Poonal Nr. 303


Deutsche Ausgabe des wöchentlichen Pressedienstes lateinamerikanischer Agenturen Nr. 303 vom 21. August 1997

Inhalt


GUATEMALA

GUATEMALA/MEXIKO

MEXIKO

ARGENTINIEN

KUBA/HONDURAS

KUBA

CHILE

URUGUAY

COSTA RICA

BRASILIEN

LATEINAMERIKA

DER LESER

ECUADOR


GUATEMALA

Gesetz über Gemeindegerichte passiert erste Hürde

(Guatemala-Stadt, 13. August 1997, cerigua-Poonal).- Einstimmig verabschiedeten die guatemaltekischen Abgeordneten in erster Lesung Reformen, die Dorfgerichten erlauben werden, über kleinere Gesetzesvergehen in ihren Gemeinden zu entscheiden. Die entsprechende Änderung im Strafgesetzbuch gibt dem Obersten Gerichtshof die Macht, dort wo es keine Amtsgerichte (juzgado de paz) gibt, Gemeindegerichte zuzulassen, die nach den örtlichen Bräuchen Urteile fällen. Allerdings müssen alle am Verfahren Beteiligten zustimmen, den Prozeß auf diese Weise zu führen. „Das Ziel dieser Reformen ist es, das Gewohnheitsrecht der Indígena- Gemeinden zu bewahren und Gerechtigkeit in 125 Kommunen zu bringen, wo es keine Amtsgerichte gibt“, sagt Parlamentspräsidentin Arabella Castro Quinones. Die Friedensabkommen vom Dezember 1996 verpflichten die Regierung, Gesetzesregelungen zu fördern, „die das Recht der Indígena- Gemeinden anerkennen, ihre eigenen internen Angelegenheiten in Übereinstimmung mit ihrem Gewohnheitsrecht zu handhaben“. Widerstand gegen die Reformen kamen vom mächtigen Koordinationskomitee der Kammern für Handel, Industrie, Landwirtschaft und Finanzwesen (CACIF). Die Änderungen würden Anarchie produzieren und den Gerichtsprozeß deformieren. „Die Verwaltung des Gesetzes in den Händen unerfahrener und unqualifizierter Personen zu lassen, würde uns zurück in die Steinzeit führen“, so CACIF-Vertreter Rafael Castillo. Dagegen nannte der Experte Alejandro Rodriguez vom Institut für Vergleichende Strafrechtsstudien die Reform lange überfällig. „Die Mayas haben ein Recht auf ihr eigenes Gesetzessystem, um ihre legalen Konflikte mit den von ihnen traditionell genutzten Mechanismen zu lösen. Leider gibt es Gruppen, die sich gegen das Ende des Apartheidsystems stellen, wie es in Guatemala existiert hat. Wir glauben, diese Reformen sind der Anfang vom Ende des Ladino-Staates.“

Dokumentation: Rede Rigoberta Menchús zum Internationalen Tag der

Indígena-Völker

(Guatemala-Stadt, August 1997).- Anläßlich des 9. August, dem Internationalen Tag der Indígena-Völker, möchte ich dem guatemaltekischen Staat, den Institutionen, Organisationen, Gruppen und Persönlichkeiten der Indígenas einen öffentlichen Dank aussprechen für die Fortschritte, die bezüglich der Anerkennung und des Respektes gegenüber den Rechten unserer Völker gemacht wurden. Dennoch zeigen die jüngsten Taten und Vorkommnisse nicht nur im Land, sondern in ganz Amerika, daß der vor uns liegende Weg voller Hindernisse ist.

Sieben Monate nach der Unterzeichnung des endgültigen und dauerhaften Friedensabkommen zwischen der Regierung der Republik Guatemala und der Revolutionären Nationalen Einheit Guatemalas (URNG) sind weder genügend Anstrengungen noch der politische Wille der Beteiligten – vor allem auf Regierungsseite – sichtbar, die Indígena-Völker ganz und aktiv bei den Entscheidungsprozessen einzubeziehen, die die Friedensvereinbarungen und besonders das Abkommen über Identität und Rechte der Indígena-Völker betreffen.

Wenn die Aktionen der beiden Seiten auch tendenziell die vorgesehenen formalen Mechanismen dieses Abkommens erfüllen, so haben diese noch nicht Substanz und Inhalt, um eine Nation vieler Ethnien, Kulturen und Sprachen zu bilden, die gleichzeitig den Indígena-Völkern im Rahmen der nationalen Einheit erlaubt, an ihrer ganzheitlichen Entwicklung zu arbeiten und diese zu fördern. Ebenso muß ich sagen, daß die Streits und Spaltungen unter den Indígena-Organisationen besorgniserregend sind. Das schädigt und erschwert die Anstrengungen, die von dieser Seite her für die Erfüllung des Abkommens gemacht werden. Es schwächt sie gegenüber der Herausforderung, die die Konstruktion der Zukunft darstellt.

Angesichts dieser Situation und anläßlich des Internationalen Tages der Indígena-Völker mache ich den folgenden Aufruf:

1. An die Regierung der Republik Guatemalas und die URNG, die eingegangenen Verpflichtungen im Abkommen über die Identität und Rechte der Indígena-Völker mit ihrer ganzen Verantwortung anzugehen und ihre diesbezüglichen Initiativen und Aktionen von jedem Manipulationsversuch gegenüber den Indígenas frei zu machen.

