Poonal Nr. 285


Deutsche Ausgabe des wöchentlichen Pressedienstes lateinamerikanischer Agenturen Nr. 285 vom 17. April 1997

Inhalt


GUATEMALA

GUATEMALA/MEXICO

HONDURAS

URUGUAY

CHILE

HAITI

PERU

KOLUMBIEN

ARGENTINIEN

EL SALVADOR

BOLIVIEN

BRASILIEN

LATEINAMERIKA


GUATEMALA

Neue geheime Friedhöfe entdeckt

(Rabinal, 9. April 1997, cerigua-Poonal).- Die Opfer der Militärs kommen aus ihren Gräbern. Gerichtsmediziner*innen begannen ihre Arbeit auf drei weiteren geheimen Friedhöfen aus den 80er Jahren. Sie liegen in den Provinzen Chimaltenango, Baja Verapaz und Alta Verapaz. Möglicherweise befinden sich auf einem von ihnen die Überreste mehrerer hundert Menschen, die den Aufstandsbekämpfungsaktionen der guatemaltekischen Armee zum Opfer fielen. Nahe Rio Negro in Baja Verapaz begannen die Ausgrabungen am 8. April. Dort werden mindestens acht Skelette vermutet. Es könnten jedoch weit mehr sein. In dem selben Dorf fanden die Gerichtsmediziner*innen vor drei Jahren einen geheimen Friedhof mit den Leichen von 143 Frauen und Kindern. Sie waren 1982 von Soldaten und Mitgliedern der paramilitärischen Zivilpatrouillen (PAC) ermordet worden. In Alta Verapaz führte eine Campesinofamilie Menschenrechtsfunktionär*innen am 5. April zu einem Ort bei San Lucas Chiacal, wo nach ihren Angaben sieben ihrer Verwandten – darunter drei Kinder – nach einem Massaker durch die Armee ebenfalls im Jahr 1982 in einem Massengrab verscharrt wurden. Die Familie sagte aus, schon immer von dem Grab gewußt zu haben. Aus Angst, dasselbe Schicksal zu erleiden, hätten sie bisher geschwiegen. Menschenrechtsaktivist Mario Polanco berichtete am 3. April, die Gruppe für gegenseitige Hilfe von Familienangehörigen, Verhafteter und Verschwundener (GAM) habe ein drittes Massengrab in der Nähe von San Martin Jilotepeque in Chimaltenango entdeckt. Anfängliche Untersuchungen brachten bereits mehrere Knochen und Schädel zum Vorschein, die Schußlöcher aufwiesen. Polanco geht von möglicherweise mehreren hundert Leichen in Jilotepeque aus. Weniger als eine Meile von dem neuen Massengrab entfernt sind die Arbeiten an dem sogenannten „Todesschacht“ ausgesetzt worden, weil es den Untersucher*innen an Spezialgerät fehlt. An diesem Ort stießen sie bisher auf 37 Skelette und sind sich sicher, daß sich in dem Schacht noch die sterblichen Überreste von mindestens sieben Personen befinden. In der Provinz Petén beginnt die dritte Ausgrabungsphase auf dem Gelände einer verlassenen Armeekaserne in El Chal. In den ersten beiden Phasen kamen die aneinander gebundenen Körper von 40 Personen zum Vorschein.

Armee wieder in den Straßen

(Guatemala-Stadt, 9. April 1997, cerigua-Poonal).- Die verstärkten Patrouillengänge der Streitkräfte in der Hauptstadt sind auf unterschiedliche Reaktionen gestoßen: Während manche eine Rückkehr zu Militarisisierung im Land fürchten, sehen andere darin einen Beitrag zur Bekämpfung der Kriminalität. Das Oberkommando der Armee ordnete an, die Polizei zu unterstützen, „Kontrolle, Sicherheit und öffentliche Ordnung in der Hauptstadtregion aufrechtzuerhalten“. Nach den Angaben von Innenminister Rodolfo Mendoza können die Militärpatrouillen bis zu drei Monaten andauern. Die Abgeordnete Rosalina Tuyuc vom Demokratischen Bündnis Neues Guatemala (FDNG) spricht von einer „unverantwortlichen Einmischung der Armee in zivile Angelegenheiten“. Die Vertreter*innen der Revolutionären Nationalen Einheit Guatemalas (URNG) sehen den Geist der Friedensabkommen verletzt. Sie gaben allerdings zu, daß die Patrouillen nicht ungesetzlich sind. Nach vorgenommenen Verfassungsänderungen ist die Beteiligung der Armee bei Fragen der inneren Sicherheit eingeschränkt. Für Gruppen wie die rechtsgerichtete Organisation Nachbarschaftswächter sind die Militärpatrouillen nur ein Anfang. Ihr Sprecher Oscar Recinos: „Das ist der erste Schritt in Richtung Ausnahmezustand, der alle Guatemaltek*innen schützen wird. Wir bestehen darauf.“

Erstes Frauenhaus in der Hauptstadt

(Guatemala-Stadt, 4. April 1997, cerigua-Poonal).- In Guatemala- Stadt hat erstmals ein Frauenzentrum für mißhandelte Frauen seine Türen geöffnet. Das Projekt der Guatemaltekischen Frauengruppe (GGM) bietet Notunterkünfte und Beratung an. „Es handelt sich um eine lebensnotwendige Sache. In vielen Fällen könnte sie das Leben dieser Frauen retten“, sagt Geovann Lemus, die Sprecherin des Projektes. Lemus sieht das Zentrum auch als einen Raum für Reflektion, ohne auferlegte Bedingungen und Kriterien, wo Frauen, die der Gewalt entflohen sind, ihre eigenen Entscheidungen treffen können. Bisher ist es die einzige derartige Einrichtung in der Hauptstadt mit ihren zwei Millionen Einwohner*innen. Die Kapazität ist momentan für die zeitweise Aufnahme von fünf Frauen mit durchschnittlich drei Kindern ausgerichtet. Acht Frauen bieten psychologische, soziale und rechtliche Hilfe und unterstützen den Weg zurück ins normale Leben. Aufgenomme Frauen können bis zu zwei Monaten in dem Zentrum bleiben. Außer in Guatemala-Stadt existiert im ganzen Land nur in Quetzaltenango, der zweitgrößten Stadt, mit dem „Hogar Nuevo Horizonte“ ein vergleichbares Projekt.

GUATEMALA/MEXICO

Gaspar Ilom sagt im Novella-Fall aus

(Mexiko-Stadt, 5. April 1997, cerigua-Poonal).- Der frühere Guerillachef Kommandant Gaspar Ilom (Rodrigo Asturias) leugnete in Mexiko-Stadt seine Verwicklung in die Entführung der 86jährigen guatemaltekischen Millionärin Olga Alvarado de Novella. Zu Iloms Vernehmung war der guatemaltekische Staatsanwalt Fernando Mendizabal de la Riva in Begleitung von Novellas Anwalt ins Nachbarland gereist, nachdem der Ex-Guerillero einem Treffen zugestimmt hatte. Gaspar Ilom wiederholte die früher dargelegte Position, daß das Entführungskommando zwar der von ihm befehligten Organisation des bewaffneten Volkes (ORPA) angehört habe, jedoch alleine und ohne Genehmigung des Oberkommando handelte. Mendizabal beschrieb das Gespräch als positiv. Er sah kein Hindernis für die Rückkehr des ehemaligen Kommandanten nach Guatemala. Die endgültige Entscheidung, ob Ilom wegen des Falles angeklagt werde, stehe aber noch aus. Während die anderen drei Mitglieder des Oberkommandos der Revolutionären Nationalen Einheit Guatemalas (URNG) inzwischen in das zivile Leben Guatemalas zurückgekehrt sind, hat der Novella-Skandal Ilom bisher im mexikanischen Exil gehalten.

HONDURAS

Maulkorb für JournalistInnen

(Montevideo, 4. April 1997, comcosur-Poonal).- Die JournalistInnenvereinigung von Honduras will gegen neun Artikel des im März verabschiedeten Strafgesetzes vorgehen. Die entsprechenden Gesetzesbestimmungen werden von den Journalist*innen als „Schlag gegen die Meinungsfreiheit“ angesehen. Ihr Gremium bezeichnet sie als „schädigend für die Meinungs- und Informationsfreiheit sowie die freie Ausübung des Journalismus“. Den größten Widerstand gibt es gegen die Regelung, die eine Vorbeugehaft ohne das Recht auf Freilassung gegen Kaution für diejenigen vorsieht, die der Verleumdung, Beleidigung oder üblen Nachrede angeklagt sind.

URUGUAY

Strafe gegen kritische Journalisten aufgehoben

(Montevideo, 4. April 1997, comcosur-Poonal).- Ein Berufungsgericht in Montevideo hat den Prozeß anulliert, den der paraguayische Präsident Juan Carlos Wasmosy 1996 gegen die beiden uruguayischen Journalisten Federico und Carlos Fasano angestrengt hatte. Diese hatten in der Zeitung „La República“, für die sie als Direktor bzw. leitender Redakteur verantwortlich sind, Wasmosy illegale Bereicherung vorgeworfen. Aufgrund eines uruguayischen Gesetzesartikels, der Strafen für einen „Angriff auf die Ehre eines ausländischen Staatschefes“ vorsieht, wurden die Gebrüder Fasano verhaftet und verurteilt. Nach 15 Tagen im Gefängnis und zahlreichen nationalen und internationalen Protesten kamen sie jedoch im Berufungsverfahren frei. Die endgültig Aufhebung des Strafprozesses gegen sie erlaubt ihnen nun, Beweise für die Verwicklung von Wasmosy in die Korruptionsaffäre vorzulegen. Federico Fasano erklärte die Annullierung als einen Sieg der Informationsfreiheit. Jetzt werde der Teil des Verfahrens beginnen, der dem paraguayischen Regierungschef am wenigsten gelegen sei.

CHILE

Späte Einsicht: Ex-Präsident Alwyn kritisiert Pinochets Putsch

(Montevideo, 4. April 1997, comcosur-Poonal).- Mehrere Jahre und eine Amtszeit mußten vorbeigehen, damit Chiles ehemaliger Präsident Patricio Alwyn öffentlich zugab, mit der Unterstützung des Staatsstreiches vom 11. September 1973 einen Fehler begangen zu haben. Damals stürzten die Militärs unter Führung von General Augusto Pinochet den Präsidenten Salvador Allende. „Wir hatten ein falsches Bild von den chilenischen Militärs“, erklärte Christdemokrat Alwyn jetzt. Er sprach ebenso von „unvorhersehbaren Verbrechen“, die in den 17 Jahren der Diktatur begangen wurden. Zum Zeitpunkt des Putsches war Alwyn Vorsitzender der Christdemokratischen Partei Chiles. Die Partei bewertete den Staatsstreich 1973 positiv. Heute sagt Alwyn, er hätte die Menschenrechtsverletzer*innen gerne vor ein Tribunal gebracht. Die chilenischen Militärs bezeichneten die Äußerungen des Ex- Präsidenten als “ in höchstem Maße beleidigend für die Streitkräfte“. Verteidigungsminister Edmundo Pérez erklärte, das chilenische Militär „fühlt keine Art von Reue“ und sei „überzeugt, die Sache sehr gut gemacht zu haben“.

