Poonal Nr. 471


Deutsche Ausgabe des wöchentlichen Pressedienstes lateinamerikanischer Agenturen Nr. 471 vom 16. März 2001

Inhalt


MEXIKO

GUATEMALA

KARIBIK

PERU

BOLIVIEN

KUBA

PUERTO RICO

BRASILIEN

URUGUAY

ARGENTINIEN

LATEINAMERIKA


MEXIKO

Ärger der Zapatisten über ersten Vorschlag der Abgeordneten

(Mexiko-Stadt, 15. März 2001, pulsar-Poonal).- Die Führung der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) und Vertreter des sie in Mexikobegleitenden Nationalen Indigena-Kongresses haben einen ersten Vorschlag über ein Treffen mit Mitgliedern des mexikanischen Bundesparlamentes zurückgewiesen. Er sah vor, dass sich zehn Abgeordnete, zehn Senatoren und die parteienübergreifende Kongresskommission zu Chiapas, die Cocopa, mit den Zapatisten zusammensetzen sollten. Dagegen verlangt die EZLN, vor dem Plenum des Parlamentes sprechen zu können, um ihre Unterstützung für die Gesetzesreform über Rechte und Kultur der Indigenas auszudrücken.

Der EZLN-Führung stieß es besonders übel auf, dass der ihnen von der Cocopa schriftlich überbrachte Vorschlag weder den Briefkopf des Parlamenetes noch irgendeine Unterschrift trug. Dies sei wie ein anonymes Schreiben und lasse Abgeordneten und Senatoren die Möglichkeit offen, die Authentizität des Schreibens anzuzweifeln, so Zapatistensprecher Subcomandante Marcos. In der Art und Weise, wie der Vorschlag überbracht worden sei, sieht Marcos „einen Versuch, die historische Dimension der nationalen und internationalen Mobilisierung bezüglich dieser Forderung (nach der Gesetzesreform) zu reduzieren.“

Die Cocopa hat unterdessen angekündigt, einen neuen Vorschlag auszuarbeiten, wie der Auftritt der Zapatisten gegenüber dem mexikanischen Kongress aussehen könnte. Insbesondere aus den Reihen der Partei der Nationalen Aktion (PAN), der Präsident Vicente Fox angehört, gibt es teilweise hartnäckigen Widerstand, der EZLN eine politische Plattform zu bieten. Teile der Partei sind ebenso wie Mitglieder der zuvor 71 Jahre lang regierenden Revolutionären Institutionellen Partei (PRI) nicht bereit, der vorliegenden Gesetzesinitiative über die Rechte und Kultur der Indigenas in allen Punkten zuzustimmen. Je länger der Streit darüber dauert, wird er auch zu einem Gesichtsverlust für Vicente Fox, der die schon vor über vier Jahren von der damaligen Cocopa verfasste Initiative ins Parlament eingebracht hat.

 

Zapatour: Massenkundgebung in Mexiko-Stadt – Zukunft der EZLN ungeklärt

Von Gerold Schmidt

(Mexiko-Stadt, 12. März 2001, Poonal).- Wie vorgesehen bewegte sich die Karawane der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) zum Ende ihrer Mammutreise durch zwölf mexikanische Bundesstaaten auf den Spuren des Revolutionshelden Emiliano Zapata. Die letzte Etappe von Xochimilco am südlichen Rand der Hauptstadt bis ins Herz der Metropole vor den Nationalpalast kulminierte in einer Großkundgebung, an der knapp zweihunderttausend Menschen teilnehmen. Trotz der teilweise beeindruckenden Unterstützung, die die „Zapatour“ unterwegs erlebte, bleiben viele Fragen über Zukunft und Einfluss der Bewegung offen.

Ein Indiz dafür ist ein genauerer Blick auf den Vergleich mit Emiliano Zapata und seinem Befreiungsheer des Südens, der in den vergangenen Tage so gerne gezogen wurde. Als Zapata am 24. November 1914 in Mexiko-Stadt einmarschierte, hatten er und auch der zweite große Revolutionsheld Francisco Villa neben der militärischen die politische Macht in ihren Händen. Das sie sie nicht ergriffen, war eine andere Sache. Die Neozapatisten wiederholen immer wieder, dass es sie nicht nach der politischen Macht drängt. Aber sie sind anders als Zapata weit davon entfernt, die Machtfrage stellen zu können. Das Befreiungsheer des Südens und die Norddivision Villas defilierten im Dezember 1914 mit 58.000 Soldaten durch die Hauptstadt, nachdem sie den Nationalpalast wieder den Berufspolitikern überlassen hatten. Die EZLN hat als Waffe nur ihre Ausstrahlungskraft in der Öffentlichkeit, ist aber militärisch kein wichtiger Faktor.

Die Frage ist daher die der politischen Zukunft der EZLN und damit zu einem guten Stück auch der gesamten mexikanischen Linken. Die Diskussion, wie weit es dabei um eine reformistische oder revolutionäre Linke geht, soll an dieser Stelle weitgehend anderen überlassen werden.

Viele sprechen in der derzeitigen Situation zu Recht vom Duell zweier Marketingstrategien, was Regierung und die modernen Zapatisten angeht. Eine Mehrheit der Beobachter schätzt die Lage so ein, dass der Marsch durch die Republik momentan der EZLN einen leichten Vorsprung in diesem Duell gibt. Doch die von den Regierungsstrategen gewollte und von vielen Rebellensympathisanten mitgemachte personelle Zuspitzung auf Präsident Vicente Fox und EZLN-Sprecher Subcomandante Marcos birgt für die EZLN viele Gefahren.

Wenn Fox einen Namen der Aufständischen nennt, dann ist es immer nur von „Marcos“. Erst am vergangenen Freitag (9.3.) lud der Präsident vor ausländischen Journalisten Marcos in die Präsidentenresidenz Los Pinos ein. Unter anderem, „damit wir von den Indigenas sprechen“. Auf der anderen Seite füllten deswegen so viele Menschen die Kundgebungen der Zapatisten, weil der Subcomandante dort redete. Hätte er dies nicht immer als letzter gemacht, wären viele Plätze wahrscheinlich vorzeitig leerer gewesen. Mit anderen Worten: gelingt es der Regierung, den Mythos Marcos zu stürzen, wird das ein schwerer Schlag für die gesamte Bewegung. Der konservative mexikanische Historiker Enrique Krauze legt mit dem Hinweis auf das „Messianische“ bei der EZLN den Finger in die Wunde. Marcos selbst übte an den Jubelorgien für ihn zwar zuletzt eine offene Kritik, an der Realität ändert das vorerst nicht.