2. Das erwähnte Abkommen nicht zu einen Ablenkungsmanöver werden zu lassen, um eine Lösung des historischen Problems, das die Indígena-Völker des Landes beeinchträchtigt, hinauszuschieben.

3. Mit dem bedauernswerten und unwürdigen Rassismus Schluß zu machen, der sich unter anderem in der Haltung des Kulturministeriums, anderen Regierungsbehörden und nationalen Institutionen zeigt, Ladinos zu „verkleiden“, um Indígenas zu repräsentieren. Damit wird geleugnet, daß diese in Wirklichkeit Träger jahrtausendalter Kulturen sind. Gleichzeitig rufe ich die Brüder und Schwestern Nicht-Indígenas auf, sich nicht dafür herzugeben, die Identität der Indígena-Bevölkerung zu simulieren.

4. Daß das Parlament die notwendigen Reformen der Verfassung des Landes beschleunigt und fördert, in dem der Verfassunginhalt durch Bezüge auf die Vielfalt der Ethnien, Kulturen und Sprachen bereichert wird.

5. Ich wiederhole meine Wertschätzung der Anstrengungen, die die Brüder und Schwestern der Indígena-Organisationen machen. Diese verdienen Lob, einen Gruß und den Respekt aller auf ihrer Suche nach wirklicher Gerechtigkeit. Aber es ist gleichzeitig unerlässlich, die Streits und Spaltungen zu beenden und die Einheit in der Vielfalt, im Kampf für den Erfolg unserer gemeinsamen Ziele zu stärken.

6. Auf internationaler Ebene rufe ich alle Regierungen der Welt dazu auf, mit jeder Art von Aggression, Unterdrückung und Diskriminierung gegenüber den Indígenas aufzuhören und die Anerkennung und den Respekt ihrer Rechte zu fördern.

7. Die UNO [rufe ich auf], die Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Rechte der Indígena-Völker zu beschleunigen und die angemessenen Maßnahmen zu ergreifen, um die Feier des Internationalen Jahrzehnts der Indígena-Völker zu unterstützen. Dieses muß zu einem Forum werden, das die geeigneten Bedingungen schafft, die Gleichheit und Gerechtigkeit zwischen den Kulturen verwirklichen helfen.

Freiheit für die Indígena-Völker, wo immer sie sind, in Amerika und in der ganzen Welt.

Rigoberta Menchú Tum Friedensnobelpreisträgerin

GUATEMALA/MEXIKO

Guerilla-Mitglieder wollen ausgeliefert werden

(Mexiko-Stadt, 14. August 1997, cerigua-Poonal).- Sechs ehemalige Kämpfer der Revolutionären Nationalen Einheit Guatemalas (URNG), die in Mexiko inhaftiert sind, haben sich an ihren Präsidenten Alvaro Arzú gewendet, um ihre Auslieferung zu erreichen. In eine Brief erklären sie, sie seien keine normalen Verbrecher. Doch obwohl sie nach dem mexikanischen Gesetz begnadigt werden könnten, wenn der politische Charakter ihrer Taten bestätigt wird, hat es auf ihre Anträge keine Reaktion gegeben. Ein Ausweg wäre die Auslieferung an Guatemala. Die kann allerdings nur der guatemaltekische Präsident beantragen. „Wir sind aktive Mitglieder einer ernstzunehmenden und anerkannten Organisation gewesen, die um das Wohl der Guatemalteken besorgt ist und wir haben konsequent gehandelt“, schreiben die früheren Rebellen. „Wir sehnen uns danach, an der Bildung neuer Formen des Zusammenlebens unter den Guatemalteken teilzunehmen.“ Die Häftlinge wurden 1992 in Mexiko wegen Waffenhandels verurteilt und erhielten Gefängnisstrafen zwischen 10 und 17 Jahren. Derzeit befinden sie sich in der Haftanstalt Cerro Hueco in Tuxtla Gutiérrez, der Hauptstadt des Bundesstaates Chiapas.

MEXIKO

Teilweiser Truppenrückzug aus dem chiapanekischen Hochland

(Mexiko-Stadt, 19. August 1997).- Die Bewohner*innen von drei kleinen Dörfern im chiapanekischen Landkreis San Andrés Larráinzar trauten ihren Augen kaum: In aller Stille verliessen die Militärs ihre zum Teil seit dem Dezember 1995 installierten Stellungen und vernichteten die Spuren ihrer Anwesenheit. Kurz darauf gab es Berichte von anderen aufgelösten Armeecamps im Hochland von Chiapas, im Norden des Bundesstaates und in der Selva Lacandona. Spekulationen über einen generellen Rückzug aus dem Konfliktgebiet, in dem die Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) ihre Basis hat, trat der Militärkommandant Renán Castillo der siebten Militärregion mit dem Hauptquartier in Tuxtla Gutiérrez jedoch entgegen. Er sprach von einer „Neugliederung, um eine bessere Kontrolle und Mobilisierung der Truppen zu sichern und die Kampagne gegen den Drogenhandel zu stärken“. Im Norden seien Militärcamps verlegt worden, im Lacandonen-Urwald habe es eine Zusammenlegung von Lagern gegeben. In anderen Fällen handelt es sich nicht um einen Rückzug, sondern nur um eine Truppenablösung. Den Abzug von Einheiten in San Andrés Larráinzar, in dessen gleichnamigem Landkreiszentrum die im vergangenen September suspendierten Gespräche zwischen Regierung und Zapatist*innen stattfanden, bestätigte der Militär aber. Sowohl die Indígenas in den Gemeinden wie auch die in der Region arbeitenden Menschenrechtsorganisationen zeigten sich von der Entwicklung überrascht. Nach einer Untersuchung der Koordination der Nicht- Regierungsorganisationen für den Frieden befinden sich im gesamten Bundesstaat Chiapas etwa 40.000 Soldaten. Das sind 30 Prozent der offiziellen Truppenstärke der mexikanischen Bodenstreitkräfte.

