Poonal Nr. 267


Deutsche Ausgabe des wöchentlichen Pressedienstes lateinamerikanischer Agenturen Nr. 267 vom 20.11.1996

Inhalt


MEXIKO/DEUTSCHLAND

MEXIKO

GUATEMALA

PANAMA

ECUADOR

HAITI

KOLUMBIEN

PERU

ECUADOR

BRASILIEN

HONDURAS

COSTA RICA

VENEZUELA


MEXIKO/DEUTSCHLAND

Angela Merkel auf Staatsbesuch

Erst Kinkel, dann Kohl, jetzt Angela Merkel. Mexiko steht in Lateinamerika auf der Besuchsliste der Bundesregierung in den vergangenen Monaten ganz oben. Und wie ihre beiden Kabinettskollegen brachte die deutsche Umweltminsterin im Schlepptau eine ganze Reihe von Wirtschaftsvertretern mit. Die mexikanisch-deutsche Industrie- und Handelskammer war in ihrer Einladung zum „Unternehmerfrühstück“ denn auch ehrlich. Sie drückte unter anderem die Erwartung aus, Merkels Besuch werde helfen, der Wirtschaft die Tür weiter zu öffnen. Wichtige Abkommen wurden jedoch nicht unterzeichnet. Seine Bedeutung gewinnt der Besuch eher, indem er in die Reihe der beharrlichen Bemühungen der Bundesregierung gestellt wird, in Mexiko den Fuß tatsächlich in die Tür zu stellen. Deutsche Umwelttechnologie ist dabei bereits von Kinkel wie von Kanzler Kohl als möglicher Exportschlager angepriesen worden. GTZ-Programme für die Luftreinhaltung und die Sondermüllbehandlung haben auch die Funktion, den Boden dafür zu bereiten. Ein „Umweltworkshop“ während der Merkel-Visite und weitere binationale Seminare, die für die Zukunft geplant sind, passen in diese Strategie. Die Berliner Wasserbetriebe (BWB) versuchen durch ein Kooperationsabkommen mit Mexiko-Stadt schon einmal, die deutschen Chancen für ein Großprojekt zu verbessern: Anfang nächsten Jahres wird die 20- Millionenmetropole Aufträge für die Abwässerentsorgung ausschreiben. Diese Arbeit sollen private Unternehmen übernehmen. Ein lohnendes Geschäft.

Unzweifelhaft hat Mexiko in seiner Hauptstadt sowie in anderen Städten und Regionen schwere Umweltprobleme, bei denen ausländische Technologie eine Hilfe sein kann. Das dies längst nicht immer so sein muß, wurde im Rahmen des Merkelbesuches deutlich. Die Frage, was modernste deutsche Technik beim Messen der Ozonwerte in Mexiko-Stadt bewirkt und wirklich aussagt, wenn beispielsweise eine der Messtation mitten in einem kleinen Waldstück aufgestellt wird, wird von der GTZ-Expertin ausweichend mit dem Hinweis auf notwendige Durchschnittswerte beantwortet. Und während die deutsche Umweltministerin versichert, es werde auf keinen Fall veraltete Technologie exportiert und Freihandelsverträge dürften „kein Einfallstor für Umweltdumping“ sein, so geben die Unternehmer zu, daß die auf dem Papier strengen mexikanischen Importkontrollen in der Praxis doch oft nicht zum Tragen kommen. Ob die Investition in einheimisches Humankapital nicht viel wichtiger ist als Technologie-Export, ist für exportorientierte Unternehmer nicht unbedingt eine vorrangige Frage.

Merkel verweist darauf, daß die Bundesrepublik auch mexikanische Experten im Sondermüllbereich ausbildet. In welchem Ausmaß deutsche oder allgemein ausländische Umwelttechnologie überhaupt passend für Mexiko ist, ist ein weiterer Punkt. Schließlich könnten die Pläne der Bundesregierung für eine weitergehende Zusammenarbeit mit Mexiko im Umweltbereich und anderen Sektoren aus einem anderen Grund schnell an eine Grenze stossen. Die deutschen Unternehmer machen kein Hehl daraus, Mexiko über den NAFTA-Vertrag auch als Basis für die Eroberung us- amerikanischer Märkte nutzten zu wollen. Wenn dies den USA zu weit geht, werden sie Druck auf Mexiko ausüben. Einen wirklichen Streit mit dem übermächtigen Nachbarn im Norden kann sich Mexiko aber nicht leisten.

MEXIKO

Richtigstellung

(Mexiko-Stadt, 18. November 1996, Poonal).- Bei den Kommunal- und Parlamentswahlen vom 10. November im Bundesstaat Mexiko hat die Institutionelle Revolutionäre Partei (PRI) doch nicht (wie ursprünglich in den Medien berichtet und auch in Poonal 266 so wiedergegeben) die Mehrheit der Abgeordneten im Parlament. So gewann sie zwar in 72 von 122 Kommunen und 30 von 45 Direktmandaten, ihr Gesamtstimmenanteil war mit 37 Prozent (PAN 30 Prozent, PRD 21,5 Prozent) jedoch so unerwartet niedrig, so daß der Opposition alle 30 über das Verhältniswahlrecht vergebene Mandate zufielen. Neben PAN (25 Sitze) und PRD (17 Sitze) haben noch drei weitere kleine Parteien je einen Sitz errungen. Die PRI versucht nun, über eine neue Interpretation des Wahlrechtes doch noch eine Mehrheit zu bekommen. Die Chancen dafür sind jedoch eher gering.

Zapatisten wollen in die Hauptstadt

(San Cristóbal de las Casas, 15. November 1996, pulsar-Poonal).- Die Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) hat vorgeschlagen, bei der Wiederaufnahme von Direktgesprächen mit der Regierung in Mexiko-Stadt zu verhandeln. Chiapas sei zu einem Herd von Provokationen und Drohungen geworden, ein Dialog sei dort nicht mehr möglich. Der Comandante David nannte es auch „unnütz“, von Frieden zu sprechen, wenn die Verfolgungen und der Tod von Indígenas im Land eine steigende Tendenz aufwiesen. Die Regierung sagt, sie habe kein offizielles Gesuch erhalten, den Sitz der Verhandlungen zu verlegen. Bischof Raul Vera, den der Vatikan San Cristóbal langjährigem Bischof Samuel Ruiz García als „Unterstützung“ zur Seite stellte, sprach sich gegen die Verlegung aus. Man dürfe nicht vor der Gewalt fliehen, sondern müsse die paramilitärischen Gruppen stoppen.

