Poonal Nr. 034


Deutsche Ausgabe des wöchentlichen Pressedienstes lateinamerikanischer Agenturen Nr. 34 vom 09.03.1992

Inhalt


GUATEMALA

HAITI

EL SALVADOR

LATEINAMERIKA


GUATEMALA

Europa fordert Verurteilung wegen Menschenrechtsverletzugen

(Guatemala, 4. März 1992, Cerigua-POONAL). – Für die Verurteilung Guatemalas aufgrund schwerer Menschenrechtsverletzungen plädierten die europäischen Staaten auf der 48. Versammlung der UN- Menschenrechtskommission. Die guatemaltekische Regierung müsse von der Menschenrechtskommission aufgrund der andauernden Rechtsverletzungen gemaßregelt werden, war auch Meinung verschiedener Nichtregierungs-, Volks- und Menschenrechtsorganisationen. Auch der UNO-Experte für Menschenrechte in Guatemala, Christian Tomuschat, kritisierte, daß die guatemaltekische Gesellschaft durch Einschüchterung und Straffreiheit charakterisiert sei.

Beobachter*innen halten die europäische Position allerdings aufgrund der Mehrheitsverhältnisse in der UN-Versammlung für nicht durchsetzbar. Mehrheitsfähig wird bei der in dieser Woche stattfindenden Abstimmung eher die Position der sogenannten Rio- Gruppe, die den Block der lateinamerikanischen Staaten repräsentiert. Ihr Ziel ist, eine Verurteilung Guatemalas zu verhindern. Damit könnte dann auch die Ernennung eines speziellen Menschenrechts-Beauftragten der UNO, der die Situation in Guatemala kritisch beobachtet, vermieden werden. So ist zu erwarten, daß eine gemäßige Resolutinon in Sachen Guatemala verabschiedet wird und der guatemaltekischen Regierung in Menschenrechtsfragen höchstens „Beratung“ von der UNO zugemutet wird.

US-Druck gegen Verurteilung

Repräsentant*innen der Opposition Guatemalas RUOG führten das Verhalten des lateinamerikanischen Blocks auf politische und wirtschaftliche Verpflichtugen zurück. So wurde während der UNO- Versammlung bekannt, daß die Delegation der US-Regierung den lateinamerikanischen Block unter Druck gesetzt habe, für eine gemäßigte Resolution zu stimmen. Die RUOG begrüßte, daß sich die Mehrheit der europäischen Staaten dem lateinamerikanischen Block widersetzen. Guatemala müsse wie ein Land behandelt werden, in dem die Menschenrechte systematisch verletzt werden. Die Sprecher*innen gaben bekannt, daß allein nach Angaben der lokalen Presse, im vergangenen Jahr in Guatemala 703 Ermordete und 450 Leichen mit Zeichen von Gewaltanwendung gefunden wurden.

Auch die Resolution, die in diesen Tagen verabschiedet werden könnte, fordert von der guatemaltekischen Regierung, daß ihre Sicherheitskräfte die Menschen- und fundamentalen Freiheitsrechte respektieren. Das „System des zivilen Schutz“ in dem die Polizei und die Patruillen zur zivilen Selbstverteidigung unter die Leitung der Streitkräfte gestellt sind, müsse abgeschafft werden. UN-Menschenrechtsbeauftragte seien bei ihrer Arbeit in Guatemala von der guatemaltekische Regierung zu unterstützen.

Mexiko-Guatemala: Beginn einer langen Freundschaft?

(Guatemala, 5. März 1992, NG-POONAL). – Gute Beziehungen zwischen Mexiko und Guatemala bescheinigte der mexikanische Präsident Carlos Salinas de Gortari seinem guatemaltekischen Kollegen Serrano Elias während eines zweitägigen Besuches des mittelamerikanischen Landes. Politische Beobachter*innen interpretieren den Besuch des mexikanischen Präsidenten Salinas de Gortaris in Guatemala als „politischen Ritterschlag“ für Serrano Elias. Das Ansehen des guatemaltekischen Präsidenten ist seit seinem Amtsantritt vor mehr als einem Jahr wegen andauernder Menschenrechtsverletzungen, der Stagnation in den Friedensverhandlungen mit der guatemaltekischen Befreiungsbewegung sowie der sozialen und wirtschaftlichen Krise Guatemalas angeschlagen. Während seines Aufenthaltes in Guatemala betonte der mexikanische Präsident seinen Wunsch auf baldigen Beginn des Friedens in Guatemala. Zudem bekräftigte er den Willen seiner Regierung, bei den Verhandlungen zwischen der Regierung von Serrano Elias und der Generalkommandantur der Nationalen Revolutionären Einheit Guatemalas (URNG) zu vermitteln.

