Poonal Nr. 371


Deutsche Ausgabe des wöchentlichen Pressedienstes lateinamerikanischer Agenturen Nr. 371 vom 5. Februar 1999

Inhalt


KOLUMBIEN

KARIBIK

BARBADOS

KUBA

VENEZUELA

MEXIKO

GUATEMALA

GUATEMALA/MEXIKO

KOMMENTAR – Von Eduardo Galeano

NICARAGUA

HONDURAS

PANAMA

PARAGUAY

ARGENTINIEN

BRASILIEN

CHILE

CHILE/SPANIEN


KOLUMBIEN

Die Tragödie nach der Tragödie – ländliche Regionen noch immer ohne

Hilfslieferungen Von Mario Barbosa

(Armenia, 2. Februar 1999, npl). – Liliana ist 23 Jahre alt. Seit einer Woche lebt sie in einer provisorisch zusammengezimmerten Hütte, die sie mit Hilfe der Nachbarn baute, damit ihre Kinder ein Dach über dem Kopf haben. Das Dach besteht aus einer Plastikfolie und die Wände aus Holzteilen des vom Erdbeben zerstörten Hauses.

Liliana gehört zu den 18 Familien, die im Stadtteil Villa Nohemy ihre bescheidenen Behausungen verloren. Villa Nohemy liegt am Rand des Bezirks Circasia in der Region Quindio, etwa 15 Kilometer vom Epizentrum des Erdbebens entfernt, das vergangene Woche mit einer Stärke von 5,9 auf der Richterskala das Kaffee-Anbaugebiet im Westen Kolumbiens erschütterte und zwei Städte fast völlig zerstörte. Wie Liliana konnten auch die anderen Familien nur das Nötigste ihres Hab und Gutes retten.

Die Situation in Landkreisen wie Circasia, die sich am weitesten vom Epizentrum des Bebens entfernt befinden, ist sehr ernst. Hilfsgüter kommen dort kaum an. Die Aufmerksamkeit der kolumbianischen Regierung und Regionalverwaltung gilt vor allem den mehreren tausend notleidenden Menschen in den eng besiedelten städtischen Zentren der Gegend: Armenia, der Bezirkshauptstadt von Quindio sowie dem Ort Calarca. Hier verursachte das Beben die größten Schäden. Armenia ist zu 70 Prozent zerstört. Bis jetzt sind 900 Tote und ungefähr 20.000 Verletzte in der Stadt gezählt worden. Etwa 100.000 Menschen wurden obdachlos. Viele Familien wissen nach wie vor nichts über den Verbleib ihrer Angehörigen und trösten sich mit der Hoffnung, sie in einem Krankenhaus wiederzufinden.

Das verzögerte Eintreffen der Nothilfe-Güter führte zu einer Welle von Plünderungen durch die notleidende Bevölkerung. Mitte vergangener Woche begannen bewaffnete Gruppen in Supermärkte einzubrechen und Nahrungsmittel zu entwenden. Die Regierung, einschließlich Staatspräsident Andres Pastrana, flog daraufhin nach Armenia und griff zu drakonischen Maßnahmen. Unter anderem setzte die Regierung 6.000 Sicherheitskräfte ein, um weitere Plünderungen zu verhindern und verhängte für 30 Tage den nationalen Ausnahmezustand. Trotzdem ist die Sicherheitslage weiterhin bedenklich. Die Plünderungen und bewaffneten Überfälle in den zerstörten Stadtvierteln ist Ausdruck der Hoffnungslosigkeit der Bevölkerung Armenias, die hungernd und obdachlos auf ausreichende Hilfslieferungen wartet.

Schätzungen des nationalen Planungsdirektors Jaime Ruiz zufolge wird der Wiederaufbau der Region mehr als 500 Millionen Dollar kosten. 90 Prozent des regionalen Verkehrsnetzes und des Kanalisationssystems sind durch das Erdbeben zerstört worden. In den meisten Landkreisen der Region gibt es keine Trinkwasserversorgung mehr. Mindestens 750.000 Menschen sind davon in Mitleidenschaft gezogen. Die Regierung stellte für die Soforthilfe 330 Millionen Dollar bereit. Zusätzlich zählt sie auf einen Kredit der interamerikanischen Entwicklungsbank über 100 Millionen Dollar.

Die Mehrheit der Bevölkerung von Armenia begann in den vergangenen Tagen vor den katastrophalen hygienischen Zuständen in weniger betroffene ländliche Gegenden zu flüchten. Etwa zwölftausend Menschen haben Armenia bereits verlassen. In den kleineren Gemeinden nördlich von Armenia kommen täglich neue Flüchtlinge an, was effektive Nothilfeprogramme noch dringlicher werden läßt. Auch auf dem Land sind 60 Prozent der Orte stark geschädigt und die Ernte weitgehend vernichtet.

Das wichtigste Anbauprodukt der Gegend ist Kaffee. Die nationale Kaffee- Produktion erlitt den größten Schaden seit vielen Jahren. Der Handel in den lokalen Zentren und Kooperativen, Hauptabsatzmärkte der ansässigen Kleinbauern, hat sich auf ein Minimum reduziert. Zudem erschwert die starke Beschädigung des regionalen Straßennetzes die Absatzmöglichkeiten für landwirtschaftliche Produkte. In allen Landkreisen haben sich nun lokale Nothilfe-Komitees gegründet. Über diese Komitees versuchen die lokalen Verwaltungen, die spärlichen Lebensmittel und ankommenden Hilfslieferungen zu verteilen sowie die Notleidenden in provisorischen Herbergen unterzubringen. Doch die Versorgung wird seit Mitte der vergangenen Woche zunehmend schwierig.

Carlos Arturo Galvis und Jorge Antornio Hoyos, Bürgermeister der kleinen Gemeinden Salento und Filandia äußern sich sehr besorgt über das massive Eintreffen von Flüchtlingen aus Armenia und Calarca. „Wir wollen keine Slums am Rande unserer Gemeinden“, stellt Hoyos fest. Deshalb drängten die Gemeindevorsteher die lokale Polizei, den Flüchtlingen zu verbieten, selbst Notunterkünfte zu errichten. Derzeit werden sie in Schulen und Gemeindezentren untergebracht. Wie die Versorgung mit Lebensmitteln und sanitären Einrichtungen für diese Menschen gewährleistet werden soll ist jedoch unklar. Zu den Flüchtlingen gehört auch Liliana. Sie sieht keine andere Überlebensalternative für sich und ihre Familie, als jeden Tag um Hilfe bittend an die Türen der Dorfbewohner zu klopfen.

In Circasia, Lilianas Dorf, sind fast 300 Menschen obdachlos geworden. Hunderte von Familien blieben in ihren halbzerstörten Häusern. Die Folgen der Tragödie werden mit jedem Tag weitreichender, an dem kein effektiveres Soforthilfeprogramm auch für die ländlichen Gebiete gestartet wird.

KARIBIK

Kirche oder Kondom – AIDS-Problematik in der Karibik

Von John Ludwick

(Lima, Februar 1999, na/ips-Poonal).- Wie überall auf der Welt infizieren sich auch in der Karibik immer mehr Jugendliche mit dem HIV-Virus. Doch die jungen Menschen zu warnen und AIDS vorzubeugen, könnte hier genauso schwierig sein, wie die Krankheit selbst zu bekämpfen. „Eine der größten Herausforderungen für die Bevölkerung in der Karibik ist die Überwindung der Ressentisments gegen Präventivmaßnahmen aufgrund der tiefen Religiösität. In der Schule die Frage zu erörtern, wie man ein Kondom überzieht, wird keineswegs einfach für uns sein „, erklärte der Minister für Arbeit, Soziales und Sport in Barbados, Rudolph Greenidge auf der vierten Ministerialkonferenz zu Kindern und Sozialpolitik. Die Konferenz wurde vor kurzem von UNICEF im peruanischen Lima organisiert.