Kinderperspektiven: Arbeit statt Schule, Pestizide statt Lehrbücher

Von Claudia Corvalán

(Santiago, März 1997, sem-Poonal).- César Galán ist ein Junge wie jeder andere: er hat eine Gruppe von Freunden, besucht die achte Klasse in einer öffentlichen Schule und es gefällt ihm, zu tanzen und über die Mädchen zu reden. Doch er wird die Schule nicht oder sehr spät abschließen. Er muß ein Stück Land in dem Dorf Coinco etwa 150 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago bearbeiten. Für die Direktorin Gloria Estrada keine unübliche Erfahrung: „Viele unserer Schüler*innen sowie die anderer ländlicher Schulen bitten in der Erntezeit oder jetzt, wo die Feldarbeit beginnt, um die vorübergehende Entlassung aus dem Unterreicht oder kommen einfach nicht mehr zur Schule.“ In Césars Schule sind 60 Prozent der Schüler*innen arm oder extrem arm. Von den Eltern haben nur 6 Prozent eine abgeschlossene Schulausbildung.

Angesichts solcher Zustände hat das chilenische Gesundheitsministerium eine ausführliche Studie über die Kinderarbeit in der Landwirtschaft in dieser Region durchgeführt. Die Ergebnisse sind nicht überraschend – es war vorher bekannt, daß die Mehrheit der Schüler*innen ab dem siebten Schuljahr in der Landwirtschaft arbeitet. Alarm bei manchen Gesundheitsexpert*innen und Lokalbehörden löste allerdings die Tatsache aus, daß die Minderjährigen nachweislich Pestiziden ausgesetzt werden. 38 Prozent von ihnen kommen in direkten Kontakten mit agrochemischen Mitteln. Von diesen hat ein Drittel gelegentlich mit den Mitteln zu tun, 9 Prozent ständig. Fast ein Viertel der in der Landwirtschaft arbeitenden Kinder hat bereits Vergiftungen durch Pestizide erlitten. „In der Mehrheit sind sie ambulant oder zuhause behandelt worden. Sie gehen als normales Krankheitsbild Durch, weil es sich um leichte Vergiftungen handelt. Aber in fünf Prozent der Fälle war ein Krankenhausaufenthalt nötig“, erklärt die Ärztin María Moreno, Leiterin der Untersuchung.

In Chile wird die Anwendung von Schädlingsbekämpfungsmitteln in der Regel nicht durch Expert*innen kontrolliert. Ihr Gebrauch durch die Kinder ist noch schwerwiegender, weil diese weder über die Gefahren noch über Schutzmaßnahmen gegen Vergiftungen informiert sind. Der 13jährige Schüler Pedro Gómez, der seit zwei Jahren mit seiner Familie auf Plantagen arbeitet, ist ein Beispiel: „Mir haben sie nie gezeigt, wie ich sprühen muß. Ich mache daß einfach so, mit dem Kanister“, gibt er zu. Der ein Jahr ältere Jorge Mora ergänzt: „Ich weiß, daß es gefährlich ist, aber ich habe keine Angst.“ Hinter dieser Wirklichkeit steht der Zwang, arbeiten zu müssen, um der Familie zu helfen. „Wir arbeiten, weil wir es müssen. Im Haus fehlen Sachen und wir brauchen das Geld“, so Jorge. María Pinto, wie Jorge 14 Jahre alt, ist eine der weiblichen Jugendlichen die in dieser Region südlich von Santiago in der Landwirtschaft arbeitet. Sie sammelt Früchte ein. Sie mußte vorzeitig die Schule verlassen, um auf dem Feld zu arbeiten. „Ich ging gerne zur Schule. Aber mein Vater sagte, ich müsse nun arbeite. Darum hörte ich auf, zu lernen, obwohl ich die Schule gerne beendet hätte. “

Die Kinder verdienen wenig für ihre Arbeit. Nach Studien der UNO- Wirtschaftskommission für Lateinamerika (CEPAL) etwa die Hälfte von dem, was die Erwachsenen mit weniger als sieben Jahren Schulbildung als Lohn bekommen. Die Kindern schlittern in einen fatalen Teufelskreis: Sie verlassen die Schulen, um zu arbeiten; sie haben jedoch kaum Chancen auf besser bezahlte Jobs, weil sie nur wenig Bildung genossen haben. „Wenn wir die Armut überwinden wollen, wenn wir den Kindern Chancengleichheit geben wollen, dann müssen wir die Kinderarbeit abschaffen“, meint der sozialistische Abgeordnete Juan Pablo Letelier in Chile. „Unsere Gesellschaften müssen dafür eintreten, die Interessen der Kinder zu wahren. Das darf niemals gegenüber der Notwendigkeit zurücktreten, daß das Kind Geld nach Hause bringt“, fügt die christdemokratische Abgeordnete Marian Aylwin hinzu.

