Guatemala

Laguna del Tigre: Wasser versus Öl (I)


von Camilo Salvadó, Guatemala

(Fortaleza, 21. April 2010, adital).- Der Ermittler zu Studien über Landarbeiter*innen AEC (Área de Estudios sobre Campesinado) der Vereinigung zum Fortschritt der Sozialwissenschaften, AVANCSO (Asociación para el Avance de las Ciencias Sociales en Guatemala), Guatemala, 21 April 2010

Unter der Regierung der Partei UNE (Nationale Union der Hoffnung) ist die Laguna del Tigre in San Andrés, Department Petén, bereits mehrmals Nachrichtenthema gewesen: wegen der gewaltsamen Vertreibungen der Gemeinden La Florida (Januar und März 2008), El Picudo (März 2008), El Vergelito (Januar 2009), Cruce Santa Amelia (Januar 2009) und weiteren. Gegenwärtig wird das Schutzgebiet kontrovers diskutiert, denn der Erdölförderungsvertrag des transnationalen Unternehmens PERENCO läuft aus, und die Entscheidung über eine Verlängerung führt zu Auseinandersetzungen zwischen Befürworter*innen der fortgesetzten Erdölextraktion und deren Gegner*innen.

Das System aus Lagunen, Morast und anderen natürlichen Wasserträgern, aus welchen sich die Laguna del Tigre zusammensetzt, ist ein Naturschutzgebiet von großem nationalen und weltweiten Wert. Sie ist das zweit wichtigste Süßwasserreservoire Lateinamerikas, das bedeutsamste in Mittelamerika und wird seit 1971 auf der Liste des Ramsar-Abkommens über international bedeutsame Feuchtgebiete geführt. Das waren zumindest die Argumente der Regierung, um die bäuerlichen Gemeinden mit Hilfe des Nationalrats für Schutzgebiete CONAP (Consejo de Áreas Protegidas) und des Umweltministeriums MARN aus dem Gebiet zu vertreiben.

Jedoch war weder der Umweltschutz, noch die Bedeutung der geschützten Gebiete angesichts des Klimawandels oder den Krisen wegen Knappheit von Wasser- und agrarischen Lebensmitteln von Bedeutung, als im Februar diesen Jahres das Ministerium für Energie und Minen (MEM), das Generalsekretariat des Präsidenten (SGP) und die Nationale Ölkommission die Verlängerung des Vertrags mit PERENCO über eine Laufzeit von 15 Jahren beschlossen – ohne dabei die Meinung anderer Ministerien, sozialer Organisationen oder die der anliegenden Gemeinden einzuholen.

Die PERENCO nahe stehenden Sektoren setzen sich offen für die Verlängerung des Vertrags ein. Zudem ist dies eines der wenigen Themen, in der zwischen der Regierungspartei UNE und der patriotischen Partei PP („die wichtigste Oppositionspartei“) eine merkwürdige Übereinkunft herrscht. Wie zu erwarten drehen sich ihre Argumente um die „millionenschweren Gewinne“, die „Entwicklung der Region“ und andere Märchen. Gleichfalls bemühen sie juristische Winkelzüge wie jene des Originalvertrags, welcher 1985 und damit vor der Verabschiedung des Gesetzes über Naturschutzgebiete (1989) und der Erklärung des Gebietes als Biotop (1986) und Naturpark (1990) vereinbart wurde.

Auf der anderen Seite widersprechen zahlreiche Umwelt-, Bauern- und Indigenenorganisationen und deren Unterstützer*innen (inklusive des Umweltministeriums und des CONAP) der Vertragsverlängerung mit verschiedenen Begründungen. Sie reichen von den miserablen Nutzungsabgaben von fünf Prozent bis zu den negativen sozialen und Umwelteinflüssen, welche die Erdölförderung in den vergangenen 25 Jahren mit sich gebracht hat: Verschmutzung, Waldrodungen, Vertreibungen von Anwohner*innen etc. Obwohl noch nicht geschehen, könnten sie sich auch darauf berufen, dass die letzte Vertragsverlängerung 1992 beschlossen wurde, als besagtes Gesetz über Naturschutzgebiete und die Erklärung als Biotop und Nationalpark bereits existierten, was das gegenwärtige Abkommen ungültig erscheinen lässt (Parkswatch: 2005).

Dieses Panorama bezeichnet die Spaltungen innerhalb der Regierung, hier dargestellt zwischen der Meinungsverschiedenheit zwischen den Ministerien für Energie und Minen und dem der Umwelt. Für die sozialen Organisationen hat diese Situation etwas positives, denn sie haben es geschafft, eine öffentliche Diskussion zum Thema sowie Allianzen für zukünftige Herausforderungen zu schaffen. Trotzdem ist es wohl am wahrscheinlichsten, dass Präsident Colom die im Februar erfolgte Verlängerung des Vertrags letztlich verabschieden wird, wie er es bereits mehrmals in den Medien verlautbaren ließ (Prensa Libre 17.03.2010; La Hora 30.03.2010; Siglo Veintiuno 04.04.2010; El Periódico 05.04.2010). Die Diskussion sollte sich jedoch weniger um den gegenwärtigen Konflikt von PERENCO und dessen Gehilfen gegen die sozialen Organisationen drehen, sondern ihre Perspektive auf das viel dringendere Problem der Beziehung zwischen Mensch und Umwelt erweitern. Angesichts der globalen Erwärmung ist das Thema der Naturschutzgebiete ein wichtiges, das an konkreten Beispielen aufgeworfen und bewertet werden sollte.

Naturschutzgebiete schienen die perfekte Lösung darzustellen, die noch verbliebenen (Ur-)Waldgebiete zu erhalten; sie haben sich aber heute in eine weiteren Anlass verwandelt, Bauern- und indigene Gemeinden aus ihrem Lebensraum zu vertreiben. Diese Gemeinden werden im Namen des „Umweltschutzes“ verdrängt; gleichzeitig werden andere umweltzerstörerische Aktivitäten in der Region zugelassen. Es kann jedoch auch nicht die Lösung sein, Schutzgebiete zu eliminieren (wovon Otto Pérez Molina, der aussichtsreichste Gegenkandidat des späteren Wahlsiegers Alvaro Colom, in einem Interview während des Wahlkampfes 2007 träumte).

Naturschutzgebiete sind bedeutsam, nicht nur um die biologische Vielfalt zu bewahren, die Risiken von Naturkatastrophen im Zuge der Erderwärmung zu mindern sowie den natürlichen Kreislauf und die Reinigung von Wasser und Luft zu gewährleisten, sondern sie tragen auch dazu bei, den Boden vor Erosion zu schützen und seine Fruchtbarkeit zu erhalten; unerlässliche Bedingungen, um die Selbstversorgung mit Lebensmitteln zu sichern.

Die „natürlichen Feinde“ der Naturschutzgebiete sind nicht die Landarbeiter*innen, sondern die Industrien, die Holz und Öl extrahieren, die landwirtschaftliche Monokultur und die Viehwirtschaft. Dies zu verstehen ist die Voraussetzung, um ein alternatives Modell von Naturschutzgebieten zu entwickeln. Dieses impliziert nicht, die Regionen „vor den Landarbeiter*innen zu schützen“, deren Produktionsweisen sich sehr viel einfacher mit der Erhaltung der Umwelt vereinbaren ließen, sondern sie vor der Gier des großen Geldes zu bewahren.

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