Poonal Nr. 039


Deutsche Ausgabe des wöchentlichen Pressedienstes lateinamerikanischer Agenturen Nr. 39 vom 13.04.1992

Inhalt


GUATEMALA

EL SALVADOR

BRASILIEN

LATEINAMERIKA


GUATEMALA

Sicherheitskräfte töteten Studenten

(Guatemala, 10.April 1992, NG-POONAL).- Der Student Julio Rigoberto Cuc Quim ist am 10. April von Sicherheitskräften in Guatemala-Stadt getötet worden. Um 0.30 Uhr schoß eine Einheit des sogenannten „Plan Hanapu“ – ein gemischter Verband der Streitkräfte, der Nationalpolizei und der Landpolizei – mit Maschinengewehren auf eine Gruppe von rund hundert Student*innen, die eine traditionelle Karfreitagsprozession vorbereiteten. Julio Rigoberto Cuc Quim wurde getötet und sieben Student*innen schwer verletzt: Maria Isabel Cabeiro, Julio Felipe Sajche, Otoniel Estuardo Moran, Axel Oswaldo Morales, Alfonso Aldana Perez, Otto Rene Perez Figueroa und Juan Armando Perez Lopez. Dies gab die Assoziation der Universitätsstudent*innen (AEU) bekannt. Der Vorfall ereignete sich in der 13. Straße auf der Höhe der Avenida Elena in Guatemala-Stadt. Die AEU forderte die Regierung von Präsident Jorge Serrano in einer Stellungnahme am selben Tag auf, „die Verfolgung und die generalisierte Repression gegen die Universitätsstudent*innen sofort einzustellen und den Repressionsapparat, der dem guatemaltekischen Volk so viele Schmerzen zugefügt hat, aufzulösen.“

Landlose protestieren gegen Vertreibung

(Guatemala, 8.April 1992, NG-POONAL).- Mit einer Demonstration und der Drohung erneut Land zu besetzen protestieren seit Anfang des Monates mehrere hundert guatemaltekische Bauerfamilien gegen ihre gewaltsame Vertreibung von dem Landgut Jaibal. Die Familien, deren Gemeinde früher gemeinsam die Felder bewirtschaftet hatte, fühlen sich durch die Großgrundbesitzer von Jaibal um das Land betrogen und fordern eine Rückgabe der Eigentums- und Nutzungrechte. Die Bauerfamilien hatten bereits am 23. März erstmals Teile des Landgutes Jaibal, das im Departement Solola am Ufer des Atitlan- Sees liegt, besetzt. Durch diese Aktion wollten sie darauf aufmerksam machen, daß der Boden Gemeinschaftseigentum des Dorfes von San Jorge La Laguna ist, dessen Bewohner*innen durch landwirtschaftliche Arbeit ihren Lebensunterhalt verdienen. Einheiten der Streitkräfte und der Nationalpolizei vertrieben die Familien jedoch am 4. April und zerstörten Güter der Gemeinde. Mehrere Campesinos/as wurden verletzt, 74 von ihnen festgenommen. Das Eingreifen der Sicherheitskräfte erfolgte nach Angaben des Koordinators der Menschenrechts-Gruppen des Departments, Rechtsanwalt Jorge Arturo Roche, ohne gerichtliche Anordnung. Aufgrund des öffentlichen Protestes von 800 Campesinos/as aus verschiedenen Kantonen des Departments Solola wurden die 74 inhaftierten Campesinos/as inzwischen wieder freigelassen. Der Landkonflikt ist jedoch nicht gelöst. Ebensowenig ist geklärt, wer die Verantwortung für Schäden übernimmt, für die Zerstörung der Güter und wer für die Versorgung der Verwundeten und für die Entschädigung der Gefangenen aufkommt. Sprecher*innen der Campesinos/as kündigten an, mit rechtlichen Mitteln weiter für die Rückgabe des Landes von Jaibal zu kämpfen. Sollte dies nicht funktionieren, werde das Landgut erneut besetzt.