Die 31 teilnehmenden Länder unterzeichneten das Abkommen von Lima, das auf der UNICEF-Zielliste von 1990 beruht. Ein Ziel ist die AIDS-Vorbeugung, wobei der Gebrauch von Kondomen als eine vorgesehene Maßnahme ist. Doch dies durchzusetzen, könnte vor allem in den karibischen Ländern schwierig werden. „In einigen (karibischen) Ländern müssen wir die Bevölkerung erst vom Gebrauch der Kondome überzeugen, aber da wir das Abkommen nun unterzeichnet haben, werden wir es auch umsetzen“, so Marjorie Taylor vom jamaikanischen Gesundheitsministerium. Nervös fügte die UNICEF-Vetreterin der Karibik, Ndolamb Ngokwey, schnell hinzu: „Kondome sind ja nicht die einzige Lösung. Es gibt ja noch viele andere, unter anderem eine Gesundheitserziehung, die die Eltern miteinschließt.“ Die Ministerin für Menschliche Entwicklung und Frauen- und Jugendfragen aus Belize, Dolores Balderamos, hält die Meinung von Taylor für nicht unbedingt repräsentativ für die ganze Karibik, es sei aber „ein heikler Punkt.“

In Jamaica, wo 1997 bereits 44 AIDS-Fälle unter Jugendlichen zwischen 10 und 19 Jahren registriert wurden, ist die Debatte über den Gebrauch von Kondomen gerade auf dem Höhepunkt. „Wenn man Jugendlichen Verhütungsmittel an die Hand gibt, lädt man sie doch zur sexuellen Freiheit ein“ meint der Priester Reuphel McIntosh. „Wir hingegen laden zur Enthaltsamkeit ein.“Der nationale jamaikanische Familienplanungsrat ist jedoch für die Verteilung von Verhütungsmitteln an die Jugendlichen. Dies sei lediglich ein Angebot an die Heranwachsenden, falls sie vor der Frage stünden, Geschlechtsverkehr zu haben. Nach einer Umfrage des jamaikanischen Gesundheitsministeriums unter 2.635 Jugendlichen, hatten 40 Prozent von ihnen im Alter von zehn Jahren erste sexuelle Erfahrungen. Eine Umfrage der panamerikanischen Gesundheitsorganisation unter 8.000 Schüler*innen auf Jamaica, Dominica und Grenada kam zu ganz ähnlichen Ergebnissen.

Einige Amtsträger ziehen einen eher traditionellen Schwerpunkt bei dem Thema vor. Die Ministerin für Gemeinwesenentwicklung und Frauenfragen aus der Dominikanischen Republik, Gertrude Roberts, meint, vor allem die Familien, nicht nur der Staat und die Kirchen müßten die Jugendlichen über die möglichen Folgen ungeschützter Sexualität aufklären. „Kindern gefällt es einfach, Dinge zu erkunden. Aber immer ist doch das Heim das Fundament, die Eltern müssen mit ihren Kindern klarmachen, daß es besser ist, erst die Ausbildung fertig zu machen, bevor sie Kinder kriegen“, führte Roberts auf der Limaer Konferenz aus.

Auch Guyana versucht, über die Erziehung vor den Folgen des unsicheren Sexes zu warnen. Sozialversicherungsministerin Indranie Chandarpal setzt auf Geduld und Innovation. Sie glaubt an die Kraft der Vorstellung. Kirchen und soziale Organisationen müßten neue Techniken benutzen, um an die Jugend heranzukommen. „Wir müssen einfach wissen, wie wir die Informationen auf kreative Weise den Jugendlichen näherbringen.“ Zum Beispiel mit Comics, Musik und anderen volkstümlichen Kulturformen.

In Belize, Nachbarland von Mexiko und Guatemala und in der Nähe von Honduras gelegen, sind die Probleme anders gelagert. Die Zahl der AIDS-Kranken ist hoch und die Situation kompliziert sich wegen der vielen Wanderarbeiter, die legal oder illegal in den Bananenplantagen arbeiten. Die Gesundheitsbehörden kommen kaum an die Migranten heran.

Für Haiti hat das Gesundheitministerium Ende 1997 die Hälfte der 6.000 bis 9.000 Straßenkinder in Port-au-Prince als Seropositiv bezeichnet. Auch 4.000 Neugeborene wiesen 1995 das AIDS-Virus auf. Mehr als 25.000 unter 15-jährige werden in den kommenden zwei Jahren wegen der AIDS-Epidemie auf der Insel zu Waisen. Die im Gesundheitsbereich Arbeitenden haben auf der verarmten Insel alle Anstrengungen unternommen, um gemeinsam eine preiswerte Kondom-Marke anzubieten. In einer sozialen Kampagne wurden 1997 insgesamt sieben Millionen Präservative verteilt.

BARBADOS

Regierung im Amt bestätigt

(Bridgetown, 22. Januar 1999, pulsar-Poonal).- Die Arbeitspartei von Premierminister Owen Arthur gewann bei den Parlamentswahlen 26 von 28 Sitzen. Dies ist der deutlichste Wahlsieg einer Partei, seit der Inselstaat 1966 von Großbritannien unabhängig wurde. Die Regierung ist damit für weitere fünf Jahre im Amt bestätigt. Die oppositionelle Demokratische Arbeitspartei erlitt mit ihrer Ankündigung, bei einem Triumph die Sozialausgaben zu kürzen und das Geld in die Entwicklung des Handels zu investieren, eine erdrutschartige Schlappe. Die Regierung von Owen konnte dagegen darauf verweisen, die Arbeitslosigkeit halbiert zu haben und mit einer Million Besucher*innen eine Rekordzahl von Tourist*innen nach Barbados gebracht zu haben, die dort im vergangenen Jahr 800 Millionen Dollar ausgaben.

KUBA

Aufbruchstimmung bei Teilen der kubanischen Opposition

(Havanna, 27. Januar 1999, pulsar-Poonal).- Fünf auf der Insel als illegal erachtete Oppositionsgruppen haben sich zu einer „Runde der Reflexion“ zusammengeschlossen. „Die Runde entsteht aus der Entwicklung und dem kritischen Nachdenken über Geschichte als Dissidenz, sie sucht den nationalen Konsens und weist die Personalisierung politischer Alternativen zurück“, heißt es in einem Dokument der neuen Organisation. Die Initiator*innen machen deutlich, es handele sich nicht um ein Bündnis von poltischen Organisationen. Ziel sei es, nach Möglichkeiten für schrittweise Veränderungen auf Kuba zu suchen. Sie räumten ein, daß die Opposition weder je solides politisches Denken gezeigt noch jemals Alternativen aufgezeigt habe. Stattdessen sei immer so gehandelt worden, als läge auch der Wohnsitz der lokalen Oppositionellen in Miami, Caracas oder Spanien, erklärten sie in Anspielung auf die rechtsextremen Gegner*innen der Castro-Regierung. Die überraschende Äußerung der „Runde“ wird als klares Signal der inselinternen Opposition zur Gesprächsbereitschaft mit der Regierung gewertet. Bisher ist offen, ob diese darauf eingehen wird.

