Poonal Nr. 374


Deutsche Ausgabe des wöchentlichen Pressedienstes lateinamerikanischer Agenturen Nr. 374 vom 26. Februar 1999

Inhalt


GUATEMALA

MEXIKO

EL SALVADOR

HONDURAS

MITTELAMERIKA

ECUADOR

CHILE

KOLUMBIEN

PARAGUAY

ARGENTINIEN

BRASILIEN

PERU


GUATEMALA

„Erinnerung an das Schweigen“ – 3.400 Seiten über Folter und Mord

Bericht der Wahrheitskommission klagt die Armee des Völkermords an

Von Gerardo Herrero

(Mexiko-Stadt, 25. Februar 1999, npl).- Fast täglich graben Gerichtsmediziner und Anthropologen im Dorf San Francisco neue Überreste der vermutlich 400 Opfer eines Massakers aus. Vor nunmehr 17 Jahren brannte die guatemaltekische Armee die entlegene Maya-Siedlung nieder. Indigenas galten den Militärs als „natürlicher Verbündeter“ der Guerilla. Allein in der Maya-Region Ixil zerstörten Soldaten drei Viertel aller Dörfer, sie folterten und mordeten in staatlichem Auftrag.

Das damalige Regime wird jetzt formell des Genozids angeklagt: Zwischen 1981 und 1983 sei die Aufstandsbekämpfung im guatemaltekischen Bürgerkrieg in einen Völkermord an den Mayas ausgeartet, so der offizielle Bericht der Wahrheitskommission, der am Donnerstag in der Hauptstadt vorgelegt wurde. Zwei Jahre lang sammelte die Kommission unter dem Vorsitz des deutschen Rechtsprofessors Christian Tomuschat Informationen über den Krieg zwischen Guerilla und Regierung in Guatemala. Die Auswertung Tausender Zeugenaussagen durch 269 Spezialisten aus über 30 Ländern nahm so viel Zeit in Anspruch, daß die Veröffentlichung des Berichtes mehrmals verschoben werden mußte.

Präsident Alvaro Arzu, Guerillakommandanten, Militärs und Angehörige der Opfer wie die Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchu kamen in Theater „Miguel Angel Asturias“ zusammen, um den von der UNO finanzierten Bericht entgegenzunehmen. Auf 3.400 Seiten ist der Horror zusammengefaßt: „Guatemala – Erinnerung an das Schweigen“. An die 200.000 Opfer kostete der Krieg von 1962 bis 1996, 45.000 von ihnen sind bis heute verschwunden. Hinzu kommt eine Million Vertriebene. Wie in allen Kriegen litt vor allem die Zivilbevölkerung unter der Gewalt.

Schon im Vorfeld hatte Tomuschat erklärt, daß in keinem anderen Land Lateinamerikas so viele Menschenrechtsverletzungen wie in Guatemala geschehen seien. Wie frühere Studien kommt er zu dem Ergebnis, daß Armee und Regierung für den überwiegenden Teil der Gewalttaten verantwortlich waren. 93 Prozent der 626 dokumentierten Massaker gehen der Wahrheitskommission zufolge auf das Konto der Militärs. Die Zahlen sollen jedoch nicht die Guerilla entschuldigen. Auch den Einheiten der URNG wurden Verbrechen nachgewiesen. Sie habe sich aber bei der Aufklärung vergangener Greueltaten wesentlich kooperationsbereiter als die guatemaltekische Armee gezeigt, so Tomuschat.

Auch wenn im Friedensabkommen von 1996 beschlossen wurde, daß der Bericht keine Namen der Verantwortlichen nennen darf, wird er Einfluß auf die Zukunft des mittelamerikanischen Landes nehmen. Empfehlungen der Kommission bezüglich weiterer Reformen im Militär und eines Mandats für unabhängige Organisationen zur Entschädigung der Opfer sind laut Friedensvertrag für alle Seiten verbindlich. Auch die USA und Kuba, die im Rahmen des Kalten Krieges in den Krieg in Guatemala investierten, sollen sich am Wiederaufbau Guatemalas beteiligen.

Der Bericht, der auf Spanisch, Englisch und mehreren Mayasprachen verfaßt ist, verhehlt nicht, daß Gewalt in Guatemala weiterhin an der Tagesordnung ist. Weihbischof Juan Gerardi, der vor 10 Monaten einen Bericht der katholischen Kirche über Kriegsverbrechen vorgestellt und die Armee angeprangert hatte, fehlte im Theater „Miguel Angel Asturias“. Zwei Tage nach Veröffentlichung seines Berichts wurde er ermordet. Bis heute ist der Fall ungeklärt: Während die Kirche zwei ehemalige Militärs der Tat beschuldigt, verhaftete die Staatsanwaltschaft zuerst einen Obdachlosen und beschuldigte später einen Priester. Von Wahrheit bislang keine Spur.

Mario Orantes frei – weitere Ermittlungen geplant

(Guatemala-Stadt, 18. Februar 1999, cerigua-Poonal).- Nach über siebenmonatiger Untersuchungshaft ist der Priester Mario Orantes freigelassen worden. Richter Henry Monroy entschied, die Staatsanwaltschaft habe nicht genügend Belege, um Orantes die Beteiligung an dem Mord an Bischof Gerardi im April 1998 nachzuweisen. Der Richter beschloß nach der Anhörung von Verteidigung und Anklage den Gerardi-Fall vorübergehend zu schließen. Das Justizministerium müsse seine Ermittlungen zu dem Mord an dem Bischof erweitern, um die Motive und die Verantwortlichen festzustellen. Er wies die Ermittler an, den vom erzbischöflichen Menschenrechtsbüro kürzlich als Zeugen benannten Taxifahrer anzuhören.

Friedensbrigaden gehen nach Hause

(Guatemala-Stadt, Februar 1999, cerigua-Poonal).- Nach 16jähriger Arbeit in Guatemala, um die Leben von Menschenrechtler*innen und Mitgliedern der Volksorganisationen zu schützen, verlassen die Internationalen Friedensbrigaden (PBI) das Land. Ihre ständige Präsenz sei nicht mehr nötig, begründeten sie die Entscheidung. In den vergangenen Jahren habe es Fortschritte bei der Wahrung der Menschenrechte gegeben. Trotz aller bestehenden Beschränkungen gehe es in Guatemala vorwärts. „Die Tage des authentischen Terrors, als die einfache Meinungsäußerung lebensgefährlich für einen selbst und andere war, sind vorbei“, so die PBI in einem Statement. Im Laufe der Jahre arbeiteten hunderte Freiwillige für die Friedensbrigaden. Sie nutzten ihren Status als Ausländer, bedrohten Aktivist*innen als unbewaffnete Leibwächter einen gewissen Schutz zu bieten. „Von den Friedensbrigaden begleitet zu werden, war so etwas wie eine Lebensversicherung“, erinnerte Vinicio Hernandez vom Gewerkschaftsdachverband UNSITRAGUA. Er äußerte gleichzeitig die Befürchtung, der Beschluß der PBI komme verfrüht.

MEXIKO

Durchsuchung bei der Presseagentur CERIGUA

(Mexiko-Stadt, 16. Februar 1999, pulsar/cerigua-Poonal).- Am 14. Februar wurde das Büro der guatemaltekischen Nachrichtenagentur CERIGUA von mutmaßlichen Angehörigen der mexikanischen Bundesstaatsanwaltschaft PGR durchsucht. Zeugenaussagen zufolge begann die Aktion am Sonntag morgen um acht Uhr, als sich kein Journalist von CERIGUA in den Räumen aufhielt. Joaquín Pérez, in Mexiko-Stadt für das Büro der Agentur verantwortlich, sagt, er wisse nicht, weshalb die Durchsuchung stattgefunden habe. Die Einbrecher hätten ein Aufnahmegerät, Bargeld und eine Videokamera mitgenommen. Ein Raubüberfall sei es aber auch nicht gewesen, denn mit Ausnahme einiger kleiner Schäden sei sonst nichts mitgenommen worden, obwohl sich durchaus wertvollere Gegenstände in den Räumen befunden hätten. Es schiene, als hätten entweder die Männer etwas Spezielles gesucht oder es habe sich um einen Einschüchterungsversuch gehandelt, vermutete Perez.