Wenigen gehört viel Land

Auseinandersetzungen um Landbesitz werden auch während der Präsidentschaft Jorge Serranos weiterhin meist mit militärischer Repression zugunsten der Großgrundbesitzer gelöst. Dabei ist die Konzentration von Landbesitz in den Händen weniger Großgrundbesitzer in Guatemala höher als in jedem anderen lateinamerikanischen Land. Der Gini-Koeffizient, ein Maß für Konzentration, liegt in Guatemala bei 0,85 – wäre der Boden gleich verteilt, müßte dieses Maß bei Null liegen, absolute Konzentration ergäbe den Koeffizienten Eins. Die ungleiche Bodenverteilung läßt sich auch durch andere Zahlen verdeutlichen: Nur vier Prozent der Bevölkerung besitzt eigenes Land. Die meisten Landarbeiter*innen arbeiten also auf großen Haciendas, die ihnen nicht gehören. Ein Effekt dieser Landverteilung: Viel fruchtbarer Boden liegt brach. Von 10,9 Millionen Hektar kultivierbaren Bodens werden nur 4,2 Millionen für die landwirtschaftliche Produktion genutzt. Ein Resultat der heutigen Situation: Die ehemaligen Eigentümer des Landes, die indianischen Völker, leben heute landlos im Elend – und dies wird solange andauern, bis die landwirtschaftliche Struktur des Landes reformiert ist.

Amerikanische Ordensschwester fordert Bestrafung des Militärs

(Guatemala, 8.April 1992, Cerigua-POONAL).- Um eine Verurteilung der Soldaten, die sie vor zweieinhalb Jahren brutal folterten, zu verlangen, kehrte die amerikanische Ordensschwester Dianna Ortiz jetzt nach Guatemala zurück. Ortiz, die zum Orden der Ursulinerinnen gehört, arbeitete in einer Schule in San Miguel Acatan in der Provinz Huehuetenango; ein Gebiet, in dem nach Aussagen der Ordensschwester Mary Ballard häufig Menschen verschwinden. Die Schwester wurde am 2. November 1989 in der Stadt Antigua Guatemala, 40 Kilometer östlich der Hauptstadt, entführt. Nach eigener Aussage wurde sie durch guatemaltekische Sicherheitskräfte gefangen und in einem geheimen Gefängnis gefoltert und vergewaltigt. Ortiz versichert, daß es noch andere Personen gab, die das gleiche Schicksal erlitten haben.

Folter wird nicht verfolgt

Nach ihrer Freilassung klagte die in die Vereinigten Staaten zurückgekehrte Schwester das guatemaltekische Militär an, für ihre Entführung verantwortlich zu sein. Ihre Anwälte mußten jedoch feststellen, daß der von der Regierung eingesetzte Staatsanwalt, Fernando Linares, die Untersuchung extrem nachlässig durchführte. Am vergangenen Dienstag präsentierte Ortiz nun persönlich in Guatemala ihre Anzeige. Sie beschuldigt den früheren Verteidigungsminister Hector Gramajo, an ihrer Entführung beteiligt gewesen zu sein. Gramajo behauptet hingegen, die Schwester habe die Entführung vorgetäuscht. Auch die über hundert Verbrennungen durch Zigaretten, die sie nach der Entführung auf ihrem Rücken hatte, habe sie sich selbst zugeführt. Der ehemalige guatemaltekische Präsident Vinicio Cerezo gab inzwischen zu, daß die Sicherheitskräfte Guatemalas für die Entführung verantwortlich seien. Auf sein Ersuchen trat der Verteidigungsminister Gramajo inzwischen von seiner Aussage zurück. Dianna Ortiz leidet nach wie vor an den Folgen der Folter. Ihre Therapeut*innen vertreten die Ansicht, daß sie nach zwei Jahren der Rehabilitierung einen Gerichtsprozeß überstehen kann. Die Schwester wird von einem Sicherheitstrupp der Botschaft der Vereinigten Staaten in Guatemala geschützt. Auch die katholische Kirche wird sie bei ihrem Kampf um eine Bestrafung der Verantwortlichen unterstützen.

