Poonal Nr. 394


Deutsche Ausgabe des wöchentlichen Pressedienstes lateinamerikanischer Agenturen Nr. 394 vom 6. August 1999

Inhalt


VENEZUELA

KOLUMBIEN

HONDURAS

GUATEMALA

TRINIDAD & TOBAGO

KUBA

CHILE

BRASILIEN

LATEINAMERIKA

KINDER IN LATEINAMERIKA, Teil V


VENEZUELA

Erdrückende Mehrheit für Regierung in Verfassungsgebender

Versammlung – Streit um Vollmachten für Präsident Hugo Chavez

Von Alvaro Cabrera

(Caracas, 4. August 1999, Poonal).- In Caracas traf sich am Dienstag die frisch gewählte verfassungsgebende Versammlung zu ihrer Eröffnungssitzung. Mit 122 von 128 Mandaten verfügt der Regierungsblock über eine für viele schon besorgniserregende Mehrheit. Mit dem Beginn der Sitzungen ist das traditionelle politische System Venezuelas endgültig auf den Kopf gestellt, da die noch von den alten Parteien bestimmten Kräfteverhältnisse im Parlament nun kaum mehr eine Rolle spielen. Die Bevölkerung hatte sich bei den Wahlen vom 25. Juli für die verfassungsgebende Versammlung eindeutig hinter den Hoffnungsträger Präsident Hugo Chavez gestellt, auch wenn die Wahlbeteiligung knapp unter 50 Prozent lag. Die 128 Mitglieder der Versammlung sollen zusammen mit drei Vertretern indigener Organisationen innerhalb der nächsten sechs Monate eine neue Verfassung ausarbeiten.

Die Wahl dieses Gremiums, die auf eine Initiative des neu gewählten Präsidenten Hugo Chavez zurückgeht, ist in politischen Kreisen Venezuelas höchst umstritten. Der Ex-Oberst Chavez, der 1992 erfolglos einen Putsch versuchte, wolle auf diesem Wege seine Machtposition festigen und diktatorische Vollmachten erlangen, kritisiert die Opposition. Zudem fehlte eine gesetzliche Grundlage für diesen außerordentlichen Urnengang. Die nationale Wahlbehörde (CNE) hat sogar einen Prozeß gegen Staatschef Chavez angestrengt: Er habe, so der Vorwurf, die Spielregeln verletzt, indem er als Staatsoberhaupt Wahlkampf für die Kandidaten seiner Partei betrieb.

Mit der Drohung, den Präsidenten vor der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) anzuzeigen, gelang es der Wahlbehörde, Chavez in die Schranken zu verweisen. Der Regierungschef, Eigentümer von Fernseh- und Radioprogrammen und seit neuestem auch einer eigenen Tageszeitung, verzichtete in den letzten Tagen vor der Wahl darauf, seine Medien für den Wahlkampf zu nutzen. Auch sagte er alle politischen Veranstaltungen ab. Die heikle Wahl, so entschied die CNE wenige Tage vor dem 25. Juli, könne stattfinden.

Chavez, der im Dezember des vergangenen Jahres mit 56 Prozent der Stimmen einen überwältigenden Wahlsieg errang, verspricht den Venezolanern eine „Demokratische Revolution“. Das Jahrzehnte währende Zweiparteiensystem von Sozialdemokraten und Konservativen habe das Land mit Korruption und Mißwirtschaft zu einem der Ärmsten in Südamerika gemacht, poltert der 44jährige Populist. Trotz des großen Rückhalts vor allem unter der verarmten Bevölkerung muß sich der junge Präsident aber mit den althergebrachten Politikstrukturen auseinandersetzen, was mitunter bizarre Formen annimmt. So drohte er dem von der Opposition dominierten Parlament mehrmals mit Auslösung, dem Obersten Gerichtshof sprach er jegliche rechtliche und moralische Autorität ab.

Mit der Verfassungsgebenden Versammlung, so sein Plan, wird er sich dieser lästigen Blockaden entledigen. Es galt bereits vor dem Urnengang als sicher, daß die Kandidaten von Chavez' Patriotischem Pol (Polo Patriótico) die Mehrheit in dem neuen Gremium stellen wuerden. Jüngsten Umfragen zufolge liegt die Popularität des Präsidenten ungebrochen bei über 70 Prozent, die fünf beliebtesten Politiker des Landes gehören zu seinen Gefolgsleuten. Die traditionellen Parteien – Chavez schärfste Gegner – konnten keinerlei Boden gutmachen.

So wird das Verfassungsgremium wohl den Wünschen des ehemaligen Militärs folgen: Eine längere Amtszeit, das Recht, weitgehende Dekrete in Sachen Wirtschaftpolitik zu erlassen und die Möglichkeit, jederzeit das Parlament aufzulösen. Doch niemand weiß, wie Hugo Chavez diese Vollmachten einsetzen wird. Viele Demokraten sehen in ihm die venezolanische Version von Alberto Fujumori, der in Peru jenseits aller rechtstaatlichen Normen eine liberal-autoritäre Regierung führt. Chavez selbst gibt sich als Bewunderer von Fidel Castro und setzt auf sozialistische Rethorik. Die bisherige Regierungspolitik des ehrgeizigen Chavez enthält hingegen wenig neues: Er bemüht sich um ein gutes Verhältnis zu den USA und hält sich in der Wirtschaftspolitik durchaus an die Richtlinien des IWF.

KOLUMBIEN

Friedensgespräche in Kolumbien auf unbestimmte Zeit verschoben –

Guerilla startet neue Offensive

Von Laura Patricia Barro

(Bogota, 3. August 1999, npl).- „Wenn Regierung und Aufständische sich nicht jetzt besinnen, wird der fragile Friedensprozeß inmitten des eskaliereden bewaffneten Konflikts definitiv erlöschen“. Mit diesen Worten begann die kolumbianische Tageszeitung „El Espectador“ in der Ausgabe vom Montag ihr Vorwort. Sie steht mit ihrem Appell nicht allein. Führende Persönlichkeiten, Politiker und Journalisten verliehen Anfang dieser Woche öffentlich ihrer Besorgnis über die Möglichkeit eines offenen Krieges in dem südamerikanischen Andenland Ausdruck. Vorangegangen waren am vergangenen Wochenende eine erneute Offensive der Rebellen sowie die Aussetzung des Dialoges zwischen Regierung und den FARC, der größten Guerillaorganisation des Landes, auf unbestimmte Zeit.

Am vergangenen Freitag besetzten etwa 300 Kämpfer der FARC die Ortschaft Narino, in der Nähe der kolumbianischen Metropole Medellin in der Region Antioquia und übernahmen dort für mehr als 36 Stunden die Gewalt. Mit mehreren Sprengstoffanschlägen wurden der örtliche Polizeistützpunkt sowie mehr als 40 Wohnhäuser zerstört. Erst in der Nacht von Sonntag auf Montag gelang es den kolumbianischen Streikräften nach Narino vorzudringen. Die Sicherheitskräfte sprechen von insgesamt 16 getötenen Polizisten und Soldaten sowie 11 Entführten. Gleichfalls am Freitag verübten die „milicianas boliviarianas“, eine Stadtguerilla-Zelle der FARC einen Sprengstoffanschlag auf die sogenannte „Antientführungseinheit“ des Militärs in Medellin. Zehn Sicherheitskräfte wurden dabei getötet und 32 weitere verletzt. Bei einem längeren Gefecht in einer Ortschaft der Region Turbo tötete die Armee nach eigenen Aussagen mehr als vierzig Guerilleros.

General Victor Alvarez berurteilte die jüngste Offensive der FARC als „wahnsinnig“ und „bisher beispiellosen Akt der Zerstörung“. Mit ähnlichen Worten hatten die kolumbianischen Streitkräfte bereits eine Großoffensive der marxistisch ausgerichteten Befreiungsbewegung von Anfang Juli bezeichnet, bei der die Aufständischen, ausgehend von einer Ortschaft in der Nähe der Haupstadt Bogota in 13 der insgesamt 32 Regionen des Landes Anschläge durchführten. Mehrere hundert Guerilleros kamen in Auseinandersetzungen mit der Armee ums Leben. Das Militär brüstete sich bereits, der Guerilla eine der schwersten Niederlagen ihrer Geschichte beigefügt zu haben.

Nach allgemeiner Einschätzung von Experten ist das Scheitern der ebenfalls am vergangenen Freitag begonnenen, erneuten Vorverhandlungen für Friedensgespräche zwischen FARC und der konservativen Regierung unter Andres Pastrana, im Süden des Landes, als direkter Hintergrund für die Offensive der Aufständischen zu bewerten. Die Vertreter der FARC, Raul Reyes, Joaquin Gomez und Fabian Ramirez, lehnten die Forderung der Regierung ab, eine internationale Kommission einzurichten, die das im Dezember vergangenen Jahres als Voraussetzung für die Ausrichtung von Verhandlungen entmilitarisierte – und seitdem von den FARC kontrollierte – Gebiet von der Größe der Schweiz beobachten soll.

Die Regierung hingegen sieht die Einrichtung dieser Kommission als Bedingung für den Beginn konkreter Verhandlungen über eine Amnestie der Guerilla-Kämpfer sowie weitreichende juristische, soziale und ökonomische Reformen. Das erste Mal seit Beginn der informellen Gespräche vor acht Monaten, erhoben sich beide Seiten vom Verhandlungstisch, ohne einen konkreten Termin für ein neues Treffen bestimmt zu haben. Die Diskrepanzen hinsichtlich der internationalen Beobachterkommission kamen auf, seit die Oberbefehlshaber der kolumbianischen und us-amerikanischen Streikräfte die FARC beschuldigen, das entmilitarisierte Dschungelgebiet für die Ausbildung und Rekrutierung ihrer Kämpfer sowie für den Kokainhandel, zu mißbrauchen. Erst Ende Juli hatte Barry McCaffrey, Chef der us-amerikanischen Anti-Drogen-Polizei in Washington vorgeschlagen, den kolumbianischen Sicherheitskräften etwa zusätzliche 300 Millionen us-Dollar für den Kampf gegen die sogenannren Narcoguerillas bereit zu stellen.

Armando Pomarico, Präsident der kolumbianischen Abgeordnetenkammer, forderte die Pastrana-Regierung Anfang der Woche auf, „ihren Aktionsradius zu erweitern“ und sich zu verpflichten „alle politischen Kräfte des Landes, einschließlich der Opposition, der Intellektuellen und anderer Sektoren der Zivilgesellschaft in den Friedensprozeß einzubeziehen“. Die Beteiligung verschiedener Sektoren der Zivilgesellschaft in einen „nationalen Dialog“ über die Beendigung des seit vierzig Jahre dauernden bewaffneten Konflikt, der jährlich mindestens 3.000 Menschen das Leben kostet, sowie weitreichende soziale und ökonomische Reformen, ist eine zentrale Forderung der ELN, zweitgrößte Guerillaorganisation des Landes. Bisher hatte sich Pastrana geweigert, dieser Forderung nachzukommen. Vielleicht muß er nun einlenken.

„Kein Frieden um der politischen Posten willen“ – Interview mit

Ramiro Vargas von der ELN

Von Raul Zelik

(Berlin, 22. Juli 1999, npl).- Bei einem Besuch in Bogotá Anfang Juli bezichtigte der grüne Staatssekretär Ludger Volmer die kolumbianische Guerilla des Terrorismus. Gleichzeitig vermittelte der ehemalige CDU-Kanzleramtsminister Schmidbauer auf Bitten der ELN-Guerilla in Kolumbien. npl sprach mit Ramiro Vargas vom Zentralkommando der ELN über die deutsche Kolumbien-Politik und die Eskalation des bewaffneten Konfliktes in seinem Land.

Die ELN ist zuletzt scharf kritisiert worden. Tatsächlich haben Sie bei zwei Aktionen in Cali und Bucaramanga mehr als 100 Zivilisten entführt. Warum?

Vargas: Die ELN versucht seit zwei Jahren, eine politische Lösung des Konflikts in Kolumbien herbeizuführen. Wir haben vorgeschlagen, eine „nationale Zusammenkunft“ zu organisieren, auf der über die notwendigen Veränderungen im Land debattiert werden soll. Die kolumbianische Regierung unter Präsident Andres Pastrana war nicht bereit, die hierfür nötigen Sicherheitsgarantien zu geben und ein kleines Gebiet im Norden des Landes zu entmilitarisieren. Sie ignoriert die ELN als Gesprächspartner und verschärft die Angriffe gegen sie. Paramilitärs und Armee verüben fast täglich Massaker. Vor diesem Hintergrund haben wir mit spektakulären Operationen reagiert. Im April entführten wir den Linienflug Bucaramanga-Bogotá und im Juni – wenige Tage nach dem Massaker an 25 Bauern – nahmen wir in einem Oberschichtsviertel von Cali mehr als 70 Personen während eines Gottesdienstes fest.