Möglicherweise hat es sich auch um ein Versehen gehandelt. Nach Meinung von CERIGUA könnte das eigentliche Ziel auch der Vormieter gewesen sein, ein Archäologe, der die Räume des heutigen Agenturbüros zuvor bewohnt hatte. Mitglieder der mexikanischen Bundesstaatsanwaltschaft bestätigten, daß ähnliche Operationen am selben Wochenende in den Häusern mehrerer Archäologen stattgefunden hätten. Dabei geht es um die Ermittlungen gegen einen Händlerring, der archäologische Fundstücke verkauft. Die Lateinamerikanische Journalistenvereinigung (FELAP) verurteilte in einem Brief an Bundesstaatsanwalt Jorge Madrazo Cuellar den Einbruch und forderte eine umfassende Aufklärung. FELAP-Präsident Luis Suarez nannte den Vorgang eine Verletzung der Pressefreiheit. Cuellar hat eine Untersuchung angekündigt.

EL SALVADOR

Wahlmüdigkeit

(San Salvador, 17. Februar 1999, pulsar-Poonal).- Nur knapp ein Drittel der salvadoranischen Wähler wird Umfragen zufolge zur Präsidentschaftswahl gehen. Aufgrund kaum neuer Vorschläge und des Gefühls, von den politischen Parteien nur als Stimmvieh benutzt zu werden, habe in dem zentralamerikanischen Land eine enorme Wahlmüdigkeit Einzug gehalten, fand das Meinungsforschungsinstitut der jesuitischen Universidad Centroamericana bei einer Anfang Februar durchgeführten Umfrage heraus. Die Politiker*innen geben sich beunruhigt. Die Wahlen sind für den 7. März angesetzt und Beobachter*innen gehen allgemein davon aus, daß eine Stichwahl nötig sein wird, um den Sieger herauszufinden. Die regierende rechte ARENA ist allerdings gegenüber der ehemaligen Guerillaorganisation FMLN klar favorisiert, auch wenn letztere den Abstand in den vergangenen Wochen verkürzen konnte.

HONDURAS

Kanadische Bergbaufirma verseucht einzigen Süßwassersee

(Tegucigalpa, 21. Februar 1999, pulsar-Poonal).- Das kanadische Bergbauunternehmen American Pacific entreißt dem honduranischen Boden erhebliche Mengen an Zink, Blei und Kupfer. Aber statt den Arbeitern und der Region im Austausch dafür Wohlstand zu liefern, bringt es den langsamen Tod. Die Firma hat alte Maschinen und Technologien im Einsatz, die den Yojoa-See, den einzigen Süßwassersee des Landes vergiften. Doch damit nicht genug. Viele Arbeiter leiden an einer Staublunge und Atemwegserkrankungen. Wenn ein Beschäftigter von American Pacific erkranke und die Chefetage dies mitbekomme, werde der Betreffende schlicht und einfach entlassen, erklärt der Abgeordnete der linksgerichteten Partei Unificación Democrática, Matías Fúnez. Dies geschehe zudem ohne die gesetztlich vorgesehen Garantien und Zahlungen. Die American Pacific hat etwa tausend Arbeiter unter Vertrag und operiert im Gebiet El Mochito, 150 Kilometer von der Hauptstadt Tegucigalpa entfernt. Die Einwohner*innen der Gegend unterstützen die Anklage von Fúnez mit ihren Aussagen. Sie erleben täglich mit, wie die Firma zyanidhaltige Abfälle in den Fluß leitet, der den Yojoa-See speist.

MITTELAMERIKA

Vermintes Feld

Von Paul Jeffrey

(Tegucigalpa, Februar 1999, na-Poonal).- Calixto Carranza dachte, er wüßte alles über Anti-Personen-Minen. Sein ganzes Leben lang wohnte und arbeitete er im Grenzgebiet zwischen Nicaragua und Honduras. So wie viele Bauern der Gegend konnte auch Calixto genau die Unterschiede zwischen den verschiedenen Minentypen beschreiben, die das bittere Erbe des Krieges zwischen Sandinisten und Contras während der 80er Jahre sind. Doch der Wirbelsturm Mitch machte alle Kenntnisse Carranzas zunichte, denn er änderte die Geographie des Grenzstreifens. Ganze Flüße verlaufen nach dem Sturm anders, viele Minen blieben unter dem Schlamm versteckt, mit dem die Felder bedeckt sind.

Zwei Wochen nach Mitch, am 18. November, gingen Carranza und andere Männer seines Dorfes aufs Feld, um dort Wassermelonen zu pflanzen. Zeugen berichten später, Carranza hätte so etwas wie einen Wagenheber gefunden, der aus dem Schlamm ragte. Er holte das Metallobjekt heraus und war dabei, es mit seiner Machete zu öffnen, als es explodierte. Carranzas Körper flog 20 Meter weit durch die Luft, auch der nebenbei stehende Cándido Ortiz starb. Fünf weitere Männer erlitten schwere Verletzungen.

Der Explosivkörper war eine Panzermine und niemand weiß, woher sie kam. Sowohl die Contras, als auch die sandinistische Armee haben während der 80er Jahre reihenweise Minen entlang der Grenze ausgelegt. Nach dem Ende des Krieges blieben sie dort. Sie verhindern in ausgedehnten Landstrichen eine angemessene Kultivierung des Bodens, behindern die Entwicklung der Dörfer und machen die Wiedereingliederung von Heimkehrern unmöglich.

Tausende Menschen, in ihrer Mehrzahl arme Bauern und deren Familien, sogar Kinder, die Feuerholz oder Wasser suchten, wurden getötet oder verstümmelt. Die Straßen der kleinen Grenzdörfer sind voll mit Leuten, die ein künstliches Bein haben. In Honduras sind mehr als 200 Menschen durch die Minen gestorben. Eine Gruppe von Opfern hat wegen der erlittenen Verletzungen die Regierung der Vereinigten Staaten verklagt, weil diese die Contra-Armee finanziell unterstützte.

Auf beiden Seiten der Grenze wird schon eifrig entmint. Die Organisation Amerikanischer Staaten (OEA) kündigte einen umfangreichen Plan an, demzufolge im Jahre 2005 das gesamte Gebiet von Minen befreit sein soll. Doch auch hier änderte Mitch alle Pläne. Viele Minen sind nicht mehr dort, wo Militärs und Anwohner sie identifiziert hatten. Einige Dutzend Brücken haben die Wassermassen des Sturms mitgerissen, mindestens eine ist von einer Treibmine gesprengt worden. Im nicaraguanischen Waslala starb im November ein 16jähriger, als er im Fluß badete.

Die verantwortlichen staatlichen Stellen äußern mittlerweile unisono, es werde wohl länger dauern als vorhergesehen, den Landstrich von den Minen zu säubern. Die Landwirte der Zone weigern sich aber, weiterhin als Versuchskaninchen bei der Minensuche zu dienen.

Splitter derselben Mine, die Carranza und Ortiz tötete, zerfetzten den Kiefer des 17jährigen José Fúnez. Vater Reynaldo Fúnez mußte seinen verletzten Sohn drei Stunden zur nächsten Straße tragen, wo er einen Bus anhielt, der die beiden nach Choluteca brachte. Von dort wurde der Junge dann per Flugzeug nach Tegucigalpa geflogen. Nach 17 Tagen Aufenthalt in einem Krankenhaus der Hauptstadt ist José wieder zu Hause. Für die Zeit der Weiterbehandlung ist sein Kiefer mit Drähten festgebunden. Vater und Sohn zweifeln, ob sie in naher Zukunft wieder aufs Feld gehen werden, doch es ist das einzige, was sie gelernt haben. „Nachdem wir gesehen haben, wie die anderen starben, haben wir Angst, arbeiten zu gehen“, sagen sie.