GUATEMALA

Gaspar Iloms Stellvertreter

(Guatemala-Stadt, 13. November 1996, cerigua-Poonal).- Am 7. November fiel die Entscheidung, Jorge Rosal als Ersatz für Guerillakommandant Gaspar Ilom bei den Verhandlungen mit der Regierung zu bestimmen (vgl. Poonal 266). Dies muß nicht das Ende von Iloms Rolle in den Friedensgesprächen bedeuten. Rosal ist ein enger Vertrauter des Chefs der Guerillaorganisation (ORPA). Er hat eine lange revolutionäre Geschichte und nahm im Verlauf eines halben Jahrhunderts an mehreren bewaffneten Aufständen in Guatemala teil. Von Beruf her Arzt lehrte er an der medizinischen Fakultät der staatlichen San Carlos Universität und schloß sich schon während dieser Zeit der Organisation des bewaffneten Volkes (ORPA) an. Ende er 70er Jahre mußte er ins Ausland fliehen. Er ging nach Belgien. Dort sollte er 17 Jahre bleiben, zuerst als ORPA-Repräsentant in Europa und dann als Vertreter für die zusammengeschlossene Revolutionäre Nationale Einheit Guatemalas (URNG). An den Friedensverhandlungen nahm er schon 1990 als Iloms Berater für die sogenannten Osloer Abkommen teil. Ebensowenig fehlte er im selben Jahr in El Escorial bei den Gesprächen zwischen der URNG mit Guatemalas politischen Parteien sowie 1994 bei den Abkommen über die vertriebene Bevölkerung und die Bildung einer Wahrheitskommission. Die Ernennung eines Diplomaten statt des ranghöchsten ORPA-Kommandanten nach Gaspar Ilom kann als Anzeichen gelten, daß Ilom aus dem Hintergrund weiter ein gewichtiges Wort mitsprechen will.

Massenpensionierung bei den Streitkräften

(Guatemala-Stadt, 13. November 1996, cerigua-Poonal).- 91 Offiziere, darunter vier Generäle und 22 Oberste, akzeptierten am 12. November ihre vorzeitige Versetzung in den Ruhestand. Armeesprecher Otto Noack Sierra dementierte die Säuberung der Streitkräfte von korrupten Offizieren oder Menschenrechtsverletzern als Motiv für die Maßnahme. Die Soldaten würden das kürzlich verabschiedete Gesetz ausnutzen, das Staatsangestellten mit mehr als 30 Jahren Dienst die frühzeitige Pensionierung erlaube, erklärte er. Die vier abgetretenen Generäle sind Eduardo Santiago Franco, Luis Felipe Mirando Trejo, Edgar Dedet Guzman und Juan Manuel Pelaez Castaneda. Unter den Obersten befindet sich Sami Noe Vasqüz, der in das Massaker an zurückgekehrten Flüchtlingen in Xaman, Provinz Alta Verapas, im Oktober vergangenen Jahres verwickelt ist. Die 22 Oberste machen zehn Prozent der Armeeoffiziere mit diesem Rang aus.

PAN peitscht Haushalt durch

(Guatemala-Stadt, 9. November 1996, cerigua-Poonal).- Die Partei der Nationalen Vorhut (PAN) verabschiedete mit ihrer Mehrheit den Staatsetat für das Jahr 1997 ohne eine weitere Diskussion zuzulassen. Der neue Haushalt sieht Ausgaben von 13,84 Milliarden Quetzales vor. Das sind etwa 2,3 Milliarden US-Dollar. In letzter Minute wurde noch einige Änderungen gegenüber dem zur Abstimmung vorliegenden Entwurf beschlossen. In der endgültigen Version bekam das Verteidigungsministerium neun Millionen Quetzales mehr zugesprochen, während der Etat für Bildungsausgaben noch um drei Millionen Quetzales gekürzt wurde. Das Büro des Menschenrechtsbeauftragten erhielt durch die kurzfristigen Änderungen zwar zwei Millionen Quetzales mehr, dennoch sind dies im Vergleich zu 1995 drei Millionen weniger. Die vorgesehenen Gesamtausgaben liegen um 18,45 Prozent über dem ursprünglichen Vorschlag des Finanzministeriums und um 11 Prozent über den Ausgaben für dieses Jahr.

Offiziell wird die Steigerung durch eine Anleihe von 150 Millionen Dollar bei der Interamerikanischen Entwicklungsbank finanziert. Doch laut Nineth Montenegro vom Demokratischen Bündnis Neues Guatemala (FDNG) wird in Wirklichkeit mit Einnahmen aus dem Verkauf von Staatsvermögen kalkuliert. Dies verstieße gegen das Haushaltsgesetz. Die Republikanische Front Guatemalas (FRG) kritisierte, daß 50 Prozent aller Gelder in die Hauptstadt fließen. Die ökonomischen „Think Tanks“ Institut für Soziale Forschung (ASIES, dahinter stehen unter anderem die Friedrich Ebert- und die Konrad Adenaür-Stiftung; die Red.) und Zentrum für Nationale Wirtschaftsstudien (CIEN) wandten ein, das Budget für das Verteidigungsministerium hätte nicht vor dem erwarteten endgültigen Friedensabkommen zum Jahresende erhöht werden dürfen. Wie das ASIES äußerte auch die Allgemeine ArbeiterInnenzentrale Guatemalas (CGTG) Zweifel an dem Regierungsziel bezüglich der Steuereinnahmen. Sie sollen 12 Prozent des Bruttosozialproduktes erreichen. Derzeit sind es nur 8,6 Prozent.

Todesurteile für Kidnapper

(Guatemla-Stadt, 12. November 1996, cerigua-Poonal).- Am 17. Oktober 1995 kidnappten drei guatemaltekische Jugendliche einen älteren Landbesitzer. Sie versuchten, 17.000 Dollar von seiner Familie für die Freilassung zu erpressen. Jetzt sollen sie für das Verbrechen mit dem Leben bezahlen. Ein Gericht in Chimaltenango verurteilte Carlos Tortola Ecobar, Cesar Soto Rivera und Marco Antonio Fuentes Marroquin am 11. November zum Tod. Es ist das erste Mal, daß diese Strafe für das Verbrechen der Entführung ausgesprochen wird. Die Jugendlichen im Alter von 19 und 20 Jahren waren am Tag nach der Entführung von der Polizei gefangen festgenommen worden, ihr Opfer kam frei. Eingeführt wurde die mögliche Todesstrafe für Entführungen im Mai 1995. Menschenrechtsgruppen argumentieren, das entsprechende Gesetz verletze die Interamerikanische Menschenrechtskonvention – die Guatemala unterschrieben hat. Es dehne die Todesstrafe auf ein Vergehen aus, daß zuvor nicht als Kapitalverbrechen eingestuft war. „Dank“ eines weiteren neuen Gesetzes sollen die Jugendlichen durch eine Injektion sterben. Nach der Erschießung von zwei Mördern im September befand das Parlament, die Injektion sei eine „humanere“ Methode der Hinrichtung.