VENEZUELA

Von allem ein bißchen – Das Kabinett des neuen Präsidenten

(Caracas, 31. Januar 1999, pulsar-Poonal).- Hugo Chávez möchte das Land neu gründen. Dafür hat sich der frisch gewählte Präsident mit einem Kabinett umgeben, in dem sich nahezu alle politischen Gruppierungen wiederfinden können. Die Linke und der Gewerkschaftssektor werden die Kontrolle über Innen-, Planungs-, Energie- und Minen, Außen- sowie das Arbeitsministerium haben. Außerdem verfügen sie über die Macht im Präsidialamt. Mit der Finanzministerin Maritza Izaguirre wird die Funktionärin der Vorgängerregierung in ihrem Amt bestätigt. Dies wird zum einen als Signal an die internationalen Kreditinstitutionen gewertet, daß die Chávez-Administration keine allzu großen Experimente im Finanzbereich unternehmen wird. Zieht man dazu die Ernennung des bekannten Unternehmers Alejandro Riera zum Landwirtschaftsminister in Betracht, so sind diese beiden Personalien gleichzeitig ein Schachzug, die venezolanische Rechte zu beruhigen. Für seine ehemaligen Gefährten beim Putschversuch von 1992 hat Chávez das Verteidigungsministerium, das Transport- und Kommunikationsministerium sowie die Posten für die Polizei als auch der Leitung der Sicherheitskräfte in der Hauptstadt Caracas vorgesehen. Die Frage ist, wie das Kabinett bei so unterschiedlicher Couleur zusammenarbeiten wird. Chávez, der mit 56 Prozent der abgegebenen Stimmen schon einen klaren Wahlsieg bei den Präsidentschaftswahlen erzielte, kann derzeit Umfragen nach auf eine in der venezolanischen Geschichte beispiellose Unterstützung von 82 Prozent der Bevölkerung rechnen.

MEXIKO

Die Dissidenten – oppositionelle Militärs

Von John Ross

(Mexiko-Stadt, Februar 1999, na-Poonal).- Eine halbe Hundertschaft aufrechter Soldaten der mexikanischen Armee marschierte über den breiten Prachtboulevard der größten Stadt der Welt, Paseo de la Reforma und legte den Verkehr lahm. Einige Schaufensterbummler waren verwirrt, denn sie konnten sich beim besten Willen nicht erinnern, welches patriotische Fest heute schon wieder gefeiert wurde. Doch das selbsternannte Vaterländische Kommando zur Bewußtseinsbildung des Volkes (CPCP) feierte auch gar kein heroisches Datum, im Gegenteil. Die Soldaten protestierten an jenem 18. Dezember 1998 gegen das militärische Justizsystem, das ihrer Meinung nach die elementarsten Menschenrechte verletzt (vgl. Poonal 367). Solcher Protest ist selten unter den 180.000 Mitgliedern der mexikanischen Streitkräfte. Sofort nach dem Ende der Veranstaltung verließ der Anführer der rebellischen Soldaten, Oberstleutnant Hildegardo Bacilio Gómez das Land, weil er Repressalien fürchtete. Man vermutet ihn nun in Venezuela, wo er versuchen soll, sich dem gewählten Präsidenten Hugo Chávez zu nähern, dessen erklärter Bewunderer Gómez ist. Die 50 Soldaten sagen, sie sprächen im Namen von etwa 1.500 Militärgefangenen, die wegen Verbrechen wie Befehlsverweigerung oder Ungehorsam hinter Gittern säßen. In der mexikanischen Militärjustiz dominiere der Dienstgrad, jegliches Abweichlertum und jegliche Dissidenz unterlägen schwerster Bestrafung, beschweren sich die Soldaten, die für einen miserablen Sold tagaus, tagein Dienst schieben müssen. Einige verdienen lediglich 75 US- Dollar monatlich. Die äußert ungewöhnliche Demonstration der CPCP sei nur die Spitze des Eisberges, sagt Gómez. Eine tiefe Unzufriedenheit und fehlende Disziplin in der Truppe gehöre mittlerweile zum Alltag.

Das mexikanische Militär wäscht seine schmutzige Wäsche normalerweise nicht in der Öffentlichkeit. Seit mehr als 60 Jahren hat es sich nicht gegen die zivile Regierung erhoben. Doch der Preis dafür war die Abschottung der Streitkräfte gegenüber jeglicher ziviler Einmischung in die internen Angelegenheiten. Das hat zu einem wahrhaftigen Inseldasein geführt. Trotz der für Lateinamerika einzigartigen Situation gibt es in Mexiko immer noch Spannungen zwischen Zivilen und Militärs. Obwohl die Generäle immer große Zeichen der Treue zum Präsidenten zeigen, ist die Treue des Regierungschefs zu seinen Generälen mindestens ebenso wichtig. Präsident Ernesto Zedillo hat alle wesentlichen wirtschaftspolitischen Entscheidungen der vergangenen fünf Jahre seiner Regierungszeit mit dem obersten Militärkommando abgesprochen. Als Belohnung erhielten die Militärs us- amerikanische Waffen im Wert von mehreren Milliarden Dollar. Zedillo hat seinen Truppen auch in den drei südmexikanischen Bundesstaaten Chiapas, Oaxaca und Guerrero praktisch freie Hand gelassen. Ein Drittel aller Soldaten befindet sich zur Zeit dort. Das Wiederauftauchen der Guerilla hat das militärische Profil verhärtet und den Einfluß der Armee auf den Präsidenten erhöht.

Die Achillesferse der ehemals patriotischen Armee ist jedoch die Drogenbekämpfung. Rund zehn hohe Militärs sitzen derzeit Strafen wegen Verwicklungen in Drogengeschäfte ab, und die Korruption in der Militärspitze hat das traditionelle Schweigen der öffentlichen Meinung über militärische Fragen aufgeweicht. Außerdem häufen sich die Klagen über Menschenrechtverletzungen seitens des Militärs. Der dreißigste Jahrestag des 1968 stattgefundenen Massakers an Studenten im Stadtteil Tlatelolco hat die Institution erneut ins Augenmerk der Öffentlichkeit gerückt. Der Druck nationaler wie internationaler Menschenrechtsgruppen, die die immer häufigeren Vergehen gegen die Menschenwürde anklagen hat praktisch dazu geführt, daß die Armeejustiz nun selbst auf der Anklagebank sitzt.

Die Demonstration des Vaterländischen Kommandos auf dem Paseo de la Reforma ist nicht die erste Unmutsäußerung der Truppe gegenüber der internen Justiz. So wurde der General José Francisco Gallardo 1993 festgenommen und verbrachte die folgenden fünf Jahre damit, auf seinen Prozeß zu warten. Der General hatte öffentlich die Form verurteilt, wie innerhalb der Armee Recht gesprochen werde und einen Ombudsmann für die unteren Dienstgrade gefordert. Die fadenscheinige Anklage warf ihm letzlich vor, angeblich Futter aus einem militärischen Pferdestall gestohlen zu haben, weshalb er zu 28 Jahren Haft verurteilt wurde. Amnisty International hat Gallardo zum Gefangenen aus Gewissensgründen erklärt und die Interamerikanische Menschenrechtskommission der ÖA hat wiederholt erklärt, Gallardo müsse freigelassen werden und wegen der unrechtmäßigen Verurteilung eine Haftentschädigung erhalten.

Der militärische Geheimdienst hat Gallardo denn auch sofort als führenden Kopf des CPCP bezeichnet. Er selbst streitet jegliche Verbindung ab, lobte aber „diejenigen, die sich gegen Machtmißbrauch und die Verbindungen der Militärs mit mafiösen Organisationen stellen.“ Sowohl Gallardo als auch Gómez sagen, die Militärjustiz strafe selektiv. Die Soldaten, die Abscheulichkeiten gegenüber der Zivilbevölkerung begingen, könnten praktisch immer mit Straffreiheit rechnen. Kein einziger Offizier sei beispielsweise für die 1994 vollzogene Hinrichtung von drei prozapatistischen Dorfältesten im Ejido Morelia zur Rechenschaft gezogen worden. Auch die Vergewaltigung dreier Tzeltalfrauen in der selben Gegend, nur einige Monate später sei, wie eine Reihe weiterer Verbrechen, ungestraft geblieben.

