Poonal Nr. 381


Deutsche Ausgabe des wöchentlichen Pressedienstes lateinamerikanischer Agenturen Nr. 381 vom 30. April 1999

Inhalt


PANAMA

JAMAIKA

KUBA

GUATEMALA

HONDURAS

CHILE

BOLIVIEN

ECUADOR

KOLUMBIEN

BRASILIEN

ARGENTINIEN

LATEINAMERIKA

Pestizide – Der Langsame Tod


PANAMA

Panama wählt neuen Präsidenten – Wer bekommt den Panama-Kanal?

Von Gerardo Herrero

(Mexiko-Stadt, 29. April 1999, npl).- Gerne hätte Ernesto Perez Balladares die endgültige Rückgabe des Panama-Kanals durch die USA Ende dieses Jahres als amtierender Präsident erlebt. Doch die geplante Wiederwahl scheiterte 1998 an einer Volksabstimmung, obwohl das Parlament bereits grünes Licht gegeben hatte. Jetzt muß der wegen seines bulligen Aussehens und Auftretens „der Stier“ genannte Balladares den Präsidentenpalast verlassen.

Seine Nachfolge wird am Sonntag (2.5.) an den Urnen bestimmt. Gute Aussichten haben Martin Torrijos von der regierenden Revolutionären Demokratischen Partei (PRD) und Mireya Moscoso vom bürgerlichen Oppositionsbündnis Union für Panama. Der in Umfragen drittplazierte Bankier Alberto Vallarino gilt als chancenlos, entscheidet aber letztendlich die Wahl.

Das Präsidentenamt wird in Panama durch einfache Stimmenmehrheit gewonnen. Wahlexperten zufolge wird jede Stimme für Vallarino am Ende der Kandidatin Moscoso fehlen. Lange Zeit hatte es so ausgesehen, als sei das Rennen bereits zugunsten des 35jährigen Torrijos entschieden.

Die PRD hatte den Sohn des nationalistischen Militärs und früheren Präsidenten Omar Torrijos als Trumpfkarte aus dem Ärmel gezogen. Der populäre General Torrijos – 1981 kam er bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz ums Leben – handelte in den Torrijos-Carter- Verträgen die Rückgabe der Kanalzone und den Abzug aller US- Truppen bis zum 31. Dezember 1999 aus. Ein Pfund, mit dem sein Sohn anfänglich gut wuchern konnte.

Doch in den vergangenen Wochen holte die 52jährige Mireya Moscoso mächtig auf und wird kurz vor der Wahl sogar mit einem hauchdünnen Vorsprung gehandelt. Moscoso ist die Witwe des verstorbenen dreimaligen panamaischen Präsidenten Arnulfo Arias. Vor sechs Jahren trat sie bereits als Kandidatin an, scheiterte aber damals am „Stier“.

Auf große Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung können weder Torrijos noch Moscoso zählen. Reden vom Kampf gegen Armut, Arbeitslosigkeit und Korruption haben die Menschen schon unter Balladares zur Genüge gehört, ohne daß sich irgend etwas zum Besseren wendete. Und wenn beide Kontrahenten sich durch Kritik an der aktuellen Wirtschaftspolitik vom amtierenden Präsidenten distanzieren wollen, so zweifelt niemand daran, daß Privatisierungen und neoliberaler Kurs fortgesetzt werden, egal, wie der Wahlgewinner heißt.

Die spannendste Nachwahlfrage ist ohnehin das Verhältnis zu den USA. Unter Balladares war das Klima merklich abgekühlt, nachdem die US-amerikanische Seite mit dem Versuch scheiterte, durch die Einrichtung eines Multinationalen Anti-Drogenzentrums eine Truppenpräsenz in Panama über das Jahr 2000 hinaus aufrecht zu erhalten. Weitere Spannungen gab es, als bekannt wurde, daß die Militärbasen, die die USA seit Ende 1995 nach und nach räumten, durch Gifte und Altlasten schwer verseucht sind. Washington will nur einen kleinen Teil der Kosten für die Sanierung übernehmen.

Möglicherweise werden die USA nach der Wahl versuchen, in Verhandlungen doch noch die Stationierung einer Resttruppe durchzusetzen. Dies dürfte mit Torrijos schwieriger sein als mit Moscoso: Ersterer kann am Sonntag eher mit den Stimmen derjenigen rechnen, die auf nationale Souveränität pochen und die die US- Invasion von 1989 (zur Festnahme des Drogenhändler Noriega) als traumatisches Erlebnis in Erinnerung haben. Letztere hofft auf die Stimmen der Wähler, die von einer großen Distanz zu den USA wirtschaftliche Nachteile befürchten.

JAMAIKA

Benzinpreiserhöhung sorgt für böses Blut

(Kingston, 23. April 1999, pulsar-Poonal).- Der jamaikanische Finanzminister Omar Davies hat am 19. April eine Erhöhung der Benzinpreise um 30 Prozent angekündigt. Die Bevölkerung ging sofort auf sie Straße, um gegen die Maßnahme zu protestieren. Bei den Straßenschlachten sind bisher sieben Menschen ums Leben gekommen, darunter eine schwangere Frau und ein 16jähriger Jungendlicher. Polizeiangaben zufolge kam es bei dem Versuch, einen Angriff der aufgebrachten Bevölkerung zurückzuschlagen, zu den Todesfällen. Auf der zweieinhalb Millionen Einwohner*innen zählenden Insel ist kaum jemand mit der Erhöhung der Benzinpreise einverstanden, weil sie eine Erhöhung sämtlicher Grundversorgungsgüter bedeutet. Zur Zeit wird von 200 Festnahmen berichtet, die Zahl der Verletzten ist unbekannt und die Auseinandersetzungen werden immer härter. Die Zivilbevölkerung setzt Steine und Molotovcocktails ein, die Polizei Feuerwaffen.

KUBA

Nuntius verläßt das Land

(Havanna, 23. April 1999, alc-Poonal).- Monsenor Beniamino Stella, sechs Jahre lang päpstlicher Nuntius auf Kuba, verläßt das Land, um das gleiche Amt in Kolumbien zu besetzen. In Kirchenkreisen hatte Stella den Namen „Nuntius der Hoffnung“. Er war für die Annäherung von katholischer Kirche und der sozialistischen Regierung unter Fidel Castro mitverantwortlich und leitete den historischen Papstbesuch auf der Insel im Januar 1998 ein. Auf einer Abschiedszeremonie erklärte Stella: „Auf Kuba habe ich gelernt, daß jede Situation sehr komplex ist.“ Er forderte die KubanerInnnen zum Bleiben auf und wandte sich indirekt gegen das US-Embargo, forderte die „internationale Gemeinschaft“ aber gleichzeitig zur Einmischung „mit der gesunden Absicht“ auf, „dem Aufruf des Papstes zu entsprechen, sich Kuba zu öffnen, auf die einhergehende Öffnung Kubas gegenüber der Welt und allen Kubanern zählend“.

