Poonal Nr. 260-261


Deutsche Ausgabe des wöchentlichen Pressedienstes lateinamerikanischer Agenturen Nr. 260/261 vom 9. Oktober 1996

Inhalt


USA

GUATEMALA

BOLIVIEN

KUBA

URUGUAY

KOLUMBIEN


USA

Marsch auf Washington zur 504-Jahrfeier

(Washington, Oktober 1996, Alai-POONAL).- Die US-amerikanische Hauptstadt Washington wird am 12. Oktober Schauplatz einer Mobilisierung verschiedener Organisationen spanischsprachiger Nordamerikaner*innen und anderer Immigrant*innen sein. An der Spitze dieser Initiative steht „Coordinadora 96“ oder „Kampagne für Selbstverteidigung und Partizipation“ (Campaña de Auto-Defensa y Participacion Ciudadana), die vor drei Jahren als Antwort auf die Bedürfnisse von Millionen von Immigrant*innen, die sich auf die eine oder andere Weise in die US-amerikanische Gesellschaft integrieren, entstand.

Ziel der Bewegung ist es, unter dem Motto „Keine Steuern ohne politische Rechte“ unter anderem das Wahlrecht für Millionen von Immigrant*innen zu fordern, die beständig Werte schaffen und Steuern zahlen, ohne dafür in der Legislative repräsentiert zu werden. Die Initiator*innen machen darauf aufmerksam, daß die Immigration kein auschließliches Problem einer bestimmten Ethnie oder Gruppe ist, sondern ein Phänomen eines politischen, sozialen und ökonomischen Systems, das die Völker innerhalb und außerhalb der USA gleichermaßen in Mitleidenschaft zieht. In der sogenannten „Proposition One“ finden sich unter anderen folgende Forderungen: 1. Verfassungs- und Menschenrechte für alle. 2. Chancengleichheit 3. Bildung bis zur Universität muß gratis für alle sein. 4. Ausweitung der kostenlosen Gesundheitsversorgung. 5. Zivile Kommissionen zur Überwachung polizeilicher Aktivitäten. 6. Reform der Arbeitsgesetze und die Anhebung des gesetzlichen Mindestlohnes auf sieben US-Dollar pro Stunde.

Die Anwesenheit der „nuevos americanos“ in Washington D.C. am 12.Oktober will als Treffen aller Amerikaner*innen verstanden werden, vorausgesetzt natürlich, man versteht Amerika als Kontinent und nicht nur als eines seiner Länder. Als Amerikaner*innen bezeichnen sich die Immigrant*innen gleichermaßen als stolz auf ihren Kontinent wie auf ihr Land, das sie mit ihrer Arbeit bereichert haben.

GUATEMALA

Zur Situation der guatemaltekischen Witwenbewegung

Kommentar von Rosalina Tuyuc Velásquez (Abgeordnete der „Frente Democrático Nueva Guatemala)

(Guatemala, Oktober 1996, sem-POONAL).- In Guatemala leben heute Tausende und Abertausende von Witwen, Waisen und verlassenen Müttern. Sie sind das Produkt der Gewaltwelle, unter der unser Volk hauptsächlich in den achziger Jahren zu leiden hatte. Damals war es das guatemaltekische Militär, das für Diskriminierungen, Zwangsrekrutierungen von jungen Männern, Entführungen, Morde, Massaker und die Ausradierung ganzer Ortschaften verantwortlich gemacht werden muß.

Statistiken zählen in Guatemala zwischen 60.000 und 70.000 Witwen. Wir, die wir die Wirklichkeit von Leid und Schmerzen kennengelernt haben, glauben jedoch, daß es eine erhebliche Dunkelziffer von verwitweten Frauen in Familien, die von den Verfolgungen betroffen waren, geben muß.

Wir Witwen und Waisen sind die wohl sichtbarste Narbe des bewaffneten Konfliktes, der Guatemala heimgesucht hat. Aus diesem Grund haben wir vor acht Jahren begonnen, uns zu organisieren: Zunächst trafen wir uns in Pfarreien und Privathäusern, seit 1989 erblickte CONAVIGUA (Coordinadora Nacional de Viudas de Guatemala – Nationale Koordination der Witwen Guatemalas) das Licht der Welt.

Seit es uns gibt, leidet CONAVIGUA unter der permanenten Kontrolle und Verfolgungen durch die PAC (paramilitärische Zivilpatrouillen) und durch das Militär.

