Peru

Peru: Protest gegen rassistischen Werbespot


Protest vor dem Laden von Saga Falabella
Foto: Ciudadanos Luchando Contra el Racismo, facebook

(Lima, 8. September 2018, Servindi).- Am 9. September rief das Kollektiv „Bürger*innen im Kampf gegen den Rassismus“ zu einem symbolischen und friedlichen Protest vor dem Laden von Saga Falabella auf. Auslöser war ein Werbespot der Firma, in dem eine junge afroperuanischen Frau namens Valeria mit schlechtem Geruch und Schmutz in Verbindung gebracht wird.

Der Rassismus in dem Werbespot von Saga Falabella „zieht sich seit langem durch die Werbung des Unternehmens. Die Stereotypen von Schönheit, Erfolg und Familienglück werden hellhäutigen Menschen zugeordnet“, steht in dem Aufruf zum Protest geschrieben. „In den letzten 20 Jahren wurden Unterschriften gesammelt, Boykottaufrufe gestartet und Treffen mit der Leitung von Saga Falabella organisiert, aber außer vagen Versprechungen und vereinzelten Darstellungen von Peruaner*innen mit andinischem, asiatischem oder afroperuanischem Aussehen, bleibt das Konzept erhalten“, sagen Mitglieder des Kollektivs.

Keines der vier involvierten Unternehmen (Werbefirma Circus Grey, Filmunternehmen Quántico, Drimer und das Unternehmen Saga Falabella selbst) hat sich bisher für den Werbespot entschuldigt. Der Protestaufruf endet mit den Worten: „Es scheint so, dass die Verantwortlichen nicht in der Lage sind, das Ausmaß der Empörung, das sie in der Bevölkerung hervorrufen, einzuschätzen.“

Offener Brief an alle Valerias

Ein Zusammenschluss aus verschiedenen sozialen Einrichtungen und Menschenrechtsorganisationen haben einen offenen Brief an alle Valerias verfasst, der sich gegen kolonialistische, rassistische und sexistische Denkmuster stellt, die immer noch fortdauern.

„Wir schreiben diesen offenen Brief an alle Valerias, wir erinnern uns an all die Male, wo du, ich, wir diese Valeria waren; an alle Male, wo wir durch ungestraften Rassismus belästigt wurden. Wir laden euch ein gemeinsam voranzuschreiten, aus verschiedenen Richtungen, mit unserer Präsenz und unserem Wort:

Liebe Valeria, wir schreiben dir, weil die Wut in unseren Worten röhrt, weil unsere Erinnerungen brodeln und schmerzen. Es ist unsere Aufgabe, mit diesen offenen Geheimnissen zu brechen. Peru ist ein zutiefst rassistisches Land und deine Mitbewohnerin ist eine mehr von diesen Bürgerinnen, die mit ihrer Gewalt prahlt und damit völlig ungeschoren davonkommt. Die Firmen, die diesen Spot gedreht haben, haben Null Kreativität in ihrer Arbeit gezeigt, dafür um so mehr Rassismus. Und das wissen sie sehr wohl. Sie versuchen unsere Verteidigung zu delegitimieren, denn auch sie sind Teil des Systems, das das kolonialistische, rassistische und sexistische Denken weiter verbreitet.

Wir laden dich ein, um uns auszutauschen, uns zu unterstützen, denn dieser normalisierte und naturalisierte Rassismus ist eine heftige Verletzung der Menschenrechte und stellt in Peru eine Straftat dar, die aber nicht verfolgt wird. Denn der Staat, der unsere Rechte schützen sollte, nimmt sie nicht ernst und macht sich damit zum Komplizen.

Wunderschöne Valeria, du sollst bedenken, dass die Vorurteile und Stereotypen gegenüber der Afro-Bevölkerung und schwarzen Frauen dazu führen, dass unsere Körper weiterhin verdinglicht, und entmenschlicht werden durch eine rassifizierende Perspektive (auf die vermeintlich „Andere“, Anm.d.Ü.). Ein Sammelsurium an negativen Darstellungen, die zutiefst gewaltvoll sind, ist eine Folge. Rassismus tötet!

Die pluri- und interkulturelle Vielfalt in Peru, mit unterschiedlichen Gewohnheiten, ist das, was das Land groß macht und was uns mit Stolz erfüllen soll, mit dem 200. Jahrestag vor Augen sogar noch mehr. Doch wir brauchen mehr als Stolz, wir müssen unsere Körper dekolonialisieren, unsere Köpfe, um uns als Land neu zu erfinden und die Strukturen destabilisieren, die das rassistische, unterdrückerische, LGBTI-feindliche und femizid-freundliche System aufrechterhalten. Wir müssen diese abwegige Idee, dass Weißsein für Überlegenheit, mehr Sauberkeit, Schönheit, Kultiviertheit, Moderne und Staatsbürgerlichkeit steht, problematisieren. Es besteht kein Zweifel daran, dass die Rassifizierung eine entscheidende Rolle in Machtbeziehungen und der Konstruktion von Staatsbürgerlichkeit spielt.

Die Hautfarbe stellt weiterhin das mächtigste Werkzeug des perversen Systems der Diskriminierung dar und ist ausschlaggebend für die Erfahrungen der Ausgrenzung von schwarzen und Afro-Frauen. Ohne zu übertreiben, wiederholen wir: Rassismus tötet! Mit einem Arsenal von Ungleichheit, Unterschätzung, entmenschlichten Darstellungen; mit Artillerien aus Hunger, Armut, Beschimpfungen, Kontrolle, Stereotypen, Witzen, ausgehend von mächtigen und ungestraften Rassisten, die den Schießbefehl auf unsere Körper geben.

Liebe Valeria, wir bestehen weiterhin auf die Notwendigkeit eines antirassistischen Staates, der Rassismus bestraft, vorbeugt und ihn als Straftat anerkennt (…), damit das Recht auf ein Leben frei von Diskriminierung geschützt wird. Wir sind sicher, dass wir den Rassismus und das Patriarchat gemeinsam stürzen werden. Bis bald“

Unterzeichnende Gruppen

Presencia Y Palabra: Mujeres Afroperuanas

Centro de Desarrollo Étnico – CEDET

Coalición de mujeres negras feministas

Amador Ballumbrosio Centro

Orlando Sosa Lozada

@Emma Jones: afrodescendientes trabajando por la inclusión y DD.

II Paro Internacional de Mujeres – Perú

Brenda Carpio Martinez

La Chola Negra

Ruray – Colectiva Feminista Barrial en SMP

Movimiento Manuela Ramos

Natalia Barrera Francis

Jazmín Reyes Paredes

Colectivo Afrolgbtiq+

Retratos de Identidad

Den rassistischen Werbespot findet ihr hier.

CC BY-SA 4.0 Peru: Protest gegen rassistischen Werbespot von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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