Poonal Nr. 389


Deutsche Ausgabe des wöchentlichen Pressedienstes lateinamerikanischer Agenturen Nr. 389 vom 25. Juni 1999

Inhalt


BRASILIEN

CHILE

SPANIEN/CHILE

ARGENTINIEN

ARGENTINIEN/URUGUAY

URUGUAY

PARAGUAY

PERU

KOLUMBIEN

NICARAGUA

GUATEMALA

PUERTO RICO

KUBA

HAITI/KUBA

JAMAIKA

KARIBIK


BRASILIEN

Agrar-Subventionen gefährden Gipfeltreffen EU-Lateinamerika in Rio

Von Andres Canizalez

(Rio de Janeiro, 17. Juni 1999, npl).- Der Streit um Agrarsubventionen droht das Gipfeltreffen der Staatschefs aus Europa und Lateinamerika schon im Vorfeld zum Scheitern zu bringen. Just Frankreich, auf dessen Initiative das Treffen am 28. und 29. Juni in Rio de Janeiro zurückgeht, gefährdet mit seiner unnachgiebigenHaltung den Erfolg dieser ersten interkontinentalen Zusammenkunft auf höchster Ebene.

Fast 50 Präsidenten und Regierungschefs aus Europa, Lateinamerika und der Karibik hatten ihre Teilnahme an dem „Megagipfel“ zugesagt. Als einziger Mandatsträger hat bislang der britische Premier Tony Blair seine Teilnahme abgesagt, zu Beginn dieser Woche kamen jedoch Gerüchte auf, daß auch Frankreichs Präsident Jaques Chirac das Handtuch werfen wolle. Aus lateinamerikanischen Regierungskreisen verlautete zudem, einige Präsidenten wollten an dem Treffen nur teilnehmen, wenn die europäische Präsenz nicht weiter abbröckele.

Die Vorbereitungen des Gipfeltreffens sind abgeschlossen, nur ein gemeinsames Dokument, auf dessen Grundlage die geplanten Verhandlungen über eine Freihandelszone zwischen der EU und dem Mercosur aufgenommen werden können, fehlt bislang. Der Mercosur vereinigt neben den starken Ökonomien Brasilien und Argentinien noch Paraguay und Uruguay sowie Chile als assoziiertes Mitglied in einem gemeinsamen Markt im Süden des Kontinents. Ohne substantielle Vereinbarungen in Sachen Freihandel, da sind sich die Beobachter einig, werde von dem Gipfel nichts als ein Familienfoto übrig bleiben.

Schon auf dem ersten Unternehmerforum EU-Mercosur im Februar, aus dem der Rio-Gipfel hervorging, kritisierte Brasiliens Präsident Fernando Henrique Cardoso heftig die europäischen Subventionen für die Landwirtschaft. Auch die protektionistischen Handelsbarrieren Europas seien nicht hinnehmbar, während von den Entwicklungsländern immer gefordert werde, ihre Ökonomien zu öffnen. „Klar und eindeutig kritisiere ich solche Formen des Protektionismus. Sie beeinträchtigen die Wettbewerbsbedingungen auf dem Weltmarkt und benachteiligen Staaten wie Brasilien,“ betonte Cardoso erneut. Der Präsident des größten lateinamerikanischen Landes wies jedoch darauf hin, daß innerhalb der EU „unterschiedliche Positionen“ existieren. Er habe Deutschland, Großbritannien und Portugal gebeten, ihrerseits Einfluß auf Frankreich zu nehmen.

Der Gesandte des deutschen Wirtschaftsministeriums in Rio de Janeiro, Wolfgang Hantkle, bestätigte gegenüber der Presse, daß sich Deutschland um das Mandat für diese Verhandlungen bemühe. Soweit bislang bekannt ist, befürwortet die große Mehrheit der EU-Ländern baldige Verhandlungen über die Freihandelszone EU-Mercosur. Doch den Ländern Südamerikas ist dies nicht genug: Alle Themen, auch die Landwirtschaft, müßten in die Gespräche einbezogen werden. Gegen das „Thema Agrar“ hat jedoch Paris aufgrund internen Drucks sein Veto eingelegt.

Auch der frühere Handelsminister Argentiniens, Roberto Lavagna, betonte, daß die Agrarfrage Priorität habe. Sollten hierbei keine Ergebnisse erzielt werden, so Lavagna, sollte die Welthandelsorganisation WHO einbezogen werden. Das deutsche Interesse am Freihandel EU- Mercosur gründet sich auf der Befürchtung, mit Argentinien und Brasilien, das zu den weltweit zehn größten Ökonomien gehört, könne sich das Beispiel Mexikos wiederholen. Die Einbindung des mittelamerikanischen Landes in die Nordamerikanische Freihandelszone NAFTA 1994 führte dazu, daß die europäischen Exporte nach Mexiko um jährlich rund vier Milliarden US-Dollar zurückgegangen sind.

Derzeit verhandelt der Mercosur zweigleisig: Einerseits mit der EU, andererseits über die Einrichtung einer gesamtamerikanischen Freihandelszone ALCA, die US-Präsident Clinton bereits 1994 anregt hat und im Jahr 2005 vollzogen werden soll. Noch ist die EU nach den USA der zweitgrößte Handelspartner des lateinamerikanischen Subkontinents.

Das Europäisch-Lateinamerikanische Institut IRELA mit Sitz in Madrid errechnete, daß das Handelsvolumen zwischen den beiden Regionen im Lauf der 90er Jahre um 80 Prozent anstieg. Im gleichen Zeitraum nahm jedoch der inneramerikanische Handel sogar um 220 Prozent zu. Und gingen 1990 noch 20,9 Prozent aller EU-Exporte nach Lateinamerika, so sank dieser Anteil auf 15 Prozent im vergangenen Jahr.

Will Europa auf dem südamerikanischen Markt nicht weiter an Boden verlieren, darf der Rio- Gipfel nicht scheitern. Der brasilianische Industrie- und Handelsminister, Celso Lafer, brachte die lateinamerikanische Position auf den Punkt: „Sollte die EU ihre Handelsschranken im Agrarbereich beibehalten, bleibt dem Mercosur als einzige Option, die Verhandlungen über den ALCA zu intensivieren.“

Freie Bahn für genetisch verändertes Soja

(Rio de Janeiro, 18. Juni 1999, comcosur-Poonal).- Das brasilianische Landwirtschaftsministerium hat seine Erlaubnis für die Aussaat gentechnisch veränderter Samen der Sojabohne gegeben. Der umstrittenen Entscheidung war eine lange Diskussion vorausgegangen (vgl. Poonal 382). Brasilien gehört zu den drei größten Sojaxportländern der Welt und hat als einziges bisher kein genmanipuliertes Soja produziert. Innerhalb des Regierungskabinetts selbst gibt es nicht nur Zustimmung für den Beschluß den Agrarministeriums. So erinnern Stimmen aus dem Umweltministerium daran, daß es keine Studie über möglichee Umweltschädigungen durch die veränderten Sojapflanzen gibt.

