Poonal Nr. 372


Deutsche Ausgabe des wöchentlichen Pressedienstes lateinamerikanischer Agenturen Nr. 372 vom 12. Februar 1999

Inhalt


CHILE

ARGENTINIEN

KUBA

GUATEMALA/KUBA

HONDURAS

NICARAGUA

KOLUMBIEN

PERU

BRASILIEN

BOLIVIEN/BRASILIEN

BOLIVIEN

VENEZUELA

PARAGUAY

LATEINAMERIKA


CHILE

Senat stimmt für Änderung der Strafgesetze bei Sexualdelikten

(Santiago de Chile, Februar 1999, fempress-Poonal).- Nach dem Abgeordnetenhaus hat nun auch der Senat einer Änderung des Strafgesetzbuches zugestimmt. Damit werden der Straffreiheit für Vergewaltigung und andere Sexualdelikte ein Ende bereitet. Mit den Änderungen ist nun die sexuelle Wahlfreiheit anerkannt. Bei Vergehen dagegen ist der Weg leichter, Klage zu erheben. Als Vergewaltigung wird in dem Gesetzestext die „fleischliche Annäherung ohne Zustimmung“ bezeichnet, sei sie vaginal, oral oder anal. Auch Vergewaltigung in der Ehe ist nun ein strafbares Delikt, bei dem die bloße Anzeige genügt, damit es zu einer Strafverfolgung kommt. Außerdem sind sexuelle Beziehungen zwischen Personen gleichen Geschlechts über 18 Jahren nun nicht mehr mit Strafe bedroht, die Gegenüberstellung bei Vergewaltigungen ist abgeschafft und Verwandte werden bei Sexualvergehen als Zeugen zugelassen.

ARGENTINIEN

Mit Gesetzen gegen Sexarbeit

(Buenos Aires, Februar 1999, fempress-Poonal).- Während die internationale Arbeitsorganisation OIT mit der Forderung, Prostitution offiziell anzuerkennen und als wirtschaftliche Aktivität steuerpflichtig zu machen, Staub aufwirbelt, schickt sich die Stadtregierung von Buenos Aires an, die Huren von den Straßen der Stadt zu verbannen. Der Artikel 71 des Gesetzes über Zusammenleben wurde in der Absicht, die Aktivität von Transvestiten und Prostituierten neu zu regeln, drastisch verschärft. Eine definitive Neufassung des Artikels wird seit Anfang Februar diskutiert.

Zwischen den Abgeordneten der in der Hauptstadt regierenden Oppositionsallianz von UCR und Frepaso gibt es keinen Konsens. UCR-Chef De la Rúa schlägt vor, jegliche Prostitution einfach zu verbieten. Der Abgeordnete und Parteikollege Christian Caram schlägt vor, die Prostitution an viele Orten zwar einzuschränken, nicht aber sie, sondern die „Skandale“ zu verbieten. „Die Skandale existieren doch gar nicht“, meint dagegen der Frepaso-Abgeordnete Eduardo Jozami. „Ich finde, wir sollten den Artikel so lassen, wie er ist. Wenn heute alle nach härteren Gesetzen rufen, tun sie das aus politischem Kalkül, vor allem De la Rúa (der Präsidentschaftskandidat der Allianz; die Red.). Das eigentliche Thema ist doch, daß 42 Komissare wegen ihrer Verbindungen zum Rotlichtmilieu aus dem Dienst scheiden mußten. Darüber sollten wir diskutieren und nicht darüber, wer sich hier am härtesten zeigt,“ fügt er hinzu.

Ex-Armeechefs müssen vor alten Archiven zittern

(Buenos Aires, 5. Februar 1999, comcosur-Poonal).- Der frühere Chef des größten argentinischen Armeebataillons erklärte gegenüber einem Radiosender in der Hauptstadt, „sehr klare schriftliche Instruktionen“ über die unter der Diktatur durchgeführte Repression zu besitzen. „Ich habe sie“, so Guillermo Suárez Mason. Er werde sie aber nur gegenüber der Justiz vorlegen. Die Einheit von Guillermo Suárez Mason wird für Dutzende Fälle von verschwundenen Personen verantwortlich gemacht. Vor der Richterin soll der Militär bereits erklärt haben, über das endgültige Schicksal der Verhafteten-Verschwundenen habe die Militärjunta entschieden.

KUBA

Todesurteile gegen Touristenmörder

(Havanna, Januar 1999, pl/comcosur-Poonal).- Die kubanische Justiz hat zwei ihrer Bürger zum Tod verurteilt. Sie werden für den Mord an mindestens vier Touristen verantwortlich gemacht, die sie ausgeraubt hatten. Die in den vergangenen Jahren nicht angewandte Höchstrafe zielt offenbar darauf ab, ein Exempel zu statuieren. Der steigende Tourismus und die soziale Krise hat die Kriminalität auf der Insel stark erhöht. Es ist allerdings zweifelhaft, daß das Urteil vollstreckt wird. Beobachter*innen schließen beispielsweise ein Eingreifen des Papstes nicht aus, auf dessen Bitte um Gnade für die Täter die Regierung von Fidel Castro eingehen könnte.

GUATEMALA/KUBA

Gegenseitiges Wirtschaftsabkommen unterzeichnet

(Guatemala-Stadt, 1. Februar 1999, cerigua-Poonal).- Ein Jahr nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen haben Vertreter*innen der kubanischen und der guatemaltekischen Regierung eine Vereinbarung unterzeichnet, die den Handel zwischen beiden Ländern erleichtern soll. Guatemalas Wirtschaftsminister Juan Jose Serra und sein kubanischer Gegenüber Ricardo Cabrisas besiegelten mit dem am 29. Januar in Havanna geschlossenen Abkommen die Zollreduzierung oder -abschaffung für mehr als 1.200 Produkte. Kuba wird vor allem medizinische Ausrüstung, landwirtschaftliche Produkte und Rum in das mittelamerikanische Land einführen, Guatemala will den Export von Kleidung und Plastikwaren auf die Karibikinsel ankurbeln. Vereinbarungen über Luft- und Seetransport werden das Abkommen abrunden.

HONDURAS

Rückkehr nach langem Exil

(Tegucigalpa, Januar 1999, comcosur-Poonal).- Der Journalist Oscar Reyes, 1982 in Honduras entführt, gefoltert und ausgewiesen, kam in die Hauptstadt seines Heimatlandes zurück, um Anklage gegen seine Peiniger zu erheben. Er zeigte den früheren Armeehauptmann Billy Joya als einen der Verantwortlichen für seine damalige Entführung an. Reyes gehört zu den wenigen Personen, die lebend die geheimen Haftzentren verließen, in denen Militärs und Paramilitärs in den 80er Jahren politische Gegner*innen festhielten, folterten und umbrachten. Eine Absprache mit dem Chef der Streitkräfte ermöglichte Reyes den Gang ins Exil, zuerst nach Venezuela und später in die USA. Seine Ehefrau, mit ihm verhaftet und gefoltert, mußte aufgrund der Schläge und Elektroschocks im Genitalbereich operiert werden und konnte keine Kinder mehr bekommen. Die Verhafteten, ein „Versehen“ der Militärs, wurde zu einem Problem für die Armeespitze um General Alvarez Martínez. Die Militärs entschieden daher, das Paar gegen ein Schweigeversprechen über das Geschehene freizulassen und ins Ausland zu schicken.