Die Aktionen der ELN haben zu großen Protesten geführt. Menschenrechtsorganisationen und europäische Regierungen bezogen offen Stellung gegen die Guerilla.

Vargas: Die kolumbianische Regierung hat es geschickt verstanden, die Öffentlichkeit zu mobilisieren. Sicher hätten wir einige Fehler bei den Aktionen vermeiden können. Andererseits ist es erschreckend, daß die täglichen Massaker an den Bauern unbeachtet bleiben, die unblutige Entführung von Reichen hingegen, einen internationalen Aufschrei provoziert.

Sie haben in den letzten Jahren mehrfach versucht, die deutsche Regierung als politisches Gegengewicht zum Einfluß der USA ins Spiel zu bringen. Unter Helmut Kohl funktionierte das gut, doch die rot-grüne Regierung hat explizit Position gegen die Guerilla bezogen. Bundeskanzler Schröder hat die ELN beim EU- Lateinamerika-Gipfel ausdrücklich verurteilt.

Vargas: Wir glauben, daß das Verhalten der bundesdeutschen Regierung ihrer mangelnden Kenntnis der Situation geschuldet ist. Die kolumbianischen Medien sind in den Händen von vier Wirtschaftskonzernen. Nachrichten werden systematisch manipuliert. Die Regierung Kohl verfolgte die Situation in Kolumbien schon länger, kannte unseren Friedensvorschlag und hielt ihn für einen gangbaren Weg. Mit der neuen Regierung hat sich das geändert.

Der ehemalige Kanzleramtsminister Schmidbauer reiste kürzlich nach Kolumbien, um bei der Freilassung von Entführten zu vermitteln. Wie sehen Sie die Rolle des CDU-Abgeordneten?

Vargas: Herr Schmidbauer erklärte nach dem Regierungswechsel, daß er weiterhin bereit sei, zu vermitteln. Das heißt nicht, daß er mit unseren politischen Positionen übereinstimmt, aber er ist an einer politischen Lösung des Konflikts in Kolumbien interessiert.

Der Kommandant der ELN, Nicolás Rodríguez, war im Juni auf einer diplomatischen Rundreise in Europa und besuchte dabei auch den Vatikan, um klar zu stellen, daß sich die Entführung nicht gegen die Kirche richtete, sondern gegen die kolumbianische Oligarchie. Aber der Verhandlungsprozeß mit der ELN ist durch die Rundreise in Europa auch nicht wieder in Gang gekommen?

Vargas: Nein. Es gibt ja zwei verschiedene Prozesse. Der eine ist der Dialog mit der Regierung, der andere ist der Vorschlag der „nationalen Zusammenkunft“, der darauf abzielt, daß sich die Zivilbevölkerung an der Suche nach einer politischen Lösung aktiv beteiligt. Die Regierung Pastrana lehnt dieses Modell ab. Sie sagt, sie sei die legitime Repräsentantin des Volkes. Tatsächlich repräsentiert sie jedoch nur einen kleinen Teil der Bevölkerung.

Wie verhält sich die Pastrana-Regierung im Augenblick gegenüber der ELN. Gibt es eine Annäherung?

Vargas: Im Gegenteil, derzeit findet eine große Offensive von Armee und Paramilitärs gegen die wichtigsten Einflußgebiete der ELN statt. Es werden Massaker verübt und politische Säuberungen durchgeführt. Letztes Jahr gab es in Kolumbien 235 solche Massaker, dieses Jahr waren es in den ersten vier Monaten bereits 99. Ziel ist es, die Bevölkerung zu vertreiben. Darüber schweigen Regierung und leider auch zahlreiche Menschenrechtsorganisationen.

Frieden ist also nicht in Sicht?

Vargas: Es wird zunehmend kompliziert, denn die USA greift immer direkter ein. Ihre Militärhilfe soll auf 500 Millionen US-Dollar aufgestockt werden. Die Regierungen in Bogotá und Washington hoffen, daß wir uns ergeben. Wir sind zwar bereit zu einem Frieden, der mehr soziale Gerechtigkeit und Demokratie bringt. Aber wir werden keinen Frieden um der politischen Posten willen schließen. Insofern ist eine Eskalation und Internationalisierung des Konflikts zu befürchten. Allerdings ist Kolumbien größer als Grenada oder El Salvador und hat eine lange Tradition des Widerstands. Wenn wir den Krieg nicht politisch verhindern, wird es ein schreckliches Blutvergießen geben.

(Vom das Interview führenden Autor Raul Zelik erscheint im September im ISP-Verlag das Buch „Kolumbien – Koka, Blut und Öl“)

Wirtschaft nach wie vor in der Rezession

(Bogota, Juli 1999, ac-Poonal).- Trotz lange anderslautender Ankündigungen von Regierungsfunktionären – unter ihnen Finanzminister Juan Camilo Restrepo – griff die kolumbianische Regierung zu einem Stand-by Kredit des Internationalen Währungsfonds (IWF) über drei Milliarden US-Dollar. Gemäß Regierungssprechern wird dieses Geld nicht sofort in die Zahlungsbilanz des Landes einfließen, sondern es soll eine Sicherheit sein, falls die Devisenreserven sinken. Nun wird die harte wirtschaftliche Anpassung, die das Land während den letzten Monaten durchmachte, noch schmerzhafter werden. Das Abkommen, das mit dem IWF unterzeichnet wird, schließt als Bedingung eine drastische Reduktion der staatlichen Subventionen sowie der Löhne der öffentlichen Bediensteten ein. Zudem sind weitere Steuererhöhungen vorgesehen.

Die wirtschaftliche Krise Kolumbiens ist ein nicht zu übersehendes Problem. Die Statistikbehörde hat ausgerechnet, daß die Wirtschaft in den ersten drei Monaten dieses Jahres um fast 6 Prozent fiel. Die am meisten betroffenen Sektoren waren der Handel (gut 10 Prozent), und Transport und Kommunikation (6,3 Prozent). Die Effekte der Krise verdeutlichen sich in einer hohen Arbeitslosenquote, die dabei ist, die 20-Prozentmarke dauerhaft zu übersteigen. Werden Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung zusammen gezählt, ist der Sprung über die 50 Prozent nahe.

Die Inflationsrate betrug bis Ende Juni 6,5 Prozent. Das ist die niedrigeste Steigerung innerhalb der vergangenen zehn Jahre und könnte von außen betrachtet als etwas Positives gesehen werden. Doch der Schein trügt zumindest teilweise. Viele soziale Gruppen, unter ihnen die Gewerkschaftsverbände, weisen darauf hin, daß die relativ geringe Inflation nicht das Resultat einer strukturierten und geplanten makroökonomischen Politik ist, sondern den starken Rückgang der Nachfrage ausdrückt, die wiederum ihre Ursache in den knappen Geldmitteln Bevölkerungsmehrheit hat. Diese Mehrheit hat nicht einmal genug Einkommen, um die Grundbedürfnisse zu befriedigen.

In diesem Jahr hat die Abwertung des kolumbianischen Peso schon fast 25 Prozent erreicht, während sie im gesamten Jahr 1998 „nur“ 19,2 Prozent betrug. Als zu Anfang es Jahres der Mindestlohn auf bei 236.460 Pesos festgelegt wurde, entsprach dies 152 US-Dollar – heute ist dieser Lohn aufgrund der Abwertung nur noch 129 Dollar wert. Dabei ist zu bedenken, daß die kolumbianischen Märkte für Güter und Dienstleistungen täglich stärker von Multis überschwemmt werden, die ihre Preise in Dollar kalkulieren.

HONDURAS

Kraftprobe zwischen Zivilregierung und Militärs –

Präsident Flores scheint vorerst gestärkt

Von Gerold Schmidt

(Tegucigalpa/Mexiko-Stadt, 4. August 1999, Poonal).- Nach dem ein Teil der Streitkräfte im kleinen mittelamerikanischen Land Honduras in der vergangenen Woche mehr oder weniger offen mit einem Militärputsch drohte, scheinen im Moment die zivilen Kräfte die Oberhand zu gewinnen. Präsident Carlos Flores setzte am Mittwoch (4.8.) den Armeechef Rodolfo Interiano ab. Dieser hatte sich zuvor Anordnungen der Regierung widersetzt.

Insgesamt sollen 33 strategische Posten innerhalb der Armee neu besetzt werden. Neben Interiano mußten bereits der Generalstabschef sowie andere hochrangige Offiziere gehen. Ein zentrales Kommando unter dem Oberst Jorge Rodas wird für die Umstrukturierung innerhalb des Militärs verantwortlich sein. Korruptionsfälle beim Finanzgebaren der Armee sollen bis zum Jahr 1986 zurückverfolgt werden.

Aus Militärkreisen ist zu hören, ein Putsch sei seit Mai in Planung gewesen. Damals hielt sich Präsident Flores in der schwedischen Hauptstadt Stockholm auf, um über Hilfsgelder nach der Hurrikankatastrophe Mitch zu verhandeln. Politische Beobachter gehen davon aus, daß die Zivilregierung die Situation nun völlig unter Kontrolle hat. Kritische Stimmen befürchten aber, letztendlich müsse die zivile Macht doch mit den unzufriedenen Militärs verhandeln.

In der nur 12.000 Mann starken Truppe hatte sich die Führungsschicht in den vergangenen Jahren ein regelrechtes Imperium aufgebaut. Über das Institut für Militärvorsorge kontrolliert die Armee-Elite etwa 20 Firmen mit einem Jahrumsatz von fast 100 Millionen Dollar. Damit wurden die Militärs zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor in dem kleinen Land. Die von zivilen Stellen unbehelligten Oberste nutzten das unter anderem für eine gediegene Altersversorgung aus.

Umso mehr wuchs der Unmut unter den Streitkräfte-Hierachen, als die vorhergehende Regierung mit der Unterstützung des Parlamentes damit begann, die Privilegien der Militärs zu beschneiden und den Weg für eine Unterordnung der autonomen Armee unter die zivile Gewalt ebnete. Offiziell müssen sich die Streitkräfte seit dem 27. Januar dieses Jahres den Anordnungen der zivilen Regierung und den Beschlüssen der Parlamentsmehrheit beugen. Bei den in anderen Fragen zerstrittenen übrigen gesellschaftlichen Gruppen stößt diese Entwicklung auf breite Zustimmung. Darin liegt die Chance, die Militärs dauerhaft unter Kontrolle zu bringen.

GUATEMALA

Wirtschaftsminister tritt zurück

(Guatemala-Stadt, 3. August 1999, cerigua-Poonal).- Der Streit um den Milchpreis zwischen Präsident Alvaro Arzu und Wirtschaftsminister Juan José Castillo führte zum Rücktritt des letzteren. Castillo hatte sich dagegen gewandt, daß eine um 40 Prozent erhöhte Steuer auf importierte Milchprodukte voll auf die Konsumentenpreise übertragen wird. Mit dieser Maßnahme soll die einheimische Landwirtschaftsproduktion geschützt werden. So kam die Zustimmung der guatemaltekischen Unternehmer aus dem landwirtschaftlichen Sektor nicht überraschend, eher der Widerstand von Castillo. Er ist der zweite Wirtschaftsminister in diesem Jahr, der wegen Meinungsverschiedenheiten mit dem Präsidenten seinen Hut nimmt.

Erstmals erhält Kommission indigener Frauen Zutritt zur Regierung

Von Mirta Rodriguez Calderon

(Guatemala-Stadt, 29. Juli 1999, npl). – „Wir haben uns erhoben, um einen Raum für marginalisierte Frauen zu schaffen und für eine menschenwürdigere und gerechtere Zukunft aller zu kämpfen“. Mit pathetischen Worten eröffnete Rosalina Tuyuc, indigene Abgeordnete der linksoppositionellen Partei FDNG im guatemaltekischen Kongreß, ihre Rede anläßlich der Unterzeichnung eines Regierungsdekrets zur Bildung einer Kommission für „die Verteidigung und den Schutz der indigenen Frau“. Tausende indigene Menschen aus allen Teilen des Landes waren angereist, um diesem bisher weltweit einzigartigen politischen Ereignis im Regierungspalast von Guatemala-Stadt beizuwohnen: die gesetzlich verankerte Beteiligung indigener Frauen an der Regierungsstruktur eines Landes.

Im Rahmen des Friedenschlusses zwischen der guatemaltekischen Guerilla (URNG) und Regierung im Dezember 1996, der den 36 Jahre dauernden Bürgerkrieg beendete, hatte die Regierung unter anderem einen Vertrag über „Rechte und Identität der indigenen Völker“ unterschrieben. 70 Prozent der Bevölkerung des mittelamerikanischen Landes verstehen sich als indigen. Das Abkommen enthielt nur anerkannten Kommission zur Verteidigung und zum Schutz der indigenen eine einzige Zeile, in der sich die Regierung verpflichtet „die Bildung einer staatlich Frau“ zu fördern.

Mehr als zwei Jahre dauerten die zähen Verhandlungen zwischen Vertreterinnen indigener Organisationen und guatemaltekischer Regierung an, bis Präsident Alvaro Arzu das Dekret in einer feierlichen Zeremonie am vergangenen Mittwoch, unterzeichnete. Kern ist die verbindliche Integration eines für jeweils vier Jahre gewählten Ausschusses von acht indigenen Frauen mit einer verantwortlichen Vertreterin in die guatemaltekische Regierung.

Aufgabe der Kommission soll „die Förderung und Entwicklung verbindlicher politischer Programme zur Vorbeugung, Verteidigung und Beseitigung aller Formen der Diskriminierung indigener Frauen sein“. Darüber hinaus wird der Ausschuß in Zusammenarbeit mit der staatlichen Menschenrechtskommission Vorschläge erarbeiten, wie die Rechte von indigenen Frauen in alle Bereiche der nationalen Gesetzgebung sowie in die von Guatemala ratifizierten internationalen Verträge einfließen können.

Rosalina Tuyuc, gleichzeitig Vorsitzende der Organisation der indigenen Witwen des Krieges (CONAVIGUA), machte in ihrer Rede jedoch auch deutlich, daß die indianische Bevölkerung bis heute am meisten unter den Folgen des Krieges zu leiden hat. „Mehr als zwei Jahre nach Friedensschluß werden in Guatemala noch Massengräber mit den Gebeinen unserer Familienangehörigen entdeckt. Noch immer sind unsere Tränen nicht getrocknet.“ Das Erbe des Bürgerkriegs sind 440 vernichtete, zumeist indigene Dörfer, 200.000 verschwundene und ermordete Menschen sowie mehr als eine Millionen Flüchtlinge.

Unterstützt wurde die Inititative der indigenen Frauen auch von der Wahrheitskommission der UNO unter Leitung des deutschen Völkerrechtlers Christian Tomuschat. Deren im Februar veröffentlichte Bericht wies gleichfalls auf den besonderen Rassismus der staatlichen Repression in den 80er Jahren hin und erklärte explizit, daß die Ausmaße der sexuellen Gewalt gegen die indigenen Frauen dabei gewesen seien. Die abschließenden Empfehlungen setzen sich stark für die Bildung einer Kommission und eines Gesetzes zur Verteidigung der indigenen Frauen ein.

Daß die nun eingerichtete Instanz an die staatliche Menschenrechtskommission angebunden ist, trübt den Erfolg ein wenig. Eigentlich wollten die Frauen eine unabhängige Kommission erkämpfen. Für Silvia Solorzano Foppa von der zur Partei transformierten URNG ist jedoch am wichtigsten, daß es „das erste mal in der Welt und in diesem Kontinent indigene Funktionärinnen in der Regierung geben wird.“

Allerdings werden die indigenen Frauen weiter hartnäckig bleiben müssen, um tatsächlich die Anwendung der verabschiedeten Bestimmungen zu erreichen. Fortgesetzte Straflosigkeit der für Massaker und Vertreibungen verantwortlichen Militärs sowie die zutiefst rassistische Gesellschaft prägen weiterhin die politische und soziale Situation Guatemalas. Die Langsamkeit der öffentliche Institutionen und eine korrupte Justiz haben schon mehr als eine engagierte Initiative der Basisorganisationen zur Reform des Staates im Sande verlaufen lassen.

TRINIDAD & TOBAGO

Vergewaltiger im Blickfeld

(Port of Spain, 2. August 1999, na/ips-Poonal).- Die Frauen in Trinidad und Tobago erwarten von der Verabschiedung einer Gesetzesvorlage die Verminderung der Welle sexueller Gewalt. Nach dem neuen Gesetz soll es der Presse künftig erlaubt sein, Fotografien und Namen von Vergewaltigern zu veröffentlichen, was bisher verboten ist. Der Name des Opfers soll geschützt werden. „Mit dem Gesetz soll allen potentiellen Vergewaltigern ein klares Zeichen gegeben werden,“ erklärte die Generalstaatsanwaltschaft. „Nicht nur die Schuldigen sollen in Zukunft härter betraft werden, sondern auch der Schutz der Opfer wird damit erhöht,“ hieß es in der Erklärung weiter. Die Höchststrafe für Vergewaltigung ist in Trinidad und Tobago die lebenslage Haft. Die meisten überführten Vergewaltiger erhalten zwischen sechs und 30 Jahren Gefängnis. In dem 1,3 Millionen Einwohner zählenden Staat sind in diesem Jahr bislang 140 Vergewaltigungen angezeigt worden.

KUBA

Kaufkraft steigt

(Havanna, 2. August 1999, na-Poonal).- Die darnieder liegende kubanische Wirtschaft hat im ersten Halbjahr 1999 eine positive Tendenz aufzuweisen. In den Sektoren Bildung und Gesundheitsversorgung waren Steigerungen von 6,1 Prozent zu verzeichnen. Lehrkräfte, Ärzte und Krankenpersonal erhielten Lohnerhöhungen von 30 Prozent. In den Schulen war dies sofort zu bemerken, da sich viele Lehrer*innen auf der Suche nach lukrativeren Beschäftigungen dort schon länger nicht mehr hatten blicken lassen. Auch die Anwälte, Staatsanwälte, Polizisten und Journalisten erhielten mehr Geld. Ebenso die Arbeiter*innen in der Leichtindustrie und auf dem Bau. „Fast in allen Produktivzweigen ist ein Aufschwung zu verzeichnen,“ sagte der Vizepräsident des Ministerrates, Carlos Lage.

CHILE

Gladys Marín will Präsidentin werden

(Santiago, 3. August 1999, pulsar-Poonal).- Die Kommunistin Gladys Marín ist offiziell die erste Frau, die in der chilenischen Geschichte das Präsidentenamt anstrebt. Sie schrieb sich als Kandidatin mehrerer Linkskräfte in das Wahlregister ein. Marín unterstrich dabei die Anstrengung die fortschrittlichen Kräfte des Landes angesichts der wirtschaftlichen Krisensituation für die Bevölkerung neu zu organisieren. Ziel sei es, „einen neuen demokratischen Staat zu erreichen, der die von Pinochet geerbte Verfassung umformuliert“. Die Kandidatin kann auf Unterstützung aus dem Gewerkschaftsdachverband CUT und der nationalen StudentInnenorganisation zählen. Gladys Marín hat eine lange politische Geschichte. Bereits unter der Regierung von Salvador Allende war sie Abgeordnete und nach dem Militärputsch führte sie die Kommunistische Partei Chiles als Generalsekretärin aus dem Untergrund.

BRASILIEN

Aus Alt mach Neu: Cardoso bildete Kabinett um

(Eichstetten/Rio, Juli 1999, kobra/ibase-Poonal).- Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise zu Beginn des Jahres verzeichnet nicht nur der Kurs der Landeswährung Real einen Abwärtstrend. Auch die Popularitätskurve des Präsidenten befindet sich im freien Fall: Mittlerweile beurteilen über die Hälfte der Brasilianer*innen seine Regierungsführung als negativ. Nun reagierte Cardoso und bildete sein Kabinett um: Sechs MinisterInnenposten werden um- bzw. neu besetzt und drei neue Ressorts eingerichtet. Von nun an gibt es ein Ministerium für Nationale Integration, ein Allgemeines Präsidentschafts-Sekretariat und ein Sekretariat für Urbane Politik. Alle drei Einrichtungen sollen den Status eines Ministeriums haben.

Begrüßt wurden die Änderungen und Neubesetzungen von einigen Kolleg*innen der neuen Amtsinhaber und von Seiten der Wirtschaft. Diese lobte, daß fast alle neuen Minister unternehmerische Erfahrung vorweisen könnten, was der Förderung der Wirtschaft zugute komme. Kritik an der Kabinettsumbildung kam dagegen von der ArbeiterInnenpartei PT. Der dreimalige Präsidentschaftskandidat Lula nannte die Änderungen unwesentlich. Da die „ökonomische Mannschaft“ nicht ausgetauscht werde, behalte die Regierung ihren bisherigen Kurs bei, so Lula. Auch Eduardo Suplicy, Senator der ArbeiterInnenpartei aus Sao Paulo, charakterisierte das neue Kabinett als eine Neuauflage des alten: „Es werden nur einzelne Figuren neu auf dem (Schach-)Brett angeordnet. König und Königin bleiben auf der gleichen Position.“

Frauen sind auf Arbeitsmarkt benachteiligt

(Eichstetten/Rio, Juli 1999, kobra/ibase-Poonal).- „Männer und Frauen sind bezogen auf Rechte und Pflichten gleichgestellt,“ so steht es in der brasilianischen Verfassung. Daß es damit nicht weit her ist, hat jetzt eine Studie des Brasilianischen Instituts für Geographie und Statistik – IBGE belegt. Darin wird eine eindeutige Benachteiligung der Frauen auf dem Arbeitsmarkt konstatiert, die sich hauptsächlich in zwei Aspekten niederschlägt: Zum einen erhalten Frauen bei gleicher Arbeit in der Regel geringeren Lohn als Männer, zum anderen sind sie bei der Besetzung besser bezahlter Stellen oft benachteiligt.

In Zahlen schlägt sich das folgendermaßen nieder: Der durchschnittliche Lohn für eine Arbeitsstunde beträgt für einen Mann 5,1 Real, für eine Frau lediglich 3,8 Real. Für die Entlohnung schwarzer Frauen fällt der Wert noch beschämender aus. Sie erhalten für eine Arbeitsstunde durchschnittlich 2,2 Real. Auch werden höhere Posten seltener mit Frauen besetzt. Am Beispiel der öffentlichen Verwaltung läßt sich dies verdeutlichen. Zwar verteilen sich die Stellen noch einigermaßen ausgewogen zu knapp 60 Prozent auf Männer und gut 40 Prozent auf Frauen, aber eine Betrachtung der einzelnen Besoldungsstufen zeigt wieder ein anderes Bild. In der untersten Gruppe finden sich zu 46 Prozent Frauen, in der obersten dagegen nur noch knapp 14 Prozent.

Dabei hat sich die Situation der Frauen auf dem Arbeitsmarkt zum Teil schon verbessert. Stellten sie in den 70er Jahren lediglich 27 Prozent der Erwerbstätigen, stieg ihr Anteil in den 80ern auf 35 Prozent und ist nun in den 90er Jahren bei den erwähnten 40 Prozent angekommen. Auch die Zahl von Frauen in höher qualifizierten Tätigkeitsfeldern nahm zu: So gibt es heute 15 Prozent mehr Medizinerinnen, 10 Prozent mehr Anwältinnen und 5 Prozent mehr Ingenieurinnen und Architektinnen.

LATEINAMERIKA

Einkommensschere öffnet sich weiter –

trotz geringerer Armut ungerechtere Einkommensverteilung als zuvor

(Lima, 2. August 1999, na-Poonal).- Dana und Rodrigo wurden beide vor vier Jahren in der peruanischen Hauptstadt Lima geboren, nur zwei Tage und 10 Kilometer auseinander. Doch es hat den Anschein, als würden die beiden Kinder auf zwei verschiedenen Planeten leben.

Die Eltern von Rodrigo sind Angestellte der Mittelschicht. Der Vater ist Rechtsanwalt und arbeitet Vollzeit, die Mutter ist Hausfrau und arbeitet ebenfalls Vollzeit. Dana und ihre kleine Schwester leben mit ihrer 21jährigen Mutter in einem armen Viertel im Stadtzentrum. Die 150 US-Dollar, die die Mutter in einer Textilfabrik verdient, reichen nicht, um die Kosten für Miete, Grundversorgung, Kindergarten, Lebensmittel und Schuluniformen zu decken.

Rodrigo kann in seiner Jugend davon träumen, einmal eine Ausbildung zu machen und vielleicht im Ausland zu studieren. Dana wird von Glück reden können, wenn sie nicht die Statistiken von jugendlicher Schwangerschaft füllt, wie es ihrer Mutter und Großmutter passiert ist. Dana und Rodrigo sind Teile der sich immer weiter öffnenden Einkommensschere in dieser Weltgegend.

Der Interamerikanischen Entwicklungsbank BID zufolge verfügen die reichsten zehn Prozent der Lateinamerikaner*innen über 40 Prozent des Einkommens, während sich die ärmsten 30 Prozent 7,5 Prozent teilen. Der Unterschied dürfte real noch um einiges größer sein, da die BID-Studie nur das Arbeitseinkommen berücksichtigt und nicht die Einnahmen aus Anlagen und Vermögen. Etwa 150 Millionen Lateinamerikaner, ein Drittel der Bevölkerung also, überlebt mit weniger als zwei US-Dollar am Tag.

