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Kohleabbau hinterlässt Geisterstädte


von Antje Vieth

Die Menschenkette gegen den Kohleabbau in Garzweiler. Foto: Flickr(Berlin, 27. Oktober 2015, npl).- Deutschland im Sommer 2015. Tausende fordern in einer großen Protestaktion den sofortigen Braunkohleausstieg, 1500 Menschen besetzen für mehrere Stunden die Braunkohlegrube im rheinländischen Garzweiler. In der Lausitz, im Nordosten der Republik, protestieren seit Jahren die Anwohner*innen gegen die Vertreibung aus ihren Dörfern. Aber auch fast zehntausend Kilometer davon entfernt, in Kolumbien setzen sich Gewerkschaften und indigene Gruppen seit Jahren gegen Kohleminen, gegen Vertreibung und Menschenrechtsverletzungen zur Wehr. In Venezuela konnte ein geplantes Megaprojekt im August 2015 aufgrund der starken Proteste der indigenen Gruppe der Wayúu zunächst abgewendet werden.

Rund um den Globus nimmt der Protest gegen den Kohleabbau zu, denn der Kohleabbau hinterlässt Geisterstädte. Selbst die Wirtschaftsmächte denken über den Kohleausstieg nach. Jetzt will sogar der Energiekonzern Vattenfall der Braunkohle adé sagen! Vattenfall hat den Umstieg auf erneuerbare Energien verpasst. Bekannt wurde der Energiekonzern als Atomkonzern. Da Vattenfall die Atomenergie nicht weiter ausbauen kann, stürzte sich der Konzern vermehrt auf die Braunkohle. Über die Hälfte der deutschen Energieversorgung wird aus Braun- und Steinkohle gewonnen, ein Viertel aus Atomenergie und nur ein kleiner Anteil sind Erdgas und erneuerbaren Energien.

Verfall in der Lausitz, Verbrechen in Kolumbien

Im August dieses Jahres organisierte die umweltpolitische NGO Powershift eine Fahrradtour durch die Lausitz. Andreas Stahlberg vom Landkreis Spree-Neiße macht die Führung durch seinen Landkreis: Besichtigt werden Schäden und Auswirkungen des Kohletagebaus. Schlaglöcher, kaputte Häuser, Erdrutsche, zerstörte Straßen, verlassene Dörfer: „Normalerweise ist es so, wenn Schäden durch den Bergbau entstehen, dass der Bergbaubetreiber die Schäden regulieren muss, aber Vattenfall sagt, diese Straße ist schlecht gebaut worden und deswegen entstehen die Risse“, erzählt der Mittvierziger, der hier jeden Riss, jedes Loch und jede Straße der Lausitz kennt. Seit September 2015 erklärt Vattenfall nun, die Lausitz bis Mitte 2016 aufzugeben. Das hörte sich noch einem Monat zuvor anders an.

Die deutschen Energiekonzerne importieren einen großen Teil der Kohle, die in Deutschland verbrannt wird, aus Kolumbien. Die Kohlegewinnung dort hinterlässt neben Geisterstädten auch schwere Menschenrechtsverbrechen. Die niederländische NGO Pax gab 2014 eine Studie zu Kohleabbau und Menschenrechtsverletzungen in Kolumbien heraus. Laut dieser Studie sind zwischen 1996 und 2006 allein in der Bergbauregion Cesar 3.100 Menschen ermordet und 55.000 Menschen vertrieben worden.

Es gibt keinen nachhaltigen Bergbau

Maina van der Zwan arbeitete an dieser Studie mit dem Titel „The dark side of the coal“, die dunkle Seite der Kohle mit und er war ebenfalls bei der Fahrradtour in der Lausitz dabei. Dabei findet er die Situation in der Lausitz mit der in Kolumbien durchaus vergleichbar: „Die Auswirkungen des Bergbaus sind eigentlich immer dieselben.“ Es gebe zwar keine paramilitärische Gewalt, aber die Auswirkungen wie die Staubbildung, die Wasserverschmutzung, die Vertreibung der Leute aus so einem großen Gebiet sei hier dasselbe wie in Kolumbien. Das zeige, dass es so etwas wie verantwortungsbewusste Unternehmen oder nachhaltigen Bergbau einfach nicht gibt.” “Es ist immer schlecht für die Umwelt und die Menschen, die dort leben”, fügt er nachdenklich hinzu.

Julio Fierro ist Geologe und Professor an der kolumbianischen Nationaluniversität in Bogotá. Er war Berater des kolumbianischen Umweltministeriums, unterstützte aber auch indigene und kleinbäuerliche Organisationen. Für ihn ist die Kohleproduktion “ein Kreislauf, bei dem die Länder, die Kohle exportieren, das schwächste Kettenglied sind.” Es komme zu “kranken Gemeinden mit verdreckter Luft, verseuchtem Wasser und Tausenden von Vertriebenen” berichtet er, und weiter: “Im Cesar müssen es mittlerweile 5.000 sein, in La Guajira 3.000, 70 Prozent davon sind indigene Wayúu. Und dann der paramilitärische Terror! Die ökologischen Auswirkungen sind enorm: Für jede Tonne geförderte Kohle bleiben zehn bis 15 Tonnen Rückstände in den Gemeinden! Nicht zu vergessen die Spuren die sie sonst hinterlassen: Das Blut, Die Verzweiflung, die Vertreibung…”