Auch die Regierung des Bundesstaates Rio Grande del Sur, wo sehr viel Soja angebaut wird, will alle möglichen legalen Mittel ausschöpfen, um die neuen Pflanzungen zu verhindern. Ein Argument der Opposition gegen das gentechnisch veränderte Saatgut ist die Tatsache, daß die Behörden nach eigenem Eingeständnis nicht in der Lage waren, die schon bestehenden 650 Versuchsfelder auch nur ansatzweise zu kontrollieren und zu inspizieren.

Zu den transnationalen Konzernen, die starken politischen und wirtschaftlichen Druck ausübten, um den genmanipulierten Soja-Anbau durchzusetzen, gehört das US-Unternehmen Monsanto. Dessen Soja ist resistent gegen das gleichfalls vom Unternehmen produzierte Pflanzengiftmittel „Round up“. Die Kombination von verändertem Sojasaatgut und Round up erlaubt um 25 Prozent höhere Ernteerträge als derzeitige internationale Standardsorten. Für die brasilianische Landwirtschaft besteht nach Einschätzung der Kritiker die Gefahr der Abhängigkeit von Monsanto.

Polizeichef nur drei Tage im Amt

(Brasilia, 23. Juni 1999, alc-Poonal).- Drei Tage nach seiner Ernennung zum Chef der brasilianischen Bundespolizei reichte Joao Batista Campelo seinen Rücktritt ein. Entscheidend war der öffentliche Druck angesichts der Vorwürfe, Campelo sei im Jahr 1970 während der Militärdiktatur an Folterungen beteiligt gewesen (vgl. Poonal 388). Die Aussagen des ehemaligen Priesters und Soziologieprofessors Jose Antonio Monteiro waren von dem französischen Bischof von Viana, Xavier Giles de Maupeou Dí Ableiges, bestätigt worden. Der Bischof befand sich 1970 im selben Gefängnis wie Monteiro.

CHILE

Waffenhandel mit Europa wichtiger als politische Erwägungen wegen Pinochet?

Von Pascale Bonnefoy

(Santiago, 14. Juni 1999, na-Poonal).- Nach der Entscheidung des britischen Innenministers Jack Straw vom 15. April, den Weg für die Auslieferung von Ex-Diktator Augusto Pinochet nach Spanien offen zu lassen, rief die chilenische Rechte zu drastischeren Maßnahmen gegen England und Spanien auf. Verlangt werden der Abbruch der diplomatischen Beziehungen, der Rückruf von Militärattaches, die Suspendierung von Waffenkäufen sowie ein Ende der Handelsabkommen. Doch die chilenische Regierung stellt sich taub.

„Sie sind mit den absurden Maßnahmen, die sie vorschlagen und die alle Chilenen und auch die Streitkräfte schädigen, gegen die Wand gelaufen. Die Militärs selbst sind nicht bereit, das durchzuziehen. Sie wissen, daß die Zusammenarbeit mit beiden Ländern sehr wichtig ist. Die Probleme zu vermischen, führt zu nichts“, meint der christdemokratische Abgeordnete Jorge Pizarro, Mitglied der Verteidigungskommission im Senat.

Ein deutliches Beispiel ist die beabsichtige Vermarktung des Raketenwerfers Rayo (Blitz) in Chile und im Ausland. Der Raketenwerfer im Wert von mehr als zwei Millionen US-Dollar ist gemeinsam von 15 chilenischen Ingenieuren vom Streitkräfteunternehmen FAMAAA und englischen Experten der britischen Firma Royal Ordenance produziert worden. Ein zweites gemeinsames Projekt mit England ist die Modernisierung der chilenischen Artillerie. „Aufgrund des Falles Pinochet kann das Land keines der beiden Projekte annullieren. Wenn es das macht, kann das sogar den Bankrott von FAMAAA zur Folge haben“, so ein Waffenexperte.

Ein hochrangiges Komitee, zusammengesetzt aus Delegierten der Chefkommandanten der verschiedenen Waffengattungen und weiteren hohen Militärs, das sich seit Dezember traf, um einen Vorschlag über die militärischen Beziehungen mit England und Spanien auszuarbeiten und dem Staatschef zu unterbreiten, hat sich scheinbar in Luft aufgelöst. Veränderungen gab es allerdings. Aus Protest verkündete die Marine im Januar den Rückzug ihres Missionschefes in London. Ebenso unterließ sie den Kauf der 277,5 Millionen teuren Fregatte HMS London, die für die U-Bootbekämpfung ausgerüstet ist. Die Verhandlungen für den Kauf hatten kurz vor dem Abschluß gestanden. Ebenso wurden die Kontakte wegen der Übernahme der Fregatten Brave und Coventry sowie des Zerstörers Cardiff – die Schiffe wurden im Falkland-Krieg eingesetzt – zum Einheitspreis von 83,2 Millionen Dollar auf unbestimmte Zeit abgebrochen.

Der Kauf von zwei U-Booten Typ Scorpene beim französisch-spanischen Konsortium DCN- Bazan, für den im vergangenen September der Vertrag unterzeichnet wurde, bereitet der Marine Kopfschmerzen. Die Modifizierung oder Annullierung des von Präsident Eduardo Frei unterschriebenen Geschäftes würde den Fiskus mindestens 40 Millionen Dollar kosten. Ein Rückzieher wird daher praktisch ausgeschlossen. Die Marine hat jedoch Angst wegen der möglichen Verhaftung ihrer Offiziere, wenn sie nach Spanien reisen, um die erste Phase des Baus der U-Boote zu überwachen oder später, wenn die Ausbildungetappe beginnt.

Zu einem kleineren Protest kam es am 6. April. Die Marine weigerte sich, dem unter englischer Flagge fahrenden Schiff „Pionier“, das Punta Arenas im extremen Süden Chiles angelaufen hatte, Hilfe bei Ausbesserungsarbeiten zu leisten. Ein Marinesprecher erklärte, seine Institution habe versucht, „übereinstimmend mit der Regierungspolitik zu handeln, wie sie vom Präsidenten der Republik selbst aufgrund des Falles Pinochet verfügt wurde und sie sah es als angebracht an, den Hilfsdienst für ein Schiff zu verweigern, das von den Malvinen (Falkland- Inseln) kam. So wie die Regierungsbehörden beispielsweise von einer Fluglinie forderten, das Transportangebot auf die Malvinen zu beenden“.

