Poonal Nr. 415


Deutsche Ausgabe des wöchentlichen Pressedienstes lateinamerikanischer Agenturen Nr. 415 vom 14. Januar 2000

Inhalt


HAITI

MEXIKO

HONDURAS

COSTA RICA

EL SALVADOR

PARAGUAY

ECUADOR

KOLUMBIEN

ARGENTINIEN

VENEZUELA

CHILE

PERU

URUGUAY

BRASILIEN

LATEINAMERIKA


HAITI

Menschenrechtsorganisationen kritisieren US-Verhalten gegenüber Flüchtlingen

(Port-au-Prince, 10. Januar 2000, sicrad-Poonal).- Nachdem die us- amerikanische Küstenwache am 6. Januar 409 Bootsflüchtlinge – 392 Haitianer, 15 Dominikaner und zwei Chinesen – nach Port-au-Prince zurückgeschickt hat, häufen sich in Haiti die Proteste. Die haitianischen Flüchtlinge versichern, von der Küstenwache misshandelt und im Gegensatz zu den Flüchtlingen dominikanischer und chinesischer Herkunft gar nicht erst von der Einwanderungsbehörde befragt worden zu sein.

Die Koalition zur Verteidigung der Rechte der Haitianer (NCHR), die mit anderen Menschenrechtsorganisationen das Vorgehen der USA verurteilt hat, will bei der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) eine Klage gegen Washington einbringen. Die haitianische Gemeinde in Miami, die für mindestens acht während der Bootsüberfahrt erstickten Flüchtlinge eine symbolische Beerdigung veranstaltete, machte auf das unterschiedliche Maß aufmerksam, das die US-Behörden anlegen. Während den klandestin in die USA einreisenden Kubanern automatisch geholfen werde, sähe dies bei Flüchtlingen aus anderen Karibikstaaten völlig anders aus.

MEXIKO

Gesundheitsministerium sagt Nachforschungen über Zwangssterilisierungen zu

(Mexiko-Stadt, 11. Januar 2000, pulsar-Poonal).- Der Protest von Menschenrechtsorganisationen hat zu einem ersten kleinen Erfolg geführt: Das mexikanische Gesundheitsministerium hat eine Untersuchung über die Zwangssterilisierung von Indígenas zugesagt. Die Organisationen versichern, jüngst bekannt gewordene Fälle über die Zwangssterilisierung von Indígenas in der Küstenregion des Bundesstaates Guerrero seien kein Einzelfall. Im vergangenen Jahr zeigten etwa 200 Frauen an, zu Operationen genötigt worden zu sein, die ihre Reproduktionsrechte einschränken. Trotz der Erklärungen aus dem Gesundheitsministerium, niemand könne zur Geburtenkontrolle gezwungen werden, sieht die Wirklichkeit offenbar anders aus.

Vor einigen Tagen informierte die Kommission zur Verteidigung der Menschenrechte in Guerrero darüber, dass Gesundheitsbrigaden des Ministeriums vier Indígena-Frauen gegen ein Versprechen über 150 Dollar, Kleidung, Schuhe und Lebensmittel zur Vasektomie überredeten. Die Operation wurde durchgeführt, das Versprechen aber nicht gehalten. Die Brigaden des Gesundheitsministeriums wenden nach Berichten auch die Drohung an, die Unterstützung durch Regierungsprogramme werde wegfallen, falls die Menschen die Sterilisierung nicht akzeptieren. Als die UNO-Hochkommissarion für Menschenrechte, Mary Robinson, vor wenigen Wochen Mexiko besuchte, überreichten ihr Indígena-Frauen aus 15 Bundesstaaten ein Dokument, das nachgewiesene Zwangssterilisierungen aufführt.

Unternehmen haben Naturressourcen des Lacandonen-Urwaldes im Blickfeld

(San Cristobal de las Casas, 4. Januar 2000, pulsar-Poonal).- Mexikanische und ausländische Konzerne versuchen nach einem Bericht der Tageszeitung „La Jornada“ die Wasservorräte, die Artenvielfalt und die Ölvorkommen im Bundesstaat Chiapas unter ihre Kontrolle und ihren Besitz zu bringen. Weltbank wie Umweltorganisationen weisen gleichermaßen darauf hin, dass Chiapas ein interessantes Experimentierfeld für Unternehmer ist, die sich im Bereich der Biogenetik und der Biodiversität betätigen. Ins Augenmerk ist derzeit besonders das Naturschutzgebiet Monetes Azules im Lacandonen-Urwald geraten. Dort will die mexikanische Regierung seit Jahrzehnten ansässige Indígena-Gemeinden unter dem Vorwand umsiedeln, sie gefährdeten das Schutzgebiet.

Der Vorwurf, es handele sich um eine Verflechtung von politischen, wirtschaftlichen, sozialen und biologischen Interessen, wird von der Regierung abgestritten. Kritiker erwähnen die Präsenz von Stiftungen und internationalen Umweltorganisationen in der Region, die eng mit transnationalen Konzernen verbunden sind.

Der Vergewaltiger hat Komplizen

(Mexiko-Stadt, Januar 2000, fempress-Poonal).- Richter, Polizisten und Strafverfolger in Mexiko sind Teil des Räderwerks, das verhindert, Sexualdelikte zu bekämpfen und die Täter zu bestrafen. Zu diesem Ergebnis kommt die Autorin Patricia Olamendi in ihrem Handbuch „Das Corpus Delicti: Die Menschenrechte der Frauen in der Strafjustiz“ (Titel im Original: „El cuerpo del delito: los derechos humanos de las mujeres en la justicia penal“). In Mexiko werden schätzungsweise zehn Prozent aller Vergewaltigungen angeklagt. Bei nur einem halben Prozent der angeklagten Fälle kommt es zu einer Verhaftung und Bestrafung des oder der Schuldigen. Olamendi macht dafür zu einem großen Teil die Hindernisse, Vorurteile und Mythen im Justizsystem verantwortlich. So werde oft davon ausgegangen, die Frauen würden lügen, hätten die sexuelle Attacke provoziert oder nicht das Recht, sich zu wehren, wenn es sich beim Aggressor um den Ehemann handele. Nicht nur die Gesellschaft müsse erzogen werden, damit die sexuelle Gewalt abnehme, sondern die für die Rechtsprechung verantwortlichen brauchten eine Fortbildung, um ihre Arbeit ohne Vorurteile gegenüber den Opfern zu durchzuführen, lauten die Schlussfolgerungen von Olamendi.