Das plötzliche Erscheinen von Gómez auf der politischen Bühne kurz vor dem Wahljahr 2000 als eine Stimme gegen die militärische Ungerechtigkeit hat Zweifel darüber aufkommen lassen, ob nicht eventuell Kandidaten ihr Image aufbessern wollen. Obwohl Gómez Mitte Januar aus dem Exil heraus erklärte, seine Bewegung habe kein Interesse daran, die Regierung zu stürzen, so forderte er doch Verfassungsänderungen, die den Einfluß der Militärs vor allem auf die Politik einschränken sollten.

Die Spaltung bei der Armee spiegelt die politische Spaltung des Landes angesichts der anstehenden Präsidentschaftwahlen wider. Am Ende des CPCP-Marschs präsentierten die kritischen Militärs den mitte-links-orientierten Abgeordneten der Partei der Demokratischen Revolution (PRD) eine Liste ihrer Forderungen, die alle Beschwerden einschließt, die unzufriedene Militärs mit der Militär-Politik der herrschenden Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI) haben. Die PRI beeilte sich denn auch, zu behaupten, die PRD fördere den Ungehorsam der Truppe. Solche Äußerungen lassen jedoch außer acht, wie tief die Wertekrise in den Streitkräften steckt. So sind viele nationalistische Offiziere unzufrieden mit der immer größer werdenden Entfernung der Politik von den Zielen der mexikanischen Revolution. Sie stellen vor allem die Unterordnung der Regierung unter die neoliberalen Vorgaben in Frage. Die Hinwendung zur PRD hat im Wesentlichen zwei Gründe. Zum einen wendet sich die Partei gegen die Globalisierung der mexikanischen Wirtschaft durch Präsident Zedillo. Auf der anderen Seite ist der moralische PRD-Führer Cuauhtémoc Cárdenas, der Bügermeister von Mexiko-Stadt, Sohn des Revolutionsgenerals und Präsidenten Lázaro Cárdenas. Das macht ihn für 2000 zum einzigen Präsidentschaftkandidaten mit militärischem Bezug.

1988, als Cardenas wegen eines von der PRI organisierten Wahlbetrugs nicht Präsident wurde, siegte er jedoch klar in den Wahlkreisen innerhalb und rund um die Kasernen. Vor kurzem entlastete er die Streitkräfte als Institution für die Geschehnisse während des Massakers unter Studenten 1968. Sein Vater, Präsident Lázaro Cárdenas (1934-40) war der Prototyp eines populistischen lateinamerikanischen Militärführers. Männer wie er trugen wesentlich dazu bei, das Schicksal ihrer Länder in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert mitzugestalten. Fortschrittliche Militärregimes regierten in Ecuador, Guatemala, Panama und Peru. Der ehemalige Oberstleutnant Hugo Chávez in Venezuela ist lediglich die aktuellste Erscheinung dieses Phänomens. Auch wenn Chávez jegliche Verbindung zu Gómez verneint, so scheinen sich diese beiden Militärs doch auf parallelen Bahnen zu bewegen. Nach Meinung des konservativen politischen Publizisten José Antonio Crespo „fühlen sich die Streitkräfte oft dazu aufgefordert, die Initiative zu übernehmen, wenn, wie derzeit in Venezuela und Mexiko zu beobachten ist“, die politischen Institutionen geschwächt seien. Unterdessen sind fünf der nach Armeemeinung mutmaßlichen „Rädelsführer“ des Vaterländischen Kommandos festgenommen worden. Sie erwartet ein Verfahren vor der Militärjustiz, an dessen Ende eine Verurteilung zu 30 oder 40 Jahren Haft nicht auszuschließen ist. Der flüchtige Gómez wird per Haftbefehl gesucht.

Krieg und Armut im Bundesstaat Guerrero

Von John Ludwick

(Tlapa, Januar 1999, na-Poonal).- Seit einiger Zeit fühlt sich Abel Barrera Hernández in Tlapa nicht mehr sicher. Das liege an der permanent steigenden Militärpräsenz in dem im südmexikanischen Bundesstaat Guerrero gelegenen Städtchen, begründet er sein Unbehagen. „Es ist hier jetzt sehr gefährlich wegen der steigenden Zahl von Gewalttaten“, sagt Barrera, der der Direktor des Menschenrechtszentrums in Tlapa ist. „Man muß wirklich aufpassen, weil nicht mehr klar ist, wer Freund und wer Feind ist.“ Der ehedem für seine sonnigen Strände und den Badeort Acapulco bekannte Bundesstaat ist aufgrund der zunehmenden Zahl von Soldaten, Paramilitärs, Guerrilleros und bewaffneter Krimineller in der letzten Zeit in den Ruf gekommen, ein rauher und gewalttätiger Flecken Erde geworden zu sein.

Nach Angaben des Menschenrechtszentrums sind die gewaltauslösenden Faktoren die chronische Armut einerseits und die repressive Haltung der Regierung andererseits. Dies hat eine steigende Unzufriedenheit besonders unter der indigenen Bevölkerung zur Folge. Immer mehr Indígenas fordern Autonomierechte in ihren Gemeinden. Die Regierung ist jedoch nicht bereit, die Macht zu teilen. „Die Lösung der Regierung zur Autonomiefrage ist Folgende: Sie sollten aufhören, Indios zu sein und sich in die mexikanische Gesellschaft eingliedern“, macht Barrera klar. Nach der Volkszählung 1995 wird die Zahl der Indígenas in Mexiko auf 8,7 Millionen geschätzt, die 56 ethnischen Gruppen angehören. Guerrero ist einer der Bundesstaaten mit relativ großem Indígena-Anteil. Barrera erklärt, daß die Regierung die Organisationen unter den Indios als eine Gefahr für die Nationalstaatlichkeit einschätzt und sich weigert über autonome indigene Gebiete auch nur ernsthaft zu reden. Aber dieses Konzept ist nicht aufgegangen.

Angesichts der steigenden Armut und Repression haben viele indigene Gemeinden die Dinge in die eigene Hand genommen. Einige haben sich in politischen Parteien organisiert oder Gruppen zur Verteidigung ihrer Rechte gebildet. Alle in der Hoffnung, in der schwachen mexikanischen Demokratie selbst über ihre Zukunft bestimmen zu können. Andere haben einen gefährlicheren Weg gewählt. Wie im benachbarten Chiapas, wo sich die zapatistischen Rebellen vor fünf Jahren erhoben haben, haben auch in Guerrero einige zur Waffe gegriffen und zielen nun auf die Militärs. Barrera versteht die große Frustration der indigenen Bevölkerung Mexikos.

Die Antwort der Regierung war klar. Seit Mitte der neunziger Jahre hat die Zahl der in die Region entsandten Truppen ständig zugenommen. 1997 errichtete die Armee eine ausgedehnte Militärbasis am Rande des 30.000 Einwohner zählenden Städtchens Tlapa. Das Menschenrechtszentrum schätzt die Zahl der dort stationierten Soldaten auf etwa 2.500, offizielle Zahlen gibt es nicht. Für Barrera ist die militärische Antwort auf die wachsende indigene Bewegung in Guerrero und im übrigen Mexiko „gleichbedeutend mit Schwäche“. Die zivilen Behörden hätten das Problem nicht anders in den Griff bekommen. „Es ist doch klar, daß die Regierung die Kontrolle über eine Situation verloren hat, wenn sie das Militär schicken muß“, erklärt er.