Tatsächlich verbietet ein Regierungsdekret seit dem 10. April dieses Jahres Flüge jeglicher Art zu den Malvinen. Damit bleibt die einzige Versorgungs- und Personentransportroute in Lateinamerika zu und von den Malvinen geschlossen. Die Regierungsentscheidung stellt den Handel im Volumen von jährlich 6 Millionen Dollar zwischen den Malvinen und der chilenischen Südspitze ins Abseits. Außerdem verweigert sie den 400 chilenische Bewohner der Insel damit die Möglichkeit, nach Chile zu reisen.

Die USA reagierten schnell, um einige Handelsvakuen zu füllen. Im Bezug auf die Verhaftung Pinochets eine zurückhaltende Position einnehmend, versuchen sie, die Sympathien der chilenischen Militärs zu gewinnen. Diese sind immer noch mißtrauisch und nachtragend, weil die USA in den 70er Jahren ein Waffenembargo wegen der Menschenrechtsverletzungen des Pinochet-Regimes verhängten. Inoffiziell verlautete, die USA hätten Chile Fregatten und Zerstörer für 80 Millionen Dollar pro Einheit angeboten.

Im vergangenen Jahr wollte die chilenische Regierung 600 Millionen Dollar für den Kauf von 14 bis 16 Jagdbombern ausgeben. Angebote gab es von einem schwedischen, einem französischen und zwei us-amerikanischen Unternehmen. Quellen der Luftwaffe zufolge hat die technische Auswertung der vier Angebote – die als Grundlage für die Regierungsentscheidung dienen soll – eine Empfehlung für den Kauf der amerikanischen F-16 ergeben. In einem Interview gegenüber Radio Cooperativa am 23. Dezember 1998 versicherte Luftwaffenkommandant General Fernando Rojas, er würde die Haltung der europäischen Länder angesichts der Verhaftung Pinochets beim Thema der Flugzeugkäufe beachten. Die Verhaftung des Ex-Diktators bietet jetzt der Regierung einen Vorwand, die US-Flugzeuge zu kaufen. Und die Luftwaffe kann sich die Hände in Unschuld waschen bei einer Option, die technisch genehm, aber politisch unbequem ist.

Trotz allem hat die Situation Pinochets in Europa nicht die jüngste spanische Unternehmeroffensive in der chilenischen Wirtschaft verhindert. Einige Kritiker sprechen von der „zweiten spanischen Kolonialisierung“. Endesa Espana ist dabei, die Kontrolle über Endesa Chile zu übernehmen, dem größten Stromerzeuger des Landes, der seinerseits die wichtigsten Unternehmen kontrolliert, die die Energie transportieren und verteilen. Im April erwarb die spanische Gruppe Santander – die bereits die Banco Santander in Chile besitzt – die Kontrolle über Banco Santiago. Damit beherrschen die Spanier nun 30 Prozent des chilenischen Bankenmarktes. In Spaniens Händen liegt also nicht nur die Zukunft von Pinochet, sondern auch drei Schlüsselbereiche der chilenischen Wirtschaft: das Bankwesen, die Stromerzeugung und -Verteilung sowie der Sektor der Telekommunikation. Denn die Compania de Telefonos de Chile (CTC) ist inzwischen Eigentum der Telefonica de Espana.

Protestmarsch der Mapuches erreicht die Hauptstadt

(Santiago, 21. Juni 1999, pulsar-Poonal).- Eine Abordnung von 200 Mapuches erreichte am Sonntag nach einem Fußmarsch von 700 Kilometern die Hauptstadt Santiago de Chile. Ziel der Aktion ist es, die Regierungsbehörden auf die Situation der indigenen Bevölkerung Chiles aufmerksam zu machen und Verbündete zu suchen. Während ihres Marsches solidarisierten sich zahlreiche Organisationen und politische Persönlichkeiten mit den Mapuches. Am Montag traf sich die Abordnung, die sich längere Zeit in Santiago aufhalten wird, mit Parlamentariern. Aucan Huilcaman, der Sprecher der Indigenas, erklärte, zu den wichtigsten Forderungen gehörten eine in der Verfassung verankerte Anerkennung der „ursprünglichen Völker“ des Landes, ein autonomes Parlament der Mapuches sowie die Ratifizierung der Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation.

Verleger verhaftet: Dunkle Geschichte um Schwarzbuch geht weiter

(Santiago, 16. Juni 1999, recosur/pulsar-Poonal).- Am 16. Juni wurden der Geschäftsführer und der Herausgeber des Verlages Planeta verhaftet und nach zahlreichen Protesten gegen Kaution wieder frei gelassen. Ihr Vergehen: die Publikation des „Schwarzbuches der chilenischen Justiz“ von der Journalistin Alejandra Matus, hätte den Obersten Gerichtshof des Landes verunglimpft. Das Buch war im April dieses Jahres auf Gerichtsbeschluß sofort nach seinem Erscheinen in den Buchhandlungen beschlagnahmt worden (vgl. Poonal 380). Unter anderem wird darin beschrieben, wie der frühere obere Richter Servando Jordan „betrunken und die Hosen voll mit Urin“ zu den Sitzungen erschien. Aufgrund des aus der Diktatur unter Pinochet stammenden Gesetzes zur Staatssicherheit kann diese Passage als Beleidigung eines Staatsrepräsentanten aufgefaßt werden. Eine willkommene Norm, da in dem Buch zahlreiche Willkürakte und die gängige Korruption der Justiz beschrieben werden. Die Autorin Matus selbst befindet sich seit einiger Zeit in Miami faktisch im Exil, da sie bei einem Aufenthalt in Chile ebenfalls mit ihrer Verhaftung zu rechnen hätte.

SPANIEN/CHILE

Garzon bleibt standhaft

(Madrid, 20. Juni 1999, pulsar-Poonal).- Der spanische Richter Baltasar Garzon hat eine Erweiterung der Klage gegen Chiles Ex-Diktator Augusto Pinochet zugelassen. Damit können 36 neue Fälle von Folter, Völkermord und Terrorismus untersucht werden. Garzon kritisierte den spanischen Generalbundesanwalt scharf, weil dieser sich den Positionen der Pinochet- Verteidigung in London anschließe, die fordert, über die mögliche Auslieferung von Pinochet nach Spanien nur auf diplomatischen Weg zu diskutieren.