Das hat auch damit zu tun, dass die Versuche, eine tief in der Bevölkerung abgestützte zivile Bewegung der Zapatisten trotz wiederholter beeindruckter Massenmobilisierungen bisher gescheitert sind. Die Zapatistische Kraft der Nationalen Befreiung (FZLN) ist eines der jüngsten Beispiele. Wirkliche Stärke hat sie nie entwickeln können. Es ist nicht verwunderlich, dass ihr als Organisation keine wichtige Rolle bei der Zapatour zukam, wenn auch viele ihrer Mitglieder in den Vorbereitungskomitees aktiv waren. Die sich vor knapp zwei Jahren abzeichnende Möglichkeit, zusammen mit der damals enorm starken streikenden Studentenbewegung die Menschen im Land zu mobilisieren, ist auch passé – zumindest in der Aktualität. Der Oberste Streikrat (CGH) konnte letztendlich über zum Teil umstrittene Protestmaßnahmen hinaus keine Konzepte vorlegen und verlor zunehmend an Legitimität bei der eigenen Klientel. Selbst das repressive Vorgehen der Regierung mit der Räumung der Autonomen Nationaluniversität (UNAM) vor gut einem Jahr konnte die Studenten nicht mehr einen. Auf eine große, linke und unabhängige Gewerkschaftsbewegung können sich die Zapatisten ebenfalls nicht stützen. Die heftigsten Impulse könnten vielleicht noch vom Nationalen Indigena-Kongress (CNI) ausgehen, der im Gefolge des Zapatistenaufstandes gegründet wurde. Das dritte landesweite CNI-Treffen Anfang dieses Monats – unter Anwesenheit der EZLN-Delegation war das bisher größte. Die Indigenas kündigten nach dem Vorbild in Ecuador eine „friedliche Erhebung“ an, falls die Regierung ihre Forderungen nicht ernst nehmen. Allerdings gilt auch hier: die vielen verschiedenen Forderung und Interessen der über 50 Ethnien Mexikos unter einen Hut zu bringen, wird kein einfaches Unterfangen sein.

Auf die in der Partei der Demokratischen Revolution (PRD) organisierte Linke hat die EZLN nie allzu große Hoffnungen gesetzt. Wenn die bei den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen vom 2. Juli 2000 arg gebeutelte PRD als politisch wichtige Partei überleben will, muss sie sich von Grund auf erneuern. Welche der verschiedenen Strömungen – mit sehr unterschiedlichem Verhältnis zu den Zapatisten – sich in der PRD durchsetzen wird, ist noch ungewiss.

Zu erwähnen sind noch die anderen mexikanischen Guerilla-Bewegungen, deren Zahl auf über ein Dutzend geschätzt wird. Nicht ihre individuelle Stärke, sondern ihre Präsenz an verschiedenen Orten des Landes macht sie zu einem Faktor, der nicht einfach ignoriert werden kann. Die EZLN hat deutlich gemacht, das von der alten PRI-Regierung von Fox übernommene Spiel der Einteilung in gute (EZLN) und böse (die anderen) Aufstandsbewegungen nicht akzeptieren zu wollen. Als die Zapatisten durch den Bundesstaat Guerrero zogen, erwähnte Subcomandante Marcos ausdrücklich FARP, ERPI und EPR und dankte dafür, dass sie der Karawane den Weg innerhalb ihrer Einflusszonen erleichtert hätten.

Zunächst einmal haben die Zapatisten angekündigt, in der Hauptstadt bleiben zu wollen, bis die Gesetzes- und Verfassungsreform zu den Rechten und der Kultur der Indigenas in ihrer 1996 von der parteiübergreifenden Cocopa-Kommission erarbeiteten Version verabschiedet ist. Voraussichtlich wird das in der nächsten Sitzungsperiode des mexikanischen Kongresses geschehen, die am 15. März beginnt. Trotz der Widerstände in Fox konservativer PAN und der PRI zeichnet sich aufgrund des Drucks vom Präsidenten letztendlich eine große Mehrheit für die Initiative ab. Im weiteren Szenarium könnte die Regierung auch noch die Freilassung der letzten zapatistischen Häftlinge durchsetzen sowie tatsächlich noch drei weitere Militärstützpunkte räumen wie von den Zapatisten als Vorbedingung für die Aufnahme von Direktgesprächen gefordert. Das böte Fox die geeignete Grundlage, die EZLN zu einem endgültigen Friedensabkommen zu drängen und sie in der Öffentlichkeit als Verweigerer zu präsentieren, wenn sie sich dazu nicht bereit erklärt.

Die Zapatisten ihrerseits müssen sich dieser Herausforderung stellen. Abseits eloquenter Kommuniques und ständig neuer Mobilisierungsideen ist ihr politisches Projekt nach wie vor unscharf. Auf einen inhaltslosen Frieden können sie sich nicht einlassen, wirkliche Veränderungen können sie nicht alleine durchsetzen. Was kommt nach dem Marsch und der Gesetzesverabschiedung, das ist die eigentlich spannende Frage, auf die weder die EZLN noch die übrige Linke eine befriedigende Antwort wissen. Wenn die Karawane der Zapatisten nur dem reinen „Bewusstseinstourismus“ diente, von dem Carlos Monsiváis in der Zeitschrift proceso schreibt, muss es der Regierung Fox nicht bange sein. Aber noch ist die Chance, dass sich der Marsch nicht darauf beschränkt, nicht vertan.

 

GUATEMALA

Streit um Aufhebung der Immunität des Ex-Diktators Ríos Montt

(Guatemala-Stadt, 8. März 2001, pulsar-Poonal).- Am vergangene Montag (5.3.) beschloss das Oberste Gericht Guatemalas, die parlamentarische Immunität von 24 Abgeordneten aufzuheben. Unter ihnen ist auch der Exdiktator und aktuelle Präsident, Efraín Ríos Montt .

Sowohl für die guatemaltekische Gesellschaft wie auch für die Justiz stellt sich nun die Frage, ob die Aufhebung der Immunität nun eine Anklage wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gegen Ríos Montt ermöglichen könnte. Der Ex-General hatte die sogenannte „Politik der Verbrannten Erde“ eingeführt und zwischen 1982 und 1983 gegen die linksgerichtete Guerilla und die Bevölkerung eingesetzt. Zahllose Gemeinden waren dabei zerstört worden.

Die parlamentarische Immunität wurde Ríos Montt und 23 weiteren Abgeordneten der Partei „Frente Republicano Guatemalteco“ (FRG) wegen Steuerhinterziehung im Zusammenhang mit Branntweinen aberkannt. Das Oberste Gericht bat darum, einen Richter einzusetzen, der die Klage gegen die mutmaßlichen Täter führen soll. Ihnen werden weitere sechs Delikte zur Last gelegt.

Da die Möglichkeit eines Prozesses besteht, erklärte der Sprecher des Gerichts, José Quesada, dass die Immunität des Präsidenten weiterhin für diesen Fall gelte. Andere Jurist*innen wandten sich jedoch gegen diese willkürliche Interpretation, die ihrer Meinung nach Ríos Montt vor weiterer Verfolgung schützen soll.

 

KARIBIK

Drogenhandel wächst

(Lima, 12. März 2001, na/ips-Poonal).- Laut dem jungsten Bericht „Informe Mudial“ passieren zwei Drittel des gesamten Kokains, das aus Südamerika in den weltweiten Handel verkauft wird, die Karibik. 45 Prozent davon werden in die Vereinigten Staaten verkauft.

Die besondes wegen des wachsenden Drogenhandels unter Beobachtung stehenden Länder sind Venezuela, Haiti, Dominikanische Republik, Guyana, Surinam, Jamaica und die Kaiman-Inseln.

„Die venezuelanischen Kokain-Organisationen werden in den Umladezentren immer mächtiger und aktiver“, so der Bericht. „Eine wachsende Zahl der Kokain-Fracht für Europa und die Vereinigten Staaten verlassen heute venezuelanische Häfen oder kreuzen das Land in Richung Guyana oder Surinam.“

Anlass zur Sorge bietet ebenso die erhöhte Aktivität in Belice und der steigende Einfluss der Kartelle in Venezuela. Das größte Wachstum weist dem Bericht zufolge Belice auf: die Händler empfänden das Land als ideal durch die unzureichende Anwendung der Gesetze.