HONDURAS

Regierung soll hinter Todesschwadronen stehen

(Tegucigalpa, 6. Januar 2000, pulsar-Poonal).- Honduranische Menschenrechtsorganisationen haben zum ersten Mal direkt die Regierung beschuldigt, Todesschwadronen im Land zu finanzieren. Diese rechtsgerichteten Gruppen haben in jüngster Zeit mehrfach jugendliche Kleinkriminelle und Straßenkinder ermordet und nennen ihr Vorgehen eine Kampagne zur „sozialen Säuberung“. Andrés Pavón zufolge, dem Vorsitzenden des Komitees zur Verteidigung der Menschenrechte in Honduras, operieren die Todesschwadronen an der Atlantikküste und im Landeszentrum. Er geht davon aus, dass sie auch Gelder von Unternehmern bekommen. Pavón prophezeit ein Klima des Schreckens und der Unsicherheit unter den Bürger*innen, wie es in den 80er Jahren geherrscht habe, als die Regierung jede Person verfolgte, die sich ihrer Politik widersetzte. Bertha Oliva, die das Komitee der Familienangehörigen von Verhafteten/Verschwundenen koordiniert, wies darauf hin, dass sie bereits vor sieben Monaten die Existenz der paramilitärischen Gruppen angeklagt habe. Sie macht sie auch für Einschüchterungsversuche gegenüber der Opposition sowie die Spionage von Volksorganisationen, Journalisten, Menschenrechtlern sowie einzelnen Politikern und Unternehmern verantwortlich.

COSTA RICA

Massive Kampagne gegen Sextourismus in Mittelamerika

(San José, 11. Januar 2000, comcosur-Poonal).- Menschenrechtsorganisationen aus Costa Rica haben eine neue Kampagne gestartet, um gegen den Sextourismus vorzugehen. Die als „Konsumenten“ bezeichneten Touristen, die vor allem aus den Vereinigten Staaten, England, Deutschland, Australien und Frankreich nach Costa Rica kommen, nutzen die hohe Kinderprostitution des Landes aus. 5.000 Sextouristen kommen jährlich in das kleine mittelamerikanische Land, um ihre pädophilen Gelüste auszuleben.

Die Länder Zentralamerikas und der Karibik sind bevorzugte Märkte für den touristischen Kindesmißbrauch, da dieser dort aufgrund der großen Profitspanne nicht bestraft und Anonymität garantiert wird. Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) unterstrich die Notwendigkeit politischer Reformen, juristischer Maßnahmen und systematischer Untersuchungen zur Beendigung dessen, was eine der schwersten Vergewaltigungen des Kindheitsrechtes überhaupt darstellt: den sexuellen Mißbrauch.

In Asien schätzt das Werk die Zahl der prostituierten Kinder auf etwa 100.000. Mit dem Gebrauch des Internets haben sich die Möglichkeiten des Kindesmißbrauchs erhöht: „Da das Internet vielen Zugang bietet, wird es von Pädophilen und Porno-Interessenten dazu genutzt, ihre sexuellen Perversionen vermehrt auszuleben. Es wurden bereits Informationsnetze entdeckt, in denen Pädophile ihre Erfahrungen und Empfehlungen für bestimmte Orte im Ausland austauschen können“, wie von internationalen Organisationen bestätigt wird.

EL SALVADOR

Familienangehörige der ermordeten Jesuiten beginnen Prozeß in Spanien

(10. Januar 2000, comcosur-Poonal).- Der salvadorianische Präsident Francisco Flores hat die mögliche Wiedereröffnung der Untersuchungen über die Ermordung von sechs Jesuiten im November 1989 kategorisch zurückgewiesen. „Dies würde bedeuten, die Tür für einen Konflikt wieder zu öffnen, den wir bereits hinter uns gelassen haben“, erklärte er. Unterdessen haben sich die Familienangehörigen der Ermordeten dazu entschlossen, gerichtliche Maßnahmen in Spanien zu veranlassen. Sie werden dabei von der jesuitischen Zentralamerikanischen Universität (UCA) unterstützt, an der die Opfer beschäftigt waren. Die Menschenrechtskommission der Amerikanischen Staaten (OEA) hatte der Regierung empfohlen, weitgehende Nachforschungen in dem Fall zu unternehmen, die Verantwortlichen zu bestrafen und Reparationszahlungen zu veranlassen (vgl. Poonal 414).

„Wenn die hiesigen Gerichte nicht aktiv werden, bleibt uns nur die Möglichkeit eines Verfahrens in einem anderen Land,“ erklärte Jesuitenpater Rodolfo Cardenal, Vizepräsident der UCA. José María Tojeria, Direktor der Universität, brachte deutlicher zum Ausdruck, dass ein Prozeß in Spanien wahrscheinlich sei, „weil einige der Opfer in Spanien geboren und auch ihre Angehörigen spanischer Nationalität sind.“ Vier Offizieren sowie fünf gemeinen Soldaten wurde für die Morde der Prozeß gemacht, von denen aber sieben im Jahr 1991 durch ein Schwurgericht freigesprochen wurden. Die zwei als schuldig Verurteilten, der Hauptmann Guillermo Alfredo Benavídes sowie der Oberleutnant Yusshy Mendoza, kamen 1992 durch die Amnestiegesetze, die im Zusammenhang mit den Friedensverhandlungen zwischen Regierung und Ex-Guerilla in jenem Jahr erlassen wurden, frei. Rodolfo Cardenal erklärt: „Uns, die wir darauf bestehen, geht es nicht darum, den Fall nochmals aufzurollen, weil es unser Fall ist, sondern darum, die Straffreiheit und diese Machtstrukturen zu zerstören und die Tür für alle, die sich beschweren wollen, zu öffnen.“

PARAGUAY

Oviedo immer gegenwärtig

(Asunción, 10. Januar, comcosur-Poonal).- Die argentinische Zeitschrift Clarìn veröffentlichte jüngst eine von ihrem Korrespondenten in Asunción verfasste Reportage über General Lino Oviedo. Darin bekräftigt dieser, sich in Paraguay aufzuhalten. Oviedo wurde in seinem Land zu zehn Jahren Haft verurteilt, nachdem der von ihm initiierte Putschversuch 1996 gescheitert war. In dem Interview sagt der Flüchtige, dass „die paraguayische Regierung keine Berechtigung hat und auseinanderbricht.“ Nach Angaben von Clarín fand das Treffen mit Oviedo in einer Wohnung im paraguayischen Distrikt von Canindeyú statt.

