Mexiko

Liebe tötet nicht


von Lydia Cacho

(Mexiko-Stadt, 27. September 2010, cimac).- Am 20. September wurde Alí Desirée 24 Jahre alt. Sie stand kurz davor, ihren Abschluss in Klassischer Literaturwissenschaft an der Nationalen Autonomen Universität Mexikos UNAM (Universidad Nacional Autónoma de México) zu machen. Die Schachmeisterin und Tochter einer Mexikanerin und eines Panamaers wollte gern Schriftstellerin werden – einige Gedichte hatte sie bereits veröffentlicht. Ihren Geburtstag feierte sie mit Oswaldo Morgan Colón, ihrem Exfreund, von dem sie sich zwei Wochen zuvor getrennt hatte.

Oswaldo hatte darum gebeten, dass sie weiter Freunde blieben und sie war darauf eingegangen. Nach der Feier ermordete er Alí mit 25 Messerstichen. Im Schock nach der Tat suchte er einen Freund auf, um ihm die Tat zu beichten.

Obwohl der Bruder des jungen Mörders, der ehemalige Parlamentsabgeordnete Humberto Morgan, der derzeit Mitarbeiter im Bildungsministerium ist, versucht hatte, die Freilassung Oswaldos nach einem Jahr Untersuchungshaft zu erreichen, haben die Richter des Hauptstadtbezirkes Mexiko-Stadt ihn zu einer Gefängnisstrafe von 42 Jahren für Totschlag im besonders schweren Fall unter Einfluss von freiwillig konsumierten Drogen verurteilt.

„Eifersüchtig, aber das ist normal“

Oswaldos Bruder Humberto Morgan ist nicht der einzige, der ihn für seine Tat in Schutz nimmt. Einige seiner Freunde erklärten, Oswaldo sei „eifersüchtig, aber das ist normal“, er sei „kontrollierend, aber das ist normal“, „er wollte, dass Alí ihm gehorcht, so wie es sich normalerweise gehört“ und Oswaldo sei „ein ruhiger Kerl, mit normalen Wutausbrüchen.“

Laut Aussagen von Freundinnen des Mordopfers habe Alí die Beziehung beendet, weil Oswaldo „unkontrollierte Eifersuchtsanfälle“ gehabt habe. Bereits während der Beziehung habe es offensichtliche Anzeichen gegeben, dass in der Beziehung Gewalt im Spiel sei, doch habe dies niemand ernst genommen. Selbst nach dem Tod von Alí habe die Familie von Oswaldo argumentiert, die junge Frau selbst habe „die Auseinandersetzung provoziert, die ihn so in Rage gebracht hat“.

Alle zwei Tage ein Feminizid

Eigentümlicherweise wird dieser Fall, ebenso wie die Mehrheit der Feminizide, wie derartige Fälle genannt werden, bei denen Frauen aufgrund ihres Geschlechts umgebracht werden, von den meisten Menschen als “Ausnahme” angesehen. Statistiken beweisen leider das Gegenteil.

Allein im Bundesstaat Mexiko stirbt alle zwei Tage eine Frau aufgrund von sexualisierter Gewalt. Mehr als 80 Prozent dieser Taten werden vom Partner, vom Ehemann, vom Ex-Mann oder von Bekannten des Opfers verübt.

Die Mehrzahl der gewaltsamen Todesfälle bei Männern wird hingegen meist auf der Straße verübt. Täter sind meist andere Männer und die Tatmotive stehen mit dem Geschlecht der Opfer nicht im Zusammenhang.

Traditionelles Rollenbild befördert Gewalt

Die Organisation Männer gegen Gewalt geht davon aus, dass Werte und Verhaltensweisen, die aus einer traditionellen männlichen Identität übernommen werden, Produkte einer gesellschaftlichen Konstruktion sind, die ein derartiges Verhalten normalisiere sowie teilweise sogar zelebriere oder verharmlose.

Jeder Mann, der sich entscheide seine Verhaltensmuster gegenüber Frauen zu ändern, könne dies auch schaffen, das würden sie in ihrer Arbeit mit Männern immer wieder erleben, so die Mitarbeiter der Organisation.

Alí war eine junge, gefühlvolle Feministin, die für die Rechte von Frauen und Mädchen eintrat. Sie glaubte daran, dass Männer, ebenso wie Frauen, selbst entscheiden könnten, ob sie Gewalt ausüben oder nicht. Oswaldo entschied sich dazu, sie umzubringen.