NICARAGUA

Das Gespenst Somozas

(Managua, 9. Februar 1999, pulsar-Poonal).- Die Familie von Nicaraguas Ex-Diktator Anastasio Somoza Debayle versucht nicht nur, an ihr unter der sandinistischen Revolutionsregierung enteignetes Vermögen wieder heranzukommen. Sie hat jetzt auch eine Initiative ergriffen, erneut politische Macht zu bekommen. Javier Rivas Somoza, Neffe des Diktators, hat die Gründung einer Partei im Hinblick auf die Präsidentschaftswahlen im Jahr 2001 angekündigt. Sie wird sich auf Mitglieder der früheren gefürchteten Nationalgarde Somozas, die rechtsgerichtete Demokratische Nicaraguanische Kraft (FDN) und Persönlichkeiten der Contra stützen, die gegen die Sandinisten nach deren Machtübernahme kämpfte. Die Somoza-Familie herrschte in Nicaragua vor 1979 mehr als vier Jahrzehnte und kontrollierte vor ihrem Sturz etwa 80 Prozent der einheimischen Wirtschaft.

KOLUMBIEN

„Eine Strafe Gottes“ – Europäischer Mythos und Realität des

kolumbianischen Drogenhandels

Von Damian Zaitch*

(Amsterdam, 9. Februar 1999, noticias-niederlande/npl). – „Die kolumbianische Regierung und das nationale Befreiungsheer ELN planen im Rahmen des Friedensprozeßes Gespräche in Caracas“, teilte Venezuelas Außenminister Jose Vicente Rangel am Dienstag mit. Bereits im Januar begannen Friedensgespräche zwischen kolumbianischer Regierung und der größten Guerilla-Organisation, der FARC. Die Treffen waren aber noch im selben Monat aufgrund verstärkter paramiltitärischer Aktivitäten von den FARC wieder für ausgesetzt erklärt worden. Die offizielle Anerkennung der kolumbianischen Guerilla-Organisationen als politische Kraft und die Bemühungen für eine politische Lösung des seit 40 Jahren andauernden internen bewaffneten Konfliktes, sind mit dem Amtsantritt des Präsidenten Andres Pastrana im August des vergangenen Jahres unübersehbar geworden. Trotzdem bestimmt weiterhin ein Diskurs die europäsche Berichterstattung über Kolumbien, der „Rebellen, Drogenhändler und andere Kriminelle“ in einem Atemzug nennt.

Gewalt, verbrecherische Banden und Guerilla sind die notwendigen Zutaten für einen „guten Artikel“ über den Drogenhandel in Kolumbien. Tatsächlich ist die kolumbianische Wirklichkeit komplex. Die europäischen Massenmedien informieren allerdings nur wenig über diese Komplexität, sondern vermitteln die Probleme des lateinamerikanischen Landes so, als seien sie Elemente eines allgemein regierenden Chaos'. Selbst renommierte deutschsprachige Tages- und Wochenzeitungen vereinfachen die Realität und verschleiern die politischen Hintergründe sowie sozialen Ursachen des bewaffneten Konflikts mit Schlagzeilen wie „Kolumbien im Griff von Drogen und Gewalt“ (Neue Züricher Zeitung vom 13. Juni 1998) oder „Drogenmafia, Guerilla und paramilitärische Gruppen haben das Land in einen Mahlstrom der Gewalt gerissen“ (Frankfurter Rundschau vom 26. Juni 1998).

Die Verantwortung des kolumbianischen Militärs und der US- amerikanischen Interventionspolitik bei der Ausbildung von Paramilitärs beispielsweise bleibt weitgehend unerwähnt. Statt dessen wird ein Autoritätsverlust des Rechtsstaates suggeriert. Vor den Präsidentschaftswahlen im vergangenen Jahr hieß es in der Wochenzeitung vom 21. Juni: „Kolumbien: Wahlen, Gewalt, Krieg – ein südamerikanisches Vietnam – wer kann dieses Land regieren?“

Die Presse vermittelt die Entwicklung der illegalen Industrie im allgemeinen ohne historischen Kontext. Die internationale Dimension des Drogenhandels wird auf das „natürliche“ Problem Kolumbiens reduziert. „Die neue Heroinwelle“ hysterisierte zum Beispiel die taz im September 1992 (gemeint ist wahrscheinlich das Jahr 1998; die Red.) und wetterte im Untertitel: „Mohn statt Koka – Kolumbien ist wieder einmal dabei, den Drogenmarkt der Zukunft zu besetzen. Ein weiteres Fiasko der internationalen Prohibitionspolitik bahnt sich an“.

Andere Länder und deren aktive Rolle im internationalen Drogengeschäft finden meist keine Erwähnung oder es wird, wie im Falle von Mexiko und Rußland von einer „Kolumbianisierung“ gesprochen. Ausgespart bleibt in den allermeisten Fällen auch die Rolle der Banken, die in Europa verbleibenden Gewinne aus dem Drogenhandel mit Lateinamerika und der Faktor Nachfrage in der Dynamik des „Geschäfts“. Entgegen aller Behauptungen fließt tatsächlich nur der geringste Teil der Gewinne aus dem Drogenhandel nach Kolumbien zurück. Der Löwenanteil bleibt als Wertpapier- und Immobilienanlagen außerhalb des Landes.

Die medial gestützte Gleichsetzung von Kokain mit Kolumbien sowie die Stigmatisierung des Landes als Brutstätte für Drogenhändler aller Größenordnungen, führen auch zur Diskriminierung der in Europa lebenden Kolumbianer. Titel wie „Kolumbien ist überall“ als Einleitung für einen langen Artikel über das organisierte Verbrechen in Holland aus der niederländischen Tageszeitung De Volkskrant vom 17. Februar 1996, tragen dazu bei, kolumbianische Immigranten mit dem Stereotyp des gewalttätigen und irrationalen lateinamerikanischen Drogenhändlers zu überziehen.

Vor allem die etwa 200.000 illegal in Europa lebenden Kolumbianer und Kolumbianerinnen werden in der Regel mit Drogenhändlern gleichgesetzt. Sie sehen sich deshalb einer noch verschärfteren staatlichen Verfolgung seitens der Einwanderungsländer ausgesetzt, als es ihre prekäre Situation apriori schon beinhaltet. Insbesondere die Niederlande und Belgien drängen darauf, bei der Vereinheitlichung von Visabestimmungen vor allem für kolumbianische Staatsangehörige Visusmszwang einzuführen.