EL SALVADOR

US-Kongreß bewilligt 85 Millionen Dollar

(San Salvador, 7. April 1992, Salpress-POONAL).- Die USA haben El Salvador Hilfe in Höhe von rund 85 Millionen US-Dollar zugesagt. 64,7 Millionen Dollar sollen für die Demobilisierung von Soldaten der Armee und Kämpfern der Rebellenorganisation FMLN verwandt werden, 21,5 Millionen Dollar werden an das salvadoranische Heer fließen. Diesen Beschluß faßte der US-Kongreß am 31. März mit den Stimmen von 275 Delegierten und 131 Gegenstimmen. Gleichzeitig gab der Kongreß 30 Millionen Dollar Militärhilfe aus dem verganenen Jahr frei, die bislang gesperrt waren. Damit fließt erstmals nach dem Friedensabkommen zwischen der Regierung und der Frente Farabundo Martí (FMLN), welches das Ende des zwölfjährigen Bürgerkrieges besiegelte, militärische Hilfe der USA nach El Salvador. Mit der US-Hilfe soll die Neustrukturierung und die Reduzierung der Streitkräfte finanziert werden. Rund eine Million Dollar stehen für die sogenannte „Kommission der Wahrheit“ zur Verfügung, die die Menschenrechtsverletzungen von 1980 und August 1991 untersuchen soll.

Lehrer*innen streiken für höhere Löhne

(San Salvador, 7. April 1992, Salpress-POONAL).-Rund 25.000 Lehrer*innen haben am 3. April die Arbeit niedergelegt. Sie fordern höhere Löhne, die Vergabe von didaktischem Material an die öffentlichen Schulen, medizinische Leistungen sowie die Einstellung von 11.000 arbeitslosen Lehrer*innen. Sie kündigten an, sie würden in der folgenden Woche in einen unbefristeten Streik treten, falls die Regierung ihre Forderungen nicht erfüllt. Präsident Cristiani sagte, der von der Nationalen Assoziation der Erzieher*innen (ANDES) und der Frente Magisteral ausgerufene Streik sei Teil der „Strategien auf dem Gebiet der Arbeit mit einem dahinter verborgenen politischen Ziel“. Die Erziehungsbeauftragte Cecilia Gallardo sagte am 2. April, sie werde nur mit den Lehrer*innen sprechen, wenn sie den Streik beendeten. Cristiani beschuldigte die FMLN und die PDC, Streiks an offiziellen Einrichtungen zu unterstützen. Er rief alle gesellschaftlichen Kräfte auf, das Friedensabkommen „konsequent“ zu befolgen. Der Hilfsbischof von San Salvador, Gregorio Rosa Chavez, kritisierte den Streik der Lehrer*innen und forderte sie auf, den Dialog wieder aufzunehmen.

Polizei fand 8 Gewehre – Cristiani: FMLN bunkert Waffen

(San Salvador, 7. April 1992, Salpress-POONAL).-Der salvadorianische Präsident Alfredo Cristiani hat die Rebellenorganisation Frente Farabundo Marti (FMLN) beschuldigt, heimlich Waffen zu deponieren und damit gegen das Friedensabkommen vom 16. Januar dieses Jahres zu verstoßen. Anlaß für die Präsidenten-Schelte war der Fund von einem Maschinengewehr und sieben Gefechtsgewehren sowie Munition in einem südlich von San Salvador gelegenen Dorf. Die Nationalpolizei hatte die Waffen am 31. März sichergestellt und die Anwohner Sixto Pineda, Antonio Baires und Maria Rivas verhaftet. Präsident Cristiani warf der FMLN vor, die Waffen versteckt zu haben, um die von der UNO überwachte Entwaffnung zu unterlaufen. Der Fund beweise, daß die FMLN die Waffenabgabe nicht ehrlich betreibe. Joaquín Villalobos, Mitglied der obersten Führung der FMLN, bestritt, die Rebellen hätten etwas mit den Waffen zu tun. Er warf dem Staatschefs vor, die Regierung iniitiere eine Kampagne, um die Aufstandsbewegung in ein negatives Licht zu rücken und um den Friedenspakt zu schaden. Als „unverantwortlich“ bezeichnete der FMLN-Führer Leonel Gonzales die Äußerungen von Cristiani. „Sie wissen genau, daß wir eine Bewegung sind, die sich derzeit in eine politische Partei verwandelt.“ Die Beobachterkommission der Vereinten Nationen für El Salvador (ONUSAL) gab bekannt, sie habe bereits begonnen, die Herkunft der von der Nationalpolizei gefundenen Waffen zu aufklären.