Die Drogenhändler scheinen ausserdem Nutzen aus dem Finanzwesen in Belice zu ziehen, das sie zu Zwecken der Geldwäsche benutzen. Der Bericht zeigt auf, dass das Vorhandensein von Kasinos die Geldwäsche zudem begünstigt.

Eine bedeutende Menge der Drogen werden durch Kleinflugzeuge ins Land gebracht. Die verbotenen Substanzen werden später nach Mexiko umgeleitet und kommen schließlich in den USA an, wo dem Bericht zufolge die Hälfte aller Kokainkonsumenten lebt.

Die Mehrheit der karibischen Nachbarstaaten Venezuelas hat in den letzten vier Jahren Verträge mit den Vereinigten Staaten abgeschlossen, die es US-amerikanischen Anti-Drogen-Einheiten erlauben, verdächtige Flugzeuge und Boote auf den Nationalterritorien fest zu nehmen.

 

PERU

Proteste begleiten den ersten öffentlichen Akt Ciprianis als Kardinal

(Lima, 5. März.2001, alc-Poonal).- Die erste Messe, die der Erzbischof von Lima, Juan Luis Cipriani, als frisch ernannter Kardinal der katholischen Kirche abhielt, wurde von lautstarkem Protest unterbrochen. Eine wütenden Menschenmenge warf ihm seine Verbindungen mit dem abgesetzten Regime Alberto Fujimoris vor. Cipriani war erst wenige Tage zuvor aus dem Vatikan zurückgekehrt, wo er von Papst Johannes Paul II. in den Kardinalsstand erhoben worden war. Die Messe hielt er im Innenhof der Kathedrale von Lima unter freiem Himmel ab.

Abordnungen katholischer Vereinigungen belegten einen Teil des Platzes, aber seit den frühen Morgenstunden waren auch junge Leute aus der Widerstandsbewegung gegen die Fujimori-Diktatur anwesend. Vertreter von Menschenrechtsorganisationen sowie organisierte katholische Frauen, die Cipriani für seine Unterstützung der vorherigen Regierung und seine dreiste Sprache kritisierten, zeigten ebenfalls Präsenz.

Als Limas Vizebischof Alberto Brazzini den Namen Ciprianis in den Mund nahm, setzten die Proteste ein. Sie hielten während der gesamten Feier an. Ciprianis Antrittsrede wurde immer wieder unterbrachen. „Christus ist Gerechtigkeit, Cipriani Korruption“, hieß es in Sprechchören der Demonstranten. Diese hatten außerdem Plakaten mitgebracht, auf denen stand: „Gott, erlöse uns von Cipriani“. Die Transparente zeigten zudem Abbildungen des Erzbischofs mit der Zahl 666 – Symbol des Antichristen. Auf anderen Plakaten wurde Cipriani mit dem flüchtigen Präsidentenberater Vladimiro Montesinos verglichen.

Einige Teilnehmer erklärten, ihr Protest richte sich nicht gegen die katholische Kirche, sondern ganz konkret gegen Cipriani. Der Kardinal, der vor kurzem hatte verlauten lassen, Menschenrechte seien „Blödsinn“, appellierte am Sonntag an eben diese, als er sagte: „Was für Menschenrechte sind das wohl, für die diese Freunde hier ins Feld ziehen, während sie selbst gerade die Religionsfreiheit verletzen. Wenn Sie keinen Glauben haben, dann gehen Sie“, forderte er seine Gegner auf. In seiner Predigt erneuerte Erzbischof Cipriani seine vor kurzem geäußerten Aufrufe zur Vergebung und zur Wiederversöhnung der Peruaner und zum Verzicht auf Rache an Mitgliedern des vorherigen Regimes.

 

BOLIVIEN

Rentnermarsch

(La Paz, 14. März 2001, pulsar-Poonal).- Etwa 5.000 bolivianische Rentner haben sich am Mittwoch auf den Weg in die Hauptstadt gemacht. Ihr 190 Kilometer langer Protestmarsch von Caracollo nach La Paz richtet sich gegen niedrigen Renten. Die Demonstranten fordern eine Grundrente von monatlich 150 Dollar und Vergünstigungen, die der Staat in der Vergangenheit Stück für Stück strich. Der stellvertretende Finanzminister Abel Martínez hat bisher nur eine Einmalzahlung von 80 Dollar angeboten, wenn die Proteste eingestellt werden. Offizielle Daten der bolivianischen Pensionsbehörde weisen insgesamt etwa 140.000 Rentner im Land aus. Von diesen bekommen 112.000 monatlich ganze 10 Dollar ausgezahlt.

 

KUBA

Warnung vor Wettrüsten in Lateinamerika

(Havanna, 6.März 2001, pl-Poonal).- Kubanische Experten warnten im staatlichen Fernsehen vor der Gefahr, die der von Chile angekündigte Kauf moderner Kampfflugzeuge aus den USA im Zusammenhang mit einem Wettrüsten in Lateinamerika bedeuten würde. Falls sich Chile wirklich zum Kauf der mit hochmodernen Raketen ausgerüsteten Flugzeuge des Typs F-16 entschließen sollte, sei bei Argentinien und Brasilien wenig Begeisterung zu erwarten.

Wenn es zum Geschäft mit den etwa 600 Millionen US-Dollar teuren Fliegern kommen sollte, würden die Nachbarländer dies nicht einfach so hinnehmen. Möglicherweise käme es in Lateinamerika zur Wiederaufrüstung, urteilten die Experten. Sie warfen den USA vor, zu keinem anderen Zweck als der Bereicherung der Rüstungsindustrie weltweit den Waffenhandel zu fördern.

Sie erinnerten auch daran, wie 1995 der damalige Präsident William Clinton beschloß, den Verkauf von Waffen an Lateinamerika wieder an zu kurbeln. Die Magnaten der Branche hätten die Konkurrenz ihrer Kollegen aus Frankreich und Großbritannien gefürchtet. Alle Teilnehmer des Runden Tisches im staatlichen Fernsehen waren der Auffassung, daß eine reale Bedrohung, die eine Wiederaufrüstung rechtfertigen könnte, in dieser Weltregion nicht bestünde. Der noch vor einigen Jahren gern genannte Vorwand, „die Ausbreitung des Kommunismus müsse aufgehalten werden“, sei hinfällig geworden. „Armut und soziale Ungleichheit sind die einzige Bedrohung, denen Chile heutzutage gegenübersteht“, so die Experten.

Ihrer Einschätzung nach wird die neue US-Regierung unter George Bush und dessen Vize Richard Cheney ihr Bestmögliches tun, um die Waffenindustrie zu begünstigen. Sie sehen das als eine Art Gegenleistung für die Unterstützung während der Wahlen und als Versuch, die sich anbahnende Wirtschaftskrise zu vertuschen.

„Das Ankurbeln der Rüstungsindustrie ist das typische Ventil das betätigt wird, wenn sich eine Krise ankündigt“, bemerkte die Journalistin Juana Carrasco.

Starke Kritik wurde auch am Raketenabwehrsystem geübt, das Washington einzurichten plant. Rußland, China sowie viele der mit Nordamerika alliierten NATO-Mitglieder sind dagegen, weil auch sie eine Eskalation des Wettrüstens befürchten. Der Raketenschutzschild würde insgesamt mehr als der gesamte Jahreshaushalt aller afrikanischer Länder zusammen kosten, wußten die kubanischen Spezialisten zu berichteten.