Illegalität und Drogenhandel wird in den meisten politischen Spektren gleichgesetzt. Die Logik dahinter lautet: das Verbrechen entsteht dort, wo alle Türen des Rechtsstaates verschlossen sind. Die Realität spricht hingegen eine andere Sprache. Paradoxerweise schränkt der illegale Status den Zugang zu illegalen Geschäften ein: den klandestin lebenden Immigranten fehlen häufig die Netze aus sozialen und geschäftlichen Kontakten, das ökonomische Kapital, der Zugang zur nötigen Infrastruktur sowie die Kenntnisse in der jeweiligen Landessprache. Sogar die kleinen Chefs des „Geschäfts“ bevorzugen besser situierte Immigranten mit legalem Aufenthaltsstatus für anstehende Aufträge und Arbeiten. Jöl, ein kolumbianischer Dealer, der seit vielen Jahren in Europa lebt, beschreibt die Probleme mit den „Nichtdokumentierten“: „Ich bin es leid, ihnen nicht nur Arbeit geben zu können, sonden sie zusätzlich mit einer Wohnung und Essen versorgen zu müssen. Häufig sprechen sie auch die hiesige Sprache nicht und bringen aufgrund ihrer versteckten Lebensweise mehr Gefahren, denn Nutzen.“

Die überwiegende Mehrheit der illegal in Europa lebenden kolumbianischen Immigranten halten sich aus eigenen, sehr stichhaltigen Gründen vom Geschäft mit den Drogen fern. Zum einen kommen viele von ihnen aufgrund ökonomischer Probleme oder Gewalterfahrungen nach Europa, um sich ein neues, „geordnetes“ Leben aufzubauen. Für sie wäre mit dem Einstieg in den Drogenhandel die Angst verbunden, nicht wieder aussteigen zu können und das ersehnte „geordnete Leben“ nie zu erreichen. Vor allem aber halten die mit dem illegalen Leben verbundenen Risiken die meisten davon ab, ins „Geschäft“ einzusteigen. German aus Bogota arbeitet und schläft mit dem Alptraum der Ausweisung. „Ich kenne dieses Leben und habe deshalb genügend Probleme, auch ohne im Drogengeschäft tätig zu sein. Der Preis für die Illegalität ist schon hoch genug. Meine Situation verlangt, daß ich nicht einmal ohne Fahrschein mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren kann.“

Das Verhältnis zwischen illegaler Einwanderung und Drogenhandel ist also viel weniger klar, als es scheint. Trotzdem haben gerade die „Nichtdokumentierten“ am schwersten unter dem Stereotyp des lateinamerikanischen Drogendealers zu leiden. El Cabeza, der seit Jahren illegal in Europa lebt und vor kurzem endlich ein Studentenvisum erhielt, berichtet: „Das erste Mal, als die Polizei mich aufgriff, dachten sie spontan, ich sei ein Zwischenhändler und wiesen mich beinahe aus. Ständig muß ich meine Familie beruhigen und in den Kneipen wollen sie Drogen von mir kaufen. Daran werde ich mich nie gewöhnen.“

(*Der Autor ist Dozent an der Universität von Amsterdam. Er beschäftigt sich mit Migrationsforschung und Repräsentationspolitik)

Mehr Zeit für den Frieden

(Bogotá, 7. Februar 1999, pulsar-Poonal).- Die kolumbianische Regierung verlängerte die Entmilitarisierung von fünf Landkreisen, die Sitz der Friedensverhandlungen mit der Guerilla sind, um weitere drei Monate. Es handelt sich um ein Gebiet von 42.000 Quadratkilometern, in dem derzeit die Verwaltung faktisch von der Guerilla-Organisation FARC ausgeübt wird. Der wichtigste Landkreis ist San Vicente de Caguán. Die offiziellen Streitkräfte hatten sich Anfang November 1998 aus ihren Kasernen in dem Gebiet zurückgezogen. Die FARC begrüßten die Entscheidung von Präsident Andrés Pastrana. Sie forderten aber ein energischeres Vorgehen der Regierung gegen die paramilitärischen Kräfte. Vorher ist es nach Auffassung von Beobachter*innen kaum zu erwarten, daß die Guerilla wieder an den Verhandlungstisch zurückkehrt.

Menschenrechtsverteidiger*innen im Schußfeld

(Bogotá, 3. Februar 1999, ac-Poonal).- Die Intoleranz im kolumbianischen Friedensprozeß zeigte sich erneut mit aller Härte durch die Ermordung der beiden Menschenrechtler Everardo de Jesus Puerta und Julio Ernesto González sowie die Entführung von vier (die beiden Frauen vom IPC wurden inzwischen freigelassen; die Red.) Mitarbeiter*innen des Sozialforschungsinstituts IPC von Medellín durch die Vereinigten Selbstverteidigungsgruppen Kolumbiens (AUC). Die Erklärung der AUC, die vier Mitarbeiter*innen des IPC seien „Kriegsgefangene“, macht die enormen Schwierigkeiten deutlich, denen all jene gegenüberstehen, die die legitimen Rechte der Zivilbevölkerung gegenüber den bewaffneten Akteuren einfordern. Das Schweigen der Regierung oder die üblichen Ankündigungen von „gründlichen Untersuchungen“ sind dabei genau so schwerwiegend wie die Aktionen der bewaffneten Gruppen selber.

Mitten in die Tragödie des Erdbebens, das am 25. Januar einen Teil des Landes erschütterte, drang ein anderes Beben, das der Menschenrechtsverletzungen. Den Anfang machte am 28. Januar die Attacke auf das IPC. Drei bewaffnete Personen, zwei Männer und eine Frau, drangen in das IPC ein, täuschten zuerst einen Raubüberfall vor, gaben sich dann als Mitglieder der Milizen aus und erklärten schließlich, sie suchten „Sympathisanten der Subversion“. Nachdem sie sämtliche Mitarbeiter*innen in einen Raum gesperrt hatten, mußten sich diese ausweisen. Der Direktor des Institutes, Jairo Bedoya Carvajal, die Verwaltungsleiterin der Administration, Olga Ruth Rodas Duque, der Leiter des Menschenrechtsprogrammes, Jorge Salazar, und die Leiterin des Entwicklungsprogrammes, Claudia Tamayo, wurden mitgenommen. Vor dem Gebäude warteten sechs weitere schwerbewaffnete Personen in zwei Geländewagen.