GUATEMALA

ANN ernennt Präsidentschaftskandidaten

(Guatemala-Stadt/Mexiko-Stadt, 26. April 1999, Poonal).- Das Mitte-Links-Bündnis der Allianz Neue Nation (ANN), der als eine von bisher vier Parteien die frühere Guerilla URNG angehört, hat Alvaro Colom Caballeros zum Präsidentschaftskandidaten im Herbst ernannt. Der Beschluß fiel auf einem Treffen am 22. April. Die Allianz selbst sieht darin „einen historischen Schritt in der Schaffung einer politischen Alternative, die in der Lage ist, die dringlichsten Forderungen unseres Volkes aufzugreifen und Lösungen anzubieten“. Wahlkampfplattform, Wahlprogramm und die öffentliche Präsentation von Caballeros stehen noch aus.

HONDURAS

Menschenrechtsbeauftragter in seinen Funktionen eingeschränkt

(Tegucigalpa, 23. April 1999, pulsar-Poonal).- Der honduranische Kongreß hat mit einer nicht beschlußfähigen Anzahl von Parlamentsmitgliedern versucht, die Aktionsfreiheit des staatlichen Menschenrechtsbeauftragten einzuschränken. In einer außerordentlichen Sitzung, an der nur 58 der 128 Abgeordenten teilnahmen, beschlossen 29 von ihnen, daß der Menschenrechtsbeauftragte Leo Valladares zu viel rede und die Regierung in ein schlechtes Licht stelle. Deshalb werde seine Amtszeit von sechs auf vier Jahre verkürzt und ihm künftig das Recht abgesprochen, sich zu strafrechtlichen, finanziellen und betrügerischen Angelegenheiten zu äußern.

Valladares hatte zuvor die Veruntreuung von Hilfsgeldern für die Opfer des Hurrikans Mitch durch Regierungsmitglieder kritisiert. Die Maßnahme der Parlamentarier*innen hat für erheblichen Protest gesorgt. Menschenrechtsorganisationen bezeichneten sie als diktatorisch, die Vereinigung indigener und schwarzer Bevölkerung erklärte, Präsident Carlos Flores verwandle sich langsam aber sicher in den Fujimori Mittelamerikas und die diplomatische Vertretung der Niederlande kündigte an, sie werde die humanitäre Hilfe einstellen, wenn der Kongreß diesen Hammerschlag für die Demokratie nicht zurücknehme. Valladares selbst nennt die Parlamentsentscheidung einen Schandfleck für die Legislative, da die Veröffentlichung jeglicher Unregelmäßigkeit das Recht und die Pflicht eines jeden aufrechten Honduraners sei. Gerüchten zufolge soll die Entscheidung nochmals vor dem Parlament zur Abstimmung gestellt werden.

CHILE

Ehemalige Pinochet-Mitarbeiter bleiben lieber zu Hause

(Santiago de Chile, 23. April 1999, pulsar-Poonal).- Die ehemaligen Minister des Pinochetkabinetts, Jorge Bellerino und Pablo Baraona, haben aus Angst vor einer Festnahme ihre Teilnahme an einem internationalen Seminar in Warschau abgesagt. „Wenn General Pinochet wegen irgendwelcher Dinge angeklagt wird, mit denen er nichts zu tun hat, dann kann uns das gleiche passieren, weil wir in seiner Regierung mitgearbeitet haben“ sagt der General a. D. Jorge Bellerino. Die Ex-Minister entschuldigten sich damit, daß Folter international als eine Straftat angesehen werde, die außerhalb des Landes angeklagt werden könne, in dem sie verübt worden sei. Der ehemalige Diktator Pinochet wurde wegen dieses Vergehens in London festgenommen. Auch andere Mitarbeiter Pinochets, darunter Militär- und Polizeichefs vermeiden es derzeit, außer Landes zu reisen. Vor allem die 40 Personen, die auf einer Liste des spanische Richters Baltasar Garzón auftauchen, bleiben lieber zu Hause. Das Thema des Seminars in der polnischen Hauptstadt lautet: Die demokratische Umwandlung in Spanien, Polen und Chile.

Zensiertes Buch nun im Internet

(Santiago de Chile, 22. April 1999, pulsar-Poonal).- Das Schwarzbuch der chilenischen Justiz, in dem die Journalistin Alejandra Matus detailliert die Korruption des Obersten Gerichtshofs beschreibt, hat die Zensur des Landes umgangen und ist nun im Internet zugänglich (vgl. dazu auch Poonal 380). Das Buch war einen Tag nach Erscheinen aufgrund einer Klage des ehemaligen Vorsitzenden des Obersten Gerichtshofs, Servando Jordán, gegen die Autorin wegen angeblicher Verleumdung von Richter Rafael Huerta verboten und am 14. April in Buchhandlungen und im Verlag beschlagnahmt worden. Der ehemalige Vorsitzende des Gerichtshofs, Servando Jordán, wird in dem Buch als unverantwortlich und dem Alkohol ergeben bezeichnet. Außerdem werden die Mitglieder des hohen Gerichtes als korrupt bezeichnet, da sie während der von 1973 bis 1990 dauernden Diktatur Augusto Pinochets nichts gegen die Menschenrechtsverletzungen unternahmen, die sie hätten verurteilen müssen. Das Verkaufsverbot des Buches sorgte in der chilenischen Gesellschaft, vor allem unter Journalisten und Schriftstellern für Protest. Nun kann es im Internet unter der Adresse gelesen werden.

Mehrheit der Chilen*innen für Pinochetprozeß

(Santiago de Chile, 23. April 1999, comcosur-Poonal).- Die überwiegende Mehrheit von 72 Prozent der chilenischen Bevölkerung befürwortet einen Prozeß gegen den ehemaligen Diktator in Chile oder in Europa. Die vom chilenischen Zentrum für Gegenwartsrealität durchgeführte Befragung ergab außerdem, daß 31 Prozent für einen Verbleib des Generals in London sind, während 41 Prozent meinen, er solle in Chile vor den Richter. 17 Prozent sprach ihn von jeder Verantwortung frei und 11 Prozent wollte sich nicht äußern. 78 Prozent der Befragten glauben, im chilenischen Staat werde es wegen des Prozesses keine entscheidenden Auswirkungen geben. Der Leiter des Zentrums, Carlos Huneeus, meint: „Das Thema entfernt sich langsam vom Zentrum der öffentlichen Meinung, es verliert an Interesse.“

Der Oberbefehlshaber der chilenischen Streitkräfte, General Ricardo Izurieta, verteidigte erneut die Unschuld des Ex- Diktators, verneinte aber die Möglichkeit eines Militärputsches zur Unterstützung Pinochets. Izurieta war nach der Entscheidung des britischen Innenministers Jack Straw in einer als privat bezeichneten Reise in London aufgetaucht, um dem ehemaligen Militärchef die Solidarität der Streitkräfte auszudrücken. Der Besuch hat in Chile zu erheblichen Diskussionen geführt. In den USA fordern unterdessen immer mehr humanitäre Organisationen von Präsident William Clinton, daß er einen Auslieferungsantrag stellen solle, damit Pinochet auch in Nordamerika der Prozeß wegen Terrorismus gemacht werden könne.

