bei Demonstrationen gegen Tagung der BID festgenommen

(Santiago, 18. März 2001, pulsar-Poonal).- Die Polizei ging gegen Proteste von Globalisierungsgegner*innen und Umweltschutzgruppen gegen die Jahrestagung der Interamerikanischen Entwicklungsbank (BID) vor. Dabei kam es zu heftigen Zusammenstößen im Zentrum der chilenischen Hauptstadt. 80 Personen wurden festgenommen, es gab einige Verletzte.

Zu der Tagung wurden der Präsident des Internationalen Währungsfonds, die Präsidenten von Uruguay, Argentinien und Ecuador sowie der spanische Minister Rodrigo Rato eingeladen. Eine Veranstaltung mit Vertretern der chilenischen Regierung wurde aufgrund der massiven Proteste abgesagt.

Die Polizei wurde in Alarmzustand versetzt. Es zirkulierte eine Liste mit den Namen von 40 ausländischen Aktivisten, die angeblich nach Chile einreisen und sich dort den Protesten anschließen wollten. Unter ihnen wurde auch José Bové, der französische Ökoaktivist genannt.

URUGUAY

Carlos Núñez gestorben

(Montevideo, 17. März 2001, comcosur-Poonal).- Mit 59 Jahren ist nach langer schwerer Krankheit am 16. März der bekannte Jounalist Carlos Núñez gestorben. Núñez arbeitete bei den Tageszeitungen „El País“ und „La República“, war Redakteur bei „Época“ und der Wochenzeitschrift „Marcha“ und dem Magazin „Mate Amargo“. Zudem gehörte er zu den Gründern der Nachrichtenagentur „Prensa Latina“.

Carlos interviewte Che Guevara in der Sierra Maestra und war ebenso in Bolivien, als der berühmte Guerillero dort ermordet wurde.

Sein Engagement in Volksbewegungen brachte ihm zu Zeiten der Miltitärdiktatur sechs Jahre Gefängnis ein. Seine Haftzeit war der Beginn seiner Krankheit, die nun zu seinem Tod führte.

Gefängnisse überfüllt

(Montevideo, 16. März 2001, comcosur-Poonal).- Der Innenminster Guillermo Stirling zeigte sich bei einem Treffen mit der Menschenrechtskommission des Parlaments sehr besorgt über die Zustände in den uruguayischen Gefängnissen. Er gab zu, dass sie überbelegt seien und die für ihren Unterhalt nötigen Gelder fehlten.

Stirling fügte hinzu, dass er mit der Schaffung eines Nationalen Rehabilitierungsinstituts einverstanden sei. Dises Institut soll das Innenministerium bei der Verwaltung der Gefängnisse ablösen. Jedoch wandte er ein, dieser Schritt würde ohne eine Aufstockung der Mittel nur wenig helfen.

Den Parlamentarier*innen gab er zu bedenken, dass die Kosten für ein sich noch im Bau befindliches Gefängnis noch nicht gedeckt seien und die Anstalt „Libertad“ völlig wiederaufgebaut werden müsse. Dieses Gefängnis war 1999 in der Folge eienr Häftlingsrevolte völlig zerstört worden.

LATEINAMERIKA

Finanzielle Unterstützung durch emigrierte Familienangehörige machen Wirtschaftskrise erträglicher

(Quito, 18. März 2001, pulsar-Poonal).- Lateinamerikaner/innen, die in den USA arbeiten, haben im Jahr 2000 über 16,5 Milliarden Dollar an ihre Verwandten geschickt. Das berichtet die Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (CEPAL). Nach den Untersuchungen von CEPAL steigen die Zahlungen jedes Jahr um 15 Prozent. Die zugrundeliegenden Angaben können allerding nur die Summen berücksichtigen, die auf dem Bankweg nach Lateinamerika geschickt werden. CEPAL und Weltbank schätzen, dass insgesamt etwa 33 Milliarden US-Dollar jährlich transferiert werden.

In Ländern wie der Dominikanischen Republik, Mexiko oder Ekuador stellen die Geldsendungen nach dem Tourismus bzw. dem Erdöl die zweitgrößte Einnahmequelle dar. In El Salvador stehen die Einnahmen aus den Zahlungen der Familienangehörigen nach denen aus Kaffee und Nähmanufakturen an dritter Stelle. Die CEPAL bestätigte, dass dieses Geld viele lateinamerikanische Familien in der scharfen Wirtschaftskrise der Region unterstützt.

Unberücksichtigt läßt die CEPAL-Studie jedoch den großen Profitanteil der Geldinstitute an den nach Hause geschickten Geldern: Die auf Arbeitssuche Ausgewanderten mußten sich teilweise um Tausende von Dollar zu Höchstzinsen verschulden, um ihr Land verlassen zu können.

 

 

   

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