Weltbank eröffnet Filiale

(Guatemala-Stadt, 11. November 1996, cerigua-Poonal).- Die Weltbank wird eine „ständige Mission“ in Guatemala eröffnen, ihre zweite in Mittelamerika. Sie ernannte den Ökonomen José Roberto López zum Geschäftsführer. Das Büro wird an Guatemala vergebene Kredite von insgesamt 83 Millionen Dollar für die nächsten drei Jahre verwalten. Diese Summe macht 25 Prozent der Weltbankgelder für Mittelamerika aus.

Kongreß verabschiedet Umweltgesetzgebung

(Guatemala-Stadt, 8. November 1996, cerigua-Poonal).- Mit Gesetzesreformen im Umweltbereich sollen Guatemalas Naturschutzgebiete gestärkt werden. Es besteht aber auch die Befürchtung, die gerade verabschiedete Gesetzgebung könnte als neue Waffe gegen Landlose Campesinos dienen. Die Strafen für Gesetzesübertritte im Umweltbereich, den illegalen Handel von gefährdeter Flora und Fauna pendeln zwischen fünf und zehn Jahren Gefängnis. Die Besitznahme von Land in Schutzgebieten wird mit bis zu acht Jahren Haft geahndet. In der Vergangenheit haben Behörden Campesinos, die unbenutztes Staatsland besetzten, des öfteren beschuldigt, geschützte Gebiete zu invadieren. Mit dem Gesetz wird auch eine neue Behörde, das Guatemaltekische Schutzzonensystem (SIGAP), geschaffen. In den Aufgabenbereich fallen Verwaltung, Schutz und Wiederherstellung von Naturschutzgebieten. Außerdem ist SIGAP mit einem Plan für den nachhaltigen Gebrauch von Naturressourcen beauftragt.

PANAMA

Indígena-Prostest gegen Minenabbau

Von Oswaldo León

(Panama, 14. November 1996, alai-Poonal).- Nach einem zweiwöchigen Marsch kamen am 28. Oktober etwa 300 Indígenas der Ngobé-Buglé in Panama-Stadt an. Sie forderten die Hoheit über ihr Land und die Aufhebung des Vertrages, der dem Unternehmen Panacobre S.A. erlaubt, die Kupfervorräte auf dem Stammesgebiet auszubeuten. Die Demonstrant*innen besetzten nach ihrer Ankunft in der Hauptstadt mehrere Stunden lang Teile des Parlamentes. Sie erklärten, nicht mit leeren Händen wieder abziehen zu wollen. Schließlich forderten sie ein Verfassungsrecht ein. Marcelino Montezuma, der Vorsitzende der Generalversammlung der Ngobé Buglé erläuterte, „die transnationalen Unternehmen nutzen das Elend des Ngobé-Buglé-Volkes aus, ohne das irgendein Nutzen für die wahren Eigentümer des Landes übrig bleibt“. Er führte aus, die Indígenas hätten kein Interesse an den Rohstoffen, sondern an dem Land. „Aber wenn der panamaische Staat die Reichtümer dieser Böden ausbeuten will, dann muß er unsere Meinung dazu anhören.“

Nach zweitägigen Verhandlungen mit Präsident Ernesto Pérez Balladares und seinen Ministern beschloß das Indígena- Komitee, solange in der Hauptstadt zu bleiben, bis es eine positive Antwort auf seine Forderungen gebe. Das Komitee drückte seine Enttäuschung über die von der Regierung gemachten Vorschläge aus.

In dem Vertrag, den die panamaische Regierung am 13. Februar 1996 mit dem kanadischen Unternehmen Panacobre S.A., Filiale der Tiomin Resources Inc., unterschrieb, bekommt der Konzern die Rechte, den Kupfer in dem Cerro Colorado (roter Hügel) auszubeuten. Der Cerro Colorado liegt auf dem angestammten Gebiet des Ngobé-Buglé-Volkes, doch die Indígenas wurden nicht nach ihrer Meinung gefragt. Seit 22 Jahren verhandelt dieses Volk mit den aufeinander folgenden Regierungen ein Grenzziehungsgesetz. Dieses würde die Anerkennung der Indígena-Länderein mit sich bringen. Vor 15 Jahren präsentierten die Ngobé-Buglé einen Entwurf für ein Gesetz über territoriale Autonomie. Dieses wurde aufgrund von Meinungsunterschieden über die Grenzziehung und wegen wirtschaftlicher Interessen nicht verabschiedet. Diese Situation hat mehrmals Konflikte und verschiedene gewalttätige Zusammenstöße verursacht.

Das von den Ngobé-Buglé eingeforderte Land umfaßt 11.000 Quadratkilometer in den westlichen Provinzen Chiriqui, Veraguas und Bocas del Toro. Mehr als 80 Prozent dieses Gebietes sind jedoch in Konzession an Minengesellschaften vergeben worden. Jetzt ist es das vierte Mal, daß die Regierung versucht, die Minenausbeutung in der Zone mit verschiedenen Gesellschaften auszuweiten. Die historischen Forderungen der Indígenas übergeht sie dabei. Die Regierung argumentiert damit, die Konzessionsvergabe für die Minenausbeutung würde erlauben, die Produktion zu diversifizieren und Entwicklungspole außerhalb der Hauptstadtregion schaffen.

Die Gründe der Ngobé-Buglé

Das Volk der Ngobé-Buglé hat in einer öffentlichen Botschaft begründet, warum es sich der Ausbeutung des Cerro Colorado widersetzt. Darin heißt es:

„1.- Unser Volk ist nicht gegen Entwicklung. Wir wenden uns gegen die Aktivitäten, die die Naturressourcen und die dort wohnende Bevölkerung schädigt, ohne daß diese beachtet noch deren Rechte garantiert werden.

