Mexiko

Oberster Gerichtshof spricht wegen Abtreibung verurteilte Indigene frei


Freigesprochene Adriana Manzanares / Foto: cayetano-silvia-castillo milima, medio a medio/Sinembargo(Mexiko-Stadt, 23. Januar 2014, cimacmedio a medio-poonal).- Der Oberste Gerichtshof in Mexiko ordnete am 23. Januar die sofortige Freilassung von Adriana Manzanares Cayetano an, einer jungen Indigenen aus dem Bundesstaat Guerrero, die nach einer Abtreibung zu 22 Jahren Gefängnis verurteilt worden war und ihre Haftstrafe im Gefängnis von Chilpancingo absaß. Der Gerichtshof traf ein einstimmiges Urteil zugunsten von Adriana Manzanares und begründete seine Entscheidung damit, dass die Beschuldigte kein faires Verfahren gehabt habe.

Freispruch: Adriana Manzanares hatte kein faires Verfahren erhalten

Zu den Unregelmäßigkeiten im Prozess zählten die Richter*innen, dass der jungen Frau kein Dolmetscher bzw. keine Dolmetscherin zur Seite gestellt worden war.

Manzanares, die aus dem Bezirk Ayutla de Los Libres im südmexikanischen Bundesstaat Guerrero stammt, ist gegenwärtig 27 Jahre alt. Die letzten sieben Jahre verbrachte sie im Gefängnis von Chilpancingo, wo sie eine Haftstrafe wegen “Mordes im Familienbereich” [in diesem Fall das ungeborene Kind; Anm. d. Ü.] von ursprünglich 27 Jahren verbüßt, die nach einer Berufung auf 22 Jahre reduziert worden war.

Anzeige erfolgte durch die eigene Familie

Adriana Manzanares war, nachdem ihr Ehemann in die USA emigriert und jahrelang abwesend gewesen war, von ihrer neuen Beziehung schwanger geworden. Laut ihrer Aussage und der ihres nichtehelichen Partners befand sie sich zu Hause, als sie aufgrund fehlender Vorsorge und wegen physischer Gewalt, die von ihrer Familie ausging, im Jahr 2006 eine Fehlgeburt erlitt: Der Fötus sei bereits tot gewesen. Die beiden hätten Angst vor der Reaktion der Familie gehabt, weshalb sie den Fötus begruben.

Als Adrianas Vater dies erfuhr, brachte er sie gemeinsam mit ihrem Onkel, dem Abgeordneten des Bezirks Ayutla de Los Libres, vor eine Versammlung der Dorfgemeinschaft, bei der sie verurteilt und sogar gesteinigt wurde. Anschließend gingen Vater und Onkel mit der jungen Frau zum Innenministerium, wo ein Prozess wegen Mordes gegen Adriana eröffnet wurde.

Kindesvater war freigesprochen worden

Die junge Frau sprach jedoch kein Spanisch und erhielt keinEn DolmetscherIn. Obwohl sowohl sie als auch der Kindesvater wegen desselben Delikts angeklagt waren, wurde letzterer freigesprochen und Adriana Manzanares wegen Mordes zu 27 Jahren Haft verurteilt. Nach einem Berufungsverfahren wurde die Anklage auf Mord im Familienbereich und die Strafe auf 22 Jahre Haft heruntergestuft.

Manzanares ist eine von vier Frauen, die aktuell von der Clínica de interés público CIDE und von Las Libres verteidigt werden. Diesen Organisationen hatten bereits einen Freispruch für neun Frauen in Guanajuato im September 2010 und zwei Frauen in Veracruz und einer in Guerrero erreicht, die unter ähnlichen Umständen wie Adriana wegen Mordes im Familienbereich zu Haftststrafen von mehr als 20 Jahren verurteilt worden waren.

Der Oberste Gerichtshof entscheidet auf Freispruch / Foto: César Martínez Lopez, CIMAC-foto#JUSTICIAPARAADRIANA – gegen die Kriminalisierung von Frauen

Aktivist*innen machen im Fall der jungen Frau unter dem Hashtag #JusticiaParaAdriana in den sozialen Netzwerken mobil und kämpften unter anderem, wie auch die Vorsitzende von Las Libres, für ihre sofortige Freilassung und dafür, „dass die Kriterien, die von den Staatsanwaltschaften in der Beweisführung gegen diese Frauen angesetzt werden, modifiziert werden.

Sie waren dem Gerichtshof bereits zu Beginn als primitiv aufgefallen“ [gemeint ist der als nicht sonderlich wissenschaftlich geltende, so genannte „Lungentest“, bei dem der tote Fötus ins Wasser getaucht wird, um anhand der Luft in den Lungen zu bestimmen, ob es sich um eine Tötung handelte; Anm. d. Ü.].

157 ähnliche Fälle in Mexiko

Im Moment gibt es nach Angaben von Verónica Cruz Sánchez, Leiterin von Las Libres und Anwältin von Adriana, in Mexiko 157 ähnliche Fälle zu verzeichnen, bei denen Frauen verurteilt wurden, die aus ähnlichen sozialen und ökonomischen Verhältnissen kommen, wie Adriana Manzanares, das heißt: sie kommen aus ärmlichen Verhältnissen und sind indigen. Die meisten Fälle gibt es in den Bundesstaaten Yucatán, Aguascalientes, Baja California und Tamaulipas.

Laut der Anwältin komme es, jenseits von Argumenten oder stichhaltigen Beweisen, vor allem aufgrund von religiösen und moralischen Ansichten in den Innenministerien zur Kriminalisierung von Frauen wie Adriana. Stattdessen trete deutlich zutage, dass der Staat seiner Pflicht nicht gerecht werde, indigenen Frauen aus dem ländlichen Raum ein Leben frei von Gewalt und in Anerkennung ihrer sexuellen und reproduktiven Rechte zu gewähren.

Kampf um Sorgerecht und Entschädigung

Die Organisation, so Cruz, sei zudem bemüht, Alternativen zu finden, damit sich Adriana wieder in den Alltag integrieren kann, auch wenn Entschädigung und Reparationszahlungen noch in weiter Ferne lägen, unterstrich die Leiterin von Las Libres.

Doch Adrianas Kampf um ihr Rechte ist auch sonst noch lange nicht beendet: Jetzt wird sie dafür kämpfen müssen, das Sorgerecht für ihre beiden anderen minderjährigen Kinder zurückzuerhalten. Die beiden stehen momentan unter der Obhut von Adrianas Eltern – zu denen sie jeden Kontakt abgebrochen hat.


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