Ecuador

Lektionen eines Erdbebens


Von Álvaro Cuadra Rojas*

Foto: Twitter Telesur

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(Quito, 18. April 2016, alai-poonal).- Die Küsten Ecuadors wurden am 16. April 2016 das Epizentrum eines Erdbebens der Stärke 7,8 auf der Richterskala. Die Folgen für das Land sind verheerend, es zeigt sich ein Bild der Zerstörung, 557 Menschen kamen ums Leben und Tausende sind verletzt oder obdachlos geworden. Ein trauriger Umstand, auf den die einzige Antwort Solidarität und Hilfe für ein befreundetes Land sein kann, das leidet. Es stimmt: Die Natur ist unberechenbar, es gibt keinen Weg, um derartige Naturereignisse einigermaßen sicher vorherzusagen. Dennoch sollten die Geschehnisse wachrütteln und ein Alarmsignal für alle Bereiche der Gesellschaft sein.

Erdbebensicherheit bei Häusern und Infrastruktur

Man weiß, dass es auf der Welt von Erdbeben besonders gefährdete Zonen gibt, wie etwa Chile oder Japan. In Chile haben wir Jahrzehnte benötigt, um eine Reihe gebotener öffentlicher Maßnahmen umzusetzen, um – soweit dies überhaupt möglich ist – die verheerenden Folgen seismischer Aktivitäten verhindern zu können. Diese Maßnahmen bestehen in zahlreichen Regelungen des Bausektors, der Standards zum Erdbeben sicheren Bauen beinhalten muss. Die Behörden verschiedener Regierungen wie auch der in der Kammer des Bauhandwerks zusammengeschlossene Privatsektor, haben gemeinsam einige Mindeststandards zur Vorsorge und zu Erdbebensicherheit beschlossen.

Auch wenn Erdbeben in Ecuador weniger häufig vorkommen und nicht so stark ausfallen wie im Südpazifik, scheint der Moment gekommen zu sein, einige rechtliche Regelungen zum Bau von Häusern und Infrastruktur in diesem Land zu überprüfen. Diese Aufgabe obliegt nicht nur der Regierung, sondern auch den direkt oder indirekt mit dem Bausektor verbundenen Unternehmen. Die Entwicklung Ecuadors ist kein Umstand, der allein auf den Schultern der Regierung liegt, sie betrifft das gesamte Land und die nachfolgenden Generationen.

Solidarität über politische Gräben hinweg

Interessant ist die Beobachtung, dass die verschiedenen politischen und sozialen Sektoren Ecuadors in der Lage sind, ihre üblichen Differenzen zurückzustellen um gemeinsam einer Tragödie zu begegnen, die das ganze Land betrifft. Diese Haltung stellt ein verändertes Politikverständnis dar und sie zeigt, dass Klarheit darüber besteht, dass es einer Politik bedarf, die über das Regierungshandeln hinausgeht und die einen Entwicklungshorizont für alle Menschen dieses Landes im Blick hat.

Der Schmerz erteilt Lehren. Es bleibt zu hoffen, dass es keiner weiteren Tragödie bedarf, damit sich erneut die Stärke der Ecuadorianer*innen zeigt: ihre Solidarität, ihre Fähigkeit, zusammen für das Gemeinwohl zu arbeiten, allein von dem Wunsch beseelt, das Leiden der vielen Mitmenschen angesichts der Tragödie zu lindern. Eine Umarmung für die Bevölkerung Ecuadors.

* Álvaro Cuadra Rojas (geb. 1956) ist ein chilenischer Analyst, Essayist und Akademiker

 

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