In Washington läge genügend Beweismaterial vor – unter anderem Telefonmitschnitte -, um Pinochet wegen des Attentats auf den ehemaligen Außenminister des Allende-Kabinettes, Orlando Letelier, und dessen Sekretärin Ronni Moffitt, vor Gericht zu stellen. In den Mitschnitten ordnet Pinochet persönlich die Ermordung Leteliers an. Mehrere chilenische Agenten sitzen wegen des Attentas in den USA im Gefängnis. Der Chef des politischen Nachrichtendienstes während der Diktatur, General Manuel Contreras, der zur Zeit in Chile im Gefängnis sitzt, hatte ausgesagt, Pinochet habe alle Ermordungen auf hohem politischen Niveau, die seine Abteilung ausgeführt habe, persönlich angeordnet. Contreras ist als intellektueller Autor und wegen der Ausführung des Letelieranschlags angeklagt.

BOLIVIEN

Mehr Skelette von Guerilleros gefunden

(La Paz, 23. April 1999, comcosur-Poonal).- Dieselben Anthropologen, die vor zwei Jahren die sterblichen Überreste von Ernesto Che Guevara fanden, haben nun ein Gebiet abgesteckt, in dem sich die Reste mehrerer kubanischer, peruanischer und bolivianischer Rebellen befinden sollen. Es handelt sich um die Guerilleros, die in einem Gefecht mit der bolivianischen Armee am 31. August 1961 bei Vado del Yeso gefallen sein sollen. Die vom dem Kubaner Jorge González geleitete Gruppe arbeitet in einem etwa einen Quadratkilometer großen Gebiet, in dem vermutlich die Reste des Comandante Vitalio Nuñez (Joaquín), Waffenbruder Fidel Castros in der Sierra Mästra, und unter anderem die von Israel Reyes (Braulio) begraben sind. Die Forscher unternehmen ihre Ausgrabungen seit 1995 in der Nähe des Flughafens Vallegrande, in der Provinz Santa Cruz.

ECUADOR

Banken bankrott – Finanzsystem vor dem Kollaps

Von Luis Angel Saavedra

(Quito, 26. April 1999, na-Poonal).- Zehn Banken und ein Finanzverein auf Gegenseitigkeit haben im vergangenen Jahr ihre Türen wegen Zahlungsschwierigkeiten geschlossen. Sie machten die Wirtschaftspolitik der Regierung dafür verantwortlich, die die Spar- und Investitionsmöglichkeiten der Kontoinhaber einschränkte und gleichzeitig die Zinsen erhöhte. Die problematische Lage der Banken und die Unsicherheit, in der sich die Konten der Kunden befanden, ließ die Regierung im November 1998 die Agentur zur Sicherung der Einlagen (AGD) schaffen, mit deren Hilfe das Bankensystem permanent beobachtet und mögliche Verluste der Bevölkerung verhindert werden sollen.

Die Aktionen der AGD zeitigten sofort Ergebnisse: Fünf Banken gingen in den Sanierungsprozeß, das heißt, sie schlossen ihre Türen um entweder zu rekapitalisieren oder endgültig zu schließen. Die Schließungen wurden im Wesentlichen der wirtschaftlichen Rezession und der großen Anzahl von Finanzinstituten auf dem nationalen Markt zugeschrieben.

In Ecuador gibt es allein 39 Banken. Das Gesetz schreibt keine hohen Ansprüche vor. „Das vor fünf Jahren verabschiedete Gesetz läßt zuviel durchgehen und erlaubt manchen Unternehmern riskante Aktionen,“ erläutert der Präsident der Bolivariano-Bank, José Salazar. Oft zu riskant: die am 22. März geschlossene Banco del Progreso war mit 700.000 Kunden eine der größten des nationalen Finanzsystems.

Das Hauptproblem der ecuadoreanischen Baken sind die sogenannten „gebundenen Kredite“. Die Banco del Progreso hatte zum Beispiel 170 Millionen US-Dollar an 86 Firmen verliehen, die direkt an sie gebunden waren. Die Banco de Préstamos, die im August 1998 geschlossen wurde, hatte 40 Unternehmen der Gruppe Peñafiel, die selbst Haupteigner der Bank war, insgesamt 90 Millionen Dollar geliehen. Ex-Präsident Rodrigo Borja (1988-92) zufolge gab es rund um die Bank etwa 100 Scheinfirmen.

„Das geht so: Die Firmen werden mit 500 Dollar gegründet und bekommen dann sofort einen Kredit von einer halben Million Dollar von Banco del Progreso“, sagt Borja. „Scheinfirmen zu gründen ist eine gängige Praksis unter den Banken, um die Schulden einiger Kunden zu refinanzieren,“ erklärt auch Banco del Progreso-Chef Fernando Aspiazu. Gleichzeitig weist er darauf hin, daß die Demokratische Linke, die Borja leitet, mit dem Finanzsystem Quitos eng verbunden ist und ein Interesse hat, daß die an der Küste gelegenen Banken verschwinden.

„Paco Moncayo, Verbündeter von Borja, sitzt im Direktorium der Banco del Pichincha, wo während der Amtszeit Borjas die Währungsreserven des Landes aufbewahrt wurden. Das machte die Bank zum ersten Haus im Lande,“ erläutert Aspiazu. Die Kunden sind unterdessen die Angeschmierten. „Diesen Herrn Aspiazu sollte man einsperren, weil er unsere Ersparnisse zum Fenster hinauswirft“ sagt eine Frau. Ein anderen Kunde meint: „Die Regierung sollte Progreso Geld leihen, wie sie es bei Filanbanco gemacht hat.“

Ende 1998 hatte die Regierung Filanbanco einen Kredit von 766 Millionen Dollar gewährt, um deren Schliessung zu verhindern. Das war in der Summe doppelt so viel wie die drastischen Sparmaßnahmen einbrachten, die die ecuadoreanische Gesellschaft Anfang März ins Chaos stürzten. Banken mit Problemen vor dem Aus zu bewahren hatte sich in gängige Regierungspraxis verwandelt bis der Internationale Währungsfonds und die Weltbank Präsident Jamil Mahuad am 17. März diesen Jahres mitteilten, weitere Kredite würden nur gewährt, wenn diese Praxis aufhöre.