Im gleichen Maße, wie sich der Schatten der Militärpräsenz über Guerrero ausbreitet, steigt auch die Anzahl der Menschenrechtsverletzungen. In den vergangenen drei Jahren sind 60 Menschen bei außergerichtlichen Hinrichtungen umgebracht worden, die aller Wahrscheinlichkeit nach von Regierungstruppen begangen wurden. Alleine im Landkreis Tlapa hat die Gruppe um Barrera 45 Fälle von Menschenrechtsverletzungen, die von Bedrohungen über Folter bis zum Mord reichten, aufgenommen und zur Anzeige gebracht. „Die wachsende Militärpräsenz hat in Tlapa eine größere Unsicherheit unter der Bevölkerung hervorgerufen und eine chaotische Geesellschaft geschaffen“, sagt Barrera.

Bewaffnete Überfälle gehören zum Alltag, seit der illegale Handel mit den Waffen der Soldaten blüht. Der Handel mit dem Ausgangsstoff für Heroin, Mohn, hat genauso zugenommen wie die Prostitution rund um die Militärbasis. Die andere große Gefahr besteht in der wachsenden Guerilla in Guerrero. Vor allem Bauern, die das endlose Reden satt haben, hätten zu den Waffen gegriffen. Barrera glaubt, das die Rebellen genauso wie die Regieungstruppen ihre Gründe haben, gegen das Menschenrechtszentrum zu sein.

Anfang 1999 wurden bei einem Banküberfall in Tlapa zwei Polizisten getötet. Die Mörder wurden zwar als gewöhnliche Kriminelle indentifiziert, doch die in den Bergen operierende Revolutionäre Volksarmee (EPR) versuchte, sich den Überfall auf ihre Fahnen zu schreiben. Die Gruppe um Barrera widersprach der Darstellung der EPR umgehend und veröffentlichte die nach ihren Angaben tatsächliche und wahrheitsgetreue Fassung der Vorgänge, was den Zorn der Guerilla hervorrief.

Das Menschenrechtszentrum lehnt jegliche Gewalt ab und kämpft gegen den „schmutzigen Krieg“ der Regierung mit sozialen Aktivitäten und der Verteidigung der Rechte der indigenen Bevölkerung. Verletzungen gegen die Menschenrechte werden in Zeugenaussagen aufgenommen, bei Folter werden Fotos der Wunden hinzugefügt. Die gesammelte Dokumentation wird nationalen wie internationalen Menschenrechtsorganisationen zugesandt. Sowohl um ihr Überleben zu sichern, als auch der eigenen Glaubwürdigkeit wegen, sitzt dem beratenden Gremium des Zentrums der Bischof von Tlapa, Alejo Zavala Castro, vor. Außerdem sind Universitätsangehörige und weitere Priester in dem Rat. Das mache es schwieriger, die Organisation zu diskreditieren oder den Mitgliedern physischen Schaden zuzufügen, meint Barrera. „Keiner kann behaupten, wir seien politisch motiviert und es ist schwierig, daß Polizei oder Militär die Stimme eines Bischofs oder Priesters zum Schweigen bringen“, erklärt er. Trotz Gefahren und Frustrationen werde die Gruppe die Arbeit in Tlapa weiter fortsetzen. „Wir sehen einen Silberstreifen am Horizont“, bemerkt Barrera. „Im Moment ist es gefährlich, doch wir hoffen, die Risiken und Opfer unserer Arbeit werden eines Tages dazu beigetragen haben, die Gewalt einzudämmen, die alle in Tlapa bedroht.“

GUATEMALA

Kirche mit neuem Zeugen im Mordfall Gerardi

(Guatemala-Stadt, 27. Januar 1999, cerigua-Poonal).- Nach dem Rücktritt des Staatsanwaltes Otto Ardon präsentierte die guatemaltekische Kirche einen neuen Zeugen im Fall des im April 1998 ermordeten Bischofs Juan Gerardi. Ardon hatte an der äußerst umstrittenen These festgehalten, der weiterhin inhaftierte Priester Manuel Orantes sei der einzig mögliche Schuldige. Die Kirche bezeichnete Ardon deshalb als parteiisch und wartete seine Ablösung durch den neuen Staatsanwalt Celvin Galindo ab, um mit ihrem Zeugen aufzuwarten. Es handelt sich um einen Taxifahrer, dessen Identität bisher aus Sicherheitsgründen geheim gehalten wird. Der Mann beobachtete zur Mordzeit Bewegungen von mehreren Uniformierten in der Umgebung des Hauses von Gerardi. Er dachte an eine Polizeiaktion. Tage später wurde ein Kollege des Zeugen, der das Taxi übernahm, ermordet. Ein weiterer Fahrer desselben Fahrzeugs wurde erlitt kurz darauf ein Attentat.

GUATEMALA/MEXIKO

Menchú verteidigt sich gegen Vorwürfe

(Mexiko-Stadt, 25. Januar 1999, cerigua-Poonal).- In einer ersten öffentlichen Stellungnahme verteidigte sich die Friedensnobelpreisträgerin und Maya-Indígena Rigoberta Menchú auf einer Pressekonferenz in Mexiko-Stadt gegen die Vorwürfe des US-Anthropologen David Stoll. Dieser beschuldigt Menchú in einem Buch, in ihrer Autobiographie nicht wahrheitsgemäß berichtet und Details fabriziert zu haben. Die Biografie erschien 1983 auf dem Höhepunkt des internen Krieges in Guatemala. Die Schlußfolgerungen von Stoll wurden in der renommierten“The New York Times“ veröffentlicht. Darin wird der Nobelpreisträgerin von 1992 abgesprochen, einen Augenzeugenbericht verfaßt zu haben, weil sie Erfahrungen beschreibe, „die sie nie selbst machte“.

Menchú relativierte einige der Anschuldigungen und verwies ebenfalls darauf, daß einige ihrer Aussagen auf dem Zeugnis beispielsweise ihrer Mutter und anderer nahestehender Personen beruhen. Bestimmte Details habe sie nicht erwähnt, um Personen zu schützen. Sie ging auch auf den Vorwurf ein, einen noch lebenden Bruder für tot erklärt zu haben. Zwei ihrer Brüder hätten Nicolás geheißen, so Menchú. Der eine sei klein an Unterernährung gestorben, der andere habe überlebt. Denselben Namen mehrmals zu benutzen, sei nichts ungewöhnliches bei den Mayas. (Anmerkung des Übersetzers: Ich werde nie den Bericht einer guatemaltekischen Freundin vergessen, die vom Besuch einer Indígenafamilie im Quiché-Hochland erzählte. In der Familie hätten drei kleine Kinder Juan geheißen. Auf die erstaunte Frage der Besucherin antwortete die Mutter: „Wenn mir zwei wegsterben, bleibt mir wenigstens ein Juan.“). Die Publikation von Stoll nannte Menchú „einen Erniedrigungstat gegen die Opfer“.

KOMMENTAR – Von Eduardo Galeano

Zielscheibe Rigoberta

(Montevideo, Januar 1999, Poonal).- Guatemala? Mittelamerika? Die Mitte Amerikas ist in Kansas. Guatemala spielt auf der Landkarte der Massenmedien, die die öffentliche Meinung fabrizieren, keine Rolle. Dennoch, oh Wunder, belegt eine guatemaltekische Frau, Rigoberta Menchú, in letzter Zeit viel Platz. Nicht, weil sie von dem Land aus anklagt, das gerade erst das längste und schrecklichste Massaker des 20. Jahrhunderts auf dem amerikanischen Kontinent hinter sich hat. Nein, Rigoberta ist nicht die Anklagende, sondern die Angeklagte. Einmal mehr, wie könnte es anders sein, sitzen die Opfer auf die Anklagebank.