Nachbarliche Wirtschaftshilfe

Der mexikanische Präsident unterzeichnete verschiedene Wirtschaftsabkommen seines Landes mit Guatemala. Ziel ist unter anderem, den bilateralen Handel zu fördern und nicht zuletzt die Handelsbilanz Guatemalas auszugleichen – so exportiert Mexiko bisher fünfmal soviele Güter nach Guatemala wie umgekehrt. Mithilfe eines 30 Millionen Dollar-Kredits soll der Exporte gefördert werden. Mexiko unterstützt die Konstruktion einer neuen Grenzbrücke zwischen der Stadt Tecun Uman mit der Stadt Hidalgo unterstützen, den Bau einer Straße an der Grenze zwischen Guatemala und El Salvador, die Tecun Uman mit Pedro de Alvarado verbinden wird, die Erweiterung des Flughafens in Retalhuleu und die Modernisierung des Hafens von Champerico. Auch die Trinkwasserressourcen der beiden Länder werden mit mexikanischer Hilfe erforscht werden, eine gemeinsames Versorgungsnetz soll aufgebaut werden. Die gemeinsamen Anstrengungen im Kampf gegen den Drogenhandel und zum zum Schutz der Natur sowie des kulturellen Erbes sollen verstärkt werden. Mit einem gemeinsamten Projekt namens „Ruta Maya“ soll der Tourismus in beiden Ländern verstärkt werden.

Die mexikanische Hilfe kommt dem guatemaltekischen Präsidenten sehr gelegen: In den letzten Monaten versiegten ausländische, vor allem westeuropäische Kreditquellen – nicht zuletzt aufgrund der zunehmenden Isolation des Regierung wegen der andauernden Menschenrechtsverletzungen. Daher drohten die die makroökonomischen Erfolge des ersten Regierungsjahr von Elias, die eine Erhöhung der internationalen Reserven, den Rückgang der Inflation und eine wachsende Wechselkurs-Stabilität ermöglichten, zu enden.

HAITI

Die Lehren aus dem Staatsstreich

(Ecuador, März 1992, alai-POONAL).- Vor einem Jahr schien Haiti, eines der ärmsten Länder der Welt, einer hoffnungsvolleren Zukunft entgegenzusehen. Mit Betrand Aristide erklomm im Februar 1991 erstmals nach Jahrzehnten der Diktatur ein frei gewählter Präsident die Macht in dem Land. Aristide wurde vor allem von den ärmeren Bevölkerungsschichten unterstützt, denen er eine gerechtere Verteilung des Landes versprach. Doch nur wenige Monate nach seinem Amtsantritt, am 30. September des vergangenen Jahres, putschten die Streitkräfte und vertrieben das Staatsoberhaupt aus dem Land. Derzeit wird über eine Rückkehr des gewählten Präsidenten verhandelt. Die neue Militärjunta hat – auf Druck der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) erkennen lassen, daß sie Aristide als Staatspräsidenten akzeptieren könnte, falls ein ihr genehmer Regierungschef eingesetzt würde.

Bertrand Aristide hat Mitte Januar als möglichen Premierminister Rene Theodore, den Führer der PUCH (Vereinigte Partei des kommunistischen Haitis) akzeptiert. Diese Vereinbarung, im Rahmen der Verhandlungen über seine Rückkehr als Präsident von Haiti getroffen, rief Überraschung und Unwillen unter seinen Anhängern hervor. Sie hatten in den vergangenen Wochen eine Kampagne gegen die von den Militärs propagierte Ernennung von Theodore durchgeführt. Theodore, der seit dem Machtantritt von Aristide im Februar 1991 in deutlicher Opposition zu dem gewählten Präsidenten stand, stieß jedoch auch in konservativen Kreisen auf Ablehnung. Ende Januar wurde ein Attentat gegen ihn verübt, welches die nordamerikanische Regierung „dem gegenwärtigen Regime verbundenen Sektoren“ zuschrieb. Der Kommunistenführer scheint folglich eine wenig geeignete Person zu sein, um eine Exekutive anzuführen, die das Land vereinigen soll. Der Spielraum in den Verhandlungen zwischen den konservativen Oligarchien und dem Militär auf der einen Seite und den auf Reformen pochenden Kräften um Aristide auf der anderen ist eng.