Fünf Tage später erklärte die Regierung, es gebe keine staatlichen Gelder, um Banco del Progreso zu retten. In Bankenkreisen des an der Küste gelegenen Guayaquil wurde diese Nachricht mit großer Verärgerung aufgenommen und die Regierung einer regionalistischen Haltung bezichtigt. Am Fall der Continental-Bank läßt sich viel ablesen: Im März 1996 leiht die Regierung der Bank 300 Millionen Dollar. Ein Jahr später wird Continental verkauft und am 1. Juni 1997 wird wegen Unregelmäßigkeiten bei dieser Kreditvergabe sowohl gegen die aktuelle Finanzministerin und ehemalige Vorsitzende des Währungsrates, Ana Lucía Armijos, wie gegen den ehemaligen Zentralbankchef Carlos de la Torre Haftbefehl erlassen.

Für die verheerende Lage der Banken ist aber auch die Bankenaufsicht verantwortlich. In dieser Institution sollten die Finanzaktivitäten geregelt und der Zentralbank Bericht über die Banken erstattet werden, um eventuelle Bankrotte oder Kreditgewährungen an angeschlagenen Institute zu verhindern. Die Bankenaufsicht hatte aber genau diese Informationspflicht wegen persönlicher Interessen ihres Vorsitzenden Jorge Egas Peña vernachläßigt. „Jorge Egas war vor seiner Ernennung zum Bankenaufseher Anwalt der Banco del Progreso,“ erklärt Rodrigo Borja.

Am 15. April wurde Egas vor den Kongreß zitiert. Am gleichen Tag erklärt das Verfassungsgericht den Artikel 130 der Verfassung für ungültig, in dem dem Kongreß das Recht eingeräumt wird, öffentliche Amtsträger – unter ihnen den Bankenaufseher – zu tadeln und abzusetzen. Die Urteilsbegründung stützt sich darauf, daß der veröffentlichte Text nicht dem von der Verfassungskommission beschlossenen entspricht. Der Kongreß müsse nun entscheiden, welcher der beiden Versionen gültig sei, und falls es zu einem Rechtsstreit käme, gelte vorläufig der Artikel der alten Verfassung weiter. Der wiederum schließt, im Gegensatz zu den beiden umstrittenen Versionen, den Bankenaufseher nicht mit ein.

Das Urteil wird allgemein als ein Winkelzug der Regierung angesehen, Egas Erscheinen vor dem Kongreß zu verhindern. Am 10. April, also fünf Tage vorher, hatte Präsident Mahuad gegen ein vom Kongreß am 30. März beschlossenes Bankenreformgesetz ein partielles Veto eingelegt. Das Gesetz sollte eine bessere Kontrolle der Banken gestatten und die gebundenen Kredite unterbinden. Eine Million Dollar überschreitende Transaktionen sollten vom Bankenrat abgesegnet werden, und eine permanente internationale Überprüfung möglich sein.

Der Präsident verlangt verschiedene technische Verbesserugen und warnt vor einer Bevorteilung ausländischer Banken. Angesichts der unsicheren Bankenlage sollen in den vergangenen sechs Monaten bereits eine Milliarde Dollar das Land verlassen haben, sagt der Direktor des Privatbankenvereins, Mario Canessa. „Uns bleibt eigentlich nur eins übrig,“ sagt ein Kunde der Banco del Progreso: „Das Geld in die Matratze stecken. So klauen es wenigstens die kleinen Diebe und nicht die, die mit unserer Hoffnung handeln.“

KOLUMBIEN

Dokumentation: Menschenrechtsgruppen kritisieren Bombardierung

durch die Armee nach ELN-Flugzeugentführung

(Bogotá, April 1999, npl).- Nach der Entführung des Linienflugs Bucaramanga-Bogota am 12. April hält die Guerillaorganisation ELN immer noch mehr als 30 Passagiere und Besatzungsmitglieder gefangen. Armee und Paramilitärs bombardieren seitdem ein mehrere Hundert Quadratkilometer großes von der Guerilla kontrolliertes Gebiet im Süden der Provinz Bolivar. Vor diesem Hintergrund haben mehrere Menschenrechtsorganisationen folgendes Kommuniqué (gekürzt) veröffentlicht :

„Seit dem 12. April führen kolumbianische Armee und Luftwaffe in den ländlichen Gegenden der Gemeinden Simiti und San Pablo (Provinz Bolivar) Operationen durch. Ihr Ziel ist, die Guerillagruppe zu verfolgen, die Passagiere und Besatzung der AVIANCA-Verkehrsmaschine in ihrer Gewalt hat.

Im Verlauf dieser Operationen sind die Ortschaften Pozo Azul, Santdomonigo und Canabraval im Landkreis San Pablo bombardiert und von Helikoptern aus mit Maschinengewehren beschossen worden. Diese Angriffe haben gemeinsam mit den Gefechten zwischen Armee und Guerilla zur Vertreibung der Bewohner aus ihren Dörfern geführt. … Diese Dörfer werden ununterbrochen von der kolumbianischen Luftwaffe bombardiert, was das Leben von mehr als 1.000 Personen – unter ihnen Kinder, schwangere Frauen und Alte – gefährdet.

Seit dem 13. April haben Armee und die im Süden der Provinz Bolivar aktiven Paramilitärs von Carlos Castano eine völlige Blockade über die ländlichen Gegenden der Landkreise San Pablo und Simiti verhängt, was die Versorgung der Flüchtlinge mit Lebensmitteln und Medikamenten unmöglich macht. In der Gegend herrscht akute Lebensmittelknappheit.

In der Stadt San Pablo patrouillieren mit Unterstützung von Armee und Polizei paramilitärische Gruppen auf den Straßen und kontrollieren die Bevölkerung. Mehrere Personen sind festgenommen worden, von denen einige gefoltert und umgebracht wurden, während andere „verschwunden“ sind. Gleichzeitig haben die uniformierten Paramilitärs die Bewohner mehrerer Stadtteile gezwungen, an Treffen teilzunehmen. Dort wurde ihnen angekündigt, daß diejenigen, die auf „Listen“ stehen, ermordet werden würden. Diejenigen, die sich weigerten, monatliche Beiträge an die Paramilitärs zu zahlen, könnten in Zukunft in San Pablo weder wohnen noch arbeiten.