Subcomandante Marcos beantwortet viele Fragen

(Mexiko-Stadt, 14. August 1997, Poonal).- In einem langen Kommuniqué verkündete Subcomandante Marcos, Sprecher der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung (EZLN), daß im September 1.111 Zapatist*innen in die Hauptstadt kommen würden, um vor dem mexikanischen Kongreß die Erfüllung der Abkommen von San Andrés einzufordern. JedeR der 1.111 Zapatist*innen stünde für eine der Gemeinden, die die EZLN unterstützten. Gleichzeitig machteMarcos ausführliche Bemerkungen zum Wahlprozeß vom 6. Juli dieses Jahres. In einem weiteren Kommuniqué ruft die EZLN durch den Subcomandante zum Gründungskongreß des Zapatistischen Buendnis der Nationalen Befreiung (FZLN) vom 13. bis 16. September 1997 in der Hauptstadt auf. Die umfangreichen Erklärungen tragen als Datum den 8. August, den Geburtstag des mexikanischen Revolutionshelden Emiliano Zapata. Sie erreichten die Öffentlichkeit allerdings erst einige Tage später. Viele Fragen, die über die Zukunftsvorstellungen der EZLN in den vergangenen Wochen direkt oder indirekt gestellt wurden, werden durch Marcos beantwortet.

So schreibt der Maskierte davon, daß die Wahlen am 6. Juli (vgl. zurückliegende Poonal-Ausgaben) einen Raum für Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit öffneten. Besondere Bedeutung maß er dem zukünftigen Geschehen in Mexiko-Stadt und der Politik von PRD- Politiker Cuauhtémoc Cárdenas zu. Dieser könnte die Möglichkeit für eine radikale Veränderung auf friedlichen Wegen schaffen. Marcos verteidigte die Entscheidung der Zapatist*innen, die Wahlen in Chiapas zu boykottieren. Die Regierung habe am 6. Juli eine klare Trennlinie gezogen und das Mexiko der Indígenas vom übrigen Mexiko getrennt. An einigen Orten sei es möglich gewesen, die Meinung der Bürger*innen auf friedlichem Weg zur Geltung zu bringen. An anderen Orten, darunter Chiapas, sei die Stimmabgabe jedoch durch Simulationen und schlechtes Theater bestimmt worden.

Wie bei früheren Gelegenheiten ist das Vertrauen der EZLN in Cuahtémoc Cárdenas gepaart mit dem Mißtrauen gegenüber der Partei der Demokratischen Revolution (PRD) als Gesamtpartei und einem Teil ihrer Mitglieder. „Im Innern der Wahllinken erneuern sich die Angriffe auf radikale Positionen und die (Regierungs-)Macht kämpft darum, diejenigen, die sie sich gestern ihrer Willkür widersetzten, urplötzlich als Ersatz für die eigenen, obsolet gewordenen Statthalter zu rekrutieren.“, erklärt Marcos. Dennoch „denken wir, daß die Existenz einer Wahloption der Linken notwendig ist. Es ist eine neue Alternative nötig, die sich auf die Prinzipien der sozialen Gleichheit, der Demokratie, der Freiheit und der nationalen Souveränität stützt. So etwas fehlt im Szenarium der politischen Parteien. Wir denken, daß eine Organisation der Linken existieren muß, die die Macht will und die die Unterstützung der Mehrheit der Bürger bekommt.“

Marcos sieht die Chance, daß die PRD zu einer solchen Option werden könnte. Er beschuldigt den mexikanischen Präsidenten Ernesto Zedillo, darauf zu bauen, daß das neue Parlament im die gesetzliche Rückendeckung zu geben, „uns auszulöschen“. Er wolle die PRD davon überzeugen, die Zapatist*innen seien ein Hindernis auf dem Weg der Partei. Der Subcomandante warnt in Anspielung auf bestimmte Tendenzen in der PRD: „Einige PRD-Führer machen das Regierungswort zu dem ihren und stellen den 'Frieden' in Chiapas an die erste Stelle der legislativen Tagesordnung. 'Befriedung' sagten die Mächtigen, als sie von den mörderischen Kampagnen gegen die Indígenas in der Kolonialzeit sprachen.“ Einen Dialog könne es nur geben, wenn der wirkliche Wille von Regierungsseite bestehe, die Akommen zu erfüllen.