ECUADOR

Mord an Oppositionspolitiker – Regierungsversion wenig glaubwürdig

(Quito, 21. Februar 1999, alai/pulsar-Poonal).- Es war ein besonders trauriger Aschermittwoch. Am 17. Februar wurden der linke Abgeordnete Jaime Hurtado und zwei seiner Mitarbeiter ganz in der Nähe des Parlamentes erschossen. Die Hintergründe der Tat sind bisher nur für die Regierung geklärt. Am vergangenen Freitag machte Staatspräsident Jamil Mahuad umringt von seinen Ministern und hohen Polizeifunktionären kolumbianische Paramilitärs für die Tat verantwortlich. Diese hätten angeblich gewußt, daß Hurtado eine Guerillagruppe in Ecuador habe gründen wollen.

Die Partei Demokratische Volksbewegung (MPD), der Hurtado angehörte sowie Menschenrechtsorganisationen und andere Gesellschaftsgruppen wiesen die offizielle Version über das Motiv des politischen Verbrechens zurück. Erzbischof Alberto Luna Tobar aus der Stadt Cuenca hat erklärt, der Polizeibericht hinterlasse mehr Lücken und Zweifel als Gewißheiten. Kriminolog*innen meinen, auch wenn gesagt werde, die Täter wären Profis, so seien die Spuren so kindlich gelegt, daß alles auf eine Montage hinweise, damit Polizei und Regierung in gutem und die MPD dafür aber in schlechtem Licht erscheine.

Die MPD macht in Stellungnahmen die Regierung für den Mord verantwortlich. Es gebe einen offiziellen Plan, das Land als Antwort auf die Unzufriedenheit der Bevölkerung über die neoliberale Politik zu militarisieren (noch am 5. Februar gab es einen erfolgreichen Generalstreik; die Red.). Ciro Guzmán, wichtigster Sprecher der MPD kommentierte, es sei sehr verdächtig, daß Hurtado wenige Stunden nach dem Antrag ermordet worden sei, den Verteidigungsminister vor das Parlament zu zitieren. Der Minister sollte zu seinen Vorwürfen gegen die MPD Stellung nehmen, in der er die Partei für „subversive Aufstände“ in den vergangen Monaten verantwortlich machte.

Die Militärs haben Informationen an die Presse durchsickern lassen, nach denen die MPD eine militärische Struktur aufbaut, die unter dem Namen Gruppe der Volkskämpfer fungiert. Die MPD wird als politischer Arm der Marxistisch-Leninistischen Kommunistischen Partei Ecuadors angesehen. Als Beweis wird angeführt, bei einigen StudentInnendemonstrationen hätten die Protestierenden Schußwaffen mitgeführt. Um die Unterdrückung zu rechtfertigen, entgegnet die Partei, es habe sich bei diesen Personen in Wirklichkeit um „infiltrierte Agenten“ gehandelt. Offenbar war es Absicht von Hurtados Initiative, den Verteidigungsminister genau zu dieser Angelegenheit zu befragen.

Der Ermordete war ein Anwalt afrikanischer Abstammung. Zweimal trat er als Präsidentschaftskandidat an. Er gehörte zu den Parlamentsabgeordneten, die sich am schärfsten gegen die Wirtschaftspolitik und das Gebahren der amtierenden Regierung wendeten. Wenige Stunden vor seiner Ermordung wandte sich Jaime Hurtado im Kongreß gegen ein Gesetz, daß Schuldenerleichterungen für einige große Firmen vorsieht, die enge Verbindungen zu Mitgliedern der mitregierenden sozialchristlichen Partei haben. Statt „für die Reiche Gesetze zu verabschieden“ sollten den kleinen Landwirten die Schulden gestrichen werden, forderte Hurtado.

CHILE

Colonia Dignidad: Neue Beweise für Zusammenarbeit mit Geheimdienst

Von Guillermo Espinoza Astorga

(Santiago de Chile, 24. Februar 1999, npl). – Die berüchtigte deutsche Enklave „Colonia Dignidad“ ist erneut ins Zentrum des politischen Lebens in Chile geraten. Vergangene Woche stellte Juan Guzman Tapia, Sonderstaatsanwalt des chilenischen Justizministeriums einen Strafantrag gegen die Führungspersonen von Villa Baviera (Bayrisches Dorf), dem Zentrum der Kolonie. Die Anklage lautet: Bildung einer illegalen Vereinigung und enge Zusammenarbeit mit dem chilenischen Geheimdienst DINA.

Die Beschuldigungen könnten die entgültige Zerschlagung von Villa Baviera bedeuten. Sonderrichter Guzman, der 14 Strafanzeigen wegen gewaltsamen „Verschwindenlassens“ und „extralegalen Hinrichtungen“ gegen Ex-Diktator Augusto Pinochet vertritt, bestätigte, daß mindestens 55 politische Funktionäre und „Verschwundene“ in die deutsche Kolonie verschleppt wurden. Guzman vermutet jedoch, daß die Gebeine der „Verschwundenen“ auf dem Gelände der Colonia Dignidad nicht mehr auffindbar sein werden. Einer Hypothese des Juristen zufolge, seien sie an einen anderen Ort gebracht worden, als Ende der 80er Jahre absehbar war, daß das Ende der Pinochet- Diktatur nahte.

Mercedes Fernandez, Präsidentin der Gruppe der Angehörigen von Verschwundenen aus Parral-Linares, einem Ort in der Nähe von Villa Baviera, erklärte, daß sich die Spur aller 48 Verschwundenen des Ortes in der Colonia Dignidad verliert. Fernandez ist voller Hoffnung, daß „die neuen Anklagen gegen die deutsche Kolonie dieses Mal zur Verurteilung der Verantwortlichen führen.“

Auch die Beweise für enge Verbindungen zwischen dem chilenischen Geheimdienst DINA und der Colonia Dignidad scheinen sich zu erhärten. Laut Guzman beschränkte sich die Zusammenarbeit nicht nur auf gemeinsame Repressionsmaßnahmen gegen politische Gegner der chilenischen Militärdiktatur (1973-1990). Manuel Contreras, ehemaliger Chef des Geheimdienstes und der flüchtige Paul Schäfer, faschistoid-autoritärer Führer der Colonia, wickelten auch Grundstückskäufe miteinander ab. Mindestens drei der Ländereien, die heute zu Villa Baviera gehören, wurden von Contreras an Schäfer verkauft. Die Transaktionen wurden über Scheinfirmen des DINA und Strohmänner von Schäfer durchgeführt.

Guzman begleitete einige der überlebenden Folteropfer zurück in die Colonia Dignidad, um die Kooperation zwischen der sektenartig strukturierten deutschen Kolonie und der chilenischen Militärdiktatur bei Folter und Mord von politischen Gefangenen aufzudecken. Eine der Zeuginnen ist Adriana Borquez. Sie wurde 1975 in der Nähe von Villa Baviera festgenommen. In einem Interview berichtet sie über ihren alptraumartigen Aufenthalt in Villa Baviera: „Ich bin davon überzeugt, daß die Colonia Dignidad ein Versuchslabor zur Erprobung von Foltertechniken ist. Es gab dort alles, was man sich nicht vorstellen möchte. Viele starben dort an den Folgen der Folter.“

Die Untersuchung der Wahrheits- und Versöhnungskommission kommt in dem sogenannten „Rettig-Bericht“ zu dem Schluß, daß mindestens eine der vom chilenischen Geheimdienst festgenommenen Personen in der Colonia Dignidad starb. Es handelt sich um Alvaro Vallejos Villagran. Er wurde im Mai 1974 in der Hauptstadt Santiago von DINA festgenommen. Der damals 25jährige war Aktivist der chilenischen Befreiungsbewegung MIR. Nachdem er in verschiedenen chilenischen Gefängnissen für politische Gefangene gesehen worden war, wurde er laut dem Rettig-Bericht, „in die Colonia Dignidad gebracht. Seitdem hatte man nichts mehr von ihm gehört.“

Für die chilenischen Menschenrechtsaktivisten ist der neue Strafantrag der Staatsanwaltschaft gegen die deutsche Enklave ein gewaltiger Fortschritt in Richtung Wahrheit und Gerechtigkeit für die Opfer der chilenischen Militärdiktatur. Nach Ansicht von Sergio Ojeda, Präsident der Menschenrechtskommission in der Abgeordnetenkammer ist „der chilenische Staat das erste Mal ein juristischer Akteur im Verfahren gegen die Colonia Dignidad, was uns Hoffnung gibt, daß dieser schreckliche Fall endlich einmal zur Verurteilung kommt.“

Papst will Pardon für Pinochet

Von Guillermo Espinoza Astorga

(Santiago de Chile, 19. Februar 1999, npl). – Die Bitte aus dem Vatikan um Nachsicht mit Pinochet aus „Gründen der Humanität und im Namen der nationalen Versöhnung Chiles“ hat die Debatte im Andenland ein weiteres Mal angeheizt. Kurz vor der erwarteten Entscheidung der britischen Lordrichter über den Fall Pinochet ist die politische Landschaft Chiles polarisierter denn je. Zwei starre Lager stehen sich gegenüber.