Von den USA aus – was fehlte mehr – ist ein neuer massiver Vergiftungskrieg ausgelöst worden. Alles nahm seinen Anfang, als ein nordamerikanischer Anthropologe zehn Jahre seines Lebens dafür opferte, Widersprüche Rigobertas und die Verantwortung der Guerilla für die Repression, die die Indígenas erlitten, zu untersuchen. „Er kam nach Guatemala, um uns zu studieren, als ob wir Insekten wären“, kommentiert der Schriftsteller Dante Liano. „In seinem Buch beruft er sich auf Zeugen und Archive. Welche Archive gibt es über den jüngsten Krieg. Haben die Streitkräfte ihm ihre Archive geöffnet?“ Vor kurzem versuchte der Abgeordnete Héctor Klee Orellana diese Archive zu konsultieren und tauchte mit einem Kopfschuß auf. Der Bischof Juan Gerardi, der es ebenfalls versuchte, endete mit einem durch Streinschläge zerschmetterten Schädel.

„The New York Times“ gab der Angelegenheit weltweite Verbreitung. Die Tageszeitung bekräftigte und veröffentlichte die Schlußfolgerungen des Anthropologen: das Zeugnis „Ich, Rigoberta Menchú“, vor 15 Jahren veröffentlicht“ enthält Ungenauigkeiten und Fehler. So wurde beispielsweise der Bruder Rigobertas, Patrocinio, nicht bei lebendigem Leib verbrannt: er wurde erschossen und in ein Massengrab geworfen. Oder, beispielsweise: „Sie besuchte drei Jahre lang ein Privatkolleg“. Was sich nach Schweizer Internat anhört, bezieht sich auf eine kleine Schule in Chichicastenango. Und so geht es weiter, andere Haare in der Suppe.

Ab da prasselte es international nieder. Plötzlich multiplizierten sich die Stimmen, die von einem Skandal sprechen, die Rigoberta Lügnerin nennen und die nebenbei der indigenen Widerstandsbewegung, die sie ausdrückt und symbolisiert, die Berechtigung absprechen. Mit verdächtiger Schnelligkeit wird ein Rauchvorhang vor vierzig Jahren Tragödie in Guatemala aufgezogen, auf magische Art reduziert auf die Provokation der Guerilla und Familienzwistigkeiten, diese „Indio-Angelegenheiten“.

Da fand der umfangreiche und dokumentierte Bericht der Kirche, ausgearbeitet von der Kommission, der Bischof Gerardi vorsaß und im vergangenen Jahr zwei Tage vor dem Mord an ihm veröffentlicht, weniger Echo. Tausende Zeugnisse, aufgenommen überall im Land, wurden die Stückchen der Erinnerung des Schmerzes zusammengesetzt: 150.000 tote Guatemalteken, 50.000 Verschwundene, eine Million Exilierte und Flüchtlinge, 200.000 Weisen, 40.000 Witwen. Neun von zehn Opfern waren unbewaffnete Zivilisten, mehrheitlich Indígenas. Und in acht von zehn Fällen hatten die Verantwortung die Armee oder ihre paramilitärischen Banden. Der Bericht spricht von direkter Verantwortung, der Verantwortung der bezahlten Marionetten. Was die andere Verantwortung angeht, die der bezahlenden Marionettenspieler, wäre es die Mühe wert, wenn die USA all ihre Anthropologen entsenden würden und die New York Times ihre gesamte Redaktion in Bewegung setzte. Pentagon und Weißes Haus mögen pfeifen und weggucken: die Nordamerikaner haben nicht die geringste Idee, wo dieses Land Guatemala liegt, das so einen pintoresken und schwer aussprechbaren Namen hat.

Die Kampagne gegen Rigoberta kam bis nach Oslo. Es gibt Personen, die fordern, sie solle den Nobelpreis zurückgeben oder er solle ihr genommen werden. Der Preis wurde vergeben und richtig vergeben, bekräftigte das norwegische Komitee: „Die angeführten Details sind nicht wesentlich“, so sein Sprecher. Schön, wenn es so wäre. Der Friedensnobelpreis, den Rigoberta 1992 gewann, war nicht nur die einzige dezente und gerechte Erinnerung an die 500 Jahre dessen, was sie Entdeckung Amerikas nennen, sondern schmückte außerdem einen Preis, der eine Reinigung brauchte. Der Friedensnobelpreis trug seit 1906 reichlich Dreck, als er Teddy Roosevelt gegeben wurde, der in alle Richtungen verkündete, der Krieg läutere die Männer. Und noch schmutziger wurde er im Laufe der Zeit, als ihn andere Kriegshäuptlinge entgegennahmen. Beispielsweise Henry Kissinger, der der Welt viele Tote schuldet und Vater von Pinochet und anderen Monstern gewesen ist. Unten ist auf einmal Oben: eine verkehrte Welt diskutiert jetzt, ob Rigoberta diesen Preis verdiente statt zu diskutieren, ob dieser Preis sie verdiente.

Die Indígenas sind Mehrheit in Guatemala. Aber die herrschende Minderheit behandelt sie, unter der Diktatur oder in der Demokratie, wie Südafrika die Schwarzen zu Zeiten der Apartheid behandelte. Von sechs erwachsenen Guatemalteken gibt nur einer seine Stimme ab: die Indios sind gut dafür, Touristen anzulocken, die Baumwoll- und Kaffee-Ernten einzuholen sowie als Lasttiere der einheimischen Wirtschaft und Schußziel der Streitkräfte zu dienen. „Als ob du ein Indio wärst“, sagen die Herrschenden, die sich weiß glauben, wenn ihre Kinder sich schlecht benehmen. Diese „guatemaltekische Gesellschaft“ empfing die Nachricht vom Nobelpreis wie einen kalten Wasserguß. „affektierte India“ nennen die entrüsteten Stimmen seitdem Rigoberta, und auch: „anmaßende India“. Und jetzt: „lügnerische India“. Sie hat ihren zugewiesenen Platz verlassen und das beleidigt. Daß Rigoberta India und Frau war, soweit so gut, und da ist sie mit ihrem doppelten Mißgeschick. Aber diese Indígena-Frau zeigte sich rebellisch, eine unentschuldbare Frechheit und – das ist die Höhe – beging sie anschließend die Barbarei, zu einem weltweiten Symbol der Würde zu werden. Den Mächtigen in Guatemala und der Welt gefällt diese Herausforderung in keinster Weise.

Rigoberta kommt aus einer ausgelöschten Familie, aus einer dem Erdboden gleichgemachten Gemeinde, aus einer verbrannten Erinnerung. Die ersten zwanzig Jahre ihres Lebens hat sie damit verbracht, die Augen der Toten zu schließen, die ihr die Augen geöffnet haben. Der baskische Schriftsteller Bernardo Atxaga fragte sie:“Wie kannst du so verflucht fröhlich sein?“ – „Die Zeit“, antwortete sie. „Von klein auf bringen sie uns bei, die Zeit als Zeit zu verstehen, die nie aufhört, auch wenn die Durchreise auf der Welt sehr kurz sein mag.“ In einem der geheiligten Bücher steht: „Was ist eine Person auf dem Weg?“ – „Zeit.“ Rigoberta ist eine Tochter der Zeit. Wie alle Mayas, ist sie von der Zeit geprägt. Sie pflegt zu sagen: „Die Zeit strickt langsam.“ Langfristig, langsam wird die Zeit entscheiden, was es wert ist, von all dem zu erinnern. Tage und Jahre werden die Spreu vom Weizen trennen. Vielleicht vergißt die Zeit, daß Rigoberta Menchú einen Nobelpreis erhielt, aber sicher wird die Zeit nicht vergessen, daß sie jeden Tag im indigenen Hochland von Guatemala und an vielen anderen Orten einen Preis erhält, der viel wichtiger als alles Nobelpreise ist: die Zuneigung der Entrüsteten und den Hass der Niederträchtigen. Diejenigen, die Steine auf Rigoberta werfen, wissen sie nicht, daß sie sie damit würdigen. Ein altes Sprichwort trifft es letztendlich: diejenigen Bäume tragen Früchte, die mit Steinen beworfen wurden.