Die UNO veröffentlichte jedoch Zahlen, nach denen die Armut in Lateinamerika im vergangenen Jahrzehnt zurückgegangen ist. Von 41 Prozent im Jahre 1990 auf 36 Prozent 1997, also nahe an den 35 Prozent, die Anfang der achtziger Jahre erreicht worden waren, vor dem sogenannten „verlorenen Jahrzehnt“. Die Zahl der armen städtischen Familien fiel danach von 35 Prozent im Jahre 1990 auf 30 Prozent 1997, auf dem Land fiel die Zahl von 58 auf 54 Prozent. Die extreme Armut fiel in der Stadt von 18 auf 15 Prozent, auf dem Land von zwölf auf zehn Prozent.

Einem Bericht der Wirtschaftskommission für Lateinamerika (CEPAL) zufolge, hat sich die Einkommenschere aber in sieben von zwölf untersuchten Ländern geöffnet. Die BID gab an, wenn die Einkommensverteilung in Lateinamerika dem weltweiten Durchschnitt entspräche, wäre die Armut in der Region nur halb so groß. „Aus den vorgelegten Zahlen ist wieder einmal klar abzulesen, wie gering eine Gleichverteilung des Einkommens in der Region geschätzt wird. Vor allem, wenn man die wirtschaftliche Wiederbelebung in einem Großteil der Staaten bedenkt,“ heißt es bei CEPAL. „Außer in zwei Ländern, Nicaragua und Venezuela, ist das Bruttosozialprodukt pro Kopf überall gestiegen. Deshalb sind auch die Armutszahlen zurückgegangen sind, doch die Ungleichverteilung des Einkommens ist ständig größer geworden.“

In Argentinien, Brasilien, Costa Rica, Ecuador, Panama, Paraguay und Venezuela ist nach CEPAL-Angaben die Ungleichverteilung des Einkommens zwischen 1990 und 1997 angestiegen. In Chile änderte sich nichts, während Bolivien, Honduras, Mexiko und Uruguay eine Verringerung der Einkommensunterschiede aufzuweisen haben. Uruguay hat danach die ausgeglichenste Einkommensverteilung in Lateinamerika vorzuweisen, was im Wesentlichen auf den Zugang sämtlicher Bevölkerungskreise auf öffentliche Fonds und Renten zurückzuführen ist. Die ärmsten 40 Prozent der Bevölkerung erhalten nach UNO-Angaben hier 22 Prozent des Einkommens und die reichsten zehn Prozent 44,3 Prozent. Im benachbarten Brasilien teilen sich die ärmsten 40 Prozent nur 10,5 Prozent des Einkommens.

Ein entscheidender Faktor bei der Ungleichverteilung ist CEPAL zufolge der große Unterschied der Einkommen zwischen Arbeitgeber und durchschnittlichem Arbeiter. In Chile, Mexiko und Nicaragua verdienen Arbeitgeber durschnittlich vier Mal mehr als ein gewöhnlicher Arbeiter. In Argentinien, Brasilien, Honduras, der Dominikanischen Republik und Honduras liegt das Verhältnis bei drei zu eins.

Die CEPAL-Studie kommt außerdem zu dem Ergebnis, daß die Einkommen der Angestellten im öffentlichen Dienst in den letzten Jahren ständig geringer geworden sind, während technische Berufe einen Anstieg zu verzeichnen hatten. Die BID führt die ungerechte Einkommensverteilung auf eine unzureichende Ausbildung zurück. Danach haben Arbeiter in mehr als der Hälfte der lateinamerikanischen Länder keine formale Berufsausbildung erhalten. In Ecuador, Costa Rica, Mexiko, Brasilien, Paraguay, Honduras und El Salvador hat mehr als die Hälfte der Bevölkerung nur die Grundschule absolviert. Die Bank ruft daher zu einer verbesserten Bildung auf, vor allem für Frauen. Es müßte auch der Zugang zur Wasser- und Stromversorgung und die Einrichtung von Kindergärten vorangetrieben werden.

Auch die geographische Lage beinflußt die Einkommenverteilung. In den Städten liegen die Löhne zwischen 13 und 44 Prozent über den auf dem Land gezahlten. Die größten Länder, Mexiko und Brasilien, haben hier die größten Unterschiede aufzuweisen. „Wir finden in den tropischen Gegenden größere Unterschiede beim Einkommen und beim Landbesitz,“ erläutert der führende Wirtschaftwissenschaftler der BID, Ricardo Hausmann. „Die Länder, die tropische Produkte exportieren, pflegen diejenigen zu sein, in denen die Unterschiede am größten sind,“ erläutert er. „Die typische tropische Landwirtschaft ist die Plantagenwirtschaft, die wegen ihrer Größe rentabel ist, und dies führt zu riesigen Ländereien und zur Einkommenskonzentration.“

Die ungerechte Verteilung des Einkommens in Lateinamerika hat Folgen, die weit über die eigentliche wirtschaftliche Lage der Familien hinausgeht. Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, daß die Bevölkerung in Ländern mit hoch ungleicher Einkommensverteilung autoritäre Regierungsformen eher akzeptiert. In Uruguay und Costa Rica, wo die Eonkommen gleicher verteilt sind, zeigen sich am ehesten Tendenzen zu Demokratie. In Brasilien, Guatemala, Paraguay und Ecuador, wo sich der Reichtum auf einige Wenige konzentriert, gibt es eine größere Akzeptanz von autoritären Regimes.

KINDER IN LATEINAMERIKA, Teil V

„Vor dem Lernen, essen“

Mehr als eine Million Mädchen und Jungen in Mittelamerika arbeiten

Von Paul Jeffrey

(Tegucigalpa, 28. Juni 1999, na-Poonal).- Antonio Pavon steht um vier Uhr morgens auf, weil er den den Bus waschen muß, bevor dieser seine Tour durch Tegucigalpa, die Hauptstadt Honduras, aufnimmt. Den Tag über ruft der dreizehnjährige Junge die Passagiere herbei und kassiert das Fahrgeld von ihnen. Erst am Abend kehrt er heim. „Sie haben mich genommen, weil ich klein bin und wenig Platz wegnehme. So passen mehr Leute in den Bus,“ erzählt er.

