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Menschenrechte 2016

Nachruf: Das Vermächtnis von Rodolfo Stavenhagen


Von José Aylwin*, observatorio

Rodolfo Stavenhagen 2014 bei einer Konferenz der Rosa-Luxemburg-Stiftung in New York / Foto: RLS, CC-BY-NC-SA-2.0

Rodolfo Stavenhagen 2014 bei einer Konferenz der Rosa-Luxemburg-Stiftung in New York / Foto: RLS, CC-BY-NC-SA-2.0

(Lima, 15. November 2016, servindi-poonal).- Im Alter von 84 Jahren ist am vergangenen 5. November der mexikanische Soziologe, Anthropologe und leidenschaftliche Kämpfer für die Menschenrechte, Rodolfo Stavenhagen, in Cuernavaca, der Hauptstadt des mexikanischen Bundesstaates Morelos gestorben. 1932 in Frankfurt geboren, musste seine jüdische Familie vor den Nazis fliehen, 1940 ließ sie sich nach mehreren Zwischenstationen in Mexiko nieder.

Rodolfo Stavenhagen studierte an der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM) sowie in Chicago und in Paris. Als Forscher und Dozent an der UNAM sowie am Colegio de México – hier gründete er das Centro de Estudios Sociológicos – durchlief er eine lange und äußerst produktive akademische Karriere. Als Gastprofessor wurde Stavenhagen nach Harvard, Stanford, Paris, Genf und Rio de Janeiro eingeladen.

Zu seinen zahlreichen Werken über unterschiedlichste Thematiken zählen unter anderem „Siete tesis equivocadas sobre América Latina“ („Sieben falsche Thesen über Lateinamerika“), „La questión étnica“ („Die ethnische Frage“), „Derechos humanos de los pueblos indígenas“ („Menschenrechte der indigenen Völker“), „Conflictos étnicos y estado nacional“ („Ethnische Konflikte und der Nationalstaat“), „Entre la ley y la costumbre: El derecho consuetudinario indígena en América“ (Zwischen Gesetz und Brauchtum: Das indigene Gewohnheitsrecht in den Américas) und „Derecho indígena y derechos humanos en América Latina“ („Indigenes Recht und Menschenrechte in Lateinamerika“).

Großer Einfluss auf die Menschenrechtsdebatte

Stavenhagens Lehrtätigkeit und seine Veröffentlichungen prägten ganze Generationen von Akademiker*innen, viele von ihnen Indigene, in Lateinamerika, aber auch auf der ganzen Welt. Er machte die Diskriminierung der indigenen Völker und anderer ethnischer Gruppen ebenso sichtbar und verständlich wie die Kolonisierungsprozesse, die auf fast allen Kontinenten, vor allem aber innerhalb der lateinamerikanischen Länder stattfanden. Mit seinen brillanten Überlegungen wirkte Stavenhagen über den akademischen Bereich hinaus und griff in den vergangenen Jahrzehnten in die internationale Debatte über die Rechte der indigenen Völker und kulturelle Vielfalt im Allgemeinen ein.

Er war damit eine große Unterstützung für die weltweiten indigenen Bewegungen und leistete einen wichtigen Beitrag zu den Debatten, die schließlich zur Verabschiedung des Übereinkommens 169 der Internationalen Arbeitsorganisation (englische Abkürzung: ILO) führten, das die Rechte der indigenen Völker schützt, aber zur UNESCO-Konvention zum Schutz der kulturellen Vielfalt und zur Erklärung der Vereinten Nationen zu den Rechten der Indigenen Völker.

Von 2001 bis 2007 wirkte Rodolfo Stavenhagen als Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für die Rechte der indigenen Völker. Er rückte in dieser Funktion die wirtschaftliche, politische und kulturelle Diskriminierung der indigenen Völker, vor allem in Lateinamerika, ebenso in den Fokus wie den Raub ihres angestammten Landes und die Kriminalisierung des indigenen Protestes. Stavenhagens Empfehlungen für rechtliche und politische Maßnahmen zur Beendigung der Unterdrückung der indigenen Völker fanden in vielen Ländern ein großes Echo.