Angesprochen wurde in der Sendung ebenfalls die kürzlich erfolgte Namensänderung „School of the Americas“. Nichts als Fassade, urteilten die Diskussionsteilnehmer, da jede Neuerung von Kriegsgerät Austausch unter den Militärs und erneute Schulungen erforderte. Sie gaben zu Bedenken, daß diese Institution, die zunächst in der Zone des Panamakanals angesiedelt gewesen war und heute in Fort Benning, USA, ihren Sitz hat, in den siebziger und achtziger Jahren über 60.000 lateinamerikanische Offiziere ausbildete. Viele davon wurden in ihren Heimatländern Diktatoren oder befehligten dort die Todesschwadronen gegen die linken Bewegungen.

 

PUERTO RICO

Radioaktive Kriegsspiele auf Vieques

(San Juan, Februar 2001, na/ips-Poonal).- Die Einwohner der zu Puerto Rico gehörenden Insel Vieques zeigen sich besorgt wegen des Gebrauchs uranhaltiger Munition, die die us-amerikanische Marine seit 1942 bei ihren Manövern benutzt. Innerhalb der letzten zwei Jahre führten puertorikanische Pazifisten bereits aus anderen Gründen massive Proteste gegen die Schießplätze auf der Insel durch. Laut einer Studie der puertorikanischen Gesundheitsbehörde ist die Krebsrate auf Vieques 26,9 Prozent höher als im Landesdurchschnitt. Die Untersuchung umfasst den Zeitraum von 1990 bis 1994. Zwar geht sie nicht auf mögliche Ursachen für das erhöhte Krebsniveau auf, jedoch befürchten Kritiker, dass die militärischen Aktivitäten dafür verantwortlich sind.

Der Arzt Rafäl Rivera-Castaño, Einwohner Vieques, bestätigte das Ergebnis. „Seit Jahren haben wir den Zusammenhang zwischen der Verseuchung durch das Militär und der überhöhten Krebsrate in Vieques gemeldet. Schon die Schwermetalle und andere chemische Komponenten der benutzten Sprengstoffe sind gesundheitsschädigend. In der Kombination mit radioaktiven Geschossen, die Uran 238 enthalten, bedeuteten sie für das Leben der Einwohner Vieques sowie zukünftige Generationen eine direkte Gefahr, so Nilda Medina vom Ausschuss für die Bewahrung und Entwicklung in Vieques. Die US-Marine ließ nachgewiesener Maßen 1999 den Gebrauch uranhaltiger Munition in Vieques zu. Sie gab jedoch an, dass es sich nur um 263 aus dem Flugzeug abgeschossenen Munitionen mit niedrigem Kaliber handelte, die „versehentlich“ gefertigt worden seien.

 

BRASILIEN

Bestätigung: Militär missbrauchte Yanomani-Indianerinnen sexuell

(Brasilia, Februar 2001, alc-Poonal).- Eine Delegation der Menschenrechtskommission der Abgeordnetenkammer besuchte den Staat Roraima. Dabei fand sie die Vorwürfe gegen das Militär bestätigt, Yanomani-Indianerinnen sexuell zu missbrauchen. Bereits seit Monaten hatte der Indiandermissionsrat (CIMI) der katholischen Kirche die Situation im Yanomani-Gericht von Surucurus vor der Menschenrechtskommission angezeigt. In dieser Zone befindet sich ein Militärkommando.

Die Delegation nutzte vor Ort die Möglichkeit, Anfang Februar einer Versammlung der indigenen Häuptlinge 180 Kilometer von Roraimas Hauptstadt Boa Vista entfernt beizuwohnen. An dem Treffen nahmen 180 taxauas (Häuptlinge) von 10 Ethnien teil, die die Probleme im Beisein von Vertretern der staatlichen Indio-Stiftung und des CIMI diskutierten. In Surucurus hörte sich sich die Menschenrechtskommission Zeugenaussagen von Opfern an. Sie kam zu dem Schluss, dass die Anwesenheit militärischer Einheiten in indigenen Gebieten nur Probleme provoziere, statt sie zu lösen. Die Mitglieder der Delegation waren sich einig, von Präsident Fernando Henrique Cardoso als dem Oberkommandanten der Streitkräfte die unverzügliche Auflösung der militärischen Einrichtungen in den Indigena-Gebieten des Bundesstaates Roraima zu fordern.

 

Nach wie vor: Gewalt auf dem Land

(Brasilia, 12. März 2001, na-Poonal).- Nach einem Bericht der Pastorenkommission „Erde der katholischen Kirche“ ist die Anzahl der Gewaltverbrechen in Brasilien stieg im letzten Jahrzehnt um 82 Prozent.

Zwischen 1992 und 1994 wurden im Durchschnitt 367 Taten im ländlichen Raum angezeigt 1995 bis 1997 waren es 667. Die Anzahl der involvierten Personen stieg von 214.653 jährlich (1992-94) auf 508.507 (1995-99), was eine Steigerung um 137 Prozent bedeutet. Diese Zahlen widersprechen den offiziellen Angaben, nach denen die Gewalt abgenommen haben sollte.

Auch die Regierungserklärungen von Präsident Fernando Henrique Cardoso zu den Verbesserungen bei der Landverteilung sind in Frage gestellt worden. Nach Angaben von Rodolfo Hoffman von der Universität in Campinas, der eine Studie des Nationalen Instituts für Kolonialisierung (INCRA) mit ausarbeitete, in die Konzentration des Landbesitzes in allen Landesteilen mit Ausnahme der zentral-östlichen Region gestiegen.

 

URUGUAY

Nationales Treffen der Nachkommen indigener Völker wird vorbereitet

(Montevideo, 6. März 2001, pulsar-Poonal).- Mitglieder der Nationalen Organisation der Nachkommen indigener amerikanischer Völker (INDIA) bereiten ihr erstes Treffen vor. Die Veranstaltung wird von zahlreichen staatlichen Stellen unterstützt.

Lange Zeit hatte es geheißen, dass es in Uruguay keine Nachkommen von Ureinwohner*innen gäbe. Erst vor kurzem haben historische und genetische Untersuchungen ergeben, dass ein Teil der Bevölkerung trotz des Genozids an den indigenen Völkern der Region im 19. Jahrhundert Nachfahren eben dieser Völker sind.

Die Nachkommen der indigenen Völker, die ursprünglich die Region bewohnt hatten, schlossen sich im INDIA zusammen. Das Treffen soll im Juli diesen Jahres in Tucuarembó, etwa 390 km nordöstlich der Hauptstadt Montevideo gelegen, stattfinden.

Der größte Teil der uruguayischen Bevölkerung stammt von spanischen, italienischen und anderen europäischen Einwanderer*innen ab. Ein Teil ist indigener Herkunft und etwa zehn Prozent sind Nachkommen schwarzer Sklav*innen.

 

Steuer auf Spielertransfers

(Montevideo, 10. März 2001, comcosur-Poonal).- Ab dem 1. April werden die aus dem Ausland vorgenommenen Fussballer-Transfers mit einer zehnprozentigen Steuer belegt.. Derart bestimmt es die Ende letzten Jahres ausgearbeitete Steuergesetzgebung.