ARGENTINIEN

Ärger und Genugtuung über Absage von Gerhard Schröder beim SI-Treffen

Von Marcos Salgado

(Buenos Aires, 24. Juni 1999, npl).- Am Freitag (25.6.) kommen in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires die Spitzenpolitiker der Sozialistischen Internationalen zusammen. An dem Treffen des Leitungsgremiums werden mehr als 300 Delegierte aus 139 sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien weltweit teilnehmen. Doch die Anzahl der europäischen Regierungschefs schrumpft: Buchstäblich in letzter Minute sagte Anfang dieser Woche auch Bundeskanzler Gerhard Schröder seinen Besuch am Rio de la Plata ab.

Für die argentinischen Gastgeber, allen voran den sozialdemokratischen Bürgermeister von Buenos Aires, Fernando De la Rua, hat das SI-Treffen auch innenpolitische Bedeutung. Im Oktober wählt das südamerikanische Land einen neuen Präsidenten und De la Rua, der für die Oppositionsallianz antritt, liegt in Umfragen derzeit vor Amtsinhaber Carlos Menem. Beide Politiker spekulieren auf pressewirksame Treffen mit den internationalen Gästen, insbesondere den Vertretern europäischer SI-Parteien, die 13 von 15 EU-Staaten regieren. Beide trafen sich bereits im Vorfeld mit Italiens Regierungschef Massimo D'Alema, der französische Ex-Premier und amtierende SI-Präsident, Pierre Mauroy, hat auch schon Abendessen mit den zwei Kontrahenten hinter sich. Weitere umworbene Gäste sind die Premiers aus Schweden und Griechenland sowie der spanische Ex-Präsident Felipe Gonzales.

Über die Absage des deutschen Kanzlers Schröder ärgern sich die Sozialdemokraten, Präsident Menem hingegen kann erleichtert sein. Schröder hatte zuvor erklärt, er werde der argentinischen Regierung gegenüber seine „volle Unterstützung“ für das Anliegen der Angehörigen von deutschstämmigen Verschwundenen während der Militärdiktatur zum Ausdruck bringen. Dieses brisante Thema hatte bereits im Februar Bundespräsident Roman Herzog angesprochen, was nicht zuletzt dazu führte, daß die Deutsche Botschaft in Buenos Aires ihre Archive über die damalige Zeit öffnete.

Die Ermittlungen gegen frühere Diktaturschergen, die unter anderem ein Gericht in Nürnberg beschäftigen, sind Präsident Menem ein Dorn im Auge, zumal dieser stets wiederholt, daß dieser Teil der argentinischen Geschichte durch die Amnestiegesetze der 80er Jahre abgeschlossen worden sei. Bereits eingetroffen ist jedenfalls der schwedische Premierminister Goran Persson, der weitere Nachforschungen im Fall der Schwedin Dagmar Hagelin, die 1977 in Argentinien verschwand, einfordern wird.

Steht heute noch der Sozialdemokrat Fernando De la Rua im Rampenlicht, so ist kommende Woche der konservative Menem am Zug: Im brasilianischen Rio de Janeiro versammeln sich die Staatschef Lateinamerikas mit ihren Amtskollegen aus der Europäischen Union, um den Ausbau der Handelsbeziehungen zu beraten. Auch wenn der Streit um die EU-Agrarsubventionen das Gipfeltreffen überschattet – Fototermine wird es viele geben.

ARGENTINIEN/URUGUAY

Übergriffe und Propaganda von Neonazis mehren sich

(Buenos Aires, 18. Juni 1999, comcosur-Poonal).- Die Lektüre von „El libro de Manuel“ (Das Buch von Manuel) des Schriftstellers Julio Cortazar wurde einem Jugendlichen in der Metro von Buenos Aires fast zum Verhängnis. Zehn kahlgeschorene junge Leute stiegen in das ansonsten leere Abteil ein und kritisierten ihn wegen seines Lesestoffes. Sie rissen ihm das Buch aus der Hand, kickten es über den Boden und schlugen danach auf den wehrlosen Jugendlichen ein, den sie als Kommunisten beschimpften und mit dem Tod bedrohten. So wie Cortazar an Krebs gestorben sei, würden sie sein Krebs sein und ihn zerstören. Dem Jugendlichen gelang es, an der nächsten Metrostation aus dem Abteil zu flüchten. Die argentinische Presse nahm den Fall erneut zum Anlaß, vor dem Aufleben neonazistischer Gruppen im Land zu warnen, die ihre Aktionen inzwischen mit Gleichgesinnten in Brasilien und Uruguay koordinieren. In der uruguayischen Stadt Paso de los Toros beispielsweise hängten in den vergangenen Tagen Mitglieder der Gruppe „Orgullo Skinhead“ (Skinheadstolz) ein Transparent an einem strategischen Punkt der Stadt auf, das stundenlang von niemandem entfernt wurde. Vorfälle dieser Art mehren sich in Paso de los Toros.

URUGUAY

US-Botschaft mit weisen Ratschlägen

(Montevideo, 18. Juni 1999, comcosur-Poonal).- Die US-Botschaft hat in einer Mitteilung an die uruguayische Presse den Gebrauch von gentechnisch veränderten Lebensmitteln empfohlen. Nahrungsmittel, die aus natürlichen und chemischen Kompenenten entstanden seien, begünstigten den Fortschritt. Der kulinarische Ratschlag kommt nicht von ungefähr. Mehrere einheimische Organisationen führen derzeit eine Kampagne unter dem Motto „Für ein natürliches Uruguay frei von Transgenen“ durch. Damit soll eine landesweite Debatte über das Thema angeregt werden. Raquel Nunez vom Dritte Welt Institut und Mitbegründerin der Kampagne glaubt, daß die manipulierten Lebensmittel Armut und Ungleichheit vertiefen. Es sei ein Risiko, die Lebensmittelsicherheit in die Hände multinationaler Gesellschaften zu legen. Es würden die „Grundsubstanzen des Lebens“ bearbeitet, ohne an die langfristigen Konsequenzen zu denken. Die US-Botschaft denkt eindeutig kurzfristig und pragmatisch. Denn der Marktführer bei genmanipulierten Lebensmitteln ist der Konzern Monsanto mit dem Stammsitz in den USA.

PARAGUAY

Mercosur-Treffen

(Asuncion, 16. Juni 1999, recosur-Poonal).- In einer umfassenden Erklärung mit 26 zentralen Punkten bezeichnen die Präsidenten von Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay den Gemeinsamen Markt des Südens (Mercosur) als „fundamental für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Mitgliedsstaaten“. Das Wirtschaftsbündnis sei „eine erfolgreiche Antwort auf die Globalisierung und ein angemessenes Instrument für die Herausforderungen der Zukunft“. Auf dem Gipfeltreffen der Mercosur-Staatschefs, zu dem als zukünftige Mitglieder auch Chile und Bolivien kamen, vereinbarten die Delegationen eine Arbeitsgruppe, um makro-ökonomische Strategien zu koordinieren. Von der Wirtschafts- und Währungskrise Brasiliens zu Anfang des Jahres waren die anderen Staaten des Mercosur ziemlich unvorbereitet getroffen worden.