2.- Das Volk der Ngobé-Buglé verhandelt seit 22 Jahren das Grenzziehungsgesetz. Bei wiederholten Gelegenheiten haben wir klar gemacht: Erst das Grenzziehungsgesetz und danach die Projekte. Wir warten immer noch.

3.- Die Minenkonzessionen und der Förderbau am Cerro Colorado scheinen wichtiger zu sein als das Leben der mehr als 126.000 Indígenas der Ngobé-Buglé aus Chiriqui, Veraguas und Bocas del Toro. An jedem Tag, der vorbeigeht, sehen wir mit Enttäuschung, daß die Möglichkeit einer Grenzziehung für das Ngobé-Buglé-Volks sich vom Horizont entfernt.

4.- Die Folgen für Umwelt, Kultur, Soziales und Politik durch die Entwicklung der Infrastruktur, die Aufnahme ausländischen Personals mit seinen Bräuchen, die Ausbeutung des Cerro Colorado selbst sind in ihrem möglichen negativen Einfluß unvorstellbar – angesichts der Erfahrungen in anderen Ländern, wo wichtiges kulturelle Erbe auf dem Altar des Fortschritts ausgelöscht wurde.

5.- Uns beunruhigt allgemein die Umwelt in unserem Land und besonders die in der Indígena-Region. Wir Panameños waren Zeug*innen, wie der Río San Féliz seine Lebenskraft verlor, als eine der vier Gesellschaften, die aus dem Cerro Colorado fördern wollten, mit den ersten Erdarbeiten begann.

6.- Niemand garantiert uns, daß eine ernsthafte und verantwortliche Untersuchung über ökologischen, sozialen und kulturellen Einfluß geführt wird. Die künftigen Generationen haben das Risiko, einen verseuchten und sterilen Boden zu erben.“

Um die Forderungen des Ngobé-Buglé-Volke zu unterstützen, hat sich in Panama inzwischen eine Solidaritätsgruppe gegründet, an der verschiedene Institutionen und Organisationen der Zivilgesellschaft teilnehmen.

ECUADOR

Die Renaissance des Populismus

Von Magdalene León T.

(Quito, 8. November 1996, alai-Poonal).- Abdalá Bucaram, der im Wahlkampf gegen die „Wucherbanken“, die „monopolistische Oligarchie“, Geschäftemacherei bei der Privatisierung von Staatsbetrieben und Korruption in der Regierung polemisiert hatte (und damit unerwartet viel Sympathie und Anhänger*innen gewann), hat in den drei Monaten seiner Regierung einen noch energischeren Ton angeschlagen. Damit werden jetzt alle abqualifiziert oder bedroht, die es wagen, eine abweichende Meinung gegenüber seinen Aktionen und Vorschlägen auszudrücken. Zur Zielscheibe des präsidentiellen Zorns – oder des Zornes von Bucarams nächsten Verbündeten, die ein gleiches Temperament aufweisen – sind Bürgermeister*innen, politische, gewerkschaftliche und IndígenaführerInnnen, Lehrer*innen, Intellektuelle, die unterschiedlichsten sozialen Organisationen geworden. Für deren Vertreter*innen gibt es heftige Worte und Drohungen.

Der „harte Pakt“

Einmal an der Macht, scheint die einzige feste Allianz die mit den mächtigsten Unternehmer*innen zu sein, die hauptsächlich in der Sozialchristlichen Partei repräsentiert sind. Dies wohl, um die Anpassungspolitik und den Privatisierungen eine strikte Kontinuität zu geben. Über diesen „festen Pakt“ hinaus, haben nur die Vereinbarungen bestand, die gemäß der Logik einer Klientelbasis instrumentalisiert werden können. Sie werden dazu benutzt, Machtspielräume und (Geld-)Mittel zu kontrollieren. In diesem Rahmen der Klientelbeziehungen mit der Regierung brechen gemeinsame Vorgehensweisen und sogar die individuellen Symbole zusammen, sie werden von ihren Inhalten getrennt oder banalisiert. Das ist beispielsweise mit der wichtigsten Organisation der Indígenabewegung, zusammengeschlossen in der Konföderation der Indígena-Nationalitäten Ecuadors (CONAIE), passiert. Sie war erst Gesprächspartnerin und dann Gegnerin. Ihre Vorschläge und Forderungen sind verzerrt und mißachtet worden, indem mit ausdrücklicher Opposition der CONAIE ein Ministerium für Ethnien und Kulturen geschaffen wurde – übrigens ganz im Gegensatz zur angewendeten Staatsreduzierung in anderen Bereichen.

Ein anderes „auffälliges“ Ergeignis wirft ein Licht auf die Tendenz in der Regierungspolitik: Damit ist der umstrittene Empfang von Lorena Gallo (Bobbit) durch den Präsidenten gemeint. Deren Reaktion auf die sexuelle Gewalt ihres Mannes (nach der Vergewaltigung durch ihren Mann schnitt sie ihm den Penis ab) und der anschließende Prozeß gingen über den persönlichen Fall hinaus. Die Angelegenheit symbolisierte die Klage und die Forderung nach Gerechtigkeit vieler Frauen in der Welt. Der jähzornige Bucaram banalisierte ihre Person und Anwesenheit, indem er öffentlich Schmeicheleien mit ihr austauschte und gleichzeitig mit verbaler Gewalt auf seine Gegner*innen losging. In dieselbe Zeit fielen die Äußerungen des pintoresken Energieministers Alfredo Adoum. Der erklärte seinen Traum, ein „Mann der Cromagnonrasse“ (nach den bei Cro-Magnon, Frankreich, gefundenen Gebeinen benannter Menschenstamm aus der jüngeren Altsteinzeit; die Red.) zu sein, der jede ihm „appetitlich“ erscheinende Frau an den Haaren in seine Höhle schleife und verspeise (im sexuellen und wortwörtlichen Sinn gemeint).

Die Klientelwirtschaft

Einige interpretieren die Fülle von Aggressivität und negativer Energie als Teil der „Show“ – die Gesangsauftritte und Präsidententänze mit internationalem Presse-Echo einschließt. Die Show aufgesetzt, um das Volk von den grundsätzlichen wirtschaftlichen Entscheidungen, die getroffen werden, abzulenken. Andere Gruppen, darunter die organisierten Frauen, fassen Bucarams Verhalten als Ausdruck seiner Prinzipien und Werte, seiner personellen Identität und seiner Vision von der Macht auf. Darin finden der Machismo und der Autoritarismus als wesentliche Elemente Platz. Das was einige mit Überraschung oder Mißfallen sehen, ist nichts weniger als das authentische Resultat einer Weltsicht, in der sich ohne Abstufungen oder Hierachien John Wayne mit Simón Bolívar und die „Sheriffs“ mit Jesus Christus vermischen.

