Uruguay

Pandora


von Lourdes Rodríguez

Archiv / Milintoc, flickr(Montevideo, 30. Juni 2011, la diaria-poonal).- Das US-amerikanische Nationalarchiv NARA (National Archives and Records Administration) hat zugesichert, eine Reihe von Dokumenten über Uruguay, die während der Diktaturzeit archiviert worden waren, freizugeben. Die Überstellung der Dokumente erfolgt auf Antrag des uruguayischen Außenministeriums.

 

Carlos Osorio ist Professor an der George Washington University GWU in Washington D.C., Mitarbeiter des dort angesiedelten regierungsunabhängigen Nationalen Sicherheitsarchivs NSA (National Security Archive) und Leiter des Dokumentationsbereichs Cono Sur (südliches Südamerika) an diesem Institut. Gegenüber “la diaria” erklärte Osorio, welche Dokumente realistischerweise freigegeben werden könnten und welche Bedeutung diese möglicherweise für Uruguay haben.

„Paket“ wird 2012 erwartet

Im Rahmen einer Konferenz an der uruguayischen Universidad de la República mit dem Thema „Freigabe und Digitalisierung von Archivmaterial über Diktaturen und Menschenrechtsverletzungen im südlichen Teil Südamerikas: der Beitrag des Nationalen Sicherheitsarchiv NSA“ (Desclasificación y digitalización de archivos sobre las dictaduras y las violaciones a los derechos humanos en el Cono Sur de América Latina: el aporte de NSA) im Jahr 2008, hatte sich Osorio bereits zu möglichen Gründen für eine nicht erfolgte Freigabe geäußert. Der Experte konstatierte damals, dass Uruguay in bestimmten Fällen keinen Zugang zu NARA-Dokumenten erhalten habe, weil die uruguayische Regierung keinen entsprechenden Antrag gestellt hatte.

Während dieser Zeit führte Osorio Gespräche mit der Verwaltung des damaligen uruguayischen Präsidenten Tabaré Vazqúez. Ziel dieser Unterredungen war es, einen Antrag auf Freigabe von Dokumenten bei der NARA zu stellen. Schließlich stellte das Außenministerium der gegenwärtigen Regierung Uruguays im November 2010 einen solchen Antrag ‒ nachdem die Organisation der Mütter und Familienangehörigen von Verschwundenen-Gefangenen Uruguayer*innen (Madres y Familiares de Uruguayos Detenidos Desaparecidos), kurz „Familiares“ genannt, dies von Außenminister Luis Almagro gefordert hatte.

Kürzlich war nun zu erfahren, dass das US-Nationalarchiv NARA diesem Antrag zugestimmt hat. So soll im Jahr 2012 ein „Paket“ nach Uruguay überstellt werden. Inhalt: freigegebene Dokumente über Uruguay aus der Diktaturzeit.

Kompliziertes Prozedere

Ignacio Errandonea, Mitglied der Organisation „Familiares“ erklärte gegenüber “la diaria”, dass das uruguayische Außenministerium von der Vereinigung der „Familiares“ nun eine genaue Aufstellung über die von der Organisation gesuchten Informationen fordere.

Diese Forderung bedeute einen enormen Aufwand für die Familienangehörigen, erklärte Errandonea. Vor allem gelte dies in Anbetracht der Tatsache, dass niemand Einblick habe und wissen könne, welche Dokumente und Informationen vorliegen und zur Verfügung gestellt werden könnten. Außerdem sei man auf die Unterstützung von Expert*innen angewiesen.

Wert der Dokumente „nicht vorhersehbar“

Auch Osorio erklärte auf Anfrage von “la diaria”, dass nicht vorhersagbar sei, welche Dokumente das US-Archiv schicken werde. Er betonte, die Dokumente könnten sowohl sehr wertvoll oder aber auch komplett wertlos bzw. unbrauchbar sein. Der Experte für Archivunterlagen zu Uruguay erklärte, es gebe drei Gruppen von möglicherweise nützlichen Dokumenten:

In Register 59 des US-Nationalarchivs finden sich Telegramme, die zwischen Botschaften und dem US-Außenministerium ausgetauscht worden waren. Register 84 enthält Botschaftsdokumente, die nicht notwendigerweise per Telegramm ausgetauscht worden waren; Berichte von Konsuln, politischen Berater*innen oder Sicherheitsberater*innen.

Pandora

Die dritte Gruppe besteht aus Dokumenten des Registers 286. Dort finden sich Papiere der Sagengestalt der Pandora mit der Dose unbekannten Inhalts, gemalt von J. J. Lefebvre, wikipediaUS-Agentur für Internationale Entwicklung US-AID (Agency for International Development). Hierbei geht es um das in den 60er und 70er Jahren auf Initiative von Dan Mitrione entwickelte Programm für Öffentliche Sicherheit OPS (Office of Public Safety). Osorio erinnerte daran, dass dieses Programm auf Antrag des US-Kongresses im Jahr 1974 ausgesetzt worden war, weil nach deren Ansicht Foltertrainings für Polizist*innen und Geheimdienstler*innen in verschiedenen Ländern zu dem Programm gehörten.

„Wenn Dokumente aus diesen Bereichen geschickt werden, ziehe ich den Hut und applaudiere“, so Osorio. Er erklärte, dass Teile dieser Unterlagen bereits im Rahmen eines Erlasses der Clinton-Regierung freigegeben worden waren, um Aufklärung über die US-Außenpolitik zu erlangen.