Solange jedoch die Familien nur überleben können, wenn die Kinder Geld verdienen, wird Kinderarbeit eine Realität bleiben. César Galán wird weiter auf den Feldern von Coinco arbeiten und die Pestizide auf dem Rücken tragen, so wie er es seit seinem 10. Lebensjahr gemacht hat. Von der Universität hat er nie geträumt, sie ist außerhalb seiner Vorstellungswelt. César möchte ein guter Automechaniker werden, denn, so sagt er, „das ist viel besser als ein frustrierter Bauer“.

HAITI

Geringe Beteiligung an Parlamentswahlen

(Mexiko-Stadt, 13. April 1997, Poonal).- Eine Woche nachdem auf Haiti das gesamte Abgeordnetenhaus (564 Sitze) und 9 Senator*innen neu gewählt wurden, stehen die Endergebnisse noch aus. Fest steht bislang nur, daß die Wahlbeteiligung sehr schwach war. Sie soll bei nur 15 Prozent gelegen haben. Während die Regierung von erfolgreichen Wahlen sprach, fordert die Opposition die Annullierung. Erstmals trat offiziell die Lavalas-Bewegung als politische Partei an. Sie wurde von Ex-Präsident Jean-Bertrand Aristide gegründet. Für diesen hat mit den Wahlen praktisch eine Kampagne begonnen, die ihn im Jahr 2000 erneut ins Präsidentenamt bringen könnte. Aristide sprach vom Elend als dem „Feind Nummer Eins für die Demokratie im Land“. Die Unzufriedenheit und Ungewißheit wegen des Stillstands der Wirtschaft ist auf Haiti weit verbreitet.

PERU

Austritt aus dem Andenpakt

(Lima, 13. April 1997, pulsar-Poonal).- Peru hat seinen Austritt aus der Andengemeinde der Nationen (CAN) bekanntgegeben. Es handelt sich um die älteste Organisation in Lateinamerika, die auf eine Integration mehrerer Länder hinarbeitete. Peru, das zu den Gründungsmitgliedern gehörte, vollzog seinen Schritt offenbar angesichts der Forderung der anderen Staaten, das Land müsse seinen seit 1992 nicht mehr erfüllten wirtschaftlichen Verpflichtungen gegenüber der Organisation nachkommen. Präsident Alberto Fujimori begründete seine Entscheidung allerdings anders. Sein Land habe seine Wirtschaft durch den freien Wettbewerb der Welt gegenüber geöffnet. Dieses Vorgehen werden von der Andenorganisation nicht geteilt. Die CAN entstand 1969 unter dem Namen Andenpakt. Ihr gehörten Bolivien, Kolumbien, Chile, Ecuador, Peru und Venezuela an. Chile zog sich 1976 aus der Organisation zurück. Peru hat seit 1992 den gemeinsam festgelegten Außenzoll der Mitgliedsländer nicht mehr angewandt. Im März des vergangenen Jahres vereinbarten die Staatschefs der Andenländer die Umbenennung in Andengemeinde der Nationen. Die Organisation erwartet nach der Ansicht von Expert*innen eine unsichere Zukunft. Das nächste Gipfeltreffen ihrer verbliebenen Mitglieder findet am 22. und 23. April in Bolivien statt.

KOLUMBIEN

Auslieferung bleibt Diskussionsthema

(Bogota, 11. April 1997, pulsar-Poonal).- Der Nationalrat zur Verbrechenspolitik stimmte einem Antrag von Präsident Ernesto Samper zu, das Auslieferungsgesetz neu in Kraft zu setzen. Ein solcher Gesetzentwurf wird jetzt zur Debatte in den Kongreß geschickt. Am Ende könnte der Verfassungsartikel aufgehoben werden, der es verbietet, gebürtige Kolumbianer*innen ans Ausland auszuliefern. Da eine Verfassungsänderung schwieriger ist als eine einfache Gesetzesverabschiedung, könnte sich das Verfahren im Parlament über mehrere Monate hinziehen. Noch im Juli 1996 hatte Samper sich gegen eine Reaktivierung der Auslieferung geäußert. Ein solches Gesetz würde die nationale Souveränität brechen. Der Präsident änderte seine Meinung, nachdem die USA Kolumbien ihr Drogenzertifikat verweigerten. Allgemein wird in Abgeordnetenkreisen davon gesprochen, daß der Druck der USA für die Kehrtwende des kolumbianischen Präsidenten verantwortlich ist. Sollte Kolumbien seine Landsleute wieder ausliefern, könnten die USA die kolumbianischen Drogenhändler*innen in ihr Land bringen und sie nach der US-Gesetzgebung verurteilen.

Wem gehört das Land?

(Bogota, 13. April 1997, pulsar-Poonal).- Nach der kolumbianischen Agrarreformbehörde befinden sich drei Prozent des Landes im Besitz der Drogenhändler*innen. Die Gesetze seien nicht dazu geeignet, die Kontolle über die Grundstücke zu erlangen, die durch illegale Geschäft mit Drogen gekauft wurden. Präsident Ernesto Samper verspricht eine Besserung der Situation durch ein Beschlagnahmegesetz, das seit vier Monaten gültig ist. Die Worte des Präsidenten werden aber noch nicht durch Taten unterstützt. So erreichte die Staatsanwaltschaft bisher nichts im Fall der Residenz des erschossenen ehemaligen Drogenbosses Pablo Escobar. Dies ist dem breiten Netz der „Narcos“ zu verdanken, die ihre Eigentumsrechte hinter eine Fülle von Firmen verstecken und ihren Besitz so vor dem Zugriff der kolumbianischen Strafverfolgungsbehörde schützen. Die Drogenhändler*innen begannen Ende der 70er Jahre mit massiveren Landkäufen. Sie haben schätzungsweise in 409 von 1066 Landkreisen in Kolumbien Eigentum. Die Agrarreformbehörde macht die umfangreichen Landkäufe für die immer stärker abnehmende landwirtschaftliche Produktion verantwortlich. Der Großteil des von den Drogenhändler*innen gekauften Bodens liegt brach.