Trotzdem gelang unserer Organisation die Beteiligung von Witwen im ganzen Land, besonders im Quiché, Soladá, Chamaltenango, Totonidapán, in der Hauptstadt und an der Südküste. Obwohl von der guatemaltekischen Frau traditionell verlangt wird, sich nur um Belange der Kindererziehung, des Haushaltes und der Landwirtschaft zu kümmern, geht der Inhalt unseres Kampfes weit darüber hinaus: – Wir kämpfen für die Respektierung unserer Rechte als Indígenas und um das Recht, als Witwen angehört zu werden. – Wir verteidigen uns gegen die Übergriffe von Behörden und Militär, indem wir auf die Straße gehen und Recht und Freiheit für uns und unser Volk einfordern. – Wir wollen unseren Kindern die Augen öffnen und ihnen Bildung ermöglichen, die unserer Pluralität Rechnung trägt und den Betrug an der Jugend beendet. – Wir kämpfen für landwirtschaftliche Entwicklungsprojekte undsolche, die Gesundheitsversorgung, Kunsthandwerk, Bildung für Frauen und Jugendliche und Kindertagesstätten ermöglichen. – Wir fordern die Partizipation in den verschiedenen nationalen und internationalen Institutionen, die sich den Menschenrechten widmen. – Wir fordern die Entmilitarisierung unserer Dörfer und erwarten, daß diejenigen Militärs und Paramilitärs, die in Menschenrechtsverletzungen verwickelt sind, vor Gericht verurteilt und bestraft werden.

Wir Frauen haben viel gelitten, aber auch gelernt zu kämpfen, und gemeinsam mit anderen Frauen unserer Gesellschaft Widerstand zu leisten. Wir wollen die Verteidigerinnen des Lebens und des Respekts sein, und anerkannt sein in unserer Würde als Mütter und kreative Frauen. Adelante compañeras! unser Kampf ist das Werk aller Frauen.

Paramilitärische Zivilpatrouillen behalten trotz Demobilisierung

ihre Waffen

(Guatemala, 30. September 1996, CERIGUA-Poonal).- In der zentralen Provinz Chimaltenango sind nach Angaben des Armeesprechers Oberst Edgar Palacios 73.310 Mitglieder der paramilitärischen Zivilpatrouillen (PAC) demolibilisiert worden. Sie gaben jedoch nur 1.513 Waffen ab. Armeeangaben zufolge waren in Chimaltenango nur zwei von Hundert PAC-Mitgliedern bewaffnet.

Die Provinz gehört zu den militarisiertesten im ganzen Land; dutzende Gemeinde wurden im vergangenen Jahrzehnt dem Erdboden gleichgemacht. Außerdem existieren dort viele geheime Friedhöfe, auf die Überlebende des öfteren hingewiesen haben. Laut Oberst Palacios haben die ehemaligen Patrouillenmitglieder den offiziellen Streitkräften Galil-Mauser-M1-Maschinengewehre sowie Karabiner und Schrotflinten übergeben.

Innerhalb von einanhalb Monaten will die guatemaltekische Armee im ganzen Land von 202.000 PAC-Mitgliedern 13.500 Waffen eingesammelt haben. Politische Beobachter*innen sprechen von einem eindeutigen Mißverhältnis. Nachweise hierfür seien aber schwierig zu erbringen, da der Waffenbesitz nicht registriert ist. Das Verhältnis von Waffen zu PAC-Mitgliedern soll im Landesdurchschnitt 6 zu 100 betragen, während für Chimaltenango das bereits erwähnte Verhältnis von 2 zu 100 herrschen soll.

FONAPAZ: Hälfte der Flüchtlinge will in Mexiko bleiben

(Guatemala, 3. Oktober 1996, CERIGUA-Poonal).- Der Leiter des Nationalen Friedensfonds (FONAPAZ), Alvaro Colóm, geht davon aus, daß etwa 50 Prozent der guatemaltekischen Flüchtlinge, die sich noch in den drei mexikanischen Bundesstaaten Quintana Roo, Campeche und Chiapas befinden, dort möglicherweise bleiben werden und ihren Status legalisieren wollen. Diese Angaben machte er im Rahmen eines Berichtes über die jüngste Rückkehr von Flüchtlingenauf die Finca Santa Amelia im Landkreis Poptun in der guatemaltekischen Nordprovinz Petén. Die mexikanische Regierung hat vor kurzem erklärt, daß sie die Legalisierung der guatemaltekischen Flüchtlinge, die in Mexiko bleiben wollen, erleichtern werde. Laut humanitären Einrichtungen richtet sich dieses Angebot aber nur an Flüchtlinge, die von beiden Regierungen und dem Flüchtlingshochkommissariat der UNO (ACNUR) als solche anerkannt sind.

