Lateinamerika

„Nicht eine Frau weniger, nicht eine Tote mehr!“ (1)


von Ilka Oliva Corado

(Concepción, 09. Juni 2015, medio a medio).- Diesen Ausspruch prägte im Jahr 1995 die mexikanische Dichterin und Aktivistin Susana Chávez Castillo. Im Jahr 2011 fiel sie selbst einem Mordanschlag zum Opfer, weil sie Gewaltverbrechen an Frauen öffentlich angeprangert hatte. In den 1990er Jahren formierten sich die Proteste gegen die Frauenmorde in der mexikanischen Stadt Juárez im Bundesstaat Chihuahua unter der von Castillo ausgedrückten Forderung.

Erst vor wenigen Wochen wurde unter dem gleichen Motto in Argentinien, Chile, Uruguay, Brasilien und Mexiko zu Massenkundgebungen gegen geschlechtsspezifische Gewalt aufgerufen. #NiUnaMenos – dieser Slogan verbreitete sich wie ein Lauffeuer in den sozialen Netzwerken Lateinamerikas und wurde überall auf der Welt von den Medien aufgegriffen.

„Frauen sind außerordentlich sichtbar als sexuelle Wesen, als soziale Wesen sind sie hingegen total unsichtbar, und trotzdem müssen sie sich so klein machen wie eben möglich und andauernd um Entschuldigung bitten.“ -Monique Wittig.

Als ich die Berichte von den Kundgebungen sah, fielen mir besonders die Losungen der Demonstrierenden auf. Ich möchte hier einige von ihnen wiedergeben und bitte Sie, die Auswertung selbst vorzunehmen. Die Rufe der Menschen in den Straßen verdienen unsere Aufmerksamkeit. Wie auch das unterdrückerische Schweigen der Mauern unsere Aufmerksamkeit erhalten sollte.

Hier einige der Slogans und Parolen: Ich möchte selbst bestimmen können, wessen Hände mich anfassen. Ich will ohne gesellschaftliche Fesseln leben. Ich will, dass du Position beziehst. Ich will mitbestimmen und nicht in der Küche stehen und Teller waschen. Das Rollenverständnis wird kulturell geprägt: Juana Azurduy und Micaela Bastidas Puyucahua führten ganze Heere an. Trotzdem wurde mir schon in der Grundschule beigebracht, dass Frauen nur die Fahnen nähten.

„Nicht eine Frau weniger” bedeutet, sich von dem Konzept der wehrlosen Prinzessinnen einerseits und der gewalttätigen kleinen Kerle andererseits zu verabschieden. Enttarnung der Zuhälter- und Menschenhändler-Ringe. Schluss mit der Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse! Gleicher Lohn für gleiche Arbeit! Entscheidungsfreiheit braucht Sexualerziehung. Verhüten heißt Abtreibung vorbeugen. Abtreibung entkriminalisieren heißt Leben retten! Schluss mit sexueller Belästigung und Gewalt gegen Frauen! Gerechtigkeit für die Betroffenen!

Sie ist kein Eigentum und keine Hure sondern in erster Linie eine Frau. Menschenhandel lebt von der Nachfrage. Wenn du eine Frau misshandelst, gibst du deine Männlichkeit auf. Sorry, dass es so viele Vollidioten gibt! (Das Schild mit diesem Spruch wurde von einem Jugendlichen getragen). Niemand wird als Macho geboren. Für mehr Geschlechterbewusstsein in der Familie. Meine Kleidung ist keine Einladung. Ich entscheide, für wen ich mich ausziehe. Wir wollen auf die Straße gehen können, ohne Angst zu haben.

Bitte entschuldigen Sie die Störung, aber wir werden bedroht und umgebracht. Wem es ernst ist mit der Forderung: „Nicht eine Frau weniger“, der verzichtet auf die Verwendung des Begriffs „Feminazi” und schließt sich den Feministinnen an. Ich möchte selbst bestimmen können, wessen Hände mich anfassen. Wir wollen, dass die Gerechtigkeit siegt, nicht, dass sich die Gewohnheit durchsetzt.

