Honduras

Poonal Nr. 031


Deutsche Ausgabe des wöchentlichen Pressedienstes lateinamerikanischer Agenturen Nr. 31 vom 17.02.1992

Inhalt


GUATEMALA

CHILE

HONDURAS

LATEINAMERIKA


GUATEMALA

Bombenanschlag auf StudentInnenvereinigung

(Guatemala, 7. Febr. 92, Cerigua-POONAL).- Auf den Sitz der Vereinigung der Universitätsstudent*innen Guatemalas (AEU) wurde ein Bombenanschlag verübt. Die Explosion erschütterte das Zentrum der Universitätsstadt Guatemalas in der Nacht zum 30. Januar, kurz bevor im Nachbarland El Salvador das Friedensabkommen in Kraft trat.

Zum Zeitpunkt des Attentates gegen das Gebäude der AEU wurde dort eine Demonstration vorbereitet, die an den 11. Jahrestag des Massakers in der spanischen Botschaft Guatemalas erinnern sollte. Damals hatte die Polizei 39 Menschen umgebracht, die die Botschaft besetzt hatten, um auf die Menschenrechtssituation in Guatemala hinzuweisen. Umgebracht wurden Landarbeiter*innen, Gewerkschafter*innen, Student*innen und spanische Diplomat*innen. In der Zeit nach dem Massaker wuchs der guatemaltekische Staatsterror, hunderte von Menschen wurden ermordet. Die Führung von Gewerkschaften, Menschenrechtsgruppen und vielen anderen Organisationen wurde zerstörte. Mehrere 100 Vertreter*innen der Student*innen wurden zwischen 1978 und 1984 umgebracht.

Neue Repressionswelle

Otto Peralta, Generalsekretär der StudentInnenvereinigung AEU, nannte den Anschlag einen deutlichen Beweis dafür, daß das Militär kein Interesse am Frieden habe. Das Attentat scheint Teil einer neuen Repressionswelle gegen die sozialen Bewegungen Guatemalas zu sein. So wurden Todesdrohungen gegen verschiedene Mitglieder von Gewerkschaften und Menschenrechtsgruppen bekannt. Absender der Drohungen ist eine Gruppe, die sich „Antikommunistische Vereinigung“ nennt. In der Nacht des Bombenanschlages ermordeten Todesschwadronen im Südosten der Hauptstadt vier Männer. Die Leichname wiesen Folterspuren auf. „Wir lassen Ihnen ein Geschenk in Las Calaveras“ informierten sie den Telefonisten der Feuerwehr.

Regierung schweigt

Die guatemaltekische Regierung schweigt bisher zu den Vorfällen. Die Rechtsabteilung der Armee gab hingegen bekannt, daß sie über die Möglichkeit nachdenkt, rechtlich gegen die „Verleumdung und Diffamierung“ durch den Generalsekretär der AEU, Otto Peralta, der dem Militär Mitverantwortung zuweist, vorzugehen. Die Androhung, ein Verfahren gegen Peralta einzuleiten,ist ein weiteres Druckmittel gegen diesen Studentenführer, der schon seit einem Jahr massiv bedroht wird. Peralta hatte vor der Menschenrechtskommission der UNO in Genf die Situation in Guatemala angezeigt. Einige Stunden vor dem Bombenattentat hatte der Rektor der Universität de San Carlos de Guatemala (USAG), Alfonso Fuentes, in einem Festakt zum 316. Geburtstag der Universität betont:“Unser Land muß demokratisch werden.“ Fuentes bekräftigte die Verpflichtung der Universität zu Demokratisierung, Frieden und Entwicklung und zum Kampf für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung.

Die Wäscherei der Narcodollars

(Guatemala, 11. Feb. 92, NG-POONAL). – Guatemala hat sich zu einer Wäscherei von Dollars entwickelt, die aus dem Drogenhandel kommen. Mit dieser Feststellung hat erstmals ein wichtiger guatemaltekischer Politiker die Verflechtung seines Landes in den internationalen Drogenhandel zugegeben. Der soeben gewählte Präsident des Kongresses der Republik, der Zentrumsabgeordnete Edmund Mulet Lesieur sagte, Guatemala sei außerdem schon der weltweit fünftgrößte Produzent von Mohnblättern. „Das Land ist nicht mehr nur ein Ort des Drogenumschlags, sondern auch ein Ort, an dem es Laboratorien gibt und große Mengen Marihuanas produziert werden.