23 Menschen wurden 1991 verschleppt oder ermordet

(San Salvador, 7. April 1992, Salpress)-.In El Salvador sind im vergangenen Jahr 23 Menschen verschleppt oder ermordet worden. Diese Fälle sind in dem Jahresbericht über Menschenrechtsverletzungen in Lateinamerika dokumentiert, den die Internationale Menschenrechtskommission der Organisation der Amerikanischen Staaten (OAS) veröffentlicht hat. Der Vertreter der salvadorianischen Regierung in der OAS wandte sich gegen den Report und beschuldigte den Präsidenten der Menschenrechtskommission, das Land in ein schlechtes Licht rücken zu wollen. Die Beobachterkommission der Vereinten Nationen für El Salvador (ONUSAL), die die Einhaltung des Friedensabkommens zwischen der Regierung und der Nationalen Befreiungsbewegung Frente Farabundo Marti (FMLN) kontrolliert, gab unterdessen bekannt, daß sie die Entführung eines Jugendlichen und den Tod eines Unbekannten am Rande San Salvadors untersucht und die Exhumierung von zwei Leichen in der Stadt Delgado überwacht hat. Isabel Ramirez von der Frauenorganisation CONAMUS teilte mit, daß Unbekannte einen Anschlag auf sie verübt hätten, bei dem ihr Fahrzeug beschädigt worden sei. Weiterhin wurde bekannt, daß zwei Anführerinnen der Frauenorganisation ADEMUSA anonyme Morddrohungen erhalten haben.

BRASILIEN

Die Armut eines reichen Landes (2. Teil)

(Ecuador, April 1992, ALAI-POONAL).-„Ich komme aus einem relativ reichen Land, reich an Naturressourcen und Produktionsgütern. Trotzdem herrschen Armut und soziale Diskriminierung“, sagte der Vertreter der brasilianischen „Bewegung ohne Boden“ (MST), die gemeinsam mit der „Hirtenkommission des Bodens“ (CPT) im Dezember des vergangenen Jahres mit dem Alternativen Nobelpreis 1991 ausgezeichnet wurde. In POONAL Nr. 38 veröffentlichten wir den ersten Teil der Rede, die der MST-Vertreter bei der Verleihung in Stockholm hielt. Darin beschrieb er die extreme Polarisierung der brasilianischen Gesellschaft. Während eine kleine Oberschicht immense Reichtümer anhäuft, bleibt Millionen von Menschen selbst das Notwendige vorenthalten: Ihr Alltag ist von Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot und Hunger geprägt. In dieser Ausgabe dokumentieren wir den zweiten Teil der Rede, in dem begründet wird, warum der Kampf um eine Landreform entscheidend für die Überwindung von Armut und Elend ist:

Fast die Hälfte der Agrarflächen liegen brach

46 Finanzgruppen besitzen 22 Millionen Hektar Land, sie bewirtschaften jedoch lediglich 3,7 Millionen Hektar. Die offiziellen Studien bestätigen, daß nicht weniger als 43 Prozent der gesamten Agrarfläche Brasiliens brach liegt. In den Grundbüchern sind rund 600 Millionen Hektar mit Eigentumstiteln ausgewiesen, tatsächlich werden in Brasilien jedoch nur 65 Millionen Hektar landwirtschaftlich genutzt. Die Folge: Von den 23 Millionen Landarbeiter*innen verfügen 8 Millionen nur über geringe eigene Flächen; 6 Millionen sind Zeitarbeiter*innen, die nur in den Erntephasen Beschäftigung finden; 8 Millionen Arbeiter*innen besitzen überhaupt kein Land. Diese Millionen Landlosen haben unsere Bewegung geformt. Im Moment gibt es in Brasilien 180 indigene Völker, die die 500 Jahre des Massakers und der Unterdrückung überlebt haben. Diese Völker haben es geschafft zu überleben – trotz der Gewalt, die ihnen vom Staat selbst und von den großen ökonomischen Gruppen wie den Großgrundbesitzern, den Minenbesitzern und den Holzkonzernen zugefügt wird.