Wie die Gründe für den Stil einer solchen Machtausübung auch immer aussehen mögen, der unmittelbare Effekt ist die Schwächung des Dialogs zwischen Gesellschaft und Staat. Dieses Verhältnis hatte sogar unter einer Regierung, die durch das Zweigespann Durán Ballén/Dahik angeführt wurde, in den vergangenen Jahren Fortschritte gemacht. Der Staat wird zur institutionellen Spielwiese, von der aus die Verwandten und Verbündeten des Präsidenten ihre Träume von Macht, Autorität und Befehlsgewalt verwirklichen.

Beteiligung, Bürgschaft, Rechte sind Fremdwörter für die Klientelwirtschaft, die vom Regierungsapparat aus gefördert werden. Die Regierung wird Eigentum der herrschenden Gruppe. Für Sozial- und Staatspolitik gibt es keinen Platz. Die pompösen Versprechen im Wahlkampf zu Bildung, Gesundheit, Wohnung und Beschäftigung können keine Kohärenz erlangen. Die Möglichkeit, daß diese Politiken ausformuliert und angewendet werden, ist fast ausgeschlossen. Der Spielraum der Vizepräsidentin wird nach und nach beschnitten. Im Wahlkampf hatte Bucaram seine Stellvertreterin noch zur künftigen Repräsentantin und Chefin des sozialen Bündnisses erklärt. Freilich nicht aufgrund ihrer Vorschläge oder politischen Verdienste, sondern indem er ihre weibliche Sensibilität, ihre Erfahrung als aufopferungsvolle Mutter hervorhob. Ansonsten wiederholte Bucaram mehr als einmal, daß Politik „Männersache“ sei.

Die „harte Hand“

Bei der derzeitigen Sicht des Sozialen führt der Rückschritt im besten Fall auf das Konzept der Wohltätigkeit und in der geläufigsten Form auf die Konzepte von Geschenk und Barmherzigkeit zurück. Die lokalen Feiern sind die Bühne für die Übergabe von Schecks, für eine bewegende Szene mit einem Bettler oder mit einer behinderten Person, denen Geld überreicht wird oder für die Brotverteilung in einer Gemeinde. Die Mittel kommen aus dem öffentlichen Haushalt, aus dem sie ganz normal zu den Kommunen fließen müßten. Wenn die eine Hand gibt, so hält die andere die Peitsche. Als die Indígenabewegung Mobilisierungen ankündigte, antwortete der Präsident, er werde die Führer*innen zu „politischen Verbrechern“ erklären und als solche behandeln. Angesichts der offensichtlichen Plage der sexuellen Gewalt schlug Bucaram zuerst die Todesstrafe und dann die Kastration vor. Beide Absichten sind von der Frauenbewegung und den Menschenrechtsgruppen zurückgewiesen worden. Sie fordern stattdessen eine integrale Politik, um gegen diese Art der Gewalt zu kämpfen, den Machismo auszulöschen und eine demokratische und gleichberechtigte Kultur zu schaffen.

Der Stil des autoritären Populismus ist verwoben mit einer Fortführung der wirtschaftlichen Anpassungspolitik. Diese wird mit dem Maßnahmenpacket ratifiziert, das am 16. November in Kraft tritt. So bekommt jeder das seine: die ausländischen Gläubiger ihre Schuldenzahlungen, die etwa 50 Prozent des Staatshaushalts ausmachen – schnell vergaß der Präsident, daß er dies vor wenigen Wochen noch „unmoralisch“ genannt hatte -; die Verbündeten aus dem Unternehmertum gute Geschäfte; die Regierungsmitglieder den übrigbleibenden Staatsapparat, um ihn in den Dienst ihrer Günstlingswirtschaft zu stellen.

HAITI

Für die Gleichberechtigung des Creole, Teil II

(Port-au-Prince, November 1996, hib-Poonal).- Der Kubaner Jose Ignacio Lopez Vigil sprach auf einem Seminar von SAKS (Sosyete Animate Kominikasyon Sosyal) über die Bedeutung der Indígenasprachen in Lateinamerika, wo die beiden anderen Kolonialsprachen – Spanisch und Portugiesisch – dominieren. Bezüglich des Creol bezeichnete er sich als „Analphabet. Lopez vertritt die Meinung, bevor überhaupt diskutiert werden könne, welche Sprache benutzt werde, müsse über den Zugang zu den Medien geredet werden: „Warum es hier und überall in Lateinamerika geht, ist die Frage, wer hat das Recht auf die 'öffentliche Stimme', das Recht zu sprechen.“

In Mexiko mit seinen 85 Millionen Einwohner*innen besitzen neun Familien alle [großen] Radio- und Fernsehstationen. In Uruguay haben drei Familien in Tateinheit mit dem Militär – das Verteidigungsministerium vergibt die Frequenzen – alle Radiofrequenzen. In Lateinamerika sind nach Lopez 90 Prozent aller Radiofrequenzen in privater Hand, fünf Prozent im Eigentum des Staates und nur vier bis fünf Prozent einer „dritten Gruppe“, die er die „Zivilgesellschaft“ nannte. „Es handelt sich daher nicht nur um eine Frage der Sprache. Es handelt sich darum, die Kommunikationsmittel in den Händen der Zivilgesellschaft zu haben. Das ist ein strategischer Kampf.“ Millionen Lateinamerikaner*innen sprächen mit indigenen Zungen und „die Geschichte von Martinique ist die Geschichte überall. Der Diktator ächtet die Sprache, weil Sprache Kommunikation bedeutet. Sprache ist eine Kraft.“ Ignacio Lopez schloß seine Presentation mit einer Frage an die Zuhörer*innen, Mitglieder von Volksmedien und 18 Community Radios: „Welche Art Sprache sollte (auf Haiti) benutzt werden? 'Reines' Creole? Ein Creole mit französischen oder englischen Wörtern?“

Daraufhin eröffnete sich sofort die Diskussion. Einige Journalist*innen kritisierten das Creole, weil es „kein Creole“ sei. Die Konstruktion sei Französisch, die Sprache beinhalte französische Wörter. Andere strichen heraus, daß das Creole abhängig von der Landesregion, der sozialen Klasse und der Bildung Unterschiede aufweise. Willard Vancol von Radyo Vwa Klodi Mizo bemerkte dazu, eine Sprache sei nicht eingefroren, sie nehme die Worte auf, die sie brauche. Chateaudegat stimmte zu: „Unsere Identität ist nicht eingefroren. Sie ist nicht in einem Buch oder einer Filmrolle festgehalten. Sie ist keine eingefrorene Sache… aber sie sollte Widerstand leisten.“ In diesem Zusammenhang bemerkte er, daß die derzeitige UNO-Besatzung mit Sicherheit Spuren hinterlassen werde.