Millionen mit Drogen

Mulet Lesieur gab bekannt, daß die guatemaltekischen Behörden, unterstützt durch das Ministerium für die Drogenkontrolle der Vereinigten Staaten (DEA), allein im Jahr 1991 Kokain im Wert von 226 Millionen Dollar eingezogen haben. Wenige Wochen vor der Veröffentlichung des guatemaltekischen Kongreßpräsidenten hatte die Justiz die Anklage gegen den früheren Bürgermeister der im Osten des Landes gelegenen Stadt Zacapa, Arnoldo Vargas Estrada, fallengelassen. Estrada war von der US- amerikanischen DEA des Drogenhandels mit der USA beschuldigt worden. Die Regierung von Washington hatte zudem die Auslieferung von Vargas gefordert, um ihn vor ein amerikanisches Gericht zu stellen.

CHILE

„Vernunftlösung“ im Fall Honecker gefordert

(Santiago, Febr. 92, ANCHI-POONAL). – Eine mögliche Auslieferung Honeckers an die deutsche Regierung hat der chilenische Außenminister Enrique Silva Cimma nicht ausgeschlossen. In einem Interview mit der chilenischen Tageszeitung „El Mercurio“ sagte der Minister, Honecker „könnte nach Chile einreisen, um seine Familie zu sehen. Aber er weiß genau, daß die deutsche Regierung in diesem Fall seine Auslieferung fordern könnte. Und Chile als Land, das internationalen Rechtsabkommen unterworfen ist, würde die Auslieferung bearbeiten.“ Enrique Silva Cimma wiederholte, daß das ehemalige DDR- Staatsoberhaupt nicht als Flüchtling nach Chile einreisen könne – wo seine Tochter, sein Schwiegersohn und seine Enkel leben – sondern „als Tourist“. Honecker habe Chile bislang nicht um Asyl gebeten. Der Minister betonte, daß er nicht wisse, wer Honecker aufgefordert habe, in die chilenische Botschaft zu kommen, „aber natürlich haben wir ihm nicht die Tür vor der Nase zugeschlagen“. Auf die Frage, ob die deutsche Regierung Druck auf Chile ausübe, Honecker auszuliefern, sagte Silva Cimma, es sei „unpassend, von Druck zu sprechen. Es hat bestimmt keinen Druck gegeben.“ Der chilenische Außenminister sprach sich für eine „Vernunftlösung“ des Falles Honecker aus.

Die chilenische Rechte formiert sich traditionsbewußt

(Santiago, Febr. 92, ANCHI-POONAL).- Neuer Präsident der konservativen Partei „Unabhängige Demokratische Union“ (UDI) ist Jovino Novoa. Der auf zwei Jahre gewählte Präsident hatte bereits während des Militärregimes des Generals Pinochet verschiedene öffentliche Ämter inne. Novoa sagte, daß er die Unabhängige Demokratische Union zur wichtigsten Oppositionspartei aufbauen wolle. Die UDI werde eine „legale Opposition“ sein, die der Regierung von Patricio Aylwin bei den nächsten Gemeindewahlen 1992 und den Präsidentschaftswahlen 1993 Konkurrenz machen wolle. Die UDI, die mit den politischen Ideen von Augusto Pinochet sympathisiert, repräsentiert einen großen Teil der politischen Rechten. Zu ihr gehören wichtige Guppen des chilenischen Unternehmertums. In der UDI kämpft beispielsweise Hernan Buchi, der Präsidentschaftskandidat der „Pinochetisten“. Buchi war Finanzminister der vergangenen Militärregierung. Er war unter anderem für die Durchsetzung der neoliberalen Wirtschaftspolitik verantwortlich.

Freihandel zwischen Mexiko und Chile: Ein Papiertiger?

(Santiago, Jan. 92, ANCHI-POONAL). – Pläne, die Handelsbarrieren in Lateinamerika abzubauen, gibt es reichlich. Auch Mexiko und Chile haben inzwischen einen „Freihandelsvertrag“ unterzeichnet, der den Warenaustausch zwischen den beiden Ländern ankurbeln soll. Dennoch bestehen weiterhin Barrieren, die den Freihandel blockieren. Die konservative chilenische Tageszeitung „El Mercurio“ hat jetzt die mexikanische Regierung kritisiert, durch Einschränkungen des Obstimports aus Chile den Geist solcher Abkommen zu unterlaufen.

