Poonal Nr. 038


Deutsche Ausgabe des wöchentlichen Pressedienstes lateinamerikanischer Agenturen Nr. 38 vom 06.04.1992

Inhalt


EL SALVADOR

GUATEMALA

BRASILIEN

KOLUMBIEN (2. Teil)

Lateinamerika


EL SALVADOR

800 Millionen Dollar für den Wiederaufbau

(San Salvador, 2. April 1992, Salpress-POONAL).- Mit 800 Millionen US-Dollar wollen westliche Industriestaaten den Wiederaufbau El Salvadors unterstützen. Insgesamt 19 Staaten, darunter die EG, USA und Japan sowie wichtige internationale Finanzorganisationen wie die Weltbank, der Internationale Währungsfond und die Interamerkanische Bank werden sich an dem Finanzpaket beteiligen. Auf diese Summe einigten sich die Geldgeber in Verhandlungen mit der salvadorianischen Regierung und Vertretern der Frente Farabundo Marti (FMLN). Die Planungsministerin El Salvadors zeigte sich sehr befriedigt über die zugesagte Hilfe; die Regierung hatte lediglich mit 750 Millionen Dollar gerechnet. Etwa 85 Prozent der 800 Millionen Dollar werden als Spende gegeben, der Rest sind weiche Kredite. Allein 300 Millionen US-Dollar will Japan spenden. Mit diesem Geld sollen Medizin und Lebensmittel für die Gebiete gekauft werden, die von der FMLN kontrolliert wurden. „Wir sind über die schwierige Situation informiert, die dort herrscht“, kommentierte am 23. März der Rat der Auswärtigen Beziehungen Japans. Die Interamerikanische Entwicklungsbank wird am 8. April 162 Millionen US-Dollar für technische Zusammenarbeit freigeben. Diese Summe soll für wirtschaftliche und soziale Hilfe sowie den Aufbau des Straßennetzes eingesetzt werden. Der Betrag muß nicht zurückgezahlt werden. Das hohe Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen hat mit der salvadorianischen Regierung ein Hilfsprogramm für Vertriebene und Flüchtlinge über 24 Millionen US-Dollar vereinbart. Mauricio Chavez, Repräsentant der Frente Farabundo Marti (FMLN) sagte: „Die verschiedenen Länder sagten, der Plan zum nationalen Wiederaufbau müsse den kollektiven Willen der gesamten Nation widerspiegeln und Partizipationsmöglichkeit für alle gesellschaftlichen und politischen Sektoren schaffen.“ Sechs Millionen Dollar, so Chavez, seien für die politische und wirtschaftliche Wiedereingliederung der Mitglieder der FMLN vorgesehen.

Bischof: Regierung behindert Aufklärung eines Massakers

(San Salvador, 1. April 1992, Salpress-POONAL).- Die katholische Kirche hat „hohe Regierungsstellen“ und die Streitkräfte beschuldigt, die Aufklärung eines Massakers im Kanton El Mozote in der östlich gelegenen Provinz Morazán, bei dem im Dezember 1981 einige hundert unbewaffnete Bauern ermordet wurden, zu behindern. Die Verantwortung wird den salvadorianischen Streitkräften angelastet. Zu den Ereignissen in El Mozote und der Ermordung des Bischofs Oscar Romero im Jahre 1980 sagt Gregorio Rosa Chavez, Hilfsbischof von San Salvador: “ Ich glaube, es ist gut, sich mit der Wahrheit zu konfrontieren … Wenn nicht, wird die Straflosigkeit fortdauern, hier wird alles mögliche verbrochen, und es passiert nichts.“ Der ehrwürdige Edgar Palacios sagte, der Mord müsse aufgeklärt werden, „um die Gesellschaft zu befrieden.“ Er fügte hinzu, „wir haben die Hoffnung, in einem anderen El Salvador zu arbeiten, ein El Salvador, in dem Gerechtigkeit und Respekt gegenüber der Menschenwürde herrscht.“ Am 24. März marschierten 25.000 Menschen in den Straßen San Salvadors, um an die Ermordung von Oscar Romero vor 12 Jahren zu erinnern.