Die politischen Kräfte, die die jetzige Regierung und den Kongreß bilden, akzeptierten nur widerwillig, an dem Verhandlungsprozeß teilzunehmen. Nachdem eine Einigung darüber erzielt wurde, daß ein Premierminister, der als Regierungschef unter dem Staatspräsidenten fungiert, ernannt werden soll und dies Vorraussetung für die Rückkehr von Aristide ist, erklärte der Interimspräsident Joseph Nerette, daß er bis zur Wahl als Präsident im Amt bleiben werde. Der Kongreß zeigte sich ebenfalls kompromißlos und lehnte 14 von Aristide für das Amt des Premierministers vorgeschlagene Kandidaten ab. Die derzeitige von den Putschisten eingesetzte Regierung versucht sich intern wie auch im Ausland zu legitimieren, indem sie den Artikel 87 der Verfassung bemüht, um ihre Machtübernahme zu rechtfertigen. Die breite Mehrheit der Bevölkerung jedoch unterstützt die Rückkehr von Aristide.

Haiti droht eine Hungersnot

Zwar verbesserte sich im Januar die prekäre wirtschaftliche und soziale Situation, die durch das von der OAS im Oktober beschlossene Embargo verstärkt wurde – zwei Öltanker hatten den Boykott durchbrochen und ermöglichten die Wiederaufnahme des öffentlichen Transportes und einiger Industrien gestatteten. Dennoch ist die Versorgung mit Nahrungsmitteln nicht gesichert. Vor allem in den ländlichen Gebieten droht eine Hungersnot. Bereits Hunderte von Menschen sind aus Mangel an Medikamenten gestorben. Hinzu kommen die Opfer der Repression nacch dem Militärputsch (ca. 2000 Tote) und das Drama der 15.000 Flüchtlinge (die sogenannten Boat People), die in improvisierten Booten auf das Meer hinausgefahren sind, um schließlich in Lagern in Guantanamo zu landen. Die Entscheidung des obersten Gerichtshofes der USA, die gewaltsame Repatriierung der Flüchtlinge zu genehmigen, hat einen internationalen Skandal ausgelöst, als die ersten Zurückgekehrten in Puerto Principe ankamen, ohne daß ausreichende Garantien für den Schutz der Flüchtlinge bestanden. Die Bush-Regierung argumentierte, daß es sich um Wirtschafts- und nicht um politische Flüchtlinge handele. Doch scheint dies nicht mehr als ein Vorwand zu sein. Zweifellos scheint die Flüchtlingswelle nach dem Putsch die USA jedoch bewogen zu haben, sich für eine Rückkehr Aristides nach Haiti einzusetzen – in der Erwartung, daß die Zahl der Boat People dann erheblich zurückgehen würde.

Erfolge und Fehler Aristides

Die brutale Unterbrechung der demokratischen Phase am 30. September, nach gerade sieben Monaten Dauer, hat Kreise um Aristide gezwungen, über ihre Vorgehensweise nachzudenken und die auch die Versäumnisse und Fehler zu reflektieren, die den Putsch ermöglichten.

Auf der Seite der Erfolge verbuchen die Aristide- Anhänger folgende Punkte: – Die öffentliche Sicherheit, die Grundrechte jedes Einzelnen wurde garantiert und eine Justizreform eingeleitet. – eine breite Teilnahme der Bürger*innen und Basisorganisationen sowie der Bauern und Bäuerinnen an der politischen Willensbildung. – Aufwertung der Nationalen Werte und Kultur sowie der Sprache „Creol“. – Modernisierung des Konzeptes und der Funktionen des Staates als Institution, die allen Bürgern dienen soll. – Einführung des Konzeptes der sozialen Gerechtigkeit in die Staatsphilosophie. – Wirkliche Integration der exilierten Haitianer*innen in das nationale Leben. – Die Reaktivierung der Staatlichen Unternehmen auf einer ökonomisch solideren Basis. – Veränderung der internationalen Beziehungen im Sinne von Souveränität und gegenseitiger Achtung, wodurch das Image des Landes geändert werden und eine Solidaritätsbewegung in Haiti entstehen könnte.