Vier Tage später wurde ein Brief der AUC an das Institut bekannt, worin die Paramilitärs bekanntgeben, die vier Entführten in ihrer Gewalt zu haben. Im Schreiben bezichtigen die AUC drei der Entführten als „Parasubversive“ und den vierten als „Guerillero“. Sie teilen die Paramilitärs mit, daß sie die Entführten als „Kriegsgefangene“ betrachten und kündigten an, daß sie als solche behandelt und nur dann freigelassen würden, wenn der bewaffnete Konflikt aufhöre oder die Guerilla zumindest definitiv die wahllosen Entführungen einstelle und die Nicht- Regierungsorganisationen (NGOs)ihre Funktionen mit einer „strikten Ethik“ ausübten. In ihrem Schreiben erklären die Paramilitärs weiter: „Wir haben nicht die Absicht, noch wünschen wir Panik unter den NGOs zu schaffen, aber wir rufen dazu auf, diese Organisationen von Guerilleros zu säubern, wobei wir diesen Aufruf auch an die Menschenrechtsabteilung der Staatsanwaltschaft richten.“

Everardo de Jesús Puerta und Julio Ernesto González, Mitglieder des Solidaritätskomitees mit den Politischen Gefangenen (CSPP) wurden in der Nacht vom 30. auf den 31. Januar umgebracht. Sie waren im Bus von Medellín nach Bogotá unterwegs. Auf der Höhe des Ortes San Luís (Antioquia) täuschten zwei Männer und eine Frau einen Überfall auf den Bus vor. Sie zwangen die zwei Mitglieder des CSPP auszusteigen und ermordeten sie dann vor den Augen der übrigen Passagiere.

Diese Ereignisse haben bei nationalen und internationalen Menschenrechtsorganisationen heftige Reaktionen ausgelöst. In einer Erklärung verurteilte die UNO-Hochkommissarin für Menschenrechte, Mary Robinson, diese Übergriffe und rief die kolumbianischen Behörden dazu auf, die Verantwortlichen der Angriffe auf die Menschenrechtsverteidiger*innen ausfindig zu machen und zu bestrafen.

Während der letzten Wochen wurde wiederholt darauf hingewiesen, daß die Offensive gegen die Menschenrechtsverteidiger*innen Teil einer paramilitärischen Strategie ist, die zum Ziel hat, zu jedem Preis durch Terror eine Art von „politischer Anerkennung“ zu gewinnen. Dies zeigte auch die paramilitärische Offensive zu Jahresbeginn, bei der mindestens 150 Personen ermordet wurden. Unterdessen hat die Regierung von Präsident Pastrana zur Solidarität mit den Opfern des Erdbebens aufgerufen, hat sich aber jeglicher Äußerung in Bezug auf die Verschärfung der Menschenrechtssituation enthalten.

Gewalt greift geistige Gesundheit der Kolumbianer*innen an

Von Angela Castellanos Aranguren

(Santa Fe de Bogotá, Januar 1999, sem-Poonal).- Gewalt gehört zum Alltag in Kolumbien. Die Bevölkerung ist ihr andauernd ausgesetzt. Die Nachrichten berichten permanent von politischer Gewalt, Freunde, Bekannte und Kolleg*innen wurden selbst Gewaltopfer. Oft genug werden die Erfahrungen am eigenen Leib gemacht. Die Gewalt ist dabei, eine deprimierte und ängstliche Gesellschaft in Kolumbien zu schaffen.

Eine kürzlich vom kolumbianischen Gesundheitsministerium durchgeführte Studie kommt zu dem Schluß, jeder vierte Kolumbianer habe Depressionen. 3,8 Prozent gar leide unter dem sogenannten posttraumatischen Stress-Syndrom. Dieses Krankheitsbild zeigt sich als Ergebnis gewalttätiger Situationen wie Entführungen oder Vergewaltigungen. Nach der Untersuchung zeigen mehr Männer als Frauen Symptome dieses Stresses. Die mentalen Erkrankungen als Resultat der Gewalt – familiärer, politischer und verbrecherischer – kosten den kolumbianischen Staat ein Viertel aller öffentlichen Investitionen im Gesundheitsbereich.

An einem ganz normalen Tag werden nach Angaben der Nationalpolizei in Kolumbien im Schnitt 75 Morde, sieben Entführungen, fünf Attentate, ein Bankraub, 83 Autodiebstähle und acht Raubüberfälle auf Kraftfahrer verübt. Von Verschwundenen, anderen Überfällen, Vergewaltigungen und Kindesmißhandlung ganz zu schweigen. Die Gewalt zwischen Guerilleros, Paramilitärs, Drogenkartellen und der regulären Armee ist für viele nicht mehr einfach zu ignorieren, sondern nimmt Grade von Geisteskrankheit an.

Angesichts dieser Lage hat die kolumbianische Regierung ein „Programm zur Geistesgesundheit“ aufgelegt. Damit soll die Kultur der Geistesgesundheit gepflegt, grundlegende Dienstleistungen erweitert und Folgeerscheinungen vorgebeugt werden. In allen Bereichen, in denen Gewalt vorkommt, wollen die Gesundheitsbehörden eingreifen, zum Beispiel in der Familie. In der Theorie hört sich das gut an: „Eines der Ziele des Programmes ist, daß wir Kolumbianer ein neues Verständigungssystem aufbauen, mit dem wir Konflikte lösen. Wir müssen lernen, bei Meinungsverschiedenheiten mit anderen toleranter zu sein und wir müssen zur Solidaritäet zurückkehren“, versichert der Psychiater und Chef der Verhaltensabteilung des Gesundheitsministeriums, Guido Mauricio Romero.

„Als positiven Aspekt dabei muß man sehen, daß geistige Gesundheit endlich offiziell als vorrangig bei der öffentlichen Gesundheitsversorgung erkannt wird, daß Menschenrechtsgesichtspunkte bei den von der Gewalt umgesiedelten Personen gesehen werden, daß die Behandlung chronisch Kranker verbessert wird und daß den mißhandelten Minderjährigen Aufmerksamkeeit geschenkt wird“, meint der Direktor der Weltgesellschaft für Geisteskrankheit in Kolumbien, José Posada Villa.

Leider reichen aber die Instrumente der Gesundheitspolitik nicht vorbeugend in den Bereich der politischen Gewalt hinein. Diese stellt aber den Hauptauslöser für die Symptome des posttraumatischen Stresses dar. Das Syndrom hat seine Ursachen in großen Traumata, die beispielsweise Entführungen und zwangsweise Umsiedlungen wegen des gewaltsamen Todes eines Familienmitgliedes hervorrufen. Hauptsächlich zeigen sich die Symptome folgendermaßen: Alpträume, Ängstlichkeit und andauerndes Erinnern an die Gewalttat.

Obwohl die Mehrheit der Entführungen in Kolumbien aus ökonomischen Gründen begangen werden, kann man doch davon ausgehen, daß das Phänomen sehr eng mit der politischen Gewalt verbunden ist. So benutzt die Guerilla die Entführungen ganz offen als eine Finanzierungsquelle für ihren Kampf. Andererseits sinnen die Opfer oft auf Rache und versuchen, diese über die Paramilitärs in die Tat umzusetzen. Zudem ist die direkte politische Entführung üblich, um die konkurrierenden Kandidat*innen zu schwächen, vor allem in Wahlkampfzeiten.