Seitdem Oviedo am 9. Dezember 1999 seine argentinische Zuflucht verlassen hat, die ihm der bis zu diesem Tag noch amtierende Präsident Carlos Menem gewährte, war sein Aufenthaltsort unbekannt. Wenige Tage danach versichterte die paraguayische Regierung von Präsident Luis González Macchi, dass sich Oviedo in keinem Nachbarstaat aufhalte, wie dieser in Interviews für Funk und Fernsehen behauptet habe. Oviedo erklärte gegenüber Clarín, dass er „den Widerstand zu Ende bringen“ werde, „der ein friedlicher Kampf“ sei. „Ich erinnere mich an einen Artikel der paraguayischen Verfassung, in der die Bürger aufgefordert werden, sich gegen Unterdrückung zu wehren. In Paraguay gibt es derzeit keine Gerechtigkeit,“ fügte er hinzu. Er sagte der Regierung voraus, dass sie nicht mehr lange im Amt sei. Oviedo bekundete außerdem zum wiederholten Male seine Unschuld am Mord des Vizepräsidenten Luis María Argana, der im März letzten Jahres verübt wurde.

ECUADOR

Wirtschaft auf Dollar umgestellt – Massive Proteste

(Quito, 10. Januar 2000, pulsar-Poonal).- Auf unterschiedliche Reaktionen ist die jüngste Entscheidung von Präsident Jamil Mahuad gestoßen, die ecuadorianische Wirtschaft auf US-Dollar umzustellen und den Wechselkurs von Dollar zu bolivanischem Sucre auf 1:25.000 festzulegen. Von Seiten der Industriellen, der Banker und der Unternehmerschaft wird die Maßnahme mit Wohlwollen begrüßt. Sie erwarten dadurch eine Verbesserung ihrer Situation. Scharfe Kritik und Proteste wurden im Gegensatz dazu aus den unteren Bevölkerungsschichten laut. Besonders in den weniger wohlhabenden Schichten wird eine „Dollarisierung“ der Armut befürchtet. Das anvisierte monatliche Minimalgehalt von vier Dollar, mit Sozialzuschüssen auf 35 Dollar angehoben, wird zum Lebensunterhalt als vollkommen unzureichend angesehen. Eine durchschnittliche Familie braucht mindestens 136 Dollar für die Sicherung ihrer Grundbedürfnisse.

Die Vereinigte Arbeiterfront, größte Gewerkschaft des Landes, bescheinigt der Regierung eine Politik ausschließlich zugunsten der Unternehmerschaft. Diese könne aus der Währungsumstellung ihren Nutzen ziehen, während kein einziger Dollar in die Anhebung der Löhne investiert werde. Als Konsequenz legten die Arbeiter in Guayaquil, dem wichtigsten Landeshafen, die Arbeit nieder. Die Situation in Ecuador ist bereits äußerst kritisch: 70 Prozent der Bevölkerung befinden sich in Kurzarbeit oder sind vollkommen arbeitslos. 42 von 100 Ecuadorianern leben in Armut, und für diese würde eine „dollarisierte“ Wirtschaft ein weiterer harter Schlag bedeuten.

Die Regierung versichert, dass die staatlichen Geldreserven ausreichen würden, um die ökonomische Umstellung anzugehen. Unabhängige Wirtschaftsexperten sehen dies allerdings als fragwürdig an. Die Reduzierung der Reserven bringe zumindest die Gefahr mit sich, ohne ausreichende Sicherheiten nicht mehr in neue, kleinere Firmen investieren zu können. Auch eine Ankurbelung der nationalen Produktivkraft steht in Zweifel. Der bereits existierende Mangel an Kapital und an Vertrauen könnte mit der neuen Maßnahmen dazu führen, dass die Inflationsrate von 60 Prozent, die die höchste in Lateinamerika ist, dieses Jahr nochmals übertroffen wird.

Gerechtfertigt wird die Umstellung vom ekuadorianischen Finanzminister Alfredo Arizaga mit dem Argument, die neue Politik stelle eine Alternative zum Modell des Internationalen Währungsfonds dar. Dieser hält sich bisher mit Reaktionen zurück, signalisierte aber Unterstützungsbereitschaft. Führende Mitglieder des Indígena-Dachverbandes CONAIE werteten die Erklärung des Finanzministers als absurd und zynisch. Ihnen zufolge stimmt die Regierung in wesentlichen Punkten ihres Kurses mit den Vorgaben des Währungsfonds überein. Der Vizepräsident der Vereinigung, Ricardo Ulcuango, bezeichnete die Maßnahme als „einen Tiefschlag gegen die wirtschaftliche Situation der Ärmsten“.

Die CONAIE hat zu einem unbefristeten Streik aufgerufen. Auch von der Koordinierungsstelle für Soziale Bewegungen wurde angekündigt, mit dem Aufbau von Volksparlamenten auf lokaler und nationaler Ebene fortzufahren. Die radikalste Forderung der Protestierenden besteht darin, mit Hilfe des fortschrittlichen Teils der Armee eine neue zivile Regierung zu ernennen und die bestehenden Institutionen abzusetzen. Weitere massive Proteste werden erwartet.

KOLUMBIEN

Internationales Rotes Kreuz besetzt

(Bogota, 11. Januar 2000, pulsar-Poonal).- Seit einer Woche halten kriegsvertriebene Campesinos den Sitz des Internationalen Roten Kreuzes in der Hauptstadt Bogotá besetzt. Sie fordern, dass die Regierung sich ihrer Probleme annimmt und wollen eine internationale Vermittlung und Aufsicht durchsetzen. Dafür haben sie Länder wie Belgien, Spanien, Kuba und Venezuela sowie amnesty international vorgeschlagen. Eine Delegation von neun Vertriebenen spricht mit Regierungsvertretern im kolumbianischen Gesundheitsministerium. Einer der Sprecher der Campesinos stellte die Frage, warum die Regierung den Vertriebenen kleine Landstücke verweigere, wenn sie der Guerillagruppe FARC 40.000 Quadratkilometer zur Verfügung stellte (das ist die entmilitarisierte Zone, in der die Verhandlungen zwischen FARC und Regierung stattfinden; die Red.). Im Sitz des Internationalen Rotes Kreuzes befindet sich nur ein kleiner Teil der vertriebenen Bauern. Vor dem Gebäude kampieren mehr als 800 Menschen in provisorischen Zelten. Sie kamen vor mehr als einem Monat in die Hauptstadt, ohne dass die Regierung zunächst auf ihre Gesprächsforderungen reagierte.

Führer der Ökologiebewegung ermordet

(Bogotá, 11. Januar 2000, comcosur-Poonal),- Eusberto Jojoa, Bauer und Führer der Bewegung zum Schutz der Wälder im Südosten Kolumbiens wurde nach Angaben der Polizei ermordet. Unbekannte entführten den 65jährigen am Januar von seinem Hof. Seine Leiche fand man nahe der Laguna de la Cocha, einem Naturreservat und Touristenort. Der Bauer war für sein Projekt, von den Vereinten Nationen mit dem Preis Global 500 ausgezeichnet worden. Hierbei hatte er 100 Familien dazu veranlaßt, Teile ihres Grundbesitzes für die Einrichtung eines Ökoreservats zur Verfügung zu stellen.

Initiative zur Arbeitszeitverkürzung für alleinerziehende Mütter

(Bogota, Januar 2000, fempress-Poonal).- Der kolumbianische Senator Jesus Angel Carrizosa hat einen Gesetzesentwurf in die erste Senatskommission eingebracht, mit dem die tägliche Arbeitszeit für alleinerziehende Frauen von acht auf sieben Stunden gesenkt werden soll. „Eine Frau, die arbeitet und zugleich ihre Kinder und ihr Haus versorgen muss, sollte nicht mehr als 42 Stunden in der Woche arbeiten“, begründet Carrizosa. Für die Vereinigung der Frauen als Familienoberhäupter handelt es sich um eine positive Initiative solange das Resultat nicht eine Lohnkürzung ist. Die Furcht vor der Lohndiskriminierung bei der Arbeit ist ohnehin ständig präsent. Beim Arbeitsministerium häufen sich jeden Tag mehr Beschwerden über geringe Bezahlung der Frauen bei gleicher geleisteter Arbeit beziehungsweise über gleichen Lohn trotz Überstunden oder mehr Leistung.

ARGENTINIEN

Marinesoldaten wegen Kindesraubs verhaftet

(Buenos Aires, 11. Januar 2000, comcosur-Poonal).- Sieben ehemalige Unteroffiziere der argentinischen Marine wurden wegen des Verdachts des Kinderraubs festgenommen und in Mar del Plata der Richterin vorgeführt. Einer der Soldaten hat bereits gestanden, eine Tochter als seine eigene registriert zu haben, obwohl sie adoptiert war. Die Maßnahme der Bundesrichterin Servini de Cubría geht auf eine Anzeige der Mütter von der Plaza de Mayo zurück, aufgrund welcher nach dem Verbleib von mehr als 20 Kindern geforscht wird. Sie waren in einem geheimen Gefangenenlager der Marinebasis Mar del Plata ihren dort zu Zeiten der Militärdiktatur (1976-1983) festgehaltenen Müttern weggenommen worden.

Estela Carlotto von den Müttern der Plaza de Mayo bezeichnete die Untersuchungen der Richterin als einen „Kraftakt“. Die Erhellung der Umstände erfordere weitreichende Nachforschungen. Servini de Cubría ist inzwischen ersten Einschüchterungen ausgesetzt. Sie bestätigte Meldungen, dass sie während einer Autofahrt von Buenos Aires nach Mar del Plata von einem BMW mit verdunkelten Scheiben an den Straßenrand gedrängt wurde. Der ehemalige Diktator und Ex-Chef der Armee, Jorge Videla, ist zusammen mit dem ehemaligen Chef der Marine, Emilio Massera, ebenfalls wegen des Vorwurfs der Kindesentführung vor Gericht gestellt worden.

Von Seiten der Justiz werden das Verschwindenlassen von Menschen und der Kindesraub lebenslang verfolgt, da die Konsequenzen der Verbrechen nicht verjähren. Diese Tatsache eröffnete letztlich erst die Möglichkeit für die Opfer der Verbrechen, gegen die bestehende Straffreiheit der Militärs Urteile durchzusetzen. Videla befindet sich seit Juni, Massera seit November letzten Jahres in Haft. Sie sind aufgrund ihres Alters von über 70 Jahren unter Hausarrest gestellt. Beide streiten ihre Beteiligung an den Verbrechen weiterhin ab.

Regierung wird Militärs kaum nach Spanien ausliefern

(Buenos Aires, 4. Januar 2000, pulsar-Poonal).- Der argentinische Justizminister Ricardo Gil Lavedra sieht es als fast unmöglich an, dass dem Auslieferungsantrag des spanischen Richters Baltazar Garzón gegen 48 Militärs des südamerikanischen Landes stattgegeben wird. Er wandte sich auch gegen den von Garzón in seiner Begründung für einen internationalen Haftbefehl gebrauchten Begriff Genozid, sondern sprach von einer „blutigen Repression gegen die Guerilla in den 70er Jahren“. Präsident Fernando de la Rúa werde aber die internationalen Verträge respektieren.

VENEZUELA

Chávez nimmt Sicherheitskräfte trotz schwerster Anschuldigungen in Schutz

(Caracas, 9. Januar 2000, pulsar-Poonal).- Präsident Hugo Chávez hat einen Bericht der venezolanischen Menschenrechtsorganisation PROVEA, in dem über mutmaßliche Hinrichtungen der Sicherheitskräfte nach der Regenkatastrophe Mitte Dezember informiert wird, als „unverantwortlich und oberflächlich“ zurückgewiesen. PROVEA bezeichnet im Gegenzug die Kommentare von Chávez als „wenig glücklich“. In den nördlichen Bundesstaat Vargas war nach den tagelangen sintflutartigen Regenfällen Polizei und Militär geschickt worden. Zu den Aufgaben der Sicherheitskräfte gehörte es, den überlebenden Opfern der Katastrophe zu helfen und eine Plünderungswelle zu stoppen. Bei der letzteren Aufgabe gingen die Sicherheitskräfte nach von PROVEA gesammelten Zeugenaussagen völlig jenseits der gesetzlichen Regelungen vor. So sollen mehrere der Plünderung beschuldigte Personen außergerichtlich exekutiert worden sein.