„Genau dies ist auch die Aufgabe des US-Nationalarchivs NARA“, unterstrich Osorio. Während der Regierungszeit von George Bush war auf Betreiben der Regierung Panamas das Register 84 geöffnet worden, um es für die dortige Wahrheitskommission zu nutzen. In Uruguay hatte die Richterin Mariana Mota acht Dokumente aus dem US-Archiv als Beweise für die Verurteilung des Diktators Juan María Bordaberry, wegen Angriffs auf die Verfassung (Atentado a la Constitución) herangezogen.

„CIA hat keine Dokumente freigegeben“

Bezüglich der Kriterien, nach denen das US-Nationalarchiv Unterlagen freigibt, seien Dokumente des Außenministeriums am leichtesten zugänglich, so Osorio. Im Gegensatz dazu hält er eine Freigabe der Materialien des Geheimdiensts CIA oder des Verteidigungsministeriums (Pentagon) für sehr unwahrscheinlich.

“Die Situation unter der Regierung Barack Obamas stellt keine Unterstützung bei der Freigabe von Dokumenten dar, die mit Menschenrechtsfragen in Verbindung gebracht werden“, so die Einschätzung des Experten, der hinzufügt: „Der CIA hat keine Dokumente aus dieser Zeit freigegeben. Bis heute gibt es Personen im diplomatischen Dienst, die das nicht wollen, weil sie darin die Gefahr einer Belastung der Beziehungen zwischen den USA und Uruguay sehen. Für die USA war Uruguay ein Pilotprojekt für die mögliche Einführung einer kapitalistischen Gesellschaft. Aus diesem Grunde wurde die Situation in Uruguay während der Zeit der Diktatur sehr genau beobachtet. Es muss betont werden, dass wir nicht viel erwarten können ‒ aber, hoffentlich irre ich mich.“

[Der Artikel erschien am 30 Juni 2011 in der uruguayischen Tageszeitung „la diaria„.]

 

alt

CC BY-SA 4.0 Pandora von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.


Das könnte dich auch interessieren

„Ich will ins Netz“: Schnelles Internet als Menschenrecht Gibt es ein Grundrecht auf schnelles Internet? Diese Frage ist nicht neu. Während in Deutschland ein Rechtsanspruch auf schnelles Internet ab dem Jahr 2025 angestrebt wird, haben andere Länder längst Fakten geschaffen. Nicht nur digitale Streber wie Finnland und Estland, nein auch die Philippinen und Brasilien haben sich sich bereits vor Jahren per Gesetz zum Internet für alle verpflichtet. Zumindest auf dem Papier. Denn um auch das letzte Atoll oder den hintersten Winkel des...
Das Jahr fängt nicht gut an: Verschwundene und Ermordete in Mexiko Von Nina Aretz (Berlin, 2.Februar, npl)-. Gerade 13 Tage war das Jahr 2018 alt, als in Mexiko der erste Journalist des Jahres ermordet wurde. Maskierte Unbekannte stoppten am 13. Januar 2018 das Auto des Journalisten Carlos Domínguez Rodríguez im Zentrum von Nuevo Laredo, Tamaulipas und erschossen ihn am helllichten Tag. Die Familienmitglieder, die sich im Auto befanden, mussten dem Mord tatenlos zusehen. Der erste Mord an einem unabhängigen Journalisten Carlos D...
Veracruz: In sieben Jahren 346 geheime Gräber gefunden Von Gerold Schmidt (Mexiko-Stadt, 31. Januar 2018, npl)-.Der Generalstaatsanwalt des Bundesstaates Veracruz, Jorge Wincker Ortiz, berichtete vor dem lokalen Parlament über die Funde der Überreste von mutmaßlich ermordeten Personen. Demnach sind in 44 der 212 Landkreise des Bundesstaates insgesamt 346 geheime Gräber entdeckt worden, in denen sich Skelette, Schädel und zehntausende Knochenteile befanden. Der Großteil der Funde, die vielfach nur aufgrund der gemeinsamen S...
Brasilien – Statt fortschrittlicher Migrationspolitik Kriminalisierung von Flüchtenden Vielen Flüchtenden gilt Brasilien wegen seiner Gastfreundschaft als ideales Fluchtland. Doch wer dort Asyl bekommt, ist oft mit vielerlei Vorurteilen konfrontiert. Derzeit sind es vor allem Menschen aus Venezuela, die die Grenze Richtung Brasilien überschreiten und – vorerst – bleiben wollen. Die Zahl der Asylanträge ist 2017 in die Höhe geschnellt. Und die neue, konservative Regierung setzt alles daran, künftig die Flucht in Land zu erschweren.  Den Poonal-Artikel zu dies...
Uruguay: Zwischen Straflosigkeit und Aufklärung Uruguay ist heute eine der fortschrittlichsten Demokratien der Welt. Doch hat es das Land geschafft seine jüngere Geschichte aufzuarbeiten? Wenn die Vergangenheit unter Beteiligung der Zeitzeugen aufgeklärt werden soll, dann ist jetzt die letzte Chance, denn sowohl Täter, als auch Opfer werden nicht mehr lange leben... Wir hören einen Beitrag von Valentin der Negri. Er wagt einen Rückblick auf die Militärdiktatur der siebziger und achtziger Jahre und geht der Frage nach, wi...

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.