Vor diesem Hintergrund fordern wir, daß die Regierung von Andres Pastrana die notwendigen Maßnahmen ergreift, um die in den genannten Ortschaften konzentrierten Flüchtlinge vor Bombardierungen zu schützen und ihnen humanitäre Hilfe zukommen zu lassen. …

Armee und Luftwaffe sollen die Rechte der Zivilbevölkerung respektieren, die Bombardierungen einstellen und die Lieferung von Lebensmitteln und Medizin zulassen. … (Weiter fordern wir,) daß die Guerilla das Internationale Recht beachtet und keine kriegerischen Aktionen entwickelt, die die Zivilbevölkerung gefährden. …“

Santa Fe de Bogota, 22.April 1999

Centro CLEBER Asociacion para la Promocion Social Alternativa MINGA Anwaltskollektiv JOSE ALVEAR RESTREPO SEMBAR CINEP Comite de Solidaridad con los Presos Politicos Fundacion HUMANIDAD VIGENTE

BRASILIEN

Vorsitzender der Bischofskonferenz wiedergewählt

(Sao Paulo, 23. April 1999, alc-Poonal).- Der 66jährige Bischof Jaime Chamello von Pelotas im Bundesstaat Rio Grande do Sul ist in seinem Amt als Vorsitzender der brasilianischen Bischofskonferenz von seinen Kollegen bestätigt worden. Sie stimmten mehrheitlich für ihn und nicht für seinen Gegenkandidaten, den 64jährigen Claudio Hummes, Erzbischof von Sao Paulo. Die Wahl erweckte über die Grenzen der katholischen Kirche hinaus Interesse. Unter dem Vorsitz von Chamello hatte die Bischofskonferenz immer wieder zu gesellschaftlichen Fragen Stellung genommen und vor allen Dingen die Wirtschafts- und Agrarpolitik der Regierung Cardoso scharf kritisiert. Daran wird sich nun voraussichtlich nichts ändern. Hummes hat dagegen einen konservativeren Ruf.

Die kritische Haltung gegenüber der Regierung bestätigte auf dem Treffen der Bischöfe der Vorsitzende der Landkommission, Tomas Balduino. Er warnte vor einer verlangsamten Agrarreform, wie sie nach jüngsten Regierungsmaßnahmen zu erwarten sei. Zum einen sind die Einrichtungen der Behörde für Siedlung und Agrarreform (INCRA) in der staatlichen Institutionenhierachie abgewertet worden, zum anderen hat die Bundesregierung die Mittel für Landprogramme um 72 Prozent gekürzt und die Aufgabe den Bundesländern und Kommunen übergeben. Gerade dort aber haben die Landoligarchien ihre größte Macht.

Der Weihbischof von Curitiba und stellvertretende Vorsitzende der bischöflichen Landkommission, Ladislau Biernaski, klagte die Straffreiheit an, die die Gewalt auf dem Land gefördert habe. Von 1985 bis 1998 wurden im ganzen Land 1.156 Campesinos sowie Anwält*innen, GewerkschaftsführerInnnen und Pastoralmitarbeiter*innen, die mit der Landfrage zu tun hatten, ermordet. Unter der Regierung von Präsident Fernando Henrique Cardoso gab es bisher 166 Morde allein an Kleinbäuer*innen. Nur 86 der Täter kamen vor Gericht und nur zwei von ihnen wurden verurteilt. Von den 13 angeklagten intellektuellen Urhebern der Morde konnte alle das Gericht ohne Strafe verlassen.

ARGENTINIEN

Ex-Militärs raubten deutschstämmige Tochter –

Ermittlungen erreichen jetzt aktive Armeeangehörige

Von Marcos Salgado

(Buenos Aires, 26. April 1999, npl).- Unter den Säuglingen, die argentinische Militärs während der Diktatur (1976-1983) ihren inhaftierten Eltern raubten und „adoptierten“, befand sich auch die Tochter einer deutschstämmigen Familie. Der deutsche Staatsbürger Ruben Santiago Bauer und seine argentinische Frau Susana Pegoraro wurden im Oktober 1977 von einem Spezialkommando der Armee entführt und sind seitdem „verschwunden“. Ihre Tochter kam in einem geheimen Internierungslager der Marine im beliebten Badeort Mar del Plata südlich von Buenos Aires zur Welt.

Der Marineoffizier Policarpio Vazquez, damals selbst in der Marinebasis tätig, registrierte das Mädchen als seine Tochter unter dem Namen Evelyn Vazquez. Die heute 21jährige wuchs in Mar del Plata auf, in der Familie des Mannes, der vermutlich am Mord ihrer leiblichen Eltern beteiligt war. Jetzt ist sie in der verzweifelten Lage, mit ihrer liebgewonnenen Pflegefamilie und ihrer wirklichen Herkunft ins Reine zu kommen.

Über 200 Fälle solcher Kindesentführungen hat die Menschenrechtsorganisation „Großmütter der Plaza de Mayo“ bislang dokumentiert und den Gerichten übergeben. Die Justiz ermittelt, da das Delikt der Kindesentführung nicht unter die argentinischen Amnestiegesetze fällt. Inzwischen inhaftierte der Bundesrichter Adolfo Bagnasco sieben ranghohe Ex-Militärs, unter ihnen die ehemaligen Diktatoren Jorge Videla und Reynaldo Bignone. Trotz des schweren Vorwurfs, einen regelrechten Kindeshändlerring organisiert zu haben, stehen die meisten von ihnen wegen ihres hohen Alters nur unter Hausarrest.

Der Ex-Militär Vazquez befindet sich in Untersuchungshaft. Er sagte aus, das Mädchen „durch göttlichen Befehl“ bekommen zu haben, deswegen habe er es großgezogen. Aus Justizkreisen verlautete zudem, Vazquez habe der Untersuchungsrichterin Maria Servini de Cubria gegenüber die wirkliche Herkunft des Mädchens zugegeben. Zur endgültigen Klärung des Sachverhalts schlug die Richterin vergangene Woche einen Gentest vor, doch Evelyn Vazquez verweigerte die Durchführung. Auf Antrag der Familien Bauer und Pegoraro wurde der Gentest dann gerichtlich angeordnet – ein Novum, denn in den bisher 60 Fällen wurde eine solche Untersuchung nur mit Einwilligung der betroffenen Kinder durchgeführt. Nach Intervention der Verteidigung des Ex-Militärs Vazquez wurde der Gentest jetzt auf unbestimmte Zeit ausgesetzt.