Die Menschenrechtsorganisation erwähnte auch Informationen über ein Massengrab. Sie wies aber ebenfalls darauf hin, dass ihr Bericht nicht vollständig und schwer zu verifizieren sei, zumal die Zeugen aus Angst vor Repressalien die Anonymität vorzogen. Der venezolanische Präsident ist der Auffassung, vor der Verbreitung des Berichtes hätten er zuerst den Behörden zugestellt werden müssen. PROVEA bezeichnete das Vorgehen zwar als Fehler, dennoch gebe es kein Gesetz, das zur Übergabe solcher Berichte verpflichte. Statt mit dem Regierungschef zu streiten, stehe dahinter vielmehr die Absicht, genauen Anweisungen an Polizei und Militärs das Wort zu reden, damit diese sich an das Gesetz hielten. PROVEA leistet seit elf Jahren Menschenrechtsarbeit und gehört zu den anerkanntesten venezolanischen Organisationen in diesem Bereich.

Kabinettsumbildung erwartet

(Caracas, 7. Januar 2000, pulsar-Poonal).- Nach dem Rücktritt von Infrastrukturminister Julio Montes werden mehrere Veränderungen in der Regierungsmannschaft von Präsident Hugo Chávez erwartet. Obwohl offiziell Gesundheitsgründe für den Rücktritt bekannt gegeben wurden, lassen Pressemeldungen auf Meinungsverschiedenheiten zwischen Minister und Präsident schließen. Möglicherweise war die Absicht von Chávez, einen Militär anstelle einen Zivilisten auf den wichtigen Posten des Fonds für Stadtentwicklung zu setzen, der Auslöser. Der Fonds hängt vom Ministerium für Infrastruktur ab.

CHILE

Sozialist Ricardo Lagos ist neuer Präsident –

Stimmen der Linken für das „kleinere Übel“ gaben den Ausschlag

Von Leonel Yanez

(Santiago de Chile, 17. Januar 2000, npl).- Die in Chile seit zehn Jahren regierende Demokratische Konzertation ist noch einmal mit dem Schrecken davon gekommen. Bei den Stichwahlen um das Präsidentenamt setzte sich ihr Kandidat Ricardo Lagos knapp, aber dennoch deutlicher als erwartet, gegen seinen rechten Opponenten Joaquin Lavin von der Allianz für Chile durch. Auf Lagos entfallen etwas mehr als 51 Prozent der Stimmen, Lavin erreichte etwas weniger als 49 Prozent. Lagos ließ sich von tausenden seiner Anhänger auf dem Platz der Verfassung gegenüber dem Regierungspalast in der Hauptstadt Santiago de Chile feiern. Auch in anderen wichtigen Städten des Landes jubelten viele Menschen auf der Straße.

Zwar hatte Ricardo Lagos in den meisten Umfragen kurz vor der Stichwahl vorne gelegen, doch galt das Resultat des Urnenganges vom Sonntag als völlig offen. Schon bei der Wahlrunde am 12. Dezember sprachen die Prognosen klar für Lagos, doch Lavin zog damals mit 47 Prozent der Stimmen praktisch mit dem Regierungskandidaten gleich. Die Wahlbeobachter stimmen darin überein, dass es die Stimmen der außerparlamentarischen Linken und der Kommunistischen Partei waren, die am Ende den Ausschlag gaben. Deren Anhänger sahen in dem Sozialisten Lagos mit der neoliberal ausgerichteten sozialdemokratischen Politik das kleinere Übel.

Während Lavin einst Wirtschaftsberater im Stab des Diktators Augusto Pinochet war, ist Lagos ein erklärter Pinochet-Gegner. Im Wahlkampf waren substantielle Unterschiede in der politischen Programmatik der Kandidaten jedoch kaum aufgetreten. Beide konzentrierten sich auf Themen wie Verbrechensbekämpfung und Arbeitsplatzbeschaffung. Von Lagos ist nicht zu erwarten, dass er die bisherige Politik der Regierungskoalition aus Sozialisten, Christdemokraten sowie zwei kleineren Parteien einem grundlegenden Kurswechsel unterzieht. Die Tendenz, staatliche Unternehmen zu privatisieren und den Eingriff des Staates zu reduzieren, wird sich kaum ändern.

Der neue Präsident, der sein Amt am 11. März antreten wird, ist der erste sozialistische Staatschef Chiles nach dem rechten Militärputsch unter Pinochet und dem Tod von Salvador Allende 1973. Seit der formalen Redemokratisierung nach 17 Jahren Diktatur (1973-1990) hat die chilenische Rechte jedoch kein so gutes Wahlergebnis erzielt wie dieses Mal. Lavin und seine Anhänger haben eine Niederlage erlitten, die für sie fast ein Sieg ist. Das Land ist in zwei fast gleich große Blöcke aus Pinochet-Gegnern und -Anhängern geteilt. Das wird nach Ansicht vieler Beobachter zu einer noch verstärkten „Konsenspolitik“ führen, die schon für die vorausgegangenen Regierungsperioden der Demokratischen Konzertation charakteristisch war.

Ein erster Prüfstein für den Handlungsspielraum und die Handlungsfähigkeit des gewählten Präsidenten wird die wahrscheinliche Rückkehr von Ex-Diktator Augusto Pinochet aus der Haft in London sein. Unter Berufung auf das Außenministerium berichteten am Samstag verschiedene chilenische Tageszeitungen, die Regierung in Chile rechne am Wochenende mit der Rückkehr Pinochets nach Chile. Das britische Innenministierum hatte am vergangenen Dienstag angekündigt, den ehemaligen Diktator aus gesundheitlichen Gründen nicht nach Spanien auszuliefern. Dort soll ihm wegen Menschenrechtsverbrechen der Prozess gemacht werden. Diese Woche soll darüber die entgültige Entscheidung fallen.

Ricardo Lagos hat sich in den vergangenen Wochen dafür ausgesprochen, dem General in Chile den Prozess zu machen. Dafür muss das Parlament Pinochets Immunität aufheben, die dieser als Senatar auf Lebenszeit genießt. In seiner ersten Rede nach der Wahl vermied es Lagos, allzu konkret auf den Fall Pinochet einzugehen. Er versprach, die Vergangenheit nicht zu vergessen, aber die Augen auf die Zukunft des Landes zu richten.

Als er kurz vor dem Schluss seiner Ansprache von Rufen „Pinochet vor Gericht“ unterbrochen wurde, antwortete Lagos: „Die Gerichte und das Justizwesen sind unabhängig, um die Gerechtigkeit in Chile zu bestimmen.“ Genau dies wird von Kritikern bezweifelt. Gerade die nicht in der Regierung vertretene Linke, die dem neuen Präsidenten den Wahlsieg ermöglichte, wird ihm schnell die ohnehin nur bedingte Unterstützung entziehen, wenn er sich in Menschenrechtsfragen auf faule Kompromisse mit der erstarkten Rechten einlässt.