Die rechtsgerichteten Anhänger Pinochets und das Regierungsbündnis aus Christ- und Sozialdemokraten wollen den Ex-Diktator um jeden Preis nach Chile zurück bringen. Sie argumentieren mit der Wahrung der nationalen Souveränität Chiles sowie mit der Immunität des Despoten als ehemaliger Staatschef und Senator auf Lebenszeit. Linke und demokratische Kräfte hoffen weiterhin darauf, daß die Lordrichter Pinochet die Immunität aberkennen und ihn an Spanien ausliefern, damit er in Madrid vor Gericht gestellt wird. Sie hoffen auf einen Prozeß der Wahrheitsfindung über die Menschenrechtsverbrechen während der Militärdiktatur (1973-1990) und auf Gerechtigkeit für die Opfer.

In jedem Fall brach die Festnahme Pinochets das Schweigen über die etwa 5.000 „Verschwundenen“ sowie der mehr als 50.000 von der chilenischen Geheimpolizei DINA Gefolterten. Der Fall löste eine breite öffentliche Debatte über die Unfähigkeit der seit neun Jahren amtierenden Zivilregierung aus, die fast 5.000 Anzeigen wegen Menschenrechtsverletzungen in Chile vor Gericht zu bringen. Lediglich 12 der angezeigten Fälle sind den juristischen Weg gegangen und nur drei davon kamen zur Verurteilung. Pinochet selbst wurde aufgrund des von ihm selbst verabschiedeten Amnestiegesetzes in all den Jahren juristisch nie tangiert. Diese Tatsachen geben den demokratischen und linken Kräften die Sicherheit, daß Pinochet in Chile niemals vor Gericht gestellt würde. Experten gehen allerdings davon aus, daß die Aberkennung der Immunität die Atmosphäre der Spannung in Chile noch erhöhen und sich in erneuten gewalttätigen Ausschreitungen der Pinochet- Anhänger auf den Straßen entladen könnte.

Die chilenische Regierung unter Staatspräsident Eduardo Frei befindet sich in einem schwerwiegenden Konflikt. Gut informierte Kreise gehen davon aus, daß die offene Positionierung der Koalition für Pinochet eindeutig auf den Druck des chilenischen Militärs zurück zu führen ist. Sollten die Bemühungen der Regierung von Erfolg gekrönt sein und die Freilassung Pinochets erwirken, muß die Regierung einerseits der internationalen Gemeinschaft zusichern, ihn in Chile vor Gericht zu stellen und gleichzeitig das Militär und die chilenische Rechten „beruhigen“.

Die radikale Rechte kündigte bereits an, einen „Höllensturm“ loszutreten, falls Pinochet die Immunität aberkannt wird. In der gleichen Erklärung apellierten sie sogar an die chilenische Armee, gegebenenfalls eine militärische Intervention ein zu leiten. James Garay, Vorsitzender des Jugendverbandes der Pinochet-Stiftung drohte: „Wir werden meinem General bis zur letzten Konsequenz verteidigen. Alle sollen wissen, daß alle wissen, daß er nicht alleine ist, solange er seine chilenische Jungend hat.“ Gonzalo Towsend, Präsident der Bewegung für die Einheit der „Pinochetistas“ und Neffe des Ex-Diktators wirft der chilenischen Regierung vor, „sich in Bastarde verwandelt“ zu haben, weil sie das „Regierungsbündnis mit der sozialistischen Partei nicht endgültig aufkündigen“. Die Regierung solle, so Towsend, „alle Beziehungen zu den Sozialdemokraten abbrechen, die gemeinsam mit der kommunistischen Partei die Souveränität unseres Landes an die spanische und britische Monarchie verkauft haben“.

Gleichzeitig ließ Viviana Diaz, Sprecherin der Vereinigung der Angehörigen von Verschwundenen, verlauten, daß die Angehörigen der Opfer der Militärdiktatur ständige Mahnwachen und Demonstrationen durchführen werden, bis in London eine Entscheidung gefallen ist. Diaz erklärte: „Wir sind voller Hoffnung, daß der Fall zu unseren Gunsten entschieden und Pinochet nach Spanien ausgeliefert wird. Im Falle einer gegenteiligen Entscheidung werde wir weiter kämpfen, bis wir Wahrheit und Gerechtigkeit für unsere Angehörigen erreicht haben.“

Pablo Longuiera, Abgeordneter der demokratischen unabhängigen Union, eine rechte Partei, die heute noch offen der Militärdiktatur nachtrauert, brachte einen „offenen Brief an die Chilenen“ von Pinochet aus London mit. Er soll am Tag der Urteilsverkündung – egal wie sie ausfällt – in der Presse veröffentlicht werden. Sollte die Entscheidung zugunsten des ehemaligen Generals ausfallen, will Pinochet, laut Longuiera einen „weiteren Brief an das chilenische Volk“ richten. Darin möchte er erklären, was es für ihn bedeutete, seit Oktober in London inhaftiert gewesen zu sein. Sicherlich wird der Brief jedoch kein „Pardon“ an die Teile des chilenischen Volkes enthalten, die unter seiner „eisernen Hand“ zu leiden hatten.

KOLUMBIEN

Mehr als 40 Tote bei jüngsten militärischen Auseinandersetzungen

(Bogotá, 19. Februar 1999, pulsar-Poonal).- Bei den jüngsten Gefechten zwischen der Armee und der FARC-Guerilla sind mindestens 40 Menschen ums Leben gekommen. Die Auseinandersetzungen ereigneten sich in einem ländlichen Gebiet der Gemeinde Arauquita, etwa 350 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt. Nach Angaben eines Armeespreechers richtete sich die Aktion gegen eine Gruppe von Guerilleros, die Entführungen durchführe. Die Armee benutzte Flugzeuge und Hubschrauber zur Bombardierung der Guerillastellungen im Urwald. Die Kämpfe sind die blutigste Auseinandersetzung seit Ende vergangenen Jahres. Nach der Entmilitarisierung eines 42 Quadratkilometer großen Gebietes durch Präsident Andrés Pastrana hatte die Gewalt merklich abgenommen. Vor diesem Rückzug, der den Friedensverhandlungen dienen sollte, war es zum letzten Mal im November zu Gefechten gekommen. Die FARC hatte damals die Stadt Mitú im Landkreis Vaupés angegriffen. Die Aktion hinterließ 50 Tote.

Menschenrechtsorganisationen in der Defensive

(Bogotá, 23. Februar 1999, alc-Poonal).- Zwei Menschenrechtseinrichtungen haben beschlossen, die Arbeit ihrer Büros an verschiedenen Orten des Landes einzustellen, weil es keine Sicherheitsgarantien gibt. Die konfessionsübergreifende Kommission von Justicia y Paz wird ihre Büros in der Stadt Trujillo, Provinz del Valle, geschlossen halten. Sie klagt, die Regierung reagiere nicht auf die Forderung nach mehr Sicherheit angesichts der Drohungen durch paramilitärische Gruppen. Diese haben ihre Einschüchterungsaktionen verstärkt und mehrere Morde in der Region begangen, die sie als „soziale Säuberung“ bezeichnen.

