Argentinien

Polizei geht gegen Straßenhändler*innen vor


Frau protestiert mit Schild

Seit Jahren versucht die Stadtverwaltung von Buenos Aires, Händler*innen von den Straßen zu vertreiben. Hier ein Protest gegen die Räumung in der Straße San Temo 2010, als der jetzige Präsident Macri noch Verwaltungschef von Buenos Aires war. Foto: Flickr/Montecruz Foto (CC BY-SA 2.0)

(Montevideo, 11. Januar 2017, la diaria).- Am 10. Januar kam es im Stadtteil Once in Buenos Aires zu heftigen Zusammenstößen zwischen Straßenhändler*innen und Sicherheitskräften, bei denen zwei Personen verhaftet und drei verletzt wurden. Verletzt wurden zwei Polizisten und ein Fotograf der Tageszeitung Crónica, der von einem großen Knallkörper getroffen wurde, während er von der Demonstration berichtete. Die Straßenhändler*innen protestierten gegen die Räumung ihrer Verkaufsstände auf der Straße, die in den frühen Morgenstunden mit einem Polizeieinsatz begonnen hatte, bei dem auch Schlagstöcke eingesetzt wurden und der von verschiedenen argentinischen Medien, wie der Nachrichtenagentur Télam, als “hart” bezeichnet wurde.

Die Räumung war von Luis Cevasco angeordnet worden, dem Generalstaatsanwalt der Stadt Buenos Aires, der dem hauptstädtischen Amt für Sicherheit und Justiz die Anweisung gegeben hatte, Straßenverkaufsstände an der Straßenkreuzung der Avenidas Corrientes und Pueyrredón im Stadtviertel Once zu „verhindern“. Die Tageszeitung Página 12 zitierte offizielle Quellen, nach denen insgesamt 2.000 bis 2.500 Stände abgebaut worden seien und es in verschiedenen Verkaufsbuden zu Razzien gekommen sei, bei denen Produktfälschungen beschlagnahmt worden seien.

Proteste gegen die Räumung von Verkaufsständen

Die Reaktion der Straßenhändler*innen erfolgte gegen 9 Uhr mit einer Blockade der beiden belebten Straßen Pueyrredón und Rivadavia. Ihre Hauptforderung war, dass man sie weiter ihren Geschäften nachgehen lasse solle. Die Händler*innen blockierten die Fahrbahn und zündeten Mülltonnen an, was zu einem Verkehrschaos in dem betroffenen Gebiet führte. Die Entscheidung zur Blockade sei getroffen worden, nachdem ein Treffen zwischen zwei Straßenhändlern mit Angestellten der staatlichen Kontrollbehörde gescheitert war und keine gütliche Einigung zustande gekommen sei, so die Nachrichtenagentur Télam.

Drei Stunden später entschloss sich die Polizei, bei den Demonstrationen einzugreifen und das Gebiet zu räumen. Als Antwort warfen die Demonstrant*innen Steine und verbrannten Autoreifen, die Polizei reagierte mit Gummigeschossen, Pfefferspray und Wasserwerfern.

Umsiedlung des Straßenverkaufs

Angesichts dessen bot die für die Nutzung des öffentlichen Raumes in Buenos Aires zuständige Staatssekretärin Clara Muzzio den Straßenhändler*innen an, sie könnten sich registrieren lassen, um dann ihre Waren und Produkte auf einem der Plätze zu verkaufen, die die städtische Behörde für die Umsiedlung der Straßenhändler*innen vorgesehen habe. Weiterhin erklärte sie, die Behörde verhandle nur mit „Straßenhändler*innen, die in guter Absicht handelten“ und nicht mit „Organisationen“ und „gewalttätigen Personen“.

Doch die Mehrheit der Straßenverkäufer*innen hält dies nicht für eine gute Lösung. In einem Interview erklärte Omar Guaraz, Mitglied der Organisation Freier Straßenhändler*innen, dass die Regierung von Buenos Aires in den letzten fünf Jahren mehr als 6.000 Straßenhändler*innen verdrängt habe. „Alle sind jetzt ohne Arbeit. Wir widersprechen kategorisch der angeblichen Umsiedlung durch die Regierung. Von Seiten der Regierung gab es für niemanden eine Lösung,“ fügte Guaraz hinzu.