Wenn es sich juristisch um einen potentiellen Steuerzahler uruguayischer Herkunft handelt, „wird die Überlassung auf der Grundlage uruguayischer Quellen berechnet, unabhängig davon, wo der Vertrag gilt, sich der Wohnort befindet, der Vertragspartner polizeilich gemeldet ist oder welche Nationalität er hat.“ Auf diese Art will sich die Staatsgewalt versichern, dass es innerhalb entsprechenden Bereiche keine Akteure gibt, die ihren Steuerzahlungen aus dem Weg gehen. Ihre Zahlungen werden zu gleichen Teilen dem Nationalen Fonds zur Bekämpfung von Aids und dem Ministerium für Sport und Jugend zugeführt.

Bei Inkrafttreten des Gesetzes wird der brasilianische Unternehmer Juan Figer (64) sich nach einem anderen Land umsehen müssen, um seine „Triangulationen“ abzuwickeln. Figer, der uruguayischer Nationalität ist und seit 1968 in Brasilien lebt, ist derzeit einer Untersuchung wegen Steuerhinterziehung durch eine parlamentarische Kommission unterworfen. Nach Angaben der Zeitschrift „Latitud 30/35“ aus Montevideo ist die besagte Kommission überzeugt davon, dass wenigstens 15 Fälle, bei denen steuerliche Unregelmäßigkeiten bei Transfers von Fussballspielern über Uruguay aufgetreten sind, vorliegen. Brasilianische Spieler wurden für Spottpreise an uruguayische Clubs verkauft, um danach dann wierderum für Millionensummen zu europäische Vereinen zu wechseln.

Ein weiterer Aspekt dieser kriminellen Aktivitäten, die die Bilanzen der uruguayischen Vereine betreffen, ist, dass die deklarierten Gelder niemals in die Tresore der Clubs wanderten. „Latitud 30/35“ berichtet, dass die Mehrheit der Vereine, die der uruguayischen Fussballvereinigung angehören, die Darlegung ihrer Bilanzen unterlassen. Hinzu kommt außerdem, dass seit langer Zeit das Gerücht kursiert, die Millionen Dollar, die für die Abschreibung der Transfers genannt werden, existierten nur auf dem Papier. In Wirklichkeit würde deutlich weniger ausgegeben. Die astronomischen Summen dienten lediglich dem Zweck, schwarz eingenommenes Geld wieder weiß zu waschen.

 

ARGENTINIEN

Interview mit Raul Kollmann zu Verbindungen zwischen Neonazis und staatlichen Sicherheitskräften

Von Marcos Salgado

(Buenos Aires, März 2001, npl). – Raul Kollmann, freier Journalist und Korespondent für linke argentinische Zeitung „Pagina/12“, schleuste sich gemeinsam mit einer Gruppe anderer Reporter zwei

Jahre lang in die klandestinen Strukturen der argentinischen Neonazisszene eine. Das kürzlich erschienene Buch „Sombras de Hitler“ (Hitlers Schatten) dokumentiert die Recherchen des Teams aus dem Innenleben rechtsextremer Gruppierungen in dem südamerikanischen Land.

Operiert die argentinische Neonaziszene ausschließlich klandestin oder gibt es Bestrebungen zu Parteigründungen?

Bei den geheimen Strukturen der Neo-Nazis in Argentinien handelt es sich hauptsächlich um zwei illegale pseudopolitische Parteien. Das ist zum einen die „Partei Neuer Triumph“ (PNT), deren Vorsitzender Alejandro Biondini – alias Kalki – einer der bekanntesten Nazikader in diesem Land ist. Die andere Organisation nennt sich „Partei der Neuen Sozialpatriotischen Ordnung“ (PNOSP) und wird von Alejandro Franze angeführt. Vor allem die PNOSP ist stark bestrebt, sich in eine legale politische Partei zu

verwandeln und zumindest auf lokaler Ebene an Wahlen teilzunehmen. Die für eine Parteigründung nötigen 3500 Unterschriften sind unseren Informationen zufolge auch schon fast zusammen gekommen. Das größte Ziel der PNOSP ist es, das Antidiskriminierungsgesetz zu kippen. Daran sind allerdings nicht nur die Neonazis interessiert.

Bedeutet das, dass es auch Verbindungen zu anderen politischen Kräften gibt?

Ein für uns besonders arlarmierender Punkt sind die Verbindungen zwischen den Neonazis und staatlichen Sicherheitskräften. Wir begannen mit unseren Recherchen dort, wo diese Verbindungen unserer Meinung nach am augenscheinlichsten sind: bei den zunehmenden Grabschändungen auf jüdischen Friedhöfen. In

verschiedenen Fällen sind diese Aktionen von Teilen der Polizei der Provinz Buenos Aires in Auftrag gegeben worden. Warum? Die Grabschändungen werden als mafiöses Druckmittel gegen die lokalen

politischen Autoritäten instrumentalisiert, und zwar immer dann, wenn diese zumindest vorsichtig wagen, die Privilegien der Polizei zu beschneiden oder gegen die Korruption vieler Beamter vorzugehen. Ziemlich sicher wissen wir auch, dass es gute Kontakte zu dem ehemaligen General Emilio Massera gibt, der zu den Köpfen der Militärdiktatur zählte.

npl: Sehen sie die Verbindungen zwischen Neonazis und staatlichen Sicherheitskräften als politische oder als rein kommerzielle Beziehungen?

Zunächst gibt es ideologische Überschneidungen zwischen den Neonazis und den Sicherheitskräften. Denn die gesamte Struktur der Sicherheitsorgane in Argentinien basiert auf einem profunden Antikommunismus. Seit den Zeiten der Militärdiktatur geht es vor allem darum, linke Organisationen und kritische Journalisten

auszuspionieren. Das heißt anders herum, dass es keine Struktur ist, die etwa auch zur Kontrolle der rechtsextremen Kräfte im Land geschaffen wurde.

Zurück zu Massera. Wir gehen davon aus, dass er die Neonazis schon seit langem unterstützt. Als der Chef der illegalen PNOSP zur letzten Kommunalwahl antreten wollte, erklärte sich eine Partei, die sich „Volksaktion“ nennt, bereit, ihn unter ihrem Dach kandidieren zu lassen. Massera steht dieser Partei nahe. Nach unseren Informationen trat er bei Parteiversammlungen auf und versprach den Teilnehmern nicht nur einflussreiche politische Posten, sondern auch Geld und sogar Waffen. Die Neonazis und die Sicherheitskräfte nutzen sich also gegenseitig, sowohl politisch als auch ökonomisch.

npl: Sie sprechen von Waffen. Gehen sie davon aus, dass die Neonazis auch zu terroristischen Aktionen bereit wären?

Mein Eindruck ist, dass sie gefährlich sind, weil sie eine bestimmte Ebene von politischem Fanatismus mit geheimen mystisch aufgeladenen Zeremonien verbinden, bei denen einem extremen Waffen- und Gewaltkult gehuldigt wird. Ich glaube nicht, dass sie, sollten sie mit zugelassenen Parteien antreten, bei Wahlen viele

Stimmen bekommen würden. Aber ich bin sicher, dass es einige unter ihnen gibt, die bereit wären, beispielsweise eine Bombe in eine Schule zu legen.

npl: Wenn sie Aufträge wie die Schändung jüdischer Friednhöfe ausführen, könnten sie dann nicht auch Gehilfen für Destabilisierungsversuche etablierter rechter Kräfte – wie die Hardliner des Militärs – sein?