Das Solidaritätskomitee mit politischen Gefangenen sieht ebenfalls keine andere Wahl, als die Büros in Bogotá, Cali, Medellín, Cúcuta, Ibagué und Barranquila zu schließen. Die Mitglieder bekommen Todesdrohungen und die Regierung unternimmt keine Schutzmaßnahmen.

Im Landkreis Trujillo wurden von 1988 bis 1994 mehr als 300 Personen gefoltert, hingerichtet oder verschwanden. Justicia y Paz ermittelte in diesen Fällen und erhob Anklage vor der Interamerikanischen Menschenrechtskommission (CIDH). Diese vereinbarte mit der kolumbianischen Regierung eine Untersuchungskommission. Deren Arbeit resultierte in konkreten Empfehlungen für Aktionen gegen die Straffreiheit und einer Wiedergutmachung für die Opfer. Die Regierung ging nie auf die Empfehlungen ein.

Stattdessen verstärkte sich die Präsenz der paramilitärischen Gruppen. Die Mitglieder von Justicia y Paz sowie der Vereinigung der Familienangehörigen der Opfer wurden verstärkt Zielscheiben von Todesdrohungen in Trujillo. Nach Angaben von Justicia y Paz haben die Paramilitärs unter den Augen der gleichgültigen oder komplizenhaften Behörden Kontrollposten auf den Straßen errichtet, treffen sich ohne Einschränkungen in Gemeindeinrichtungen und erhalten offen Waffenausrüstung.

Der Krieg ist grenzübergreifend

(Bogotá, 17. Februar 1999, ac-Poonal).- Der interne Krieg Kolumbiens wirkt sich ständig auf die Außenpolitik gegenüber den Nachbarstaaten aus. Das zeigte sich in den vergangenen Tagen deutlich. So hat das kolumbianische Außenministerium sofort die Erklärungen des peruanischen Präsidenten Alberto Fujimori in Washington als Einmischung in die inneren Angelegenheiten zurückgewiesen. Fujimori, Präsident des Nachbarlandes Peru, hatte die Militarisierung der Grenze als Schutzmaßnahme gegen mögliche Angriffe der FARC angekündigt und die Friedensgespräche kritisiert. Beobachter sehen in Fujimoris Äußerungen aber auch ein neues Argument zur Rechtfertigung weiterer Kredite der Interamerikanischen Entwicklungsbank, um die hohen Militärausgaben Perus zu decken, nachdem die Auseinandersetzungen mit Ecuador beendet wurden.

Ähnlich sind die ecuadoreanischen Präsidenten vorgegangen. Schon seit Jahren verstärkt Ecuador seine militärische Präsenz entlang der gemeinsamen Grenze mit Kolumbien am Putumayo-Fluß. Ebenso ist ein guter Teil der militärischen Anstrengungen Venezuelas seit langer Zeit auf die Verfolgung von Guerillagruppen in den Nachbarstaaten gerichtet. Mehrfach löste die Behandlung, die Armee und Regierung anderer Länder kolumbianischen Flüchtlingen zukommen ließen, bereits Protest aus. Diese sind in der Regel unerwünscht. Panama, bis zu Beginn dieses Jahrhunderts noch eine kolumbianische Provinz, schickte beispielsweise 1997 zahlreiche Flüchtlinge aus dem Nachbarland zurück.

Die schmutzige Seite von Peñalosa – Straßenhändler*innen vertrieben

(Bogotá, 17. Februar 1999, ac-Poonal).- Trotz Kritik setzt der Bürgermeister von Bogotá die Vertreibung von Straßenverkäufer*innen fort. Zahlreiche Betroffene haben Verfassungsbeschwerden eingereicht. Während das Verfassungsgericht mehr als 700 Beschwerden prüft, die von Straßenverkäufer*innen wegen Verletzung ihres Rechtes auf Arbeit eingereicht wurden, setzt der Bürgermeister Enrique Peñalosa seine „Säuberungskampagne“ in den öffentlichen Straßen der Hauptstadt fort, ohne den hunderten von Verkäufer*innen alternative Verkaufsorte anzubieten.

Am Sonntag, den 14. Februar wurden die Bewohner*innen Bogotás erneut Zeugen der Zerstörung von mehr als 250 Verkaufsständen von Straßenverkäufer*innen im Stadtteil San Victorino im Stadtzentrum. Es nützte nichts, daß viele der Betroffenen Mietverträge vorweisen konnten, welche ihnen von der Stadtverwaltung vor rund 15 Jahren ausgestellt worden waren. Ebensowenig zählten das Weinen und die Verzweiflung von zahlreichen neuen Arbeitslosen. Die Straßenverkäufer*innen klagten zudem an, daß die Vertreibung von der Stadtverwaltung nicht angekündigt worden war.

Die Bilder von Bulldozern, welche die metallenen Verkaufsstände zerstörten, zeigten ein der Administration Peñalosa würdiges Spektakel, die sich mehr um die „Säuberung“ des Aussehens von Bogotá sorgt, als um die Schaffung von Arbeitsprogrammen für die Straßenverkäufer*innen. Das Argument der Verschönerung Bogotás hat Vorrang und dies ließ auch der für den Stadtteil Santafé (in dem San Victorino liegt) zuständige Unterbürgermeister Diógenes Arrieta die Presse wissen: „Die Verkaufsstände sind voller Ratten und zudem muß das Aussehen dieser Plätze verändert werden.“ Inmitten der Vertreibungsaktion ging die Polizei mit Schlägen gegen einige Verkäufer*innen und Passant*innen vor. Zwei Polizisten traktierten mit Fausthieben und Fußtritten einen Journalisten der Zeitung „El Tiempo“, welcher über die Vertreibung berichtete.

Unterdessen sind die Bürgermeister der Stadtteile Santafé, Kennedy, Tunjelito, Fontibón, Chapinero und Engativá vor das Verfassungsgericht zitiert worden, um Rechenschaft über den von ihnen durchgeführten Vertreibungsprozeß abzulegen. Diese Vorladung ist Teil des internen Meinungsbildungsprozesses des Verfassungsgerichtes, um über die eingereichten Beschwerden der Straßenverkäufer*innen zu entscheiden. Letztere haben mit Unterstützung eines Teils der Hauptstadtbevölkerung eine Unterschriftensammlung begonnen, um die Absetzung des Bürgermeisters zu verlangen.

Seit der Übernahme des Bürgermeisteramtes im Januar 1998 hat Peñalosa tausende von Straßenverkäufer*innen vertreiben lassen und dies ausgerechnet in einer Zeit, in der die Wirtschaftskrise zu einer weiteren Verschärfung der Arbeitslosigkeit geführt hat. Von der Plaza San Victorino, einem historischen Platz, auf dem die Zentralstation der Metro Bogotás gebaut werden soll, möchte Peñalosa bis zu seinem Amtsende alle Straßenverkäufer*innen weg haben. Die Verkäufer*innen, die noch in dem Markt Antonio Nariño verbleiben, sind schon seit 35 Jahren dort, als sie von der damaligen Stadtverwaltung dorthin verwiesen wurden.

PARAGUAY

Wahl ohne Oviedo

(Asunción, 18. Februar 1999, pulsar-Poonal).- Der Oberste Gerichtshof hat den General a.D. Lino Cesar Oviedo aus dem nationalen Wählerverzeichnis gestrichen, da er rechtskräftig wegen Anzettelung eines Aufstands verurteilt ist. Oviedo wurde wegen eines versuchten Staatsstreichs gegen den damaligen Präsidenten Juan Carlos Wasmosy im Jahre 1996 im vergangenen Jahr rechtskräftig zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt. Nur wenige Monate später war der General wieder auf freiem Fuß. Sein politischer Ziehsohn, der amtierende Präsident Raúl Cubas, hatte per Dekret die Anullierung des Urteils verfügt. Der oberste Gerichtshof erklärte das Dekret nach einer Prüfung für nicht rechtskräftig. Cubas stellte daraufhin die Urteilskraft der Richter in Frage und ignorierte den Urteilsspruch.