Nach Angaben der Nicht-Regierungsorganisation „Stiftung Freies Land“, die vor acht Jahren von einem Entführungsopfer gegründet wurde, war 1998 das Jahr mit den meisten Entfuherungen im laufenden Jahrzehnt. 2.013 Menschen wurden so ihrer Freiheit beraubt, 64 Prozent davon von der Guerilla. „Außer den wirtschaftlichen Folgen wie der Zerstörung oder erheblichen Minderung des familiären Besitzes und den politischen Folgen wie Racheversuche über die Paramilitärs, hat die Entführung auch noch entscheidende psychosoziale Folgen. Viele Familien gehen nach der Befreiung oder dem Freikauf des Entführten kaputt, weil die Familienmitglieder vielfach nicht begreifen können, was dem Entführten psychologisch wiederfahren ist,“ sagt Guillermo Pérez vom Nationalen Programm für die persönliche Freiheit.

Die Entführungsopfer sind in ihrer Mehrheit Männer. Nach der Freilassung – im Schnitt nach vier Monaten -, heißt es bei „Freies Land“, zeigten die Frauen eher emotionale Symptome als die Männer. Letztere nähmen meist paranoide Verhaltensweisen an. Männer wie Frauen seien jedoch gleich agressiv, hätten die gleichen Schuld- und Angstgefühle, wenn sie nach Hause zurückkehrten. Die 16jährige Lina María Molina erzählt von ihrer ersten Nacht zu Hause: „Ich konnte nicht schlafen, es machte mir Angst, mich hinzulegen, denn ich fürchtete, daß ich plötzlich im Zelt sein würde“ (in dem sie während ihrer Gefangenschaft übernachten mußte).

„Die Entführung verheirateter Männer hat zu einer stärkeren Machtrolle der Frauen geführt. Während der Zeit, in der sie die Geschäfte ihres Mannes weiterführen, die Verhandlungen über das Lösegeld führen oder in anderen Fällen außer Hause arbeiten mußten, vollzieht sich ein Wechsel“, erklärt die Psychologin von „Freies Land“, Olga Lucía Gómez. „Dieser Wechsel schockiert den Mann, wenn er wieder nach Hause zurückkehrt.“

In vielen Fällen hat die Entführung zur Scheidung geführt, sei es wegen der Umstände wie in den oben geschilderten Fällen oder weil sich die Opfer nach der Freilassug grundlegende Lebensfragen über Gefühlsbeziehungen neu stellen. Ganz sicher wirken sich die Entführungen auf die Neustrukturierung des familiären Lebens in Kolumbien aus. Ähnlich ist dies bei den Umsiedlungen.

„Die wegen der bewaffneten Gewalt umgesiedelten Familien haben in der Mehrzahl den Vater verloren. Er wurde entweder umgebracht oder gehört zu den gewaltsam Verschwundenen“, stellt die Psychologin Stella Duque von der Nicht-Regierungsorganisation „Lebenswerkstatt“ fest. „Die umgesiedelten Frauen suchen sich in der Regel sehr schnell einen neuen Mann. In anderen Fällen führt der Wegzug zu einer Aufsplitterung der Familie, da die jungen Leute lieber in die großen Städte ziehen, während die Älteren kleine und mittlere vorziehen.“

Nach der Beratungsstelle für Menschnerechte und Umgesiedelte CODHES wollen 57 Prozent der Vertriebenen, die in die Hauptstadt kommen, dort bleiben. 34 Prozent wollen in eine andere Stat gehen und nur acht Prozent wollen in ihre Heimat zurück. 53 Prozent flohen von dort wegen Angst vor den Paramilitärs und 47 Prozent aus Angst vor der Guerilla. Offizielle Zahlen der Beratungsstelle für Vertriebene beim Präsidenten sprechen von 1,2 Millionen Menschen, die zwischen 1985 und 1998 ihre Heimat verlassen mußten. 13 Prozent davon waren Frauen, 36 Prozent Minderjährige und der Rest Männer.

Das Vertriebenendasein bedeutet Wurzellosigkeit, Verlust des Zugehörigkeitsgefühls, Zersplitterung der Familien und Trauma im Falle des Verlusts eines Familienmitgliedes. „Diese Phänomene rufen eine psychologische Störung hevor, in der Depressionen, Ängste und Tiefenstreß deutlichst ausgeprägt sind“, sagt Stella, die seit sieben Jahren mit Vertriebenen arbeitet. „Es ist jedesmal ein Trauerfall, denn die Leute müssen ein Lebensprojekt begraben.“ Die Frauen müssen ihre Trauer jedoch oft verschieben, denn es ist meist dringender, das weitere Überleben zu sichern. Dies mache die gefühlsmäßige Gesundung noch schwieriger“, erklärt Stella, selber Opfer einer Zwangsumsiedlung. „Da sie alle Energien für das wirtschaftliche Überleben der Familie aufwenden, geben sie sich selbst nichts und das wierum führt zu Kindesmißßhandlung, weil sie so eine Art Wut abladen können.“

In der psychologischen Therapie, die „Lebenswerkstatt“ betroffenen Frauen anbietet, zeigt sich, daß die emotionale Wiederherstellung viel einfacher ist, wenn der Mann ermordet wurde, da dann der Tod eine Tatsache ist und getrauert werden kann. Im Fall des gewaltsamen Verschwindens tendieren die Frauen eher zu einer Mystifizierung des Opfers und hoffen weiterhin, ihn irgendwann lebend zu finden. „Auch wenn viele der Vertriebenen ihre Familien und ihre Leben in der Stadt wieder aufbauen, so ist ein tiefes Mißtrauen und fehlende Solidarität selbst unter den Vertriebenen doch sehr häufig“, sagt Stella Duque. „Auch mit den neuen Nachbarn zeigen sie dieses Verhalten.“

Und ihre Kollegin Olga Lucía Gómez meint: „Gesamtgesellschaftlich betrachtet, glaube ich, sind wir Kolumbianer übersättigt von all dem von der Geewalt hervorgerufenen Streß und wir reagieren ausweichend. Zum Beispiel schauen wir keine Nachrichten mehr“. Sie führt weiter aus: „Die eigentliche Frage ist, ob wir uns an den Streß gewöhnt haben oder ob er krankhaft ist, ob wir betäubt sind oder nur der Situation angepaßt.“ Auch wnn es noch keine Antwort auf diese Frage in Kolumbien gibt, eins ist allen Beteiligten klar: Die Gewalt in ihren unterschiedlichen Formen schafft deprimierte, ängstliche und zunehmend mißtrauische Kolumbianer*innen, die immer weniger bereit sind, sich zu versöhnen.