GUATEMALA

Soziale Konflikte wachsen: Streiks und Besetzungen

(Guatemala, 1. April 1992, NG-POONAL).- Gewaltsam hat die guatemaltekische Polizei 1800 Bauernfamilien von Grundstücken der Finka Jaibal vertrieben. Die Familien hatten seit dem 23. März mehrere Grundstücke der Finka, die im Departement von Solola liegt, besetzt. Bei der Räumung setzte die Polizei Tränengasbomben ein. Zehn Bauern wurden durch Schläge verletzt, ein elfjähriges Kind erlitt Vergiftungen. Die landlosen Familien, die alle aus San Jorge La Laguna in Solola stammen, wollten mit der Besetzung für ihr Recht auf Boden demonstrieren. Das von ihnen besetzte Land liegt am Ufer des Atitlan-Sees, einem Ort von großer touristischer Bedeutung. Ihre Vertreibung war auf Anordnung eines Departmentsrichters und in Anwesenheit eines Delegierten des Menschenrechtsamtes der Regierung durchgeführt worden. Die Bauern und Bäuerinnen wollen jedoch zurückkehren, um erneut Hütten zu bauen und den Boden zu bestellen. Auf dem Zentralplatz in der Hauptstadt Guatemalas endete in der letzten Woche ein Solidaritätsmarsch, an dem 2000 Bauern und Bäuerinnen teilgenommen hatten. Sie demonstrierten unter anderem für die friedliche Lösung des Konfliktes und gegen die Straffreiheit gewalttätiger Militärs und Polizisten. 536 entlassene Landarbeiter*innen forderten ihre Wiedereinstellung. Nach Aussagen des Gewerkschaftsführers Hugo Morales werden die Demonstranten solange vor dem Regierungspalast verweilen, bis ihre Forderungen erfüllt sind. Zu einem Streik und der Besetzung der Gebäude haben sich auch die Arbeiter*innen des Nationalen Elektrizitätswerkes entschlossen. Von Seiten der Sicherheitskräfte wurde bereits gedroht, den Streik gewaltsam zu beenden.

Regierung kritisiert UNO-Beobachter

(Guatemala, 31. März 1992, NG-POONAL) – Die Teilnahme des UN- Beobachters Francesco Vendrell an den guatemaltekischen Friedensverhandlungen wird von Seiten der Regierungskommission zunehmend kritisiert. Seit Monaten verhandeln Regierung, Streitkräfte und Guerilla unter UN-Aufsicht erfolglos über eine Beendigung des Bürgerkrieges in Guatemala. Der Chef der Regierungsdelegation in den Friedensverhandlungen, Manuel Conde Orellana sagte, daß die guatemaltekische Regierung „die Rechte, die man dem UN-Beobachter gegeben habe, um im Verhandlungsprozeß beitragen zu können“, wieder zurücknehmen werde. Der Delegationschef betonte außerdem, daß sich die Regierung auch weiterhin weigern werde, die Zivilpatrouillen, in denen Zivilisten militärische Dienste leisten müssen, abzuschaffen. Auch bei der Zusammensetzung weiterer Verhandlungskommissionen, wie der „Kommission Wahrheit“, die Menschenrechtsverletzungen aufklären soll, werden keine Zugeständnisse an die Verhandlungspartner gemacht. Aufgrund dieser Streitpunkte stagniert der Friedensprozeß seit längerem. Die Generalkommandatur der Guerilla, Nationale Revolutionäre Einheit (URNG), macht die starre Haltung der Regierung für die Stockungen in den Verhandlungen verantwortlich. „Mit Rhetorik, dramatischen Ausrufen und Drohungen kann eine ernste und tiefgehende Verhandlung nicht fortschreiten. Der politische Wille zu Verhandlungen drückt sich in Flexibilität und den Vorschlägen aus, die an den Verhandlungstisch gebracht werden“, so die Guerilla.