Inzwischen haben die Ermittlungen in Sachen Kindesraub erstmals auch aktive Militärs erreicht. Richter Bagnasco befragte Ende vergangener Woche den General Martin Balza, derzeitiger Chef der argentinischen Armee, sechs Stunden lang zur Sache. Balza beteuerte, daß die Armee keinerlei Unterlagen über die „illegale Repression“ habe, und erinnerte daran, daß 1983 auf Befehl des damaligen Armeechefs Nicolaides alle Dokumente verbrannt worden seien. Zu seiner Person sagte Balza, er sei bis 1978 in Peru stationiert gewesen und habe sich später nichts zu Schulden kommen lassen.

Die Zweifel von Menschenrechtlern an dieser Version könnten kommende Woche untermauert werden: Für Anfang Mai hat Richter Bagnasco einen der Untergebenen von Balza, General Eduardo Cabanillas, zur Aussage geladen. Cabanillas stand zu Diktaturzeiten in Verbindung mit dem als „Automotores Orletti“ bekannten Folterzentrum, wo nachweislich Kinder von Inhaftierten zur Welt kamen. Sollte Cabnillas zur Aussage erscheinen, könnte er, wie einige Ex-Militärs vor ihm, verhaftet werden. Dann wäre er der erste aktive Armeeangehörige, der im Zusammenhang mit den Kindesentführungen in Untersuchungshaft sitzt.

Protest gegen NATO-Krieg auf dem Balkan

(Rosario, 27. April 1999, alc-Poonal).- In Rosario, der zweitgrößten argentinischen Stadt, fand am 19. April ein Protestakt gegen den Angriff der NATO auf Jugoslawien statt. Eine Menschenkette säumte die zentralen Straßen von Rosario. Zu den Teilnehmer*innen gehörten Gruppen aus fast allen gesellschaftlichen Bereichen. Die bekanntesten Persönlichkeiten waren Bürgermeister Hermes Binner sowie der Co-Präsident des Weltkirchenrates, Bischof Federico Pagura. Die Forderung richtete sich auf einen sofortigen Waffenstillstand.

„Die aufrufenden Organisationen und Personen dieser Menschenkette verlangen die dringende Gesprächsaufnahme zwischen den Protagonisten dieser kriegerischen Konfrontation… sowie den Stop der internen Zusammenstöße innerhalb der Bundesrepublik Jugoslawien“, heißt es in einem Dokument, das auf der Veranstaltung verlesen wurde. Das perverse Konzept des humanitären Krieges, ausgearbeitet von den Ideologen der Großmächte, basiere auf Argumenten, die nicht nur falsch seien, sondern töricht, so der von dem Journalisten Miguel Angel Ferrari verfaßte Text.

Mit dem vorgegebenen Ziel, die Sicherheit der Bewohner*innen albanischer Herkunft zu garantieren, solle die Tatsache verborgen werden, daß die UNO übergangen und internationales Recht verletzt werde, so das Dokument. Kein Land und keine Militärallianz habe das Recht, ein souveränes anderes Land anzugreifen. UNO-Charta und die eigenen Regeln der NATO würden verletzt.

In dem Dokument wird die „ethnische Säuberung“ der Milosevic- Kräfte wie „jede Verletztung der Menschenrechte“ verurteilt. Doch zugleich habe die NATO bei anderen Massakern wie dem, das die Türkei gegen die kurdische Bevölkerung durchführe, Passivität gezeigt. Die wirklichen Motive für den „humanitären Krieg“ seien die geopolitischen Absichten einiger Mächte, das Streben der USA, ihre weltweit unanfechtbare Führung auf militärischem Gebiet zu bekräftigen und das Ziel, neue Waffen auszuprobieren und alte zu verbrauchen. Damit könne die maßlose Erhöhung des US- Militärbudgets gerechtfertigt werden.

Viel Geld in Steuerparadiesen

(Buenos Aires, 25. April 1999, pulsar-Poonal).- Das von Argentinier*innen ins Ausland gebrachte Geld übertrifft achtmal die Summe, die Bundesstaat, Länder, Gemeinden und karitative Einrichtungen zusammen ausgeben, um die Gesundheitsversorgung des 36 Millionen Bewohner*innen zu sichern. Schätzungen des Wirtschaftministeriums zufolge haben die Argentinier*innen 90 Milliarden US-Dollar im Ausland geparkt. Und dies vorzugsweise in Uruguay, der Schweiz, im us-amerikanischen Miami, auf den Kaimaninseln und auf den Bermudas. Um die vom argentinischen Gesetz vorgeschriebenen Steuerzahlungen zu umgehen, sind diese Gelder nur teilweise deklariert. Die Argentinier*innen ziehen es vor, ihr Kapital in den sogenannten „Steuerparadiesen“ unterzubringen, in denen Ausländer*innen keine Steuern zahlen und ein absolutes Bankgeheimnis herrscht.

In den letzten Jahren greifen Argentinier*innen, die Geld im Ausland haben und Kapital benötigen, immer häufiger auf „Eigenkredite“ zurück. Sie tun so, als ob ihnen ein ausländisches Unternehmen Geld leiht, womit sie Steuern sparen und sogar die Einkommenssteuer drücken können. Mit den 90 Milliarden Dollar könnten 90 Prozent der argentinischen Auslandsschuld beglichen werden.

LATEINAMERIKA

Nachhaltige Landwirtschaft, Teil IV

(Lima, März 1999, na-Poonal).- Unsere Mitgliedsagentur Noticias Aliadas aus Lima hat sich in einem Special kritisch mit der „grünen Revolution“ und den Chancen einer wirklich nachhaltigen Landwirtschaft in der Region auseinandergesetzt. In loser Folge veröffentlicht Poonal mehrere Artikel daraus. Im vierten Teil behandelt Pascale Bonnefoy die Schattenseite chilenischer Exporterfolge im Agrarbereich. Stefanie Boyd thematisiert den Pestizideinsatz auf dem Kontinent.

Folgen des Exportanstiegs in der chilenischen Landwirtschaft Von Pascale Bonnefoy

(Lima, März 1999, na-Poonal).- In der vergangenen 25 Jahren haben sich die chilenischen Exporte um den Faktor 15 vervielfacht. 90 Prozent dieser Exporte kommen aus vier Zweigen der chilenischen Wirtschaft: Bergbau, Landwirtschaft, Fischerei und Forstwesen. Allein die Ausfuhr von Obst brachte dem Land 1997 eine Milliarde Dollar ein, der Export von Holz zwei Milliarden. In beiden Fällen ist das zehn Mal so viel wie vor zehn Jahren. Der Obstexport begann mit einer Steuererleichterung. Zunächst für die Traubenproduktion, die heute die Hälfte der Frischfruchtexporte ausmacht. Später dehnte sich diese Politik auf die Produktion von Äpfeln, Birnen, Pfaumen, Pfirsichen und Kiwis aus.

