Uruguay

Kleine Hände in Bewegung – Kinderarbeit in Uruguay (Teil II)


von Rafaela Lahore

Kongress der arbeitenden Kinder (Lateinamerika und Karibik) / Foto: molacnats.corg(Montevideo, 16. September 2014, la diaria).- Es gibt sie überall: Zwei kleine Hände, die von den Vorteilen eines Paar Socken zu überzeugen suchen. Zwei kleine Hände, die im Hof eines Nachbarn Ziegel herstellen oder das Heu fürs Vieh noch einmal wenden. Und ganz sicher andere, die Brennholz tragen oder Mehlsäcke oder Möbel. Auch gibt es Kinderhände, die andere Kinder beaufsichtigen. Es gibt die kleinen verschmutzten Hände, die nach verschiedenen Materialien suchen: nach Plastik, Papier und Karton. Andere bewegen sich in der Natur: Kleine Hände mit Schwielen, die Zuckerrohr schneiden, kleine Hände die grob den Boden bearbeiten oder nach Trauben, Kartoffeln und Tomaten greifen.

Die Organisationen und die Gesetze

Nach Ergebnissen der Nationalen Umfrage zur Kinderarbeit (Encuesta Nacional de Trabajo Infantil ENTI) die zwischen 2009 und 2010 durchgeführt wurde, arbeiten in Uruguay 13 Prozent aller Kinder und Jugendlichen zwischen fünf und 17 Jahren. Diese Zahl beinhaltet sowohl bezahlte wie unbezahlte Aktivitäten. Bei Kindern und Jugendlichen mit afrikanischen Vorfahren, klettert die Zahl allerdings auf 29,8 Prozent.

In Uruguay kann man mit Vollendung des 15. Geburtstages eine Arbeitserlaubnis beantragen, wenn für die Sicherheit und adäquate gesundheitliche Bedingungen Sorge getragen wird. Außerdem kann die zuständige Behörde INAU in Ausnahmesituationen die Arbeit von Jugendlichen, die älter als dreizehn Jahre sind, genehmigen, wenn diese leichte Arbeiten durchführen, die ihre körperliche und geistige Entwicklung nicht einschränken.

Eine Arbeit verletzt die Rechte von Kindern und Jugendlichen, wenn die Ausübung eines oder mehrerer ihrer Rechte eingeschränkt ist (wie zum Beispiel das Recht auf Bildung, auf geistige und körperliche Unversehrtheit, auf Erholung, auf Kultur oder auf Mitbestimmung).

Als gefährliche Arbeiten werden Tätigkeiten angesehen, bei denen die Arbeitszeiten übermäßig lang sind, bei denen gefährliche Anlagen bedient werden müssen, bei denen man gefährlichen Substanzen ausgesetzt ist, schwer heben muss oder bei denen Kinder in irgendeiner Form physisch, psychisch oder sexuell missbraucht werden. Diese Aktivitäten sind verboten. Nach Ergebnissen der ENTI üben jedoch 8,5 Prozent der Kinder und Jugendlichen Tätigkeiten aus, die die Internationale Arbeitsorganisation (Organización Internacional del Trabajo OIT) als gefährlich ansieht. Als ‚schlimmste Formen der Kinderarbeit‘ werden diejenigen Tätigkeiten eingestuft, bei denen Situationen nahe der Sklavenhaltung, der sexuellen Ausbeutung oder der unerlaubten Arbeit gegeben sind.

Drei Tage in der Schreinerei

Er antwortete mit ‚ja‘. Sicherlich schaute Germán seinem Vater aufmerksam zu, als dieser arbeitete und ihn fragte, ob er es lernen möchte. So lernte er nach und nach den Bohrer zu bedienen, die Gesteinsbohrmaschine, das Messer und die „große Maschine“ der Schreinerei. Seither hat er Kleinholz geschnitten, wenn es geschnitten werden musste. Wenn es einen Stuhl zu reparieren galt, hat er den Stuhl instand gesetzt. Ungefähr zwei Jahre lang ging das so. Drei Tage in der Woche arbeitete er in die Schreinerei in der Stadt Artigas, von 8 bis 11 Uhr und von 14 bis 17 Uhr. An den anderen beiden Tagen der Woche ging er zum Unterricht: Er begann mit acht Jahren zu arbeiten und war damals im dritten Grundschuljahr.