ARGENTINIEN

Verschärfte Einwanderungsgesetze –

Rassismus der Behörden forciert Handel mit der Illegalität

Von Dafne Sabanes Plou

(Buenos Aires, 23. Februar 1999, alai-Poonal).- Juana Elena Aguilar ist empört und ratlos. Die Peruanerin lebt seit fünf Jahren legal in der argentinischen Stadt Cordoba. Als sie vergangene Woche ihre neu geborene Tochter Karina in das Geburtsregister der Stadt eintragen lassen wollte, stellten sich die Beamten quer. Sie warfen Juana vor, sie wolle nur deshalb eine Tochter mit argentinischer Staatsangehörigkeit haben, damit sie ihre Verwandten aus Peru ins Land holen kann. Dieses Vorgehen der Behörde ist gesetzlich absolut unzulässig, da bisher alle in Argentinien geborenen Kinder automatisch die Staatsbürgerschaft des Landes erhielten. Vorfälle wie dieser sind jedoch keine Seltenheit, seit Staatspräsident Carlos Menem im Januar einen Gesetzesentwurf zur Verschärfung der Einwanderungsbestimmungen vorgelegt hat. Der Entwurf wird derzeit im Nationalkongreß diskutiert und soll Ende Februar verabschiedet werden.

Die Initiative sieht zwar unter anderem eine härtere Ahndung des inzwischen üblichen Handels mit illegalen Immigrant*innen vor. Dazu gehört auch die strafrechtliche Verfolgung derjenigen, die Illegalisierten Arbeit und Unterkunft geben. Trotzdem richten sich die Restriktionen des Entwurfes vor allem gegen die Migrant*innen der angrenzenden Länder Peru, Bolivien und Paraguay. Die Einwanderungsgemeinden dieser Länder sind deshalb stark verunsichert. Nicht ohne Grund.

Die Bekanntmachnung der geplanten Verschärfung des Einwanderungsrechts hat eine neue Welle der Diskriminierung gegen Einwander*innen in der Öffentlichkeit ausgelöst. In der Hauptstadt Buenos Aires werden dutzende „ausländisch“ aussehender Menschen von der Polizei auf der Straße angehalten. Sie müssen sich ausweisen und ihre Herkunft bezeugen. Die Polizisten berurteilen nach eigenem Gutdünken, ob die Dokumente echt oder gefälscht sind. Befinden die Beamten letzteres, bleibt den kontrollierten Personen keine andere Handhabe, als die Angelegenheit mit einem „Schmiergeld“ zu regeln. Auf Nachfrage der Presse, wie denn die Polizei unter den Kontrollierten „Illegale“ ausmachen kann, antwortete der Chef der Nationalpolizei, daß die Beamten nach Form der Gesichtszüge und Farbe der Haut entscheiden sollten (sic!).

Eine fremdenfeindlich motivierte Erfahrung dieser Art mußte auch Jose Luis in der vergangenen Woche machen. Der junge Angestellte aus Jujuy, einem kleinen Ort nahe der Grenze zu Bolivien, arbeitet im Bankenviertel von Buenos Aires. Wie die Mehrheit der Bevölkerung dieser Region hat er indianisch geprägte Gesichtszüge. „Ich wurde von der Polizei festgehalten, weil ich bei einer Personenkontrolle meine Ausweispapiere nicht bei mir trug. Dabei hatte ich meinen Arbeitsplatz nur kurz verlassen, um mir ein Sandwich zum Mittagessen zu holen“, berichtet Jose Luis.

In Argentinien ist der Handel mit illegalen Einwander*innen zu einem florierenden Geschäft geworden. Häufig handelt es sich um Unternehmen, die Arbeitsuchende aus Bolivien, Paraguay und Peru in Lastwagen über unbewachte Grenzabschnitte im Norden des Landes bringen. Die illegal eingereisten Arbeitsmigrant*innen arbeiten auf den großen Bauprojekten oder als billige Erntehelfer auf den riesigen Obstplantagen, die wie ein Gürtel Buenos Aires umgeben.

Speziell in Peru gründen sich vermehrt Unternehmen, die preiswerte Reisen nach Argentinien organisieren. Jeden Tag verlassen mehrere Überlandbusse und Billigflüge das Land in Richtung Argentinien. Die Passagiere sind in der Mehrheit verarmte Peruaner*innen, die hoffen, im wohlhabenderen Argentinien ihr Glück zu finden. Für die Zusicherung von Arbeitsmöglichkeiten in Argentinien verlangen die Betreiber der Bus- und Flugunternehmen – die meisten von ihnen sind Scheinfirmen – von den Migrant*innen eine vergleichsweise hohe Summe Geld. Der Verdienst liegt in Millionenhöhe.

Auch Agenturen, die die für eine legale Registrierung notwendigen Dokumente herstellen, machen ihr Geschäft mit den Illegalisierten. Die Registrierung durch die argentinischen Einwanderungsbehörden kostet etwa 200 Dollar. Die Antragstellenden müssen dafür eine beglaubigte Kopie der Geburtsurkunde, ein polizeiliches Führungszeugnis des Herkunftslandes und einen Nachweis über die legale Einreise erbringen. Die Bearbeitung der Anträge kann einige Monate dauern. Die erwähnten Agenturen verlangen zwar das Doppelte für die Ausstellung der nötigen Papiere, stellen sie dann aber innerhalb weniger Stunden aus. Vertretungen dieser Firmen lassen sich in der Nähe der langen Schlangen von Anwärter*innen nieder, die darauf warten einen Einreiseantrag bei der Migrationsbehörde zu stellen.

Die Immigrant*innen werden durch die im Vergleich zu den Nachbarländern relativ hohen argentinischen Löhne angelockt. Eine Hausangestellte in Buenos Aires beispielsweise verdient etwa fünf Dollar pro Stunde, wenn sie stundenweise arbeitet und rund 400 Dollar im Monat, wenn sie ganztägig beschäftigt ist und im Haus des Arbeitgebers wohnt. Ein Maurer verdient zwischen 30 und 50 Dollar am Tag. Die Mindestlöhne in Bolivien oder Parguay hingegen liegen bei nicht einmal 80 Dollar im Monat. Außerdem sind die öffentlichen Bildungseinrichtungen in Argentinien der kostenlos, ebenso wie die Gesundheitsversorgung der staatlichen Krankenhäusern. Diese sind zwar gezwungen ihre Dienste aufgrund der staatlichen Strukturanpassungspolitik einzuschränken, bieten aber weiterhin zumindest eine kostenlose gesundheitliche Basisversorgung ohne Diskriminierung bestimmter Bevölkerungsgruppen an.

In der Hauptstadt sind die Lichter ausgegangen

(Buenos Aires, 21. Februar 1999, pulsar-Poonal).- Große Teile der argentischen Hauptstadt sind den sechsten Tag in Folge ohne Strom. Obwohl das private Stromversorgungsunternehmen Edesur versicherte, den Schaden schnellstmöglich zu beheben, sind immer noch mindestens 20.000 Haushalte ohne elektrische Energie. Nach Angaben einiger Techniker waren von dem Stromausfall am Montag mindestens eine halbe Million Menschen betroffen. Am Freitag warfen erboste Stromkunden Müll gegen die Fassade des Unternehmens und errichteten Straßensperren. Unzähligen Haupstadtbewohnern vergammelten die Lebensmittel in den nicht funktionierenden Kühlschränken. Tausende blieben ausgerechnet an den heißesten Tagen des Jahres ohne Wasser. Die bisher vom Stromausfall verursachten Einkommensverluste kleiner und mittelständischer Unternehmen werden mit 900 Millionen Dollar beziffert. Energieminister César MacCarthy versichert, die Regierung werde Edosur gegenüber eine harte Position einnehmen. Der Blackout ist ein Schlag ins Gesicht von Präsident Menem, der sich die Privatisierung als wirtschaftliches Allheilmittel auf die Fahnen geschrieben hat, denn die restlichen Teile der Regierung wollen den Vertrag mit Edesur kündigen.