Zu Beginn der achziger Jahre überschritten ACNUR zufolge mehr als 40.000 Guatemaltek*innen die Grenze nach Mexiko, um vor der Repression der Armee zu fliehen. (Die tatsächliche Zahl wird auf über 200.000 geschätzt. die Red.) Tausende Personen kamen damals durch die Verfolgung ums Leben.

BOLIVIEN

Marsch der Landarbeiter*innen erreichen La Paz

(Montevideo, 27. September 1996, Comcosur-Poonal).- Am 26. September erlebten die Bewohner*innen der Hauptstadt Bolivien ihre Stadt in neuem Gewand, das den alltäglichen Betrieb fast gänzlich lahmlegte. Der lange Marsch Tausender Bäuerinnen und Bauern hatte nach unzähligen Mühen sein Ziel erreicht. Die Straßen füllten sich mit mehreren Tausend Indígenas, denen seit ihrer Anfunft in La Paz viel Solidarität entgegengebracht wurden, darunter Kleidungsgaben und Lebensmittel. Am Ende einer Demonstration von über einem Monat Dauer zündeten sie große Lagerfeuer auf den Alleen im Zentrum an.

Der Marsch war von der Bolivianischen Gewerkschaftszentrale COB unterstützt worden. Hauptforderung der Demonstrant*innen ist die Anerkennung von Eigentumstiteln, die ihnen vor 43 Jahrem im Gesetz der Landreform zustehen.

Nach mehreren Stunden kam es zu schweren Auseinandersetzungen in der Nähe des Regierungspalastes, wo auch Aufstandbekämpfungseinheiten der Polizei eingriffen. Dabei wurde ein Sprecher der Indígenas aus dem Hochland getötet, als eine große Menge Demonstrant*innen vor der Repression flüchtete.

Für den Fall, daß die Landarbeiter*innen ihre Forderungen nicht durchsetzen können, kündigten sie einen Hungerstreik an. Gleichzeitig drohte die COB, sollte die Polizei die Demonstrationen unterdrücken, werde „Bolivien ein unbefristeter Generalstreik“ bevorstehen, der gemeinsam mit anderen Aktionen und „unvorhersehbaren Konsequenzen“ die Arbeiter*innen verteidigen werde.

KUBA

US-Paramilitär festgenommen

(Montevideo, 27. September 1996, Comcosur-Poonal).- Vergangene Woche gab Havanna bekannt, daß Walter Van der Veer in der kubanischen Hauptstadt festgenommen wurde. Er gehört der paramilitärischen Gruppe „Comandos L“ an, erklärte in Miami der Chef dieser Organisation, der frühere „Schwarze Panther“ TonyBryant. Der ca. 50jährige Mann, der vor fünf Jahren der Gruppe beigetreten war, war seit vier Monaten in geheimer Mission auf der Karibikinsel, gab der Anwalt der Gruppe zu. Die „Comandos L“ wurden 1963 mit dem Ziel gegründet, Fidel Costro zu stürzen.

URUGUAY

Die Arbeitslosigkeit steigt

(Montevideo, 27. September 1996, Comcosur-Poonal).- Die Arbeitslosenrate erreichte in allen Teilen Ururuays den höchsten Stand dieses Jahrzehnts. In der Hauptstadt Montevideo waren im zweiten Trimester dieses Jahres 12,8 Prozent der aktiven Bevölkerung ohne Erwerbsarbeit, im restlichen Land betrug die Quote 12,4 Prozent. Eine jüngst durchgeführte Meinungsumfrage ergab, daß die Erwerbslosigkeit das größte Problem für die Mehrheit der Uruguayaner*innen darstellt.

Im vergangenen Jahr verloren allein in der Hauptstadt 21.000 Menschen ihren Job. Die Frustration hat dazu geführt, daß die Arbeitslosen ihren potentiellen Arbeitgebern immer flexibler entgegenkommen, und jedeR zweite Erwerbsuchende im Land stellt keinerlei Anforderungen mehr an einen zukünftigen Arbeitsplatz. Dieses verzweifelte Verhalten ergibt sich laut den jüngsten Zahlen des Nationalen Statistik-Instituts.