Hinter verschlossenen Türen waren das im Vorfeld stark kritisierte brasilianische Verhalten und seine Auswirkungen auf die Nachbarstaaten das zentrale Thema. In dem Abschlußdokument wird darauf aber kaum Bezug genommen. Brasiliens Präsident Fernando Henrique Cardoso nutzte die Gelegenheit, Forderungen nach Entschädigungen zurückzuweisen. Dies sei im Mercosur-Vertrag nicht vorgesehen. Den besten Beitrag, den sein Land leisten könne, sei die Erholung der Wirtschaft selbst, so Cardoso.

Argentiniens Präsident Carlos Menem und sein uruguayischer Kollege Luis Maria Sanguinetti zogen es vor, zur traditionellen Abschlußkonferenz vor der internationalen Presse gar nicht erst zu erscheinen. Sie wollten offenbar Fragen zum Fall Oviedo vermeiden. Der paraguayische Putchistengeneral und verhinderte Präsidentschaftskandidat befindet sich zur Zeit im argentinischen Asyl. Einer seiner Vertrauten, der General Jose Segovia Boltes, ist in Uruguay untergekommen. Derzeit wird über eine mögliche Auslieferung verhandelt.

PERU

Sendero Luminoso leuchtet wieder auf

(Lima, 17. Juni 1999, pulsar-Poonal).- Die von der Regierung und vielen Beobachtern als endgültig geschlagen bezeichnete Guerillabewegung „Sendero Luminoso“ (Leuchtender Pfad) soll im peruanischen Urwald wieder zwei Kriegsfronten eröffnet haben, diesmal unter dem Namen „Sendero Rojo“. Unbestätigten Aussagen zufolge haben etwa 80 Guerilleros mehrere Dörfer in der Zone von Alto Huallaga für einige Stunden besetzt. In anderen Gegenden sollen kleinere Einheiten operieren. Nachdem der verhaftete Guerillaführer Abimal Guzman 1993 aus dem Gefängnis heraus den Kampf für beendet erklärte, hatte es kaum mehr Aktionen der Gruppierung gegeben.

KOLUMBIEN

Direktgespräche zwischen Regierung und FARC ab 7. Juli

(Bogota, 21. Juni 1999, pulsar-Poonal).- Der kolumbianische Friedensbeauftragte verkündete offiziell, daß die Guerilla-Organisation FARC und die Regierung am 7. Juli ihre direkten Gespräche nach mehrmonatiger Unterbrechung wieder aufnehmen wollen. Im Rahmen des Dialoges werden auch mehrere Diskussionsrunden mit Vertretern der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen des Land stattfinden. Der Ort des Treffens wird voraussichtlich am 4. Juli bekannt gegeben.

NICARAGUA

Etappensieg für Ortega – gereizte Stimmung bei FSLN

(Managua, 21. Juni 1999, pulsar-Poonal).- Auf einem Parteitag mit aufgeheizter Stimmung gelang es Sandinistenchef Daniel Ortega, seine Linie durchzusetzen. Eine Mehrheit der Teilnehmer autorisierte ihn, mit der regierenden Liberalen Partei tiefgreifende Reformen der Verfassung und des Wahlgesetzes zu verhandeln (vgl. Poonal 388). Harte Kritik am Pakt mit dem politischen Gegner übten einige Abgeordnete und altgediente Führungspersönlichkeiten der FSLN wie Victor Hugo Tinoco und Monica Baltodano. Für sie geht es um reine Postenverteilung im Justizwesen, in Wahlgremien und im nicaraguanischen „Bundesrechnungshof“ verteilen zu wollen. Die Prüfungsbehörde hat in der Vergangenheit ernste Anstrengungen unternommen, die Korruption in der staatlichen Verwaltung zu verhindern oder zumindest offenzulegen. Dabei machte sie auch vor Präsident Arnoldo Aleman nicht halt. Ein Pakt zwischen Ortega und Aleman wird den obersten Rechnungsprüfer Augustin Jarquin und seine Stellvertreterin Claudia Frixione wahrscheinlich den Posten und die Behörde ihre politische Autonomie kosten.

Ein erstes Beispiel für die Verteilung des politischen Kuchens zwischen Liberalen und Sandinisten lieferte bereits die Wahl des neuen Menschenrechtsbeauftragten, Benjamin Perez von der Regierungspartei. Er erhielt zugleich die Stimmen der meisten Sandinisten, weil diese dadurch mit den liberalen Stimmen für Julian Salinas als stellvertretenden Menschenrechtsbeauftragten rechnen konnten. Sieben sandinistische Abgeordnete, darunter Tinoco und Baltodano, blieben der Abstimmung fern. Auch einige Regierungsabgeordnete hielten gar nichts von dieser Abmachung. Die härtesten Worte fand Vilma Nunez Escorcia, Vorsitzende der Nicaraguanischen Menschenrechtskommission. Die beiden Gewählten, so Nunez, würden „nicht einmal erahnen“, was die Menschenrechte seien.

GUATEMALA

Guatemaltekische Offiziere vor deutschen Gerichten?

(Guatemala-Stadt, 12. Juni 1999, cerigua-Poonal).- Nach Ansicht des deutschen Rechtsexperten Kai Ambos vom Max Planck Institut für Kriminalrecht könnten guatemaltekische Militärs wegen Völkermordes in Deutschland vor Gericht gestellt werden. Dort „existiert die Verpflichtung strafrechtlicher Verfolgung wegen Völkermord, egal in welchem Land oder wann dieser stattfand“, so Ambos während eines zweitägigen Kongresses über Straffreiheit in der guatemaltekischen Hauptstadt. Die Opfer müßten nur vor dem deutschen Verfassungsgericht eine Klage einreichen, führte Ambos im Hinblick auf die Verbrechen der Streitkräfte in dem mittelamerikanischen Land während des 36jährigen bewaffneten internen Konfliktes aus. Als exemplarische Fälle nannte er die im Mai in Deutschland eingereichte Klage gegen drei Jugoslawen wegen Verbrechen gegen die Menschheit und den Fall des früheren chilenischen Diktators Augusto Pinochet.