1974 gab es 63.000 mit industriellen Plantagen beflanzte Hektar in Chile. 20 Jahre später, 1994, waren es bereits 185.000 Hektar. Der Anbau befand sich hauptsächlich noch in der Hand mittelständischer Produzenten. Heute ist die Obstproduktion praktisch in ihrer Gesamtheit in die Hände transnationaler Unternehmen wie Dole, United Trade Company, Unifruti und Chiquita übergegangen. Der Exportboom hat dem Land zwar höhere Einkünfte verschafft, doch der Preis dafür ist hoch, vor allem für die Arbeiter und die Umwelt.

„Es gab zwar eine wirtschaftliche, aber keine soziale Entwicklung“, betont der Sekretär der Nationalen Bauernvereinigung CNC, Pedro Minay. Von den unzähligen Landarbeitern haben nur 150.000 Arbeitsverträge. Etwa 600.000 sind Teilzeitkräfte ohne Sozialversicherung und Sozialleistungen und in der Regel sechs Monate im Jahr ohne Arbeit. „Es gibt im Süden Arbeiter, die 1.800 Kilometer weit in den Norden fahren, um die erste Traubenernte einzufahren und nur die Hälfte des Lohns zu kassieren, den ein Arbeiter aus der Gegend verdienen würde“, erklärt Minay. Die land- und forstwirtschaftlichen Teilzeitarbeiter haben kein Streikrecht und kein Recht auf kollektive Verhandlung ihrer Arbeitsverträge. Wenn ihre Agenten, die sogenannten „Enganchadores“, die versprochenen Arbeitsbedingungen nicht einhalten, können sie nur auf Gerechtigkeit hoffen, denn die Firmen haben keinen direkten Kontakt mit ihnen.

Eins der Hauptprobleme, das die Teilzeitarbeiter genauso wie die ortlichen Gemeinden und die Umwelt betrifft, ist der intensive Einsatz von Schädlingbekämpfungsmitteln. Zwischen 1970 und 1993 stieg der Pestizidimport auf das 23fache. In Chile kommen Dutzende von Schädlingsbekämpfungsmitteln zum Einsatz, die auf der UN-Liste als für den Menschen gefährlich eingestuft sind. Laut den Autoren des vom Lateinamerikanischen Observatorium für Umweltkonflikte und dem Institut für politische Ökologie herausgegebenen Studie „Schädlingsbekämpfungsmittel in Chile: Der chemische Krieg und seine Opfer“ beachten die Exportfirmen nicht einmal die minimalen Sicherheitsnormen. Bei längerem Einfluß von Pestiziden entwickelten sich außer Tumoren und Leber-, Hirn-, Lungen- und Blutkrebs auch Anomalien der Nieren, des Nerven- und Immunsystems und des Reproduktionsapparats. Die Belastungen von Wasser und Böden seien hoch.

Andererseits hat die extensive Monokultur die genetische Vielfalt eingeschränkt, die Böden erodiert und Flora und Fauna so geschwächt, daß sie anfälliger für Krankheiten geworden sind. Zur Zeit sind lediglich 5 Prozent der chilenischen Landfläche für die Landwirtschaft geeignet. Die Regierung hat am Rande einige ökologische Erfahrungen in landwirtschaftlichen Bereich gefördert, die zur Wiederherstelung von Böden und der biologischen Vielfalt dienen sollen. Dahinter steht jedoch die Absicht, damit organische Produkte für europäische und nordamerikanische Märkte zu exportieren.

Bei der Unterstützung handelt es sich nicht um Subventionen oder weiche Kredite für die Landwirte, sondern wesentlich um die Einhaltung der Zertifikatsnormen für diese Produkte. Zu diesem Zeitpunkt existieren zwei nationale Institutionen, die berechtigt sind, Zertifikate für organische Produkte auszustellen. Die europäischen Konsumenten sind es, die sich für eine nachhaltigere Landwirtschaft in Chile einsetzen. Vor kurzem schickte England eine Ladung chilenischen Wein zurück. Er war in einer Zone mit hohem Pestizideinsatz produziert worden. Der Wein selbst wies keine Rückstände auf, doch die Aktion machte den Verantwortlichen bewußt, daß sie internationale Umweltstandards einhalten müssen.

„Die Regierung spricht eine doppelte Sprache. Sie weigert sich, die Umweltnormen einzuhalten oder gar zu verbessern und hat keine politische Ansätze in diesem Bereich vorzuweisen,“ erklärt Sara Larrain vom Chile-Nachhaltig-Programm. „Wenn jedoch ein ausländischer Käufer verlangt, daß die Verpackungen aus biologisch abbaubarem Material gemacht werden, wird dies sofort gemacht.“ Das von Larrain geleitete institutionenübergreifende Projekt arbeitet politische Vorschläge für ein nachhaltiges Entwicklungsmodell in Chile aus. Es gibt einige agro-ökologische Erfahrungen, die von Nicht-Regierungsorganisationen und Zusammenschlüßen organischer Produzenten vorangetrieben werden. Auch in den exportorientierten Bereichen organischer Produktion gibt es Ansätze, die sich vor allem am potentiell guten Geschäft der externen Märkte orientieren.

Andere Landwirte haben sich an die ökologischen Methoden erinnert, weil sie keine Mittel für modernere Produktionsmethoden haben. „Sie benutzen keine Pestizide, beachten die Fruchtwechselfolge, arbeiten mit lokal vorkommenden Pflanzen und benutzen eine vielfältiges Umweltdesign, indem sie Obst- und Gemüseanbau und Forstwirtschaft kombinieren. Auf diese Art schützen sie sie die landwirtschftliche Vielfalt ihres kleinen Hofes,“ sagt der Präsident der agrókologischen Bewegung Chiles MACH, Patricio Yañez. Das Netzwerk unterstützt Bauern und Bauernverbände bei der Umsetzung nachhaltiger Landwirtschaft. „Wir versuchen sie zu dafür sensibilisieren, die bereits eingesetzten Methoden zu potenzieren und nicht auf die Monokultur umzusatteln, sobald sie ein wenig mehr Geld zur Verfügung haben,“ fügt er hinzu.