Der Aufruf zum Gründungskongreß der FZLN kann als neuer Versuch gewertet werden, den zivilen Unterstützungsbasis der Zapatist*innen eine kohärente Form und einen Schub zu geben. Als Verbindung verschiedener Gruppen landesweit besteht die Organisation im Grunde bereits seit dem 1. Januar 1996. Damals rief die EZLN in ihrer Vierten Erklärung des Lacandonen-Urwaldes zu einer umfassenden politischen Bewegung „friedlichen, unabhängigen und demokratischen“ Charakters auf, die nicht als Partei organisiert sein und nicht die Übernahme der Macht anstreben solle. Auch der Name wurde schon damals vorgegeben. Die bisherigen Organisationsversuche der FZLN sind nicht gescheitert, sie haben aber ebenso wenig zu einer Massenbewegung geführt. Marcos kündigt in seinem Kommuniqué die Präsenz der 1.111 Zapatist*innen während des Gründungskongresses in Mexiko-Stadt an. Dies wäre in der Aufstandsgeschichte der EZLN sicherlich ein qualitativ bedeutender Schritt. Ob die Regierung sich darauf einlassen wird, ist unklar. Erstaunlicherweise hat sie sich bisher nicht eindeutig ablehnend zu dem möglichen Szenarium geäußert.

ARGENTINIEN

Einbruch bei den „Müttern von der Plaza de Mayo“

(Buenos Aires/Montevideo, 15. August 1997, comcosur-Poonal).- Unbekannte drangen am 13. August in die Büros der Menschenrechtsorganisation Mütter der Plaza de Mayo ein und zerstörten einen Teil der Einrichtung. Außerdem entwendeten sie wichtige Dokumente. Die Organisation feiert in diesen Tagen ihr 20jähriges Bestehen. Die Gründung geht auf das Jahr 1977 zurück, als die Mütter während der Militärdiktatur nach ihren verschwundenen Kindern forschten und auf der Plaza de Maya und für ihr Auftauchen demonstrierten. .

Massiver Protest der Opposition

(Buenos Aires/Montevideo, 15. August 1997, comcosur-Poonal).- Ein von den oppositionellen Gewerkschaften organisierter eintägiger Warnstreik gegen die Wirtschaftspolitik der Regierung wurde stärker befolgt als ursprünglich erwartet. Vor allem in den Provinzen im Landesinnern war die Beteiligung außergewöhnlich hoch. Der mächtige und regierungsnahe Dachverband Allgemeine ArbeiterInnenzentrale (CGT) unterstützte den Streik nicht. Für ihn hatten sich die Zentrale der Argentinischen Arbeiter*innen, die Bewegung der Argentinischen Arbeiter*innen und die Corriente Clasista Combativa (Klassenkämpferische Strömung) ausgesprochen. Im ganzen Land sperrten die Arbeiter*innen Straßen und trugen Transparente mit Sprüchen gegen die Regierung mit sich.

KUBA/HONDURAS

Annäherung

(Havanna, 15. August 1997, pulsar-Poonal).- Kuba und Honduras werden Interessenvertretungen in ihren Hauptstädten eröffnen. Die kubanische Seite schätzt dies als Beginn eines Weges ein, an dessen Ende normale diplomatische Beziehungen stehen könnten. Dafür hat bisher allerdings keine Seite ein Datum genannt. Die Annäherung zwischen den beiden Ländern ist seit 1990 im Gange. Damals begannen wieder freundschaftliche Beziehungen in den Bereichen Sport, Gesundheit und Tourismus. Honduras hatte die diplomatischen Beziehungen mit Kuba im Jahr 1961 abgebrochen. In Mittelamerika unterhält Kuba diplomatische Beziehungen mit Panama, Mexiko, Nicaragua und Belize. In Costa Rica hat das Land eine Interessenvertretung. Nur Guatemala und El Salvador halten noch auf Distanz zu der Karibikinsel.

KUBA

Krebsbekämpfung mit Skorpiongift

(Havanna, 17. August 1997, prensa latina-Poonal).- Das Gift einer im äußersten Osten der Insel vorkommenden Skorpionart hat zu Fortschritten bei der Krebsbekämpfung auf Kuba geführt. Bisher sind etwa 2.000 erkrankte Personen mit dem Gift des blauen Skorpions behandelt worden. In vielen Fällen konnten die Tumore so kontrolliert werden, oder sie verschwanden ganz. Schäden oder spürbare Nebenwirkungen sind nicht bekannt. Die Forschung über die heilende Wirkung des Skorpiongiftes geht bis in die Anfänge der achziger Jahre zurück. An Menschen wird es aber erst seit kurzer Zeit angewandt. Die kubanischen Wissenschaftler*innen betonen, daß die Untersuchungen über das Gift noch nicht abgeschlossen sind. Gleichzeitig warnen die ForscherInnen: „Wir können nicht behaupten, daß wir den Krebs heilen (können), aber unzweifelhaft kann er kontrolliert werden und in einigen Fällen werden die bösartigen Zellen zerstört.“

CHILE

Examen für Männer in Frauenfragen

(Santiago de Chile, 18. August 1997, pulsar-Poonal).- Das chilensche Fraueninstitut hat eine Frageliste für die männlichen Kandidaten der kommenden Parlamentswahlen im Dezember ausgearbeitet. Darin wird unter anderem erfragt, ob der Kandidat bereit ist, sich um die Opfer der häuslichen Gewalt zu kümmern, was er machen wird, um die sexuelle Gewalt zu bestrafen und ob bei jeder Arbeit die Frau die gleichen Rechte wie der Mann habe. Die Antworten werden mit einem Punktesystem bewertet. Wer 9 bis 12 Punkte erhält, soll die Unterstützung der Frauenbewegung bekommen. Kandidaten mit 6 bis 9 Punkten werden für wählbar gehalten, sollen aber in ihrem Verhalten beobachtet werden. Diejenigen, die weniger als 5 Punkte erreichen, werden als Macho-Kandidaten ausgewiesen, die die Rechte der Frau nicht repektieren und die es daher nicht verdienen, die Stimmen der chilenischen Frauen zu bekommen. Das Bewertungssystem könnte ein wirksames Instrument für die Bevölkerung sein, das Verhalten ihrer Repräsentant*innen zu überprüfen. Es wird bereits davon gesprochen, daß die Aktion von Indígenas, Umweltschützer*innen und Jugendlichen nachgeahmt werden könnte.