US-Außenminsterium betrachtet Dokument über Verschwundene als authentisch

(Guatemala-Stadt, 18. Juni 1999, pulsar-Poonal).- Der guatemaltekische Menschenrechtsbeauftragte Julio Arango punktete in Washington gegen die Militärs seines Landes. Das US-Außenministerium qualifiziert ein Heft, in dem detailliert das Schicksal von 185 Verhafteten-Verschwundenen in Guatemala während der Diktatur von General Oscar Mejia Victores (1983-1985) aufgeführt ist, als authentisch. Das in die USA geschmuggelte Dokument war am 20. Mai in Washington der Öffentlichkeit vorgestellt worden. Die Militärs in Guatemala bestritten von Beginn an, daß es sich um Aufzeichnungen aus den eigenen Reihen handele und beharren auch weiterhin auf ihrer Position.

Indigener Politiker kandidiert als Vizepräsident von Linksbündnis

(Guatemala-Stadt, 16. Juni 1999, cerigua-Poonal).- Nach langen internen Diskussionen hat sich die aus vier Parteien bestehende linke Allianz für eine neue Nation (ANN) für den Kaqchikel Vitalino Similox als Kandidaten für das Mat des Vizepräsidenten entschieden. Similox wird zusammem mit dem schon seit Anfang Mai feststehenden Präsidenschaftskandidaten Alvaro Colom am 7. November bei den allgemeinen Wahlen antreten. Der Priester der Presbyterianerkirche von Chimaltenango war eine von mehreren indigenen Persönlichkeiten, die in den vergangenen Wochen als Kandidaten gehandelt wurden. Sein religiöses Amt gab er bereits vor Monaten zugunsten der politischen Tätigkeit in dem linken Oppositionsbündnis auf. „Wir wollen die Religion nicht als politische Plattform benutzen“, erklärte Similox.

Als einzige Frau bei der KandidatInnen-Auswahl wurde die Parlamentsabgeordnete Rosalina Tuyuc mehrfach erwähnt. Tuyuc, die über ihre Arbeit in der Witwenorganisation CONAVIGUA ins politische Rampenlicht gelangte, war die Favoritin vieler Indigena- Organisationen. Zwar bezeichnete sie Similox als „Indigena-Bruder“ und erklärte, sie respektiere die Entscheidung, machte aber dennoch kein Hehl aus ihrer Enttäuschung über die Art und Weise der Kandidatenkür. Die Voraussetzungen, die die ANN von den Kandidaten erwartet hätte, habe viele Indigena-Führer*innen – insbesondere die Frauen – von vornherein ausgeschlossen. „Wir Indigena-Frauen erhalten unsere Bildung von unseren Organisationen, nicht auf einer Universität. Meine Schule war CONAVIGUA“, so Tuyuc in Anspielung auf die Tatsache, daß alle anderen Kandidaten einschließlich Similox, die von der ANN in Betracht gezogen wurden, einen Universitätsabschluß haben.

Gericht verbietet Preiserhöhung für Telefongespräche

(Guatemala-Stadt, 16. Juni 1999, cerigua-Poonal).- Die Telefonpreiserhöhungen in Guatemala sind vorerst ausgesetzt (vgl. Poonal 388). Ein Gericht will prüfen lassen, ob das Vorgehen des vor Monaten privatisierten Kommunikationsunternehmens TELGUA gesetzeswidrig ist. Auch Betrug wird TELGUA vorgeworfen. Das Einschreiten der Justiz geht auf die direkte Initiative von Staatspräsident Alvaro Arzu zurück. Dessen Gegner begrüßen zwar die gerichtliche Verfügung, verdächtigen die regierende Partei des Nationalen Fortschritts (PAN) aber, nur einen Störfaktor für ihre Wahlkampagne aus dem Weg schaffen zu wollen. Schließlich sei es die Regierung gewesen, die sich für die Privatisierung von TELGUA stark gemacht habe.

PUERTO RICO

Navy, go home! Übungsgebiet der US-Kriegsmarine stark umweltgeschädigt

Von Paul Jeffrey

(Vieques, 21. Juni 1999, na-poonal).- „Warum gibt es hier keine Vögel und keine Fische, Papa?“, fragt der sechsjährige Urayoan Connelly seinen Vater inmitten des von Kratern übersäten Ortes. Die beiden sind auf dem Weg durch die seit dem 25. Mai gesperrte Bombenabwurfzone der US-Kriegsmarine, um den auf der zu Puerto Rico gehörenden Insel Vieques kampierenden Demonstranten Lebensmittel zu bringen. „Das fragen wir uns alle“, antwortet der Vater.

Eine Stunde später werden die beiden von Sicherheitsorganen der Navy festgenommen. Der Grund: Eindringen in militärisches Sperrgebiet. Sieben Stunden später sind sie wieder auf freiem Fuß. Pablo Connelly muß sich nun vor einem Bundesgericht verantworten und mit sechs Monaten Haft rechnen. „Es wird sich noch herausstellen, wer hier der Stärkere ist und außerdem gibt es doch kein größeres Opfer als das Leben und die Gesundheit meiner Kinder zu verteidigen“, sagt Connelly ohne Angst vor Bestrafung. „Natürlich wollen meine Kinder, daß ich zu Hause bleibe, aber ich ziehe gesunde Kinder ohne Vater einer Lage vor, in der wir alle krank sind.“

An die hundert Demonstranten kampieren seit dem 18. April in dem Sperrgebiet, nachdem ein ziviler Wachmann ums Leben kam, als eine Militärmaschine versehentlich eine Bombe abwarf. Connelly ist jedoch der erste Verhaftete. Die Marine hatte zunächst angekündigt, alle Demonstranten festzunehmen. Doch die Bewegung gewann nach dem Tod des Wachmanns in der gesamten puertoricanischen Gesellschaft enorm an Zulauf. Zumindest vorübergehend hat die US-Marine kleinlaut beigeben müssen.

In Vieques selbst ist es, zwischen Kratern und Schutt, erstaunlich ruhig. Seit die Marines die Insel 1941 einnahmen, darf die Bevölkerung nur sich noch auf einem Drittel der Fläche frei bewegen. Der Rest ist für Bombenabwürfe und als Waffenarsenal gesperrt. Die damals enstandene, von ortsansässigen Fischern geleitete Widerstandsbewegung zog bis in die siebziger Jahren die Aufmersamkeit der Weltöffentlichkeit auf sich. Die Festnahme von 21 Aktivisten, von denen 13 in den USA inhaftiert sind, sowie die internen Auseinandersetzungen der unzähligen politischen Parteien auf der Insel hatten danach sowohl den Aktivismus als auch die Aufmerksamkeit von außen erheblich gedämpft.