Gemeinsame Gestaltung des öffentlichen Raums

Gabriela Olguín, Mitglied der Vereinigung Arbeiter*innen im öffentlichen Raum, äußerte sich ähnlich gegenüber der Zeitung Página 12: „Es ist schwierig, uns von der Straße zu holen, wo der ganze Publikumsverkehr ist, um uns dann in Verkaufsbuden umzusiedeln.“ Olguín schlug als Alternative vor, man solle „Runde Tische bilden, an denen alle Beteiligten sitzen sollten, also Arbeitervereinigungen, die Behörden, die Handelskammern, die Nachbarschaftsvereinigungen“, denn man müsse den „Verkauf und den öffentlichen Raum gestalten und ordnen“; aber das gehe nicht mit Repression.

CC BY-SA 4.0 Polizei geht gegen Straßenhändler*innen vor von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

Das könnte dich auch interessieren

Argentinischer Aktivist bleibt verschwunden Von Jessica Zeller und Darius Ossami Wo ist Santiago Maldonado? Am 1. September, einen Monat nach Verschwinden des Aktivisten, protestieren Argentinier*innen auf der ganzen Welt. Hier auf dem Berliner Wittenbergplatz in Berlin, unweit der argentinischen Botschaft. Foto: Jessica Zeller (Berlin, 7. September 2017).- In Argentinien herrscht weiterhin Unklarheit über den Verbleib von Santiago Maldonado. Am 1. August war der linke Aktivist bei Protesten der indigenen Mapuch...
Wo ist Santiago Maldonado? Hier, in der Gemeinde Pu Lof im Süden Argentiniens, wurde Santiago Maldonado zuletzt gesehen. Foto: Anred.org Von Darius Ossami (Berlin, 16. August 2017, npl). Seit dem 1. August ist der 28-jährige Santiago Maldonado nach einem Polizeieinsatz in Patagonien spurlos verschwunden. Maldonado ist ein linker Aktivist aus dem Großraum Buenos Aires, der seit einigen Monaten in Patagonien lebt und schon mehrfach an Protestaktionen der Mapuche teilgenommen hat. Er hatte sich unt...
Cracolândia: Hilfe und Repression im Land des Cracks Polizeiaktion am 11. Juni in Cracolândia. Foto: Fotospublicas.com/Mastrangelo Reino/A2img (CC BY-NC 2.0) Im Norden der Innenstadt von São Paulo liegt Cracolândia, das Land des Cracks. Das Viertel ist in ganz Brasilien ein Symbol für die Drogenepidemie im Land. Ein städtisches Hilfsprogramm zeigte in den letzten Jahren viel beachtete Erfolge. Doch damit ist nun Schluss: Der neue, rechtsgerichtete Bürgermeister setzt wieder ganz auf Vertreibung und Bestrafung. Und das wohl ni...
Spioniert Mexiko Journalist*innen und Menschenrechtsgruppen aus? Die bekannte mexikanische investigative Journalistin Carmen Aristegui hatte schon mehrfach mit Repression zu kämpfen. Hier bei protestierenden Arbeiter*innen auf dem Zócalo in Mexiko-Stadt 2010. Foto: Wikipedia (Mexiko-Stadt/Berlin, 21. Juni 2017, desinformémonos/poonal).- Am Montag, 19. Juni hat die New York Times den Artikel "wir sind die neuen Staatsfeinde" veröffentlicht, eine Reportage über Spionage gegen Aktivist*innen und Journalist*innen in Mexiko. Dort wird dokum...
Verhaftung von kanadische Aktivistin bleibt rechtmäßig Jennifer Moore von Mining Watch Canada. Foto: Servindi (Lima, 1. Juni 2017, servindi).- Die Verhaftung der kanadischen Umweltaktivistin Jennifer Moore bleibt vorerst rechtmäßig. Das hat die erste Strafkammer des Obersten Gerichtshofes in Lima beschlossen. Die Aktivistin war am 21. April in der peruanischen Stadt Cusco vorübergehend festgenommen worden, nachdem sie dort einen Dokumentarfilm präsentiert hatte, der sich kritisch mit den Auswirkungen des Bergbauunternehmens H...

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.