Die Neonazis sind in krisenhaften Momenten der Regierung – wie derzeit – gewalttätige Kräfte. Sie tauchen als die Ausführenden von kleineren Attentaten auf, um zu zeigen, dass die Situation nicht unter Kontrolle ist. Das ist aber nicht das wirklich Gefährliche an ihnen. Viel gefährlicher – gerade in krisenhaften Situationen ist der quasireligiöse Charakter dieser Gruppen und ihre zunehmende Tendenz zur Mystik. Die Anführer appellieren nicht an den Intellekt, ihre Rhetorik ist sehr simpel, sie mischen Versatzstücke der Mystik und des Gedankens der Wiedergeburt. Viele Leute, die sich in den geheimen Strukturen der Neonazis bewegt

haben, glauben, dass die Führer übernatürliche Kräfte haben. Damit überzeugen diese Leute, die sich in einer Existenzkrise befinden, und davon gibt es in Argentinien aufgrund der Wirtschaftskrise viele.

npl: Werden diese Gruppen größer oder gibt es eine große Fluktuation unter den Mitgliedern?

Seit 1995 werden diese Gruppen größer, es sind zar unserer Einschätzung nach nicht mehr als 300, aber im Vergleich zu vor 1995 kann man fast von einer Bewegung sprechen. Wir appellieren seit langem an die Autoritäten, gegen die Neonazis vor zu gehen. Nach dem Erscheinen des Buches, hat ein Bundesstaatsanwalt endlich entschieden, zumindest zu untersuchen, ob die für die Legalisierung der PNOSP nötigen Unterschriften echt oder gefälscht sind.

(Raul Kollmann: „Sombras de Hitler“. Verlag: Sudamericana. Buenos Aires Januar 2001)

 

BSE ohne Einfluss auf Viehzucht – Exporte gehen zurück – heftige Kritik an EU-Agrarsubventionen

Von Walter Isaia und Natalie Aruguete

(Henderson, März 2001, npl).- „Vacas locas – Verrückte Kühe? Nein, die gibt es hier nicht.“ Von der unaussprechlichen Encefalopatia Espongiforme Bovina – auf Deutsch kurz BSE – hat Hernan Ibarra auch noch nichts gehört. Der etwas mürrische, hochgewachsene Ibarra arbeitet auf einer der riesigen Fincas, die in der weitläufigen argentinischen Pampa Viehzucht und Ackerbau betreiben. Diese spärlich besiedelte Gegend, nur wenige Hundert Kilometer südlich der Millionenstadt Buenos Aires, gilt noch heute als Land der „Gauchos“, die über die Ebene reiten und mit Lassos freilaufende Bullen einfangen.

Hernan Ibarra lässt sich kaum bei der Arbeit stören. Er inspiziert die Zäune, die entlang der Sandstrasse die Felder begrenzen. „Doch,“ sagt er schließlich, „die Lokalzeitung berichtet ab und an über die vacas locas in Europa, vor allem in England. Und dass deswegen der Preis für unser Fleisch sinkt, obwohl die Tiere hier doch ganz gesund sind.“ Etwas besorgt schweift sein Blick über das unglaublich weite, fruchtbare Land. „Wir haben hier andere Sorgen,“ meint er. „Am schlimmsten sind die Überschwemmungen, die das Land immer wieder unbrauchbar machen. Und dann die Wirtschaftskrise und hohe Schulden bei den Banken.“

Noch ist der Rinderwahn, der die Viehzucht in ganz Europa in Schach hält, keine Gefahr für Argentiniens Landwirte. Die Fleischproduktion wird unverändert weiter betrieben, Szenarien wie massenweise Tierverbrennungen sind in dem südamerikanischen Land Science-fiction. „Der Hauptgrund dafür, dass in es in Argentinien kein BSE gibt, ist, dass die Viehzucht extensiv und artgerecht betrieben wird,“ erklärt Cohen Arazi, Direktor des Nationalen Amts für Gesundheit und Lebensmittelqualität (SENASA). Die Tiere würden vor allem mit Produkten gefüttert, die in der Pampa selbst, also in den Provinzen Buenos Aires, La Pampa, Santa Fe und Cordoba angebaut werden. „Einige große Produzenten bauen auch Hülsenfrüchte mit hohem Eiweißgehalt wie Luzerne und Klee zur Verfütterung an,“ ergänzt Arazi.

Für den Winter, wenn die Temperaturen auf zehn bis null Grad sinken, werden die selbstangebauten Futtermittel gelagert. Doch trotz der unermesslichen Ländereien wird ein Teil der Rinder in Gehegen gehalten und dort gemästet, ohne jemals auf die Weiden getrieben zu werden. Nach Angaben des Schlachthofs von Liniers, dem größten des Landes, erreicht diese intensive Mast heute einen Anteil von zwölf Prozent an der argentinischen Rinderzucht. Cohen Arazi versichert aber, dass lediglich 200 Fincas diese Produktionsform anwenden und dabei ausschließlich vegetarisches Futter verwenden.

In Henderson – der Name verweist auf die vielen britischen Einwanderer, die vor 100 Jahren nach Argentinien kamen -, einem kleinen Dorf in der Provinz Buenos Aires, knapp 400 Kilometer südlich der Hauptstadt, geht Oskar Vacarini stolz über seine Viehweide. Er besitzt 200 Tiere, die er auf 500 Hektar Land hält, womit er zu den kleineren Produzenten dieser Gegend gehört. Der 54-jährige Finquero hat die Liebe zum Land und den Hof von seinen Eltern geerbt und lebt dort seit jeher mit seiner Familie.

Nur ein Angestellter hilft der Familie bei der harten Arbeit. Dazu zählt die Pflege und Kontrolle des Viehbestandes genauso wie die Instandhaltung der Einrichtungen. „Auf die Gesundheit unseren Kühe legen wir seit jeher großen Wert, nicht erst seit dem Ausbruch von BSE,“ erzählt Vacarini. Die Tiere würden regelmäßig geimpft, gegen Milzbrand und gegen Brucelosis, die bei Kühen zu Geburtsabbrüchen und bei den Bullen zu Hodenentzündung führt. Die Brucelosis wird laut Vacarini vom Staat umfassend kontrolliert, weil sie auf den Menschen übertragbar ist. „All diese Krankheiten sind seit langem bekannt und unter Kontrolle,“ beschwichtigt der bärtige Landwirt. Das größte Problem in Sachen Gesundheit sei allerdings die Maul- und Klauenseuche, die in Argentinien seit vielen Jahrzehnten auftritt.

Dank landesweiter Impfkampagnen erlangte Argentinien international den Status eines Maul- und Klauenseuchen-freien Landes. Doch die Gefahr, dass die Krankheit durch billige Tierimporte aus dem Nachbarland Paraguay wieder ausbricht, besteht fort, weswegen die SENASA kürzlich ein neues Impfprogramm anlaufen ließ.

Auch beim Thema Rinderwahl legt Argentinien großen Wert auf seinen internationalen Status. Im jüngsten Bericht des Wissenschaftskomitees der Europäischen Union wird das Land erneut in der ersten von vier Gruppen geführt, was bedeutet, dass in Argentinien derzeit kein BSE-Risiko besteht. Nach Meinung von Gonzalo Estefaneli, dem Direktor des Interamerikanischen Instituts für landwirtschaftliche Kooperation (IICA), ist dies auf die kontinuierliche Vorsorge zurückzuführen, die Argentinien seit dem ersten Auftauchen von BSE 1989 leistet.

