Mexiko

Migrantinnen in Mexiko: Bedrängt und missbraucht


von Olga Rosario Avendaño

Migrantes en Mexico. Foto: Archiv(Mexiko-Stadt, 31. Dezember 2012, cimac).- Migrantinnen sind zum Beutegut für Schmuggler*innen, Menschenhändler-Ringe, Polizei und Migrationsbeamte geworden, während die verantwortlichen Behörden untätig bleiben. Armut und Gewalt sind zwei der Faktoren, die für die Frauen, die auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen ihr Land verlassen haben, zu einer Zeitbombe werden.

Als weiterer Faktor kommt die mangelnde Schulbildung hinzu, was widerum die Frauen daran hindert, zum Zeitpunkt ihrer Anstellung bessere Arbeitsbedingungen zu fordern, wie Menschenrechtsverteidiger*innen erklären.

Demnach treffen die Frauen aus Mittelamerika auf ihrem Weg in Richtung USA häufig auf Menschenhändler und sind gezwungen, ihren Körper als Zahlungsmittel einzusetzen, um sexuellem Missbrauch zu entgehen oder gar am Leben zu bleiben. Neben den Menschenhändler-Ringen leiden die Migrantinnen an Erpressungen und Missbrauch durch Polizei, Migrationsbeamt*innen und Aufseher*innen der Waggons des Güterzuges, der die Frauen von Arriaga in Chiapas nach Ciudad Juárez in Chihuahua befördert.

Komplizenschaft der Behörden

Laut einer Studie des Instituts für Menschenrechte Ignacio Ellacuría an der Iberoamerikanischen Universität in Puebla und dem Zentrum für Soziale und Kulturelle Studien Antonio de Montesinos (Centro de Estudios Sociales y Culturales Antonio de Montesinos), seien die Frauen aus Mittelamerika, die ohne Papiere durch Mexiko reisen, angesichts der Untätigkeit der verantwortlichen Behörden völlig wehrlos.

Die Studie „Mujeres transmigrantes” („Transmigrantinnen“) unter der Koordination von Oscar Castro, kommt zu dem Schluss: „Dieses hinterhältige Vorgehen ist eine der Bedingungen und Voraussetzungen für die unzähligen Entführungen von Migrant*innen. Alle Zeugenaussagen enthüllen die Komplizenschaft der Behörden mit den Entführern, von der Planung bis hin zur Durchführung sowie während der Gefangenschaft der Opfer“.

Ebenso wird erwähnt, dass die Migrantinnen von all den Männern, denen sie begegnen, begehrt und bedrängt werden würden: „Reisegefährten, Schleuser, Polizisten, Funktionäre und Beamte, Entführer, Angreifer und Erpresser, denen [die Migrantinnen] als Liebhaberinnen dienen sollen“.

Neue Reiserouten und Zahlungen für mehr Sicherheit

Um diesem riskanten Umfeld zu entgehen, sahen sich die Migrantinnen zum einen gezwungen, neue Routen zu suchen, die ihre Sicherheit garantieren; zum anderen leisten sie für ihren Schutz zusätzliche Zahlungen an die „Coyotes“ (Menschenschmuggler bzw. Schleuser).

Carol Girón von der Pastorale für Mobilität der Guatemaltekischen Bischofskonferenz (Pastoral de Movilidad Humana de Guatemala) erklärt, dass Frauen mehr zahlen müssten als Männer, „da sie Schutz suchen, um nicht vergewaltigt zu werden oder schlimmstenfalls dem Menschenhandel zum Opfer fallen. Im Gegenzug dazu verlangen die Schleuser von ihnen mehr Geld“. Laut Girón zahlen die Männer in einigen Gemeinden Guatemalas mehr als 5.600 US-Dollar, die Frauen hingegen 6.250 US-Dollar. Dies seien jedoch nicht die Gesamtkosten, da die Frauen bei ihrer Ankunft in den USA einen zusätzlichen Betrag leisten müssten, der meist von den Familien der Migrantinnen beglichen werde und zwischen 500 und 2.500 US-Dollar liege.

Gefahr durch Verkehrsunfälle und fehlenden Versicherungsschutz

Auch die Mexikanerinnen, die in die USA gelangen oder auf den landwirtschaftlich bewirtschafteten Feldern im Norden des Landes arbeiten wollen, sind Deportationen und Misshandlungen durch Polizeieinheiten ausgesetzt. Die Migrantinnen, die aus den südlichen Bundesstaaten wie Oaxaca und Guerrero kommen, reisen mit Transportmitteln von schlechter Qualität. Oft fehlt es an einem Versicherungsschutz für die Reisenden und die Frauen sind im Falle eines Unfalls absolut hilflos.

So erging es Claudia, die urprünglich aus El Gachupín, einer Siedlung der Gemeinde Santiago Tlazoyaltepec in Oaxaca stammt. Als sie im achten Monat schwanger war, verließ sie gemeinsam mit ihrem Mann das Dorf, um an ihrem Zielort Tijuana als Tagelöhnerin zu arbeiten. Jedoch stieß der Bus, in dem beide reisten, bei Kilometer 454 der Autobahn Morelia – Guadalajara mit einem Sattelschlepper zusammen. Bei dem Unfall kam Claudias Ehemann ums Leben; sie selbst verlor ihr ungeborenes Kind und ihr rechtes Bein.

Nach dem Unfall boten das LKW-Unternehmen Costa de Oro und die Versicherungsgesellschaft Quálitas den Eltern des verunglückten Mannes etwa 12.560 US-Dollar und Claudia etwa 2.120 US-Dollar als Entschädigung an, wobei dieser Betrag nicht einmal für die Prothese ausreicht, die Claudia benötigt, um wieder laufen zu können. Die Kosten für die Prothese betragen mindestens 3.927 US-Dollar. Claudias Vater, Martín Pacheco, bezeichnete daher das Angebot des Unternehmens und der Versicherungsgesellschaft als „schlechten Witz“. Claudia muss nun ein neues Leben in ihrem Dorf beginnen, jedoch mit größeren Hindernissen als zuvor, als sie beschloss, nach Norden aufzubrechen.

Ende der Korruption und Wahrung der Menschenrechte gefordert

Um diese und andere Probleme zu unterbinden, denen Frauen, Mädchen und jugendliche Migrantinnen ausgeliefert sind, haben sich nationale und internationale Organisationen gegründet, die von den Behörden verlangen, dem Menschenhandel ein Ende zu setzen und die Korruption unter den Polizeieinheiten zu bekämpfen. Ebenso fordern sie die Achtung der Menschenrechte von denjenigen Personen, die aus verschiedenen Gründen beschließen, ihre Gemeinden zu verlassen, um ein besseres Leben zu finden.

 

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