Bezüglich der Einbrüche und Fehler während des Prozesses meint die „Organizacion Lavales“ (vor einem Jahr gegründet, um eine Bewegung zur Unterstützung der Regierung Aristide zu organisieren), daß sie zum großen Teil auf fehlende politische Erfahrung zurückzuführen seien. Diejenigen, die die Regierung von Aristide bildeten, seien vor allem junge Leute ohne Erfahrung im Umgang mit politischer Macht gewesen .

Verpaßte Allianzen

In ihrer Bilanz räumt die „Organizacion Lavales“ drei zentrale Fehler der Regierung Aristide ein. Sie dem Zustandekommen von politischen Allianzen mit anderen demokratischen und „anti- duvallieristischen“ Kräften wie dem KONAKOM , dem PANPRA und dem MPOP nicht genügend Bedeutung beigemessen wurde. Sogar die Allianz mit der FNCO (Nationale Front für den Demokratischen Wechsel), eine politische Gruppierung, die die Kandidatur von Aristide unterstützt hatte, wurde fallengelassen. Die Organisation führt aus:“ Solche Allianzen mit klar definierter Basis hätte den sozialen und politischen Rückhalt der Regierung verbreitert. Sie hätte damit wichtige politische Kräfte und Kader aus den Mittelklassen und der Bourgeoisie zur Verfügung gehabt, womit sie bessere Karten in der Hand gehabt hätte, um dem militärischen duvallieristischen Machtblock und den vom vorherigen Regime begünstigten sozialen und wirtschaftlichen Gruppen entgegenzutreten.“

Ein zweiter Fehler war das Fehlen eines konkreten Regierungsprogramms. Zwar erarbeiteten Intellektuelle nach dem Wahlsieg ein konkretes Projekt aus, Aristide habe jedoch nicht darauf zurückgegriffen. Allein in der medizinischen Versorgung habe es ein umfangreiches Programm gegeben. Der Dritte von den Aristideanhängern angedeutete Fehler bezieht sich auf die organisatiorische Ebene: „Die Lavala Erfahrung litt unter der Abwesenheit von politisch strukturierten Parteien, die die Energie, Kreativität und reale Teilnahme der Volkssektoren aufnahmen, um sie in Richtung eines politischen Projekts zu lenken, und die Bewegung zur gesellschafltichen Veränderung zu stärken.“ Aufgrund der internen Teilungen und Konflikte mit der Regierung konnte der FNCD diese Rolle nicht übernehmen. Aus dieser Leere entstand die Organisation Lavalas, die aber selbst nicht über ein Anfangsstadium hinauskam. Viele erkannten die Notwendigkeit nicht und wichen vor dem „Kult der Spontaneität“, mit der Konsequenz, daß „die Energie der Massen zerstreut blieb.“

Ein schwieriges Kräfteverhältnis

Die Widersprüche, denen die junge Regierung ausgesetzt war, kennzeichnet die Organisation folgenendermaßen: „Auf der einen Seite eine Führung, v. a. von jungen Städter*innen gebildet, die Veränderungen herbeiführen wollte und von einer machtvollen gesellschaftlichen Bewegung unterstützt wurde, aber keine Erfahrung in Machtfragen besaß; sie erzwang Erneuerungen in der Verfassung zugunsten mehr Demokratie, die Dezentralisierung, die Alphabetisierung und die Agrarreform. Auf der anderen Seite standen die seit Jahren im Staatsapparat verankerten sozialen Kräfte, insbesondere das Parlament, die Rechtskräfte und die Streitkräfte, die durch ihre Zusammenstellung das vorherige Regime repräsentierten.“ Als einen ausgeklügelten Handel bezeichnet die Lavalas-Bewegung den Pakt, den Aristide mit den Streitkräften schloß. Er schlug den Militärs eine „Ehe mit dem Volk“ vor, die erlaubte, die Widersprüche zu vertuschen, und die Beziehungen zwischen Heer und Regierung zu vereinfachen. Genauso zwischen Büurger*innen und Soldaten, um eine Entspannung in den traditionell repressiven und konfliktreichen Beziehugnen zwischen dem Volk und den Militärs zu errichten.