Protest im Hamburger Hafen. Foto: Jens FischerKohle aus Kolumbien wird zu einem beachtlichen Anteil nach Deutschland exportiert. Die Hamburger Gruppe Gegenstrom 13 recherchiert seit Jahren und versucht herauszufinden, wohin die Kohle genau geliefert wird. Und sie protestiert dagegen. 2013 hatte die Gruppe während des Hafengeburtstags den Hamburger Hafen blockiert. Auch Gäste aus Kolumbien waren gekommen. Und zeitgleich fand eine Kundgebung in Bogotá statt.

Greenwashing für bessere Publicity

Doch gerade die Recherchen dazu sind kein einfaches Unterfangen. „Lifeshipmapping“ heißt die Methode um herauszufinden, wie viele mit Kohle beladene Schiffe tatsächlich in den Hamburger Hafen einlaufen. Die Gruppe hat sich vor allem zum Ziel gesetzt, Kohleschiffe zu blockieren. Dazu beobachtet sie den Schiffsverkehr. “Über die ganzen Navigationssysteme ist es möglich, jedes Schiff was eine bestimmte Größe hat, weltweit zu verfolgen. Wir können im Internet auch sehen, welche Schiffe im Hamburger Hafen festmachen und können dann auch Informationen über diese Schiffe abrufen”, erklärt Jens Fischer, Pressesprecher von Gegenstrom 13: „Wir können immer rückwirkend sagen, wo das Schiff hergekommen ist. Was uns brennend interessieren würde wäre, zwei, drei Tage vorher zu wissen, wann so ein Schiff kommt; da sind wir aber glaube ich auf einem ganz guten Weg. “

Das hört sich erst mal sehr mühselig an, doch wenn man Vattenfall fragt, wo die Kohle herkommt, verweisen diese wohl auf die Industriestiftung Better Coal. Das ist eine finanziell unglaublich gut ausgestattete Initiative von großen Energiekonzernen weltweit, die „greenwashing“ betreibt und dafür sorgt, dass die Sozialstandards in den Abbaugebieten eingehalten werden. “Die fahren dann auch mal in irgendwelche Abbaugebiete, gucken da was da los ist und legen auch mal ein bisschen Geld für Umsiedlung auf den Tisch und hier in den Metropolen wird das letztlich für Propaganda genutzt”, erzählt Jens Fischer.

Machtverhältnisse in Frage stellen

Greenwashing ist eine Methode der Öffentlichkeitsarbeit. Sie zielt darauf ab, einem Unternehmen ein umweltfreundliches und verantwortungsbewusstes Image zu verleihen, ohne dass es dafür eine hinreichende Grundlage gibt. In Hamburg werden Radrennen finanziert, in Argentinien Krankenhäuser gebaut, in Uruguay Schulhefte mit entsprechendem Inhalt gedruckt. Auf allen Kontinenten benutzen multinationale Konzerne diese Strategie. Damit versuchen sie wütende Anwohner*innen zu besänftigen. Meist erfolglos: „Die Menschen wollten das Krankenhaus nicht, was von den Minenbesitzern errichtet wurde und sie sagten das der Regierung in Catamarca. Die Regierung hatte einfach ein Schild vor die Tür gestellt auf dem stand, dass das Krankenhaus von der Regierung errichtet wurde. Alle wissen, dass das nicht stimmt. Das erzeugt Wut, weil sie uns behandeln, als ob wir dumm wären“, erzählt Nimesio Aguire aus Catamarca im Norden Argentiniens wütend: “Ich kenne nirgends auf der Welt ein Minenprojekt, von dem die Bewohner*innen profitiert hätten. Die Minen hinterlassen Geisterstädte, es bleibt gar nichts.”

“Wir sollten den indigenen und afro-kolumbianischen Gemeinden zuhören; sie haben den Schlüssel und viele Wege und vor allem die Möglichkeit, auf einfache Weise die Dinge zu erklären. Sie beobachten die Natur genau, sie ist ein Teil von ihnen und bevor wir uns an den Klimawandel gewöhnen, sollten wir auf die indigenen Gemeinden hören.” schlägt Julio Fierro vor, während Jens Fischer sich zu der Frage, wie es weiter gehen soll, wie folgt äußert: “Ich denke, dass wir im Grunde dieses Wirtschaftssystem völlig umkrempeln müssten, hin zu einer Wirtschaftsorganisation, die bedürfnisorientiert ist, dezentralisiert ist, wo die Leute selber entscheiden, was produzieren wir, wofür produzieren wir und wie produzieren wir – mit dem Aspekt, die Regenerationsfähigkeit des Lebensraums zu erhalten. Und das heißt ganz klar, Machtverhältnisse in Frage stellen.”

 

Dieser Artikel ist Teil unseres diesjährigen Themenschwerpunkts „Fokus Menschenrechte 2015„.

ondaDazu gibt es es auch einen Radiobeitrag der hier angehört werden kann.

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