Brasilien

Marina Silva, die Kautschuk-Kriegerin


von Carolina Velázquez

alt(Mexiko-Stadt, 07. Januar 2011, cimac).- Die Umweltschützerin Marina Silva hat der neuen brasilianischen Präsidentin Dilma Rousseff ihre besten Wünsche für eine erfolgreiche Amtszeit übermittelt. Als eine ihrer Mitbewerberinnen bei der Präsidentschaftswahl 2010 hatte die Kandidatin der Grünen Partei PV (Partido Verde) in der ersten Runde 19,3 Prozent der Stimmen geholt.

In ihrer Web-Botschaft unter dem Titel: „Meine größten Wünsche für eine gute Regierung“ (www.minhamarina.org.br/blog/2011/01) erkennt die ehemalige Umweltministerin in Lulas Regierung (2003 bis 2008) die von dieser erzielten Fortschritte an und weist zugleich auf die Herausforderungen hin, vor denen die neue Präsidentin ihrer Meinung nach stehen wird.

Dilma Rousseff erbt demnach acht Jahre eines Brasiliens, das unter der Regierung Lula zu wirtschaftlicher Reife gelangt ist. Das Prestige des Landes stieg, auf internationaler Ebene gewann Brasilien Respekt. 28 Millionen Menschen entkamen der Armut. Marina Silva hebt außerdem hervor, dass die Abholzung der Amazonas-Wälder um 75 Prozent verringert werden konnte.

Hoffnung auf weiblichen Regierungsstil

Zu kämpfen haben werde Rousseff unter anderem mit der dürftigen Qualität des brasilianischen Bildungssystems und der ungenügenden Abwasserentsorgung, die sich auf die Gesundheit auswirke. Nur 40 Prozent der Bevölkerung seien an die Kanalisation angeschlossen. Als weitere Reformbereiche nennt Silva die Gesetzgebung bezüglich der Wälder und der Umwelt generell.

Die Crack-Seuche habe sich zu einer Bedrohung für die Jugend entwickelt, weshalb die öffentliche Sicherheit in vielen Metropolen Brasiliens stark gefährdet sei. Marina Silva fordert daher von der Regierung entschlossenes Handeln, um dem Vertrauensvorschuss der Mehrheit der Brasilianer*innen gerecht zu werden. In Rousseff setze sie als Frau die Hoffnung eines weiblichen Regierungsstils: Hierzu zähle die Fähigkeit, zuzuhören und die Suche nach gemeinsamen Lösungen.

Geboren im Amazonasgebiet

Marina Silva wurde 1958 im Amazonasgebiet geboren, 70 Kilometer östlich von Rio Branco, der Hauptstadt des Bundesstaates Acre, der im äußersten Westen Brasiliens liegt und an Bolivien und Peru grenzt. Ihre Kindheit – die Familie zählte elf Kinder – verbrachte sie in einer Gegend, die für den Kautschukanbau bekannt ist. Die kleine Marina hatte zwei Träume: Ordensfrau zu werden und in die Schule zu gehen. Allmählich entwickelte sie sich zu einer Kämpferin für die Umwelt und besonders das Amazonasgebiet, in welchem sie sich Malaria und Hepatitis, sowie eine Vergiftung durch Schwermetalle zuzog. Die spanische Autorin Carmen Alborch spricht in einem Buch über die beiden Alternativen, die sich Marina Silva eigentlich nur auftaten: Entweder in ihrer Heimat ein ärmliches Dasein als Hausangestellte zu fristen oder, wie so viele andere Brasilianer*innen, ihr Glück in einer großen Stadt zu suchen, und dort im Elend der Favelas zu enden.

Befreiungstheologie und Seringueiros

Es kam jedoch anders. Marina lebte im Alter von 16 bis 19 Jahren in einem Konvent. Neben Lesen und Schreiben machte sie sich hier auch mit der Befreiungstheologie vertraut und sammelte Erfahrungen in Basisgemeinden. Später studierte sie Geschichte und Erziehungspsychologie. Zusammen mit dem legendären Umweltaktivisten Chico Mendes, der 1988 ermordet wurde, nahm sie am Kampf für die Rechte der Kautschukzapfer, der „Seringueiros“, teil. Dieser spielte sich unter der Repression der brasilianischen Militärdiktatur ab. 1979 schloss Marina Silva sich der Arbeiterpartei PT (Partido dos Trabalhadores) an. Jahre später wurde sie mit dem höchsten Stimmenanteil zur Stadträtin in Rio Branco und zur Abgeordneten im Staatsparlament von Acre gewählt. Mit 36 Jahren kam sie schließlich in den Senat nach Brasília und setzte sich hier entschieden für eine Reduktion des Treibhausgasausstoßes ein.

2003 schließlich nahm Lula seinen dritten Anlauf auf die Präsidentschaft. Der ehemalige Metallarbeiter und Gewerkschafter siegte dieses Mal und ernannte Marina Silva zur Umweltministerin. 2008 trat sie zurück – drei Tage, nachdem sie die III. Nationale Umweltkonferenz geleitet hatte, an der 100.000 Menschen teilnahmen. Sie – die von der Regierung Lula den Nichtregierungsorganisationen als Ausweis einer umweltfreundlichen Gesinnung präsentiert worden war – begründete den Schritt mit grundlegenden Meinungsverschiedenheiten zwischen ihr und der Regierung.

Rücktritt wegen Entwicklungsplan für Amazonien

In ihrem Blog hat sie ihre Regierungszeit Revue passieren lassen. Lula bezeichnete sie dabei als einen kompetenten Manager. Zunächst hatte es große Erfolge bei der Verringerung des Abholzungs-Tempos gegeben, 14 Ministerien arbeiteten eng zusammen. Über 1.500 illegale Unternehmen wurden aufgelöst und 700 Personen festgenommen. Doch wie die Agentur IPS mitteilte, habe der „Plan für ein nachhaltiges Amazonien“ („Plano Amazônia Sustentável“), der mit zahlreichen Entwicklungsprojekten massive Umweltschäden vorausahnen ließ, das Fass zum Überlaufen gebracht. Roberto Semraldi, der Vorsitzende der Umweltorganisation Freunde der Erde (Amigos da Terra) bezeichnete den Plan als „Beerdigung“ für jede nachhaltige Entwicklung, die doch angeblich bezweckt wurde. Für Silva hatte eine nachhaltige Entwicklung des Amazonasgebietes absoluten Vorrang, schreibt IPS, doch „plötzlich sah sie sich um ihre Bemühungen betrogen“.

Im Jahr 2011, dem von der UNO ausgerufenen Internationalen Jahr der Menschen afrikanischer Abstammung, schreibt die Umweltschützerin an Dilma Rousseff: „Brasilien hat alles, um zu einer der größen Führungsmächte dieses Jahrhunderts zu werden. Aber nicht einfach nur auf dem sinnosen Weg der wirtschaftlichen Macht, sondern mit der Schaffung einer Welt, in der das Leben in allen seinen Formen gefeiert wird. Es kann den schlechten Zustand der Verkommenheit zum Ausgangspunkt zu einer Zukunft machen, in der alle Menschen und unsere Umwelt mit Respekt und Würde behandelt werden können.“

(Foto: Wikimedia)

 

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