Gleichzeitig erstellte er als Präventivmassnahme gegen eventuelle Putschversuche eine Präsidentengarde von Vertrauensleuten auf. Diese Politik wurde mit einem systamatischen Kampf gegen das Privilegiensystem, Schmuggel und Komplizenschaft mit dem Drogenhandel kombiniert, wodurch sich manche Offiziere bedroht fühlten.

Blockade des Parlaments

Die Organisation schließt mit der Einschätzung, daß diese Politik richtig war und einen gewissen Erfolg hatte, auch wenn sie den Putsh nicht verhindern konnte. Im Hinblick auf die Beziehungen zum Parlament erklärt die Organisation, daß die Exekutive und insbesondere der Premierminister Prevol nicht fähig waren, eine Politik der Annäherung und der Neutralisierung zu betreiben, um so die direkte Konfrontation zu verhindern. Dies hatte zur Folge, daß die systematische Opposition des Parlaments sich immer mehr zu einem kaum überwindbaren Hindernis für die Regierungsaktivitäten entwickelte. Die Organisation meint, daß sich die Opposition von Teilen der Bourgeoisie gegen die Aristide-Regierung allem auf die Ablehnung einiger Ideen über die Beteiligung des Volkes an der Regierungspolitik oder Ängste, die auf die wortreichen Reden des Präsidenten zurückzuführen sind, bezieht. Der Widerstand des Bürgertums sei weniger auf die konkreten Regierungsmaßnahmen zurückzuführen, die oft in dessen Sinne gewesen seien. Außer bei der Erhöhung des Mindestlohnes von 15 auf 26 Lourdes, die starke Proteste hervorrief, seien die Interessen der Bourgeoisie nicht beeinträchtigt worden. Als Beweis diene der Abschluß des Abkommens mit dem IWF, der die Richtung der Wirtschaftspolitik der Regierung vorgab.

Das Spektrum der Anti-Aristide-Allianz:

– Die reaktionären Kreise in den Streitkräften, die sich durch Korruption berreicherten. – Anhänger des früheren Diktators Duvalier (Duvalieristen), die um ihre Privilegien fürchten – Sektoren der Großbourgeoisie, die Privilegien im Steuer- und Zollsystem genießen, die Drogen- und Schwarzhändler – fast die gesamte politische Klasse, die von den Wahlergebnissen frustiert waren und sich mehrheitlich aus der traditionellen Bourgeoisie zusammensetzt, gemeinsam mit Personen, die sich an Staatsgeldern bereicherten – Eine Fraktion der Funktionäre der Mittelschicht, Opfer von öffentlichen Reformen und Maßnahmen gegen Korruption – Sektoren der haitianischen Elite und Verteidiger des Status Quo, an die traditionelle Bourgeoisie gebunden. – die katholische Hierarchie und Würdenträger der protestantischen Kirche, die durch den Vormarsch der „kleinen Kirche“ (Volkskirche) erschrocken sind. – verschiedene ausländische Kräfte, deren Interessen an das vorherige Regime gebunden sind.

EL SALVADOR

Marginalisiert und totgeschwiegen: Indígenas in El Salvador

– 2. Teil

In der Ausgabe POONAL Nr. 33 erschien der erste Teil eines Berichts über die Situation der Indigenas in El Salvador. Darin wurde in einem historischen Rückblick die Liquidierung der Indigena- Organisationen in den Massakern 1932 und die schrittweise Reorganisation der Bewegung beschrieben. Der zweite Teil konzentriert sich auf die Bemühungen der Ethnien, ihre Kultur und ihre Identität gegen einen als fremd angesehenen Staat zu verteidigen.

(Mexiko, Febr. 92, APIA-POONAL).- Die Unterwerfung durch die spanischen Eroberer und die 500 Jahre währende Kolonialisierung haben die Entwicklung der indígenen Kultur beeinträchtigt, zerstört wurde sie jedoch nicht. Die indigenen Völker haben ihren Glauben beibehalten. Sie verehren weiterhin ihre Gottheiten: die Sonne, die Mutter Erde, das Wasser, den Regen, das Feuer und den Mais. Ihre Zeremonien zelebrieren sie in einem heiligen Tempel, dem Tameshcal, der sich in San Ramon befindet, einige Kilometer von Sonsonate entfernt. Außerdem halten sie einmal im Jahr auf dem Berg El Tacuazin eine Feier ab, zur Ehre von Anastasio Aquino, einem der vier historischen Führer der salvadorianischen Indigenas, der 1833 einen Aufstand gegen den Präsidenten Mariano Prado anführte. Bei den Feiern tragen sie ihre traditionellen Kostüme mit Federschmuck, die aus dem Alltagsleben fast völlig verschwunden sind; sie musizieren mit Tambourins, Pfeifen, Marimbas, Geigen, Konzertinen und Gitarren und führen die überlieferten Tänze auf: den Schlangentanz, den Tanz der Hasen oder den Tanz der Federn.