Indígenas fordern Beteiligungan Friedensverhandlungen

(Guatemala, 31. März 1992, NG-POONAL)- Eine Beteiligung ziviler Gruppen an den Friedensverhandlungen, die die guatemaltekische Regierung zur Zeit mit der Guerilla URNG führt, fordert der Nationale Rat der Vertriebenen (Condeg). Der Condeg vertritt zumeist indianische Flüchtlinge, die durch den langjährigen Bürgerkrieg aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Sprecher*innen der Organisation sagten, daß in den Verhandlungen in erster Linie über das Schicksal und die Interessen der Zivilbevölkerung verhandelt werde und ihr daher ein Mitspracherecht zustünde. Auch die Sprecher*innen verschiedener Organisationen des Maya- Volkes forderten, an den Friedensverhandlungen beteiligt zu werden. Sie verlangten von den Verhandlungsparteien – Regierung, Streitkräften und URNG – , vor allem bei der Diskussion über die Rechte der Indígena-Völker an den Gesprächen teilzunehmen.

Gerichtshof versetzt unbequeme Richter

(Guatemala, 2. April 1992, Cerigua-POONAL).- Die Versetzung von 54 Richtern durch den Obersten Gerichtshof (CSJ) hat Befürchtungen geweckt, daß damit Ermittlungen gegen Regierungsbeamte und Mitglieder der Streitkräfte verhindert werden sollen. Beobachter werten die Versetzungen als Zeichen für eine neue Politik des Präsidenten des Obersten Gerichtshofes Juan Rodel, der erst vor sechs Wochen sein Amt angetreten hat. Betroffen von der Rotation sind etliche Richter, die gegen Politiker und Offiziere wegen Menschenrechtsverletzungen, Korruption und Bereicheruung ermittelten. Der Generalsekretär des Obersten Gerichtshofs, Julio Cesar Rivera,rechtfertigte die Versetzungen mit Klagen, die über diebetreffenden Richter bekannt geworden wären. Erhellender scheintjedoch eine Betrachtung der Verfahren zu sein, mit denen einigeder versetzten Richter befaßt waren – und die sie künftigoffensichtlich nicht mehr führen sollen.Der Richter Eduardo Coromac, der – nach eigenen Worten -überraschend von der guatemaltekischen Hauptstadt nachSacatepequez versetzt wurde, hatte die Festnahme des LeutnantsNoel Beteta veranlaßt, der der Drahtzieher des Mordes an derAnthropologin Myrna Mack gewesen sein soll. Coromac hatte zudemeinen Prozeß gegen einen Abgeordneten der Union des NationalenZentrums (UCN), einen Diplomaten und verschiedene Rechtsanwälte,die mit gefälschten Briefmarken gehandelt haben sollen,angestrengt.Die Richterin Carmen Ellgutter, die auf ihren früheren Postenzurückversetzt wurde, war mit dem Auslieferungsprozeß von ArnoldVargas, des ehemaligen Bürgermeisters der UCN in Zacapa,beauftragt. Er wird beschuldigt, in den Drogenhandel verstrickt zusein. Die Auslieferung selbst konnte freilich nicht mehrverhindert werden – nahezu zeitgleich mit der Amtsübernahme vonRodil wurde der mutmaßliche Drogendealer nach Guatemala überstellt. Es verwundert nicht, daß die Versetzungen dem neuen Präsidenten des Gerichtshofes zugeschrieben werden. Denn ein Rückblick auf dessen bisherige Karriere läßt erkennen, daß Rodil auf seinem beruflichen Werdegang ein höchst zweifelhaftes Rechtsverständnis offenbarte. Rodil nahm an der Ausarbeitung der Regierungsstatute teil, die die Verfassung während der blutigen Militärregierungen von General Rios Montt und Oscar Mejía Victores ersetzte (1981- 1985).