Unnütze Titel – Universitäts-Inflation am Rio de la Plata

Von Andrés Gaudin

(Buenos Aires, Februar 1999, na-Poonal).- Obwohl es in Argentinien jedes Jahr weniger Studenten gibt, steigt die Zahl der dortigen Universitäten in atemberaubendem Tempo an. Einerseits erhöhten sich die Zahlen der Abbrecher in den ersten beiden Studienjahren in den letzten drei Jahren von 81 auf 84 Prozent. Andererseits werden im Studienjahr 1999 sage und schreibe 22 Prozent mehr Magister- und Doktorstudiengänge angeboten als noch 1996. Die 700.000 Studenten können unter 1.217 verschiedenen Spezialisierungen wählen.

Erziehungsspezialisten registrieren das Phänomen mit zunehmender Besorgnis. Das gestiegene Angebot ist für sie gleichbedeutend mit einm Anstieg der Oberflächlichkeit. Gleichzeitig werde die Tendenz zur Spezialisierung verfestigt. Also genau das Gegenteil dessen, was sich weltweit abzeichnet: In immer stärkerem Maße werden breitgefächerte Studiengänge eingerichtet.

Alle 73 Tage eine neue Uni

Die Wurzel der heutigen Problematik kann in dem Dekret gesehen werden, mit dem Carlos Menem wenige Wochen nach seinem Amtsantritt die Privatisierung des Bildungswesens vorantreiben wollte. Damals hatte der argentinische Staat 33 Hochschulen und nur sieben waren in privater Hand. Heute gibt es 36 staatliche Universitäten und 51 private. Zwölf weitere Einrichtungen funktionieren schon als Hochschulen, warten aber noch auf die amtliche Genehmigung, um als Universitäten gelten zu können. Zwischen 1989 und 1998 wurde im Schnitt alle 73 Tage eine Universität gegründet.

Vor dem Neoliberalismus war Bildung Sache des Staates. Die zunehmende Privatisierung des gesamten Erziehungssektors kann an den Zahlen des Staatshaushalts gut abgelesen werden. Vor zehn Jahren widmete Argentinien der Erziehung noch 1,83 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, in diesem Jahr werden es nur noch 0,47 Prozent sein. Das benachbarte Chile gibt mit 5,6 Prozent ungleich mehr aus. Konkret heißt das: Das 34 Millionen Einwohner zählende Argentinien gibt umgerechnet 1,38 Milliarden US-Dollar für die Bildung aus, während die 14 Millionen Chilenen sich die Ausbildung ihres Nachwuchses 2,87 Milliarden kosten lassen.

In den ersten Jahren der Privatisierung „war es Mode, Marketing, Verkauf und Unternehmensführung zu studieren, weil die Jugendlichen in diesen Fächern einen Ausweg aus der schlechten Arbeitsmarktlage sahen“, sagt Juan Carlos Pugliese, der im Erziehungsministerium in der Kommission für die Beurteilung der Universitäten sitzt. „Heute wollen die jungen Leute zwar eher Ökologie studieren, allerdings kümmern sie sich nicht sehr um die Qualität der angebotenen Studiengänge.“

Käselöcherdiplom im Ingenieurswesen und akademischer Puppenspieler

Für den Erkenntnistheoretiker Gregorio Klimovsky ist das ganze Phänomen ein einziges, großes Geschäft: „Die Tendenz geht ganz klar in Richtung übertriebene Spezialisierung, mit Titelchen, die schon künstlich riechen.“ Einige der neugeschaffenen Spezialisierungen seien lächerlich, während doch in der heutigen Zeit der permanenten technologischen Änderungen genau das Gegenteil gebraucht werde: eine flexible und breitgefächerte Ausbildung, vor allem in den Grundstudien und in der Allgemeinbildung. „Doch wenn das so weitergeht, wird es bald einen Doktor in Ingenieurwesen zur Herstellung von Löchern im Käse geben“, schimpft er.

Ein Blick in die Vorlesungsverzeichnisse gibt Klimovsky recht. Die Universität Belgrano bietet nach vier Jahren Studium das „Diplom in Reisebüroangelegenheiten und Tourismus“ an. In Quilmes kann man nach der gleichen Studienzeit seinen „Magister in Komposition mithilfe elektroakustischer Medien“ erhalten und in der Universität El Salvador den „Magister für Konferenzdolmetscher in Portugiesisch“. Die Universität Centro de Buenos Aires bietet nach wenig mehr als drei Jahren gar ein „Puppenspielerdiplom“ an und das Instituto Superior Isayc – eins der zwölf noch im Antragsverfahren steckenden Institute – erteilt nach drei Jahren Studiendauer einen „Doktor in Innenausstattung“.

Zur Zeit werden in Argentinien 116 unterschiedliche Diplomstudiengänge angeboten, die in Richtung Betriebswirtscchaft gehen. Davon sind 43 Verwaltungs-, 42 Banken- und Finanz- sowie drei Vermarktungsstudiengänge. Bei sozialer Kommunikation, was von Journalismus bis zu allgemeiner Öffentlichkeitsarbeit reicht, gibt es 53 Fächer zur Auswahl, während die Informatik in 30 Sparten aufgefächert ist. Beim Design gibt es 13 Doktor- oder Diplomstudiengänge, die von Firmenbildentwurf bis zur Garten- und Landschaftsgestaltung reichen. Beim Erziehungsministerium liegen 913 weitere von den Privatuniversitäten beantragte Studienprogramme vor, mit denen weitere Doktor- und Diplomtitel angeboten werden können.

Nach Expertenmeinung ist dieses Angebot oberflächlich und zu sehr auf die Hauptstadt und die großen Städte im Landesinnern konzentriert, wo die Schwerpunkte bei Informatik und Wirtschaftswissenschaften liegen. „Es ist ganz klar, daß es hier ums Geschäft geht und nicht um Bildung“, sagt Claudia Yasán, die an mehreren Oberschulen die abgehenden Schüler orientiert. Sie erklärt, daß nur diejenigen, die es bezahlen könnten, auch Zugang zu diesen Spezialgebieten hätten. „Es reicht doch, zu beobachten, daß alle diese unnützen Titelchen verschwinden, wenn es darum geht, einem armen Schüler aus dem Landesinnern ein reelles Angebot zu machen. Ein solcher Schüler hat nämlich keine Zeit und kein Geld zu verschwenden, bloß um hinterher zu sagen, er habe ein Diplom in irgendwas.“

Der ehemalige Dekan der medizinischen Fakultät an der staatlichen Hochschule in Buenos Aires, Guillermo Jaime Etcheverry erklärt, was er ironischerweise „die wunderbare Vermehrung des Wissens“ nennt. Das private Überangebot an Bildung gehe nicht mit einer steigenden Zahl an Forschungslaboratorien oder Biliotheken einher, sondern „wir sehen uns einem spektakulären Fall von universitärer Abenteuerlichkeit gegenüber, dem die jüngste Erfindung der `verlängerten Unterrichtsräume` noch die Krone aufsetzt.“ Hinter diesem Begriff verbirgt sich eine Art akademischen Franchisings, mit dem einige private Universitäten weit entfernt von ihrer Zentrale Zweigstellen installieren dürfen. In der Regel tun sie dies in den geschlossenen Wohnvierteln, wo die reichsten Teile der Gesellschaft leben.