Doch das könnte sich nun geändert haben. Nur wenige Minuten nach der Festnahme Connellys hatten die Einwohner Vieques die Nachricht im Internet verbreitet und neue Verbündete tauchten auf. Neben alteingesessenen politische Aktivisten, wie dem unabhängigen Senator Ruben Berrios, nehmen nun auch Gewerkschaften, Kirchenmitglieder und Umweltgruppen an der Entwicklung teil. „Das ist nun nicht mehr nur die Sache von Kommunisten, Sozialisten und Unabhängigkeitskämpfern, sondern die aller Puertoricaner bis zum Erzbischof und sogar denjenigen, die die Eingliederung in die USA wollen,“ versichert Connelly. „Und es ist eine internationale Bewegung.“

Der übergreifende Konsens konnte bei einer am 30. Mai an der Yayibucht im Norden der Insel abgehaltenen Protestkundgebung abgelesen werden. Gewerkschafter bauten inmitten einer Bombenabwurfzone eine kleine Kapelle, die von Vertretern aller Religionsgemeinschaften in einer ökumenischen Feier eingeweiht wurde. Mehr als 300 Personen begingen dabei zivilen Ungehorsam und betraten die gesperrte Yayibucht, um gemeinsam ein Gebet abzuhalten.

„Vielleicht wird die Kapelle schon morgen zerstört sein,“ sagt der katholische Priester Hilario Sanchez, der die Einweihungspredigt hielt. „Aber wir von der Kirche sind ganz klar der Meinung: Die Navy muß raus aus Vieques!“ Monsenor Alvaro Corrada, der katholische Bischof von Rio de Caguas, in dessen Diözese Vieques liegt, hatte Sanchez für die Protestveranstaltung am 30. Mai zu seinem persönlichen Stellvertreter ernannt: „Es muß vollkommen klar sein, daß die Diözese solange nicht von ihrer friedlichen Protesthaltung abgeht, bis die Militärübungen vollkommen eingestellt werden und die Einwohner ihre Insel wiedererhalten haben,“ erklärte Corrada am 19. Mai.

Und damit nicht genug. „Wir haben heute mehr Unterstützung als in den siebziger Jahren“, sagt der Umweltschützer Neftali Garcia, der seit mehr als 20 Jahren die Auswirkungen der Marine auf die Flora und Fauna Vieques untersucht. Zusammen mit Ökologen aus San Juan und aus den USA entnahm er am 30. Mai Boden- und Wasserproben aus den Kratern und Lagunen der Bombenabwurfzone. Garcia versichert, große Teile der Insel hätten während der jahrzehntelangen Militärtätigkeit schwere Schäden hinnehmen müssen. Die Riffe seien zerstört und die Lagunen vertrocknet. Es gebe jedoch einen Hoffnungsschimmer. Seit dem Unfall am 19. April seien keine Bomben mehr abgeworfen worden. „Einige Fischer haben berichtet, Schildkröten seien an den Stränden zum laichen gekommen, wo sonst Bomben abgeworfen wurden,“ sagt Garcia. „Als die Marine noch übte, hielten sie sich fern.“

Auch die im Mai gegründete Frauen-Allianz Vieques gewinnt ständig an Stärke. „Es sind fast immer die Männer gewesen, die sich für Vieques ausgesprochen haben,“ sagt die Sozialarbeiterin Gladys Rivera. „Aber Vieques ist unser Zuhause und als Haufrauen spielen wir eine wichtige Rolle bei der Verteidigung und der Ordnung unseres Lebensraumes und deshalb muß die Marine raus.“ Rivera zufolge haben viele Fischer ihre Frauen gebeten, der Allianz beizutreten. „In den siebziger Jahren erlosch der Kampf wegen der internen Auseinandersetzungen, aber heute sprechen wir mit einer Stimme,“ sagt sie. „Und diese Stimme ist zu hören!“

KUBA

Bereitschaft zur Schuldentilgung

(Havanna, 15. Juni 1999, pulsar-Poonal).- Die kubanische Auslandschuld beträgt nach Angaben von Vizepräsident Carlos Lage 11,2 Milliarden Dollar. Nicht darin enthalten sind die Außenstände gegenüber der ehemaligen Sowjetunion und anderen ehemaligen sozialistischen Ländern. In den vergangenen 16 Jahren wuchs die Auslandsverschuldung um 8,3 Milliarden Dollar. Lage versicherte, sein Land wolle die Schulden zurückzahlen. Hauptgläubiger mit einem Anteil von 21 Prozent ist Japan, gefolgt von Spanien mit 13 Prozent und knapp dahinter Frankreich. Auf der Liste der Gläubiger stehen auch Großbritannien, Argentinien, Italien, Mexiko, die Schweiz und Deutschland. Im Juli 1986 hatte Kuba die Schuldentilgung ausgesetzt, nachdem Versuche über Neuverhandlungen wiederholt gescheitert waren. Mit Mexiko erreichte Kuba 1993 ein Sonderabkommen, das Schulden mit Investitionserlaubnissen verrechnete.

Auszeichnung für biologischen Pflanzenschutz

(Havanna, 22. Juni 1999, pl-Poonal).- Das Aktionsnetz zu Plagiziden und seinen Alternativen für Lateinamerika (RAPAL) vergab in Chile mehrere Auszeichnungen an kubanische Wissenschaftler*innen. In dem erstmals durchführten Wettbewerb für Innovationen auf dem Gebiet ökologischer Technologien für die Landwirtschaft entfielen gleich die ersten drei Preise auf Expert*innen der Karibikinsel. Sie wurden für ihre Forschungen prämiert, die zur Einführung und Verbreitung von natürlichen Pflanzenschutzmitteln auf dem Subkontinent führten.

HAITI/KUBA

Zusammenarbeit im Gesundheitswesen

(Port-au-Prince, 18. Juni 1999, pulsar-Poonal).- Der kubanische Gesundheitsminister Carlos Dotres besuchte Haiti, um sich ein Bild über die Kooperation im Gesundheitsbereich zu machen. Seit einem halben Jahr befinden sich 400 kubanische Ärzt*innen auf Haiti, um medizinische Hilfe zu leisten. Die Unterstützung geht auf eine Bitte des haitianischen Präsidenten Preval vom November 1998 zurück.

JAMAIKA

Strände für alle

(Kingston, Juni 1999, na/ips-Poonal).- Die feinsandigen weißen Strände und das tiefblaue Meer Jamaikas haben schon immer viele Touristen angezogen. Doch die meisten Besucher bemerken nicht, daß die Mehrheit der Jamaikaner keinen Zugang zu den eigenen Stränden hat. Das könnte anders werden und das einheimische Publikum bald mehr als 150 Strände genießen, von denen sich derzeit noch ein Drittel in Privatbesitz befindet – wenn sich das Parlament dazu entschließt, einem Vorschlag der regierungseigenen Umweltagentur zu folgen. Danach sollen alle Strände der Insel frei zugänglich sein.