Guerilla klagt Generäle an

(Bogotá, 5. Februar 1999, comcosur-Poonal).- Die Guerilla- Organisation FARC hat der Regierung von Präsident Andrés Pastrana einen Bericht übergeben, in dem zehn Generäle der kolumbianischen Streitkräfte bezichtigt werden, Verbindungen mit paramilitärischen Gruppen zu haben. In ihrem 19seitigen Dokument listen die FARC ausreichende Indizien für die Anklage mehrerer Militärs auf. Diese sollen nach ihren Vorstellungen abgesetzt und verurteilt werden. Der Bericht nennt außerdem 20 Radiofrequenzen, die gemeinsam von Armee und Paramilitärs benutzt werden. Etwa hundert Personen, darunter Drogenhändler, werden namentlich als Finanziers der paramilitärischen Banden erwähnt. Viele Beobachter*innen bezweifeln, daß der Regierungschef die militärische und politische Macht hat, die Todesschwadronen der Paramilitärs aufzulösen.

PERU

Überraschung bei Vorsitz der Bischofskonferenz

(Lima, 8. Februar 1999, alc-Poonal).- Der neue Präsident der peruanischen Bischofskonferenz, Luis Bambaren, hat erklärt, die katholische Kirche werde ihre „Anstrengungen verdoppeln, damit das Gewicht der Auslandsschuld nicht weiterhin die Ärmsten des Land drückt“. Der Bischof aus der Diözese Chimbote löst den aus Altersgründen ausgeschiedenen Erzbischof Augusto Vargas Alzamora an der Spitze der Konferenz ab. Viele hatten den konservativen Erzbischof Juan Luis Cipriani als sicheren Kandidaten für den Vorsitz gesehen, der erst vor kurzem die Diözese Lima von Alzamora übernahm. Dagegen gilt der 71jährige Jesuit Bambaren als fortschrittlicher. Er arbeitete jahrelang in den Armenvierteln der Hauptstadt. 1971 wurde er für eine Zeit lang von der damaligen Militärregierung verhaftet und der Agitation beschuldigt.

BRASILIEN

Katholische Kirche läßt bei Regierungskritik nicht locker

(Brasilia, 10. Februar 1999, alc-Poonal).- Die neu zusammengesetzte Kommission für Gerechtigkeit und Frieden der brasilianischen Bischofskonferenz (CNBB) hat in ihrer ersten Sitzung die Regierung von Präsident Fernando Henrique Cardoso angeklagt, das Land „völlig“ den Diktaten des Internationalen Währungsfonds „zu unterwerfen“. Vor den Verhandlungen mit dem Fonds seien weder der Kongreß noch die Gesellschaft angemessen in „fundamentale Angelegenheiten der Souveränität des Landes“ einbezogen worden. Das Abkommen verteidige nur die Interessen des internationalen Spekulationskapitals. Der Bevölkerung biete die Regierung dagegen nur „verschärfte Arbeitslosigkeit, soziale Ungleichheit und Elend“. Gegen eine mögliche Privatisierung der staatlichen Ölgesellschaft „Petrobras“, „eine der letzten Reservate nationalen Vermögens, das die Bundesregierung dem Ausland überreichen will“, kündigte Kommission Mobilisierungen an.

Abgeordnete spielen Bäumchen wechsel dich

(Brasilia, 5. Februar 1999, alc-Poonal).- Nur wenige Tage, nachdem das neue brasilianische Abgeordnetenhaus am 1. Februar zusammengetreten ist, spielen von 512 Mitgliedern bereits 34 Volksvertreter*innen in einem anderen Team. Sie liefen zu anderen Parteien als denen über, für die sie gewählt wurden. Besonders wechselfreudig sind die explizit evangelischen Abgeordneten. Nicht weniger als 16 von 44 evangelischen Parlamentsmitgliedern zogen sich schon ein anderes Fraktionshemd über. Unter ihnen wiederum sind die Angehörigen der Universellen Kirche des Gottesreiches (IURD) besonders unbeständig. Die IURD ist mit 14 Abgeordneten auf den Listen verschiedener Parteien ins Parlament gekommen. Sieben von ihnen, darunter IURD-Chef Bischof Rodrigues, wechselten zur Sozialen Arbeitspartei (PST) und zur Liberalen Partei. Diese beiden kleinen Gruppierungen sind politisch im Mitte-Rechts- Spektrum anzusiedeln. Die PST-Fraktion war bei der Mitgliederwerbung besonders erfolgreich. Zu ihr liefen insgesamt neun Abgeordnete über. Dafür gibt es ein Dankeschön: PST-Präsident Marcilio Duarte versprach den Neuen jeweils den Vorsitz der Partei in ihren jeweiligen Bundesstaaten.

BOLIVIEN/BRASILIEN

Bánzer und Cardoso weihen Gasleitung ein

(Puerto Suarez, 9. Februar 1999, pulsar-Poonal).- Die Präsidenten von Bolivien und Brasilien weihten in Puerto Suarez eine Gasleitung ein. Es handelt sich um das größte grenzüberschreitende Energieprojekt der Region. Aus dem bolivanischen Hochland wird das Gas in die brasilianischen Städte Campinhas, Sao Paulo, Curitiba, Florianápolis und Porto Alegre transportiert werden. Für Brasilien ist dies ein gutes Geschäft. Das Gas aus Bolivien ist sauber und äußerst billig. Das Andenland wird bis 2005 etwa eine halbe Milliarde Dollar jährlich für das Gas erhalten. Pläne für die 3.069 Kilometer lange Leitung gab es bereits vor 25 Jahren. Damals unterschrieb Diktator Hugo Bánzer – heute gewählter Präsident Boliviens – einen entsprechenden Vertrag mit Ernesto Geisel, dem Chef der brasilianischen Militärdiktatur.

BOLIVIEN

Ein Meer im Urwald? – Megastaudamm umstritten

Von Mike Ceaser

(La Paz, Februar 1999, na-Poonal).- Das Staudammprojekt am Beni- Fluß in Nordosten des Landes ist sowohl von den Betroffenen, als auch von nationalen und internationalen Umweltgruppen kritisiert worden. Für einige stellt das Kraftwerk den Traum von sauberer und exportfähiger Energie dar, für andere ist es der Alptraum von Umweltverschmutzung und Zwangsumsiedlung indigener Bevölkerung.

Das Projekt mit Namen „El Bala“ stellt keine hohen Anforderungen an die Ingenieure, da das Flußtal an der vorgesehenen Stelle sehr schmal ist und der Staudamm selbst daher relativ klein ausfallen würde. Die Auswirkungen auf die Ökosysteme und die dort lebenden Menschen sind allerdings groß, da die gesammelten Wassermaßen ein riesiges Gebiet überschwemmen würden. Die dort herrschende biologische Vielfalt würde unwiderbringlich zerstört. „Die Folgen werden enorm sein“, sagt die Direktorin der biologischen Station am Beni, Carmen Miranda, „das gesamte Indianerreservat Pilón Lajas würde überflutet.“

Ganz genau weiß eigentlich niemand, wie groß das überflutete Gebiet letztendlich sein soll, da sich das Projekt noch in der ersten Planungsphase befindet. Die private Ingenieurfirma ICE hat erste Durchführbarkeits-Studien angestellt, die zwischen drei und fünf Millionen US-Dollar kosten werden. Ein kleiner Betrage im Hinblick auf die Gewinnaussichten des Stauwerks: Die werden auf 800 bis 900 Millionen US-Dollar kalkuliert. Die gesamten Baukosten sind auf rund zwei Milliarden Dollar angesetzt.