NICARAGUA

Rechte der Misquitos einmal mehr mißachtet

(Managua, 31. Januar 1999, pulsar-Poonal).- Per Internet werden 24.000 Hektar tropischen Regenwaldes in Nicaragua zum Verkauf angeboten. Die Anbieter sind die zwei Unternehmen mit US-Kapital, MADENSA und DIPSA. Es handelt sich um eine Region um den Fluß Prinzapolca an der Nordatlantikküste Nicaraguas, in der die Misquitos leben. Die Misquito-Häuptlinge sehen in dem Geschäft den Versuch von Regierung und privaten Unternehmern, etwa 4.000 Familien der Nachfahren der Ureinwohner*innen aus dem Gebiet zu vertreiben.

Erst vor kurzem waren vier US-Bürger in der Zone erschienen und hatten sich als Eigentümer des Landes präsentiert. Die Rechte der Misquitos, die seit Generationen an der Nordatlantikküste leben und über Eigentumstitel verfügen, stritten sie ab. Der Distriktrichter für die Atlantikküste, Fernando Saavedra, gab in erster Instanz den US-Amerikanern recht. Er erklärte die Landtitel der Misquitos für ungültig. Jetzt wird der Fall vor einem höheren Gericht in zweiter Instanz verhandelt.

HONDURAS

Maquiladoras profitieren von Mitch

(Tegucigalpa, 26. Januar 1999, pulsar-Poonal).- Die honduranischen Teilfertigungsbetriebe – die Maquiladoras – nutzen die verzweifelte wirtschaftliche Lage der Menschen nach dem Hurrikan Mitch aus. Sie nehmen viele der mehreren tausend auf den Bananenplantagen entlassenen Arbeiter zu Minimallöhnen unter Vertrag. Die Arbeiter sind froh, überhaupt eine bezahlte Beschäftigung zu finden und stellen keine Forderungen. Zusammen mit den Garantien der Regierung für die Teilfertigungsindustrie – sie befreit die Maquiladoras unter anderem von der Steuerzahlung – hat dies für einen Boom der Branche in den zurückliegenden Monaten gesorgt. Vor allen Dingen betrifft das die Fabriken, in denen Kleidungsstücke zusammengenäht und danach exportiert werden. In diesem Sektor ist Honduras führend in Mittelamerika und wird weltweit beim Export dieser Textilwaren nur von vier Ländern übertroffen.

PANAMA

Ein Sänger macht noch keinen Präsidenten

(Panama-Stadt, 1. Februar 1999, na-Poonal).- Die vom Liedermacher Ruben Blades ins Leben gerufene politische Bewegung Papa Egoró befindet sich auf dem Weg zur Auflösung. Führende Persönlichkeiten der Partei entschieden, bei den am kommenden 2. Mai stattfindenden Wahlen den Kandidaten der Regierungspartei PRD zu unterstützen. Blades und andere Mitglieder wollen sich für Martín Torrijos einsetzen, den Sohn des Anfang der 80er Jahre unter nie ganz geklärten Umständen bei einem Flugzeugabsturz umgekommenen Generals Omar Torrijos. Dieser hatte 1977 die neuen Kanalverträge mit dem damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter unterzeichnet. „Wir verlangen eine Verurteilung von Blades wegen Verrats der Unabhängigkeit, die er betonte, als er die Partei gründete“, sagte das Mitglied des Ehrentribunals von Papa Egoró, Luis Banqü. Der Vizepräsident der Bewegung, Bernabé Pérez, warnte dagegen: „Jeder, der für einen anderen Kandidaten als für Torrijos wirbt, wird ausgeschlossen.“

PARAGUAY

Gewalt gegen Obersten Gerichtshof

(Asunción, 28. Januar 1999, pulsar-Poonal).- Die neun Mitglieder des Obersten Gerichtshofes und ihre Familienangehörigen genießen seit neuestem umfassenden Polizeischutz. Die Maßnahme wurde ergriffen, nachdem die Häuser zweier Richter mit Schußwaffen und Molotov-Cocktails attackiert wurden. Nach Angaben einer Justizsprecherin warfen Unbekannte in den Morgenstunden des 27. Januars zwei Brandbomben gegen das Haus des Richters Elixeno Ayala. Fast zur selben Zeit nahmen mehrere Männer von einem Kleinlaster aus die Wohnung des Gerichtsvorsitzenden Raúl Sapena unter Beschuß. Dieser spricht von einem Einschüchterungsversuch. Im Gegensatz zur Meinung vieler Beobachter sieht er jedoch keine Verbindung zwischen den jüngsten Attentaten und den gewalttätigen Protesten der Anhänger des gescheiterten Putschgenerals Lino Oviedo gegen den Gerichtshof. Die obersten Richter hatten Oviedo zu einer Haftstrafe von zehn Jahren verurteilt und damit seine Präsidentschaftskandidatur verhindert. Zu den ersten Amtshandlungen seines Freundes und Strohmannes Rául Cubas als Präsident gehörte es, Oviedo zu amnestieren. Doch wenige Tage vor den Attentaten hatte der Oberste Gerichtshof ein weiteres Mal die Pläne des Generals im Ruhestand durchkreuzt. Er enschied, Oviedo dürfe nie mehr an einer demokratischen Wahl teilnehmen. Das bedeutet nicht nur das Ende zukünftiger Präsidentschaftsambitionen von Oviedo, sondern auch der Möglichkeit, einen Wahlposten innerhalb der regierenden Colorado Partei zu besetzen, solange die demokratischen Spielregeln eingehalten werden.

ARGENTINIEN

Angst vor Fremdenfeindlichkeit – Regierung schürt Ressentiments

(Buenos Aires, 27. Januar 1999, pulsar-Poonal).- Der Zentralrat der jüdischen Gemeinden in Argentinien hat sich der Kritik der katholischen Kirche gegenüber einer Gesetzesinitiative der Regierung angeschlossen. Präsident Menem will das Einwanderungsgesetz vom Kongreß reformieren lassen. Aus Kabinttskreisen war zuvor verlautbart worden, die Kriminalität im Land sei ein Produkt der großen Anzahl Ausländer*innen, die auf der Suche nach Arbeit nach Argentinien kämen. Dies weisen unterschiedliche Gruppen entschieden zurück. So ist Rogelio Cichowolski als oberster Vertreter der jüdischen Gemeinden überzeugt, das Regierungsprojekt könne den Hass gegen Ausländer*innen potenzieren und in Gewalttaten ausarten. Zu den beabsichtigen Neuregelungen gehört die Initiative, ausländische Personen ohne gültige Papiere sofort ausweisen zu dürfen und die Arbeitgeber*innen solcher Personen mit Geldstrafen zwischen 500 und 500.000 Dollar zu belegen. Einige Tage zuvor hatte bereits die katholische Kirche von einem „perversen politischen Machwerk“ gesprochen. Die für die Seelsorge unter Einwander*innen zuständige Bischofskommission bezeichnete die Anschuldigungen der Regierung als gefährliches Spiel, mit dem versucht werden, die wirtschaftlichen Fehler der Regierung zu verdecken.