Ignacio Lopez empfahl den Community Radios, sie sollten in der Sprache oder in den Sprachen senden, in denen sich die Zuhörer*innen verständigen würden, nicht in Spanisch oder Französisch oder einer „reinen“ Version der Indígenasprachen. Gotson Pierre von der Volksbildungsorganisation CRAD erwähnte den starken Einfluß von Ideologie und Bildung, der Journalist*innen dazu bringe, Creole zu diffamieren oder zu vermeiden. „Die Verteidigung des Creole ist ein politischer Kampf, der mit dem Kampf der Bevölkerung verbunden ist“, fügte er hinzu. „Und die Angriffe kommen nicht nur vom Französischen, sondern auch vom Englischen.“ Alle Bereiche der haitianischen Kultur würden von kulturellen Invasionen imperialistischer Länder betroffen.

André Joseph von einem Radio in Fort Liberte wies erzürnt darauf hin, daß trotz der Regierungspropaganda über den Gebrauch des Creole, Französisch die einzige offizielle Sprache sei: bei Gericht, im Parlament, usw. Viele Teilnehmer*innen von Community Radios aus dem ganzen Land äußerten ihre Frustration darüber, wie das Creole verleumdet werde. So sagten einige Menschen, sie wollten keine Community Radios hören, weil diese auf Creole senden. Daher seien die Programme „woy woy“ oder „billig“. Die Diskussion erstreckte sich auch auf die Musik. Sollte nur Musik auf Creole gespielt werden? Oder nur Musik mit einer politischen Botschaft, die von den Radio-Organisator*innen gutgeheißen wird? Oder Musik, die die Jugend anzieht, die bereits von den kommerziellen Stationen beeinflußt ist und Rap hören will? Das Treffen endete mit einem Aufruf – sowohl der einheimischen Teilnehmer*innen wie der Gäste – zusammenzuarbeiten und das Creole und die indigene Kultur als Teil ihres weitergehenden Kampfes zu schützen, den Leuten eine „öffentliche Stimme“ zu geben.

KOLUMBIEN

47% aller kolumbianischen Kinder sind Opfer von Mißhandlungen.

(Bogotá, 16. November 1996, ac-POONAL).- 47% der Kinder in Kolumbien werden mißhandelt, vergewaltigt, ausgebeutet oder mißbraucht“. Dies ist das Ergebnis einer Studie des Instituts für Familienfürsorge ICBF. Mädchen zwischen 15 und 17 Jahren sind am stärksten von Mißbrauch und Mißhandlung betroffen. Gegen 3 Millionen Kinder sind unterernährt, von den weniger als ein Jahr alten Kindern sind es 13,1%. Die Kindersterblichkeitsrate beträgt 76 auf 1000 lebend Geborene, erreicht aber in einigen Regionen, so z.B. im Departement Choco 120 auf 1000. Zusätzlich erleiden die Kinder zusammen mit ihren Müttern die Folgen des bewaffneten Konfliktes und der Menschenrechtsverletzungen. Es wird daher erwartet, daß die Empfehlungen des Berichtes von Garca Machel über den Einfluß des bewaffneten Konfliktes auf die Kindheit von der kolumbianischen Regierung berücksichtigt werden, um auf eine dringliche Notsituation der Kinder zu antworten.

Arten von Kindsmisshandlungen

37,2% physische Misshandlung 21,8% psychische Misshandlung 12,2% sexueller Missbrauch 15,3% sozialer Missbrauch 11,7% Fahrlässigkeit 1,8% Missbrauch des Kindes aufgrund seiner Geburt

Menschenrechtlerin fordert Entwaffnung in Urabá

(Bogotá, 17. November 1996, ac-POONAL).- Die Volksverteidigerin (Ombudsfrau) von Uraba, Girlesa Villegas, hat der Gemeinde- und der Departementsregierung eine allgemeine Entwaffnung bewaffneter Gruppen in der Bananenproduktionszone vorgeschlagen. Allein in den ersten Tagen des Monats Oktober wurden 30 Menschen ermordet. Von der Situation betroffen sind vor allem die Bananenarbeiter*innen in dem Ort Currulao in der Gemeinde Turbo. Bezahlte Mörder ermordeten Hector de Jesus Rojas (33-jährig), Miguel Angel Chavarria (49-jährig) und Wilderson Torres (21-jährig).

Drei Brüder, ein Lehrer und ein Eisverkäufer starben bei zwei verschiedenen Attentaten in Tierralta im Departement Cordoba. Die drei Brüder Miguel Antonio Villadiego Talagua (34-jährig), Luis Miguel (28-jäh-rig) und Israel Lopez Talagua (26-jährig) waren Vertriebene aus Uraba und wurden von Paramilitärs ermordet. Nach dieser Tat gingen die Täter in den Ort hinein, wo sie den Sekundarschullehrer Luis Hernan Sanchez (35-jährig) und einen zufällig vorbeigehenden Eisverkäufer töteten.

Todesdrohungen gegen MenschenrechtlerInnen

(Bogotá, 17. November 1996, ac-POONAL).- Nach der Ermordung von Josue Giraldo in Villavicencio gab der Interamerikanischen Menschenrechtshof der Organisation Amerikanischer Staaten OAS der kolumbianischen Regierung 15 Tage Zeit, um periodisch über ihre Maßnahmen zum Schutz der Überlebenden des Menschenrechtskomitees des Meta, unter ihnen die Ordensschwester Nohemi Palencia, Bericht zu erstatten. Dieser Entscheid des Interamerikanischen Menschenrechtshofes mit Sitz in Washington kam aufgrund der fehlenden Umsetzung der 1995 erlassenen Bestimmungen zum Schutz von Josue Giraldo Cardona zustande.