Nachdem das Projekt mehr als fünfzig Jahre in der Schublade lag, hat die Regierung von Präsident Hugo Banzer die Pläne wieder herausgeholt und im August vergangenen Jahres zur nationalen Priorität erklärt. Brasilianische Energieunternehmen stehen schon in den Startlöchern, um alles an Strom zu kaufen, was Bolivien erzeugen kann. Der Präsident der bolivianische Akademie der Wissenschaften, Carlos Aguirre, schätzt die aktuelle Kapazität zur Energieerzeugung im ganzen Lande auf etwa 600 Megawatt. El Bala würde eine maximale Leistung von 3.000 Megawatt erbringen, das ist fünmf mal soviel wie heutzutage erzeugt und verbraucht wird.

„Es ist viel zu groß, um nationalen Interessen zu dienen, “ erklärt der Hydrologe Jorge Molina von der nationalen Universität San Andrés zum Projekt. Einige Kritiker haben die Pläne mit der Schaffung eines Mittelmeers verglichen, die Bolivien die Küste wiederbringen soll, die es im 1879 bis 1884 dauernden Krieg mit dem Nachbarland Chile verlor.

Da die betroffene Region flach ist, würde der Stausee eine sehr ausgedehnte Fläche überschwemmen. Richtung Südosten wären Teile des Indígena- und Biosphärenreservates Pilón Lajas betroffen, möglicherweise stünde es sogar völlig unter Wasser. Richtung Nordwesten hieße für einen Großteil des Nationalparks Madidi „Land unter“. Außerdem würden nach Angaben von International Rivers Network Gebiete folgender indigener Völker berührt: Tacanas, Chimanes, Mosetenes, Esses, Ejjas, Lecos und Quechuas.

Die Biologin Soraya Barrera, beschäftigt beim Nationalen Naturkundemuseum, arbeitet am technischen Bericht des Projektes. Sie schätzt, daß der Staudamm eine Höhe von 205 Meter hätte und der Stausee sich 180 Kilometer Richtung Süden ausdehen würde, bis nach Sapecho-Covendo und noch über das Pilón Lajas -Reservat hinaus. Der Beni-Fluß ist ein wichtiges Transportmittel für die lokale Bevölkerung, doch die Verteidiger des Projekts haben sich bislang nicht um die Beschwerden der eingeborenen Volksvertreter gekümmert. „Die Betroffenen sind nicht wahrgenommen worden“, sagt der Präsident des Tacana-Rates, Celin Quenevo.

Jorge Molina erläutert, daß viele Bewohner des betroffenen Gebiets das Projekt unterstützen, weil sie sich davon Vorteile versprechen. „Sie glauben, es sei ein großes Projekt für die Region und sie hätten dann Strom,“ sagt der Hydrologe, der kein Gegner des Projektes ist. Er spricht sich dafür aus, kleine Wasserkaftwerke auf den Staudamm setzen und so die Infrastruktur von El Bala zu nutzen.

Doch diese Nutzungsmöglichkeit kann die Biologinnen Soraya Barrera und Carmen Miranda angesichts der Nachteile nicht überzeugen. Barrera erklärt, die Überschwemmungsregion sei eine der biodiversifiziertesten überhaupt. Und Miranda schätzt die Zahl der Gefäßpflanzen im Nationalpark Madidi auf 4.000 bis 5.000. Zudem würde der Staudamm das Ablaichen der Fische weiter stromaufwärts verhindern.

Ein weiteres kontrovers diskutiertes Thema ist die mögliche Lebensdauer des Staudamms. Das aufgestaute Wasser werde zu Ablagerungen führen, was eine langsame aber sichere Verschlammung des Stausees bedeuten würde, sagen die Umweltschützer. Sie fragen sich, ob das Projekt so überhaupt noch Sinn macht. Molina hingegen meint, das Hunderte von Jahren vergingen, ehe der Schlamm so weit steige. Ein weiterer Kritikpunkt istin diesem Zusammenhang das Fehlen der Sedimente flußabwärts. Die Fruchtbarkeit des dünnen tropischen Bodens würde bei einem Ausbleiben der regelmäßigen Überschwemmmungen leiden, lautet die Argumentation. „Ganz Amazonien lebt vom Beitrag der Sedimente, die vom Flussoberlauf kommen“, sagt Miranda. „Sie ernähren die weiter unten liegenden Gebiete.“ Was alle Umweltschützer fordern, ist eine ernsthaft geführte Debatte, bevor man an die Realisierung des Projektes denke.

VENEZUELA

Starke Worte und intensive Aktivitäten von Chavez

(Caracas, 5. Februar 1999, comcosur-Poonal).- Seit er mit den Worten „ich schwöre vor meinem Volk auf diese sterbende Verfassung“ am 2. Februar das Amt des Präsidenten übernahm, hat Hugo Chavez kaum eine Gelegenheit ausgelassen, die Diskussion in Venezuela anzuheizen. Kurz darauf bat er um Vergebung für seinen Putschversuch vor sieben Jahren, erklärte in aber gleichzeitig als unvermeidlich: „Sie wissen, irgendjemand mußte es machen.“ Zu den ersten Regierungsmaßnahmen gehörte es, drei Fallschirmjägereinheiten zu reaktivieren, die 1992 an dem gescheiterten Staatstreich teilnahmen und anschließend aufgelöst wurde. Chavez versprach „Gerechtigkeit“ für seine „Kameraden“, die nach dem Putschversuch in den Ruhestand zwangsversetzt wurden oder keine Karrieremöglichkeiten mehr in der Armee bekamen. Er bezeichnete sie als „anonyme Helden“. Auf die wirtschaftliche und soziale Situation im Land eingehend, rechtfertigte Chavez, diejenigen, die Diebstahl begehen, um ihre Kinder zu ernähren. Der Präsident versicherte, es genauso zu tun: „Wenn ich meine Tochter vor Hunger sterben sähe, würde ich etwas unternehmen, damit meine Tochter nicht ins Grab kommt.“

PARAGUAY

Politisches Tauziehen um Oviedo hält an

(Asunción, 8. Februar 1999, pulsar-Poonal).- Präsident Raúl Cubas hat den Prozeß gegen Freund und Vorbild General Lino Oviedo für abgeschlossen erklärt, obwohl die paraguayische Justiz Oviedo wieder hinter Gitter schicken will. Sie hält die von Cubas verfügte Freilassung des wegen seines Putschversuches zu zehn Jahren Haft verurteilten Generals für rechtswidrig. Die Gegner*innen des Präsidenten innerhalb und außerhalb der regierenden Colorado Partei bezeichneten das Vorgehens des Regierungschefes als unverantwortlich. Der Machtkampf im Lande werde verschärft und könne bis zum Bürgerkrieg führen. Führende Parlamentsmitglieder einschließlich des Kongreßvorsitzenden Luis González Macchi beraten über einen politischen Prozeß gegen Cubas wegen Mißachtung der Justiz. Offen ist allerdings, welche Konsequenzen ein solches Verfahren haben könnte. Eine Absetzung des Präsidenten sieht die paraguayische Verfassung nicht vor.

