Brasilien
Fokus: Menschenrechte 2016

Lepra breitet sich aus – weltweit zweithöchste Neuerkrankungsrate


Von Paolo Moiola (Interview)

Olívia Dias de Araújo: Erkrankungen mit Lepra nehmen wieder zu

Olívia Dias de Araújo / Foto: Rosa Maria Duarte Veloso, FAESF

(Lima, 7. April 2016, noticias aliadas-poonal).- Lepra kann Menschen entstellen und verkrüppeln. Nicht nur den Erkrankten droht die gesellschaftliche Marginalisierung, auch ihren Angehörigen. Brasilien ist nach Indien das Land, in dem nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO die meisten Neuerkrankungen auftreten: 2014 waren es 31.064, von weltweit knapp 214.000 Fällen. Schätzungsweise ein bis zwei Millionen Menschen sind von der Infektionskrankheit irreversibel entstellt.

Die Gesundheitsexpertin und Professorin für Krankheitspflege Olívia Dias de Araújo forscht in der Kleinstadt Floriano im nordöstlichen Bundesstaat Piauí. Hier hat die Zahl der Neuerkrankungen in den vergangenen Jahren dramatisch zugenommen.

Noticias Aliadas: Lepra tritt vor allem in von Armut geprägten Umfeldern auf. Besteht ein direkter Zusammenhang zwischen Armut und Erkrankung?     

Olívia Dias de Araújo: Zwar findet man Lepra in den ärmsten Ländern, und sie tritt  bei den am stärksten benachteiligten Bevölkerungsschichten auf. Es lässt sich aber nicht mit Sicherheit sagen, welche Rolle Aspekte wie die Wohnverhältnisse, die Ernährung und weitere Infektionen wie HIV oder Malaria spielen. Die Bedeutung genetischer Faktoren wird seit langem erforscht. Die Möglichkeit, dass genetisch miteinander verbundene Gemeinschaften ein höheres Erkrankungsrisiko aufweisen, besteht durchaus.

Aufgrund der Sichtbarkeit der Lepra durch offene Wunden und Entstellungen von Händen und Füßen war diese Erkrankung immer mit einem sozialen Stigma und Marginalisierung verbunden. Gilt das auch heute noch?

Die Entstellungen haben für den an Lepra Erkrankten zahlreiche Probleme zur Folge. Seine Arbeitsfähigkeit wird vermindert, er kann nur noch eingeschränkt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, es treten psychische Leiden auf, die Gesellschaft reagiert mit Ablehnung. Daher lautet die Antwort auf Ihre Frage: Ja, auch heute noch führt Lepra zu Stigmatisierung und ruft Vorurteile hervor.

Lepra-Kranke versuchen daher, ihre Erkrankung zu verbergen.

Das stimmt. Sie tun es aus Angst und Scham und verbergen ihre Erkrankung sogar vor den Angehörigen. Das zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten und ist unabhängig von der Bildung. Und die Lepra-Kranken werden bestätigt, wenn ihr Umfeld die Erkrankung bemerkt. Sie werden dann gemieden und ausgegrenzt, selbst von vielen Menschen, die ihnen eigentlich nahe stehen.

Brasilien ist in Lateinamerika das Land mit der größten Zahl an Lepra-Fällen.

Das Auftreten von Lepra konzentriert sich zunehmend auf wenige Länder. Gut 80 Prozent der Neuerkrankungen entfallen auf nur drei Länder: Indien, Brasilien und Indonesien. Brasilien liegt bei der Zahl der Neuerkrankungen weltweit auf dem zweiten Platz. In Lateinamerika ist es das einzige Land, welches das Ziel, die Lepra weltweit auszurotten, nicht erreicht hat. Die Weltgesundheitsorganisation WHO sieht dieses Ziel erreicht, wenn in einem Land nur ein Fall auf jeweils10.000 Einwohner kommt. Innerhalb Brasiliens verteilen sich die Lepra-Erkrankungen allerdings sehr unterschiedlich. Die Bundesstaaten Mato Grosso, Tocantins, Maranhão, Pará und Piauí sind am stärksten betroffen. In den südlichen Bundesstaaten tritt Lepra dagegen so gut wie gar nicht auf.

Bekämpft die brasilianische Regierung Ihrer Meinung nach die Lepra-Erkrankung in angemessener Weise?

Meiner Ansicht nach geht die Strategie Brasiliens im Kampf gegen die Lepra in die richtige Richtung. Es werden aber auch Fehler begangen, die dazu führen, dass die von der WHO festgelegten Ziele nicht erreicht werden. Die Regierung in Brasília behauptet, die Ausrottung der Lepra sei nah. Das entspricht nicht der Realität und zeigt, dass es mangelhafte Statistiken gibt. Das Problem besteht darin, dass ohne eine allgemeine Verbesserung der Lebensbedingungen in Brasilien die Lepra kaum verschwinden wird.

Was muss geschehen, um den Lepra-Kranken zu helfen und die Ausbreitung der Krankheit zu vermeiden?

Es wäre wichtig, massiv in Gesundheitsdienstleistungen und Hygienestandards zu investieren. Außerdem müssen die Wohnverhältnisse und die Ernährung verbessert werden. Notwendig sind eine hochwertige staatliche Gesundheitsaufklärung und ein Zugang für alle zu Gesundheitsdienstleistungen jeder Art. Hierzu zählt auch das Recht Lepra-Kranker auf Rehabilitation. Für die Vorbeugung müssen die Angehörigen der Erkrankten ins Visier genommen werden, da sie einem sieben Mal so großen Risiko unterliegen, ebenfalls zu erkranken wie der Durchschnitts-Brasilianer. Nur so kann die Kette der Lepra-Erkrankungen zerschlagen werden.

Welches ist Ihre größte Hoffnung – als Gesundheitsarbeiterin, aber auch ganz persönlich?

Meine größte Hoffnung ist, dass das brasilianische Einheitsgesundheitssystem SUS (Sistema Único de Saúde) – dem ich voller Stolz angehöre, und das ich eisern verteidige –  so funktioniert wie vorgesehen: effizient und gleich für jede Brasilianerin und jeden Brasilianer. Mit Beschäftigten, die sich leidenschaftlich engagieren, und deren Arbeitsbedingungen angemessen sind. Persönlich hoffe ich für die Menschen bei uns im Nordosten und in ganz Brasilien, dass der Analphabetismus ebenso ausgerottet wird wie Hunger, Armut und die große soziale Ungleichheit, die besteht.

 

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