KOLUMBIEN

Harte Linie der Regierung

(Bogotá, 16. Oktober 1996, AC-POONAL).- Carlos Lemos Simmonds ist neuer Vizepräsident Kolumbiens. Der bisherige Botschafter in Großbritannien wurde mit einer Mehrheit von 151 Stimmen gewählt. Seine Wahl wurde von einem breiten Bündnis unterstützt, das in ihm einen energischen Vertreter im Kampf gegen den Drogenhandel und die Guerilla sehen. Die oppositionellen Parteien sehen dagegen in der Wahl eine Bestätigung der Politik der harten Linie der Regierung Ernesto Sampers.

In der Verfassunggebenden Versammlung von 1991 stimmte Lemos für die Beibehaltung der Auslieferung und obwohl er ankündigte, er werde sich an die Regierungspolitik halten, hat er nie einen Hehl aus seiner radikalen Haltung in bezug auf den Drogenhandel gemacht. Lemos wurde unter der Regierung von Virgilio Barco von seinem Posten als Innenminister versetzt, weil er behauptete, die Unión Patriotica UP sei der politische Arm der Guerillabewegung FARC. Nur drei Tage darauf wurde der Präsidentschaftskandidat der UP, Bernardo Jaramillo Ossa, ermordet.

Bei den Wahlen für das Amt des Vizepräsidenten landete die Bürgermeisterin von Apartadó, Gloria Cuartas, auf dem zweiten Platz. Sie erhielt 17 Stimmen, vier symbolische Stimmen erhielt der tote Bernardo Jaramillo.

Die Tendenz einer zunehmenden Verhärtung zeigt sich auch im Vorschlag von Ex-Präsident Alfonso López Michelsen, der meinte, Kolumbien brauche einen Diktator. Sein Vorschlag wurde vonmehreren Politikern und von Unternehmer*innen begrüßt. Sie forderten López gleichzeitig auf, die Führung eines „großen nationalen Übereinkommens“ zu übernehmen.

Der Präsident als Drogenkurier

(Bogotá, 16. Oktober 1996, AC-POONAL).- Am 20 September wurden in dem Flugzeug, mit dem Präsident Ernesto Samper nach New York zur Teilnahme an der 51. UNO-Vollversammlung reisen wollte, vier Kilogramm Heroin gefunden. Dieses Ereignis wurde als ein Komplott betrachtet, um den Rücktritt Sampers zu erzwingen oder seine Festnahmen durch US-Behörden zu provozieren. Es wurde auch die Hypothese geäußert, daß es innerhalb der Luftwaffe ein Drogenkartell gebe, denn es ist nicht das erste Mal, daß in Regierungsflugzeugen Drogen gefunden wurden.

Am 23. September dieses Jahres hielt Samper seine Rede vor der UNO. Er schlug sechs Punkte zur Bekämpfung des Drogenhandels vor: 1. Internationale rechtliche Zusammenarbeit 2. Bildung einer internationalen Geheimdienstabteilung 3. Zusammenarbeit bei der Vernichtung des Drogenanbaus und der Bekämpfung des Drogenkonsums 4. Härtere Bestrafung von Drogenhändlern 5. Kontrolle des Waffenhandels 6. Kontrolle des Handels mit chemischen Produkten, die zur Herstellung von Drogen notwendig sind.

Während der Senat mehrere Minister herbeizitierte, damit sie ihre widersprüchlichen Auffassungen in Bezug auf die Auslieferung von Drogenhändler*innen erklärten, meinte Samper in New York, daß er die Bedeutung der Auslieferung als Teil einer ganzheitlichen und multilateralen Politik nicht verneine.

Proteste gegen Erhöhung der Strompreise und gegen Drogenpolitik

(Bogotá, 16. Oktober 1996, AC-POONAL).- In der 45 Minuten westlich von Bogotá gelegenen Stadt Facatativa blockierten am 16. September rund 4000 Bäuer*innen die Zufahrtsstraßen. Sie protestierten gegen die Erhöhung der Stromtarife um 400 bis 800 Prozent. Der Bürgermeister Hernando Sánchez erkärte, es handle sich nicht um eine Tariferhöhung, Grund der Verteuerung sei die Streichung der Stromsubventionierung. Betroffen von der Preiserhöhung sind vor allem die ärmeren Schichten, viele Familien müßten 60 Prozent ihres Einkommens für die Stromversorgung aufwenden. Nachdem die Straßen mehrere Stunden blockiert worden waren, kamen die Organisator*innen der Blockade und die Behörden zu einer vorläufigen Übereinkunft. Der Bürgermeister versprach, die Klassifizierung der Stromtarife zu überprüfen und die Erhöhung des Wasserpreises zurückzunehmen. Sie Streikenden verlangten die Einsetzung einer Aufsichtskommission, der jeweils ein Vertreter des Innenministeriums, der Nationalen Planungsbehörde, der Gemeinde, der Elektrizitätswerke und des Streikkomitees angehörensollen.