Diese Statute legalisierten unter anderem die Existenz von Tribunalen zur Sonderrechtssprechung. Diese Sondergerichte sind für zahlreiche Todesurteile gegen Zivilisten in den Jahren 1981 und 1982 verantwortlich. Das „Grundstatut der Regierung“ ermöglichte auch die „Legalisierung“ von paramilitärischen Verbänden, zum Beispiel der sogenannten „Patrouillen zur zivilen Selbstverteidigung“ (PAC); es gab der Politik der verbrannten Erde, welche von den guatemaltekischen Militärs durchgeführt wurde und die Zerstörung von 400 Dörfern im Westen des Landes zur Folge hatte, einen pseudo-gesetzlichen Anstrich. Rodil war auch Präsident der Hochschule für Rechtsanwälte in Guatemala. 1986 trat er dem Kabinett des christdemokratischen Präsidenten Vinicio Cerezo als Minister bei. Seit 1991 ist er Abgeordneter der Union des Nationalen Zentrums (UCN) im guatemaltekischen Parlament. Rodil wurde von der UCN und der Christdemokratischen Partei (DCG) – sie stellen die Mehrheit der Abgeordneten – zum Präsidenten des Obersten Gerichtshofes gewählt. Ein lokaler Radiosender kommentierte, daß etliche der versetzten Richter kündigen könnten, da sie Drohungen erhalten hätten. Die formale Rechtmäßigkeit der Versetzungen steht außer Frage. Besorgniserregend ist indes, daß damit offensichtlich die geringen Ansätze, die Straflosigkeit von hohen Politikern und Mitgliedern der Streitkräfte zu beenden, bekämpft werden sollen.

BRASILIEN

Die Armut eines reichen Landes (1. Teil)

(Ecuador, April 1992, Alai-POONAL).- Der Alternativen Nobelpreis 1991 wurde am 9. Dezember des vvergangenen Jahres an die „Bewegung ohne Boden“ (MST) und die „Hirtenkommission des Bodens“ (CPT) aus Brasilien verliehen. Die beiden Organisationen wurden für ihren Kampf für eine Agrarreform und die Demokratisierung der brasilianischen Gesellschaft ausgezeichnet. Die extreme Polarisierung der Gesellschaft und die ungleiche Verteilung des Reichtums bezeichnete der Abgeordneten der MST in einer Rede, die er bei der Entgegennahme des Preises in Stockholm hielt, als die Ursachen der Gewalt und der Armut in dem südamerikanischen Land. Im folgenden dokumentieren wir Auszüge der Rede: „Ich komme aus einem relativ reichen Land, reich an Naturressourcen und Produktionsgütern. Trotzdem herrschen Armut und soziale Diskriminierung. Ohne allzuweit auszuholen, möchte ich Ihnen einige wirtschaftliche und gesellschaftliche Daten vortragen, die die imensen sozialen Ungerechtigkeiten etwas verdeutlichen. Zehn Prozent der Bevölkerung beziehen 51 Prozent des Volkseinkommens, während 50 Prozent der Bevölkerung lediglich 12 Prozent des national produzierten Reichtums unter sich aufteilen. Dies ist eine der stärksten Einkommenskonzentrationen der Welt. Von allen produzierten Gütern und Dienstleistungen werden nur 35 Prozent als Löhne ausgezahlt, 65 Prozent bleiben als Gewinne. Die Arbeiterklasse lebt in einer Situation absoluter Armut. Den Minimallohn hat die Regierung auf ungefähr 60 US-Dollar festgesetzt. Rund 43 Prozent der Lohnabhängigen sind von dem gesetzlichen Schutz ihrer Rechte ausgeschlossen. Etwa 11 Millionen Arbeiter und Arbeiterinnen haben keine Arbeit.