Etwa 300.000 Minderjährige arbeiten in Honduras, und mindestens eine Million in Costa Rica, El Salvador, Guatemala und Nicaragua. Trotz der Größe des Problems versichern die Kinderrechtsverteidiger, es gebe Fortschritte auf dem Gebiet. Noch vor zwei Jahren hat doch kaum jemand von der Kinderarbeit als einem Problem gesprochen, sondern sie wurde immer nur als Lösungsversuch einer bestimmten ökonomischen Situaation betrachtet,“ sagt die Verantwortliche des Programms zur Aufhebung der Kinderarbeit in Mittelamerika und der Karibik (PIETI) der Internationalen Arbeitsorganisation ILO, Carmen Moreno. „Niemand hat sich die Mühe gemacht, eine wirkliche Veränderung zu wollen.“ PIETI arbeitet mit den regionalen Regierungen zusammen, um Strategien und Pläne gegen die Kinderarbeit zu entwicklen. In Honduras und den umliegenden Ländern arbeitet PIETI mit dem Programm zur graduellen und progressiven Abschaffung der Kinderarbeit zusammen, das von einem Komitee geleitet wird, das Vertreter von Regierungen, Privatfirmen und Nicht-Regierungs- Organisationen umfaßt, welche sich mit der Situation der Kinder befassen.

Der 16jährige Nelson Delgado ist Vorsitzender der Bewegung arbeitender Jungen und Mädchen und Mitglied des Komitees. Seitdem die Gruppe im vergangenen September angefangen habe, zu arbeiten, sagt er, seien Forscher beauftragt worden, das Thema zu untersuchen. „Mit den Empfehlungen dieser Untersuchungen werden wir Lösungen suchen,“ erläutert Delgado. „Wir von der Bewegung wollen dabei sein, um dem Komitee zu sagen, was in der Wirklichkeit passiert und so auf die Entscheidungen Einfluß nehmen.“

Seinen Worten nach gibt es in dem Komitee ziemlich unterschiedliche Meinungen: „Die Regierung sagt, sie will die Kinderarbeit abschaffen und sie durch mehr Erziehung ersetzen, doch was passiert mit den Kindern, die wegen ihres Überlebens arbeiten?“, fragt Delgado. „Wenn die Regierung das Problem der Armut nicht löst, wird sie auch das Problem der Kinderarbeit nicht lösen können.“ Delgado erzählt, die Regierung bestehe darauf, mehr Schulen zu bauen und die Kinder zur Anwesenheit dort zu zwingen. „Das kann nicht funktionieren, denn bevor sie lernen, müssen sie doch etwas essen,“ erklärt er. „Wenn sie nicht essen, lernen sie auch nicht.“

Vor dem Wirbelsturm Mitch, der Mittelamerika Ende Oktober 1998 heimsuchte, gingen 86,5 Prozent der honduranischen Kinder in die Grundschule. Das Unwetter zerstörte jedoch 2.465 Schulen und überschwemmte das Erziehungsministerium mit Schlamm. Etwa 100.000 Kinder blieben ohne Schule. Aber selbst wenn die Regierung schnell Schulen bauen könnte, so gibt es schwerwiegendere Probleme. Eine 1996 angefertigte Untersuchung über eigenmächtiges Verlassen der Schulen von Kindern im Alter zwischen sieben und dreizehn Jahren kam zu folgendem Ergebnis: Nur 1,7 Prozent hatten keine Schule, auf die sie gehen könnten, 37,6 Prozent hatte keine Lehrmittel, wie Hefte oder Stifte oder keine Uniform, 9,1 Prozent sagte, sie müßten arbeiten und 30,7 Prozent sagte einfach, ihnen gefiele die Schule nicht. „Viel in unserem Erziehungssystem ist veraltet,“ meint Delgado. „Wenn die Regierung die Stundenpläne und die Lehrer nicht flexibler werden läßt, dann reicht es nicht, nur mehr Schulen zu bauen.“

Das Leitungskomitee versucht auch, einen neuen Kinderkodex und eine neue Gesetzgebung zur Kinderarbeit zu etablieren. Honduras hat 1996 einen neuen Kinderkodex angenommen, und auch in Nicaragua und Costa Rica sind ähnliche Gesetzeswerke verabschiedet worden. Der guatemaltekische Kongreß hat 1996 einen Kinderkodex beschlossen, doch die Konservativen blockieren sein Inkrafttreten. Die Kodexe richten eine Reihe von in formellen Arbeitsverhältnissen leicht umzusetzenden Garantien ein und die Regierungen der Region haben alles daran gesetzt, die gefährlichsten Arbeitsplätze in Zukunft zu verbieten. So sind zum Beispiel die Kinder aus den pyrotechnischen Betrieben Guatemalas verschwunden und in Nicaragua holten die Behörden die Kinder aus der Batterieherstellung heraus.

Die Polizei in Costa Rica nimmt unter fünfzehnjährige Kinder fest, die auf dem Markt Gemüse verkaufen. In Honduras haben die Behörden, von US-Aktivisten unterstützt, garantieren können, daß das Mindestalter in den Maquiladorabetrieben eingehalten wird. Allerdings ist auch das Phänomen zu verzeichnen, daß die jungen Menschen, die das Mindestalter nicht erreichen, nun in noch ausbeuterischeren Arbeitsverhältnissen stehen. Im ständig anwachsenden informellen Sektor ist es für Nicht- Regierungsorganisationen wie für die Polizei noch schwieriger, die Einhaltung der gestezlichen Bestimmungen zu kontrollieren. Viele Unternehmen dort sind Familienunternehmen und ein Großteil der Arbeit ist „unsichtbar“, erläutert Moreno. Vor allem die Hausarbeit, wenn zum Beispiel die Mädchen zu Hause bleiben, um die jüngeren Geschwister zu hüten, während die Mutter außer Haus arbeiten geht.

Die Aktivisten weisen außerdem auf die Entwicklung neuer Formen von Mißbrauch hin, so zum Beispiel die Kinderarbeit beim Melonenanbau im Süden von Honduras. Auch der ständig anwachsende Sextourismus ist ein Gewerbe, das die Kinder der Region immer mehr angreift. Vier US-Bürger wurden im April im nordhonduranischen San Pedro Sula wegen des Verdachts auf Kinderprostitution festgenommen. Alles lief wie geschmiert: Zwei der Männer betrieben während Monaten einen Nachtclub, die örtlichen Behörden unternahmen nichts. Die Polizei griff erst ein, nachdem Kinderrechtsaktivisten die Staatsanwaltschaft unter Druck setzten.

CC BY-SA 4.0 Poonal Nr. 394 von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.


Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.