In einem Leitartikel der Zeitung „El Mercurio“ wird kritisiert, daß die mexikanische Regierung „Einschränkungen gegenüber den nationalen Obstexporten unter dem Vorwand von Pflanzengesundheitskontrollen“ vorgenommen habe. Dies schränke den „Produktionswettbewerb“ durch ausländische Anbieter ein. Von dem Freihandelsabkommen erwarteten chilenische Unternehmer eine deutliche Steigerung ihres Obstexportes nach Mexiko. Eine Hoffnung, die sich nicht zu erfüllen scheint. Die Tageszeitung „El Mercurio“, die Teilen der konservativen chilenischen Unternehmerschaft nahesteht, kritisiert auch die politische Situation in Mexiko. In Mexiko seien tiefgreifende Veränderungen zur Reduzierung des Staatsapparates, zur Stärkung des Privatsektors und zur Ausweitung des Außenhandels nötig.

Japan ist wichtigster Handelspartner Chiles

(Santiago, Jan.92, ANCHI-POONAL).- Die meisten Geschäfte machten die Chilenen im letzten Jahr mit den Japanern. Wie Eduardo Moyano, Direktor des Amtes für internationale Außenhandelsbeziehungen Chiles jetzt bekanntgab, verkaufte das südamerikanische Land Produkte im Wert von 491 Millionen Dollar an die asiatische Nation. An die Vereinigten Staaten von Amerika exportierte Chile Waren im Wert von 480 Millionen Dollar. Deutschland nahm den dritten Platz ein: An die Bundesrepublik wurden Waren im Wert von 465 Millionen Dollar geliefert. Obwohl die Geschäfte schon besser liefen, bleibt die Europäische Gemeinschaft weiterhin die wichtigste Region im Handel mit Chile. Die Chilenen exportierten Waren im Wert von 2.670 Milliarden Dollar nach Europa. Dies waren 10,7 Prozent weniger als 1990. Chile exportiert hauptsächlich Rohstoffe und Nahrungmittel: Wichtige Exportartikel sind Kupfer, Holz, Früchte, Fisch und einige Getreidearten.

HONDURAS

USA üben schnellen Einsatz in Honduras

(Tegucigalpa, 10. Feb. 92, SHN-POONAL). – Auf Einladung der honduranischen Regierung werden nordamerikanische Truppen an einem militärischen Manöver teilnehmen. Die Regierung gab offiziell bekannt, die Übung mit dem Namen „Fuertes Caminos 1992“ werde bis zum Juni dieses Jahres dauern. Ziel der gemeinsamen Militäraktionen ist es, den schnellen Einsatz von Verbänden der USA in tropischen Zonen zu üben. Das Training sei, so ein Sprecher der honduranischen Regierung, „eine wertvolle Erfahrung für die koordinierte Arbeit mit Truppen der Vereinigten Staaten“.

Die Militärs wollen jedoch nicht nur verbrannte Erde zurücklassen. Der Regierungssprecher betonte die Aktivitäten, die sie „zur nationalen Entwicklung beitragen werden“. Im Klartext: Die Soldaten sollen auch zum Straßenbau eingesetzt werden. Truppen der Vereinigten Staaten, die der Reserve der Nationalgarde und der Luftwaffe angehören, werden gemeinsam mit dem Ersten Batallion der honduranischen Ingenieure Landstraßen in San Lorenzo, im Süden des Landes, und in Yoro, im Norden, zu Ende bauen.

Korruptionsskandal erschüttert Regierung

(Tegucigalpa, 10. Feb. 1992, SHN-POONAL).- Der honduranische Finanzminister Benjamin Villanueva ist in einen Korruptionsskandal verwickelt. Der Minister wird verdächtigt, daran beteiligt zu sein, das italienische Unternehmen Intertrade SPA um 4,4 Millionen Dollar geprellt zu haben. Die italienische Firma lieferte Fahrzeuge, Motorräder und andere Ausrüstungsteile im Wert von 4,4 Millionen Dollar nach Chile. Der Empfänger, eine chilenische Firma, die im Besitz des Ministers ist, bezahlte mit gefälschten, staatlichen Schuldscheinen. Auf den Scheinen stand die Unterschrift des Ministers. Bisher dementiert das zuständige Ministerium jegliche Mittäterschaft des Ministers, weigert sich jedoch auch, die entsprechenden Dokumente vorzulegen. Die diplomatische Vertretung Italiens in Honduras kündigte an, daß italienische Behörden den Betrug untersuchen werden, um die in den Skandal verwickelten Personen festzustellen.