Statistik des Elends

Die ungerechte Verteilung des Reichtums hat enorme soziale Probleme verursacht. Es gibt Regionen im Land, in denen die durchschnittliche Lebenserwartung 47 Jahre beträgt. Durch den Mangel ist eine Generation von „Zwergen“ aufgewachsen, mit einer Größe unter 1.50 Metern. Kaum 30 Prozent der Bevölkerung Brasiliens hat eine angemessene Ernährung. 42 Prozent der Einwohner sind Analphabeten. 100 von 1000 Kindern sterben. Den offiziellen Daten zufolge gibt es für 6 Millionen Kinder im Schulalter, zwischen 6 und 14 Jahren, keine Schulen. 1,2 Millionen Kinder wachsen ohne Eltern auf, sie leben auf den Straßen, ohne jede Hilfe von Seiten des Staates und stigmatisiert von der Gesellschaft. In der Presse wird die Gewalt gegen diese Kinder angeklagt. Sie werden von organisierten Gruppen und sogar von der Polizeiermordet, pro Jahr werden bis zu Tausend ermordete Kinder gezählt. Die Knappheit an Wohnraum hat in Brasilien die „Favelas“ entstehen lassen, rund 10 Millionen Menschen leben dort in ärmlichen Hütten aus Holz und Karton. Dabei sind noch jene Millionen nicht berücksichtigt, die gar nichts haben, die auf der Straße oder unter Brücken leben.

Brasilien ist heute ein Land mit einer stark städtischen Bevölkerung. 75 Prozent der brasilianischen Bevölkerung lebt in den Städten. Wenn die Situation im gesamten Land schon ein Chaos ist, so ist sie in den ländlichen Gebieten noch schlimmer. 66 Prozent der Haushalte verfügen nicht über Elektrizität, 15 Prozent haben keine Kochmöglichkeit, 78 Prozent besitzen keinen Kühlschrank, 23 Prozent werden nicht mit Wasser versorgt, und nur 7,5 Prozent haben ein Bad. Trotz der großen Flächen kultivierbaren Bodens existiert Hunger auf dem Land. Das alles ist Resultat der ungerechten Bodenverteilung. Sehen Sie zum Beispiel, daß 53 Prozent der kleinen Eigentümer über 3 Prozent des Bodens verfügen, während 1 Prozent der Eigentümer 42 Prozent der Agrarflächen in Brasilien kontrollieren. Die zwanzig größten Grundbesitzer verfügen zusammen über 15 Millionen Hektar Land. (Zum Vergleich: Die Bundesrepublik Deutschland nach der Wiedervereinigung umfaßt rund 35 Millionen Hektar, d. Red)

(Fortsetzung folgt)

KOLUMBIEN (2. Teil)

Zwölf Vorschläge zur Konstruktion einer Friedensstrategie

(Mexiko, April 1992, ANCHI-POONAL).- Die kolumbianische Regierung und die „Guerillakoordination Simon Bolivar “ (CGSB) haben sich in Friedensgesprächen in Caracas auf einen Themenkatalog für die weiteren Verhandlungen über eine Beendigung der bewaffneten Auseinandersetzungen und grundlegende Reformen geeinigt. Die Agentur ANCHI veröffentlichte eine Stellungnahme zu dem Dialog. Darin werden zwölf Vorschläge für eine grundlegende Reform der Gesellschaft vorgestellt, die Grundlage eines dauerhaften Friedens sein sollen. In der POONAL-Ausgabe Nr. 37 erschien der erste Teil, in dem ein Ende der wirtschaftlichen Schocktherapie, eine binnenorientierte Wirtschaftspolitik, eine Förderung des Gesundheits-, Bildungs- und Sozialsystems sowie eine Entmilitarisierung der Gesellschaft und eine konsequente Verfolgung von Menschenrechtsverletzungen gefordert werden. Im folgenden erscheint der zweite Teil des Forderungskatalogs:

Demokratie ohne Hintertür

9. Kolumbien benötigt eine Demokratie ohne Hintertür, ohne Antiterrorstatuten, die allein die Opposition und die Nichtkonformen schädigt. Es ist wichtig, den Wahlprozeß zu demokratisieren, das Plebiszit zu stärken. Es ist wichtig, die Rolle von direktgewählten Organen zu festigen. Aber vor allem muß das Leben der Bürger*innen und der Organisationen geschützt werden, die die Opposition bilden.