Regierung schützt die Privilegien der Oligarchie

Die Regierung schützt nicht einmal die elementaren Rechte der Indigenas, im Gegenteil, sie sichert die Privilegien der ökonomischen Gruppen. Weniger als die Hälfte des Landes der indigenen Völker ist geschützt, die natürlichen Ressourcen werden geraubt, wobei wissentlich das Überleben der Völker und ihrer Kultur gefährdet wird. Wir fordern Respekt gegenüber dem Territorium und der Autonomie dieser Völker, damit ihr Überleben gesichert wird. Die Gebiete, in denen sie leben, müssen abgegrenzt und vor Invasoren geschützt werden. Wir beharrren darauf, daß die Agrarreform das einzige wirksame Instrument für die Lösung der schwerwiegenden sozialen Probleme auf dem Land ist – eine Agrarreform, die mit der Konzentration des Landes Schluß macht und allen Landarbeiter*innen das Recht zusichert, auf dem Land zu leben und zu arbeiten. Die Einführung einer tiefgreifenden Agrarreform würde zur Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion führen; die produzierten Güter würden nicht nur den Exportbedarf decken, sondern auch der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln zugute kommen. Der Hunger vor allem in den ländlichen könnte so bekämpft werden. Durch eine Agrarreform würden die brachliegenden Ländereien aktiviert: das Land würde nicht mehr für Spekulation, sondern für die Produktion genutzt werden. Die Verteilung des Landes stellte die soziale Gerechtigkeit wieder her, der ländliche Exodus könnte gestoppt werden. Allein in den letzten 20 Jahren flüchteten 30 Millionen Menschen vom Land in die Städte. Wir sind das Land mit der stärksten Migration der Welt. Wir sehen in einer Landreform die Lösung der ökonomischen, sozialen, politischen und ökologischen Probleme des Landes.

Kampf um Landreform: Vergleichbar mit Befreiungskrieg gegen Sklaverei

Angesichts einer so perversen sozialen Realität und einer Regierung, die haargenau die Interessen der Großgrundbesitzer vertritt, ist der Kampf für eine Agrarreform in Brasilien ein langer Kampf, voller Schwierigkeiten, Herausforderungen und Opfer. Wir vergleichen sie mit dem Befreiungskrieg gegen die Sklaverei im vergangenen Jahrhundert. Unsere Bewegung begann sich gegen Ende der siebziger Jahre zu formieren. Nach dem Fall der Militärregierung entstanden viele regionale Kämpfe der Landarbeiter*innen, die auf der Suche nach Land waren, das sie bewirtschaften konnten. Aus diesen vereinzelten Kämpfe haben wir eine nationale Bewegung der landlosen Campesinos und Campesinas konstruieren können, deren Konsolidierung auf nationaler Ebene bei unserem ersten Kongreß 1985 stattfand. Heute sind wir in 19 Bundesstaaten des Landes und speziell in den Regionen im Süden und Nordosten des Landes organisiert, denn dort sind die Landlosen einer besonders krassen Bevormundung ausgesetzt. Unsere Bewegung orientiert sich an drei fundamentalen Schwerpunkten: dem Kampf um Land, dem Kampf für die Agrarreform und dem Kampf für eine gerechtere und brüderliche Gesellschaft. In diesen Jahren haben wir verschiedene Aktionsformen entwickelt, um unsere Rechte durchzusetzen: Wir haben Kampagnen gestartet, um die Regierung zu verpflichten, das Recht zu respektieren; Wir haben eine Landreform konzipiert, Demonstrationen, Treffen und Hungerstreiks organisiert und vor allem versucht, den Dialog mit den offiziellen Vertreter*innen aufrechtzuerhalten. Die Besetzung von Großgrundbesitz ist schließlich der Ausweg, um die öffentliche Meinung zu sensibilisieren und Druck auf die Regierung auszuüben, damit sie Stellung zu bezieht und Entscheidungen trifft. 1987 haben wir das Projekt einer Agrarreform ausgearbeitet und es dem Verfassungsgebenden Kongreß vorgelegt – mit 1,6 Millionen Unterschriften. Trotzdem haben sie uns keine Aufmerksamkeit geschenkt, das Projekt ist nicht berücksichtigt worden. (Fortsetzung folgt)

