Lateinamerika

„Monsanto will die Nahrungsmittelkette kontrollieren“


von Elsa Chanduví Jaña

(Lima, 06. Februar 2009, noticias aliadas).- Interview mit der französischen Journalistin Marie-Monique Robin

In ihrem Buch „Mit Gift und Genen – Wie der Biotech-Konzern Monsanto unsere Welt verändert“ präsentiert Marie-Monique Robin eine umfassende Untersuchung über genetisch veränderte (transgenetische) Organismen und den weltweit größten Saatguthersteller Monsanto. Robin nahm an einem von Comunicaciones Aliadas und Noticias Aliadas organisierten Seminar zum Thema Biologische Vielfalt versus Genmanipulation (“Semillas de la diversidad vs. transgénicos”) teil, das am 28. und 29. Januar in Lima stattfand. Im Gespräch mit Elsa Chanduví Jaña, Pressechefin von Noticias Aliadas, erklärt Robin, warum sie gegen genmanipulierte Nahrungsmittel ist und mit welchen Mitteln der Chemiekonzern Monsanto sein Ziel, die weltweite Kontrolle der Nahrungsmittelkette zu erlangen, verfolgt.

Elsa Chanduví Jaña: Frau Robin, wenn Sie kurz beschreiben sollten, welche Bsie sagen?

Marie-Monique Robin: Monsanto legt es darauf an, mit patentiertem transgenetischem Saatgut die Kontrolle über die Nahrungsmittelkette zu erringen. Dahinter steckt ein totalitäres Projekt, denn wer die Nahrungsmittelverteilung kontrolliert, der kontrolliert die Welt und alle in ihr lebenden Völker.

Seit fast hundert Jahren arbeitet dieser Konzern mit sehr schmutzigen Methoden. Viele seiner Produkte wurden im Laufe der Zeit als hochgiftig eingestuft und sind heute verboten, darunter PCB [polychlorierte Biphenyle], das von vielen Ländern als Isolierflüssigkeit in Transformatoren verwendet wurden. Monsanto wusste anhand der vorliegenden Daten genau über die Giftigkeit der Substanzen Bescheid, doch der Konzern belog die Öffentlichkeit und behauptete, es gehe keine Gefahr von PCB aus, bis schließlich alles herauskam und ein Gericht in den USA den Konzern zur Zahlung einer Entschädigungssumme in Höhe von 700 Millionen US-Dollar verurteilte.

Es gibt auch andere Fälle, zum Beispiel der Agent-Orange-Einsatz in Vietnam. Die Wissenschaftler*innen, die den Zusammenhang zwischen dem gegen den Vietkong eingesetzten dioxinhaltigen Entlaubungsmittel Agent-Orange aus dem Hause Monsanto und einem späteren Ansteigen der Krebsraten untersuchen sollten, wurden vom Konzern geschmiert.

Elsa Chanduví Jaña:Wie geht Monsanto strategisch vor, um die Kontrolle über die Nahrungsmittelkette zu erlangen?

Marie-Monique Robin: Monsantos Strategien sind vielfältig. Eine der wichtigsten ist, was man in USA „revolving doors“, also Drehtüren-Effekt nennt. Im Fall der transgenetischen Lebensmittel läuft das beispielsweise so: Im Jahr 1992 publizierte die Food and Drug Administration (FDA) [die US-amerikanische Zulassungsstelle für Lebens- und Arzneimittel, d. Red.] einen Grundlagentext, an dem sich weltweit alle Richtlinien bezüglich transgenetischer Nahrungsmittel orientieren. Den Text verfasste ein ehemaliger Anwalt des Monsanto-Konzerns. Er war der FDA nur beigetreten, um diesen Grundlagentext auszuarbeiten. Danach wurde er Vizepräsident des Monsato-Imperiums. Das ist der Drehtüren-Effekt: Man kommt aus der Industrie, ergattert einen wichtigen Posten in einer Regierungsbehörde oder einem internationalen Verband, bleibt dort ein paar Jahre und geht dann wieder zurück in die Industrie. Das ist einfach unglaublich: Der Konzern besetzt die entscheidenden Schaltstellen mit seinen Leuten. In der FDA sowie auch in der EPA, der Umweltschutzbehörde der USA, saß ein Monsanto-Anwalt an der Spitze. Das ist eine ihrer Strategien.

Die zweite wichtige Schiene läuft über Geld. Es gibt zwei nachgewiesene Korruptionsfälle. Vor zwei oder drei Jahren wurde Monsanto in den USA wegen Korruption verurteilt, weil der Konzern in Indonesien um die 100 Regierungsbeamte bestochen hatte, um die Einfuhr des genetisch veränderten BT-Baumwollsamens durchzusetzen. In einer parlamentarischen Kommission in Kanada flog ein Fall von versuchter Bestechung auf. Monsanto hatte zwei Millionen US-Dollar geboten, um eine Erlaubnis für die Etablierung eines Wachstumshormons auf dem kanadischen Markt zu bekommen. Ansonsten übt der Konzern häufig Druck über die Universitäten aus. In den USA besteht bereits eine starke Tendenz zur Privatisierung der Hochschulen. Nun sorgt Monsanto dafür, dass Forscherinnen und Forscher, die nach Einschätzung des Konzerns allzu kritische oder brisante Studien erstellt haben oder erstellen wollen, aus dem Dienst entlassen werden. Das gleiche passiert mit Journalistinnen und Journalisten.

Elsa Chanduví Jaña: Wie sah der Einstieg des Monsanto-Konzerns in das Geschäft mit genetisch veränderten Organismen aus?

Marie-Monique Robin: Monsanto ist weltweit führender Saatgutanbieter, allerdings erst seit 2005. Noch vor zehn Jahren hatten sie überhaupt keine Samen im Portfolio. Monsanto erfand aber das transgenetische Saatgut. Das erste Produkt war die Roundup Ready-Sojabohne. Da hatte der Konzern nun diese Erfindung und wusste nicht, was er damit machen sollte. Zuerst dachte er: „Ich kann die Lizenz an Saatgutanbieter verkaufen.“ Und dann dachte er: „Nein, besser, man kauft die Saatgutanbieter.“ Um dieses Projekt umzusetzen, verkaufte er den Produktzweig Pharmaerzeugnisse, der sehr wichtig war und das nötige Geld einbrachte. Nach und nach, im Verlauf von etwa zehn Jahren, gelang es Monsanto, über 50 Saatgutanbieter auf der ganzen Welt aufzukaufen und sich so zum wichtigsten Saatgutanbieter weltweit hochzuarbeiten. Unglaublich, angefangen haben sie als Chemiekonzern mit Pharma-Portfolio, von Samen war vorher nie die Rede. Als Strategie ist das sehr gut durchdacht: Immer wenn sie einen Saatgutanbieter aufkaufen, setzen sie ihr patentiertes transgenetisches Saatgut ins Programm, und den Bauern bleibt gar keine andere Wahl, als es ihnen abzukaufen.

In Indien haben sie die Baumwollsamen-Anbieter*innen aufgekauft, und die Bauern dort müssen nun diese patentierten transgenetischen Samen kaufen, es bleibt ihnen gar nichts anderes übrig. In den Vereinigten Staaten haben sich einige Landwirte zusammengeschlossen, um gemeinsam gegen Monsanto vorzugehen, weil der Konzern durch seine Aufkauf-Politik das Anti-Monopolgesetz verletzt. Monopole sind in den USA verboten. Und manche Leute glauben, dass es Monsanto genauso ergehen kann wie Microsoft vor ein paar Jahren: Die mussten ein paar ihrer Unternehmen wieder abstoßen, weil sie Probleme mit dem Anti-Monopolgesetz bekommen hatten.

Elsa Chanduví Jaña: Welche Gefahr geht von transgenetischen Organismen aus für uns Menschen?

Marie-Monique Robin: Unter ökologischen Gesichtspunkten wäre die Kontaminierung der unmittelbaren Umwelt zu nennen, die von transgenetischem Saatgut ausgeht und zu erheblichen Einschränkungen der biologischen Vielfalt führt. Diese wurde unter anderem in Kanada nachgewiesen, wo der transgenetische Mais die Ackerflächen kontaminiert und so den konventionellen bzw. organischen Mais komplett verdrängt hat.

Leider können wir keine Aussagen darüber treffen, welche Auswirkungen transgenetische Organismen auf die menschliche Gesundheit haben, weil es dazu keine Studien gibt. Dass hier so wenig geforscht wird, verdanken wir der Tatsache, dass Monsanto das Prädikat der „wesentlichen Gleichwertigkeit“ für seine Produkte erhielt, natürlich mit Hilfe des Drehtüren-Effekts. Diese Sicherheitsbewertung für Lebensmittel bildet die Grundlage für alle Vorschriften für genetisch veränderte Lebensmittel weltweit. „Wesentliche Gleichwertigkeit“ oder „substanzielle Äquivalenz“ bescheinigt die Gleichwertigkeit eines genetisch veränderten Organismus, und damit erübrigen sich weitere Untersuchungen von selbst.

Dieser so genannten Sicherheitsbewertung liegen keinerlei wissenschaftliche Fakten zugrunde. Sie ist nichts weiter als eine politische Entscheidung des Weißen Hauses, um die Entwicklung des Sektors Transgenetische Organismen zu beschleunigen. Deswegen gibt es nur ganz wenige Studien, die sich mit der Frage befassen, welche Auswirkungen transgenetische Organismen auf die Humangesundheit haben können. Die einzigen in den letzten zwei Jahren entstandenen wichtigen Studien zum Thema wurden von unabhängigen Wissenschaftler*innen erstellt. Zwei von ihnen habe ich interviewt. Sie wurden von ihrem Arbeitsplatz entfernt, als sie bei den Ratten, die man mit genetisch veränderten Nahrungsmitteln gefüttert hatte, Probleme feststellten. Es ist immer dasselbe Lied.

Aber wenn es doch keine Probleme gibt, so wie sie behaupten, warum beauftragen sie dann nicht einfach ein unabhängiges Team, eine Studie anzufertigen, die dann weltweit anerkannt wird? Eine Studie über zwei Jahre, die alle Daten wahrheitsgetreu dokumentiert und die dann veröffentlicht wird, so dass jeder sieht, was los ist, und dann wäre das ganze Problem vom Tisch. Aber nein, sie veranstalten alles mögliche, um die Studien zu behindern, und greifen dabei zu sehr schmutzigen Mitteln, Diffamierungen, allen erdenklichen Druckmitteln etc.

Elsa Chanduví Jaña: Sind Sie in jedem Fall für den Verbot transgenetischer Organismen, auch in Ländern, die ohnehin nur über eine geringe biologische Vielfalt verfügen? Wenn ja, warum?

Marie-Monique Robin: Ja, ich bin in jedem Fall dagegen. Sonst gibt es ja nur noch genmanipulierte Pflanzen, die entweder so verändert sind, dass sie die Besprühung mit giftigen Schädlingsbekämpfungsmitteln überstehen, wie die Roundup-Pflanzen oder es sind Pestizidpflanzen, die selbst Insektenschutzmittel herstellen. Wozu soll das gut sein? Ich möchte meinen Töchtern keine genetisch veränderten Lebensmittel zu essen geben, weder Mais mit pflanzeneigenem Insektengift noch irgendein Öl, dessen Grundstoff zuvor mit giftigen Schädlingsbekämpfungsmitteln behandelt wurde. Sie können ihre Forschung ruhig fortsetzen, aber bitte im Labor, in einem kontrollierbaren, abgeschlossenen Bereich, nicht auf dem offenen Feld. Ich habe überhaupt nichts gegen wissenschaftliche Forschung, solange sie vernunftbestimmt angelegt ist und in Labors, also in einer geschlossenen und kontrollierbaren Umwelt durchgeführt wird. Aber wenn sowas draußen auf unseren Feldern stattfindet, ist das eine ganz andere Geschichte.

Elsa Chanduví Jaña: Wie kann man sich gegen genetisch veränderte Lebensmittel schützen und wie kann man ihre Verbreitung aufhalten?

Marie-Monique Robin: Es gibt viele Möglichkeiten. Was man machen kann, variiert von Land zu Land. Ich weiß, dass hier [in Peru, d. Red.] ein Gesetz in Vorbereitung ist, das die Einfuhr genetisch veränderter Lebensmittel ermöglichen soll. Die Verbraucher*innen in den Städten können zumindest eine Kennzeichnungspflicht fordern, das ist sehr wichtig, denn nur so kann man wissen, was man kauft bzw. nicht kauft. Wir müssen diese Produkte boykottieren und so viel wie möglich auf organische Produkte zurückgreifen. Das ist unsere einzige Chance.

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