Pestizide – Der Langsame Tod

Von Stephanie Boyd,

(Lima, März 1999, na/ips-Poonal).- Jahr für Jahr sterben weltweit 200.000 Menschen aufgrund von Pestizideinsatz, drei Millionen Menschen erleiden Vergiftungen. Dies meldet das Pestizid- Aktionsnetz RAP. In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle sind es Bauern in der Dritten Welt, die von den Pestiziden direkt betroffen sind. Hier gibt es wenig angemessenene Sicherheitsausrüstungen und die Ausbildung ist mangelhaft. Die direkte Einwirkung von Pestiziden auf den menschlichen Körper erschwert die Atmung, verstopft und führt zu Hautausschlägen. Die langfristigen, von Pestiziden verursachten Schäden, sind die schlimmsten.

Da viele dieser chemischen Produkte, wie beispielsweise das DDT, speziell für Langzeitwirkungen entwickelt wurden, konnten die Wissenschaftler nachweisen, daß es vor allem durch die Nahrungskette von den Pflanzen über die Tiere zu den Menschen gelangt. Säuglinge erhalten hohe Dosen DDT durch die Muttermilch. Eine in Nicaragua durchgeführte Studie der Internationalen Gesundheitsbehörde OMS registrierte in der Muttermilch Dosen, die 45fach über den von der OMS zugelassenen DDT-Werten lagen. Giftige Chemikalien wie das DDT sind in den USA und Europa schon lange verboten, doch in den meisten lateinamerikanischen Ländern sind die Umweltschutzbestimmungen lax oder sie werden einfach umgangen.

DDT, BHC und andere giftige Chemikalien sind nach wie vor im Gebrauch, vergiften Wasser, Böden und Nahrungsmittel. Die honduranischen Bananenarbeiter haben ihre Arbeitgeber nach dem Einsatzes von Nemagon wegen Erbschäden, Sterilität und einer Reihe weiterer Gesundheitsprobleme auf Schadenersatz verklagt. Im Februar 1998 enthüllte der Leiter des im nördlich gelegenen Departament Yoro gelegenen Krankenhauses von Olanchito, Omar Gonzalez, daß 18 von 2.000 Neugeborenen in der Gegend mit nicht entwickelten Gehirnen zur Welt gekommen waren. González zufolge begann das Problem 1997, als der US-amerikanische Bananenproduzent Standard Fruit damit begann, die Plantagen nachts mit Gift zu behandeln.

Einer Studie der Zentraluniversität von Venezuela zufolge sind 48 bis 75 Prozent der Wasserproben, die in den Ebenen des zentral gelegenen Bereichs Guarico aus den Kanälen entnommen werden, mit Pestiziden verseucht. Das Wasser dient dazu, die Reisfelder zu bewässern. „Muttermilchproben in der Zone wiesen zu 43 Prozent organochlorierte Insektizide auf,“ schreibt Ivonne Alvarado in dem Bericht. Die organochlorierten Insektizide sollen das Hirnkrebsrisiko erheblich erhöhen und zu Schwangerschaftsabbruchen und Mißbildungen des Fötus führen.

Umweltschützer und Wissenschaftler wie Aziz Lagnaoui vom internationalen Kartoffelzentrum CIP in der peruanischen Hauptstadt Lima halten den Einfluß der großen Pestizidhersteller für das Haupthindernis. Das CIP fördert in bestimmten Programmen eine integrierte Landwirtschaft, die natürliche Schädlingsbekämpfer, Fruchtwechsel und angepaßte Technologien einsetzt, um in jeder Vegetationsperiode weniger Pestizide ausbringen zu müssen. Lagnaoui zufolge senke ihr Programm die Kosten für Schädlingsbekämpfung von 700 auf 350 Dollar pro Hektar. Der Wissenschaftler kritisiert die agressiven Verkaufskampagnen agrochemischer Unternehmen in den Gegenden, wo das CIP-Programm zur Anwendung kommt.

Den Bauern würden Subventionen und Preisnachlässe beim Kauf von Pestiziden angeboten und Posters und Hemden geschenkt. „Wir gehen davon aus, daß die weiße Fliege die Bohrfliege und ähnliche Plagen, die in der landwirtschaftlich genutzten Küstenzone Perus vorkommen, im Wesentlichen auf unangemessenen Pestizideinsatz zurückzuführen sind,“ sagt Lagnaoui. Die Produzenten würden überall Pestizide einsetzen, wo sie Parasiten heranwachsen sähen. Das könnte zwölf oder 13mal pro Vegetationszyklus sein, sagt er. Doch die gegen erwachsene Insekten gerichteten Pestizide töteten alle Tiere, auch die unschädlichen, die die schädlichen auffressen. Ein weiterer negativer Effekt der Pestizide ist die Entwicklung von Resistenzen, was die Landwirte zu noch höheren Dosen an Gift veranlasse.

Dem Worldwatch Institute zufolge reduzieren Plagen und Schädlinge die Ernte heutzutage im Schnitt um ein Drittel, das ist genauso viel wie vor dem massiven Einsatz von Pestiziden. 1938 seien sieben Insekten- und Milbenarten chemikalienresistent gewesen. 1998 waren es 447, darunter die weltweit verbreitetsten Plagen. Im Nordosten Mexikos hat der die Baumwolle befallende Bohrwurm eine Resistenz gegen jegliche Art im Handel befindlicher Insektizide entwickelt. In den sechziger Jahren fiel die Baumwollproduktion in der Gegend von 280.000 Hektar auf 400 Hektar ab und noch immer wird dort kaum Baumwolle angebaut.

Die weiße Fliege, die vor 70 Jahren erstmals in Brasilien auftauchte, frißt sich seit zehn Jahren überall durch die Kulturpflanzen, weil auch sie gegen jegliches Mittel resistent ist. Bei für sie günstigen Klimaverhältnissen, die unter anderem vom Niño-Phänomen hervorgerufen werden, hat die Plage enorme Schäden im Soja-, Baumwoll-, Obst- und Gemüsebau hervorgerufen. Experten sind sich darüber einig, daß die Resistenz der weißen Fliege auf den exzessiven und unangemessenen Einsatz von Pestiziden zurückzuführen ist. In Brasilien jedoch, einem der Hauptkonsumentenländer für Pflanzengifte weltweit, wächst die agrochemische Industrie weiter. 1997 verzeichnete sie einen Jahresumsatz von 1,86 Milliarden Dollar und ein Wachstum von 21 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Für die Umweltschutzorganisationen sind die fehlenden internationalen Regelwerke das Haupthindernis, um gegegn die Pestizide vorgehen zu können. Der Leiter der Anti-Gift-Kampagne des Weltforums für Wildpflanzen, Clifton Curtis, kritisert, die internationalen Verträge seien zu lax, weil sie den Einsatz der Gifte nicht vollkommen ausschlössen. „Die Regierungen müßten endlich Maßnahmen ergreifen, um die giftigen Chemikalien loszuwerden, statt nur zu reden und damit die dringend notwendigen Entscheidungen herauszuschieben.“

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