Heute, mit 16 Jahren, sagt er, dass er keine Probleme hatte, in der Schule die Jahresziele zu erreichen. Dass sein Vater seinen Lehrerinnen und der Direktorin erzählt habe, was er mache. Er versichert, dass alle verstanden, dass es ihm gefalle, mit Holz zu arbeiten. Nachmittags hätten seine Schulkamerad*innen ihm das Heft gebracht und ihm erklärt, was bis zum nächsten Tag zu machen sei.

Er erledigte es nachts.

 


Was hast du gefühlt, wenn du gearbeitet hast?

Ich fühlte, dass ich meinen Eltern half.

Hattest du Angst bei dem Bedienen der Maschinen?

Ja, manchmal schon, vor dem Bedienen der größten Maschine. Deren Schneide war sehr groß und man musste das Holz vorsichtig schneiden – die Hand musste das Holz durch die Maschine führen. –

Ist dir nie etwas passiert?

Nein. Manchmal bekam ich einen Schlag, wenn ich das Kabel einsteckte, weil die Stromspannung auf der Anlage sehr hoch war. Du stecktest den Stecker hinein und deine Hand zitterte.


 

Germán, dunkelhaarig, dünn und der jüngste von fünf Geschwistern, empfand, dass er bei der Arbeit Neues lernte. Aber er sagt auch, dass ihm klar wurde, dass er von nichts anderem außer von Holz etwas verstehen würde, dass das Holz alles sein würde. Schließlich widmete er sich nur noch der Schule. Wenn er jetzt seine Schultage mit den Tagen vergleicht, an denen er arbeiten gegangen ist, fasst er zusammen: „Die Schule war besser als die Arbeit. In der Schule lernte ich, ich hatte Freunde, Schulkameraden, die mir halfen. Auf der Arbeit gab es mich und den gewissen Herrn (den Besitzer), und so fühlte ich mich, als sei ich fast alleine“.

Für Luis Pedernera, Direktor des Komitees für Kinderrechte, ist Kinderarbeit verbunden mit dem Zugang der Familien zum Arbeitsmarkt: „Es gibt kein arbeitendes Kind in einer Familie, die Zugang zu einer würdigen Tätigkeit hat. Hinter einer Familie, bei der die Politik der sozialen Sicherheit, die Maßnahmen zur Arbeit nicht ankommen, steht vielleicht in Kind, welches einer Arbeit nachgeht. Und so muss man die Herangehensweise ändern und damit beginnen, zu sehen, was dieses Kind uns erzählt, das Teil des Arbeitsmarktes ist“.

Ein Markt für Kinderarbeit?

Der Soziologe José Fernández, der die Kinderarbeit in Uruguay untersucht hat, glaubt, dass konkrete Maßnahmen ergriffen werden könnten, um die auftretende Kinderarbeit zu verringern. Zum Beispiel könnte man die Überprüfung durch das Ministerium für Arbeit und soziale Sicherheit und des Instituts für Kinder und Jugendliche INAU verbessern. Und auch versuchen, die Eltern der arbeitenden Kinder für das Thema zu sensibilisieren.

José Fernández ist außerdem der Meinung, dass es notwendig sei, darauf zu bestehen, dass Kinderarbeit nicht in Anspruch genommen werde. „Wenn jeder erschüttert ist und Geld gibt, wenn ein Kind darum bittet oder die Windschutzscheibe säubert, wird umgehend ein Markt geschaffen. Wenn du diesem Kind niemals Geld gibst, wird der Moment kommen, in dem es etwas anderes macht und nicht mehr nach Geld fragt. Das bedeutet nicht, dass wir es schlecht behandeln oder eine Annäherung vermeiden wollen, die unsere Haltung erklärt“.

Fernández glaubt, dass die Armut in Uruguay keine Rechtfertigung für Kinderarbeit ist. „Dass eine Mutter davon abhängig ist, dass ihr Knirps von acht Jahren arbeitet, um für das kleinere Kind Windeln zu kaufen, ist schwierig. Das kann dir in Ländern passieren, die vor dem Ruin stehen, aber nicht in einem Land wie Uruguay, in welchem es hohe Einkommen gibt. Diese Tatsache muss man anerkennen, man darf nicht mit der Armut argumentieren. Die Armut rechtfertigt die Kinderarbeit immer weniger. Dass du sie nicht bekämpfen und diese Situation lösen kannst, ist das eine Thema, dass es keine Mittel für eine Lösung gibt, das andere. Es gibt diese Mittel. Hier geht es eher darum, wie sie verteilt werden. Meiner Meinung nach besteht darin der Lösungsweg“.