Colonia „Dignidad“ vor dem Ende?

(Santiago de Chile/Montevideo, 15. August 1997, comcosur-Poonal).-

Nach der Verhaftung des deutschen Arztes Hartmut Hopp gehen die Untersuchungen gegen die Colonia Dignidad in Chile weiter. Gegen Hopp, den zweiten Chef in der Ansiedlung von Nazi-Sympathisanten, lag ein Haftbefehl wegen der Beteiligung an der Vergewaltigung von Kindern vor. Er hatte versucht, wie der Hauptangeklagte Paul Schäfer zu fliehen, wurde aber im Süden des Landes festgenommen. Hopp kam nach einem Medizinstudium in den USA nach Chile und übernahm in der Colonia Dignidad die Leitung des Krankenhaus. Jetzt besteht in Chile die Hoffnung, daß die Behörden endlich energisch gegen die von der Außenwelt weitgehend abgeschotteten Siedlung vorgehen. Unter anderem könnte dann den Versionen nachgegangen werden, nach denen während der Militärdiktatur 112 politische Häftlinge auf dem Gelände gefoltert wurden und danach „verschwanden“. Die chilenische Menschenrechtskommission vermutet die Überreste dieser Personen in geheimen Gräbern auf dem Gelände der Colonia Dignidad.

URUGUAY

Student*innen gedenken ihrer ermordeten KommilitonInnen

(Montevideo, 15. August 1997, comcosur-Poonal).- Wie jedes Jahr am 14. August erinnerten die jungen Leute Uruguays auch diesmal wieder an die Gewaltopfer in ihren Reihen. Am 14. August 1968 starb nach zweitägigem Todeskampf der Student Liber Arce. Eine Polizist hatte ihm in den Kopf geschossen. In Uruguay war dieses Ereignis eine Vorahnung des Alptraums, der mit der Militärdiktatur ab Juni 1973 beginnen sollte. Die Liste der getöteten Leute wurde immer länger, während die demokratische Verfassung immer mehr IN SICH zusammenbrach. 29 Jahre nach dem Tod von Liber Arce zogen 6.000 Student*innen und Schüler*innen vom zentralen Platz der Freiheit aus durch Montevideo zum Parlament. Starke Kritik richtete sich gegen Bildungsminister Germán Rama. Der Soziologe hatte sich wenige Tage vor dem Marsch über die jungen Leute lustig gemacht. In Anspielung auf die Ermordeten erklärte er, der August sei der Monat von „Festlichkeiten“ und „Schutzheiligen“. Die Empörung über diese Äußerungen schlug breite Wellen. Die Demonstration hatte nicht nur die Unterstützung von Student*innen und Schüler*innen, sondern auch von den Gewerkschaften. Protestziel war auch die von oben durchgesetzte Bildungsreform, für die Germán Rama verantwortlich ist. Erinnert wurde ebenso an die Schließung des Community Radios FEUU der Vereinigung der Universitätsstudent*innen am 7. September 1996, als sie vom Sitz der Kautschukgewerkschaft aus sendeten. Der Sender nahm seinen Betrieb an diesem 14. August im FM-Bereich wieder auf.

COSTA RICA

Kirche gegen Minengesellschaften

(San José, 13. August 1997, alc-Poonal).- Etwa 30 Umweltgruppen und Organisationen aus dem katholischen Bereich wollen eine Allianz der Bischöfe aus drei Diözesen erreichen, um Schäden durch Tagebau-Projekte von Minengesellschaften zu verhindern. Francisco Ulloa, der Bischof der Karibikdiözese Limón und die ihm unterstehenden Priester haben bereits einen Hirtenbrief über den Minen-Tagebau veröffentlicht, in dem sie die costrarikanische Bevölkerung auffordern, sich der Opposition gegen Minenprojekte anszuschliessen, die die Böden der Ureinwohner aus Talamanca im Südosten des Landes beeinträchtigen könnten. Ebenso haben der Bischof der Diözese von Ciudad Quesada, Angel San Casimiro, und mehrere seiner Priester öffentlich die Aktivitäten des mächtigen Minenkonzerns „Placer Dome“ in der nördlichen Region von San Carlos zurückgewiesen. Dort sind 800 Hektar Wald und landwirtschaftliche Fläche betroffen. Bischof Hector Morera und seine Diözese von Tilaran im Nordosten Costa Rica überprüft derzeit den Fall der Grundstücke in ihrer Region, auf denen im Tagebau nach Gold gesucht werden soll. Genauso haben sie einen kritischen Blick auf die Aktivitäten in der Mine Bella Vista in dem Ort Miramar gerichtet. Nach einem Bericht der Wochenzeitung „Eco Católico“ klagt ein Komitee aus Mitgliedern verschiedener Kirchen die Minengesellschaft an, Zyanid benutzen zu wollen. Das würde das Grundwasser im Bassin von Miramar verseuchen. Die drei Bischöfe San Casimiro, Ulloa und Morera sollen beabsichtigen, neben einer gemeinsamen Erklärung, auch die Bischofskonferenz des Landes zu einer Stellungnahme zu bewegen.

Am deutlichsten hat sich bisher die Diöseze von Limón geäußert. Sie verurteilt den Gesetzentwurf zur „autonomen Entwicklung der Indígena-Völker“, der sich derzeit in der parlamentarischen Debatte befindet. Damit würden ihrer Auffassung nach der Ausbeutung der Naturschätze dieser Gemeinden die Türen geöffnet. Folgen wären schwere Schäden für die Umwelt und das Leben der Indígenas. Die Diözese wirft den Initiatoren des Gesetzentwurfes vor, eine voreilige Befragung in den 40 Indígena-Gemeinden durchführen zu wollen, die wesentliche Elemente der kulturellen Ordnung wie die Sprache und die Zeitauffassung ignoriert. Damit solle verhindert werden, daß die Indígenas das Projekt angemessen verstehen und analysieren könnten. Bischof Ulloa und seine Diözese drücken daher ihre völlige Ablehnung gegenüber „der Durchsetzung irgendeines Gesetzes oder einer Konzession zur Erforschung oder Ausbeutung der Minen“ aus, die das Vorrecht der Indígena-Gemeinden auf ihr Land mißachtet. Genauso weisen sie eine überstürzte Befragung zurück, die die Selbstbestimmung dieser Völker nicht respektiert.

BRASILIEN

MST macht Kampagne für José Rainho Junior

(Porto Alegre, 14. August 1997, alc-Poonal).- Die Landlosenbewegung führt eine intensive Kampagne durch, damit ihr wichtigster Führer, José Rainho Junior vor Gericht freigesprochen wird. Rainho war am 11. Juni dieses Jahres von einem Gericht im Bundesstaat Espirito Santo zu 26 Jahren Haft verurteilt worden, weil er für den Mord an einen Plantagenbesitzer und einem Polizisten während einer Landbesetzung im Jahr 1989 in der Region von Pedro Canario verantwortlich gewesen sein soll (vgl. Poonal 294). Die Verteidiger von Rainho sehen hinter dem Urteil eine klare politische Motivation. Auch amnesty international betrachtet das Urteil gegen den Landlosenführer als ungerecht. Gegen ihn gab es keine Beweise sondern nur eine Zeugenaussage, er solle am Tag der Ereignisse vor Ort gewesen sein. Dagegen hat die Verteidigung fünf Zeugen präsentiert, die versichern, Rainho sei am Tag der Tatim tausend Kilometer von Pedro Canario entfernten Ceara gewesen.

In Brasilien hat jede zu mehr als 20 Jahren Haft verurteilte Person das Recht auf einen zweiten Prozeß. Im Fall des MST-Führers ist dieser auf den 16. September 1997 angesetzt. Rainhos Antrag, die Verhandlung in Vitoria, der Hauptstadt der Provinz Espirito Santo durchführen zu lassen, wurde jedoch abgelehnt. In den vergangenen Jahre sind mehrere Mitglieder von LandarbeiterInnen- Gewerkschaften in der Region von Pedro Canario durch Auftragskiller umgebracht worden. Die MST sieht in der Haftstrafe die Absicht, die am besten organisierte Landbewegung einzuschüchtern. Gegen José Rainho Junior gab es in den vorausgehenden zwei Jahren bereits drei Urteile zur Vorbeugehaft, die von der Justiz in Sao Paulo ausgesprochen wurden. In allen diesen Fällen hatte Rainhos Einspruch beim Obersten Gerichtshof jedoch Erfolg.

LATEINAMERIKA

Alexander von Humboldt reist wieder durch den Kontinent –

Austellungsreihe erinnert an sein Werk

(Mexiko-Stadt, 18. August 1997, Poonal).- „Mein eigentlicher und einziger Grund ist es, nachzuforschen, wie sich alle Naturkräfte miteinander verbinden.“ Dieser Forscherdrang und der unwiderstehliche Wunsch, die Welt außerhalb Europas kennenzulernen, ließen Alexander von Humboldt vor gut 200 Jahren alle Hindernisse überwinden, um kaum 30jährig eine Reise anzutreten, die ihn als „Wiederentdecker der Neuen Welt“ berühmt machen sollte. Die neue Welt, das waren die spanischen und portugiesischen Kolonien Lateinamerikas. Nach seiner Ankunft am 16. Juli 1799 im neu-andalusischen (venezolanischen) Hafen Cumaná bereiste er in den folgenden fünf Jahren große Teile der heutigen Länder Kolumbien, Ecuador, Peru, Mexiko und Kuba. Nach einem kurzen Aufenthalt in den Vereinigten Staaten von Amerika kehrte Humboldt am 29. Juni 1804 von Philadelphia aus in die alte Welt zurück. Die Aufarbeitung seiner Reise sollte ihn sein Leben lang beschäftigen. Seine während der fünf Jahre gewonnenen Erkenntnisse auf nahezu allen naturwissenschaftlichen Gebieten, umfangreiche Sammlungen und der kritische Blick auf die sozialen Verhältnisse weisen ihn als einen der letzten großen Universalisten aus. Bezeichnend für Humboldt war, daß er die Resultate seiner Arbeiten nicht nur nach Europa mitbrachte, sondern zuvor bereitwillig vor Ort verbreitete. Er „entdeckte“ Lateinamerika auch für seine Bewohner neu.

In diesem und den kommenden sieben Jahren tritt der geniale Forscher und Beobachter die Reise durch die „neue Welt“ im Rahmen einer groß angelegten Ausstellungsreihe noch einmal an. Idee und Konzept entwickelte der Germanist und Historiker Dr. Frank Holl von der Uni München. In enger Zusammenarbeit mit dem Goethe- Institut sowie den jeweiligen lateinamerikanischen Kultureinrichtungen und Behörden wird das Wirken Alexander von Humboldts nachgezeichnet. Der Besucherzuspruch und das Medienecho bei der soeben in Mexiko zuende gegangenen ersten Ausstellung zeigen die Bedeutung, die seinen Untersuchungen in Lateinamerika immer noch zugemessen wird. Nur ein Teil der Ausstellungsexponate reist von Land zu Land mit. Dabei handelt es sich unter anderem um wertvolle Meßinstrumente aus der Zeit Humboldts sowie handschriftliche Aufzeichnungen und Portraits des Forschers, die normalerweise ihren Platz in verschiedenen deutschen Museen und Bibliotheken haben. Zu zwei Dritteln stammen die Ausstellungsgegenstände jedoch aus Sammlungen und Archiven in den von Humboldt bereisten Ländern selbst. Dies macht es einfacher, auf die unterschiedlichen Arbeitsschwerpunkte des Forschers während seiner Reise einzugehen. Tauchen noch interessante Fundstücke in den Museen auf, so können sie aufgrund der zum Teil langen Zeitabstände zwischen den Ausstellungen in die Präsentation einbezogen werden. Wie in Mexiko soll in jedem Fall im weiteren Ausstellungsverlauf der integrale Ansatz von Humboldt sichtbar werden. Keine Kleinigkeit erschien ihm so unwesentlich, um nicht untersucht zu werden. Der Minenbau in den lateinamerikanischen Ländern interessierte den Schüler der sächsischen Bergakademie Freiberg genauso wie die vielfältige Pflanzenwelt den Botaniker und die Landschaftsstruktur den Geographen und Kartographen Humboldt.

Holl gelang es, für sein Projekt die wichtigsten ostdeutschen und westdeutschen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen zusammenzubringen, die sich seit Jahren mit Alexander von Humboldts Werk beschäftigen. Über begleitende Symposien an den jeweiligen Ausstellungsorten werden diese auch mit ihren lateinamerikanischen Gegenparts in Kontakt kommen. Der Münchener Historiker erhofft sich so „ein Stück Kulturverbindung über das Medium Humboldt“. Nicht zuletzt aber auch ein vollständigeres Humboldt-Bild in Deutschland, wo unter anderem die Abneigung der Nazis gegen den Kosmopoliten Humboldt dafür sorgte, daß dieser knapp 140 Jahre nach seinem Tod in Lateinamerika bekannter und geschätzter ist als in seinem Geburtsland. In letzterem gibt es eine günstige Gelegenheit für die Wiederentdeckung des Forschers in der zweiten Jahreshälfte 1999. Dann wird die Ausstellung für mehrere Monate Zwischenstation in Bonn und Berlin machen, bevor sie ihre Reise in Lateinamerika fortsetzt. Zunächst einmal wird das Projekt aber ab Ende Oktober auf Kuba weitergeführt. Vielleicht hat das grenzüberschreitende Wirken Humboldts bei einer kleinen politischen Sensation geholfen: Das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland ist in diesem Fall über seinen Schatten gesprungen: sonst dem sozialistischen Inselstaat wenig freundlich gesonnen, finanzierte es angesichts der Geldknappheit der Kubaner die dortige Ausstellung fast vollständig. Damit gelang es, wenn auch in etwas anderer Reihenfolge, alle von Humboldt besuchten lateinamerikanischen Länder in die Ausstellungsreihe einzubeziehen.

(Voraussichtliche Zeitdaten der Ausstellungsreihe. Kuba: 31. Oktober 1997 bis 14. Januar 1998 in Havanna; Venezüla: 1. März 1998 bis 1. Juni 1998 in Caracas; Deutschland: 1. Juli 1999 bis 1. September 1999 Haus der Kulturen der Welt in Berlin und 1. Oktober 1999 bis Januar 2000 Kunst- und Ausstellungshalle in Bonn; Kolumbien: März 2001 bis Mai 2001 in Bogotá Ecuador: Juni 2001 bis September 2001 in Quito; Peru: 2002 in Lima; USA: 2004 in Washington.)

DER LESER

Von Eduardo Galeano

In einer seiner Kurzgeschichten stellte sich Osvaldo Soriano ein

Fußballspiel in irgendeinem verlorenen kleinen Dorf Patagoniens vor. Gegen den Ortsverein, Barda del Medio, hatte niemand auf dessen eigenem Platz ein Tor geschossen. Solch eine Beleidigung war verboten, als Strafe standen darauf Gefängnis oder Galgen. In der Geschichte vermied das Gästeteam die Versuchung während des ganzen Spiels; aber am Ende, bei einer der Dummheiten der Verteidigung von Barda, stand der Mittelstürmer frei vor dem Torhüter und es blieb ihm nichts anderes übrig, als ihm die Lederkugel durch die Beine zu schieben.