LATEINAMERIKA

Wer kämft für die Umwelt? Zum Stand der Ökologie-Debatte in Lateinamerika (2. Teil)

(Ecuador, April 1992, Alai-POONAL). – Wächst das Bewußtsein um ökologische Probleme auch in Lateinamerika mit dem Ausmaß von Umweltschäden? Oder gibt es bereits ein spezifisches lateinamerikanisches Umweltbewußtsein? In dem folgenden Beitrag werden Motive und Grundzüge umweltbewußten Denkens aus Lateinamerika und ihre Quellen skizziert: – Warum kämpften die mexikanischen Indio-Campesinos/as von Emiliano Zapata gegen Diaz, gegen Madero, gegen Huerta, gegen Carranza – wenn nicht für die Verteidigung des Gemeindelandes? – Warum kämpfen die peruanischen und bolivianischen Indios/as von Tupac Amarú bis in unsere Tage, wenn nicht für den Wiedererhalt des „ayllu“, der auf dem umweltschonenden Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt basiert? – Warum kämpften die Miskito-Indianer*innen gegen die revolutionären Modernisierungen der Sandinist*innen, wenn nicht wegen der Verteidigung ihrer natürlichen Umwelt? – Warum kämpfen die Völker Amazoniens gegen internationale Konzerne wenn nicht, um zu verhindern, daß das Amazonasgebiet in eine Wüste verwandelt wird? – Warum organisieren sich heute die indigenen Völker Ecuadors politisch, wenn nicht zum Schutz ihrer Umwelt? Verstoß gegen banale Erkenntnisse

Die Aussage, daß die natürlichen Ressourcen nicht unbegrenzt sind, ist eine Banalität. Die Schlußfolgerung, daß daher das Wachstum nicht unbegrenzt sein kann, ist eine noch größere Banalität. Trotzdem hätte die „Entwicklung“ Lateinamerikas nicht die perversen Formen angenommen, die sie heute hat, wenn die lateinamerikanischen „Wachstumsminister*innen“ diese Banalitäten berücksichtigen würden. Die Idee des unbegrenzten „Wachsens“ ist aus der Sicht einer Ökonomie, die sich der Umwelt bedient, absurd. Jedes Wachstum der Produktion beinhaltet ein Abnehmen der Energieressourcen, von denen einige für immer zerstört sind. Die Demontage von herrschenden Dogmen der Wachstumsökonomie setzt „Erosionsprozesse“ voraus. Diejenigen, die die offiziellen Dogmen produzieren, können in einem bestimmten Moment nicht weiterhin die Präsenz anderer Ideen ignorieren. Auf dem langen Weg des ökologischen Denkens gibt es Momente, in denen diese „Erosion“ sich manifestiert hat: Beispielsweise als der „Club of Rome“ im Jahr 1972 „Die Grenzen des Wachstums“ publizierte. Unabhängig von der Genauigkeit der Daten war vom Moment der Publikation an klar, daß sich ein sehr tiefgreifender Spalt auf dem Gebiet des Entwicklungskonsenses geöffnet hatte. Von da an war offensichtlich, daß nicht nur vereinzelte Wissenschaftler*innen die Grenzen der herrschenden ökonomischen Theorien erkannt hatten. Daß die Publikation von „Die Grenzen des Wachstums“ nicht ein Versehen einiger Wirtschaftswissenschaftler*innen war, zeigt die Tatsache, daß die UNO nachfolgend den „Bericht Bruntland“ veröffentlicht hat. In diesem Bericht werden nicht mehr nur ökologische Katastrophen beschrieben, die uns erwarten, sondern außerdem wird radikal die bestehende Beziehung zwischen der „Zerstörung der Umwelt“ und der „Unterentwicklung“ aufgezeigt.