LATEINAMERIKA

Aus dem Vatikan nichts Neues – Interview zum Einfluß des Papstes

auf dem Kontient

(Lima, Februar 1999, na-Poonal).- Der Jesuitenpriester Jeffrey Klaiber ist Leiter der Abteilung Humanwissenschaften an der Päpstlichen Katholischen Universität Perus. Bekannt wurde der ausgebildete Historiker auch durch sein Buch „Kirche, Diktaturen und Demokratie in Lateinamerika“. Den Papstbesuch Ende Januar in Mexiko nahm Lucien Chauvin, Herausgeber von Noticias Aliadas zum Anlaß, mit Klaiber über den Einfluß von Johannes Paul II. auf dem Subkontinent und die Befreiungstheologie zu sprechen.

Was ist das Vermächtnis von Johannes Paul II.?

Der Papst hat immer eine sehr sozial engagierte Botschaft gehabt, aber … die von ihm ernannten Bischöfe sind so konservativ, daß sie seiner eigenen Botschaft an Gewicht nehmen. Diese Bischöfe ersticken den Reformgeist und die Kritik, die auf lokaler Ebene existieren. Mich erfreut, daß der Papst sagt, was er sagt. Aber er ermutigt nicht die Personen, die Reformen innerhalb der Kirche wollen. Dieser Papst hat dem Katholizismus als Weltreligion neue Stärke gegeben. Aber er wird kritisiert werden, weil er die Kreativität in der Kirche eingeschränkt und das II. Vatikanische Konzil aufgehalten hat.

Was meinen Sie mit der eingeschränkten Kreativität?

Kreativität in der Theologie einschränken wirkt sich auf andere Dinge wie zukünftige Änderungen in der Kirche aus. Unter diesem Papst ist die Kirche klerikaler geworden, es gibt extremen kirchlichen Konservatismus. Ich glaube, die Laien – besonders in Ländern, wo sie wie in Lateinamerika nicht an die Demokratie gewöhnt sind – werden immer noch von den Bischöfen eingeschüchtert und fühlen einfach nicht, daß sie die Intitiative übernehmen können.

Zwei Dinge sind zum Ende des Jahrhunderts in der Kirche Lateinamerikas herauszuheben: die Theologie der Befreiung und die Option für die Armen. Einige Beobachter sagen, die Theologie der Befreiung sei tot. Denken Sie das auch?

Die Theologie der Befreiung war eine intellektuelle Bewegung, deren Zeit vorbei ist. Kapitalismus und Demokratie haben in den Ländern des Nordens zusammen gelebt. Der Kapitalismus hat derzeit in europäischen und den nordamerikanischen Gesellschaften einen nützlichen Einfluß. Ich glaube, die Theologie der Befreiung mußte sehen, daß der Kapitalismus einen guten sozialen Einfluß haben kann. Damit ist es nicht mehr dieselbe Theologie der Befreiung, sondern eine neue Phase. Es gibt Leute in der Kirche, die sie verurteilen, aber sie niemals wirklich verstanden haben. Sie kritisieren, diese (Theologie) führe das Volk zum Sozialismus, was eine enorme Vereinfachung darstellt. Die Theologie der Befreiung ermutigt das Volk, für seine Rechte zu kämpfen, das schließt den Kampf für die Demokratie ein.

Hat der Papst in seiner Kritik am „wilden Kapitalismus“ einen Teil der Befreiungstheologie übernommen?

Die Befreiungstheologen zitieren den Papst, wenn er über soziale Angelegenheiten spricht. Das Problem liegt in der kirchlichen Praxis. Die Befreiungstheologen haben sich immer für eine Bewegung von unten ausgesprochen. Die konservativen Theologen denken immer von Oben aus. Wenn sie sich darauf beziehen, Anstrengungen gegen den wilden Kapitalismus zu einen, denken sie an das Gute, was die Reichen den Armen bringen könnten. Die Befreiungstheologie denkt an die Campesinos auf dem Land. Das ist ein großer Unterschied. Wenn die Bischöfe die konservativen Theologen favorisieren, nehmen sie der päpstlichen Botschaft die Kraft.

Was ist die wichtigste Herausforderung der Kirche in Lateinamerika?

Sie besteht darin, die neue konservative Welle zu überleben, die viel von der Kraft und Energie reduziert, die zu der Organisierung der Laien führte. Wir müssen versuchen, trotz der konstanten Kritik der Bischöfe all die guten Dinge zu realisieren, die das II. Vatikanische Konzil wollte. Weiterhin kreative Projekte durchführen trotz der konservativen Bewegung.

In Mexiko präsentierte der Papst die Schlußfolgerungen der Amerika-Synode, die Ende 1997 in Rom stattfand. Was für einen Einfluß wird das haben?

Kaum einen. In Puebla (der lateinamerikanischen Bischofskonferenz von 1979) war eine lebendige Kirche sichtbar, die sich um kirchliche Dinge sorgte, die auch soziale Angelegenheiten waren. Das fehlte in Santo Domingo (der Nachfolgekonferenz 1992) völlig. Das Dokument von Santo Domingo wie das Dokument der Synode waren recht hübsch, aber… die Teilnehmer waren im allgemeinen konservativ und aus höchst elitären Gruppen. So sieht es heute aus: Ein Bischofsdokument einer Synode von der die überwiegende Mehrheit der Lateinamerikaner nicht einmal weiß, daß sie stattfand. Nach Santo Domingo hörte die Volkskirche als eine Realität der Katholischen Kirche in Lateinamerika auf, zu bestehen. Es gibt sie weiter innerhalb der Bevölkerung, aber für die offizielle Kirche war es das Ende einer Epoche mit Personen wie dem (fortschrittlichen brasilianischen) Kardinal Arns. Der Papst wendet sich immer noch an Menschenmassen, aber diese Versammlungen haben wenig Inhalt. Es hat nichts damit zu, daß (die Leute) Position zugunsten der Demokratie oder der Menschenrechte einnehmen. Sie gehen einfach hin, um sich gut zu fühlen. Wer gesegnet wird, fühlt sich einfach gut.

CC BY-SA 4.0 Poonal Nr. 372 von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.


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