ARGENTINIEN

Kommission gegen die Mafia

(Buenos Aires, 11. April 1997, pulsar-Poonal).- Das argentinische Parlament hat sich entschieden, eine Kommission gegen die Mafia zu bilden. Die regierende Partido Justicialista kam zu einer entsprechenden Vereinbarung mit der Opposition. Die Arbeit der Kommission wird jedoch auf bestimmte Themen beschränkt sein. Nach Meinung vieler Oppositioneller wird damit das Hauptziel verfehlt: die Aktivitäten des Unternehmers Alfredo Yabran zu untersuchen, in dessen Fahrwasser auch Regierungskreise in Korruptionsskandale geraten könnten. Überprüft wird voraussichtlich der ehemalige Wirtschaftsminister und jetzige Gegner von Präsident Menem, Domingo Cavallo. Desweiteren gehören die Postgesellschaft, die Flughafenkonzessionen, monopolistische Aktivitäten im Telefonbereich und die Steuerflucht bei der Fleisch- und Goldproduktion zu den Untersuchungsthemen. Die Opposition hat ihre Zweifel an den wahren Absichten der Regierung, die den Nachforschungen nach längeren Verhandlungen zustimmte. In der 15köpfigen Kommission mit Mitgliedern aus mehreren Parteien hat der Regierungsblock die Mehrheit. Innerhalb dieses Blocks hat die Diskussion um die Antimafiakommission fast zu einer Spaltung geführt. Der Fraktionsvorsitzende Jorge Matzkin war mit seinem Vorschlag, die Kommission zu akzeptieren, um einen weiteren Ansehensverlust der Regierung zu vermeiden, nicht bei allen Parteikolleg*innen auf Gegenliebe gestoßen. Erst als ein größerer Teil der Parteispitze mit dem Rücktritt drohte, stimmte auch Präsident Menem der Kommission zu und entschied die Diskussion damit.

EL SALVADOR

Ex- Guerilla blickt schon auf 1999

(San Salvador, 11. April 1997, pulsar-Poonal).- Die Nationale Befreiungsfront Farabundi Mart A1 (FMLN) will nicht um den Parlamentsvorsitz in der am 1. Mai beginnenden neuen Legislaturperiode kämpfen. Stattdessen möchte sie ihr Engagement auf die allgemeinen Wahlen von 1999 konzentrieren, bei denen der Präsident neu gewählt wird. Bei den Gemeinde- und Parlamentswahlen vom 16. März war die FMLN knapp hinter der Regierungspartei ARENA die zweitstärkste Kraft im Land geblieben, hatte ihre Position aber im Vergleich zu den Vorjahren bedeutend gestärkt. Leonel Gonzalez, Sprecher der ehemaligen Guerilla erklärte: „Den Vorsitz des Parlamentes zu suchen, wäre nicht gut für das Land. Aber wir müssen interne Reformen fördern und dazu beitragen, es (das Parlament) zu modernisieren.“ Die FMLN will, so ihr Sprecher, allerdings die strategisch wichtigen Kommission Gesetzgebung und Verfassungsthemen sowie Wirtschaft und Finanzen leiten. Durch eine Bündnispolitik mit anderen Parteien soll versucht werden, die Privatisierung von staatlichen Einrichtungen zu verhindern.

BOLIVIEN

Verfolgung der Koka-Campesinos hält an

(Cochabamba, 10. April 1997, pulsar-Poonal).- Bei gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Koka-Pflanzer*innen und der Polizei in der Region von Cochabamba gab es mehrere Verletzte. Unter ihnen befindet sich auch der Anführer der Koka-Bäuer*innen, Evo Morales Ayma. Bei ihm bohrte sich ein Gummigeschoß in das rechte Bein. Außerdem weist er mehrere Wunden und Blutungen aufgrund von Machetenschlägen auf. Evo Morales ist Vorsitzender des Koordinationskomitees der Fünf (Gewerkschafts-)Vereinigungen des Tropenkreises von Cochabamba. Er sprach davon, daß die zwangsweise Vernichtung von Koka-Pflanzungen zu einer „brutalen Unterdrückung gegen die Koka-Pflanzer*innen“ ausgeartet sei. Er beschuldigt die polizeilichen Einsatzkräfte zu hunderten auch das Gelände der Kooperative Senda Nueva eingedrungen zu sein und ohne Frauen, Kinder und Männer zu respektieren, Gummikugeln und Tränengrasgranaten abgeschossen zu haben. Morales selbst bekam eine Sonderbehandlung: Die Polizisten führten ihn abseits und verprügelten ihn. Danach hängten sie ihm Sprengstoff um und fotografierten ihn so.