10. Es muß der Boden da neu verteilt werden, wo er auf wenigekonzentriert ist. Eine Infrastruktur mit den notwendigen Transportmitteln muß aufgebaut werden; die Landwirtschaft und Viehzucht muß mit billigen Krediten gestützt werden; diejenigen, die den Reichtum auf dem Land produzieren, müssen Sicherheiten für die Ernte erhalten und es muß ihnen erleichtert werden, Vorprodukte und moderne Technologie zu erlangen. Auch der Verkauf ihrer Produkte muß gesichert werden.

11. Die nationale Einheit muß gestärkt werden. Die zentralistische Arroganz der Regierungen und die Abwesenheit von Konzertationen über soziale und wirtschaftliche Entwicklungspläne haben die ländlichen Regionen übergangen, die Indígenas und die ethnischen Minderheiten. Kolumbien harmonisch zu entwickeln hat Priorität im Friedensprozeß.

12. Entschädigung für die Opfer von Gewalt. Wir müssen einen ernsten Plan ausarbeiten und entwickeln, der den Staat, die Privatunternehmen und die Internationale Gemeinschaft verpflichtet, ohne Paternalismus die tiefen Wunden aus der Konfrontation zu heilen.

Nationale Versöhnung contra Kriegsstrategie

Wir sind sicher, daß eine großes nationales Uebereinkommen die Basis für die Versöhnung sein kann. Unser Vorschlag kontrastiert mit der Führung der Kriegsstrategen, die ihre Lösungswege mit der Atacke auf die Casa Verde (grünes Haus, Hauptquartier der Rebellenorganisation CGSB) am 9. Dezember 1990 offenbarten. Damit führten sie das Land in den Abgrund und bestätigten einmal mehr das offizielle Scheitern des militärischen Weges zur Lösung der Krise. Die Streitkräfte haben sich im vergangenen Jahr 1304 Gefechte mit der Guerilla geliefert, dabei wurden 1873 Soldaten getötet und 269 gefangen genommen. Zahlen, die den Irrtum derer bezeugen, die an eine militärische Lösung des Konflikts glauben. Die Regierung und die Streitkräfte müssen sich zu einer durchsichtigen Strategie bekennen. Niemand vesteht, daß paralell zum Dialog mit der Guerilla neue Antiaufstandseinheiten geschaffen werden, teures Kriegsmaterial für den gleichen Zweck angeschafft wird, die Wehrkräfte und Operationen gegen die Guerrilla erhöht werden und höhere Steuern für den Krieg festgelegt werden. Das ist Ausdruck einer Konfrontations- und nicht Friedensstrategie.

Die Guerilla kapituliert nicht

Die Dialoge von Caracas bedeuten auch die Erschöpfung eines Regierungsmodells, daß auf die Kapitulierung der alten Guerrillatruppen ausgerichtet war. In dieser neuen Etappe ist einefrische Politik notwendig. (…) Kolumbien erhofft von dem neuenParlament Unabhängigkeit in der Behandlung der nationalenProbleme.Wir können diese Zeilen nicht beenden, ohne auf Erinnerung an die500 Jahre der Eroberung einzugehen. Uns Kolumbianer*innen erinnertdieses Datum in erster Linie an 5 Jahrhunderte derununterbrochenen Abhängigkeit von den großen kolonialen Mächten.Es ist die Stunde gekommen, in der wir uns geeint erheben, um dievolle Souveränität zu erlangen. Wir müssen im Prozeß derlateinamerikanischen Integration fortschreiten und auf diese Weisedie Träume von der Befreiung realisieren.Das gesamte Kolumbien braucht eine andere Umgebung, ohne denWirtschaftskrieg, den die Regierung erklärt hat, ohne weitereKriegssteuern, ohne Erhöhung der repressiven Apparate, ohneweitere Waffen und Gewaltstrategien. Wir brauchen den Aufbau einerStrategie für das Leben, nationale Suveränität, Demokratie undsoziale Gerechtigkeit. Das ist unser Kompromiß.

Lateinamerika

Was kostet ein Baum? Zum Stand der Ökologie-Debatte in Lateinamerika (Teil 1)

(Ecuador, April 1992, Alai-POONAL) – Verseuchter Boden, stinkende Städte – die Kosten, die viele verschuldete Entwicklungsländer für die vermeintliche Entwicklung heute zahlen müssen, werden immer höher. Die führenden Eliten glauben jedoch nach wie vor, es sei möglich auf Basis der Industrialisierung „Entwicklung“ zu erreichen. Bestimmte „historische“ Kosten, wie die Ausbeutung dernatürlichen Ressourcen und die massiven Enteignungen von Indios/as und Campesinos/as werden als zahlbar betrachtet. Obwohl heute verschiedene Beweise dafür existieren, daß so eine Entwicklung nicht nur nicht wünschenswert, sondern auch nicht möglich ist, hat ökologisches Denken den Einzug in die Vorhallen der Politik noch nicht geschafft. Und es steht noch nicht fest, daß das Wissen, daß ökologische Probleme berücksichtigt, dann auch umgesetzt würde. Doch zumindest das Wissen nimmt auch in Lateinamerika zu. Auch hier hat sich in den letzten Jahren ein Denkstil entwickelt, der die Ökologie berücksichtigt.

Neue Utopien

Das neue Denken beginnt Alternativen zu entwicklen, die eine andere Vision der Welt bieten. So schlägt der neue Denkstil im Gegensatz zur Risikentechnologie eine „angepaßte Technologie“ vor; angesichts des exzessiven Energieverbrauchs wird als Alternative der Gebrauch von erneuerten Resourcen gesetzt; gegenüber der totalen Spezialisierung, verteidigt dieses Denken eine Sozialisierung von technischem und wissenschaftlichem Wissen; gegenüber der Massenproduktion wird die Unterstützung für Handwerksproduktion und Kooperativen gefördert; gegenüber dem Leben der kleinen abgekapselten Familien die Idee der Gemeinde; der städtischen Vorherrschaft wird ein Leben in Kontakt mit dem Land vorgezogen; gegen die ungestrafte Zerstörung der Natur werden Prinzipien des ökologischen Gleichgewicht entwickelt; gegenüber der Vorherrschaft des Weltmarktes taucht die Idee von interregionalen oder lokalen Märkten auf; der Idee des Wachstum wird die Idee der Knappheit entgegengesetzt, gegen die Akkumulation, die Ersparnis; gegen die Aufrüstungen erheben sich Friedensbewegungen; gegen das Ideal des Arbeiters wird die familiäre Produktion mit Partizipation der Kinder und Alten gesetzt; gegen die Monokultur die Diversifizierung der Landwirtschaft gesetzt; gegen das Primat der Quantität das Primat der Qualität; gegen die Lebensmittelproduktion durch spezialisierte Industrien die Selbstversorgung; gegen den Verlust von Tradition, die Verteidigung der traditionellen Kulturen und der indianischen Gemeinschaften; gegen die Trennung von Arbeits- und Lebenswelt wird die Integration der Arbeitsfreude gesetzt; gegen das Ideal der Homogenisierung, das Ideal der Verschiedenheit und gegen das Unermessliche das Kleine. Das neue Denken verbindet verschiedene Ziele, die sich manchmal sogar wiedersprechen. Daher werden die Ideen auch eher von sozialen Bewegungen getragen, denn eine soziale Bewegung, im Gegensatz zu einer politischen Partei, kann in ihrem Denken Widersprüche einbeziehen.