Die Frauen organisieren sich

Eines der Elemente der Unterwerfung, die die indígenen Völker erleben, ist der Machismus: die Unterordnung der Frau unter den Mann. In der Rückbesinnung auf eigene Traditionen haben sich Frauen in den Kooperativen zusammengeschlossen und die „Koordination der Indigenen Frau“ gegründet. Ihr Ziel ist die gegenseitige materielle Unterstützung; sie planen Projekte, die Frauen mehr Unabhängigkeit verhelfen soll; und sie haben eine Diskussion mit den Männern über die Rollenverteilung initiiert. Die Initiativen, die den Frauen ein gößeres Maß an Selbstbestimmung verschaffen soll, wird auch den Familien insgesamt zugute kommen. Eine Gruppe von Frauen hat an Stoffwebkursen teilgenommen. Andere haben begonnen, Kunsthandwerk herzustellen. Das zusätzliche Einkommen wird nicht nur den Frauen, sondern vor allem den Kindern helfen und deren Erziehung, Bildung und medizinische Versorgung verbessern. Die Mütter übernehmen gleichsam die Rolle von Ausbilderinnen und geben ihr Wissen an die nachwachsenden Generationen weiter.

„Das ist nicht unser Krieg“

Die indigenen Völker haben versucht, in dem salvadorianischen Bürgerkrieg, der das Land elf Jahre lang erschütterte (im Dezember des vergangenen Jahres wurde ein Friedensabkommen unterzeichnet), neutral zu bleiben. Es war nicht ihr Krieg, sagen sie. Trotzdem blieben sie nicht von Gewalt und Terror verschont. Die Männer wurden zwangsrekrutiert, um in der Armee gegen die Rebellen der Befreiungsfront Farabundo Marti (FMLN) zu kämpfen. Für die Ernährung der Familie und die Babauung des Landes mußten die Frauen allein sorgen. Andererseits waren sie Zielscheibe von Angriffen der Armee und paramilitärischen Verbänden. Viele von ihnen wurden umgebracht, da sie ihr Recht auf Land einforderten. Und die Forderung nach einer gerechteren Verteilung des Landes war für die Regierung stets ein untrügliches Zeichen für Subversion und Unterstützung der FMLN.

Doch sie haben den Krieg zwischen den kämpfenden Parteien überlebt. Die Lencas von Cacaopera in Morazan etwa betonen stolz, daß sie elf Kriegsjahre zwischen den Fronten überstanden. Die Indigenaorganisation ANIS hat in Resolutionen stets die Beendigung des Krieges gefordert – und geriet allein dadurch in Verdacht, die Aufständischen zu unterstützen.

Das Unglück: Die „Entdeckung“ Amerikas

Die Indigenas haben 500 Jahre wirtschaftlicher, politischer und sozialer Diskriminierung überlebt und zumindest Teile ihrer Kultur erhalten. Und sie sind entschlossen, ihre eigenen Werte und Traditionen weiterhin zu verteidigen. Seit einiger Zeit veranstalten sie Treffen mit anderen indigenen Völkern Amerikas. Sie haben sich in Ekuador, Peru, Mexiko, Guatemala, Kanada und den Vereinigten Staaten versammelt, um eine Gegenkampagne gegen die offiziellen Feiern zur „Entdeckung“ Amerikas – oder ihres Unglücks, wie sie es bezeichnen – zu organisieren. Im Gegensatz zu Regierungspositionen, die eine Ehrung zur Anerkennung an Spanien, die „Madre Patria“ vorbereiten, werden sie an den Genozid erinnern, den die Indigenas seit der Ankunft Kolumbus` erlitten. Sie werden die brutale Kolonialisierung des Kontinents thematisieren, das Aufstülpen einer fremden Kultur, einer anderen Sprache, einer anderen Religion; und sie werden die Errungenschaften der Zivilisation benennen: die Sklaverei, die Zwangsarbeit, die Vernichtung. In einer Versammlung sagte der Führer von ANIS: „Sie kamen, um uns zu unterwerfen und zu beherrschen, mit dem Schwert in der einen und dem Kreuz in der anderen Hand…“