Zwischen den Autos der anderen

Fast sein halbes Leben hat er mit Autopflege zugebracht. Von Montag bis Sonntag, von acht Uhr morgens bis zehn Uhr abends – Alejandro war immer da. Er stand auf der Straße, schaute sich um, ging von einer Seite zur nächsten, hatte sämtliche Autoklassen im Blick. Jetzt arbeitet er nur noch sonntags – auf dem Markt der Stadt Rivera. Er ist jetzt 20 Jahre alt und hat im Alter von zehn Jahren mit der Autopflege angefangen. Auch nach Flaschen, Dosen und Kartonage sammelte er von Kindesbeinen an im Abfall – mit einem Holzwägelchen, in Begleitung seines siebzehnjährigen Bruders. Er besucht keine Schule und sucht jetzt Arbeit.

Alejandro lebt zusammen mit seiner Mutter, seinem Vater und seinen Geschwistern. Er sagt, dass sein Viertel gefährlich sei, dass dort während der Nacht keine Taxis führen, dass man vorsichtig sein müsse. Würde ein Unbekannter nachts durch dieses Viertel gehen, käme ihm das kleine, ärmliche, dunkle Haus, in dem Alejandro wohn, vermutlich auch verdächtig vor. Jetzt, bei Tageslicht und von innen, sieht man genau, wie sich vor dem Licht, das durch den Haupteingang scheint, der Staub in der Luft bewegt. Seine kleinen Geschwister kommen und gehen: Es ist Mittag und sie sind bereit, um zur Schule zu gehen.

Sein Traum war, eine Playstation zu besitzen“

Seine achtjährige Schwester sitzt auf dem Boden. Sie spricht in Portuñol, einer Mischsprache aus Spanisch und Portugiesisch, schaut Hefte an und nennt die Namen ihrer Geschwister, Cousins und Cousinen, während ihr Finger auf schlecht gedruckte Bilder zeigt, die an dem Kühlschrank hängen. Alejandro spricht wenig, schaut einem kaum in die Augen. Wenn er etwas sagt, so tut er dies leise und langsam. Er erzählt, dass, wenn zuhause niemand etwas benötigt, er das verdiente Geld nimmt, um Kleidung oder Schuhe zu kaufen (eine Jeans, Sportschuhe, manchmal Fußballschuhe). Seine Mutter fügt hinzu: „Er kauft Schuhe oder Kleidung, das, was ihm fehlt. Er arbeitet nicht für mich, sondern für sich selbst. Um sich einzukleiden. Sein Traum war, eine Playstation zu besitzen. Und dafür haben er und sein Bruder gearbeitet, mit Flaschen und Kartonagen Geld gesammelt und sich dann gemeinsam eine Playstation gekauft“.

Alejandro begann zunächst mit der Mittelschule und danach, um sechs Uhr abends, kümmerte er sich manchmal noch um Autos. Und blieb bis zehn Uhr abends. Heute geht er nicht mehr zur Schule.

Alejandro schaut zur Seite und erzählt leise: „Es hat mir nicht gefallen. Ich langweilte mich, da ich, als ich die Mittelschule besuchte, fast nichts verdiente. Ich lernte nur, und so begann ich zu arbeiten“. Und als ob ein Satz die Folge des anderen wäre, fährt er fort: „Ich hatte keine Kleidung, um zur Schule zu gehen, ich ging immer mit zerrissenen Sachen hin“.

Er denkt nicht daran, zurück zur Schule zu gehen. Möglicherweise war er von der Menge des Lehrstoffs geschockt? Aber nein. Er sagt, dass er nur die Hälfte der Fächer besucht habe.

Und wenn man ihn nach dem Grund fragt, antwortet er mit unveränderter Stimme: – Ich hatte kein Lineal zum Zeichnen und auch kein Zeichenbrett. Ich hatte die Hälfte der Sachen nicht, und so ließ ich es. – Welche Sachen hättest du noch für die Schule gebraucht, die du nicht besessen hast? – Verschiedene Hefte, Farbstifte. Und auch einen Rucksack. – Und wie hast du dich in diesen Momenten gefühlt? – Schlecht, weil mir die Sachen zum Lernen fehlten und mir niemand half. Mein Vater konnte mir nicht helfen, weil er nicht da war [er arbeitete eine Zeit lang auf dem Feld] und hatte nur wenig Geld.

Dies ist der zweite Teil einer langen Reportage über Kinderarbeit in Uruguay, die am 16. September 2014 in der Zeitung la diaria veröffentlicht wurde. Weiterlesen? Hier geht es zu Teil I und Teil III.

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