Geheimpolizisten kommen nach 23 Jahren für Mord vor Gericht

(Santiago, 7. Januar 2000, pulsar-Poonal).- Die chilenische Justiz will Sicherheitsagenten der Militärdiktatur wegen der Entführung und Ermordung des spanischen UNO- Diplomaten Carmelo Soria im Jahr 1976 vor Gericht bringen. Zuvor hatte die Interamerikanische Menschenrechtskommission geurteilt, die Verantwortlichen für das Verbrechen könnten überall in der Welt vor die Justiz kommen, falls der chilenische Staat nicht seiner Verpflichtung nachkomme, ein Verfahren zu eröffnen.

Die Geheimpolizei der Diktatur war von der Justiz schon vor langer Zeit für den Mord an Soria für schuldig befunden worden. Doch die chilenischen Richter wandten das von Ex- Diktator Augusto Pinochet erlassene Amnestie-Gesetz auf die Täter an. Die Interamerikanische Menschenrechtskommission empfahl, die Amnestie in dem Mordfall nicht anzuerkennen. Sonst werde die international gültige Rechtsprechung in Kraft treten.

PERU

Einigungsversuch der Opposition gescheitert

(Lima, 11. Januar 2000, pulsar-Poonal).- Trotz intensiver Verhandlungen in den vorausgegangen Tagen konnten sich die peruanischen Oppositionsparteien nicht auf einen gemeinsamen Präsidentschaftskandidaten einigen. Dies verbessert die Aussichten des amtierenden Staatschefs Alberto Fujimori, zum dritten Wahl gewählt zu werden, erheblich. Nachdem am Montag die Einschreibefrist beim Nationalen Wahlrat ablief, werden neben Fujimori voraussichtlich 10 weitere Kandidat*innen am 9. April antreten. Eine Überraschung war der Verzicht der Unabhängigen Moralisierenden Front (FIM), eine eigene Präsidentschaftskandidatur zu präsentieren. Der FIM gehört unter anderem Fujimoris ehemalige Ehefrau Susana Higushi an.

URUGUAY

Keine Chancengleichheit bei der Ausbildung

(Montevideo, Januar 2000, pulsar-Poonal).- Eine Untersuchung der Universität der Republik, die auf Daten der nationalen Statistikbehörde beruht, hat nachgewiesen, dass die Armen wenig Zugang zu einer Universitätsbildung haben. Während 70 Prozent der uruguayischen Student*innen an der öffentlichen Universität aus den wohlhabenderen Familien kommen, gehören nur 5 Prozent den ärmsten Schichten an. Die Studie umfasst die Jahre 1986 bis 1997. „Die Einkommenseinschränkung, die ein Universitätsbesuch der Kinder für die Familie bedeutet, ist ein grundlegender Bestandteil bei der Entscheidung.

Sich dem Studium zu widmen, heißt notwendigerweise, weniger Zeit für bezahlte Arbeit zu haben“, erläutert der Untersuchungsbericht. Er weist auch daraufhin, dass es Kinder aus armen Familien schwerer haben, einen der für das Studium qualifizierenden Schulabschlüsse zu erreichen. Das ist ein weiterer Faktor, der ihren Anteil an den Studierenden drückt. Die aufgezeigten Unterschiede würden sich als noch größer erweisen, wenn die Situation an den im Gegensatz zur öffentlichen Hochschule nicht gebührenfreien Privatuniversitäten hinzugezogen würde. Dort sind Student*innen aus armen Familien fast gar nicht vertreten.

Fall Gelman: Die Verdächtigen ermitteln gegen sich selbst

(Montevideo, Januar 2000, comcosur-Poonal).- Armeechefkommandant General Fernán Amado hat die Militärgerichtsbarkeit angewiesen, das Verschwinden eines Enkelkindes des argentinischen Dichters Juan Gelman im Jahr 1976 während der Militärdiktatur zu untersuchen. Diese Ermittlungen haben nichts mit den Nachforschungen zu tun, die der noch amtierende Präsident Sanguinetti dem Dichter im vergangenen Jahr versprochen hatte. Über die wirklichen Absichten der Streitkräfte gibt es Zweifel. So versicherte eine Militärquelle gegenüber der Tageszeitung „El Observador“: „Dies wird endgültig eine Tür schließen, damit später nicht gesagt werden kann, es sei nicht ermittelt worden.“ Die Untersuchung werde so oder so keine großen Folgenhaben. Nach Angaben der in Montevideo erscheinenden Zeitung „La República“ sollen sechs der 22 von Gelman als mögliche Verwickelte genannte Offiziere vor ihren Kollegen aussagen.

Scheidender Präsident konzentriert Geheimdienste beim Militär

(Montevideo, 10. Januar 2000, comcosur-Poonal).- Per Dekret ordnete Präsident Julio Sanguinetti am letzten Tag des vergangenen Jahres die Gründung der Nationalen Geheimdienstbehörde (DNIE) an. Sie soll die verschiedenen existierenden Geheimdienste von Militär und Polizei vereinen. An die entscheidenden Stellen der neuen Behörde werden Militärs gesetzt, vorrangig aus dem Heer. Aus Polizeikreisen sind bereits erste Unmutsäußerungen bekannt geworden. Beobachter glauben nicht, dass sich die Polizei ohne weiteres den Vorgaben der Militärs unterordnen wird.

BRASILIEN

Diskriminierung von Schwarzen widerspricht dem Mythos der „Rassendemokratie“

Von Kathleen Bond

(Joao Pessoa, Januar 2000, na-Poonal).- 1997 war Margarida Pereira da Silva die aussichtsreichste Kandidatin auf das Bürgermeisteramt von Pombal im nordöstlichen Bundesstaat Paraiba. Bekannt für ihre Gemeindearbeit mit den Jugendlichen stellte sie für viele eine Alternative zur Korruption und den Interessen dar, die die Politik in diesem Landesteil sonst bestimmen. Mit wenig Geld führte Pereira da Silva ihre Wahlkampfkampagne von ihrem Haus aus. Eine Woche vor dem Wahlen boten ihr zwei unbekannte Männer 75.000 US-Dollar unter der einen Bedingung an: sie müsse ihre Kandidatur zurückziehen. Freundlich aber bestimmt wies sie den beiden die Tür: „Ich bewerbe mich für mein Land, nicht für Geld.“ Während der folgenden Tage wurden ihre Wahlplakate mit Worten wie „negra fea“ (häßliche Schwarze) übermalt. Zudem begannen ihre Gegner eine diffamierende Kampagne, die sich ausschließlich auf Rassenunterschiede stützte. Langjährige Freunde bis hin zu einigen Verwandten, die wahrscheinlich bestochen wurden, begannen plötzlich, gegen sie zu arbeiten. Ihre Wahlniederlage war niederschmetternd.