„In 500 Jahren konnten sie uns nicht vernichten“

(Mexiko, Febr.92, ALAI-POONAL).- Seit einigen Jahren organisieren sich die verschiedenen Volksgruppen Honduras, um gemeinsam gegen ihre gesellschaftliche Diskriminierung zu kämpfen. Im folgenden Interview gibt Santiago Martínez, Direktor der honduranischen Beratungsstelle für die Entwicklung der autochthonen Ethnien (CAHDEA), Auskunft über Ziele und Probleme der Beratungsstelle. Martinez vertritt 27 Dorfgemeinschaften, die dem Verband der Xicaquenstämme von Yoro angehören.

Poonal: Was bedeutet die Conquista für Euch?

Santiago Martinez: Die Conquista ist eine bedauernswerte Tatsache. Menschen sind in unser Land eingedrungen, haben unsere Kultur vernichtet und die großen Reichtümer des Kontinents mitgenommen.

Poonal: Gibt es eine Bilanz des Kampfes der ethnischen Gruppen von Honduras nach den 500 Jahren?

Santiago Martinez: Auch wenn von Unabhängigkeit, Freiheit und Souveränität geredet wird, leben wir Indigenas seit 500 Jahren in einer Krise. Trotz der verschiedenen Kulturen, die uns überfallen haben, konnte man uns nicht ausrotten. Wir haben einiges verloren: Unsere Sprache gibt es nur noch in einem kleinen Gebiet in der Gegend von Montana de la Flor. Unser Land wurde uns zwar zum Teil bereits im Jahr 1874 auf das Gesuch des Presbiters Manuel de Jesús Subirana, der sich für die Indigenen eingesetzt hat, zugesprochen. Diese Eigentumstitel sind jedoch niemals durch den Staat geschützt worden. Die mächtigen Viehzüchter, Kaffeehändler und Landbesitzer haben sie an sich gerissen. Unsere Wälder sind der schönste Naturschatz unseres Volkes. Der Staat hat aber die Errichtung von Holzunternehmen zur Waldausbeutung genehmigt. Durch den Katholizismus und die protestantischen Sekten haben wir unsere Religion verloren. Sie haben unsere Mentalität durcheinandergebracht; nicht nur die des indigenen Volkes, sondern die des ganzen honduranischen Volkes.

Poonal: Wie können sich die ethnischen Gruppen wehren?

Santiago Martinez: Ausgangspunkt sind die Eigentumsrechte. Wir müssen unsere Landrechte vom Staat einfordern. Außerdem gibt es die simple uralte Feststellung, daß wir Indigenas die Eigentümer von ganz Honduras waren und bis heute auf die Benutzung kleiner Parzellen verwiesen worden sind.

Poonal: Gibt es einen organisierten Widerstand?

Santiago Martinez: Der organisierte Kampf der indigenen Völker für ihre Rechte hat 1977 begonnen. Inzwischen sind 14 Jahre vergangen und wir können immer noch nicht erkennen, daß sich etwas verändert hat: Die Regierungen verweigern uns die Rechte, die uns historisch und juristisch zustehen.

Poonal: Versucht der Staat, die Organisierung der indigenen Völker zu behindern? Werden Eure Organisationen verfolgt?

Santiago Martinez: Wir haben seit 1977 neun Compañeros verloren. Der letzte der sterben mußte, war der Präsidenten der Xicaquensyämme von Yoro. Man hat ihn getötet, weil er das Land verteidigt hat, das zur Dorfgemeinschaft gehört. Im Stamm Guajiniquil hat der Kazike Marcelino Nolasco sein Leben dabei eingebüßt, die Rechte seines Volkes zu verteidigen. Im Stamm der Guadarramas ist ein anderer Compañero umgebracht worden. Im Stamm Las Vegas wurde Martínez umgebracht, ebenso Alonso Montes vom Stamm Santa Marta und andere.