In der Tat hat die argentinische Regierung bereits vor Jahren Richtlinien zur Viehhaltung erlassen und Fortbildungsprogramme für Landwirte zur Früherkennung der Krankheit eingerichtet. Seit 1994 ist die Fütterung von Tier- und Knochenmehl grundsätzlich verboten, und seit Januar dieses Jahres ist der Import von Rindfleisch und der meisten Milchprodukte aus 20 europäischen Ländern verboten. Estefaneli zufolge kostet diese intensive Vorsorge Argentinien jährlich 300.000 US-Dollar, wenig im Vergleich zu den rund 1,2 Milliarden Dollar Exporterlösen, die die Fleischwirtschaft jährlich einbringt. Nicht zuletzt würden so auch die 113.000 Arbeitsplätze in diesem Sektor gesichert.

Für einen Moment vergisst Oskar Vacarini die Sorge um die Gesundheit seines Bestandes und erzählt begeistert von der Aufzucht der verschiedenen Rinderarten in der argentinische Pampa. „Von den britischen Rassen sind der schwarze Aberdeen Angus, der Hereford, der Polthereford und ihre Kreuzungen am häufigsten vertreten. Angus-Rinder sind die besten für die Fortpflanzung, der Hereford hat starke Knochen und exzellentes Fleisch.“

In Argentinien, meint Vacarini, reisen auch die Tiere. „Als Kälber kommen sie in den Norden, in die Provinzen El Chaco, Jujuy oder Entre Rios, wo die Futtermittel weniger intensiv angebaut werden. Später und zur letzten Mast kommen sie hierher zurück, wo der Boden am fruchtbarsten ist.“

Die Rinderarten in Europa und Südamerika sind sich durchaus ähnlich, doch bei der Haltung der Tiere und vor allem beim Schlachten kommen enorme Unterschiede zum Vorschein: In England werden Rinder mit 450 Kilo, in Deutschland und Frankreich gar bis 600 Kilo geschlachtet. „In Argentinien werden die Rinder mit einem Gewicht zwischen 230 und 300 Kilo geschlachtet, bei schwereren Tieren ist der Preis gleich niedriger,“ erklärt Vacarini. Auch die Zerlegung der Rinder ist grundverschieden, so dass in Südamerika ganz andere Fleischstücke entstehen, deren Namen deutschen Reisenden trotz Übersetzung nicht viel sagen.

Dass Europäer in Argentinien wohl auch heute noch unbedenklich Rindfleisch genießen können, hat noch einen weiteren, geradezu tragischen Grund: Nachdem 1982 der kurze Krieg zwischen Briten und Argentiniern um die Malvinen-Inseln ausbrach, kam der Handel zwischen beiden Ländern zum Erliegen, so dass auch keinerlei Viehwirtschaftliche Produkte mehr aus England importiert wurden.

Andererseits hat das Aufkommen des Rinderwahns in Europa Argentinien keinerlei Vorteile verschafft, im Gegenteil: Nach Zahlen der argentinischen Industrie- und Handelskammer sind die Fleischexporte aufgrund der Angst vor BSE allein in den vergangenen drei Monaten um 16,5 Millionen Dollar zurückgegangen. Bereits im vergangenen Jahr sanken die Exporte um 40.000 auf 310.000 Tonnen Rindfleisch. Vor allem in Europa, wohin Argentinien über die Hälfte seiner Fleischexporte verkauft, sank die Nachfrage. Zudem sackte der Weltmarktpreis für Hilton-Fleisch von 7.000 auf 4.900 Dollar pro Tonne.

Der Gesundheitsexperte Cohen Arazi ist sich sicher: „Die Schuld am Rinderwahn trägt die europäische Agrarpolitik, vor allem die Subventionen. Sie bewirken, dass die Produktionsmethoden verändert werden und gefährden so die Gesundheit, zuerst die der Tiere und nun auch die der Menschen.“

Wie alle argentinischen Landwirte, ob groß oder klein, wettert auch Oskar Vacarini gegen die europäischen Subventionen – nicht erst seit BSE. Für ihn ist die EU-Politik eine Wettbewerbsverzerrung, die einheimische Produkte künstlich verbilligt. „In Europa wird die produktive Ineffizienz subventioniert,“ kritisiert Vacarini, während er vor seinem Haus in Henderson sitzt und Mate trinkt. „Doch wenn im Norden die Elefanten Streiten, zittern auch die Ameisen im Süden.“

 

LATEINAMERIKA

Stärker präsent in der Öffentlichkeit: Afrolatinos bereiten Weltkonferenz vor

(Brasilia, März 2001, na-Poonal).- In einem Erdteil, in dem sie meist „unsichtbar“ sind, versuchen die Lateinamerikaner*innen afrikanischer Abstammung, auch Afrolatinos genannt, mit vereinten Kräften sich Sichtbarkeit und Gehör zu verschaffen. Im Augenblick richten sich ihre Aktivitäten auf die Weltkonferenz gegen Rassismus, Rassendiskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und andere Formen von Intoleranz, die vom 31. August bis 7. September in Durban, Südafrika, stattfinden wird.

Die bisherigen Vorbereitungstreffen boten Gelegenheit zur Bewußtseinsbildung, der Bekanntgabe von Forderungen -darunter die Forderung nach Wiedergutmachung der jahrhundertelangen Sklaverei und Ausbeutung- und zur Verbesserung der Kommunikation zwischen den unzähligen Afrolatino-Organisationen auf dem ganzen Kontinent.

Die in der Bevölkerung vorherrschende Sichtweise tendiert dazu, die Präsenz der indianischen Völker -Azteken, Inkas, Maya- und ihre wichtige Rolle in der Geschichte des Kontinents zu betonen, während man über die Afrikaner, die in der Kolonialzeit unter Zwang dorthin gebracht wurden, einfach hinweggeht.

Entgegen allen Annahmen gibt es weit mehr Afrolatinos als Indígenas. Neueste Zahlen zeigen, dass die Anzahl der Afrolatinos und Mulatten sich auf 150 Millionen. beläuft, was etwa einem Drittel der Gesamtbevölkerung entspricht. Andere Schätzungen, die nur Personen mit ganz offensichtlichen afrikanischen Zügen berücksichtigen, kommen auf eine Zahl von 90 Millionen. Die Indígenabevölkerung dagegen zählt laut der Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (CEPAL) zwischen 33 Mio. und 40 Mio. Menschen.

Die Afrolatinos leiden „stärker unter Diskriminierung und Armut, und stellen 40Prozent der in Armut lebenden Bevölkerung Lateinamerikas dar“, so die Organisation der Afrikaner in Gesamtamerika, die ihren Sitz in den USA hat. Die extreme Armut treibt viele zu Verbrechen, Drogen und Prostitution. In Brasilien richtet die Polizei ihre Gewalt hauptsächlich gegen die Afrobrasilianer*innen. Laut dem Institut für Religionswissenschaften sind in Rio de Janeiro zu 70,2 Prozent sie es, die Opfer von Polizeigewalt werden. Die neuesten offiziellen Daten zeigen, dass das Durchschnittseinkommen weißer Brasilianer 2,41 mal höher ist als das der Afrobrasilianer.

Die Unsichtbarkeit der Afrolatinos hängt damit zusammen, dass „viele lateinamerikanische Länder kein Datenmaterial über Rasse und Ethnie sammeln“, erklärt Edna Maria Santos Roland, Präsidentin der Organisation afrobrasilianischer Frauen Fala Preta.

„Der Anteil der Bevölkerung an Menschen afrikanischer Abstammung in Lateinamerika und Karibik ist immer sehr stark unterschätzt worden“, fügt sie hinzu und unterstreicht, dass in 14 Ländern bei statistischen Erhebungen die afrikanische Abstammung gar nicht erfragt wird. Acht dieser Länder führen jedoch Statistiken mit Informationen zur Indígenabevölkerung.