LATEINAMERIKA

Menschenrechte für Frauen

Ecuador, März 1992, alai-POONAL).- (Fortsetzung) Der Kampf für die Gleichberechtigung der Frau hat auch in Lateinamerika bereits Geschichte. Ein Kristalisationspunkt für Aktivitäten von Frauen ist der Kampf gegen Gewalt und deren Folgen. Der folgende Beitrag beschreibt, wie die peruanische Frauenbewegung begann, auf sexuelle Gewalt gegen Frauen zu reagieren und welche Strategien sie heute hat. Als erste Antwort auf die sexuelle Gewalt gegen Frauen entstand in peruanischen Frauen- und Volksorganisation ein spontaner Widerstand: In vielen Stadtteilen organisierten sich die Frauen. Mit Trillerpfeifen zogen sie in Gruppen zum Haus einer von ihrem Mann vergewaltigten Frau und stellten den Ehemann zur Rede. Auf Koordinationstreffen wurden verschiedene Möglichkeiten spontaner Widerstandsformen diskutiert. Kritik an dem spontanen Widerstand war, daß er zwar einen strafenden Charakter hatte, aber keine grundsätzlichen Lösungen brachten. Es entwickelte sich die Position: Wir sollten diese solidarischen Widerstandsaktionen beenden, um weitgreifender wirksam zu werden.

Auf einem feministischen Treffen 1983 wurde über die Möglichkeit diskutiert, nicht nur den Widerstand der Frauen gegen Gewalt und Vergewaltigung zu stärken sondern auch die Rechte der Frau. So entstand die Idee der Ausbildung von Rechts-Promotorinnen. Diese sollten die Frauenorganisationen bei Rechtsfragen beraten und Frauen über rechtliche Möglichkeiten informieren. In Floran Tristan begann die Arbeit mit Frauengruppen aus der Volksbewegung. Um trotz ihrer schlechte ökonomische Lage zu überleben, haben Frauen verschiedene Strategien entwickelt. So sind einige Frauen zu Führerinnen von Selbsthilfe-Organisationen geworden. Die Arbeit dieser Frauen konnte zum Beispiel auf dem Gebiet der Gesundheitsvorsorge unterstützt werden. Bei den Frauen entstand ein Bewußtsein bezüglich ihres Rechts auf Gesundheit und freiwillige Mutterschaft. Dadurch veränderte sich die traditionelle Beziehung zwischen Mutter und Kind.

Durch die Zusammenarbeit mit anderen Zentren, die mit Frauen arbeiteten, wurde die Diskussion über sexuelle Gewalt ausgeweitet. Langsam entwickelten sich Frauennetze, zuerst schlossen sich feministische Rechtsanwältinnen zusammen, um rechtliche Lösungen für diese komplizierte Problematik zu suchen. Es entstand die Idee, Reformen des Strafgesetzbuches vorzuschlagen. So war eine Forderung, Abtreibung zumindest im Falle von Vergewaltigung nicht zu bestrafen. Gefordert wurde hingegen höhere Strafen für Vergewaltiger. In der Kommission die schließlich das peruanische Strafgesetzbuch überarbeitete war dann aber keine Rechtsanwältin anwesend. So wurde lediglich die Strafe für Schwangerschaftsabbruch auf drei Monate reduziert. Zum ersten Mal entstand jedoch eine gesellschaftliche Diskussion über sexuelle Gewalt, kirchliche Vertreter, politische Parteien und gesellschaftliche Gruppen diskutierten über diesen Thema. Als Folge wuchs die Zahl der Anzeigen von Vergewaltigung. Als Erfolg einer koordinierten Arbeit von Frauen verschiedener Gruppen mit Parlamentarierinnen wurde ein Gesetz zum Schutz der Frau vor Vergewaltigung in der Familie erlassen. Neues Ziel der Frauenbewegung ist nach wie vor eine stärkere politische Partizipation, die feministische Debatte sollte auch auf lateinamerikanischer Ebene zu führen, um so zu größere Einflußräume zu schaffen.

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