Bankrott der Wachstums-Philosophie

Aus einer Perspektive des neuen radikalen Sozialismus betrachtet, können die in diesem Bericht skizzierten Fragestellungen unzureichend erscheinen. Der Bericht ist jedoch eine Bankrott- Erklärung des Wirtschaftswachstums. Wann werden sich jedoch die Wirtschaftsminister der Länder Lateinamerikas die Mühe machen, dies zur Kenntnis zu nehmen? Sie, die sich für modern gegenüber den Ökologist*innen halten, leben in Wirklichkeit noch in der „Steinzeit“ der Ökonomie. Die Verbindung verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen hat einige Ökonomen beeinflußt, den ökonomischen Prozeß neu zu überdenken. So ist zum Beispiel seit Nicolas Georgescu-Roegen das „Konzept der Enthropie“ in die Ökonomie eingeführt. Enthropie ist fundamental für ein wirtschaftliches Denken, daß die Probleme des Mangels und nicht des Wachstums thematisiert. Georgescu-Roegen sagt: „Eine begrenzte Menge an Enthropie (oder was das gleiche ist: die Energiemenge, die nicht am Prozeß der Reproduktion der Natur beteiligt ist) kann von uns nur ein Mal benutzt werden.“ Das zweite Gesetz der Thermodynamik besagt, daß die diese Enthropie konstant wächst. In diesem Sinne kann Enthropie auch als die Menge an Energie, dies ich nicht in Arbeit umwandelt, definiert werden. So wie es Produktionsformen gibt, die intensiv sind, was den Gebrauch menschlicher Arbeit betrifft, gibt es andere, die intensiv in der Produktion der Enthropie sind. Die herrschende Wirtschaft des Wachstums produziert in dem Maß, in dem sie auf der Verschwendung hoher Energiequoten basiert, immer mehr Knappheit. „Die Knappheit existiert, weil die enthropishen Prozesse unwiderruflich sind“, sagt Max Neff. Die Wachstumsökonomie ist demnach antiökonomisch.

Die grünen Vorreiter

Die Zerstörung des „Wachstumsglaubens“ ist die Konsequenz langandauernder Konflikte, politischer Auseinandersetzungen und nicht zuletzt auch von Machtbeziehungen. Nicht immer siegt in diesen Machtbeziehungen der vermeintlich Stärkere. Macht entsteht auch durch die Kraft von Ideen. Was für Lateinamerika noch wenig wahrscheinlich ist, hat in Deutschland beispielsweise die Grüne Partei geschafft: sich als politische Kraft zu etablieren. Dies war für die anderen Parteien, die die ökologische Thematik nicht mehr außer acht lassen können, entscheidend. Die Grünen werden vielleicht nie die parlamentarische Mehrheit erreichen. Aber die „grünen Ideen“ sind dabei, zu einer Mehrheit zu werden. In den lateinamerikanischen Ländern scheint ein ökologisches Denken gerade erst zu entstehen, doch beginnt es tasächlich gerade erst? Oder beginnt es vielleicht gerade erst in den Köpfen einiger Mitglieder der intellektuellen Eliten? Das Wachsen ökologischen Wissens kann uns helfen, unsere eigene Geschichte auf eine andere Art zu lesen. Die rechtmäßigen Bewohner*innen Amerikas kämpfen seit 500 Jahren für menschliche Überlebens-Bedingungen und um die natürlichen Grundlagen ihres Daseins. Ökologische Themen sind in Lateinamerika nicht neu. Der ökologische Widerstand besteht in unserem Kontinent seit vielen Jahren. Das Problem ist, daß die Repräsentanten der „offiziellen Geschichte“ diese Akteure ökologischer Überzeugung nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Sie anzuerkennen würde bedeuten, das derzeitige Gesellschaftskonzept überprüfen zu müssen. Im Grunde fürchten sie nicht das Umweltbewußtsein, sie fürchten dessen Vertreter*innen, die mit ihren „inkompetenten“ Analysen die Ruhe stören. Aber die Natur hat auch Stimmen.

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