Versuche nicht, mein Leben, meine Zeiteinteilung, meine Wünsche und meinen Körper zu manipulieren, sondern lerne, dich selbst zu kontrollieren. Lassen wir nicht zu, dass bestehende Vorurteile Opfer zu Schuldigen machen. Gewalt in der Geburtshilfe ist eine Form von geschlechtsspezifischer Gewalt. Stopp, es reicht, Achtung! Übergriffe öffentlich machen. Für ein Leben ohne Gewalt. Lieben heißt: nicht missbrauchen, nicht erniedrigen, nicht töten. Keine Gewalt ohne Gegengewalt! Wenn mich jemand vergewaltigt, würdest du dann sagen, dass es meine Schuld ist? Ich ziehe mich an, wie ich will. Gewalt und Liebe sind unvereinbar, du Hosenscheißer. Machismus tötet. Nicht eine Frau weniger bedeutet: Für die Entkriminalisierung der Abtreibung. Schöne Frauen sind kämpfende Frauen.

Wer zu Ungerechtigkeit schweigt, macht gemeinsame Sache mit dem Unterdrücker. Das Patriarchat verarscht uns alle. Ich möchte auf die Straße gehen können, ohne Angst zu haben. Ich verdiene Respekt. Schluss mit den Frauenmorden! Und wenn sie DICH zusammengeschlagen hätten? Jede dritte Frau erlebt geschlechtsspezifische Gewalt. Das Vatersein als verantwortungsvolle Aufgabe begreifen! Wer zu Nutten geht, belebt den Menschenhandel. Schluss mit der Frage: „Welche Rocklänge hat sie denn getragen?“ Ich bin kein Macho, kein Fascho und kein Grabscher. Freie Frauen richten sich auf und sprengen ihre Ketten. Die Natur weiß es einfach am besten, das sieht man am Beispiel der Hanfpflanze: Männchen erzielen keine große Wirkung, und das ist gut so.

Die ihre Lage erkannt hat, ist auf dem Weg der Heilung. Wenn er anfängt, dich zu kontrollieren, dich zu isolieren, zu erniedrigen, dich anzuschreien, dann ist es keine Liebe. Schütz dich, geh auf Distanz, bring Dich in Sicherheit. Für eine gerechte Gesellschaft! Für mehr Gleichberechtigung! Demokratie verteidigen, Gleichberechtigung schaffen! Weg mit machistischen Richtern und Staatsanwälten! Wenn Frauen ihre Angst verlieren, seid ihr dran mit Fürchten.

Wir sind die Töchter der Hexen, die vor euren Scheiterhaufen entkommen konnten. Schluss mit der Scheinheiligkeit! Diese Gesellschaft fördert Frauenmorde! Die Polizei bleibt tatenlos und kollaboriert mit den Tätern. Für den freien, kollektiven Massenorgasmus. „Nicht eine Frau weniger“ bedeutet: Schluss mit den Übergriffen! Dieser Körper gehört mir: Hier wird nicht gegrabscht, vergewaltigt oder getötet.

Wir alle sind dafür verantwortlich, dass Gerechtigkeit und Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft herrschen. Gewalt gegen Frauen trifft uns alle. Nichts ist männlicher als der Respekt gegenüber Frauen. Machismo heißt Verletzung. Wer eine verletzt, verletzt uns alle. Wir lassen uns von eurer patriarchalen Gewalt nicht unterkriegen.

„Nicht eine weniger” bedeutet: Sexuelle Belästigung auf der Straße ist keine Schmeichelei. Trinken ist keine Gewalt, Vergewaltigung schon. Wie betrunken eine Frau ist, spielt keine Rolle. Wichtig ist: Hat sie dich geküsst?… Sex ohne Zustimmung ist Vergewaltigung. Wenn eine Frau zuviel getrunken hat und du nicht sicher weißt, ob sie einverstanden ist, dann geh von einem Nein aus.

Dass du keine Ahnung von Feminismus hast, hilft mir nicht weiter. Straffreie Abtreibung bei kriminologischer Indikation! Sich zur Abtreibung entschließen heißt eine verantwortungsvolle Entscheidung treffen. Die Rechte der Frauen werden mit Füßen getreten. Kämpfen wie eine Frau. Laufen wie eine Frau. Arbeiten wie eine Frau. Nicht als Studentin, nicht als Mapuche, nicht als Frau.

Polizei gleich Machismo. Das Problem ist: Du denkst, mein Körper gehört dir. Wer die Präsidentin angreift oder „Stute” nennt, übt auch Gewalt aus. Meine Präsidentin ist eine Frau und keine starrköpfige Stute. Sie ist eine Frau, und sie verdient Respekt. #Nicht eine Frau weniger. Fortsetzung folgt…

#Nicht eine Frau weniger. #Ein Tag ohne Frauen. #Nicht eine Tote mehr. Ilka Oliva Corado. @ilkaolivacorado. 06 Juni 2015.

CC BY-SA 4.0 „Nicht eine Frau weniger, nicht eine Tote mehr!“ (1) von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.


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