Die Proteste gingen jedoch am 17. September weiter. Viele Bewohner*innen waren mit dieser Übereinkunft nicht zufrieden, denn die Tariferhöhung für Elektrizität blieb in Kraft und die Stromtarife wurden nicht zurückgestuft.

Die Situation verschärfte sich im Lauf des Tages, bei Auseinandersetzungen zwischen den Demonstrant*innen und der Polizei wurde eine Person getötet und 20 weitere verletzt. Die Polizei hatte versucht, die Straßenblockade gewaltsam zu räumen, worauf die Demonstrant*innen Steine gegen die Polizist*innen warfen und Autoreifen in Brand setzten. Selbstgebastelte Bomben explodierten, Schüsse fielen. Mehrere Läden wurden geplündert. Der Bürgermeister verhängte eine Ausgangssperre, verbot jeglichen Alkoholausschank und machte die Beendigung der Proteste zur Bedingung für weitere Verhandlungen.

Am 18. September gingen die Proteste jedoch weiter. 40 Personen wurden verletzt. Das Gebäude des Elektrizitätswerks wurde in Brand gesetzt, die Fassade des Rathauses beschädigt und weitere Geschäfte geplündert. Die Gemeindeverwaltung lenkte daraufhin ein, 90 Prozent der Bevölkerung wurde in eine niedrigere Preisklasse eingestuft.

Proteste der KokapflanzerInnen

(Bogotá, 18. Oktober 1996, ac-POONAl).- Rund 6.000 Kokapflanzer*innen demonstrierten in der Gemeinde San Pablo im Departement Bolívar in der Nähe der Atlantikküste gegen die Besprühung ihrere Pflanzungen mit Herbiziden.

Kokabäuer*innen verschiedener Gemeinden dieser Region im Norden Kolumbiens haben die Regierung zu Verhandlungen über die die Situation der Kokapflanzer*innen aufgefordert. Im Süden Kolumbiens hatten Proteste gegen die Kokavernichtung zu zweimonatigen, zum Teil gewalttätigen Ausschreitung geführt.

Guerilla und Armee rüsten zum Krieg

(Bogotá, 17. Oktober 1996, ac-POONAL).- Nach wie vor sind 67 Soldaten in der Hand der Guerillabewegung FARC. Die Bedingungen für eine Übergabe der Gefangenen sind unklar. Derweil führen die Aufständischen im ganzen Land Sabotageaktionen durch. Die Armee rekrutiert Reservisten für eine Gegenoffensive.

In den letzten zwei Wochen hat Kolumbien die stärkste Guerillaoffensive seit Jahren erlebt. Die Rebell*innen errichteten Straßensperren und setzten Lastwagen in Brand. Mehrere Regionen wurden von der Außenwelt abgeschnitten und waren nicht mehr über den Landweg erreichbar. Eine Woche lang blockierten FARC- Aktivist*innen die Straße zwischen Medellín und Apartado in der Bananenanbauregion Urabá vollständig und verhinderten auch dieVersorgung der Gemeinden mit Lebensmitteln.

Die Guerilleros der ELN schlossen sich der Offensive mit Sabotageaktionen an. Sie steckten Busse in Brand und verübten Anschläge auf Banken und auf die Metro in Medellín; sie zündeten Lastwagen und eine Nahrungsmittelfabrik in Departement Cesar an. Der Chef der ELN, Manuel Pérez erklärte, die Guerilla sei bereit, mit der Regierung über ein Abkommen zur „Humanisierung des Krieges“ zu verhandeln. Er schränkte allerdings ein, die Bedingungen für umfassende Friedensverhandlungen mit der Regierung Samper seien zur Zeit nicht gegeben.

Armeekommandant Harold Bedoya, der kürzlich für Aufsehen erregte, weil er sich über ein Urteil des Verfassungsgerichts hinweggesetzt hatte, forderte ein energischeres Vorgehen des Staates gegen die Guerilla. Er habe mit Unternehmer*innen Gespräche aufgenommen, um bei ihnen „ein Bewußtsein für die Notwendigkeit größerer finanzieller Unterstützung und schärferer Gesetze für die uneingeschränkte Kriegsführung“ zu schaffen. Die Armee werde den Kampf gegen die Aufständischen verlieren, wenn die Regierung nicht alle Mittel für den Kampf bereitstelle. Die US-Regierung hat der kolumbianischen Streitkräften derweil 11 Helikopter für die Aufstandsbekämpfung angeboten.