BRASILIEN

Die Rückkehr der Inflation

(Brasilia, 25. Januar 1999, pulsar-Poonal).- Nach der rasanten Abwertung – inzwischen bei 35 bis 40 Prozent angelangt – des Real gegenüber dem US-Dollar ist Brasilien nach mehreren Jahren wieder von einer höheren Inflation betroffen. Die Preise vieler Produkte, Lebensmittel und Dienstleistungen sind bis zu 20 Prozent gestiegen. Am stärksten ist die Erhöhung bei Getreideprodukten, da Getreide überwiegend aus anderen Ländern importiert wird. Viele Supermärkte haben sich geweigert, im Preis plötzlich gestiegene Ware ihren Lieferanten abzunehmen. Die Regierung hat Strafen für diejenigen angekündigt, die mit übertrieben hohen Preisen wuchern wollen.

TV-Globo bekommt kirchliche Konkurrenz

(Rio de Janeiro, 1. Februar 1999, alc-Poonal).- Die Stiftung „Renacer“ (Wiedergeburt), die mit der Kirche Renacer en Cristo verknüpft ist, hat mit dem „Red Manchete“ eines der größten Fernsehnetze Brasiliens gemietet. Red Manchete folgte allerdings dem TV-Giganten Globo nur in weitem Abstand und war zuletzt in finanziellen Schwierigkeiten. Die monatliche Miete beträgt 4,8 Millionen Reales (derzeit etwa 2,5 Millionen Dollar), der Vertrag hat eine Laufzeit von 15 Jahren. Die kirchliche Stiftung übernimmt über ihre Filiale „RGC Producciones Limitada“, den Betrieb, die Vermarktung und die Produktion von Manchete.

Allerdings ist das Kommunikationsministerium nach einer ersten Überprüfung des zu Beginn des Jahres unterschriebenen Vertrages der Meinung, wegen des „integralen Mietens“ des Fernsehnetzes handele es sich um einen Gesetzesverstoß. In Brasilien sind für den Betrieb von Radio und Fernsehen Lizenzen der Regierung notwendig. Innerhalb von 90 Tagen muß Minister Pimenta da Veiga eine endgültige Entscheidung treffen. Unterdessen hat die Änderung des Fernsehprogrammes bei Red Manchete bereits begonnen. Außerdem werden die Gläubigen zu Spenden aufgerufen, um den Sendebetrieb aufrecht zu erhalten. Die Gründerin der Kirche, Bischöfin Sonia Hernandez, bedankt sich persönlich am Telefon bei jedem Spender.

Kuriose Pfingstkirchen

(Rio de Janeiro, 25. Januar 1999, alc-Poonal).- Die Verbreitung der Pfingstkirchen, die 1960 in Brasilien begann, hat dazu geführt, daß die Kirchenführer zu immer ausgefalleren Namen für ihre Kongregationen greifen. „Jesusblüte“, „Gottestrompete“, „Abendmahl der Anbetung Jesu kehrt zurück“, „Posaunen Gottes“, „Schlupfwinkel des Allerhöchsten“ und „Gotteskirche, die in den Häusern zusammenkommt“ sind nur einige Beispiele. Eine von der Zeitschrift „Vinde“ durchgeführte Untersuchung brachte mehr als 60 kuriose Namen unter den Pfingstkirchen zutage. Die brasilianische Gesetzgebung lädt geradezu dazu ein. Um eine Kirche zu gründen, reicht ein kleiner Personenkreis, der eine Gründungssitzung abhält, eine Urkunde unterschreibt, die Statuten verabschiedet und sich im Register für juristische Personen einträgt. Ein schnelles und billiges Verfahren. Dann muß nur noch ein fester Raum für die Kirche gefunden werden, wo mit den Messen begonnen wird. So funktioniert die Pfingstkirche „Ich glaube an die Bibel“ in der Stadt Uberlandia im Bundesstaat Minas Gerais; im selben Bundesstaat die „Evangelische Kirche die letzete Trompete wird erklingen“ in der Stadt Contagem. In Belen, der Hauptstadt von Para gibt es die Kirche „Jesus kam in Belen (Bethlehem) zur Welt“. Die „Versammlung der Erstgeborenen“funktioniert in Joao Pessoa, Paraiba und die „Internationale Evangelische Kirche Soldaten des Christuskreuzes“ in Rio de Janeiro. Weitere Namen auf der Liste sind die „Kirche der Schlange von Moses, die die anderen verschlang“, die „Versammlung Gott mit Doktrin und ohne Gebräuche“ sowie die „Profetenkongregation Jesus unser König der Juden“. Die Namenswahl hat die unterschiedlichsten Gründe. In der Stadt Duque de Caxias, Bundesstaat Rio de Janeiro, existiert beispielsweise die „Pfingstkirche des Blauen Feuers“. Nach Auskunft ihres Kirchenführers bezieht sich der Name auf die blaue Flamme, die aus den Schweißbrenners kommt und seiner Meinung nach die reinste ist. Die Flammen inspirierten ebenfalls die Kirche der „Feuerzungen“ und die Kirche „Die Macht Gottes ist Feuer“ in der Stadt Rio de Janeiro. In Sao Paulo gibt es die Kirche „Jesus kommt und Sie bleiben“ oder das „Letzte Boot für Christus“ und die Kirche „Jesus kommt und wird durch den Glauben siegen“. In der Stadt Presidente Prudente, im Bundesstaat Sao Paulo finden die Verzweifelten dann die Pfingstkirche „Eine Tür für die Rettung“.

CHILE

Neu-Ermittlungen in der Colonia Dignidad

(Santiago de Chile, 25. Januar 1999, pulsar-Poonal).- Die Polizei hat ein weiteres Mal eine mehrtätige Durchsuchung der berüchtigten Colonia Dignidad vorgenommen, die 1961 von dem deutschen Altnazi Paul Schäfer gegründet wurde. Ziel der Nachforschungen waren die sterblichen Überreste mehrerer unter der Militärdiktatur von Augusto Pinochet verschwundenen Personen. Verschiedenen Aussagen zufolge, diente die Siedlung unter Pinochet als Haft- und Folterzentrum. Seit 1995 ist die Colonia Dignidad mehrmals ohne durchschlagenden Erfolg durchsucht worden.

CHILE/SPANIEN

Mapuches nutzen Pinochetprozeß für Protest

(Madrid, 21. Januar 1999, pulsar-Poonal).- „Laut Pinochet existieren die Mapuches nicht, sondern nur Chilenen. Auf diese Weise werden wir nur in dem einen oder anderen Geschichtsbuch erwähnt“, sagt Jóse Nain Pérez. Pinochet sei für viele Mißhandlungen gegenüber seinem Volk verantwortlich. Die Mapuches würden den Prozeß gegen den Ex-Diktator in Spanien unter der Anklage der Verbrechen gegen die Menschheit unterstützen.

Pérez, der auf einer Reise durch Europa für die Position der Mapuches werben will, verweist auf die Folgen der Pinochet-Diktatur für sein Volk. Unter der Regierung von Salvador Allende bekamen die Mapuches mehrere hunderttausend Hektar Land ihres angestammten Territoriums zugesprochen. Allende hatte es zuvor bei den Großgrundbesitzern aufgrund eines 1972 erlassenen Gesetzes konfisziert. Der sozialistische Präsident erkannte auch die Sprache und die Kultur der Mapuches offiziell an.

Von diesen Garantien blieb nach dem Putsch genauso wenig übrig wie vom zugesprochenen Land. Viele Mapuches wurden nach den Aussagen von José Nain Pérez Opfer von (staatlichen) Verbrechen, Verhaftungen und Sanktionen. Heute lebe sein mehr als eine Million Menschen umfassendes Volk in einem Gebiet von 200.000 Hektar, während allein einer großen Holzgesellschaft ein Areal von 650.000 Hektar zum Holzfällen zugeteilt werde.

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