In diesem Zusammenhang muss auch Chile genannt werden. Stavenhagen besuchte das Land in seiner Funktion als UN-Sonderberichterstatter im Jahr 2003. Viele indigene Gemeinden leisteten damals Widerstand gegen Straßenbau- und Staudammprojekte (etwa das Wasserkraftwerk Ralco) sowie gegen das Vordringen der Forstindustrie. In seinem Bericht zu diesem Chile-Besuch schrieb Stavenhagen, dass der indigenen Bevölkerung des Landes „die Anerkennung verweigert und sie von der Teilhabe am öffentlichen Leben des Landes ausgeschlossen wird, als Folge einer langen Tradition der Ablehnung, des sozialwirtschaftlichen Ausschlusses und der Diskriminierung seitens der Mehrheitsgesellschaft.“ Stavenhagen führte weiter aus, dass „Eigentumsrechte für Land und Territorien stellen historisch eines der größten Probleme für die indigenen Völker Chiles dar […]“.

Stavenhagens Botschaften bleiben gültig

Zwar kaufe der chilenische Staat im Rahmen eines Programmes Grundstücke für die Indigene, doch sei hier ebenfalls Privatbesitz vorgesehen, angestammtes Gemeinschaftsland hingegen erhielten sie nicht zurück. Auch stünden zu wenige Ressourcen zur Verfügung, und es gehe kaum voran, was den Unmut der indigenen Bevölkerung noch steigere. Die Problematik verschärfe sich durch Konflikte um den Zugang zu Rohstoffen, seien es Bodenschätze, Wasser oder Meeresprodukte. Durch Projekte wie den Bau des Wasserkraftwerks seien indigene Rechte verletzt worden, so der Menschenrechtler.

Stavenhagen rief den chilenischen Staat zu einer Verfassungsreform im Sinne der Indigenen auf und forderte umgehende Vorkehrungen zur Deeskalation und Lösung der Konflikte um Landrechte, eine Stärkung und mehr Mittel für den Fonds zum Landkauf (Fondo de Tierras) für Indigene; die Sicherung des Zugangs indigener Gemeinschaften zu Grundwasserreserven und zum Meer sowie das sofortige Ergreifen von Maßnahmen, um die Kriminalisierung legitimer Proteste und sozialer Forderungen zu bewirken.

Bedauerlicherweise fanden seine Empfehlungen bis zum heutigen Tag in Chile kaum Gehör. Auch deshalb eskalierte der Konflikt zwischen den Mapuche, dem chilenischen Staat und privaten Investor*innen in Araukanien und den angrenzenden Gebieten.

Kein abgehobener Intellektueller wie so viele andere

Wer das Glück hatte, Rodolfo Stavenhagen kennenzulernen, konnte sich von seinen großen menschlichen Qualitäten überzeugen, von seiner Bescheidenheit. Er kommunizierte mit jedem Gesprächspartner – egal ob es sich um einen Abgeordneten handelte oder den einfachsten Bewohner einer indigenen Gemeinschaft – stets auf Augenhöhe. Das war ungewöhnlich in lateinamerikanischen Intellektuellenkreisen. Die indigenen Völker setzten ihr Vertrauen in Rodolfo Stavenhagen und wurden von ihm nie enttäuscht.

Sein Tod ist ein schmerzlicher Verlust für Lateinamerika, für die Menschenrechte und für die indigenen Völker, die ihm so wichtig waren und denen er einen großen Teil seiner Kraft und seiner Fähigkeiten widmete.

Stavenhagens Botschaft des Respekts vor der Würde und den Rechten der indigenen Völker hat auch weiterhin Gültigkeit. Sie fordert uns auch künftig dazu auf, weiter für eine interkulturelle Gesellschaft zu arbeiten, welche dem Ausschluss der indigenen Völker und anderer ethnischer Gruppen ein für alle Mal ein Ende setzt. Ihre Rechte müssen anerkannt und dauerhaft gesichert werden.

* Der Autor José Aylwin ist Ko-Direktor der chilenischen Nichtregierungsorganisation Observatorio Ciudadano.

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