„Die Unsichtbarkeit betrifft vor allem die Afrolatinos“, sagt Roland. Informationen der CEPAL zufolge, sind die Länder, die keinerlei Angaben zur Ethnie in ihren statistischen Erhebungen aufnehmen Argentinien, Bolivien, Chile, Costa Rica, Ecuador, El Salvador, Guatemala, Honduras, Mexiko, Nicaragua, Panama, Paraguay, Peru und Uruguay.

Auf einer Versammlung am 1.10. vergangenen Jahres in San José, Costa Rica, unterzeichneten Vertreter von 22 Organisationen von Afrolatinos und Caribeños eine Erklärung, in der sie auf die „Verpflichtung des Staates, offizielle Statistiken zu führen“, die über den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Status der Bevölkerung afrikanischer Abstammung in Lateinamerika und in der Karibik informieren, hinwiesen. Die Bezugnahme auf solche Statistiken ist wichtig, um die „rassischen und kolonialen Strukturen“ beseitigen zu können, die den lateinamerikanischen Gesellschaften zugrunde liegen.

In der Erklärung wurden auch stärkere Institutionen zur Verteidigung der Rechte der Afrolatinos, affirmative Action-Programme in Arbeit, Bildung und Wohnungswesen gefordert, sowie eine Reform des Erziehungswesens, die dazu dienen soll, „dem Wert des Beitrags von Afrolatinos und Caribeños in Geschichte, Kultur und Sprache Rechnung zu tragen“.

Die vielleicht umstrittenste Forderung ist die nach „Programmen zur Wiedergutmachung der an Einzelpersonen und/oder an afrolatinischen unde karibischen Gemeinschaften verursachten Schäden“. Die Organisationen der Afrolatinos beantragen die Zuteilung von Geldern für ihre Entwicklung, insbesondere während der kommenden 30 Jahre, für Ausbildungszwecke, um Menschen afrikanischer Abstammung das Erlernen neuester Technologien, auch im Bereich der Kommunikation, zu ermöglichen. Außerdem werden die Regierungen dazu aufgefordert, Besitztitel dieser Gemeinschaften anzuerkennen und zu legalisieren.

„Die Konzentration des Besitzes in den Händen kleiner Eliten ist eines der schwerwiegendsten sozialen Probleme dieses Kontinents“, führt Roland aus und fügt hinzu, dass bei der Abschaffung der Sklaverei die Notwendigkeit der Schaffung möglicher Überlebensgrundlagen für die ehemaligen Sklaven überhaupt nicht in Betracht gezogen wurde.

In Brasilien haben Nachkommen geflohener Sklaven, die in abgelegenen Siedlungen leben, die Quilombos genannt werden, begonnen die Vergabe der entsprechenden Landtitel einzufordern. Die verschiedenen aufeinanderfolgenden Regierungen ignorierten dieses Anliegen, und so sind diese Siedlungen, die ein Stück afrikanischer Kultur bewahrt haben, der Bedrohung durch Holzfirmen, Viehzüchter und Bodenspekulanten ausgeliefert. Wie „The New York Times“ berichtete, existieren in ganz Brasilien 724 solcher Quilombos, die um ihre rechtliche Anerkennung bemüht sind. Manche von ihnen gehen auf das 17. Jahrhundert zurück.

„Die Wiedergutmachungen sind ein schwieriges, aber hochwichtiges Thema“, erklärt Oswaldo Bilbao, Direktor des Zentrums für Ethnische Entwicklung in Lima, Peru. „Die Länder, die sich am stärksten dagegen sträuben [es zu diskutieren] sind Spanien, Großbritannien, Portugal und die USA, die alle am Sklavenhandel beteiligt waren“. Auf einem Treffen zur Vorbereitung der Weltkonferenz vom 5.-7.12.2000 in Santiago de Chile, diskutierten Vertreter aus Lateinamerika, Karibik, Kanada und den USA eine Erklärung zu Wiedergutmachungsleistungen für Personen afrikanischer Abstammung, sowie für die indianischen Völker. In der Erklärung werden die Ausbeutung und die der Kultur dieser ethnischen Gruppen in der Geschichte zugefügten Schäden benannt und im Anschluß daran heißt es: „die Gerechtigkeit erfordert jetzt umfassende Bemühungen auf nationaler wie auf internationaler Ebene, um diese Schäden wiedergutzumachen“.

Bilbao ist der Ansicht, daß, wenn es Versuche von Seiten der Kirchen und der Regierungen gab, den Holocaust, dem sechs Mio. Juden zum Opfer fielen, wiedergutzumachen, auch für die Nachkommen der afrikanischen Sklaven etwas getan werden sollte. Er führt an, dass es um die 50 Millionen Afrikaner waren, die während mehrerer Jahrhunderte versklavt wurden, und dass hunderten von Millionen ihrer Nachkommen irreparable Schäden zugefügt wurden.

„Ich will das nicht mit dem Problem der Juden vergleichen“ ,stellt Bilbao klar, „Jedes Verbrechen an der Menschheit muß verurteilt werden. Dies war ein Holocaust, ein afrikanischer Holocaust“.

Die Organisationen der Afrolatinos lehnen die verächtliche Darstellung und die Stereotypisierungen von Personen afrikanischer Abstammung, wie sie in den Medien und in den Schulen geschieht, ab. Sie forderten die Regierungen auf, die Journalisten zur Entwicklung von Richtlinien zur Darstellung von Afroamerikanern anzuregen, und die Medien zu veranlassen, eine repräsentativere Darstellung der Gesellschaft zu geben und mehr Menschen afrikanischen Ursprungs zu zeigen.

„In den Schlagzeilen heißt es nicht `Weißer klaut…´. Wenn es aber ein Schwarzer war, dann steht da `Schwarzer klaut…´, `Schwarzer tötet…´“, bemerkt Bilbao. „Die Leute denken, die Schwarzen sind schlechte Menschen“.

Den Afrolatinos und Caribeños, die Organisationen vorstehen, ist klar, dass noch viel zu tun ist, um mit den Vorurteilen aufzuräumen. Ein wichtiger Schritt ist getan, wenn damit innerhalb der Afrolatinogemeinschaften selbst begonnen wird. Viele alte Afrolatinos sträuben sich gegen den Kampf um mehr Sichtbarkeit und die Teilnahme an Protestbewegungen.

„Die haben einfach ein andres Programm laufen“, beschreibt Bilbao die festgefahrenen Denkweise dieser Menschen. Bilbao und andere Leute der Spitze der Afrolatinobewegungen sind der Auffassung, man müsse sich auf die kommenden Generationen konzentrieren. Auch ist ihnen bewußt, dass es notwendig ist, sich mit den Indianervölkern und anderen marginalisierten ethnischen Gruppen zusammen zu tun. Aber selbst wenn alle Afrolatino-Organisationen und alle möglichen anderen engagierten Menschen an einem Strang zögen, -ihnen ist klar, dass es ein langwieriger und mühseliger Kampf wird.

„Die [Welt-]Konferenz ist ein wichtiger Meilenstein“, so Bilbao, „aber was kommt danach? Wir müssen eine Strategie der Supervision und Evaluierung innerhalb der einzelnen Länder erarbeiten, um zu überprüfen, ob die Verträge, die unterzeichnet werden, auch wirklich eingehalten werden“.

 

 

   

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