Aufgrund der vielen Ehen zwischen unterschiedlichen Rassen und seines offensichtlichen Humors unter denselben umgibt sich Brasilien mit dem Nimbus des „rassendemokratisch“ angesehen zu werden. Aber dies ist weit von der alltäglichen Realität des Landes entfernt. Jeden Tag erfahren Millionen von Afrobrasilianern den Rassismus zuhause – wo hellhäutigere Kinder bevorzugt werden -, in den Kirchen, beim Frisör, in den Schulen und im Kongress, wo Kinder mit hellerer Haut bevorzugt werden. Die Mehrheit der Brasilianer bejaht, dass sich unter ihren Vorfahren Afrikaner befinden. Aber das Gewicht des Rassismus bewirkt, dass die Menschen sich „weißer machen“, sich das Haar glätten, als Ehepartner Personen mit heller Haut suchen oder ihre Haut heller darstellen, als sie ist, etwa als „kaffee-“ oder „bronzefarben“. Viele sehen es als Beleidigung an, als „schwarz“ bezeichnet zu werden.

Die Hautfarbe spielt für viele Aspekte des Lebens eine wichtige Rolle. Nach einer Studie von 1992 ist die Wahrscheinlichkeit, Analphabet zu sein, für Nichtweiße drei Mal höher als für Weiße. Für Weiße ist es fünfmal wahrscheinlicher, einen Abschluß an der Universität zu erlangen als für Mestizen, und neunmal wahrscheinlicher als für Schwarze. Weiße haben außerdem die besser bezahlte Arbeit und verdienen 75 Prozent mehr als Schwarze und 50 Prozent mehr als Mestizen. Die Mehrheit der Häftlinge und der Opfer polizeilicher Gewalt sind nicht-weiß, und die Kindersterblichkeit ist für nicht-weiße Kinder doppelt so hoch wie für weiße. Die Wirkung des Rassismus auf das Selbstbewußtsein ist kaum einschätzbar.

Cida, eine Afrobrasilianerin aus Joao Pessoa, schildert, dass ihre Hautfarbe ihr solange keine Sorgen bereitete, wie sie mit Chico, einem Schwarzen mit hellerer Haut, ausging. Als sie sich allerdings mit ihm verloben wollte, war seine Mutter dagegen: „Diese Schwarze wird unser Blut verunreinigen. Geh und suche dir eine, die unser Blut reinigt.“ Wenige Tage später löste Chico die Verlobung. „Wie kann man mir sagen, dass ich mich wegen meiner Farbe nicht minderwertig fühlen soll“, fragt sich Cida. Die Bewegung schwarzer Brasilianer arbeitet daran, die Identität Schwarzer zu stärken und bekämpft den Rassismus. Der Anthropologe John Burdick sieht ihren Ursprung in den Siebzigern, als sich eine Generation von nicht-weißen Studenten des Spagats bewußt wurde, auf der einen Seite den Versprechen des sozialen Aufstiegs zu glauben und auf der anderen Seite mit den Barrieren auf dem Arbeits- und Bildungsmarkt konfrontiert zu sein.

Einige Organisationen arbeiten daran, die Gesetzgebung zu ändern und ein Gesetz zur Anwendung zu bringen, das den Rassismus als Verbrechen verurteilt. Andere Initiativen konzentrieren sich auf die Kultur wie beispielsweise Olodum, eine international anerkannte Musikgruppe. Die katholische Kirche bietet Bildungsprogramme für arme Afrobrasilianer an. In den ländlichen Gegenden werden Schwarze oft isoliert und erfahren besonders in den Schulen eine starke Diskriminierung.

Als Paulo Cesar auf die Oberschule ging, gab es dort außer ihm nur drei weitere schwarze Schüler in der Klasse. Als die anderen ihn „Schwarze Bestie“ nannten, weigerte sich seine Lehrerin, einzuschreiten. Seine Mutter, ohne ordentliche Schulbildung und mit wenig Selbstvertrauen, konnte ebenfalls nicht darauf reagieren, wenn der Junge weinend von der Schule nach Hause kam. „Diese Erfahrung hat mich schwer gezeichnet“, sagt Cesar, heute 26 Jahre alt und Aktivist in der Gemeinde von Sousa. Er leitet kulturelle Organisationen sowie eine Capoeira-Gruppe. Capoeira ist eine Mischung aus traditionellem Tanz und Kampfsport, den die Sklaven entwickelten, um fliehen zu können. Cesar bietet ebenfalls Kurse zum Thema Rassismus in den lokalen Schulen an. Die tansanaische Nonne Efu Nyaki vom Maryknoll-Orden reist mit ihren brasilianischen Kolleginnen durch die umliegenden armen und von der Dürre belasteten Gemeinden, um Kurse anzubieten, die darauf gerichtet sind, ein Identitätsgefühl und Selbstwertgefühl aufzubauen.

„Wir waren in allen ländlichen Schwarzengemeinden, wo gerade einmal ein oder zwei Personen lesen und schreiben konnten. Das hat uns dazu gebracht, nach Finanzierungsmöglichkeiten für kleine Alphabetisierungskampagnen zu suchen“, berichtet Nyaki. Als sie vor fünf Jahren mit ihrer ersten Gruppe Lagoa Raca besuchte, gab es nicht eine einzige Schule in der Gegend und nur einer der Ansässigen konnte lesen und schreiben. Dieser Mann wurde zum Lehrer ausgebildet, und danach die erste Schule aufgebaut. „So wie in Lagoa Raca sah es im ganzen Nordosten aus“, bestätigt Nyaki. „Die Regierung hat diese Leute einfach im Stich gelassen.“