Poonal: Gegen wen müssen sich die autochthonen Völker am meisten zur Wehr setzen?

Santiago Martinez: Am meisten Probleme machen den indigenen Völker die großen Landbesitzer, die Viehzüchter und die Holz- und Kaffeehändler, die oft von Politikern unterstützt werden.

Poonal: Gab es in den 14 Jahren auch Erfolge?

Santiago Martinez: Dadurch, daß wir uns organisiert haben, werden wir respektiert. Durch die Arbeit unserer Organisationen haben wir erreicht, daß der Wald nicht weiter durch Holzfäller, die von Politik und Militär geschützt werden, geschlagen wird.

Poonal: Welche Ziele habt ihr in den Bereichen Ausbildung und Gesundheit erreicht?

Santiago Martinez: Wir haben wenig Schutz. Es gibt in den Gegenden in denen die autochthonen Völker leben, kaum Gesundheitszentren. Und die wenigen, die es gibt, bekommen keine Medikamente. Wir haben einige Schulen, aber oft kommen die Lehrer nur ein oder zwei Tage. So gehen unsere Kinder zwar zur Schule, aber sie lernen nichts. Die Unterrichtsinhalte werden vom Staat festgelegt. Den Kindern wird unsere eigene Geschichte vorenthalten. Vergessen werden beispielsweise auch die Menschenrechtsverletzungen.

Poonal: Gibt es eine Zusammenarbeit oder sogar einen Zusammenschluß zwischen der ethnischen Bewegung und den anderen Volksbewegungen?

Santiago Martinez: Nach dem Tod Vicente Matutes haben wir Anteilnahme und Unterstützung von anderen Gruppen erlebt. Wir vermuten, daß dieser Vorfall die indigenen Bevölkerungen aufrütteln wird. Wir hoffen, durch die übrigen Volksorganisationen bei unserem Kampf für unsere Rechte unterstützt zu werden.

Poonal: Welches Ziel haben die indigenen Bewegungen im Moment?

Santiago Martinez: Das größtes Bestreben der autochthonen Völker von Honduras ist es, sich stärker zusammenzuschließen. Ziel ist eine Institution: Die Nationale Koordination der Autochtonen Völker von Honduras. Später wollen wir uns dann anderen honduranische Volksorganisationen anschließen und dann auch internationalen Organisationen, um so mehr unterstützt zu werden.

LATEINAMERIKA

Ökologie und Entwicklung in Lateinamerika (2. Teil)

(Ecuador, Febr.92, Alai-POONAL).- Die systematische Vernichtung der autochthonen Völker Lateinamerikas während des 19. Jahrhunderts hat sehr wenig Vergleiche in der Geschichte. In unserem Jahrhundert wurden dann im Namen der „Entwicklung“ systematisch die Fundamente des natürlichen Lebensunterhaltes der Landbevölkerung zerstört. Campesinos und Indigenas wurden gezwungen, in Städte abzuwandern, die heute zu Metropolen des sozialen und ökologischen Elends geworden sind. In jeder lateinamerikanischen Stadt existiert, nicht mehr nur potentiell, ein Kalkutta.

Elende Metropolen

Die Realität in lateinamerikanischen Städten ist gleichzeitig die Konsequenz der weltweiten, ökologischen Vernichtung – was nur die „Wachstumsminister“ nicht wahrhaben wollen. Vielleicht gibt es keinen symptomatischeren Ausdruck der derzeitigen „Entwicklung“ als das Auftauchen der Cholera. Am meisten ist bisher Peru betroffen, ein Land, dem bis vor wenigen Jahren noch gute Entwicklungsmöglichkeiten bescheinigt wurden. Die Cholera ist ein symptomatischer Ausdruck, nicht nur weil sie die Kosequenz der Zerstörung der Natur und ihrer Bewohner ist. Die Cholera gilt als Krankheit des vergangenen Jahrhunderts. Ihr Wiederauftauchen ist also auch einer der offensichtlichsten Zeichen des „Fortschritts“. Die lateinamerikanische Entwicklung ist der Rückschritt in die Vergangenheit, nur unter schlechteren Bedingungen als zuvor.

Nach den „Zeiten der Cholera“ dürfte es nicht mehr viele Wirtschaftswissenschaftler geben, die weiterhin behaupten, daß der Schutz der Ökologie den „Fortschritt“ aufhalte. Doch die ökologischen Probleme anzugehen, würde die Verneinung der herrschenden Ideologie bedeuten, auf der die Entwicklungspolitik unseres Kontinents basiert. In kurzen Worten: Es würde bedeuten, den Bankrott des Entwicklungsgedankens anzuerkennen – sowohl den „rechten“ als auch den „linken“. Konkret hieße das, daß zahlreiche Investitionen in Programme zur „Entwicklung“ überflüssig waren.

Ökologie als Luxus

Bisher gilt ökologisches Denken in Lateinamerika noch vielfach als Luxus, den sich nur die reichen Länder leisten können. „Unser“ Hauptproblem sei die „Überwindung des Elends“. Das sei nur durch Entwicklung im Sinne von Wirtschaftswachstum möglich. Daß die Bewahrung der Natur eine andere Wirtschaftspolitik verlangt, ist ein „Detail“, das die absurde „Entwicklungswissenschaft“ nicht zu begreifen scheint. Die Industrialisierung um jeden Preis ist eine fanatische Besessenheit der Entwicklungswissenschaft. Die Zerstörung der sozialen Beziehungen, die sie beinhaltet, ist für ihre Vertreter ein Preis, der wegen des vermeintlichen ökonomischen Fortschritts bezahlt werden muß. Es gibt Gründe für das ablehnende Verhalten, das die Führungszirkel der lateinamerikanischen Länder gegenüber dem Umweltschutz einnehmen. Die Wachstumsökonomie und die Entwicklungtheorie existiert nicht nur in den Köpfen der Experten. Sie haben ihre Wurzeln auch in der jüngeren lateinamerikanischen Geschichte und haben dadurch soziale Bündnisse und Interessen entstehen lassen. Drei soziale Bündnisschemata sind zu unterscheiden.

1. Das traditionelle oligarchische Schema Die bestimmenden Gruppen sind die exportierende Landwirtschafts- und Bergbauoligarchie, ein wenig Mitspracherecht hat die Mittelschicht. Im oligarchischen Mexiko wurden beispielsweise zu Beginn des Jahrhunderts unter Porfirio Díaz intensive Industrialisierungsprojekte durchgeführt. Auch in Argentinien, einem der höchstindustrialisierten Länder des Kontinents, wurde die Industralisierung von oligarchischen Gruppen vorangetrieben. Typisch für die Modernisierung des oligarchischen Typs ist ihr „Enklave“-Charakter: Das ausländische Kapital erreicht enorme Bedeutung.

2. Das populistische Nationalschema Als Folge der weltweiten Wirtschaftskrise Ende der 20er Jahre und des dadurch eingeschränkten Welthandels mußten viele Länder die fehlenden Importe ersetzten. Die Politik der Importsubstitution fiel in Lateinamerika mit dem Aufstieg der Mittelschicht und in einigen Fällen (Argentinien, Chile, Mexiko) eines kleinen Teiles der gewerkschaftlich organisierten Arbeiterbewegung zusammen. Zu Beginn der dreißiger Jahre versuchten Wirtschaftswissenschaftler*innen, die in Institutionen wie dem Forschungsinstitut CEPAL organisiert waren, eine theoretische Grundlage der Importsubstitution zu erarbeiten. Ihr Ziel war die Industrialisierung. In bestimmten Etappen des Wirtschaftswachstums sollte die „Entwicklung“ einiger europäischer Länder, speziell Englands, nachgeholt werden. Industrialisierung wurde ein Synonym für „Streben nach Entwicklung“. Es war unmöglich, diese Industrialisierung durchzusetzen ohne die Interessen der alten Oligarchien zu gefährden. In den fünfziger Jahren begannen also Wissenschaftler*innen, die Notwendigkeit struktureller antioligarchischer Reformen zu betonen. In einigen Ländern wie Chile oder Peru wurden Agrarreformen durchgesetzt. Ergebnis des Modells war letztlich die wirtschaftliche und politische Instabilität. Als Reaktion entstand ein drittes Modernisierungsprojekt: Der Neoliberalismus.

(Fortsetzung folgt.)

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