Chile

Medizinische Anlaufstellen halten sich nicht an das Gesetz


von Tamara Vidaurrázaga

Foto: Semlac(Lima, 04. November 2011, semlac).- Obwohl die Vergabe der Pille danach durch das Gesetz garantiert ist, haben sich mindestens 13 Arztpraxen der chilenischen Hauptstadt Santiago de Chile nicht daran gehalten. Dies meldete Verónica Schiappacasse, Vorsitzende der Stiftung „Prosalud“, einer Organisation, die die Aussagen jener gesammelt hat, die das Medikament nicht erhalten haben.

 

„Prosalud erarbeitete und sendete an Miriam González vom Gesundheitsministerium eine Liste der Praxen, unter Angabe des Namens und der Gemeinde, die die Pille danach nicht überreichen wollten. Das sieht für mich nicht nach Einzelfällen aus, sondern vielmehr nach einer generellen Vorgehensweise“, betonte Verónica.

Mehrfach abgewiesen

Die siebzehnjährige Carolina erzählte Prosalud, dass sie an einer Beratungsstelle in der Gemeinde Peñalolén abgewiesen wurde mit der Begründung, nicht volljährig zu sein. Jedoch muss das Medikament laut Gesetz auf jeden Fall überreicht werden; nur in dem Fall, dass das Mädchen jünger als 14 Jahre ist, muss hinterher ein von ihr angegebener Erwachsener informiert werden.

Daraufhin begab sich Carolina in die Gemeinde Lo Espejo, wo man ihr jedoch endgültig mitteilte, dass die Pille dort nicht überreicht werde. „Es macht mich wütend, das alles durchgemacht zu haben, denn jetzt weiß ich, dass ich ein Recht habe, welches nicht respektiert wurde. Ich habe zwei Beratungsstellen (in der Hauptstadt) aufgesucht und beide hatten unterschiedliche Antworten für mich. Warum können sie sich nicht einigen? Warum übergeben sie die Pillen nicht so, wie es das Gesetz vorgibt?“, fragt sich Carolina.

Der neunzehnjährigen Catherine erklärte man, dass die Pille nur in Fällen einer vorliegenden Vergewaltigung ausgehändigt werde, was ebenfalls nicht der Wahrheit entspricht, da sie nach dem Gesetz allen zusteht, die um sie bitten. Liegt eine Vergewaltigung vor, so „muss die Ärzteschaft oder der jeweilige Beamte den Vorfall der Staatsanwaltschaft melden“.

Rechte nicht respektiert

Cristián, 24 Jahre alt, suchte mit seiner Freundin die Pille danach, erhielt sie jedoch genauso wenig. So war er gezwungen sie zu kaufen, auch wenn das Gesetz festlegt, dass der Staat deren Übergabe garantieren muss: „Es enttäuscht mich, dass unser Recht auf freien Zugang zu diesem Mittel zur Notfallverhütung nicht respektiert wird. Obwohl ich es gratis bekommen sollte, musste ich für meine finanziellen Verhältnisse viel Geld ausgeben und schwierige Situationen meistern. Ich finde das nicht akzeptabel und hoffe, dass es sich bald ändert“, erklärte er.

Nicht nur Jugendlichen wurde die Pille verweigert. Scarlet ist 39 und in der Beratungsstelle von Aguilucho, in der Gemeinde Providencia, sagte ihr die Geburtshelferin, dass die Pille dort nicht überreicht werde; sie weigerte sich sogar, ihr ein Rezept auszustellen. Dieses musste sich Scarlet daraufhin in einer Beratungsstelle der Gemeinde La Reina, in der selben Stadt, besorgen.

Verantwortliche legen das Gesetz willkürlich aus

Nach Meinung von Schiappacasse ergeben sich diese verschiedenen Auslegungen des Gesetzes durch das Fehlen eines Normenkataloges des Gesundheitsministeriums MINSAL. „Bedauerlicherweise legen alle Fachleute und diejenigen, die für das Gesundheitssystem zuständig sind, das Gesetz so aus, wie es ihnen am passendsten erscheint oder am ehesten ihren Prinzipien entspricht. Der Grund dafür ist, dass das Gesundheitsministerium immer noch keine Vorschrift ausgearbeitet hat, die auf dieses Gesetz hinweist“, beklagte sie.

Die Gesetzgebung weist darauf hin, dass „die staatlichen Verwaltungsorgane mit Amtsbefugnis in diesem Sachgebiet, die Verhütungsmittel, die über die angemessene Genehmigung verfügen, sowohl hormoneller als auch nicht hormoneller Art, der Bevölkerung zur Verfügung zu stellen haben. Gemeint sind sowohl aus Östrogenen und Gestagenen kombinierte Mittel, als auch die, die nur Gestagene beinhalten, die hormonellen Notfallmittel und die nicht hormonellen, natürliche sowie künstliche“. Wie diese Zeugenberichte aufzeigen, ist diese Gesetzgebung noch weit davon entfernt, in die Praxis umgesetzt zu werden.

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