Neue Männlichkeit erschaffen

In einem ihrer Gedichte heißt es: „In meinem Garten in meiner Ruhe/der magnetisierte Blick ruft/die Stille bewegt sich zwischen den Flügeln/lausche ihr/als würden alle Blumen sprechen/und der Himmel wird sein einziges Auge – die Sonne – öffnen/fürchte diesen mächtigen Zyklopen nicht/sieh genau hin aber sag die Wahrheit“.

Das Vermächtnis von Alí für die Student*innen der UNAM könnte darin bestehen, sich gegen Gewalt in Beziehungen stark zu machen und eine neue Männlichkeit zu erschaffen. Denn wahre Liebe, so die Freundinnen von Alí auf facebook, sei nicht gewaltsam. Es sei Aufgabe der neuen Generationen, Liebe und Gleichheit neu zu definieren.

* Der Artikel erschien in der Kolumne Plan b, die montags und donnerstags in CIMAC, El Universal und anderen mexikanischen Zeitschriften veröffentlicht wird. Der Name soll ausdrücken, dass es immer eine andere Möglichkeit der Sicht auf Dinge und Themen gibt, die durch den traditionellen Diskurs, den Plan A, nicht abdeckt werden. Link zur Organisation Männer gegen Gewalt (Mexiko): www.gendes.org.mx

(Foto: Maria Kindling)

CC BY-SA 4.0 Liebe tötet nicht von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.


Das könnte dich auch interessieren

Zeuge: Cáceres wurde von Soldaten ermordet Foto: Telesur(Caracas, 21. Juni 2016, telesur/poonal).- Der ehemalige Oberfeldwebel Rodrigo Cruz war Mitglied einer Sondereinheit der Armee in Honduras. Nach einem Bericht des britischen Guardian vom 21. Juni habe die Einheit von Cruz den Befehl erhalten, mehrere Führungspersonen sozialer Bewegungen in Honduras zu ermorden. Eine davon soll die Umweltaktivistin Berta Cáceres gewesen sein. Rodrigo Cruz erklärte, ihr Name sei auf einer schwarzen Liste gewesen; die hondurani...
Der Pfad der Frauen Wie in kaum einem anderen Friedensprozess ist die weibliche Bevölkerung in den Dialog zwischen der kolumbianischen Regierung und der FARC-Guerilla eingebunden.Von Wolf-Dieter VogelMarina Gallego, Sprecherin des feministischen Netzwerks „Ruta Pacífica de las Mujeres“. Fotos: Wolf-Dieter Vogel(Berlin, 20. Juni 2016, npl).- Es war eine außergewöhnliche Delegation, die am 18. Mai dem Friedensdialog zwischen der kolumbianischen Regierung und der Guerilla-Organisation...
Massaker an Homosexuellen – und keinen interessiert es Grafik: Telesur/Quadratín(Caracas, 14. Juni 2016, Telesur).- Ende Mai im mexikanischen Bundesstaat Veracruz: Bewaffnete dringen in eine Schwulenbar ein und eröffnen das Feuer auf die dort anwesenden 180 Menschen. Sieben Menschen werden getötet, weitere zwölf verletzt. Die Regierung behauptet, es habe sich um eine Abrechnung zwischen Drogenbanden gehandelt.Die lateinamerikanische LGBTI-Gemeinde ist regelmäßig Gewalt ausgesetzt, aber mit dem Islam hat das nichts zu tun...
Kriminelle Umweltzerstörung im Nordwesten Mexikos Von Victor M. QuintanaEin Tarahumara-Mädchen verkauft Schmuck an der Barranca del Cobre. Foto: Tabea Huth - German Wikipedia (CC BY-SA 3.0)(Mexiko-Stadt, 6. Mai 2016, la jornada.- Nicht jeden Tag genießt man ein solches Vorrecht. Die pastoralen Mitarbeiter*innen der Diözese der Sierra Tarahumara, einer Gebirgsregion im Nordwesten Mexikos, luden mich zu ihrer Versammlung zum Thema Seelsorgeplan der Diözese ein. Die Dynamik dieser großen Gruppe, die sich aus Laien, Non...
Interview mit Verónika Mendoza: Das kleinere Übel wählen Von Stephanie DemirdjianVerónica Mendoza / Foto: Pablo Vignali(Montevideo, 01. Juni 2016, la diaria).- Mendoza kommt zu spät zum Interview, sie hat sich in den Straßen von Montevideo verlaufen, empfindet das aber nicht als Zeitverlust: „So lerne ich die Stadt ein bisschen besser kennen.” Ihre Ernennung als Präsidentschaftskandidatin lief eigentlich ähnlich ab: Bis in den Dezember hinein stellte die Kandidatin der Partei Frente Amplio mit ihren Umfragewerten das Schlu...

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.