Diese Woche wurden Todesdrohungen gegen den Menschenrechtsaktivisten Mario Calixto des Menschenrechtskomitees von Sabana de Torres im Departement Santander bekannt. Grund der Drohungen war die Anklage über die Präsenz von Paramilitärs in der Region, die die zivilen Behörden zu einer Versammlung in der Nähe des Ortes einberiefen. Nach Informationen aus der Region war auch das Menschenrechtskomitee aufgefordert worden, sich für seine Aktivitäten vor den Paramilitärs zu „verant-worten“. Diese Tatsache löste weitere Angst unter den Menschenrechtsaktivist*innen aus.

Neue Protestaktionen der Bauern

(Bogotá, 17. November 1996, ac-POONAL).- Bauern des Tals Cimitarra und die Regierung vereinbarten ein Abkommen über 110 Mio. US-Dollar. – Im Departement Huila sind Protestaktionen von Bauern in Vorbereitung. – Vertriebene aus Uraba verlangen Unterstützung der Regierung.

Gegen 2'000 Bauern des Tals Cimitarra in der Region des Mittleren Magdalenatals protestierten seit den letzten Septembertagen in Barrancabermeja wegen fehlenden sozialen und wirtschaftlichen Programmen. In der letzten Oktoberwoche wurde ein Abkommen erzielt, dessen Hauptpunkte der Ausbau der Straßen, der Bau von Gesundheitsposten und Schulhäusern und die Landtitulierung sind. Insgesamt sollen gegen 110 Millionen US-Dollar investiert werden. Nebst dieser wirtschaftlichen Vereinbarung kamen die Sprecher der Bewegung und die von Innenminister Horacio Serpa angeführte Regierungsdelegation überein, eine Überprüfungskommission zu bilden, welche sich erstmals im Dezember dieses Jahres treffen soll. Weiter wurde die Schaffung einer regionalen Friedensbewegung und einer interinstitutionellen Kommission vereinbart, die bei bei Menschenrechtsverletzungen in der Region rasch reagieren soll.

Neue Bauernbewegung im Südwesten des Landes

Bauern verschiedener Gemeinden des Departements Huila im Südwesten Kolumbiens bereiten eine nationale Bewegung vor mit dem Ziel, die Unterzeichnung der Bestimmungen zum Gesetz 302 zu verhindern, das die Handhabung des landwirtschaftlichen Solidaritätsfonds regelt. Dieses Dekret, das bereits vom Finanz- und dem Wirtschaftsminister unterzeichnet wurde, soll die Bauern in der aktuellen Agrarkrise unterstützen. Es schließt jedoch 60% der Kleinproduzenten aus, die sich bei der Landbank oder der Kaffeebank verschuldet haben.

Weitere Gründe für die Protestbewegung sind: die weiterhin angeordneten Pfändungen, die andauernde Genehmigung von Einfuhrlizenzen für Lebensmittelimporte durch das Landwirtschaftsministerium und der Entscheid des Präsidenten der Landbank, Benjamin Medina, eine Vorauswahl jener zu treffen, die durch die Unterstützung begünstigt werden sollen. Am 1. November besetzten Bauern des Hulia friedlich 36 Niederlassungen der Landbank und sperrten die Straße Isnos- Paletera-Popayan. Die Führungsleute der Bewegung sagten, daß dies nur der Auftakt zu einer nationalen Protestbewegung sei, wenn Präsident Samper das fragliche Dekret in dieser Form unterzeichnet. Die Entscheidung über eine landesweite Mobilisierung wird in dieser Woche gefällt.

Vertriebene aus Uraba besetzen Häuser in Medellin

(Bogotá, 17. November 1996, ac-POONAL).- 62 aus Uraba vertriebene Familien besetzten während acht Tagen verschiedene Orte in Medellin, so die Universität Antioquia und die Nationale Universität. An beiden Orten wurden sie von der Polizei gewaltsam vertrieben. Später kam es zu einer Übereinkunft zwischen den Familien und der Regierung. Diese verpflichtete sich, daß das Institut für Landreform INCORA den Abtausch der ursprünglichen Parzellen der Bauernfamilien gegen Landstücke in anderen Landesteilen prioritär behandeln werde. Die Familien möchten aufgrund der in Uraba herrschenden Gewalt nicht mehr dorthin zurückkehren. Während der zwei Monate, die für die Abwicklung dieses Landtausches nötig sein werden, erhält jede Familie monatlich 180 USD für Unterkunft und Verpflegung in Medellin.

Programm gegen Kokaanbau

(Bogota, 13. November 1996, pulsar-Poonal).- Mit französischer Geldhilfe sollen kolumbianische Campesinos statt Kokablätter künftig hochwertige Gemüse ernten. Im Dezember wird die Regierung von Ernesto Samper dafür einen größeren Betrag bekommen. Über die Agrarkasse soll das Geld im Rahmen des Programms „Plante“ an die Bauern und Bäuerinnen weitergeleitet werden. Hector Moreno Reyes, Leiter des Programms, geht davon aus, daß der Gemüseanbau einen hohen Bodenertrag abwerfen wird. Präsident Samper versucht seit Monaten, mehr als 300.000 Familien, die von Koka-Anbau leben von den Vorteilen der Produktionsumstellung zu überzeugen.

Auslieferung wieder möglich

(Bogota, 14. November 1996, pulsar-Poonal).- Der kolumbianische Senat veränderte den Verfassungsartikel 35, der bisher die Auslieferung von einheimischen Staatsbürger*innen an das Ausland verbot. Dies ist der erste Schritt eines langwierigen Prozesses, an dessen voraussichtlichem Ende im Juni 1997 die Auslieferungspraxis Kolumbiens um eine weitere Reform reicher sein wird. Justizminister Carlos Medellin (!!!nomen est omen!!!) bezeichnete die Entscheidung des Senats als wichtigen Fortschritt im Kampf gegen den Drogenhandel. Die Auslieferungspraxis ist in den vergangenen Jahren aufgrund des Drucks von verschiedener Seite mehrmals modifiziert worden. So machte Drogenboß Pablo Escobar seine „Kapitulation“ vor dem Staat davon abhängig, nicht ins Ausland wegen dort gegen ihn vorliegender Anklagen ausgeliefert werden zu können. Diese Bedingung bezog sich speziell auf die Auslieferungsanträge der USA. Die Politik der Großmacht gegenüber Kolumbien ist in erster Linie für die aktuelle Kehrtwende verantwortlich.