Dreiunddreissig Jahre später, als Osvaldo zum Flughafen von Neuquén kam, erdrückte ihn ein Unbekannter mit einer Umarmung, hob ihn samt Reisetasche so wie er da stand in die Höhe:

„Tor!Nein! Ein Supertor!“, schrie er. „Ich sehe Dich dabei. A la Pelé hast Du es gefeiert! – Und er fiel auf die Knie, hob die Arme gen Himmel. Dann bedeckte er sich das Gesicht: „Was für ein Steinregen! Was für eine Prügel haben sie uns verpaßt!“ Osvaldo gaffte mit offenem Mund, hörte den Koffer in der Hand haltend zu. „Sie stürzten sich auf Dich! Sie waren ein ganzes Dorf!“, schrie der begeisterte Anhänger. Und dann blies er sich wie eine Kröte auf, zeigte mit dem Daumen auf Osvaldo und erklärte den Neugierigen, die sich genähert hatten: „Diesem da habe ich das Leben gerettet.“

Zum ersten Mal füllte sich dieses Spiel, das Osvaldo alleine gespielt hatte, eines fernen frühen morgens, ohne mehr Gesellschaft als eine Schreibmaschine, einen mit Kippen gestopften Aschenbecher und zwei schläfrige Kater, mit Menschen.

ECUADOR

Galeano und die Leidenschaft für den Fußball

(Quito, 14. August 1997, pulsar-Poonal).- Der uruguayische Schriftsteller Eduardo Galeano sorgte mit seinen Vorträgen in der ecuadoreanischen Hauptstadt für Aufsehen. Den meisten Beifall erhielt er jedoch für die Veranstaltung, auf der er über den Sport sprach, der die Massen anzieht: den Fußball. Nach Galeano ist der Fußball von den Intellektuellen – egal, ob sie der Rechten oder der Linken angehören – nicht entsprechend gewertschätzt worden. „Für die Rechte ist der Fußball immer der Beleg gewesen, daß das Volk denkt, aber mit den Füßen und für die Linke war der Fußball schuldig, daß das Volk nicht denkt“, so der Schriftsteller. Seiner Meinung nach geschieht in Lateinamerika nichts, was nicht direkt oder indirekt mit dem Fußball in Beziehung steht. Für ihn ist der Fußball die Fingerabdruck der lateinamerikanischen Völker. Der eingefleischte Fan Galeano glaubt, die Bedeutung dieses Sports auf seinem Kontinent liege darin, daß er eines der wenigen Elemente darstelle, die nicht vom Imperialismus hätten invadiert werden können. Er erinnerte an die Zeit, als er in Spanien im Exil lebte und fußballspielende Kinder ihm eine Lektion fürs Leben gaben: „Ich war am Boden zerstört, als ich eines Nachmittags von meinem Haus zum Bahnhof ging, um den Zug nach Barcelona zu nehmen. Auf dem Weg begegnete mir ein Kinderschwarm, der gerade vom Fußballspielen kam, alle verschmutzt, verschwitzt, verlumpt, mit der Lederkugel unter dem Arm und singend 'ganamos, perdimos, igual nos divertimos' (wir haben gewonnen, wir haben verloren, aber auf jeden Fall unsern Spaß gehabt). Als ich es hörte, dachte ich, welche Fußbal-Lektion, aber vor allem, welche Lektion fürs Leben!

Überraschender Kurswechsel im Parlament

(Quito, 19. August 1997, pulsar-Poonal).- Der Präsident des ecuadoreanischen Kongresses, Heinz Möller, sprach sich für eine Nationalversammlung noch im Oktober dieses Jahres aus. Der einflußreiche Politiker sicherte außerdem zu, die Nationalversammlung werde alle Befungisse haben die sie von der Regierung unabhängig mache. Bisher war er sich mit dem Übergangspräsidenten Fabián Alarcón einig gewesen, diese erst im August 1998 einzuberufen. Den überraschenden Kurswechsel begründete Möller damit, man müsse dem Mandat des Volkes gehorchen. Wörtlich erklärte er auf einer Pressekonferenz am 18. August: „Wir werden morgen noch eine Verfassungsreform präsentieren, mit der sofort zu einer Nationalversammlung mit unbegrenzten Rechten auf gerufen wird. Sonst würde einem weiteren Betrug gegenüber dem ecuadoreanischen Volk der Weg frei gemacht. Wer in diesem Land braucht noch so ein Parlament wie dieses, von dem fehlende Repräsentativität behauptet wird?“

Möller gehört der rechten Sozialchristlichen Partei an, die die meisten Abgeordneten im Parlament stellt. Wochen zuvor hatten die Sozialchristen mit ihrem Druck auf die übrigen Abgeordneten noch erreicht, die Nationalversammlung entgegen zahlreichen Forderungen aus der Bevölkerung auf das nächste Jahr zu verschieben. Dieser Beschluss provozierte in der vergangenen Woche die Reaktion vieler Volksorganisationen. Ein zweitägiger Streik der Indígena- und Campesinobewegung paralysierte das Land weitgehend. Die völlige Kehrtwende Möllers und der Sozialchristlichen Partei von heute auf morgen, mit der sie auch auf Konfrontationkurs mit dem Präsidenten Alarcón gehen, kam trotz dieser heftigen Proteste unerwartet. Politische Hintergedanken sind wahrscheinlich. Schon früher äußerten Beobachter*innen, Parlamentsvorsitzender Möller schiele mit einem Auge auf das höchste Amt im Staate. Sein jetziges Vorgehen könnte seine Ausgangsposition für die Wahlen im August 1998 verbessern.

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