MEXIKO: Bilanz der letzten sechs Jahre: Tote, Verschwundene und Zensur – Eine Anklage


(Mexiko-Stadt, 29. Mai 2008, cimac-poonal).- Während der Regierungszeit der PAN (Partido Acción Nacional) von Vicente Fox und Felipe Calderón haben die Morde an Journalist*innen, die Anzahl der Verschwundenen und die Zensur in den Medien zugenommen. Nach Angaben verschiedener Berichterstatter sind allein in den ersten Monaten der Amtszeit von Calderón zehn Journalisten getötet worden und vier weitere verschwunden.

Anlässlich des 24. Todestages des am 30. Mai 1984 ermordeten Jornalisten Manuel Buendía demonstrierten Journalist*innen der Zeitschrift Zócala, die mexikanische Journalistengewerkschaft SNRP (Sindicato Nacional de Redactores de la prensa) sowie die Stiftung Manuel Buendía zusammen mit anderen Organisationen vor dem Gebäude der Generalstaatsanwaltschaft und reichten im Verwaltungsbüro eine Erklärung ein.

Das Zentrum für Journalismus und öffentliche Ethik CEPET (Centro de Periodismo y Ética publica) veröffentlichte im März diesen Jahres einen Bericht zum Thema Presse- und Redefreiheit. Im Bericht wird hervorgehoben, dass im Jahr 2007 52 Angriffe auf Journalist*innen registriert wurden, die Mehrzahl der Angriffe richte sich gegen Männer (in 82% der Fälle).

Die Journalistin Leonarda Reyes, Herausgeberin des Berichts, merkte an, dass dieses Verhältnis von Männern und Frauen vor allem dadurch zustande komme, dass Männer häufiger gewillt seien, sich der Gefahr auszusetzen. Frauen dagegen würden wegen ihrer kritischen Berichterstattung entlassen oder ihnen werde das journalistische Material beschlagnahmt. Auch Einschüchterungen von Seiten staatlicher Beamten wurden beobachtet.

Die versammelten Journalist*innen forderten von Felipe Calderón, vom Innenministerium, von der Generalstaatsanwaltschaft sowie von den Staatsanwälten der einzelnen Bundesstaaten die Aufklärung der Morde und das unversehrte Auftauchen der Verschleppten. Zudem verlangten sie die Einhaltung der von internationalen Menschenrechtsorganisationen gemachten Empfehlungen.

Die Journalist*innen warfen der Regierung vor, kein Interesse an der Aufklärung der 40 Morde zu haben, die sich seit der Legislaturperiode von Vicente Fox ereignet haben. Weiterhin wurden Garantien gefordert, die die Ausübung der Pressearbeit sicherer machen sollen.

Felipe Calderón wolle man klarmachen, dass die Kommunikationsmedien und die Journalist*innen nicht mit dem Klima der Gewalt einverstanden seien, das in Mexiko herrsche. In Mexiko sei die Zahl der Morde während dieser Legislaturperiode auf 4.152 angestiegen und allein in den letzten Tagen seien um die 15 Menschen pro Tag zu Tode gekommen.

„Señor Felipe Calderón, wir als Journalisten sind nicht verantwortlich für das Klima der Gewalt und Unsicherheit, das im Land herrscht und das zugenommen hat unter ihrer Regierung. Wir sind keine öffentlichen Ministerien, wir nehmen nicht Teil am Kampf gegen das Verbrechen, wir sind keine Rechtssprecher, und wir sind auch nicht verantwortlich für die Entscheidungen, die diese Regierung trifft. Wir tragen keine Waffen und sind auch keine Staatsfeinde. Wir sind Staatsbürger, die ihrer Arbeit nachgehen”, so das Protestschreiben der Journalist*innen.

Nach ihrem Bericht wurden 2007 fünf Reporter getötet. Drei sind verschwunden. 2008 wurden bisher fünf Journalist*innen getötet, ein Journalist ist verschwunden.

Während der letzten 18 Monate der PAN-Regierung von Calderón wurden ermordet: Felícitas Martínez und Teresa Bautista vom Radio “Voz Que Rompe el Silencio”, José Villanueva von der Zeitschrift “El Gráfico”, Bonifacio Cruz und Alfonso Cruz von der Zeitung “El Real”, Francisco Ortiz von der Zeitung “Diario de México”, Gerardo Israel García von der Zeitung “Opinión de Michoacán”, Amado Ramírez von TV-Sender “Televisa”, Saúl Noe Martínez von der Zeitung “Interdiario” und Raúl Marcial, ebenfalls von “El Gráfico”.