BRASILIEN

Kommission zu Nazigold

(Sao Paulo, 9. April 1997, pulsar-Poonal).- Die brasilianische Regierung will feststellen lassen, ob auch ihr Land Ziel von Vermögen war, das die Nazis während des Zweiten Weltkrieges der jüdischen Gemeinde raubten. Zu diesem Zweck unterschrieb Präsident Fernando Henrique Cardoso ein Dekret, mit dem eine Kommission zur Suche nach solchem Vermögen in Brasilien eingerichtet wird. Sie wird mit Funktionär*innen aus Finanz-, Justiz- und Aussenministerium sowie einem Vertreter der brasilianischen jüdischen Gemeinde besetzt sein. Die Kommissionsmitglieder haben ein Jahr Zeit, Ursprung und Bestimmungsort der Reichtümer herauszufinden, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nach Brasilien gebracht wurden. Sie sollen Zugang zu allen Archiven der Zentralbank und den Archiven anderer staatlicher und privater Einrichtungen haben. Seit geraumer Zeit wird vermutet, daß von den etwa 6 Milliarden Dollar, die die Nazis in Gold und Geld raubten, ein bedeutender Teil nach Brasilien floß.

Indígenas sperren sich gegen Globalisierung

(Porto Alegre, 11. April 1997, alc-Poonal).- Obwohl sie zu den Ärmsten zählen, haben sich die Indígena-Völker als diejenigen erwiesen, die innerhalb und außerhalb Brasiliens die wichtigsten Gegner des Neoliberalismus sind. Zu diesem Ergebnis kommt der IndianerInnenmissionsrat (CIMI) in einer Untersuchung. Der CIMI ist der Nationalen Bischofskonferenz angeschlossen und arbeitet seit 25 Jahren mit den Indígenas. Das Dokument „Indígena-Völker, Widerstand gegen den Neoliberalismus“ wurde im Hinblick auf die Woche der Indígena-Völker 1997 vom 14. bis 19. April vorbereitet. Als Träger einer jahrtausendalten Kultur und überlieferter Werte stellten die Indígena-Völker eine „ethische Reserve“ dar und könnten zum Bau einer anderen Zukunft für die Menschheit beitragen, heißt es im Text des CIMI. Dagegen belebe das neoliberale Projekt in der Gegenwart die koloniale und autoritäre Beziehung, die der brasilianische Staat und die herrschenden Klassen seit 500 Jahren gegenüber den Indígenas aufrecht erhielten. Durch die Ausbeutung der Minen und Wälder, den Abbau der Naturreserven, die Piraterie des Wissens der Indígenas über medizinische Pflanzen, den Ökotourismus und Freihandelszonen in der Nähe der Indígena-Territorien werde die Lage der Indígena- Völker im Rahmen des neoliberalen Projektes verschlechtert.

Wer ist der Neodummkopf?

(Porto Alegre, 9. April 1997, alc-Poonal).- Der Ökonom und Bundesabgeordnete Roberto Campos bezeichnete die Vorsteher des Jesuitenordens als „Neodummköpfe“. Er reagierte damit auf die jüngste Veröffentlichung „Der Neoliberalismus in Lateinamerika“, in der sich die Jesuiten eindeutig gegen Globalisierung und neoliberale Politik wenden. Campos dagegen, der für die Progressive Brasilianische Partei im Parlament sitzt, gehört zu den feurigsten Verteidiger*innen des Neoliberalismus. In einem Artikel in der Tageszeitung „Zero Hora“ wirft er der katholischen Kirche Brasiliens vor, wenig vom Markt zu verstehen und sich zuviel auf den Staat zu beziehen. Ihre Abneigung gegen die Reichen sei größer als ihre Liebe für die Armen. Ihr gefalle es, Reichtümer zu verteilen, aber sie mache keine Anstrengungen, Reichtum zu schaffen, meinte Campos. Den Jesuiten erkennt er an, Ungleichheit, Elend und Korruption in Lateinamerika angeklagt zu haben. Sie machten jedoch fälschlicherweise den Neoliberalismus als Ursache für diese „Geschwüre“ aus. Das liberale Paradigma sei weit davon entfernt, in der Region zu dominieren. Campos schrieb, die Katholiken sähren im Luxus einen Ausdruck des kapitalistischen Egoismus und kein Zeichen wirtschaftlichen Fortschritts. Ungleichheit sei unvermeidlicher Teil des menschlichen Erbes. Der Gesellschaft bleibe nur, die Ungleichheiten menschlich zu verwalten. Am Ende seiner Polemik wendet er sich noch einmal den Jesuiten zu: „Nichts ist leichter, als die Ungleichheiten zu beklagen. Nichts ist schwieriger als zuzugeben, daß Christus nicht Sozialist ist.“

LATEINAMERIKA

Eine Zukunft für Amerika

Von Adolfo Perez Esquivel

(Quito, April 1997, alai-Poonal).- Zu ihrem 20jährigen Bestehen veröffentlichte die Zeitschrift ALAI, seit Jahren Mitglied bei Poonal, eine Sondernummer. Zu den Autor*innen gehörte auch der argentinische Friedensnobelpreisträger Adolfo Perez Esquivel mit dem folgenden Beitrag:

Wir befinden uns an der Schwelle zum dritten Jahrtausend und die Herausforderungen für die Menschheit sind von einem solchen Ausmaß, daß wir eine Kultur der Solidarität und des Völkerverständnisses schaffen müssen, um der Hoffnung die Tür zu öffnen. Wir wissen, dies wird nicht spontan geschehen. Die Zukunft wird mit dem Mut gebaut, den wir in der Gegenwart haben. In dieser müssen die Völker aufhören, Zuschauer zu sein, um sich als Protagonisten ihrer eigenen Leben und als Baumeister ihrer eigenen Geschichte hervorzutun. Unser Beitrag und Blick geht vom amerikanischen Kontinent aus. Von unseren Wirklichkeiten und Identitäten als Völker und von unserer universalistischen Geschichte mit vielen Ethnien, vielen Kulturen, die die Seele unseres Widerstandes, unserer Würde und unserer Hoffnung darstellt. Alle blicken wir erwartungsvoll auf das dritte Jahrtausend, mit vielen Fragezeichen über den Weg der Menschheit, denn wir sehen von dieser alltäglichen Realität aus, die die Erinnerung unserer Völker kennzeichnet. Um die Zukunft zu sehen, müssen wir diesen konkreten Mann und diese konkrete Frau sehen, mit unbefriedigten vitalen Bedürfnissen, diese Millionen hungernder Armen, die nicht an morgen denken können, sondern nur an die Realität von heute. Weil ihr Leben sich in den Grenzen der Wirklichkeit von heute abspielt und dieses Morgen ist ein … vielleicht.

Darum müssen wir eine Bilanz der wirklichen Lage und der Erwartung am Ende dieses Jahrhunderts ziehen. Es ist eine Zeit der starken Widersprüche gewesen, der Grenzsituationen zwischen zwei Weltkriegen, Revolutionen und Diktaturen gewesen, aber gleichzeitig mit großen Fortschritten auf technologischem und wissenschaftlichem Gebiet, in den Kommunikationsmedien, in Kunst und Kultur, bezüglich universeller Normen über die Menschenrechte. Es ist ein Moment, der durch die Forderung bestimmt wird, ein für alle Mal die offenen Adern zu schließen, die uns nach fünf Jahrhunderten immer noch ausbluten und das Recht auf Leben von 600 Millionen Menschen zu sichern, die die Folgen einer ungerechten, gewalttätigen, ausschließenden und unmenschlichen Wirtschaftsordnung erleiden. Wir müssen zusammen nachdenken, um uns kennenzulernen, zu teilen und Alternativen kultureller, wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Entwicklung zu schaffen – genauso, um zu ermöglichen, den ethischen und geistigen Werten, die unsere Völker immer bereichert haben, mehr Geltung zu verschaffen.

Der Götze Markt

Das herrschende System kann nicht alle Wege und Alternativen der Völker kontrollieren, obwohl es dies durch die Zwangswirtschaft versucht – ironischerweise freier Markt genannt. Es müßte gefragt werden, für wen der Markt frei ist. Augenscheinlich ist er es nicht für die armen Länder oder die vom Wettbewerb ausgeschlossenen. Die Preise und Parameter werden von den Machtzentren aus dominiert und nicht durch den Willen der Völker bestimmt, die Tag für Tag ihre Ressourcen schwinden sehen. Sie sind der Arbeitslosigkeit, dem Fehlen fundamentaler Menschenrechte wie Ernährung, Land, Gesundheit und Bildung unterworfern, der Zerstörung der Umwelt und der Lebensquellen. Wir müssen unser Umfeld neu schaffen und neue Umfelder schaffen. Die Herausforderungen innerhalb der neuen Strukturen, der sogenannten globalen Gesellschaft, sind enorm. Mit der Globalisierung der Kommunikation, der Märkte, der Politik und der Macht der transnationalen Unternehmen, ohne Verhaltensregeln, die die anderen respektieren, ohne Interesse an den sozialen Kosten noch dem Leben der Völker, wird der Mensch zu einem abstrakten Wesen. In Rahmen der Globalisierung dieser konsumistischen Gesellschaft, der wir untergeordnet werden sollen, wird der Götze Markt angebetet. Er ersetzt immer mehr die Gottheit des Geistes und des Lebens. Er ist mit großer Kraft aufgetaucht und verfügt über eine PriesterInnenkaste von Geschäftsführer*innen, Bankleuten, Aktionär*innen und Wirtschaftsminister*innen, die das Leben der Völker entscheiden. Mit einem schnellen Blick auf die Geschichte der Menschheit können wir die Ausbreitung der Machtzentren, seien sie wirtschaftlich, militärisch, politisch oder religiös, erfassen. Heute sind die wichtigsten Tempel die Banken, und alle erwarten Rettung oder Strafe vom Internationalen Währungsfonds, der Weltbank, der Gläubigerbank. (…) Wenn Moses in unserer Zeit leben würde, so würde er meiner Meinung nach Horror empfinden und die Gesetzestafeln ein weiteres Mal zerbrechen. Viele haben nicht die Fähigkeit zu reagieren. Sie unterwerfen sich dem Kult an die (neue) Gottheit oder schauen ohnmächtig zu, wie sie durch diese Sklaverei, die in den Köpfen anfängt und keine Ketten braucht, unterworfen werden. Andere haben die Fähigkeit, Widerstand zu leisten und für ein würdiges Leben zu kämpfen, obwohl sie dafür als ein Don Quijote oder ein einfacher und praktischer Sancho Panza angesehen werden.

Ein System ohne Antworten

In dieser Gesellschaft, die global sein will, erhöht sich die Zahl der ausgeschlossenen. Gleichzeitig stärken sich Nationalismen, Autonomiebestrebungen, religiöse Fundamentalismen als Gegengewichte zu Massenkulturen und dem Identitätsverlust der Völker. Wir dürfen nicht nur an die ausgeschlossenen Völker des Südens denken, sondern auch die Ausgeschlossenen, deren Zahl in den Ländern des Nordens Tag für Tag steigt. Dies führt zu unvermeidbaren Zusammenstößen und Widersprüchen mit denen, die die Macht in ihren vielfältigen Ausdrucksformen in den Händen halten. Das derzeitige System hat keine Antwort, um die steigenden Konflikte – durch Marginalisierung und Gewalt hervorgerufen – zu lösen. Denn der Ursprung des uns aufgezwungenen Systems selbst ist gewalttätig. Es handelt sich um eine neue Form der Unterwerfung und der Sklaverei. Die Perspektiven für das dritte Jahrtausend sind für das Leben der Völker, insbesondere für die Besitzlosen, nicht ermutigend, wenn diese internationale Situation nicht geändert werden kann. (…)

Auf der anderen Seite wird von einer Demokratie gesprochen, die inhaltsleer ist, die nur gültig ist, wenn alles sich innerhalb der Parameter befindet, die von den Machtzentren festgelegt sind. Wenn auch in unserer Region der Staatsterrorismus nicht mehr so präsent ist wie vor einigen Jahren, so ist die Demokratie doch noch schwach und die Menschenrechte werden weiterhin verletzt. Vielleicht ist die Lage heute komplizierter und konfuser. Hinter der demokratischen Fassade wurde ein System der Straffreiheit für die Eliten und ihre Lakaien geschaffen, in dem für Wahrheit und Gerechtigkeit kein Platz ist. Die Straflosigkeit schützt Polizisten, Soldaten und Paramilitärs, die ungestraft die Menschenrechte verletzen. In allen Teilen unseres Amerikas existieren weiterhin Repression und Gewalt. Sie trifft die vom System Ausgestoßenen, die Indígena-Gemeinden und die Straßenkinder.

Die Verbrüderung der Elenden

Ein trostloses Bild, doch es gibt auch Hoffnung. Wir glauben an das ungeheure schöpferische Potential des indianischen, schwarzen, mestizischen und einwanderungsbestimmten Amerikas, an seine moralischen Reserven, seine jahrtausendalten Kulturen, an seine Utopien der Gemeinschaft von Männern und Frauen mit der Mutter Natur, an den Respekt, den wir uns gegenseitig schulden. Der kulturelle, soziale und geistige Widerstand der Völker verschafft sich seit geraumer Zeit Gehör. Arguedas sprach von der Verbrüderung der Elenden. In Lateinamerika wächst diese Verbrüderung im Bewußtsein und den Aktionen der Gruppen und Völker. Der Kampf derer ohne Land und ohne Dach über dem Kopf, der Hungernden, der Frauen, der Verschwundenen, der Opfer von Folter und Gefängnis, der Jugend und der Alten, die den Frieden mit der Natur fordern und die sich gegen die Unsicherheit und die Korruption stellen. Sie sind ein Zeichen der Hoffnung auf eine anderen Zukunft.

Immer entsteht geschichtlich Unvorhergesehenes, entstehen die Kollektive, die dem kritischen Bewußtsein den durch die Unterwerfung aufgestauten Bedürfnissen entspringen. Sie sind im Leben der Völker enthalten, die ihr Recht auf Leben und Freiheit fordern. Bei unseren Kämpfen wissen wir, daß eine große Dosis Rebellentum und Widerstandsfähigkeit in sozialer, politischer, geistiger und kultureller Hinsicht vonnöten ist, um die Freiheit zu erreichen. Das dritte Jahrtausend wird uns viele Überraschungen bringen. Aber wenn wir von der Zukunft sprechen, müssen wir die Gegenwart zu sehen wissen und uns daran erinnern, daß das, was wir uns heute zu säen trauen, die Frucht ist, die wir morgen ernten werden. Es hängt von uns ab, von jedem einzelnen. Gegenüber den Drohungen und Stürmen, die das Ende dieses Jahrhunderts für uns aufbewahrt, können wir durch den Dialog und die gemeinsame Reflexion Hoffnungszeichen entdecken und die Wege finden, von der Verbrüderung der Elenden zur Allgemeinen Verbrüderung überzugehen.

Die bis zum neuen Jahrtausend verbleibende Zeit kann – und muß – ein Markstein in dieser Entwicklung sein. Es existieren viele Hände, Blicke und Bewußtsein, die den Kampf für das Leben und die Würde der Völker teilen und die ihre geschichtliche Verantwortung auf sich nehmen wollen. Es gibt unzählige Erfahrungen aus Kampagnen und Netzwerken auf dem Kontinent, die die Forderungen der Bevölkerung stärken und ihnen Einfluß verschaffen. Auch die Suche nach breiteren Bündnissen und gemeinsamen Widerstandsinitiativenist vorangekommen. In diesem Sinne schlagen wir, verschiedene Organisationen und Persönlichkeiten des Kontinents, einen DIALOG 2000 vor. Wir wollen die Diskussion eröffnen und gemeinsame Aktionen fördern, um die großen Herausforderungen der Welt des dritten Jahrtausends anzunehmen. So können wir unsere bestimmende Rolle garantieren und zu den Lebensmöglichkeiten für unsere Völker beitragen.

Wir glauben, dies kann ein Forum sein, wo wir über unsere Bedürfnisse nachdenken, diskutieren können, wo wir unsere Utopie neu schaffen. Wir laden zu Vorschlägen, Beiträgen, Meinungen ein, um zwischen uns einen wirklichen, fruchtbaren und solidarischen DIALOG zu schaffen. Alle müssen wir auf die Frage antworten, die uns oft erschreckt: Was kann ich machen? (…) Wenn die Utopien aufhören zu existieren, müssen wir den Mut haben, sie zu erfinden.

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