Chile

Linea Aborto Libre – Frauenkollektiv berät via Telefonhotline zur Abtreibung


von A-Radio Berlin

Plakat lineaabortolibre (Ausschnitt)(Berlin, 30. Januar 2014, poonal).- Chile ist eines der Länder, in dem bis zum heutigen Tag ein absolutes Abtreibungsverbot gilt. Gleichzeitig ist es eines der Länder mit der höchsten Rate an Schwangerschaftsabbrüchen in Südamerika. Das Frauen-Lesben-Kollektiv Linea Aborto Libre hat angesichts dieses absoluten Verbots des Schwangerschaftsabbruchs im Land eine Telefonhotline für Frauen eingerichtet, die abtreiben wollen, sowie eine entsprechende Handreichung veröffentlicht.

20.000 Telefonberatungen seit 2009

Seit Mai 2009 bietet das Kollektiv ein Infotelefon an, wo es alle Fragen zum Thema Abtreibung, und wie Frauen selbst eine Abtreibung mit dem Medikament Misoprostol durchführen können, beantwortet. Dazu haben sie auch ein 120 Seiten starkes Handbuch veröffentlicht. Rund 20.000 Telefonberatungen über die Hotline haben seither stattgefunden.

Die Abtreibung mit Misoprostol gehört zu den sichersten Abtreibungsmethoden und wird von der Weltgesundheitsorganisation WHO explizit als Mittel der Wahl empfohlen. In einer Broschüre von Pro Familia zur Beratung über diese Abtreibungsmethode heißt es, dass es in den USA seit Einführung des Medikaments im Jahr 2000 zu insgesamt neun Todesfällen im Zusammenhang mit einer Infektion des Uterus gekommen sei. Das entspricht einem Todesfall auf ca. 200.000 Schwangerschaftsabbrüche.

Absolutes Abtreibungsverbot geht noch auf Pinochet-Diktatur zurück

Allerdings trete diese Infektion zuweilen auch bei Geburten, Fehlgeburten oder anderen Operationen auf. Das chilenische Frauen-Lesben-Kollektiv orientiert sich mit seinen Empfehlungen an den Hinweisen der WHO. Das Medikament Misoprostol wurde in Chile allerdings im Jahr 2009 verboten. Um das Verbot zu umgehen, können Frauen es aber über unter bestimmten Bedingungen über das Internet beziehen. Im Handbuch des Kollektivs finden sich deshalb auch entsprechende Hilfestellungen zum Kauf des Medikaments.

Erst im vergangenen Jahr hatte der Fall einer vergewaltigten 11-Jährigen für internationale Schlagzeilen gesorgt. Dem Mädchen wurde aus vermeintlichen „gesundheitlichen Gründen“ die Abtreibung verwehrt. Das restriktive Abtreibungsverbot in Chile geht auf die letzten Tage der Pinochet-Diktatur zurück. So wurde Ende 1989 der Paragraph abgeschafft, der Abtreibung zumindest aus gesundheitlichen Gründen oder im Falle einer Vergewaltigung bis dahin erlaubt hatte. Jährlich nehmen zwischen 120.000 und 160.000 Frauen unterschiedlichen Lebensalters und aus verschiedenen sozialen Hintergründen heimlich Abtreibungen vor. Bis heute hat keine der Folgeregierungen diese Regelung wieder geändert. Das Frauenkollektiv setzt daher lieber auf praktische Selbsthilfe.


 

Interview mit einem Mitglied des Kollektivs

A-Radio: Wie ist die legale Situation der Abtreibung in Chile?

Linea Aborto Libre: Abtreibung ist unter allen Umständen verboten. Die Gefängnisstrafen dafür können bis zu 25 Jahre betragen. Auch für diejenigen, die dabei helfen. Es gibt keinen politischen Willen, die gesetzliche Regelung im Sinne der Frauen zu verbessern. Für Linea Aborto Libre geht es daher nicht um die Legalisierung der Abtreibung, sondern darum, Informationen bereitzustellen und den Frauen dadurch die Autonomie zu geben, den Schwangerschaftsabbruch zu Hause durchzuführen. Das ist so die Message unserer Gruppe: Du kannst zu Hause abtreiben und das ganz einfach mit 12 Tabletten.

Worum geht genau es bei eurer Arbeit?

Linea Aborto Libre: Das Projekt nennt sich Linea Aborto Libre, (Deutsch etwa: Hotline freie Abtreibung). Es ist eine Organisation von Lesben und Feministinnen, die ein Handy betreiben, das Frauen 4 Stunden am Tag anrufen können, wenn sie sich über die Möglichkeiten zur Abtreibung mit Medikamenten informieren möchten.

Die Linea gibt den Frauen dann diese Informationen. Außerdem erhalten sie medizinische Hinweise sowie Tipps dazu, wie Frauen sich gegen Schikanen zur Wehr setzen können, falls sie den Schwangerschaftsabbruch im Krankenhaus oder in der Notaufnahme beenden müssen.

Was hat es mit eurem Handbuch auf sich?

Linea Aborto Libre: Das Handbuch stellt einer Ergänzung zur Arbeit des Kollektivs dar. Wir verteilen es entweder selbst oder über Buchläden oder Bibliotheken, die es dann weiterverkaufen. Außerdem geben wir Workshops. Im Grunde konzentriert sich die Arbeit der Linea darauf, die notwendigen Informationen bereitzustellen, wie Frauen mit Tabletten abtreiben können.

Hattet ihr aufgrund eurer Arbeit mit Repression zu kämpfen?

Linea Aborto Libre: Wir hatten zwei Anklagen, bei denen es allerdings nicht zu einem Urteil gekommen ist, da es der Staatsanwaltschaft an Argumenten fehlte. Sie konnte uns nicht die Bildung einer kriminellen Vereinigung nachweisen, was sie uns anhängen wollte. Sowohl das, als auch das Aufrufen zu Straftaten. Aber da man uns nicht nachweisen konnte, dass die Organisation derartige Dinge tut, ist es in beiden Fällen nicht zu einem Urteil gekommen.


 

Plakat-lineaabortolibreSchwangerschaftsabbruch ist Tabuthema

Das Thema Schwangerschaftsabbruch ist in Chile ein Tabuthema. Das klassische Familienbild und die Rolle der Frau als Ehefrau und Mutter sind nach wie vor Ton angebend. Der Einfluss der katholischen Kirche auf die Gesellschaft ist enorm groß. Daher sind Frauen, die abtreiben wollen, meist auf sich allein gestellt und müssen staatliche Repression bis hin zu Gefängnisstrafen fürchten.

Wer es sich leisten kann, fährt in eines der Nachbarländer mit einer lockereren Gesetzgebun, um dort in privaten Kliniken den Eingriff vornehmen zulassen. Doch für viele bleibt nur der Schritt eines selbst durchgeführten Abbruchs mit den entsprechenden gesundheitlichen Risiken. Allerdings wird der Widerstand gegen diese Zustände größer.

„Moralistische Gesellschaft mit doppelten Standards“

Auch im vergangenen Wahlkampf zu den PräsidentInnenwahlen spielte das Thema eine Rolle. So sprach sich die inzwischen zur Präsidentin gewählte Kandidatin Michelle Bachelet zumindest für die „therapeutische“ Abtreibung aus, die einen Schwangerschaftsabbruch aus gesundheitlichen Gründen zulässt. Doch während ihrer ersten Präsidentschaft (2000 bis 2006) hatte Bachelet nichts zur Änderung des Gesetzes getan. Das generelle Recht auf Abtreibung, wie es von verschiedensten feministischen Gruppen gefordert wird, scheint unterdessen in weiter Ferne gerückt.

Die Gruppe Linea Aborto Libre beschreibt ihre Position in ihrem Handbuch folgendermaßen: „Mit dem Handbuch reagieren wir auf eine absolut moralistische Gesellschaft mit doppelten Standards, die die Realität von Tausenden von Frauen versteckt und negiert, die täglich abtreiben. Wir, Lesben und Feministinnen, begreifen die Ausübung von Rechten als eine Praxis der Befreiung und der Dekonstruktion der herrschenden Begrifflichkeit des Rechts. Wir arbeiten darauf hin, Werkzeuge bereitzustellen, damit Frauen ihre Entscheidungen gut informiert und eigenständig treffen können. Wir hoffen nicht auf staatlich zuerkannte “Rechte”, die dargeboten werden, als handele es sich um eine Wohltat. Wir sind es, die unsere Räume und Tätigkeiten erkämpfen und die diese in unserer alltäglichen politischen Arbeit ausfüllen, indem wir eine Aufgabe übernehmen, die die Regierungen ignoriert und unterlassen haben, aufgrund ihres Mangels an Visionen und Interesse für das Leben der Frauen.“

Handbuch informiert über Rechte und Risiken einer Abtreibung

Das Handbuch geht detailliert auf verschiedene Bereiche rund um Abtreibung ein, so auch den legalen Rahmen. Insbesondere widmet es sich jedoch der konkreten Anwendung des verbotenen Medikaments Misoprostol und wie Frauen vorgehen sollen um eine Anzeige zu vermeiden, wenn sie doch wegen einer illegalen Abtreibung ein Krankenhaus aufsuchen müssen. Denn, so heißt es weiter im Handbuch: „Abtreibungen gehören zum alltäglichen Erfahrungsbereich von Frauen. (…) Alle erforderlichen Informationen über ein Thema zu haben, ermöglicht eine freiere und informiertere Entscheidung. Dieses Handbuch beschreibt, wie eine Abtreibung mit Misoprostol funktioniert, wie sie vonstatten geht, welche Symptome auftreten, welche Risiken es gibt und auch, welche Rechte Frauen haben, im Gesundheitsbetrieb bei der Polizei, in der Familie und vor dem Staat.“

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