Verschwunden sind: Mauricio Estrada von der Zeitung “Opinión de Michoacán”, Gamaliel López und Gerardo Paredes von “TV Azteca Noreste” und Rodolfo Rincón Taracena von der Zeitung “Diario Tabasco Hoy”.

Im Menschenrechtsbericht für das Jahr 2008, der am 28. Mai von amnesty international präsentiert wurde, urteilt die Organisation, dass die Verbrechen kein Ende nähmen, wenn die Morde an Journalist*innen nicht verfolgt und bestraft würden.

Im internationalen Vergleich nimmt Mexiko den zweiten Platz unter den Ländern ein, die am gefährlichsten für die Ausübung des Journalistenberufes sind. Nur der Irak ist laut Reporter ohne Grenzen noch gefährlicher.

von Lourdes Godínez Leal

CC BY-SA 4.0 MEXIKO: Bilanz der letzten sechs Jahre: Tote, Verschwundene und Zensur – Eine Anklage von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.


Das könnte dich auch interessieren

2016: Zwischen Januar und Juli bereits 25 Journalist*innen ermordet Von Ernesto Carmona, Ciap-Felap*(Santiago, 2. August 2016, agenciadenoticias).- Nach den Statistiken der lateinamerikanischen Journalist*innenvereinigung CIAP-FELAP wurden in den ersten sieben Monaten dieses Jahres 25 Journalist*innen und Pressemitarbeiter*innen getötet: zehn in Mexiko sowie ein weiterer mexikanischer Journalist, der auf US-amerikanischem Boden ermordet wurde. Dazu kamen fünf in Guatemala, vier in Honduras, drei in Brasilien, einer in El Salvador sow...
Lateinamerika: 2015 wurden 122 Umweltschützer*innen ermordet (Lima, 30. Juni 2016, noticias aliadas).- Im Jahr 2015 erreichte die Zahl der weltweit ermordeten Umweltschutzaktivist*innen einen neuen traurigen Höhepunkt. Die Organisation Global Witness spricht von einem Anstieg um 59 Prozent gegenüber dem Vorjahr. 122 der insgesamt 185 Todesopfer wurden in Lateinamerika ermordet. Brasilien wird von Global Witness als das gefährlichste Land eingeschätzt, hier wurden 50 Umweltaktivist*innen ermordet. Es folgen Kolumbien (26), Peru (12), Ni...
UNO fordert Aufklärung der Morde an Indigenen (Caracas, 9. Juni 2016, telesur).- Das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte hat die kolumbianische Regierung aufgefordert, den Tod von drei Indigenen aufzuklären, die seit dem Beginn der landesweiten Streikaktion Minga Agraria am 30. Mai ums Leben gekommen sind. “Diese Vorfälle müssen von den Justizbehörden vollständig aufgeklärt werden; wir bieten dabei unsere volle Unterstützung an. Es müssen alle Vorkehrungen getroffen werden, um zu vermeiden, dass sich solche Sit...
Der Aufstand der Vergessenen – Costa Ricas Indigene wehren sich gegen Großgrundbesitzer*innen Von Markus Plate, San José(San José, 29. April 2016, voces nuestras-npl).- Fünf Stunden Busfahrt sind es von Costa Ricas Hauptstadt San José bis nach Cabagra. Zunächst die Küstenkordilleren hinauf zum Cerro de la Muerte, dann hinunter auf die Pazifikseite und weiter Richtung Panama. Später, in der kleinen Provinzhauptstadt Buenos Aires, dem Flusslauf folgend die Berge hinauf, zunächst noch auf Asphalt, dann nur noch auf Schotterpisten und Flussquerungen über Hängeb...
Mexiko und die Drogenpolitik Von Gerd Goertz(Mexiko-Stadt, 18. März 2016, npl).- Zeitweise sah es so aus, als ob Mexikos Präsident Enrique Peña Nieto dem am 18. und 19. April stattfindenden UNO-Drogengipfel in New York die kalte Schulter zeigen wolle. Als ob das Thema in Mexiko nicht besonders wichtig wäre. Nach seiner Teilnahmezusage vor wenigen Tagen will er nun für eine „integrale Vision“ des Drogenproblems im Abschlussdokument eintreten. Das beinhaltet auch einen Aufruf Mexikos, ein „Gleichg...

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *