Mexiko

Nationaler Indígenakongress (CNI) und EZLN: Vereint gegen die Plünderung


von Luis Hernández Navarro, Mexiko-Stadt

Treffen von CNI und EZLN im August 2014 / Foto: tierra-radio, CC BY-NC-SA 2.0, flickr(Mexiko-Stadt, 12. August 2014, la jornada).- Praktisch jeden Monat werden Treffen von zivilgesellschaftlichen Zusammenschlüssen, in denen sich die Bevölkerung organisiert hat, in den verborgensten Winkeln Mexikos abgehalten. Sie versuchen, der Plünderung ihrer Grundstücke, Territorien und Naturschätze durch Öl-, Bergbau-, Windkraft-, Getränke-, Touristen- und Bauunternehmen oder auch durch die Kommunal-, Länder- und Bundesregierung etwas entgegenzustellen.

Wachsendes Unbehagen

Die Verabschiedung der Gesetze zu fossilen Brennstoffen und die vorübergehende Inbesitznahme von Böden haben die Zahl der Alarmzeichen in der ländlichen Welt genauso vervielfältigt wie die Zahl der Versammlungen, um Widerstand zu organisieren. Zur altbekannten Ausplünderung, die Gemeinden und Agrarzentren erlitten haben, werden sich neue Attacken hinzugesellen, die im Namen der Modernisierung des Energiesektors ihre offizielle Rechtfertigung erhalten werden.

Diese Treffen und Versammlungen sind wie die kleinen Luftblasen, die sich bilden, wenn Wasser kurz vor dem Kochen ist. Sie sind ein Hinweis auf das wachsende Unbehagen unter Indígenas und Kleinbauern. Es sind Gelegenheiten, bei denen Informationen ausgetauscht, Reaktionen analysiert und vorherrschende Auffassungen geändert werden. Es sind Treffen, bei denen die als persönlich angesehenen Probleme sich als die Probleme aller erweisen.

Viele dieser Zusammenkünfte gibt es nicht lang. So sehr sich deren Initiator*innen auch vornehmen, für Kontinuität zu sorgen, ihr Streben hat ein Verfallsdatum. Andere Treffen hingegen werden zu einem Ausgangspunkt für langfristigere Organisationsprozesse. So bescheiden sie auch scheinen, liegt in ihnen der Keim für eine dauerhafte Übereinstimmung. Dies ist der Fall des Ersten Austausches der Ursprungsvölker Mexikos mit den Zapatistischen Völkern in La Realidad, Chiapas.

Neuorganisation des Nationalen Indígenakongresses (CNI)

Bei diesem ersten Austausch auf rebellischem Territorium kamen Vertreter*innen von 28 Völkern, Stämmen, Gemeinden und indigenen Organisationen aus fast dem ganzen Land mit der Nationalen Zapatistischen Befreiungsarmee (EZLN) zusammen. Dort drückten sie nicht nur ihre bedingungslose Solidarität mit dem palästinensischen Volk als Opfer der Aggression des Staates Israel aus. Sie zeichneten eine Widerstandskartographie der Ursprungsvölker angesichts neoliberaler Zerstörung. Ebenso führten sie eine alarmierende Aufzählung ihrer Toten und Ermordeten auf.

„Dieses Blut, dieses Leben, diese Kämpfe, diese Geschichte sind die Essenz unseres Widerstandes und unseres Rebellentums gegen die, die uns töten“, so die Delegierten. „Im Leben und im Kampf unserer Völker leben unsere Toten.“ Diejenigen, die an dem Austausch teilnahmen, hatten ein zentrales Ziel: der Ausplünderung und dem Raub ihrer Böden, in denen sie ihre Wurzeln sehen, die Stirn zu bieten. „Der Raub dessen, was uns als Ursprungsvölker ausmacht, ist der Schmerz, der uns im Kampfgeist zusammenführt“, erklärten sie.

Der Austausch nimmt den Impuls auf, den Nationalen Indígenakongress (CNI) neu zu organisieren. Der CNI ist die umfassendste und repräsentativste Organisation der Ethnien im Land. Ihr Neustart begann im August vergangenen Jahres mit dem Lehrstuhl Tata Juan Chávez Alonso. Es ist eine Umbildung, die das bereits mehr als 20 Jahre bestehende Bündnis zwischen Zapatist*innen und der nationalen indigen Bewegung besiegelt. Es deutet sich eines der relevantesten und konsistentesten Netzwerke im Widerstand gegen die landesweite Ausplünderung an.

Neue Wege beschreiten

Im Unterschied zu anderen Ereignissen, bei denen die Teilnehmer*innen sich auf einen noch in der Zukunft liegenden Kampf vorbereiten, setzen sich alle, die beim Austausch dabei waren, seit vielen Jahren für ihre Sache ein. Nun trafen sie nicht zum Kämpfen zusammen, sondern um neue Wege zu beschreiten.

Die Vorgeschichte eines kongruenten und unbeugsamen Widerstandes gibt diesem Netzwerk einen Zusammenhalt und Potenziale, die andere Gruppierungen nicht besitzen. In der Kombination von tiefen Wurzeln, echter Führungskraft und einer Perspektive, die sich der erlittenen Aggressionen erinnert, lässt sich eine neue Etappe des Widerstandes gegen die Plünderung vorhersehen. Die Delegierten haben dies in ihrer Erklärung selbst ausgedrückt: „Sie haben uns immer wieder töten wollen, töten als Völker und töten als Individuen. Und nach so viel Tod bestehen wir weiter als lebendige Völker und Gemeinschaften.“

Es handelt sich um keine sektiererische Beobachtung. Innerhalb der durch die angekündigte Landreform und die Opposition gegen die Energiegesetze wiederbelebten Bauernbewegung gibt es Bauernführer*innen, die gegenüber dem Staat eine Sprecherrolle für die Indígenas gelten machen, die ihnen nicht zusteht. Zudem hat ein Teil der Organisationen dieser neuen Bewegung die Plünderung von Böden und Territorien nur deswegen formal verurteilt, um dafür andere Forderungen verhandeln zu können. Derartiges wird mit diesem, beim Ersten Austausch formalisierten Netzwerk, nicht geschehen.

„Die Plünderung ist vielfältig, hat aber nur einen Namen: Kapitalismus“

Laut CNI und EZLN ist die Plünderung vielfältig, hat aber nur einen Namen: Kapitalismus. Diese Plünderung ist Teil eines neuen neoliberalen Eroberungskrieges gegen die Völker. Es handelt sich um das neue Gesicht eines alten Auslöschungskrieges, der bereits 520 Jahre andauert.

„Die aktuell Regierenden“, versichern EZLN und CNI in der zweiten Erklärung des Austausches, „übergeben unsere Territorien und das angeblich der Nation gehörende Vermögen an die großen nationalen und ausländischen Unternehmen. Dabei suchen sie den Tod aller Völker Mexikos.“ Und weiter: „Unterdessen hören die schlechten Regierungen nicht damit auf, die indigene Selbstverteidigung, die ein Recht ist, zu zerschlagen. Sie inhaftieren oder töten die Führungspersönlichkeiten in den Gemeinden. Dies ist eine Zerstörungsansage.“

Die zweite Erklärung des Austausches erinnert an die lange Tradition der Aufsässigkeit und des Widerstandes gegen Ausbeutung und Plünderung. Die indigenen Völker haben dabei an vorderster Linie gekämpft. Warum sollte es in dieser neuen Etappe anders sein.

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