Die Mehrheit der Bevölkerung begrüßt den Vorschlag, die Vereinigung der Hoteliers und Tourismusunternehmen ist dagegen. Sie meint, die Initiative könne dem Tourismus nur schaden. „Wir müssen doch schon jetzt mit dem Problem der Belästigung kämpfen, sagt Kenrick Davis, Präsident der Hoteliervereinigung: „Eine Öffnung aller Strände würde die Lage noch komplizierter machen. „Die Idee, 'Sicherheitszonen' zum Schutze der Touristen einzurichten, hat im vergangenen Jahr zu erheblichen Protesten in Jamaika geführt. „Wir müssen die effektivste Form finden, das Betragen auf den Stränden zu regeln,“ meint David Smith, der die Vereinigung zum Ausbau der Erhaltung Jamaikas leitet. Viele Hotelbesitzer behaupten, ihre Strände seien für alle offen, kassieren aber ein Eintrittsgeld in US-Dollar, was die Mehrheit der Bevölkerung nicht bezahlen kann.

„Die Strände dieser Insel gehören der jamaikanischen Bevölkerung und es macht keinen Sinn, exklusive Rechte über einen Strand zu verhängen, um die Touristen zu schützen, wenn die Einheimischen keinen Zugang zu den schönsten Stränden der Insel haben,“ erläutert Umweltminister Easton Douglas. Nach dem nun vorgelegten Vorschlag soll Jamaika – eines der wenigen Länder übrigens – das den Privatbesitz an der Küste überhaupt zuläßt, den freien Zugang zu allen Stränden in den kommenden fünf Jahren schrittweise einrichten.

KARIBIK

Nachhaltiger Tourismus: Viele suchen mehr als Sonne und weiße Strände.

Von Jean Holder

(Kingston, 21. Juni 1999, na/ips-Poonal).- Die kürzlich in der Karibik gegründete Zone für nachhaltigen Tourismus – die erste auf der Welt – ist eine Antwort auf die wachsende Nachfrage nach mehr Arbeitsplätzen, Umweltschutz sowie Erhalt und Förderung kultureller Werte in dieser Gegend. So wenigstens bezeichnen es die 25 Mitgliedsstaaten der Vereinigung Karibischer Länder (AAAC), die Mitte April das Abkommen über die Zone für nachhaltigen Tourismus in der Karibik unterzeichneten.

Eine im Auftrag der AAAC beim UN-Programm für Umweltfragen erstellte Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, die schlecht geplante Tourismusentwicklung habe im Großraum Karibik schon zu erheblichen Umweltproblemen geführt. Der Bau von Hotels in großem Stil habe wichtige natürliche Lebensräume zerstört und einige der schönsten Strände in Privatbesitz übergehen lassen. Dies käme nur ausländischen Touristen zugute, während die örtliche Bevölkerung außen vor bliebe, heißt es in der Studie weiter. Bauarbeiten hätten enorme Veränderungen in den küstennahen Strömungen hervorgerufen, die ihrerseits die Sandablagerungen veränderten und zur Erosion des Küstenverlaufs führten. „Es werden eine Reihe von Normen eingeführt, die in Zukunft diesen Wirtschaftszweig regeln, um ihn zu schützen und nicht das Huhn zu töten, das goldene Eier legt,“ versichert AAAC-Tourismus- und Handelsdirektor Miguel Ceara.

Der Welt-Tourismusorganisation zufolge befanden sich Mitte der neunziger Jahre zwölf der 20 touristischen Hauptziele in Amerika und 13 der 20 Länder mit Haupteinnahmen aus dem Tourismusgeschäft im karibischen Raum. Auf einigen der kleinen Inseln übersteigt die jährliche Besucherzahl die Zahl der Einwohner bei weitem. Die 30.000 Einwohner zählenden Kaimaninseln zum Beispiel verzeichnen einen Besucheransturm von 610.000 Touristen pro Jahr. Aus Kreisen des Demographischen Zentrums der Universität Havanna verlautet, nur die Durchsetzung von umwelterhaltenden Maßnahmen könne die Folgen verhindern, die der Besuch von 100 Millionen Touristen in der Region verursache.

Die Vereinbarung über nachhaltigen Tourismus versucht, die Entwicklung des Wirtschaftszweigs auf lange Sicht zu erhalten. Dabei geht die AAAC vom Angebot ergänzender touristischer Angebote, wie den karibischen Stränden, den Ruinen der Atzteken und Mayas in Mexiko und verschiedenen, von der UNESCO zum „Erbe der Menschheit“ erklärten Stätten aus. In der Vereinbarung sind die Finanzierung und Förderung von touristischen Mikrounternehmen, Anreizprogramme für umweltgerechte Investitionen, Genehmigungsverfahren und steuerliche Vorteile für nachhaltigen Tourismus in dafür bestimmten Gebieten vorgesehen.

Nach der Karibischen Tourismusorganisation OTC sind die Einnahmen der 30 karibischen Inseln aus dem Fremdenverkehr 1997 auf 16,8 Milliarden Dollar gestiegen. Der Tourismus bedeutet für viele Länder inzwischen die Haupteinnahmequelle an Divisen. In Kuba hat der Fremdenverkehr die Zuckerindustrie vom ersten Platz der Deviseneinnahmen verdrängt. 1997 ließen mehr als eine Million Menschen 1,5 Milliarden US-Dollar in den Schatzkammern der ehemaligen Zuckerinsel.

Das Bild, was eine Region von sich abgibt, ist genauso wichtig wie die touristischen Attraktivitäten, Strände, kristallklares Wasser, historische Stätten und die Sonnenscheingarantie. Die nationalen touristischen Verwaltungen und die OTC sind sich darüber im Klaren, daß die Mehrheit der Touristen mehr erwartet als sonnige Tage, weißen Sand und Wassersport. Eine große Zahl europäischer Touristen ist an den Auswirkungen des Fremdenverkehrs auf die Umwelt interessiert. Sie fördern gar ein umweltgerechtes Herangehen und sind interessiert am Vermächtnis der kulturellen Vielfalt, die in der Karibik herrscht. Verschiedenen Inseln sei es bislang nur um ein schnelles Anwachsen der Touristenzahlen gegangen und daraus sei die Notwendigkeit entstanden, so schnell wie möglich größtmögliche Hotels zu bauen. „Im Tourismusbereich ist aus der Kritik der ortsansässigen Bevölkerung und der ausländischen Besucher viel gelernt worden,“ will die Generalsekretärin der OTC beobachtet haben.

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