67 Soldaten sind weiterhin in der Gewalt der Guerillagruppe FARC. Sie wurden gefangengenommen, als die FARC die Militärstation Las Delicias im Departement Putumayo überfallen hatte. Es wurde eine Kommission gebildet, der die Geiseln übergeben werden sollen. Ihr gehören die Friendensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchú sowie Mitglieder des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes und der Nationalen Versöhnungskomission an.

Keine Hilfe für die Vertriebenen

(Bogotá, 15. Oktober 1996, ac-POONAL).- Gouverneur*innen verhindern die Aufnahme von vertriebenen Bäuer*innen. Paramilitärs entführen weiter Angehörige von angeblichen Guerillaaktivist*innen.

Die Gouverneurin von Cundinamarca widersetzte sich offen der Ansiedlung von 270 Familien, die gewaltsam von der Hacienda Bellacruz vertrieben worden waren. Sie meinte, dies sei ein „Problem der Guerilla“, das die Behörden des Departements Cesar lösen müßten. Mehrere nichtstaatliche Organisationen und die Vereinigung der Kleinbäuer*innen ANUC versuchten, ein Abkommen mit dem Gouverneur von Boyacá zu erreichen, doch auch er lehnte eine Aufnahme der Vertriebenen ab. Unter Vermittlung des Innenministeriums bot sich die Stiftung San Isidro in Duitama (Dep. Boyacá) erfolglos an, die Vertriebenen aufzunehmen, die seit dem 5. August 1996 die Büros der staatlichen Landreformbehörde INCORA in Bogotá besetzt halten. Obwohl das Innenministerium ein Programm zur Betreuung von Vertriebenen hat, läßt es diesen Familien und den weiteren 150 in Pelaya provisorisch untergebrachten Familien keine Hilfe zukommen.

Aus Angst vor einer gewaltsamen Räumung durch den neuenOmbudsmann, welcher den Gebrauch der Installationen durch die Besetzer*innen einschränkte und aufgrund der Erkrankung zahlreicher Kinder, haben die Besetzer*innen die Regierung Samper aufgefordert, das Problem der Unterbringung zu lösen, da bis jetzt die Ursachen der Vertreibung nicht angegangen wurden. Erneut wurde ein Bauer der Hacienda verschleppt, am 27. August nahmen Unbekannte Ricardo Cagua mit, seitdem ist er verschwunden. Die Bauernaktivist*innen Hernando Angarita und Edilma Cáceres wurden mit dem Tode bedroht.

Menschenrechtler entgeht Entführung

(Bogotá, 15. Oktober 1996, ac-POONAL).- Der renommierte Menschenrechtsanwalt Eduardo Umaña entging in Medellín nur knapp einer Entführung, als er sich mit Familienangehörigen von Verschwundenen traf. Drei Angehörige der Familie López Bustos waren von den sogenannten „Selbstverteidigungsgruppen von Córdoba und Sucre“, die von Carlos Castaño befehligt werden, verschleppt worden. Rechtsanwalt Umaña hatte den Fall übernommen. Am 16. September stürmten schwerbewaffnete Männer in das Gebäude, in dem sich der Rechtsanwalt mit seinen Klienten traf. Sie verwechselten aber offensichtlich die Wohnungen. Umaña konnte in der Zwischenzeit entkommen und mit Hilfe des Internationalen Roten Kreuz Medellín unbehelligt verlassen.

Angriff von Paramilitärs in Sucre

(Bogotá, 15. Oktober 1996, ac-POONAL).- Die Brüder Emiro und Eberto Barreto Hernandez wurden in San Marcos im Departement Sucre von 15 bewaffneten Männern getötet. Die Paramilitärs drangen in das Haus ein und verletzten die beiden Männer und eine Frau schwer. Nachbarn, die das Attentat bemerkten, eilten den Angegriffenen zur Hilfe und töteten den 30jährigen Chef der Paramilitärs, Eder Galvies Arenales. Die Paramilitärs flüchteten, kehrten aber wenige Stunden später mit Verstärkung zurück und töteten die verletzten Emiro und Eberto Barreto. Die Täter entkamen.

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