In den Schulen verstärkt der Mangel an Bildungsmaterial für afrobrasilianische Geschichte und Kultur die negative Entwicklung noch. Die Gruppe von Nyaki arbeitet mit Professoren der Universität zusammen, um für die Grundschulen ein Programm zu entwickeln, das die Geschichte und die Errungenschaften schwarzer Brasilianer miteinschließen soll. Die Menschen, die den Candomble, die afrobrasilianische Religion praktizieren, erlitten ebenfalls eine starke Diskriminierung, die oft von der katholischen Kirche toleriert wurde. Obwohl der Candomble seit den siebziger Jahren legal ist, sehen einige Leute die religiösen Symbole wie etwa die Trommeln und die farbenprächtige Kleidung immer noch als Teufelszeug an. Dabei wurden in den letzten Jahren Anstrengungen unternommen, einen interreligiösen Dialog zu führen und anläßlich des bevorstehenden 500. Jahrestages der portugiesischen Kolonisation hat die nationale Bischofskonferenz den Willen geäußert, sich bei den indigenen und afrobrasilianischen Völkern dafür zu entschuldigen, nichts gegen die Ungerechtigkeiten, die diesen angetan wurden, unternommen zu haben. Für Nyaki kann dies bloß der Anfang sein. „Die öffentlichen Erklärungen der Kirche sind nur ein Schritt,“ sagt sie, „aber wir müssen von den katholischen Brasilianern ebenso fordern, dass sie ihr Denken und ihr Herz öffnen.“

LATEINAMERIKA

Die Ausrottung des Rassismus –

In verschiedenen Ländern werden juristische Anstrengungen unternommen,

den Nachlaß von Sklaverei und Unterdrückung wettzumachen Von Barbara Fraser

(Lima, Januar 2000, na-Poonal).- Auf die den Ozean beherrschende Steilküste gebaut ist in Perus Hauptstadt Lima ein elegantes Einkaufszentrum. Am einem normalen Samstagnachmittag ist vollkommen überfüllt. Ein Wächter läßt einige Besucher passieren. Andere, von deren dunklerer Hautfarbe und abgetrageneren Kleidung er sich offenbar abgestoßen fühlt, weist er ab. Die Abgewiesenen stellen sich an den höhergelegenen Geländern der Steilküste auf und beobachten die Käufer, die unten vorbeigehen. Ironischerweise ist der Wächter, der sie am Eintreten gehindert hat, indigener Abstammung.

Der peruanische Soziologe Jose Carlos Luciano, Vorsitzender der Arbeitsgruppe zur Koordinierung von Menschenrechten und gegen Rassismus, meint, dass es zwei Arten des Rassimus in seinem Land gibt: einmal den von niedriger Intensität gegen Menschen mit afrikanischen Vorfahren, und zu anderen den mit hoher Intensität gegen peruanische Indigenas.

In der Mehrzahl lateinamerikanischer Städte leben die afrikanischen Nachkommen mit Indigénas und Mestizen Seite an Seite. Aber der Schein trügt und unter der Oberfläche brodeln Intoleranz und Verständnislosigkeit, Vermächtnis der Sklaverei und Unterdrückung. Von den 9,5 Millionen ihrer Heimaterde entrissenen Afrikanern, die in Lateinamerika versklavt wurden, wurden mehr als ein Drittel nach Brasilien gebracht. Ihre Religion, ihre Tänze und ihre Musik haben sich zu einem wichtigen Teil des Kulturgutes dieses Landes entwickelt. Und auch wenn ein großer Prozentsatz der Brasilianer – geschätzt werden zwischen 42 und 60 Prozent – afrikanischer Abstammung sind, verleugnen viele dieses Erbe.

Die schwarzen Gemeinden gehören zu den ärmsten in Lateinamerika und der Karibik. Einer Studie von 1996 zufolge, die die Interamerikanische Enwicklungsbank in Auftrag gab, sind 150 Millionen Menschen, 31 Prozent der 490 Millionen Einwohner Lateinamerikas und der Karibik schwarz oder Mischlinge. Die Lebensqualität der Afrobrasilianer*innen bewegt sich auf dem gleichen Niveau wie das der ärmsten afrikanischen Nationen. Die Lebenserwartung für Schwarze und Mulatten liegt bei 59 Jahren im Gegensatz zu 65 Jahren bei anderen Brasilianern. Ein Drittel aller schwarzen Arbeiter verdient nicht einmal den Mindestlohn, während schwarze Frauen die Hälfte des Gehalts erhalten, das eine weiße Frau verdient. Knapp 29 Prozent der afrobrasilianischen Frauen können weder lesen noch schreiben.

Der ausbleibende Fortschritt in der Bekämpfung des Rassismus, meint der Soziologe Luciano, hänge damit zusammen, dass Schwarze kaum in der offiziellen Politik vertreten sind. Auch wenn mit der Besetzung von öffentlichen Posten noch keine Veränderung garantiert ist. Die Mehrheit der englischsprachigen Karibikstaaten etwa wird von Menschen mit afrikanischen Wurzeln regiert, aber die politische Unabhängigkeit und die schwarze Führung haben nicht besonders zur wirtschaftlichen Verbesserung für ihr Volk geführt.

Ein Beispiel hierfür sind die afrikastämmigen Regierungen in Trinidad und Tobago, die seit der Unabhängigkeit 1962 bis 1995 an der Macht waren. Immer noch leidet das Land an großer Armut. Während sich die schwarzen Machthaber darauf konzentrierten, ihre Macht zu erhalten, widmeten sich die Trinitaner indischer Abstammung dem Handel, einem Sektor, den sie heute in Trinidad beherrschen. Auch in Barbados, einem Land mit relativem Wohlstand und einem Bruttoinlandsprodukt von über 6 Milliarden US-Dollar, bleibt der Reichtum in den Händen einer weißen Minderheit konzentriert, und Schwarze sind in der wirklich einflussreichen Unternehmerschaft nicht vertreten.

Der bestehende Rassismus in Lateinamerika kann, so Luciano, daran gemessen werden, wie der Zugang zu Lebensgrundlagen – Arbeit, Bildung, Gesundheits- und Wohnungswesen – für die Menschen beschaffen ist. Nach dem peruanischen Recht „sind wir alle gleichgestellt“, sagt der Soziologe. „Aber wenn man die sozialen und wirtschaftlichen Strukturen betrachtet, stellt man fest, dass fast nichts unternommen wurde, um die diskriminierenden Faktoren, die bestimmte Rassen benachteiligen, zu verändern.“ Die Menschen redeten voller Stolz über ihre europäischen Großeltern, aber verschwiegen ihre indigenen Vorfahren, fügt er hinzu. Dieser Umgang mit der persönlichen Geschichte spiegelt sich in der nationalen wider. Sie tendiert dazu, die indigenen Völker und die afrikanische Herkunft zu ignorieren. Luciano resümiert: „Wenn diese Ungleichheit weiterbesteht, ist es auch nicht möglich, eine Demokratie aufzubauen.“

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