PERU

Sozialversicherungsabbau

(Lima, 13. November 1996, pulsar-Poonal).- Die Regierungsmehrheit im peruanischen Parlament hat ein Dekret verabschiedet, mit dem die Sozialversicherung modernisiert werden soll. Damit wird ab sofort den Rentner*innen die Möglichkeiten genommen, medizinische Behandlungen wie bisher über die Sozialversicherung abzurechnen. Die Reform bedeutet für die staatliche Sozialversicherung ebenfalls eine Reduzierungs der Beitragseinnahmen um 25 Prozent. Die Idee der peruanischen Regierung ist ein Wettberb mit privaten Versicherungsinstitutionen.

ECUADOR

Erste Runde an Texaco

(Quito, 15. November1996, pulsar-Poonal).- Ein Gericht der Vereinigten Staaten hat beschlossen, den Prozeß gegen die Ölgesellschaft Texaco wegen verursachter Umweltschäden in Ecuador einzustellen. Das Verfahren war von 112 Huaroni- Gemeinden im ecuadoreanischen Amazonasgebiet angestrengt worden. Das Hauptargument des Richters Jed Rakoff für seine Entscheidung beruht auf der Tatsache, daß die Behörden Ecuadors eine Verhandlung auf ihrem Territorium erbeten haben. Dementsprechend machte Luis Yanza vom Bündnis für die Verteidigung des Amazonas den ehemaligen ecuadoreanischen Botschafter in den USA, Edgar Terán Terán für die Einstellung des Prozesses verantwortlich. Die Texaco verließ das Amazonasland nach 28jähriger Ausbeutung der Ölvorkommen. Zurück blieben unzählige ökologische und soziale Schäden in der Zone. Die Indígenas fordern von dem Konzern eine Entschädigung von acht Millionen Dollar. Sie wollen weiter gegen die Texaco vorgehen.

Neue Vorwürfe gegen Energieminister

(Quito, 13. November 1996, pulsar-Poonal).- Luis Macas, Abgeordneter der Bewegung Pachakutik und Vorsitzender der Nationalen Indígena-Konföderation Ecuadors (CONAIE), will eine politische Verurteilung des Energieministers Alfredo Adum erreichen. Die Anklage lautet auf Autoritätsmißbrauch. Adum wird vorgeworfen, ohne Anhaltspunkte und ohne gesetzliche Grundlage 30 Arbeiter in der Ölindustrie entlassen zu haben. Der Minister wird sich auch im Rahmen eines Strafprozesses verantworten müssen, den eine Arbeiterin gegen ihn angestrengt hat. Sie wurde körperlich und verbal von Adum angegriffen und erhielt von diesem sogar eine Todesdrohung. Vor einer Parlamentskommission, die den umstrittenen Minister um Erklärungen gebeten hatte, erschien Adum nicht.

BRASILIEN

Extreme Ungleichheit

(Brasilia, 13. November 1996, pulsar-Poonal).- Der Soziologe de Souza, bekannt durch seinen Einsatz in einer Kampagne gegen den Hunger in seinem Land, bezeichnet die Einkommensverteilung in Brasilien als „völlige Ungleichheit“. Diese sei eine Verschwörung gegen die Ernährungssicherheit der Mehrheit der Bevölkerung. Verstanden als Zugang zu Grundnahrungsmitteln mit ausreichender Qualität und in ausreichender Menge sei die Ernährungssicherheit für diese Menschen eine so gut wie unbekannte Sache.

HONDURAS

Asthma immer schlimmer

(Tegucigalpa, 14. November 1996, pulsar-Poonal).- Die honduranischen Gesundheitsbehörden sind über den hohen Anteil der Asthmatiker*innen im Land besorgt. Sie machen inzwischen 10 Prozent der Bevölkerung aus. Während vor zehn Jahren die häufigste Todesursache bei Kindern der Durchfall und bei den Erwachsenen Magen-Darm-Infektionen allgemein waren, steht heute das Asthma jeweils an erster Stelle. Die genauen Gründe dafür sind noch unklar. Die Zahl von 600.000 asthmakranken Honduraner*innen liegt weit über den Vergleichzahlen für die anderen Länder der Region. Die Situation ist so kritisch, daß inzwischen das erste Spezialkrankenhaus für Asthmapatienten eröffnet wurde. Es handelt sich jedoch um ein Privathospital. Die Mehrheit der Kranken wird daher voraussichtlich wegen fehlender Geldmittel keine Hilfe erwarten können.

COSTA RICA

Für Ex-Präsidenten kann Privatisierung nicht schnell genug sein

(San Jos'e, 14. November 1996, pulsar-Poonal).- Sechs ehemalige costarikanische Präsidenten empfehlen dem derzeitigen Regierungschef, seine Privatisierungspolitik zu vertiefen. Sie sehen darin das angebrachte Mittel, einen Ausweg aus der Wirtschaftskrise zu finden. Als einziger sprach sich Ex-Präsident Rodrigo Carazo gegen die Privatisierung der staatlichen Energiebehörde aus. Die Folgen eines solchen Vorgehens würde die Bevölkerung zu zahlen haben, erklärte er. Der Verkauf von Staatsvermögen soll nach den Befürworter*innen ausreichend Einnahmen bringen, um die Inlandsschulden, „geschaffen durch die Sozialausgaben“, zu bezahlen. Präsident José Maria Figueres will die Vorschläge der ehemaligen Staatschefs der Zwei-Parteien-Kommission vorlegen, die über die Inlandsschuld berät. Diese Schuld setzt sich aus Staatspapieren zusammen, die die Regierung dem Privatsektor verkauft, um den Haushalt mit den Einnahmen zu finanzieren.

VENEZUELA

Armes Land

(Caracas, 15. November 1996, pulsar-Poonal).- Der Warenkorb für Grundnahrungsmittel in Venezuela kostet umgerechnet 274 Dollar pro Person. Das ist mehr als das Doppelte des Mindestlohnes für die venozolanischen Arbeiter*innen. Die Daten stammen von der Statistikbehörde. Dabei wird extra darauf hingewiesen, daß die Kosten für Bildung, Gesundheit, Wohnung, Wasser und Strom nicht enthalten sind. Nimmt man diese hinzu, ergibt sich der Konsumwarenkorb, dessen Preis monatlich 494 Dollar erreicht. Die Hälfte der Arbeiter*innen im Land bekommt nicht mehr als den Mindestlohn von 112 Dollar ausgezahlt. Private Studien, die von der Regierung anerkennt werden, zeigen auf, daß 84 Prozent der Bevolkerung in Armut lebt. Sie kann sich nicht einmal den Grundwarenkorb leisten.

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