„Wir Lateinamerikaner müssen Augen im Nacken haben“ –

Interview mit dem argentinischen Regisseur Fernando Birri zu

seinem neuen Film „El Siglo del Viento“ Von Donata Dröge

(Berlin, 14. Februar 1999, npl).- El siglo del viento (Das Jahrhundert des Sturms) ist der neueste Film von Fernando Birri. Der heute 75-jährige argentinische Regisseur ist einer der Protagonisten des neuen lateinamerikanischen Kinos. Sein Film ist eine Chronik des 20. Jahrhunderts auf dem lateinamerikanichen Kontinent, die die poetische Erzählung „Erinnerungen an das Feuer“ des uruguayischen Schriftstellers Eduardo Galeanos wiedergibt. Wie das Buch ist der Film eine Collage: Dokumentarische Passagen, ähnlich einer Wochenschau, wechseln sich ab mit einem Puppenspiel, das die Lebensgeschichte eines gewissen Miguel Marmol erzählt. „El siglo del viento“ ist im Rahmen der Filmfestspiele in Berlin uraufgeführt worden. Mit dem Regisseur sprach Donata Dröge.

Wer ist dieser Miguel Marmol, dessen Lebensweg ihr Film widerspiegelt?

Miguel Marmol ist eine reale Person gewesen – ein Freund und Bruder aus El Salvador, der sich immer wieder gegen die Mächtigen aufgelehnt hat und sich nie hat unterkriegen lassen. Für Eduardo Galeano und mich ist er eine Metapher für Lateinamerika. Miguel Marmol verkörpert diese Art von andauernder Verwandlung, von immer wiederkehrendem Tod und Wiederauferstehung, die auch der Kontinent durchlebt. Der reale Miguel ist nun tot. Aber die Utopie ist, daß er wieder geboren wird, daß es einen neuen Miguel gibt, oder auch drei, oder hundert, oder tausend neue Miguels.

Der Film legt nahe, es gäbe es immer zwei Seiten – hier die Herrschenden, dort das Volk. Gibt es einen solchen Dualismus heute noch?

Ich denke, dieser Dualismus existiert weiter. Man kann die Augen nicht vor der Wirklichkeit verschließen. Um die Wirklichkeit zu verändern, muß man ihr in die Augen schauen. Damit nicht genug: man muß auch durch sie hindurch blicken, um die Wirklichkeit zu sehen, die hinter der Wirklichkeit steckt.

Ich weiß, von Visionen zu reden, von Träumen, von Utopien, das ist heute ein bißchen aus der Mode gekommen. Und es sieht manchmal so aus, als ob die Zyniker recht behalten würden, die an gar nichts mehr glauben. Aber wer auch nur ein Minimum an historischem Bewußtsein hast, der weiß, daß es neben dem Zynismus immer auch die Utopie gegeben hat. Wir befinden uns gerade im einem sehr schwierigen Augenblick, da muß man sich nichts vormachen, es fällt uns sehr schwer, zu glauben, daß sich alles einmal zum besseren wendet.

Aber wenn du zurückschaust, dann kannst du Vertrauen bekommen, daß es auch einen Blick nach vorne geben kann. Eduardo Galeano hat einmal einen schönen Satz geschrieben: Wir Lateinamerikaner müssen Augen im Nacken haben. Mit anderen Worten: um voran zu kommen, müssen wir auch nach hinten blicken. Wir müssen uns der ganzen Niederschläge, aber auch unserer Erfolge bewußt werden. Die Befreiung von Spanien im vergangenen Jahrhundert, zum Beispiel, das war wirklich ein unglaublicher Akt, zumal die Umstände ja nicht gerade günstig waren.

Glauben Sie, daß die jungen lateinamerikanischen Regisseure der neunziger solche Augen im Nacken haben?

Ich glaube ja. Sie gehen anders damit um als die Leute meiner Generation, weil sie unter anderen Bedingungen arbeiten können. Uns war damals vieles noch nicht so klar, wir mußten uns viele Dinge erst erkämpfen – zum Beispiel die künstlerische Freiheit, verschiedenste Techniken und Formen zu nutzen. Die jungen Filmemacher gehen viel leichtfüßiger damit um, für sie ist diese Freiheit selbstverständlich. Was ich allerdings beobachte ist ein eher subjektiver, psychologischer Charakter der Filme. Die neuen Generationen wenden ihren Blick mehr nach innen. Sie glauben, nur wenn sich im Innern etwas verändert, können sich auch die Dinge draußen verändern. Ein Gedanke, den ich durchaus teile.

Was ist Ihr nächstes Projekt?

Ich arbeite an dem Film „Mal D'America“ – ein Film, den ich schon seit Jahren machen will, das Buch dazu habe ich zusammen mit Vasco Pratolini geschrieben. Ein großer italienischer Cineast, der leider schon gestorben ist.

„Mal d'America“ steht für ein Gefühl, das sehr typisch für Lateinamerika ist, besonders für Argentinien. So nannten die italienischen Einwanderer den Schmerz, den sie spürten, wenn sie nach langer Zeit zum ersten Mal aus Amerika nach Italien zurückkehrten: Sie hatten so lange darauf zu gelebt, das Fleckchen Erde wiederzusehen, auf dem sie geboren wurden. Aber als sie dann dort waren, erkannten sie es nicht wieder. Und sie bekamen Sehnsucht nach Amerika, auf italienisch „Mal D'America“.

BRASILIEN

Zölibat muß nicht sein

(Sao Paulo, 18. Februar 1999, alc-Poonal).- Zwischen 1970 und 1998 hat sich die Zahl verheirateter katholischer Priester in Brasilien verzwanzigfacht. Einem Artikel der auflagenstärksten brasilianischen Zeitschrift „Veja“ zufolge, waren es Anfang der 70er Jahre gerade einmal 200 verheiratete Priester, heute sind es mehr als 4.000. Jeder vierte der 15.000 brasilianischen Padres bricht somit das Zölibat. „Viele Anwärter treten mit 13 oder 14 ins Priesterseminar ein, wenn sie noch keine sexuellen Erfahrungen gemacht haben“, erklärt der Präsident der Vereinigung verheirateter Priester, Levy Lopes de Araujo der Zeitschrift Veja gegenüber. „In dem Alter versteht man noch nicht, was es heißt, das ganze Leben keusch zu sein.“ Alle Betroffenen seien weiterhin gläubig, und keiner habe sich bisher scheiden lassen, sagte Levy. Dem kanonischen Recht zufolge verlieren die Patres auch verheiratet nicht das Recht, Priester zu sein. Die katholische Kirche – übrigens als einzige der großen Weltreligionen – verhängte das Zölibat Veja zufolge im Jahre 1123. Dies habe im Wesentlichen weltliche Gründe gehabt. Ohne Nachkommen keine Erbansprüche, habe das Rezept zur ewigen Besitzanspruchssicherung Roms damals gelautet.

PERU

Ärger mit Cipriani

(Lima, 17. Februar 1999, alc-Poonal).- Nur siebzehn Tage nach Amtsantritt hat der neue Erzbischof von Lima, Juan Luis Cipriani Thorne, Ärger mit der peruanischen Bschofskonferenz (CEP). Nach einem Treffen mit seinem Freund Präsident Alberto Fujimori erklärte Cipriani, die Kirche sei kein Wirtschaftsexperte und der Papst sei nicht für einen Erlaß der Auslandsschulden. Mit diesen Äußerungen stellt sich Cipriani in glatten Widerspruch zur Unterschriftenaktion der peruanischen Kirche, mit der die Umwandlung der Auslandsschuld in Gelder für soziale Projekte unterstützt werden soll. Die mit der Aktion beauftragte Bischofskomission für soziale Aktionen (CEAS) erklärte einen Tag nach den Äußerungen des Erzbischofes, das in Mexiko verkündete Papstwort, nach dem die Kirche das Problem der Auslandsverschuldung nicht ignorieren könne, weil es die Ärmsten treffe, spreche eindeutig für die Aktion. Die unter dem Motto „Leben ist wichtiger als Schulden“ gesammelten Unterschriften sollen dem im Juni in Deutschland tagenden G-7-Wirtschaftsgipfel vorgelegt werden. Der Bischof von Tacna, Hugo Garaycoa Hawkins, erklärte unterdessen, Präsident Fujimori sei nur deshalb gegen einen Schuldenerlaß, weil er glaube, daß die Kreditwürdigkeit Perus unter einem solchen Schritt leiden könne.

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