Die Vordenker

Damit dieser neue Stil des Denkens zunehmend Vertreter*innen finden konnte, war ein langer Prozeß notwendig. Daher ist es interessant, jene Denker zu betrachten, die in den Zeiten der Industrialisierungs-Euphorie dieser bereits ihre eigenen Positionen entgegensetzten: Immer noch aktuell sind die Arbeiten von Lewis Mumford, bezüglich der „Megamaschine“. Wichtig sind auch die fast prophetischenAufrufe von Ivan Illich. Das Buch von E.F. Schuhmacher, „Small is Beautiful“, in dem die Massenproduktion kritisiert und die Produktion in kleinen Einheiten gerühmt wird, ist ein historischer Hit in der Schaffung von ökologischem Bewußtsein. Bisher wurde von der Existenz eines Widerspruchs zwischen Ökonomie und Ökologie ausgegangen. Der tatsächliche Widerspruch existiert jedoch derzeit nur in der herrschenden Wirtschaftswissenschaft. Diese wissenschaftliche Theorie mißachtet den Verbrauch von natürlichen Resourchen in wirtschaftlichen Prozessen. Daher muß die Wirtschaftswissenschaft zu dem zurückfinden, was sie ursprünglich war und was sie nie hätte aufhören dürfen zu sein: Wissenschaft zur Verwaltung von Knappheit, denn natürliche Ressourcen sind knapp – und nicht Wissenschaft des Wachstums um jeden Preis. Bisher galt nämlich, daß nur das Quantitative ökonomisch sinnvoll ist. Gerade heute läßt sich feststellen, daß die Schäden, die die „Wachstumswirtschaft“ anrichtet, nicht kalkulierbar und nicht quantifizierbar sind. Ein Beispiel: Es ist bekannt, daß als Konsequenz der systematischen Abholzung der Amazonasgebiete und anderer Wälder der Treibhauseffekt verstärkt wird und dadurch weltweit die Temperatur. Das könnte zum Schmelzen der Polarkapseln führen, wodurch das Wasserniveau der Meere ansteigt, und ganze Küstenregionen völlig überschwemmt würden. Welchen Preis hätte diese Katastrophe? Die Kosten sind nicht berechenbar. Und weil dem so ist, sind sie wirtschaftlich nicht relevant. Aus ökonomischer Perspektive gilt als wissenschaftlich nur, was quantifizierbar ist. Jenseits der Logik der Quantitäten existiert nichts. Im realen Leben ist niemand so dumm und hält seine Hände ins Feuer, weil nicht bekannt ist, wieviel verbrennt. Das einzige, was hier interessiert, ist, daß das Feuer brennt.

Marxismus und Ökologie

Besonders intensiv war die Diskussion der marxistischen Wirtschaftswissenschaftler über den Wert der Natur. Einige von ihnen, die durch ökologische Probleme sensibilisiert wurden, haben versucht, die marxistische Werttheorie zu bereichern. Marxistische Autoren wie Altvater, erkannten die Wichtigkeit der Natur als „Wertquelle“ und führen an, daß sie keine Ware sei wie die Arbeitskraft. Doch solche Diskussionen drohen in einigen Kreisen byzantinische Charkteristika anzunehmen. Sie zeigen aber, daß die Ökologie auch rationalistische Theorien beeinflußt und eine „zweite Kritik der politischen Ökonomie“ begründet. Dies bereichert nicht nur, sondern stürzt die existieren Werttheorien auch um, indem nicht quantifizierbare ökonomische Werte integriert werden. Ein Beispiel: Wieviel Leben ist ein Baum wert? Das ist zweifellos eine naive Frage. Aber gleichzeitig sind es diese Fragen, die die absolute Armut der „Wachstumsökonomien“ aufzeigen.

(Fortsetzung folgt)

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